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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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18

Die roten Flaggen des Scheiterhaufens in der einsamen Schuhstadt wehten in dieser Nacht noch über die ganze Pfalz dahin. Der Strom aufgespeicherten Grolls sprengte seine Dämme, unbändige Kraft wuchs dem unterdrückten Volk zu.

Jagd auf schwarze Raben.

Überall, in Städten und Dörfern, rotteten sich die Jäger zusammen, die Gefahr einer seltenen Treibjagd stand bevor.

Es läutete zum Sturm.

Jagd auf schwarze Raben.

Viele flüchteten schon vorher, sie wußten, welches Schicksal sie erwartete. In Nacht und Nebel machten sie sich davon. Andere hofften auf die Unterstützung der Franzosen; sie hatten sich auch nicht getäuscht, nur kam an verschiedenen Orten diese Hilfe zu spät, das Raubwild lag schon auf der Strecke. Seit langem war keine Nacht so belebt gewesen, wie diese, es ging um allerorten, in Häusern und Gassen, auf einsamen Wegen und im Versteck der Wälder. Unter dem Mantel der Nacht waren Menschen auf Flucht und Verfolgung. Getriebenes und treibendes Wild, irrten und jagten sie über die ewige Walstatt, die vom aufrüttelnden Lärm der streifenden Besatzungstruppen erfüllt war.

Alle Brücken und Rheinübergänge waren gesperrt, aber im Dickicht der Auwälder gab es Versteck und Unterschlupf, dort waren auch Fahrzeuge, mit denen man heimlich über den Rhein setzen konnte, wenn die schwarze Patrouille vorbei und das streifende Polizeiboot außer Sicht war.

Nein, seit langem war keine Nacht so belebt gewesen, wie diese.

Jagd auf schwarze Raben.

Keine Schonfrist, in dieser Nacht sanken viele mit blutigen Flügeln.

Les corbeaux noirs de Tirard.

Man wird in dem Tumult und bei den eruptiven Flammenzeichen gewisse Männer nicht vergessen haben, die in den vergangenen Monaten eine lebendige Rolle gespielt hatten und von denen zu vermuten war, daß sie auch in einer solchen Nacht auf dem Plan stünden. Es wäre falsch, wenn man sie vergessen hätte, einen Klaus Ringeis und einen Berghaus, einen Richard Aust und Fischer Kolb, einen Dietrich Hagen und Buchdrucker Binder. Sie waren Bausteine der 636 unsichtbaren Mauer. Und diese Mauer hielt stand, ja, sie wuchs von Tag zu Tag und stellte sich dem Widersacher entgegen.

Jagd auf schwarze Raben.

Flucht, Tod und Verfolgung.

Die französischen Regimenter unter Alarm. Schutz den schwarzen Raben Tirards. Schutz, wo es noch nicht zu spät war.

Clairons, penetrant die Stille spaltend.

Poilus, Poilus! Chasseurs d'Afrique. Rotweiße Spahis, Marokkaner, Senegalesen, Algerier, Madagaskarbataillone. Eigentümlich fremde Insektenschwärme. Afrika am deutschen Schicksalstrom. – Aus der kleinen Festungsstadt am Rhein waren die Autonomen geflohen, das Volk war hinter ihnen her, einige wurden zwischen den geschleiften Festungswällen erschlagen, die übrigen entkamen in die Rheinwälder.

Die ausrückenden Franzosen hielten die Stadt in Schach, sie verhafteten, wo sie konnten, in ganzen Trupps wurden Deutsche in die Gefängnisse geworfen.

Um Mitternacht bellten bei den Altwässern die Schüsse.

Jagd auf schwarze Raben in den Urwäldern am Rhein.

Ein Trupp ging gegen Sandheim vor, mit Armeerevolvern und Schrotflinten, Keulen, Äxten und Sensen bewaffnet.

In Sandheim hielten sich Separatisten versteckt, in Sandheim wohnte Pistorius, der Polizeichef, der Mann mit der hellblauen Litewka und den hohen Gamaschenstiefeln. In Sandheim wohnte Pistorius, der Mann, der Gewalttaten auf dem Gewissen hatte. Dort hielt sich auch ein Brasilianer versteckt, ein Scheusal mit krummen Säbelbeinen und goldenen Ohrringen, Don José genannt. Er war der Erfinder einer modernen Foltermethode, Gott mochte es wissen, wieviel Blut und Menschenleid er auf dem Gewissen hatte.

Sie zogen nach Sandheim, durch die nasse Nacht, durch den Nebel und durch die triefenden Auwälder.

Sie trugen Fackeln, ihre qualmigen Fahnen flatterten, das Pech tropfte zur Erde. Die Gesichter waren zuckend beleuchtet, die Köpfe vorgeschoben. Was für Augen hatten diese Menschen!

Das Getier schrie, aufgescheucht und verstört, die Enten und Taucher, die Sumpfeulen und Wildkatzen; das Rabenvolk im Gerippe der Pappeln.

Der Zug ließ sich nicht aufhalten, diese Schritte im nassen Sumpfboden waren beharrlich, sie kannten keine Umkehr.

Wie kam es, daß plötzlich Ringeis unter ihnen war, und Peter Aust 637 und Dietrich Hagen. Wie, bei allen Heiligen hatten sie sich zusammengefunden? Und wer schloß sich beim Fischerhaus dem rächenden Trupp an? Waren das nicht der Fischer Kolb mit der Narbe auf der Stirn, und Bastian Berghaus und ein bekannter Buchdrucker? Man hatte sie doch erst vor Wochen über den Rhein in Sicherheit gebracht, standen sie denn schon wieder auf dem brennenden Boden?!

In Sandheim schlossen sich viele Bewohner dem Zuge an. Sie durchstöberten die gezeichneten Häuser. Einzelne von den Grünweißroten, die noch nicht geflohen waren, wurden aus den Rattenlöchern getrieben und gerichtet. Kein Aufhebens, ein solcher Trupp konnte keine Gnade geben, er mußte reinen Tisch machen. Kein Aufhebens also.

Wo aber war der Polizeichef? Wo war Pistorius, der so viele verraten und verkauft hatte?

Wo war Don José, das frühere Mitglied der »Fliegenden Ems«? Wo waren die beiden, heraus mit ihnen!

Der Fackelzug stürmte durch die Gassen, er kam vor das Haus des Polizeichefs Pistorius.

Ein wilder Aufruhr brach los, die Erbitterung entlud sich in grausamen Drohungen, sie wollten das Haus stürmen – – wer hielt sie denn zurück?

Stand Klaus Ringeis an der Spitze? Besaß er solche magische Kraft?!

Pistorius, brüllten sie, Pistorius, Don José!!

Einer schleuderte eine brennende Fackel gegen die Fensterscheiben. Das Glas splitterte, auf dem Fenstersims schwelte das Pech. Pistorius, brüllten sie, Don José.

War es Klaus Ringeis – – –!

Nein, die Tür des Hauses wurde geöffnet, eine Gestalt, zerzaust von Angst, stand auf der steinernen Treppe. Sie hob beide Arme, sie wankte, der bebende Mund wollte sprechen.

»Meine Mutter!« rief Franziska, – – »meine – – Mutter!!«

Klaus Ringeis war schon oben, er hob den Arm mit der pechtropfenden Leuchte.

»Zurück!« brüllte er, »haltet ein!«

Er stellte sich vor Franziska und breitete schützend die Arme, bis der tobende Lärm verebbte. Sie standen und staunten die seltsame Szene an, sie waren rein verhext von dem koboldartigen Anblick. Wie ein lebendes Bild stand der Trupp, nur die Augen flackerten mit den Fackeln, nur der Brand knisterte und das Pech tropfte zur Erde.

638 In diese geisterhafte Starre hinein läutete die Dorfglocke Sturm. Die Töne flogen wie nächtliche Vögel über das Gewirr der Dächer.

»Pistorius ist nicht im Haus!« kam eine Stimme von hinten. »Im Altwasser. Don José. Im Altwasser!«

Aber die Menge verharrte immer noch, als bräche ein Odem aus dem Haus, der sie versteinern ließe, als griffe eine Hand durch das zersplitterte Fenster und geböte ihnen, Halt zu machen vor einem Größeren, der jenseits ihrer Rache stand und gekommen war auf dem Eulenfittich der Nacht, um ein anderes Leben zu schützen.

Klaus Ringeis legte die Fackel hin und ging ins Haus hinein. Er sah schwachen Lichtschein durch eine offene Tür kommen. Er betrat das Zimmer und sah, daß es ein niederer Schlafraum war. Er sah zwei Knaben, scheu in die Ecke gedrückt, die Gesichter naß von Tränen. Auf einem kleinen Tisch vor dem Bett brannte ein Öllicht. Er trat näher und sah eine Frau im Bett liegen. Als er in das bleiche Gesicht schaute, erkannte er Franziskas Mutter. Er sah, daß sie krank war und verzweifelt. Er griff nach ihrer Hand. Die Hand war feucht und welk und müde.

Sie schaute ihn aus trüben Augen an. »Habt Erbarmen mit meinem Mann«, sprach sie.

Klaus Ringeis wandte sich um und sah Franziska im Zimmer stehen. Er ging langsam auf sie zu, mit stockendem Atem. Sie sah sein Antlitz, es war entstellt und hart, grau fast von der Schwere der vergangenen Wochen.

Sie sah seine Augen, ›o Gott‹, dachte sie, ›wie haben seine Augen sich verändert.‹

»Franziska«, sprach er und tastete nach ihrer Hand.

Das Haar hing ihr strähnig ins Gesicht, erschütternde Spuren standen in diesem Gesicht, von Tränen hinterlassen. Die Lippen waren wie erfroren, die Augen lagen tief, als ob sie sich verkriechen wollten.

Sie schob ihn beiseite, hielt die flache Hand vor den Mund und schlich auf den Zehenspitzen zum Bett: »Meine Mutter ist krank«, sprach sie, »ihr müßt das Haus verlassen, hier ist niemand für euch.«

Sie weinte nicht mehr, gebeugt stand sie, er sah, wie das gelbe Licht durch ihre wirren Haare rann.

Draußen fing der Tumult wieder an, aber er verlor sich, irgendwo sangen sie, Fetzen des Liedes wurden durch die offene Tür geweht.

»Wo ist Don José, Franziska?«

Sie wandte sich um und kam wieder auf ihn zu, ihr Blick verriet 639 ihm, daß sie log. Mit beiden Händen preßte sie die Schläfen, sie wußte, was dieser José auf seinem Gewissen hatte, aber sie war zu sehr gebeugt vom Elend.

»Ich weiß es nicht, Klaus.«

Er legte den Arm um sie und strich ihr die Haare aus dem Gesicht. Sie lächelte ihn verzweifelt an und stützte den Kopf gegen seine Schulter. Wie sich nur in solcher Stunde das Lächeln auf ein Gesicht verirren konnte.

»Nein, Klaus, ich weiß es nicht. Du darfst mich nicht mehr fragen.«

»Ich will es dir nicht vergessen, Franziska, daß du selbst diesen nicht verraten hast.«

Er ging, sie wollte noch etwas sagen, es lag ihr doch noch etwas auf dem Herzen; sie rief ihn, er war schon fort.

In den Gassen war es stiller geworden, der Trupp war in die Rheinwälder gezogen. Verängstigte Menschen liefen umher, sie stießen gegeneinander in der Dunkelheit, aber sie fanden keine Ruhe, sie konnten nicht zu Hause bleiben. Sie irrten umher, denn sie fühlten, daß es um Leben oder Sterben ging.

Eine Gasse war hell erleuchtet. Dort schlugen Flammen aus einem Haus. Eine Menschenmenge hatte sich gesammelt. Sie starrten in den Brand und sangen ein rauhes Lied, es mischte sich mit den Stimmen des ausbrechenden Feuers zu einem teuflischen Chor.

Klaus Ringeis rannte vorbei, plötzlich trieb es ihn, denn ihm fehlte eine große Abrechnung, es mußte noch etwas ins Reine gebracht werden. Unterwegs schnappte er eine Stimme auf, sie kam aus einem dunklen Häuserwinkel. Wer war es, der rief?

»Im Schokker sind sie!« rief die Stimme.

Klaus Ringeis fuhr zusammen. Im Schokker?! Blitzschnell hatte er begriffen, ein Ruf aus dem Dunkel verriet ihm die Fährte. Er kam in den Rheinwald, über Steine und Wurzeln stolperte er weiter, die Nacht war noch schwärzer zwischen den Weiden und Erlen, in die der milchige Nebel rann. Manchmal sah er es hell aufblitzen zwischen dem unseligen Gitterwerk der Äste, ein Gezack von Lichtern und Schatten huschte über ihn hinweg. Plötzlich stand er auf dem äußeren Damm vor der Entenfängerhütte. Wie aus einem Käsig entronnen, sah er das freie Gewässer. Im Schleierhauch der Nebel, rauchig umwölkt, wanderte der majestätische Strom zu Tal. Über alle Begriffe erhaben war seine Reise, tönend aus den Registern Gottes, der auf unsichtbarer Barke bewegten Herzens dahintrieb.

640 »Meine Heimat«, sprach Klaus Ringeis ergriffen, »meine verratene Heimat am Strom!«

Er stieß die Tür zur Hütte auf und wartete, daß jemand herausträte, den er suchte. Mit raschem Entschluß sprang er hinein und stellte sich schützend an die Wand, die Pistole schußbereit. Die Hütte war leer, nichts als eine dunkel gähnende Schlucht. Er stöberte die Winkel aus, in der Dunkelheit stieß er gegen einen kleinen Ofen, ein ausgestopfter Vogel fiel zur Erde, seine Hände griffen in das Gitterwerk morscher Entenkäfige.

Er verließ die Hütte und suchte den Aalschokker des Fischers Pistorius. Der alte Holzkutter lag im Winterquartier im Altwasserarm. Klaus Ringeis drang weiter vor, er fand das Schiff in der Nähe des freien Stromes, es lag im ruhigen Wasser, an einer Kopfweide vertäut. Es war wie ein schlafendes Tier.

Als er davorstand, faßte ihn ein unsägliches Grauen. Er wußte, daß der letzte Schauplatz dieser Nacht auf ihn wartete.

»José!« rief er.

»José!!« rief er ein zweites Mal.

»Jo–sé!!!«

Die Stimme flügelte über das schwarze Wasser, sie verklang zwischen den vermoosten Stämmen.

Das Schiff lag schlafend an den Trossen, die Netzbalken ragten in den Rest von Licht, der matt vom Himmel sickerte.

Klaus Ringeis sprang an Bord, er glitt aus in der schlüpfrigen Nässe und hielt sich an den rostigen Staken fest.

Der Schokker kam in schaukelnde Bewegung, der Brasilianer sah, wie etwas auf ihn zupendelte, ein dunkler Klumpen schwang wie eine Glocke hin und her, fahl beleuchtet vom Widerschein des Himmels.

Am oberen Netzbalken baumelte ein Mensch, erhängt, schlaff und leblos, ein grausiges Bündel.

›Zu spät‹, dachte Klaus Ringeis, trat näher und versuchte dem Toten ins Gesicht zu schauen. Aber der Kopf hing schwer auf die Brust herunter, das schwarze Haargewirr fiel naß und wie Gewürm über die Stirn.

Ringeis hob den baumelnden Kopf hoch, um endlich das Gesicht zu sehen.

Pistorius. Der Polizeichef. Da hing er im Netz, der schwarze Vogel des Generals.

Als Klaus Ringeis es knacken hörte in den zerfressenen 641 Holzplanken, drehte er den Kopf und sah Don José undeutlich und verschwommen am Heck stehen. Er hatte die Beine gespreizt, der Oberkörper war vorgebeugt, in der Hand hielt er das gerissene Ende einer Stahltrosse.

Klaus Ringeis wandte sich langsam um, als müßte er erst begreifen lernen, daß dort einer stand, dessen Schändlichkeit ihm so tief eingebrannt war, daß sie ihn durch alle Träume verfolgte. Es war keine Spiegelung, es war keine Gaukelei, dort stand José und hier stand er, Klaus Ringeis, zwischen ihnen nichts als das Schattengeranke der Nacht.

Er machte einige Schritte, die wahnsinnige Flucht seiner Gedanken und Vorstellungen quälte ihn maßlos. Er sann und grübelte, was wohl zuerst zu beginnen wäre. Er kam näher heran und sah deutlich, wie sich die Stahltrosse in der Hand des andern schwingend bewegte.

Seine Stimme hatte allen Klang verloren, sie kam aus einer halb gelähmten Kehle hervor.

»José«, sprach er, »wirf das Seil fort!«

José rührte sich nicht, er stand halb im Schutz der Ankerwinde. Klaus Ringeis zog die Pistole.

»José, wirf das Seil fort! Ich muß sonst schießen, und das tue ich nicht gern.«

Die Faust öffnete sich zögernd, die Trosse fiel auf den Schiffsboden.

Er kam noch näher, jetzt waren sie nur wenige Schritte voneinander entfernt, Klaus Ringeis sah deutlich des andern finsteres Gesicht.

Dieses Gesicht war mit ihm herangewachsen, ja, er kannte es von Kindheit auf, es erschien ihm heute wie damals, und doch war es unerklärlich verändert. Es stand etwas hinter diesem Gesicht, das man nicht mehr vergessen konnte. Das Kainszeichen des Bösen stand hinter den Augen, hinter dem Mund und hinter jeder Regung der Muskeln. Das Böse hatte Hausrecht gewonnen, es war gut, wenn dieses Gesicht gelöscht würde für ewige Zeiten.

»José«, sprach er weiter, »du mußt nichts Unmögliches von mir verlangen. Ich kann dir jetzt nicht mit Kugeln zaubern, es geht um etwas anderes. Ich würde dir lieber mit Kugeln – – du mußt es verstehen.«

Da kam der erste Laut aus des andern Kehle.

»Nimm dich in acht vor mir, Klaus.«

642 »Dazu habe ich alle Ursache, José. Gott ist mein Zeuge, ich tue es nicht für mich und nicht aus Rachsucht. Ich tue es für alle andern. Unmöglich, sich vorzustellen, daß du in diesem Leben noch einmal die Möglichkeit finden könntest, deine Phantasie zu entfalten. Aber es soll ehrlich zugehen, José.«

»Du hast eine Waffe, ich nicht.«

»Ich brauche keine Waffe. Du weißt, daß wir immer Ringkampf in freiem Stil machten. Oder hast du das vergessen? Als Kinder haben wir das schon gemacht.«

»Nein, das habe ich nicht vergessen.«

»Das letztemal ging's um Franziska.«

»Ja, um Franziska, du hast sie – – mir –«

»Diesmal geht es um unser Leben!«

José taumelte einen Schritt rückwärts, er schaute sich um, wo die Stahltrosse läge. Er wollte sich bücken, da sah er die Pistole in des andern erhobener Hand.

»Beeile dich, José, die Zeit drängt.«

Er ging auf die Ankerwinde zu.

»Du hast die Pistole.«

Klaus Ringeis schleuderte die Waffe fort.

»Ehrlich Spiel, José.«

Sie prallten zusammen; aber es war nur ein kurzer Kampf.

Ein Knäuel wälzte sich auf dem Achterdeck, Klaus Ringeis hatte den andern bei der Kehle gepackt, mit beiden Fäusten griff er zu und preßte ihn gegen die Winde.

Im letzten Augenblick lockerte er den Griff, ihn schauderte, zu töten, der Schauder kroch ihm bis ans Herz. Er suchte nach einer letzten Rechtfertigung, da sah er die Kasematte, er sah sich auf dem Stuhl sitzen, blutig geschlagen und das Kabel um die Stirn gespannt.

Gab es trotzdem eine Möglichkeit – – er beugte sich nieder zu dem zappelnden Unhold, er hörte das Röcheln und sah die glasig geöffneten Augen.

»Madre santissima«, rief er, und seine Hände ließen immer weiter los, »besinne dich, ob du einmal etwas Gutes getan hast! Besinne dich, ob dir etwas einfällt, es geht um dein Leben. Hast du einmal einem deiner Mitmenschen beigestanden, hast du dein Leben eingesetzt für einen andern, hast du einen Elenden aufgerichtet, hast du Mitleid gehabt und Erbarmen, dann sage es jetzt!«

643 José schwieg, er rang nach Luft, er versuchte, sich aufzurichten. Fiel ihm nichts ein, fiel ihm gar nichts ein, hatte er nichts Gutes getan in seinem Leben?!

»Ein gutes Werk, José!« schrie Klaus Ringeis, »nossa Senhora dos Santos, ein einziges gutes Werk?!!«

José schwieg.

– – –

Als Klaus Ringeis sich erhob, lief ein kaltes Grauen über seinen Körper. Er hielt die Arme ausgestreckt, die Finger waren gespreizt. Er schaute mit brennenden Augen nach dem Toten, der am Boden lag.

Er hob den Blick in das schwarze Gespinst der Äste und schlug beide Hände vors Gesicht.

»Herr Gott«, stöhnte er, »er hat mir die Heimat genommen, verzeih mir in Gnaden, wenn ich Unrecht tat.«

Er beugte sich noch einmal nieder, hinter dem zerrissenen Hemd des Toten sah er etwas Goldenes funkeln.

Das war die Kette mit dem russischen Talisman.

Er nahm den Schmuck, richtete sich auf und mühte sich, in der Dunkelheit das Kreuz und die undeutlichen Schriftzeichen zu erkennen.

Er warf die Kette in den Rhein.

Dann taumelte er über das Schiff, er wollte an Land, da sah er sie mit Fackeln zwischen den Bäumen auftauchen. Sie kamen heran und sprangen auf den Schokker.

»Tot«, sprach Ringeis heiser, »tot!«

Er ging und verlor sich zwischen den Bäumen. Sie sahen ihn nicht wieder. –

– Sie zündeten den Schokker an, aus einem Boot, das in der Nähe lag, brachten sie Benzin. Sie fanden auch Petroleum und gossen es in den geteerten und tranigen Bauch des alten Holzschiffes. Dann warfen sie die Fackeln hinein und kappten die Taue.

Der Aalkutter fing gierig Feuer. Schon quoll Rauch aus Ritzen und Luken, dann machte sich die erste Flamme Luft. Er wurde von der saugenden Strömung erfaßt und trieb in den freien Rhein hinaus. Als das offene Wasser ihn faßte, jagte er steuerlos zu Tal, ungehemmt stießen die lodernden Garben zum Himmel, blutrote Helle lag über dem unruhigen Gewässer. Am Netzbalken, zwischen Schwärze und Helle, schaukelte immer noch der tote Aalfischer.

Sie standen auf dem Damm. Wunderlich satt geworden schauten sie dem Schiff nach, das unter dem feurigen Todeszeichen 644 dahingeisterte und dessen qualmige Rauchfahne eine lebendige Rune in die Nacht schrieb. –

– Die Stadt war aus dem Schlaf gerissen, bis in die hintersten Winkel kroch der Aufruhr. Französische Streifen durchzogen die Straßen, ein Lärmgemisch von Autohupen, Clairons und Schießereien drang in die mitternächtigen Stunden. Menschen flohen, Menschen wurden verhaftet, die Franzosen drangen in Häuser ein, in Mansarden, Keller und Ställe. Eine Panik hatte alle erfaßt. Die Marokkaner und Käppigendarmen durchstöberten die zerstörten Festungswälle und die Altwässer. Die Lichtsense mähte, fremde Kommandorufe zwängten sich in das Getöse. Wehe dem, der gefangen wurde!

In diesen Aufruhr einer Stadt kam der Capitaine Marcel Foreste mit der Frau und dem Knaben. Richard Aust war in der Nähe Sandheims ausgestiegen. Mit Foreste offen über die Brücke zu gehen, wäre für ihn zu gefährlich gewesen. Er war am Rhein, und das bedeutete für ihn schon die Rettung, denn er kannte die Übergänge, der Strom mit dem Irrgarten seiner Altwässer und Niederungswälder war ihm vertraut. Für die andern galt es, so schnell wie möglich, an die Schiffbrücke zu kommen. Foreste wußte den Weg durch das alte Festungsgelände, über den Bahndamm zum Brückenkopf.

Heraus aus dem Wagen, auf die Brücke!

Der Doppelposten der schwarzen Wache trat vor.

»Fermé! Fermé!! Voyez monsieur le capitaine.« Sie deuteten mit den Armen.

Was denn? Natürlich fermé, aber sie mußten hinüber. Als die Schwarzen den Capitaine erkannten, gaben sie den Weg frei.

»Nix passeport, s'il vous plaît?«

Foreste winkte ab und schob die Flüchtenden durch die schmale Gasse.

Leuchtraketen stiegen funkelnd in den Himmel.

Sie rannten über die Holzplanken der Brücke.

Da sah Foreste in der Dunkelheit, wie die Mannschaft sich anschickte, die Brückenjoche in der Fahrrinne auszufahren. Schon rasselten die Winden, schon klang das Poltern der zurückgeklappten Sperrhebel. Warum wurde denn die Brücke ausgefahren?! Vorwärtsdrängend, sah er bergwärts den roten Feuerschein. Was denn, wurde ein Stück Hölle aus der Nacht gespien?!

Einen Augenblick blieben alle drei stehen und staunten dem roten 645 Phantom entgegen, das mit Qualm und Flammensegeln auf die Schiffbrücke zutrieb. Keine Minute Zeit war zu verlieren.

Foreste hörte wieder Kommandorufe, er drängte die Menschen beiseite, er riß den Schlagbaum hoch. Brückenwärter wollten ihn zurückhalten.

Macht Platz, gebt frei! Nichts da, kein Zurück!

Über das erste Joch, das schon am Ausfahren war, kamen sie hinüber. Menschen schrien und fuchtelten mit den Armen. Sie rannten nach den Seilwinden, die Trommeln rollten ab, das Joch trieb hinaus – – Foreste war auf der andern Seite, er trug den Knaben, die Frau kam hinter ihm her.

Er brachte sie durch den badischen Brückenkopf.

Im Dunkeln blieb er stehen und faßte die beiden Hände der Frau.

Eine düstere Ahnung nahm ihn ganz in ihren Bann.

»Jetzt sehe ich Sie nicht wieder, Maria«, sprach er still.

Dann wandte er sich und taumelte dem Strom entgegen. Er ging wie in eine andere Welt, ein fürchterlicher Abgrund tat sich auf. Sie schaute ihm nach und grämte sich, weil sie kein Wort mehr für ihn gefunden hatte. Ein tröstliches Wort nur von Mensch zu Mensch, für die Reise, für die Ferne, für die Ewigkeit.

Schüsse fielen. Raketen wölbten ihre feurigen Kurven über den Strom.

Sie floh mit dem Knaben in die Nacht.

Marcel Foreste lief zur offenen Fahrrinne, da sah er das brennende Schiff auch schon herankommen.

Jetzt wurde es von dem blendenden Kegel des Scheinwerfers erfaßt. Es war nur noch ein Wrack, der Mast war gestürzt, das Deck verwüstet, auf starker Schlagseite, ein Spiel der Wellen und Strudel, tänzerisch fast, schwankte es daher. Der Tod stand aufrecht im Flammenschauspiel. Und über dem Schiff, gebannt von der Feuersäule, trieb lärmend ein Rabenschwarm. Während das Wrack vorüberstrich, in der flackernden Helle, sah der Capitaine Marcel Foreste auf der andern Brückenseite den Gendarmen Batouche.

Batouche hob die Pistole und schoß.

Schoß er auf das brennende Schiff?!

Schoß er auf den schwarzen Rabenschwarm?!

Nein, er schoß – – –

In diesem Augenblick kam der Scheinwerfer.

Foreste hob beide Arme und griff in das weiße Licht hinein. Er 646 stand steil aufgerichtet in dieser schmerzhaften Sonne. Dann sank er in sich zusammen.

Die Marokkaner kamen und halfen ihm, als er sich, vom Tod gezeichnet, empormühte.

Stehend, eine Hand auf die blutende Brust gepreßt, ging sein flüchtender Blick im Kreise und umfaßte noch einmal das Hexenspiel der Nacht.

»Eine Brücke«, sprach er im Verlöschen, »über – – diesen – – Abgrund – – eine – – Brücke!!«

 

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