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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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15

Der kleine General, tief gekränkt, weil der Bischof dem toten Volksverräter das kirchliche Begräbnis verweigerte, ließ die Leiche des Heinz-Orbis im Kreisratsaal zu Speyer feierlich aufbahren. Er kam selbst, um den Toten zu ehren, angetan mit allen Orden und Ehrenzeichen. Mit zitternden Händen legte er einen großen Kranz mit den französischen Farben an der Bahre nieder.

Und er nannte Heinz-Orbis, den großen Präsidenten seiner pfälzischen Republik, den wahren Freund Frankreichs.

Aber der Freund Frankreichs war tot. Besser, es starb ein Freund Frankreichs, als daß ein zertretenes Land gestorben wäre.

Der General stand lange vor dem toten Bauernrebellen, ihn quälte

605 eine düstere Ahnung, als ob seine eigenen Pläne mit diesem hier zu Grabe getragen würden.

Voilà mon petit Palatinat‹, dachte er, aber er ließ den Gedanken nicht aufkommen, der Tod eines einzelnen konnte und durfte ihn nicht von seinen Vorsätzen abbringen, eher sollte die Pfalz in Rauch und Flammen aufgehen.

Er fand, daß er Mut und Glauben hätte in diesem düsteren Augenblick. Woher kamen ihm Mut und Zuversicht, vom Anblick des Toten oder vom genossenen Kognak, er wußte es nicht, die Vernebelung seiner Sinne ließ ihn nicht zur Klarheit kommen.

Nichts als eine Episode, diese verirrte Kugel, dieser Schurkenstreich nationalistischer Aktivisten. Die Vergeltung würde fürchterlich folgen, er hatte seine »Arbeiter der ersten Stunde«, sie würden bis zur letzten Stunde ins Treffen geführt werden.

Bewegte sich das erstarrte Antlitz, kam Leben in die zerfallenen Züge, stand der Mann wieder auf aus seinem Schacht, um alles ungeschehen zu machen, was wenige Minuten an schicksalhafter Wendung heraufbeschworen hatten?!

Töricht, kein Toter war je zurückgekommen. Töricht, acht tote Kaiser im Dom, sie würden nicht mehr aufstehen aus ihren Gräbern, um mit dem deutschen Einheitsgedanken ihr verwegenes Spiel zu treiben. Frankreich konnte keinen Einheitsgedanken brauchen.

Richelieu! Richelieu!

»Hier steht Frankreich!« murmelte der General. Ihm wurde übel, er ging, seine Adjutanten, die sich im Hintergrund gehalten hatten, folgten ihm. Sein Gang war leicht schwankend, es wäre nicht gut gewesen, vollkommen nüchtern einem solchen Anblick gegenüberzutreten. Vielleicht war er selbst schon ein Gevatter des Todes, man wußte es nicht, der Tod hatte sonderbare Liebhabereien und war schon immer auf Überraschungen ausgewesen.

Der General blieb auf der Straße stehen und dachte über etwas nach.

»Alle Rheinbrücken sind doch gesperrt?« fragte er, »alle Übergänge gesperrt? Erhöhte Alarmstufe. Meine Spahis sollen sich bereit halten, sämtliche Organe der Sûreté, alle Spitzel und Agenten und Geheimpolizisten sind mobil?! Man trachtet uns nach dem Leben!«

Er sah den Dom, gewaltig, steinern, stumm.

War er denn größer geworden, war er ganz in den Himmel hinaufgewachsen mit seinen toten Kaisern?!

606 Ich kann keine Kinder sehen, mir sind diese verfluchten kleinen boches widerwärtig. Was für Gesichter, man konnte sie nicht mehr vergessen. Blasse und verhungerte Gesichter, war es nicht so, aber mit brennenden Augen und von einem unheimlichen Leben erfüllt.

Der kleine General lachte, er schwang wütend die Reitpeitsche.

»'einz Orbis – 'aben nix Ruh, bis er – –!«

In seinem Hauptquartier im Versicherungsgebäude schlug er die Türen zu und ließ sich in den schweren Ledersessel fallen. Beide Arme auf die Lehnen gelegt, die Beine ausgestreckt und den Kopf auf die Brust gesenkt, saß er da und grübelte.

Angst!? Er kannte keine Angst, hatte er vielleicht die Tür verschlossen, waren die Posten verstärkt worden?

Richtig, eine Kommission war bei ihm gewesen vor drei Stunden. Vertreter der Industrie, der Kirche, der Stadt- und Dorfgemeinden und der Presse. Sie hatten wieder einmal eine Denkschrift ausgearbeitet und baten um seine Einwilligung zu einer Reise nach Koblenz, wo sie bei der Irko vorstellig werden wollten. Kapitaler Unsinn, die Autonomie der Pfalz war anerkannt, die Lostrennung vom Reich endgültig vollzogen. Oder war sie nicht vollzogen, waren die Pfälzer immer noch nicht mürbe genug, mußte das Gespenst des Hungers zitiert werden?

Der Name des englischen Generalkonsul Clive aus München war gefallen. Dieser Clive, ein widerlicher, kaltschnäuziger Brite, sollte die Pfalz bereisen. Auf die Briten war kein Verlaß mehr, ein französischer General am Rhein konnte im Augenblick keinen Briten ertragen.

Sein Kopf sank noch tiefer auf die Brust.

Le Marquis d'Orbis est mort.

Was hatte denn dieser Tod zu bedeuten, wollte er eine Liquidation proklamieren, kam er, um zur Retraite zu blasen?! Hatten die Dinge vielleicht ein anderes Gesicht, als der kleine General sich einbildete, und lief am Ende ein Unsichtbarer im Rennen?

Es kam vor in der Weltgeschichte, daß ein Politiker sich einbildete, zu treiben, und in Wahrheit war er der Getriebene. Eine Sache war manchmal schon verloren, während man glaubte, sie gewonnen und fest in Händen zu haben.

Die Zweifel kamen, sie krochen aus den Winkeln des üppig ausgestatteten Raumes. Sie schoben sich aufdringlich herbei, zaghaft noch und zögernd, bedrohlich aber durch ihr lautlos zahlreiches Aufgebot. 607 Sie traten vor ihn hin, sie stauten sich zu einem Klumpen, eine sonderbar läppische Gemeinde von Schatten. Was wollten sie denn von ihm, hatte er irgend etwas begangen, was gegen seine Pflicht gewesen wäre? Versuchten sie, an seiner Zuversicht herumzunagen wie Ratten, die man ersäufen mußte?

Blut an seinen Händen? Der Krieg war hart, das Kolonisieren war hart, die Methode wurde vergessen, der Erfolg blieb. Wer Geschichte machen wollte, mußte hart sein, und er, der kleine General, wie sie ihn nannten, war hart bis ins Herz hinein.

Nichts für mich, alles für Frankreich!

Er schaute von unten herauf, aus den Winkeln der verkniffenen Augen; das Mißtrauen quälte, die Zweifel bedrängten ihn. War er denn krank, wollte der Körper das nicht hergeben, was der Geist verlangte? Er schrak manchmal nachts aus seinen Träumen, mußte sich im Bett aufrecht setzen und nach Luft ringen, wobei sein Herz rasend klopfte und ihm der Schweiß ausbrach.

Es wurde dämmerig im Raum, die Schatten wichen nicht, sie waren von einer brutalen Hartnäckigkeit. Ihre lautlose Niedertracht war beschämend für ihn.

Er könnte es kurz machen und mit der Kognakflasche nach ihnen werfen. Die Flasche stand auf dem kleinen Rauchtisch. Er griff nach ihr, am Hals hatte er sie gepackt. Sein rechter Arm, über die Sessellehne gesunken, pendelte mit der Flasche hin und her. Er schaute lauernd, schadenfroh schmunzelnd zwischen den zusammengezogenen Lidern hervor, und sah plötzlich das Bildnis Richelieus über der Eingangstür hängen.

Richelieu; von oben schaute er herab, eiskalt und grau, mit dem Bart, dem rätselhaften Mund und den herrschsüchtigen Augen. In seinem Hirn liefen die tausend Fäden zusammen, die das Schicksal zweier Nationen formten. Die Kälte seines Herzens wollte nicht aufhören, ihren frostigen Hauch auszusenden. Es schien beispiellos, daß ein geistiges Vermächtnis so lange nicht in Verfall und Vergessenheit geraten konnte.

In diesem Augenblick, als der General das Bildnis belauerte, ertappte er sich auf einer Regung seines Innern, die er bisher unterdrückt hatte. Die Erkenntnis von der Sinnlosigkeit dieser fluchbeladenen Völkerfeindschaft dämmerte ihm, einen Herzschlag lang wurde es zauberhaft hell um ihn. Er spürte, immer noch mit dem Arm und der Flasche pendelnd, dieser Helle nach, die Schatten teilten sich, sie 608 bildeten eine Gasse, und am Ende dieser Gasse, im Zwielicht überhöht, schwebte der unselige Kardinal.

Der General starrte in diese Mystifikation hinein, war er denn betrunken?

Hier schläft Richelieu und sein Vermächtnis! Wer hatte die Worte gesprochen, wer wollte versuchen, ihn seiner vaterländischen Pflicht abspenstig zu machen? Er war nichts als ein Instrument, der Mensch hatte zu schweigen.

Horch, hatte es geklopft?

Kam der tote Präsident und forderte die Versprechungen, trat er durch diese Tür und flatterten seine schwarzen Raben hinter ihm her? Erhob sich das Gesindel wider ihn, war seine traurige Legion im Anmarsch?!

Vielleicht war es gar nicht die Vaterlandsliebe gewesen, die ihn die ganzen Monate her geleitet hatte, sie war nichts als ein übler Vorwand, im Hintergrund standen andere trübe Beweggründe, der Neid und die Ehrsucht, die Schadenfreude und die Bosheit.

Sein Vorgänger, der General – –, einerlei, sein Vorgänger, der die Madagaskarmethode angewandt hatte – –

Sein Vorgänger – –

Der kleine General sprang vom Sessel auf, es wuchs über ihm zusammen, das Bild wurde lebendig. Das war nicht mehr der Kardinal, ein anderer hatte ihn von seinem Platz verdrängt. Dort oben stand, hämisch lächelnd, sein Vorgänger, der hier Bankerott gemacht hatte, dort oben – –

Er schwang die Flasche und schleuderte sie mitten in das hämische Lächeln hinein.

Krachen, Klirren, splitterndes Glas.

»Hier steht Frankreich!« rief er und sank in den Sessel zurück.

Er schloß die Augen, ihm wurde schon wieder unsäglich übel.

Als er aufschaute, war der Kardinal verschwunden. Auch der Gegenspieler hatte sich aus dem Staub gemacht.

Dort stand ein Dritter. Marcel Foreste.

Der General, plötzlich nüchtern geworden, quälte sich vom Sessel hoch. Er zog den Waffenrock glatt und stemmte beide Fäuste in die Hüften, halbwegs verlegen, als er sah, wie der Offizier die umherliegenden Scherben betrachtete.

»Sie sind es, Capitaine Foreste?« Auf die Glastrümmer deutend: »Nichts als Ärger, man muß sich endlich einmal Luft machen.«

609 »Das sehe ich, Herr General.«

Er stieß nach den Glasscherben und trat einige Schritte näher.

»Der Präsident ist ermordet worden«, sprach der General.

»Ich möchte es anders sagen.«

»Keine Umstände, bitte.«

»Wir haben bei einem Judas die Silberlinge gespart.«

»Capitaine Foreste, der Mann war ein Freund Frankreichs.«

»Gott schütze Frankreich vor solchen Freunden.«

»Einerlei, der Präsident ist tot. Was bedeutet das, Capitaine Foreste?«

»Die Liquidation!«

»Das sagen Sie mir ins Gesicht?«

»Es ist nur die Wahrheit.«

»Die Wahrheit?! Sie meinen, es ist alles umsonst gewesen? Ist das Ihre feste Überzeugung, ich weiß, Sie sind ein hellseherisches Gemüt, sagen Sie mir, ist das Ihre feste Überzeugung?«

»Nichts vermöchte sie im Augenblick zu ändern.«

Er wandte sich um und schaute nach der Stelle über der Tür, wo das Bild Richelieus gewesen war.

»Sie haben diesen verabschiedet, Herr General?«

»Ich habe den Auftrag, an ihn zu glauben. Was wünschen Sie von mir?«

»Ich bitte gehorsamst um meine Rückversetzung in die Heimat.«

»Foreste! Ihre hohen Verdienste in allen Ehren, aber Sie bereiten mir zu viel peinliche Situationen. Welche Beweggründe?«

»Ich glaube, daß ich auf französischem Boden nützlicher sein könnte. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich würde auch in die Kolonien gehen, selbst wenn es ein Wüstenfort wäre.«

»Und warum?«

»Um die Achtung vor mir selbst nicht zu verlieren.«

»Was wagen Sie?«

»Alles, Herr General, und doch nicht genug, um mich nicht mehr zu schämen.«

Der General kämpfte mit sich selbst, er gab keine Antwort, mit eingezogenem Kopf lief er nervös auf und ab.

»Ich will Ihnen nicht im Wege stehen, Capitaine Foreste. Frankreich kann hier keine Schwärmer brauchen. Es gibt genügend Offiziere, die sich freuen, wenn sie Ihr Nachfolger sein werden.«

»Davon bin ich überzeugt.«

610 »Und die aufrichtiger im Sinne Frankreichs handeln werden, als Sie es getan haben.«

»Darüber zu entscheiden besitze ich kein Recht.«

»Sie werden nicht behaupten wollen, daß Sie als Besatzungsoffizier eine besondere Auszeichnung verdient hätten.«

»Ich habe nichts als meine Pflicht getan.«

»Sie wissen zu genau, Kommandeur der Ehrenlegion, daß Sie unter vier Augen mit mir freimütiger reden dürfen, als es sonst einem Offizier verstattet ist. Das hat seine Gründe, gut, nichts darüber; ich muß aber trotzdem bedauern, daß wir uns so wenig verstanden haben.«

»Ich glaube, wir haben uns verstanden, Herr General. Nur, das Instrument in Ihnen darf das nicht zugeben. Eines aber sage ich Ihnen kraft meines hellseherischen Gemütes: unsere Verbrechen an Wehrlosen hier am Rhein werden sich furchtbar rächen. Es gibt Kräfte in einem Volk, die über jeder Gewalttätigkeit stehen.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Daß Deutschland lebt!«

»Wer sagt Ihnen das?«

»Die Tat!!«

Schweigen.

Der General, den Kopf gebeugt, müde und abgespannt: »Ich fürchte fast – – Sie – haben – recht!«

Er kam auf den Capitaine Foreste zu und gab ihm die Hand.

»Gott ist mein Zeuge, ich habe es für Frankreich getan. Wenn es falsch war, werde ich es bezahlen müssen. Sie dürfen jetzt die Pfalz nicht verlassen, aus mancherlei Prestigegründen, aber am 15. Februar ist Ihre Zeit hier abgelaufen. Ich muß gestehen, daß Ihre Auffassung von den Pflichten eines Besatzungsoffiziers am Rhein zumindest außergewöhnlich gewesen ist.«

»Ich habe nur den Wunsch, daß ich nicht der einzige gewesen sein möchte!«

 

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