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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5

Am gleichen Morgen, dem einunddreißigsten Dezember achtzehnhundertdreizehn, saß die Flüchtlingsfrau Magdalena, geborene Seffrin im Wohnzimmer des Forsthauses und las in der Bibel, im letzten, was hier für die Speise der Seele geblieben war.

Der Mann, Peter Aust, war in die Wälder gegangen, einmal um Ausschau nach streifenden Truppen zu halten, dann auch, um zu jagen, denn sie hatten, im Heu der Scheune versteckt, eine Büchse und zwei doppelläufige Pistolen samt Munition gefunden. Vielleicht würde ein verängstigtes Reh oder ein verirrter Hase ihm über den Weg laufen.

Magdalena lebte in einem wirren Traum, zeitweise wollte ihr Gedächtnis sie im Stich lassen, die Not der letzten Tage, Flucht und Verfolgung, ihr Kind, das sie im Dorf hatte zurücklassen müssen, die Irrfahrt durch die winterlichen Wälder und zuletzt ihr Zusammenleben mit dem Förster Peter Aust, hatten ihren Sinn vernebelt, sie lebte und wußte nicht mehr klar, wo sie lebte und warum das alles so gekommen war.

Gott, mit dem man so gerne haderte, war zuletzt doch wieder die beste Zuflucht.

Was sie las im Buch der Bücher, erfüllte sie mit Bangnis.

»Ich wollte aber lieber, alle Menschen wären wie ich; aber ein Jeglicher hat seine eigene Gabe von Gott, einer so, der andere so. Ich sage zwar den Ledigen und Witwen: es ist ihnen gut, wenn sie auch bleiben wie ich. So sie aber sich nicht mögen enthalten, so laß sie freien. Den Ehelichen aber gebiete nicht ich, sondern der Herr, daß das Weib sich nicht scheide vom Manne.«

Sie verstand nicht, was sie las, sie hielt inne, schaute durch das Fenster hinaus und sah die Nebelschwaden über die Brandstätte des Waldes ziehen, horchte dann in ihren eigenen Körper hinein, als müßte sie heimlich die Stimme der Sünde vernehmen. Sie blätterte in den Seiten, kam ganz nach vorn, wo in verblaßten Zeichen die Familieneintragungen standen. Und alle Buchstaben wollten lebendig werden, die Sätze waren wie Schlangen und die Namen wuchsen ihr zitternd entgegen.

55 Da war ein Andreas Aust und ein Peter Aust, und wiederum ein Peter Aust und wiederum ein Andreas, und alle waren sie Förster gewesen und Waldmenschen, entstammend der uralten Gemeinschaft der Haingeraidebauern, jenen zähen Menschensiedlungen, denen diese großen Waldungen seit Jahrtausenden gehörten, die darinnen walteten nach eigenem Gesetz und eigener Gerichtsbarkeit und deren verbriefte Rechte niemand antasten durfte, es seien denn Kaiser und Reich.

Diese Wälder mit ihren Kiefern, Eichen und Buchen, ein gewaltiges Bergland, von engen Seitentälern durchschnitten, stand mit seinen Menschen außerhalb der herkömmlichen Gesetze. Selbst ein Kaiser Napoleon hatte nicht vermocht, den Starrsinn dieser Waldbewohner und Geraidegenossenschaften zu beugen. Als er die Selbstherrlichkeit aufhob und seine Forstbeamten in vereinsamte Bezirke schickte, da erwachte der Widerstand im geheimen, da wehrte sich das alte Recht aus König Dagoberts sagenhaften Zeiten im Verborgenen, da fand man die französischen Forstbeamten und Reviergänger, die man ausgesandt hatte, um in den vogelfreien Wäldern Umschau nach einträglichen Hieben zu halten, hoch oben an den Eichen und Buchen hängen, pendelnd im Wind, der über den Vogesenwald strich, grauenhafte Mahnmale einer Bauernrache, selbst einen Korsen warnend vor der Verletzung eines Rechtsgefühls, das Wurzeln geschlagen hatte wie die ältesten Eichen, bis tief in den Boden der Herkunft hinein.

Magdalena stützte den Kopf in beide Hände, und wiederum lauschte sie auf das Pochen ihres Herzens und auf einen fremden Laut, der ihr vernehmbar schien in der Zerfahrenheit und Beklemmung dieser Stunde.

Und ihr Blick fiel wiederum auf das Buch, und sie las mit Mühe den vergilbten und fast erloschenen Satz: »Der Geraiden Recht und Herkommen ist, daß sie nicht schuldig sein an keinem End anders, dann uff der Geraiden Malstatt zu rechten, Redt und Antwort zu geben.«

Sie schlug das Buch zu, und es schien ihr, sie müßte wohl außerhalb der Zeit stehen, weil sie kein Maß mehr hatte und Urteil für das Recht und für das, was sündhaft war.

In der Mitte des kleinen Zimmers stehend, hielt sie die Arme steif nach unten, so daß sie ein wenig vom Körper abstanden, und nach ungewissem Halt zu suchen schienen. Die Finger dieser schlanken Hände spreizten sich und dann wankte die ganze Gestalt, wie vom Winde 56 gebogen. Magdalena war in sich wie erstarrt, die Augen brannten groß und die ewige Menschenbangnis brach aus ihrem Glanz.

Sie fuhr mit den flachen Händen langsam über die Wangen nach den Schläfen, preßte die Hände fest gegen den Kopf und hauchte: »O Gott, was habe ich getan!«

Und noch einmal kam es von ihren Lippen, ganz voll Staunens und in plötzlicher Erkenntnis: »O Gott, was habe ich getan!?«

Es fiel ihr ein, daß sie daran gedacht hatte, wie sich das wohl gestalten könnte, wenn sie hierbliebe, abgeschlossen in den Wäldern, an der Seite des Mannes, der ja nun ohne Weib war.

Was war es an dem Wälderbewohner, an diesem verschlossenen und furchtgetriebenen Menschen, das ihr befremdend schien? Es stand doch etwas zwischen ihnen, was der Aufklärung bedurfte, etwas war nicht richtig mit Peter Aust.

Dies war es: er hatte etwas zu verbergen, es ging ein Schatten um mit ihm, und der Schatten lebte nicht nach Recht und Fug.

In einer der letzten Nächte war sie aufgewacht, hatte die Kerze angezündet und in das Gesicht des schlafenden Mannes geschaut.

Der Schlaf aber nimmt alle Masken vom Antlitz des Menschen, er entkleidet die Seele.

Nahe hatte sie in das Gesicht des schlafenden Mannes geschaut. Oval war das Gesicht, mit scharfen Backenknochen, gelblich getönt und mit schwarzen Bartstoppeln bedeckt. Über die Augen spannten sich schwarze Brauen, die bei der Nasenwurzel zusammenstießen. Der Mund, halb offenstehend, war brutal, mit geworfenen Lippen und feinen Falten, die aus den Winkeln nach dem Kinn liefen. Wie häßlich ist dieses schlafende Antlitz, hatte sie gedacht, verwerflich sind die Züge, vielleicht hatte das Elend solche unverhüllte Larve geprägt.

Wäldermenschen. Strommenschen.

Ich bin ein Mensch vom Strom, dieser hier wuchs aus den Wäldern.

Ist es aber möglich, daß die Wälder Menschen formen wie diesen, vor dem man Furcht hat und Abscheu zugleich und mit dem man dennoch – –!?

Nein, etwas anderes mußte zwischen ihnen stehen, Gott mochte es wissen, vielleicht ein Verbrechen, eine Untat, begreiflich aus der Vertiertheit der Zeit heraus, die alle Grenzen niedergerissen hatte und wo der Bruder gegen den Bruder stand.

Bruder gegen Bruder!

Sie fuhr zusammen, ihre Brüder rückten unheilvoll ins 57 Gedächtnis, sie sah beide vor sich stehen, Peter und Robert. Der eine ein Träumer und Kämpfer zugleich, begeisterungsfähig für alles, was aufrechten Sinnes war und das Fremde haßte, das Heldische und Außergewöhnliche verehrend, mutig und ohne Scheu, seelisch gebeugt durch die endlose Not des Landes, ein sonderbarer Mensch, halb Romantiker, halb Abenteurer, jetzt unter russischen Soldaten, wer weiß, vielleicht irgendwo in der tötlichen Kälte, wo auch ihr Mann geblieben war. Und Robert, ein Heißsporn und Draufgänger, durch die westliche Freiheitsbewegung halb um den Verstand gebracht, Mensch mit politischem Geltungsbedürfnis, bildet sich ein, das Licht müßte im Westen aufgehen. Hatte er nicht schon Anno 1806 Adressen gesammelt für den Präfekten, hatte er sich nicht gegen den Vater gestellt, als man die Freiheitsbäume im Departement pflanzte, und hatte er jetzt nicht – – seine eigene Schwester verraten?!

Bruder gegen Bruder, und Bruder gegen Schwester, und Sohn gegen Vater, so zerquält war ein Land, daß es solchen Widersinn gebären konnte.

Welche Kraft aber mußte in diesem Land glühen, daß es immer noch stand und sich wehrte! Wer sich wehren konnte, war noch nicht verloren! Wieder lief der Schreck über ihren Körper, sie fror bis ins Innere hinein. Ihr Vater, der alte Schullehrer in Sandheim, den sie schon einmal aus dem Amte gejagt hatten, weil er nicht französisch sprechen wollte in den Schulklassen, schien unendlich weit fort, verschwimmend in die Ferne gerückt, und auch das Kind wollte immer mehr im Nebel der schweren Erlebnisse zerrinnen.

Eine tiefe Sehnsucht nach diesem Kind ergriff sie. Sie taumelte auf einen Stuhl, ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken und weinte, nichts war um sie, als ihre graue Verlassenheit.

Und der Mann erschien ihr plötzlich als Feind, sie sah den Widersacher in ihm und wußte nicht, warum. Das Fremde saß zu fest im Land, es wollte sich vermischen mit dem Blut der Heimat, das Fremde kroch aus dunklen Schattenwinkeln, überall wollte es sich einnisten, im Auge des Nachbarn sah man es brütend glänzen, aus den Gedanken sprach es, aus den Wünschen, aus den verborgenen Regungen der Menschenbrust, überall war der Pesthauch des Fremden zu spüren, es war immer wach, immer heimtückisch bereit, immer auf Raub aus. Unheimlich war das Fremde, man erwartete hinter jedem Baum, hinter jeder Häuserecke, hinter jeder geheuchelten Miene es anzutreffen, äußerlich grinsend, innerlich aber voll Bosheit und Tücke.

58 In solchem Schlaglicht erschien Magdalena der Mann Peter Aust, der einsam hauste im Dickicht der Wälder, ohne Angehörige, ohne Tiere, ein verdächtiges Strandgut aus einem Sturm, der über die Wälder gebraust war.

Magdalena erhob sich vom Tisch, strich die Haare aus dem Gesicht und versuchte, klar und ruhig zu denken.

»Ich gehe von hier fort«, sprach sie still zu sich selber, »nein, ich kann hier nicht länger bleiben. Ich gehe fort, ich will nach Hause, vielleicht sind die Franzosen längst abgezogen und die Russen schon überm Rhein. Ich gehe durch die Wälder nach Hause, ich will zu meinem Kind, nichts kann mich länger halten, denn ich fürchte mich vor Peter Aust, vor dem Waldmenschen mit dem bösen Blick.

Wenn ich jetzt gehe, wird er mich nicht mehr finden, über den Bergrücken hinüber ins Modenbacher Tal und dann in die Ebene hinaus und immer weiter durchs Gäu bis an den Rhein.

O Gott, was habe ich getan!«

Plötzlich schien ihr das Haus vom Grauen ganz erfüllt, sie konnte nicht begreifen, daß sie es hier schon sieben Nächte ausgehalten hatte, an der Seite des Mannes, der ihr nun so widerwärtig war, und den noch einmal zu sehen sie eine schwarze Furcht hatte. Nur fort von hier, wo die Schande unverhüllt sich breitmachte.

»Das ist es!« rief Magdalena in die Stille hinein, »ich will davonlaufen vor mir selbst, vor meiner eigenen Schande!«

Sie rannte durch das Haus wie getrieben, von einem Raum stürzte sie in den andern, verfolgt vom Unsichtbaren. Im Schlafzimmer riß sie das Bettzeug auseinander und warf es auf die Erde. Es roch nach ihm, nach ihr und nach Pest und Hölle, überall roch es abgeschmackt, warum stand das Haus noch inmitten der verkohlten Walstatt, warum war es denn nicht mit verbrannt im Flammentod der Wälder? Warum stand das Haus? Um das Unheil zu züchten und die Verzweiflung, um als Unterschlupf zu dienen für die Verderbnis des eigenen Landes? Warum stand das Haus? War es der letzte Stützpunkt des Teufels, aus dem er vorstieß in das Herz der Menschen, die seit Jahrhunderten zwischen Ost und West pendelten und nicht heimfinden konnten, weil ihnen die Flut menschlicher Unzulänglichkeiten keine Zeit dazu ließ? Warum stand das Haus?

Wo die Bäume zerbrochen waren, dort konnte auch das Haus zerbrechen.

Magdalena richtete sich steil auf, fast auf die Zehenspitzen hob sie 59 sich, sie hielt den Atem an, als der verwegene Gedanke sie anflog; der Mund öffnete sich, dann strömte der Atem heiß zwischen den Lippen hervor. Was ist denn? Was soll ich tun? Anzünden das Haus? Verbrennen meine Schande? Anzünden den Schlupfwinkel des Bösen und im eigenen Unrat mitverbrennen?

»Anzünden!« rief sie wie eine Irre, »anzünden!«

Sie rannte in die Küche und prallte vor der Leere und Stille zurück. Mein Kind, durchfuhr es sie, mein Kind, das zu Hause lebt, und mein Kind – – das hier, hinter diesen Wänden meines Körpers, eingehüllt in die Geborgenheit des Schoßes, frei von Schuld und frei von Fehle –! Ahnung eines Lebens nur, mahnend aus dem Urgrund des Entstehenden, schwingend und kreisend im Gewebe des Blutes – – Pulsschlag schon aus Gottes fernem Herzen – –!

Sie schaute nach dem Fenster und sah, daß Schnee gegen die Scheiben trieb. Als sie öffnete, weil ihr dünkte, sie müßte die reine Luft der Wälder in die Gruft der Zimmer hereinlassen, um die Trübnis der Stimmung zu verjagen, kamen lautlos die Flocken herein, kühl und beschwingt, wie seltsame Schmetterlinge, die auf erstaunter Umschau sind und vor der Schwere ihrer Umgebung verlöschen.

Magdalena trat vom Fenster zurück und sah dem weißen Schauspiel zu, über dessen Bewegtheit dennoch eine verklärte Ruhe lag. Es schien, der Schnee wollte den ganzen Raum erfüllen, das Wolkengestöber wurde stärker, wirbelte durch die Höhlung des Fensters und trug die Kälte des sterbenden Jahres herein.

›Es ist an der Zeit, daß ich mich davonmache‹, dachte Magdalena, ›mein Entschluß steht fest, ich darf hier nicht länger bleiben.‹ Sie zog den alten Mantel an, band den schwarzen Schal um den Kopf und verließ das Haus.

Da sah sie durch das Schleiergewoge des Schnees, wie ein Knabe aus dem verkohlten Ödland des Waldes herauskam, wie er langsam zwischen den schwarzen, halb schon schneeverwehten Baumresten dahinschritt, eine wunderlich versonnene Erscheinung und eine tote Landschaft verzaubernd durch die Ergriffenheit, die in seiner Haltung, in seinen Schritten, in seinem Dahinwandern lag. Der Knabe, etwa sieben Jahre alt, in ein braunes Mäntelchen gehüllt, eine gestrickte Wollmütze auf dem Kopf, der Knabe, klein und unscheinbar in seinem ärmlichen Ausputz, vom sinkenden Schnee milchig eingehüllt, besaß allein durch sein Vorhandensein und durch die Schwermut seines Erscheinens die unbewußte Kraft, den Bezirk des Grauens milde zu 60 verwandeln. Mit diesem Knaben griff die ewige Wiederkehr wie mit Wunderhänden in eine gestorbene Welt. Eine Woge des Lebens rollte vertrauensvoll suchend an das vergessene Gestade.

Magdalena ging dem Knaben entgegen, und als er vor ihr stand und sie aus blauen Augen anschaute, kniete sie nieder in den Schnee und schloß ihn in die Arme.

»Wohin willst du, Kind?«

»Ich will heim«, sprach der Knabe und schaute sich erstaunt um.

»Heim willst du? Das möchten wir alle, Kind. Aber wie kommst du in diese Hölle herein?«

»Ich wohne hier.«

»Du wohnst hier?«

»Ja, ich bin Andreas Aust.«

»Andreas Aust bist du? Und du wohnst hier?!«

»Ja.«

Sie erhob sich tief bewegt, weil hier ein Kind kam und sagte, daß es in dieser Wildnis zu Hause wäre.

Sie führte den Knaben Andreas, der mitten im Schneetreiben aus der Brandstätte der Wälder gekommen war, ins Haus, sie schloß das Fenster und zündete ein Feuer an. »Der Vater kommt bald, er ist fort, um nach den Soldaten zu schauen.«

Und wieder schloß sie den Knaben Andreas in die Arme und fragte ihn, woher er denn käme, und wie er durch Schnee und Winterkälte hindurchgefunden hätte.

Er sei beim Großvater gewesen, sie hätten sich in einer Jagdhütte verborgengehalten beim Johanniskreuz, dort sei sein Großvater Förster. Die Franzosen seien hier gewesen und hätten alles gestohlen und die Menschen erschlagen, er wisse nicht, wo sein Vater und wo seine Mutter sei.

»Und jetzt bist du allein hierhergekommen?«

»Ja, ich bin Großvater davongelaufen, weil ich heim will zu meinem Vater und zu meiner Mutter.«

»Davongelaufen? Da wird er dich aber suchen, er wird nicht wissen, wo du bist.«

Der Knabe antwortete nicht, er senkte den Kopf und griff nach Magdalenas Arm, als müßte er sich halten an einem lebenden Wesen.

»Wer bist du denn?« fragte der Knabe Andreas.

»Ich will wie deine Mutter sein«, sprach sie, innerlich getrieben und ohne ihre Worte zu überlegen.

61 »Du bist nicht meine Mutter.«

»Nein, ich bin nicht deine Mutter, aber ich danke Gott, daß ich nicht von hier fort bin, bevor du gekommen bist.«

»Kommen die Soldaten wieder? Im Wald hinterm Johanniskreuz liegen viele tote Soldaten, ich hab sie gesehen, sie sind totgefroren. Lauter Franzosen. Und den Kaiser Napoleon hab' ich gesehen.«

»Den Kaiser hast du – –? Das mußt du mir erzählen.«

Sie nahm den Knaben auf den Schoß und hörte ihm zu, als er erzählte, wie er den Kaiser gesehen habe auf einem weißen Pferd, beim Eschkopf, dort wo des Kaisers großes Licht sei, mit dem er von Paris bis nach Rußland und weiter leuchten könne. Dort also sei der Kaiser gewesen und dann auf dem weißen Pferd nach Kaiserslautern geritten.

»Sie müssen alle sterben, auch der Kaiser, und dann sind wir hier keine Franzosen mehr, sagt Großvater, dann sind wir wieder Deutsche. Auf dem weißen Pferd ist der Kaiser durch den Wald, und über ihm ist ein großer Raubvogel geflogen. Wo ist denn meine Mutter? Und wann kommt Vater heim, ich habe solchen Hunger.«

»Ich will dir Kartoffeln braten im Holzfeuer, Vater wird uns was zu essen bringen.«

»Bleibst du jetzt immer bei uns?«

»Willst du denn, daß ich bei dir bleibe?«

Er preßte den frierenden Körper an die Frau und lächelte. »Du bist gut zu mir.«

Da brachen ihr die Tränen aus den Augen, sie küßte ihn, und er sah ihre Traurigkeit.

»Warum weinst du denn? Großvater sagt, der liebe Gott ist eingeschlafen, und wenn er erst wieder aufwacht, dann geht es allen Menschen gut.«

»Ja, wenn er erst wieder aufwacht. Vielleicht muß ein Kind kommen und ihn wecken.«

Sie verbarg ihre Rührung, stieß mit einem Feuerhaken in die Glut und schaute nach den Kartoffeln, deren Schalen schwarz waren von der Hitze des Holzes.

Magdalena nahm den Knaben wieder auf den Schoß, sie aßen zusammen gebratene Kartoffeln, und dann schlief das Kind ein. Sie hielt es fest umschlossen und fühlte die zärtliche Wärme.

So saß sie am knisternden Feuer und hielt den schlafenden Knaben, und lehnte ihre Wange gegen den blonden Haarschopf.

Und es war eine große Feierlichkeit um sie her. –

62 Als der Mann Peter Aust durch die Tür trat, schneeverweht und mit finsterem Gesicht, saßen sie immer noch und waren wie ein friedliches Bild.

»Andreas ist heimgekommen«, sprach Magdalena.

»Andreas?!«

»Ja, Andreas ist aus den Wäldern gekommen. Sei ganz still und wecke ihn nicht auf.«

Der Mann, erst noch zögernd, warf einen Hasen auf den Fußboden, stellte die Flinte in die Ecke und kam näher.

»Andreas?!«

»Ja, Andreas, dein Kind Andreas!«

Der Mann schüttelte sich wie ein Tier, daß der nasse Schnee von seinen Kleidern fiel, und dann betrachtete er den schlafenden Knaben. Er schloß eine Weile die Augen, um nachzudenken.

»Wie kommt er hierher?«

»Er ist dem Großvater davongelaufen, weil er heim wollte, verstehst du das nicht?«

»Doch«, antwortete der Mann zögernd, »doch, das verstehe ich.«

Er war merkwürdig benommen, schaute sich scheu im Küchenraum um, seine dunklen Augen flackerten unruhig.

»Ich habe einen Hasen«, sprach er, »richtig, das ist Andreas, da ist nun Andreas gekommen.«

»Und es ist ein großes Glück, daß er lebt.«

»Ja, ein großes Glück.«

Da schlug der Knabe Andreas die Augen auf, hob den Kopf und sah den Mann vor sich stehen.

»Andreas, Vater ist heimgekommen.«

Der Knabe richtete sich ganz hoch, schaute den Mann verwundert an und sprach: »Du bist nicht mein Vater!«

Magdalena war betroffen, als sie diesen Satz vernahm. »Was sagst du, Andreas, der dort ist nicht dein Vater?«

»Nein.«

Da nahm sie den Knaben vom Schoß, stellte ihn auf den Boden und trat vor den Mann hin. Das Blut flammte in ihrem Antlitz, ihre Lippen bebten, es kam eine Gewißheit über sie, nämlich, daß dieser hier ein Lump war und Betrüger, ein Verbrecher vielleicht, wer weiß, auf welche dunkle Art hierhergekommen.

»Du bist nicht Peter Aust!« sprach sie und ihre Stimme war heiser vor Erregung. »Du bist nicht Peter Aust! Gestehe es ein!«

63 »Sacré nom, was wollt ihr denn?«

»Du bist nicht Peter Aust!« schrie sie ihn an, und jetzt wich das Blut aus ihrem Gesicht, sie wurde fahl, die Lippen liefen blau an, sie taumelte nach rückwärts, wo der Knabe stand und mit angstvollen Augen still verharrte.

Der Mann ballte die Fäuste und schob den Oberkörper vor, er biß die Zähne in die Unterlippe, sein Gesicht wurde gemein, und er zischte die Frau an, haßerfüllt und ohne Maske.

»Was schreist du mich an? Weißt du, was ich mit dir machen kann, wenn ich will?«

»Nichts kannst du machen, als mich töten.«

Sie schlang beide Arme um den Knaben und stand gefaßt da, eine Flut von Angst brach aus ihren Augen.

»Ich meine, es ist heute einerlei, wer einer ist.«

»Warum lebst du hier unter einem falschen Namen, wenn du nichts zu verbergen hast? Warum schleichst du dich in dieses Haus ein?«

»Ich bin vor dir hier gewesen.«

»Aber nicht auf rechtmäßigem Wege.«

»Woher weißt du das?«

»Weil ich es aus deinen Augen herauslese.«

»Mon dieu, Geschwätz.«

Sie ließ den Knaben Andreas los, kam nahe an den Fremden heran und war ohne Furcht.

»Du könntest uns vielleicht sagen, wo die Eltern dieses Knaben geblieben sind?«

Er schob die Brauen zusammen, sein Gesicht wurde zur bösartigen Grimasse, denn er war hemmungslos und ohne Scham.

»Tot sind sie, wenn du es wissen willst, alle beide tot!«

Ein weher Ruf kam aus der Brust des Knaben, er schlang beide Arme um die Hüften der Frau und wühlte den Kopf in die Kleider.

»Und du – –« hauchte die Frau und hörte es brausen wie von fernen Wasserfällen, »– – und du hast – sie – – erschlagen!?«

Da fuhr ihr der Mann an die Kehle, er schleuderte den Knaben von ihr los, packte sie mit beiden Fäusten und preßte sie gegen die Wand.

»Du Tier«, röchelte sie und fühlte, wie ihre Kräfte erlahmten, »du fürchterliches Tier!«

Er rang mit ihr, er zwang sie zu Boden, warf sich über sie und griff nach ihrem Hals.

64 Der Knabe schrie entsetzt auf und flüchtete aus dem Raum, dröhnend fiel eine Tür ins Schloß, Schritte polterten von draußen herein, in das Dämmerlicht der Küche trat ein Mann. Er trug die Kleidung der Förster, hatte einen grauen Bart und stechende graue Augen.

»Hände hoch!« rief er und hielt die doppelläufige Pistole in der Rechten.

Der Fremde, zurücktaumelnd beim Ruf, ließ los und richtete sich auf, die Haare wirr in der Stirn, mit feuchtem Gesicht und hängender Unterlippe.

Er stand da, halb in die Knie gesunken, mit baumelnden Armen, der Atem stieß wild aus Mund und Nase.

»Hände hoch!«

Da streckte er zögernd beide Arme hoch. Die Frau erhob sich vom Boden, schwer atmend, bleich im Gesicht, blutig zerkratzt und nur mit Mühe sich aufrecht haltend.

»Komm her zu mir«, sprach der Förster.

Die Frau gehorchte, ohne Laut, zitternd wie gefangenes Wild.

»Nimm die Pistole; wenn er Anstalten macht, sich zu wehren, dann drückst du los.«

Er zog einen Strick aus der Manteltasche, ging zu dem Fremden und band ihm die Hände auf den Rücken.

»Geh und sieh nach dem Knaben«, sprach der Förster zu Magdalena.

Sie ging wankend hinaus.

Der Förster, gefaßt und ruhig, stellte sich vor den Gefesselten hin, mit gespreizten Beinen; er studierte in dem fremden Gesicht, sah die gelbliche Haut, das ovale Gesicht und die verwerflichen Lippen, die schwarzen Brauen und die unruhigen dunklen Augen.

»Ich sehe dir an, du bist ein Franzos!«

»Oui!«

Der Förster nickte mehrmals, kam noch näher und stieß dem Fremden mit dem Zeigefinger auf die Stirn, oberhalb der Nasenwurzel.

»Fühlst du die Stelle? Hier jage ich dir eine Kugel durch den Kopf, wenn du mir jetzt auf meine Fragen nicht die Wahrheit sagst.«

Er nahm die Pistole und spannte den Hahn.

»Wer bist du?«

»Martin Laroche.«

»Woher?«

»Aus Nancy.«

65 »Wie kommst du ins Departement?«

»Douanier, zehn Jahre in Speyer.«

»Du bist geflohen, als die französischen Truppen auf dem Rückzug waren?«

»Ja.«

»Warst du allein?«

»Ma famille, ma femme et mon fils – –«

»Rede deutsch, du hast es gut gelernt.«

»Meine Familie ist schon vor acht Wochen zurück nach Frankreich.«

»Nach Frankreich?! Du gibst also selber zu, daß dies Land nicht Frankreich ist?«

»Jetzt nicht mehr.«

»Jetzt nicht mehr?! Nie, sage ich dir, nie ist es Frankreich gewesen! Wie kommst du in das Försterhaus?«

»Auf der Flucht. Ich bin nicht mehr weitergekommen, vor lauter Kälte, und der Waldbrand – – überall Feuer.«

»Weißt du, wer den Wald in Brand gesteckt hat?«

»Non, non. Abrückende Truppen vom Marmont.«

»Wo sind die Bewohner dieses Hauses?«

»Tot.«

»Tot?!«

»Erschlagen, erfroren, Seuche, je ne sais pas

»Woher weißt du das?«

»Ich habe sie gefunden im Haus, drüben im Zimmer, beide tot.«

»Und wo sind sie jetzt?«

»Draußen am Wald begraben. Wo das Holzkreuz steht.«

»Hast du sie begraben?«

»Oui.«

»Und ihnen ein Kreuz gesetzt?«

»Oui.«

»Wer ist die Frau draußen?«

»Auf der Flucht hierhergekommen.«

»Wann?«

»Am Tag des heiligen Christ.«

»Sie ist eine Deutsche?«

»Oui.«

»Rede deutsch! Weißt du, wie sie heißt?«

»Magdalena vom Rhein.«

»Was für Kleider trägst du am Leib?«

66 »Die Kleider von Peter Aust.«

»Du hast sie dem Toten genommen? Warum?«

»Weil ich hier Peter Aust sein wollte. Den Franzosen hätten sie erschlagen, compris? Ich wollte in einigen Tagen wieder weiter, nach Frankreich hinein, nach Nancy. Hinter mir die Feinde und vor mir der brennende Wald.«

»Durch deine Schuld, durch deines Volkes Schuld! Weil ihr nicht satt werdet am Raub und ein fremdes Volk vergiftet, das Platz hätte neben euch und mit euch leben könnte ohne Haß und Hader. Und beide hätten Sonne und Licht und irdisches Gut. Aber der Teufel in euch hat es immer wieder verhindert, daß wir friedlich nebeneinander leben konnten.«

»Ich bin es nicht, Dieu le sait, ich bin es nicht und jeder andere Franzose auch nicht. Alle sind es, alle zusammen, wir begreifen es nicht. Schuld ist, was wir nicht sehen, was wir nicht anfassen können, was um uns ist und in uns. Ich will nicht mehr, als leben und zu Hause sein; eine Frau, ein Kind – ich will nicht Streit und Blut und Krieg. Das Unsichtbare, mon camarade

»Aber der Einzelne ist verantwortlich für das Ganze und für dein Unsichtbares. Der Einzelne muß büßen, weil man das Ganze nicht angreifen kann, es zerrinnt uns unter den Händen. Du weißt, daß ihr am Ende seid, daß euer Kaiser geschlagen ist?«

»Nur Gott kann den großen Kaiser schlagen.«

»Du weißt auch, daß unsere Armeekorps mit den Russen und Österreichern in Frankreich eindringen, um Vergeltung zu üben für das, was ihr uns angetan habt?«

»Der Kaiser wird wiederkommen, der Kaiser ist größer, als alle Menschen.«

»Aber nur durch den Glauben! Nur weil du an ihn glaubst.«

»Wir alle glauben an den Kaiser.«

»Das ist es, Franzos: man muß glauben! Wenn wir erst einmal an Deutschland glauben, dann wird es auch geboren werden. Und was ich jetzt im Einzelnen tue, das ist im Ganzen schon immer unser Verderben gewesen.«

Der Förster trat vor und löst die Stricke von des Franzosen Händen, so daß dieser frei stand und die Arme baumelnd bewegte.

»Siehst du, wir Deutsche sind im geeigneten Augenblick nie hart genug gewesen! Es bedarf eines harten Herzens, um in dieser Welt bestehen zu können. Du stehst hier auf dem Boden der Haingeraiden, 67 deren Bewohner richten nach uraltem Recht und Brauch auf dem Geraidestuhl. Und sie kennen keine andere Herrlichkeit an als den deutschen Kaiser. Und die Geraid weiset zu Recht, daß, wer den Waldbrand anlegt, die Todesstrafe verwirkt hat, die durch Darmausreißen an ihm zu vollziehen ist.«

»Was sagt Ihr, ich bin nicht schuld am Brand des Waldes, habe Erbarmen mit mir, ich habe ein Weib und ein Kind.«

»Der Einzelne für das Ganze und das Ganze für den Einzelnen. Vor dem Geraidestuhl bist du mitschuldig an der Verwüstung des Waldes. Du bist auch mitschuldig an der Schändung des Waldes, der begangen wurde, als ihr nach der Beschlagnahme der Wälder die edelsten Bestände unter Kahlhieb gesetzt und nach Frankreich abgeschoben habt, nur um Geld zu bekommen für des großen Kaisers Kriege. Mit eurem eigenen Blut müßte der Wald gedüngt werden, damit er wieder Kraft gewinnen und der große Kreislauf sich vollenden könnte.«

Er hob beide Arme, die Hände zu Fäusten geballt, er wuchs in seinen Abscheu hinein. Wie ein Richter stand er vor dem Frevel und der Schändung wehrloser Erde.

»Hundert Jahre braucht es, bis der Wald, den ihr vernichtet habt, wieder seine Kronen in den Himmel hebt; hundert Jahre müssen vorüberziehen, bis die Erde die Wunden wieder geheilt hat, die ihr im Wahnsinn und in der Geldgier weniger Wochen ihr geschlagen habt. Seit beinahe tausend Jahren streckt ihr die Hände nach uns aus, es ist nicht mehr zu übersehen, wie oft ihr das Heiligste eines Landes, seine Wälder, verwüstet habt, zuletzt unter eurem Mordgeneral Mélac. Und immer wieder ist dieser Wald, langsam und gläubig und groß in seiner Geduld, immer wieder ist er auferstanden aus dem Ödland, in die ihn Menschenhaß und Verwerflichkeit verwandelt hatten.«

Der Förster, grau vom Alter, stieß beide Hände auf die Schultern des Franzosen und schüttelte ihn.

»Schau durchs Fenster hinaus. Wieder ist der Wald vernichtet, wieder sind die hundertjährigen Stämme gestürzt, wieder ist dort schwarzes Getrümmer, wo noch vor wenigen Tagen die Kronen im Himmel schaukelten, wieder müssen hundert Jahre vergehen, bis die Erde die Spuren eures Verbrechens getilgt hat.«

Er stieß ihn von sich, daß er gegen den Feuerherd taumelte, voll Abscheu wandte er sich weg von ihm.

»Geh aus dem Haus, du bist auch noch feige. Geh und verlasse das Land! Beeile dich, denn mein Sinn könnte sich wandeln. Vielleicht hat 68 dir das Kreuz drüben, das du den Toten gesetzt hast, das Leben gerettet. Geh mir aus den Augen, ich will nicht dein Richter sein!«

Der Fremde, Martin Laroche, taumelte nach vorn und wollte die Küche verlassen.

»Halt!« rief der Förster und trat ihm in den Weg.

»Hast du nicht gesagt, du hast einen Sohn?«

»Ich habe einen Sohn, er ist drei Jahre alt.«

»Erzähle ihm später, daß ich dir hier die Freiheit geschenkt habe, weil ich allein nicht richten will über ein Menschenleben. Erzähle ihm das und erziehe ihn nicht zum Haß, sondern zur Liebe! Und glaube mir, es muß ein geheimes Band sein zwischen den Völkern, man darf nur nicht müde werden, es zu suchen.«

Der Fremde zögerte noch, zu gehen, wohin sollte er sich wenden in Nebel und Kälte und ohne Kenntnis der Wege!

»Es ist schwer, mich zurechtzufinden, ich werde umkommen in der Kälte.«

»Tausende von deinen Brüdern sind umgekommen, es ist der Wille deines Volkes. Wenn du stirbst, dann stirbst du für deine Nation. Ich sage dir, beeile dich, denn du stehst nur noch kurze Zeit auf französischem Boden. Das Land ist deutsch und muß sich seiner Feinde entledigen. Geh über die Brandstätte hinaus bis zum Geiskopf und folge dann der engen Talsenke, du kommst ins Elmsteiner Tal und von dort hinaus ins Neustadter Tal, dort wirst du auf rückflutende Haufen deiner Landsleute stoßen, ihnen kannst du dich anschließen. Die Kleider meines toten Sohnes seien dir geschenkt, nimm dazu seinen Mantel, der draußen hängt. Ich bin zu alt, um noch zu hassen.«

Der Förster Peter Aust ging mit dem Fremden, dem französischen Douanier Martin Laroche, hinaus.

Es schneite immer noch, aber man sah im Licht des Tages bis auf die Anhöhe hinaus, die kahlgebrannt im milchigen Schleier lag.

»Dort hinauf, und dann rechts in die Senke. Geh, und Gott sei mit dir! Und wenn du später einmal deinen Sohn nach Deutschland schickst, dann als Freund und nicht als Spion!«

Der Fremde ging, gesenkten Hauptes, eine müde Gestalt im Treiben des Wetters; er tauchte in die Schleier hinein, wurde immer schattenhafter und schemenhafter. Er schaute sich nicht mehr um.

Der alte Aust stand unbeweglich, schaute ihm nach und dachte, ›das westliche Unheil wende dem geplagten Land wieder einmal den Rücken.‹

69 Er ging ins Haus und fand Magdalena am Bett sitzen, der Knabe Andreas schlief, er lag tief in den Kissen vergraben und war von einer stillen Geborgenheit umgeben.

Der alte Aust trat vor Magdalena hin.

»Er ist fort, vielleicht war es falsch von mir, ich hätte ihn töten sollen nach altem Recht, aber ich bin zu schwach zum Töten, und das Mitleid hat schon manchen Deutschen verdorben. Vielleicht wird er Kinder zeugen, Söhne und wieder Söhne, und sie werden in Jahren wieder Raubschau halten nach unserem Land, sie werden wieder ihre unsterbliche Völkerfeindschaft zu uns herübertragen. Seine Kinder und Kindeskinder und so fort ohne Ende.«

Magdalena schaute den Mann mit furchtvollen Augen an. Sie bewegte leise die Lippen.

»Kinder, sagt Ihr, Kinder?!«

»Du zitterst?«

»Kinder, sagt Ihr? Mir ist so furchtbar bange, ich kann Euch nicht sagen, wie bange mir ist.«

Peter Aust schien etwas zu dämmern, eine Ahnung überkam ihn, als er die Frau vor sich sah, er setzte sich zu ihr und bat sie, ihm zu erzählen und alles zu offenbaren, was sie bedrückte.

Und Magdalena, die plötzlich Vertrauen gewann, erzählte das düstere Abenteuer der letzten Tage. Nichts verschwieg sie, von den Brüdern sprach sie, die sich gegenüberstanden im Fanatismus ihrer politischen Meinungen. Vom Verrat des Bruders an der Schwester sprach sie, von ihrer Flucht vor den eigenen Landsleuten und der colonne mobile und zuletzt von ihrem Zusammenleben mit dem Menschen, den sie für Peter Aust gehalten hatte, bei dem sie glaubte, Schutz gefunden zu haben und mit dem sie nun die Sünde verband.

Als sie zu Ende war, senkte sie die Lider. Sie grub den Kopf in beide Hände und beugte sich nieder bis in die Kissen, wo der schlafende Knabe atmete und eine süße Wärme ihr entgegenschlug.

Nach einer Weile sprach der alte Peter Aust: »Wenn Gott es will, dann mußt du es tragen, denn es ist dein Schicksal.«

»Ja, dann muß ich es tragen. Glaubt Ihr, ein solches Kind könnte auch ein guter Mensch werden?«

»Das steht nicht in unserer Hand. Es ist kein Segen, wenn sich die Völker an den Grenzen mischen, wir müssen sauber bleiben, die Mischlinge in unserem Volk sind uns immer verderblich gewesen, denn ihr Wankelmut vererbt sich bis ins dritte und vierte Glied. Und aus 70 Menschen, die zwischen den Rassen stehen, war nie Verlaß, sie sind schon immer die besten Spione gewesen.«

Magdalena erhob sich und trat in die Dämmerung des Zimmers zurück, ganz erfüllt von trüber Ahnung.

»Ich will beten jeden Tag und jede Nacht.«

Der alte Aust verließ mit harten Schritten das Zimmer.

Magdalena sank vor dem Bett in die Knie, faltete die Hände und lehnte den Kopf gegen die scharfe Kante des Holzes.

»Ich will mit ganzem Herzen glauben. Wenn du ein guter Mensch wirst, dann will ich nicht umsonst gelebt und gelitten haben, wenn du aber ein böser Mensch wirst, weil das Böse von Anbeginn in diesem Bunde steckt, dann wäre es besser, wenn du mit mir stürbest. Du kommst aus Not und Flucht, aus Lüge und Völkerfeindschaft, aus Furcht und aus dem Brand der Wälder, Gott sei dir gnädig!«

Sie blieb unbeweglich und weinte. –

Der alte Peter Aust ging hinüber nach dem Waldrand und fand das Kreuz, es stand verkrümmt vor den düsteren Baumresten und schien ihm wie ein seltsames Runenmal der Erde, die mit der starren Geste dieses Kreuzes den Aberwitz der Menschheit anklagte.

Er stand lange, Schnee fiel tröstlich vom Himmel, die schauerliche Öde, die der Brand geschaffen hatte, wurde mit milder Hand getilgt. Aber Peter Aust, der den Wäldern gehörte, fühlte den Tod der vielen tausend Bäume bis ins Herz hinein, er schaute über die fürchterliche Walstatt, die sich unabsehbar dehnte, ein Gefilde des Todes und ein Friedhof, der Jahrhunderte umfaßte.

Die Augen des Mannes umflorten sich, er vergaß die Kälte des letzten Jahrestages, er stand und sann, und sann immer mehr und immer tiefer und immer weiter. Und sann so tief, daß er die Bäume wieder wachsen sah aus der Verderbnis, daß er den Wald sich wieder erheben sah mit seinen abertausend Kronen, daß sie vor ihm aufbrachen wie ein Wunder und immer höher und höher wuchsen, bis das Wipfelmeer sich brausend und rauschend im blauen Himmel schaukelte und wieder zu dem wurde, was es war und immer sein würde: zum ewigen Wald.

Peter Aust ging, tief bewegt und ergriffen von der Tröstlichkeit seiner Gesichte. Im Schuppen zimmerte er aus Brettern einen groben Sarg, den trug er hinaus und dann grub er die Toten aus der Erde, seinen Sohn Peter Aust und dessen Ehefrau Maria, legte sie in den Sarg und bettete sie in die Erde zurück. Es war eine schwere und 71 mühselige Arbeit. Als sie getan war, stützte sich der Mann auf den Spaten, um auszuruhen von der schwarzen Pflicht. Als er sich aufrichtete, war ihm, es wäre plötzlich heller um ihn geworden.

Die Schneeschleier wurden dünner und zerteilten sich, von oben brach Licht in den flutenden Nebel.

Und Peter Aust sah den Knaben Andreas, wie er durch das Licht langsam auf ihn zukam.

 

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