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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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17

Das große Rad rollte, es gab keinen Stillstand, der Tod des Holzhuß wurde von bedeutsameren Ereignissen überschattet. Nicht weit von hier lag Pirmasens, die Stadt mit vielen hundert Schuhfabriken, die Hügelstadt, wo ein separatistischer Bezirkskommissar ein Schreckensregiment ausübte und einen Terror heraufbeschworen hatte, gegen den die schlummernden Kräfte des Volkes sich endlich spontan zur Wehr setzten.

Der Tod des Präsidenten hatte den Franzosengeneral nicht klüger gemacht, mit verschärften Mitteln und dem Einsatz bewährter Gewalttaten versuchte er, zu seinem verfehlten Ziel zu kommen. Blind geworden durch Rachsucht und Ruhmsucht, sah und fühlte er nicht, wie er mit seinem Lügengebäude wankte und das feste Fundament schon unter den Füßen verlor.

Am 12. Februar brach eine neue Flamme aus dem Herzen des Landes und verbrannte den Widersacher im eigenen Blut.

In der Schuhstadt, dieser eigenwilligen Menschensiedlung zwischen 629 steilen Hügeln, der einzigen pfälzischen Stadt, die keine französische Garnison besaß, war die Not der Bevölkerung aufs höchste gestiegen. Plünderungen und Räubereien der Separatisten und ihrer elenden Gefolgschaft, Gewaltmaßnahmen, Verhaftungen, Ausweisungen und Mißhandlungen, eine maßlose Teuerung aller Lebensbedürfnisse und Zustände offener Anarchie, hatten bei diesem fleißigen Bergvolk, dessen Temperament selbst den Franzosen bedenklich schien, eine stumme, aber fürchterliche Erbitterung heranwachsen lassen. Dieser unterirdische Groll, genährt durch Elend und Schreckensregiment, gefährlich glühend in der geladenen Atmosphäre des verhängten Standrechts, war reif zum Ausbruch, nichts mehr konnte ihm Dämme setzen, er barst unter gewaltigem Überdruck und entlud sich in einer grausigen Eruption.

Am 12. Februar war zum ersten Male wieder das Erscheinen der seit drei Wochen im Proteststreik liegenden pfälzischen Zeitungen angekündigt. Die Pirmasenser Zeitung aber hatte ein Verbot von seiten der Separegierung, das erst nach Zahlung einer Erpressungssumme von zehntausend Goldmark wieder aufgehoben werden sollte.

Hier fing die Zündschnur Feuer. Eine Menschenmenge, im Unterbewußtsein nur auf den Anlaß wartend, rottete sich vor dem Verlagsgebäude zusammen und verlangte das Erscheinen der Zeitung, die zum Druck schon fertig war. Der separatistische Bezirkskommissar, der ganz in der Nähe im Bezirksamt sein Regiment aufgerichtet hatte, warnte nochmals nachdrücklich den Verlag und drohte schlimme Folgen an, wenn die Zeitung trotz des Verbotes erschiene.

Die Menschenmenge wuchs. Die drohende Haltung der Bevölkerung nahm zu, finster dräuend schob sich das Gewölk zusammen. Um 12 Uhr liefen die Rotationspressen. Die Zeitung erschien. Nicht nur die Zeitung erschien. Auch ein Führer. Er tauchte auf aus dem ewigen Regiment der Unbekannten, niemand hatte ihn gerufen; als die Stunde reifte, war er zur Stelle, zitiert von jener geheimnisvollen Kraft, die unsichtbar schlummert in jedem Volke, das sich nicht verloren gegeben hat.

Ein Mann wurde Führer, ein Vater von sechs Kindern, der Kassenbote einer Bank.

Wer rief ihn? Wer gab ihm die Sendung? Wer stellte ihn auf seinen Platz? Wer erteilte ihm den heimlichen Befehl, er müsse bereit sein und entschlossen, denn er habe ein Stück Geschichte zu machen?

Er befahl den Bürgern, um zwei Uhr wieder vor dem 630 Zeitungsgebäude zu erscheinen. Zur angegebenen Stunde war die Straße schwarz mit Menschen gefüllt. Es kam immer neuer Zustrom, der Anführer glaubte, daß die Gelegenheit zum Handeln günstig wäre.

Den Separatisten ahnte Schlimmes, sie zogen die bedrohte Wache vor dem Bezirksamt ein. Um 4 Uhr nachmittags wurde auch die grünweißrote Flagge gestrichen.

Um diese Zeit bot ein Unbekannter dem Kassenboten einen Kampftrupp von 40 Mann an. Kurz vor 6 Uhr wurde der Kampftrupp mit Handgranaten gemeldet.

Die Nacht kam, der entscheidende Augenblick stand bevor. Der Kassenbote ließ die Straße räumen und ging mit einem halben Hundert zum Sturm vor. Der Kampftrupp war leider nicht an der bezeichneten Stelle.

Da sammelte der Mann die Bürger um sich und ging allein vor. Mit Knüppeln, Äxten und Hacken, mit Messern, Prügeln und den letzten versteckten Armeerevolvern stürmten sie gegen das Bezirksamt, aus dem auch schon die ersten Schüsse krachten. Menschen stoben in wirrer Flucht auseinander, Frauen mit Kindern flüchteten, die Straße säuberte sich bis auf den Kampftrupp, der mit zäher Verbissenheit und hartem Willen gegen das Banditenbollwerk anrannte.

Das Feuer wurde heftiger, aus Kellern und Dachluken schossen sie heraus, der Tumult wuchs, es schlossen sich neue Mitkämpfer an, sie erschienen mit Jagdflinten und uralten Pistolen, mit Feuer und Pech, mit Petroleum und Benzin. Plötzlich erloschen die Bogenlampen, den Separatisten war ihr Ziel genommen, im Dunkeln erst wuchs die Erbitterung des heldenmütigen Kampfes. Durch die nächtlichen Straßen, von qualmenden Pechfackeln flackernd beleuchtet, raste die Feuerwehr herbei. Im Schutze der Dunkelheit wurden die Schläuche herangeschafft.

Die Marokkaner!

Der Ruf ging alarmierend durch die Straßen und löste eine Lawine des Schreckens aus. Wenn die Franzosen nicht stillhielten, wenn sie in den Kampf eingriffen, dann war alles verloren, dann würde ein beispielloses Strafgericht über die arme Stadt hereinbrechen.

Die Marokkaner kamen von Zweibrücken. Der Delegierte hatte sie telephonisch zu Hilfe gerufen.

Noch war die Zeit zum Handeln offen, die Minuten mußten genutzt werden, aber das Bezirksamt hielt stand. Diese Bastion war zu gut gesichert, die Schüsse aus Fenstern und Luken und hinter Mauern 631 hervor wurden immer schlimmer, schon wollten die Angreifer sich zurückziehen, da kam unerwartete Verstärkung. In den gegenüberliegenden Häusern und Gärten tauchten sie auf, die Jäger und Schützen mit ihren Drillingen und Schrotflinten. Das Eingreifen dieser Verstärkung gab neuen Mut, wieder stürmte der Kampftrupp gegen das eiserne Tor.

Dann kam das Feuer. Der große Helfer. Der fürchterliche Bundesgenosse.

Wem mochte es zuerst eingefallen sein, wer hatte den Gedanken, man wußte es nicht. Sie kamen mit Eimern und Kannen und Kanistern, mit Töpfen und Gießkannen und schütteten Ströme von Benzin und Petroleum durch die zertrümmerten Fenster ins Innere des Gebäudes.

Die ersten Brandfackeln loderten auf, in feurigen Kurven segelten sie durch die Schwärze. In Kellerfenster und in die Räume des Erdgeschosses wurden sie geschleudert, wie grausige Meteore, qualmende Rauchfährten hinterlassend, verzauberten sie schaurig die Nacht.

Die Marokkaner?! Was war mit den Marokkanern, sie kamen nicht! Nichts von Franzosen, sie waren irregeführt durch die Telephongespräche eines besonnenen und gefaßten Lehrers, der klar erkannt hatte, daß das Schicksal einer Stadt im engen Zeitraum von Minuten eingefangen war.

Die ersten Feuergarben schlugen aus dem Rabennest.

Schwarz und stickig qualmte es zum Himmel, rote Lohen schossen in das Rauchgewölk. Es stieß brodelnd aus den offenen Fensterhöhlen. Man sah die Räume innen brandrot beleuchtet, und in dieser teuflischen Illumination waren die flüchtenden, brüllenden Separatisten zu erkennen, die in gespenstischem Schattenspiel durcheinanderliefen.

Der Horst brannte. Die schwarzen Raben fanden keinen Ausweg.

Da rammte es gegen das Tor. Mit Hebebäumen, Brecheisen und Äxten wurden die Eingänge gesprengt.

In einem Seitenzimmer explodierten die Munitionsvorräte, mit grandioser Wucht wurden Decken und Wände gesprengt, eine Garbe schoß sprühend in die Luft. Einige Sekunden lang war die Nacht wabernd erhellt.

Ein Stück des Daches wurde hochgeschleudert, es prasselte von Ziegeln und splitterndem Gebälk. Der Wind verwehte glitzernde Funkenschwärme.

Unten, wo Pech und Öl flossen und die ganze Straße brannte, 632 drangen sie in das Gebäude, durch die Flammen stürmten die Männer hinein, furchtbare Jäger auf das Rabenwild.

Zwischen stürzenden Decken und Pfeilern, zerschmelzenden Kandelabern und einbrechenden Treppen, in einer tobenden Hölle von Brand und Hitze, Qualm und Funkengestöber, wurden die schwarzen Vögel erschossen, erschlagen, zertreten und in die Flammen hineingestürzt.

Den Kommissar traf die Kugel in die Stirn. Vom Tod schon in Empfang genommen, wollte er noch verhandeln. Er sank, ein Volksbedrücker, ein Gewaltmensch, ein bösartiger Narr; er sank mit erhobenen Armen, das letzte Grauen floh aus seinen Augenhöhlen. Sie stießen ihn in die Flammen, über eine brennende Treppe stürzte er hinunter.

Wieder explodierte Munition, diesmal im Dachgeschoß.

Eine Fontäne stieg mit unbeschreiblichem Gepränge in den dunkel drohenden Himmel. Sie entfaltete sich prunkhaft, ein Hexenfeuerwerk, und sank in Kaskaden von Sternen zurück.

In der bengalischen Helle dieses Lichterspieles sah man einen Raben am Telegraphendraht hängen, über die halsbrecherischste Brücke wollte er sich vom Dach aus in Sicherheit bringen. Er hangelte am Draht, er sah und hörte unter sich die schreienden und tobenden Menschen, der Draht schnitt ihm ins verbrannte Fleisch.

Hilf Gott, heilige Maria, Mutter – – das Entsetzen stand in den aufwärts starrenden Gesichtern – – sie sahen nicht, wie Separatisten, die mit erhobenen Händen unten durch die Flammen herausflüchteten, von der Menge mit Knüppeln und Prügeln erschlagen wurden, – – dieser Mensch oben am Telegraphendraht – – war denn ein Zirkus – – fürchterlich, er hangelte immer noch weiter, er ließ nicht los, – – das Leben, nur das Leben – – retten – – das Häuflein schändlich Leben – – er fiel, stumm und ohne Schrei; wie eine reife Frucht fiel er zwischen den Menschenknäuel auf das Straßenpflaster.

Die meisten wurden erschossen, erschlagen und verbrannt. Nur wenige entkamen.

Der Rabenhorst brannte. Viele Stunden noch schlugen die Flammen, die glühenden Sturmfahnen eines Volksgerichtes in den Himmel.

In den Straßen stand das Volk, staunend und ergriffen, mit wunderlich hellem Herzen, voll Angst und Hoffnung, gläubig – gläubig.

633 Viele von der Sturmmannschaft flüchteten noch in der Nacht. Ihre Ziele waren die Rheinübergänge, denn sie alle versuchten sich vor dem Strafgericht der Franzosen in Sicherheit zu bringen. – –

– – In ihrer Dachkammer stand Maria Aust am Fenster und schaute durch die Scheiben in die Nacht hinaus. Sie sah den roten Flammenschein des brennenden Rabenhorstes nebelig schwelend über den kahlen Wäldern stehen. Sie hatte schwarze Gedanken, denn sie kannte ihren Mann. Er war am Nachmittag mit dem Rad nach Pirmasens gefahren. Erst wenige Tage war es her, seit er zurückgekommen war, jetzt trieb es ihn schon wieder in den Hexenkessel.

Der Knabe schlief, sie stand und wartete, die Stunden zerrannen, aber Richard Aust kam nicht.

Gegen 11 Uhr nachts hörte sie die Stiege knarren.

Er öffnete leise die Tür und trat in die Kammer.

»Richard, wie siehst du aus?«

Er war schwarz im Gesicht und blutig zerschunden, Schmutz klebte an den Kleidern, er roch nach Pech und Brand, seine Augen waren voll Glanz und Unruhe.

»Das Gericht, Maria. Das Volksgericht, sonst nichts. Wir müssen fort, noch in dieser Nacht.«

»Fort, wohin denn, Richard?«

»Über den Rhein!«

»Jetzt, bei dieser Kälte, mitten in der Nacht?«

»Es hilft nichts, Maria. Wecke den Knaben auf und mache alles zurecht.«

Sie war still und gefaßt, sie fand kein Wehklagen, die Not der Jahre hatte sie stark gemacht. Sie weckte den Knaben auf. Dann trat sie vor Richard hin, sie sprach es nicht ohne Zittern.

»Marcel Foreste ist hier gewesen.«

»Foreste?! Was wollte er jetzt – –?«

»Er wollte Abschied von uns nehmen, er ist auf der Fahrt nach Frankreich, er kommt nicht mehr an den Rhein zurück.«

»Im Auto?«

»Ja, Richard. Er sagte mir, er wollte auf dich warten.«

Richard Aust schaute seine Frau an, fragend und forschend, nicht von Mißtrauen erfüllt und doch nicht frei von schattenhaften Gedanken. Er sah das Bild an der Wand hängen, er trat auf das Bild zu und betrachtete es sinnend.

»Wir sind wie Brüder, Maria.«

634 »Ja, Richard, das seid ihr.«

»Ein Bruder hilft dem andern.«

Er legte die Hand vor die brennenden Augen, beugte den Kopf nach rückwärts und beschwor die Bilder der Vergangenheit.

»Er geht nach Frankreich zurück?«

»Ja, er wollte heute nacht noch über die Saargrenze.«

Richard Aust hatte es immer noch nicht begriffen, es gab da noch etwas zu denken, ein Bild trat vor ihn hin mit aufdringlicher Gewalt.

»Sonderbar«, sprach er leise, »was für Gedanken und Vorstellungen man hat!«

Er hatte es kaum zu Ende gesprochen, da sah er Marcel Foreste unter der geöffneten Tür stehen.

Der französische Offizier kam zögernd herein, sein Gesicht war bleich, er senkte den Blick und blieb stehen.

»Ich habe auf dich gewartet, Richard.«

»Ich weiß nicht, wie ich dir das danken soll, Marcel.«

»Denke nicht falsch von mir, weil ich mitten in der Nacht – –«

»Vielleicht hast du mir noch etwas zu sagen, Marcel?«

»Nein, Richard, ich wollte dich nur noch einmal sehen.«

»Da ist sonst gar nichts, Marcel?«

Der Offizier zögerte, dann schüttelte er den Kopf. Er sah Maria im Hintergrund stehen, er begegnete der fremden Wärme ihrer Augen.

»Nein, Richard, da ist sonst nichts.«

Er sah jetzt erst die verräterischen Spuren im Gesicht des Freundes.

»Richard, woher kommst du?«

»Frage mich nicht. Ich muß heute nacht noch fort von hier, mit Frau und Kind. Über den Rhein, Marcel.«

»Über den Rhein? Oh, dieser Rhein!!«

Es ergriff ihn plötzlich, er stand groß da, gefaßt und entschlossen.

Eine traumhafte Vorstellung nahm ihn gefangen, er sah wie in eine gläserne Ferne hinein, in dieser Ferne tauchte er selber auf und er trieb dahin im Fahrzeug seines Schicksals.

»Le Rhin!« sprach er in das magere Licht hinein, »le Rhin!!« – – Den letzten Dienst vor seiner Heimkehr wollte er dem Freund nicht versagen. Er nahm ihn mit Frau und Kind ins Auto und raste durch das enge Tal hinaus in die Ebene dem Rhein zu. In Gedanken sah er immerfort diesen Rhein, und er war rot vom Blut seiner schwermütigen Geschichte. 635

 

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