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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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12

Am Tag, als der französische Forstausschuß unter Leitung des Henkers der pfälzischen Wälder monsieur Martin in Speyer 435 000 Festmeter stehendes Holz erster Bodenklassen mit einem Erlös von 45 Millionen Franken öffentlich versteigern ließ, entstieg 567 nachmittags dem Regiezug Landau–Zweibrücken in der Station Bergweiler ein Mann. Er blieb eine Weile auf dem Bahnsteig stehen, es war rauh und kalt, der Regenwind blies durch das feuchte Tal. Der Mann, etwa fünfundvierzig Jahre alt, schaute sich um, denn alles, was er sah, erschien ihm unsagbar fremd. Als das Geräusch des davonrollenden Zuges verklungen war, ging er langsam und mit gesenktem Haupt auf die Straße hinaus und warf einen Blick nach der Dienstwohnung des Stationsgebäudes.

Die Fenster waren geschlossen, er sah schmutzige Vorhänge und ungeputzte Fenster. An einem kleinen Seil hing farbige Wäsche in der feuchten Luft. Er hörte eine kreischende Stimme, jemand zeterte französisch, vielleicht mit Kindern, weiß der Teufel. Der Mann, der ohne Mantel war, schlug den Kragen hoch und ging die Straße entlang, ohne jemand anzuschauen. Er hatte ein strenges, hart geschnittenes Gesicht mit kräftigem Kinn, einer energischen Nase und klugen grauen Augen. Unter dem Hut kamen dünne Haare zum Vorschein, die ergraut schienen, der kräftig wuchernde ungepflegte Bart war dunkelblond, zeigte aber schon einen mattgrauen Schimmer.

Es begegneten dem Mann verschiedene Leute, von denen manche ihn anschauten, einige sogar erstaunt und verwundert, ja, es waren zwei Männer, die nach ihm riefen, er antwortete ihnen aber nicht.

Die zwei gingen betroffen weiter und der eine sagte: »Du, ist das nicht der Christoph Aust gewesen?«

»Doch, das ist der Aust gewesen.«

Der Mann bog in das rechte Seitental ab und fing nun an, rasch zu gehen. Die bewaldeten Berge schoben sich näher zusammen, auf halber Höhe hingen die Nebeltücher zwischen dem kahlen Buchengeäst.

Bei einer Biegung der Straße blieb er stehen, denn was er sah, schien ihm keine Wahrheit, mehr aber ein Zauberwerk zu sein. Die beiden Bergkuppen, die vor ihm anstiegen, waren kahlgeschlagen, öde Halden schoben sich in die Höhe, es stand kein Baum mehr, nicht mal ein Überhälter.

Der Mann nahm den Hut ab, warum nahm er denn in dieser kalten Novembernässe den Hut ab? War es Grauen, war es das Gespensterspiel der zerrütteten Nerven oder war es das Gefühl, vor einem Friedhof zu stehen?!

Hier hatten vordem Buchen gestanden, achtzigjährige, jetzt waren sie fort, auch der Schutzmantel Eichenschälwald war aus unerklärlichen Gründen geschlagen, es würde im benachbarten Schlag jetzt 568 viele Windwürfe geben. Und weiter hinauf starrte die nebelbrauende Leere. Ein Kiefern-Eichenbestand war dort gewesen. Wo waren die Eichen, die letzten Hundertfünfzigjährigen, wo waren die wunderbaren Kiefernstarkhölzer?! Und wo war der Hochwald, der sich in das enge Seitental hinauf erstreckt hatte? Buchen, Eichen und Kiefern oberster Klassen, und sogar ganz hinten Weißtannen bis zu fünfundzwanzig Meter Höhe.

Wo waren all die schönen Oberholzstämme? Gott mochte es wissen, sie waren fort, geblieben war nichts als nacktes, nasses Ödland, aus dem die rote Erde hervorbrach.

Der Mann ging weiter, er senkte tief das Haupt, er hielt immer noch den Hut in Händen, sein dünnes graues Haar wehte im Winde. Er kam gegen vier Uhr bei der Sägemühle an, die vorm Dorf lag. Als er das Anwesen betrat, hauchte ihn die tote Ruhe an. Das Werk stand still, die Gatter schliefen, die Stapelplätze waren leer.

Ein kleiner; gedrückt aussehender Mann kam aus dem Wohnhaus.

»Du lieber Gott, Christoph Aust!«

Er kam jetzt froh bewegt herbei und gab dem Ankommenden die Hand. Es war der Sägewerksbesitzer Gerhard Huß, der Bruder jenes Holzhuß, der in der Pfalz die erste Flöte blies und es verstand, sein Fähnlein im Winde flattern zu lassen.

»Haben sie dich denn freigelassen, Christoph?«

»Ja, sie haben mich begnadigt, das ist ganz plötzlich gekommen.«

»Kann ich mir denken, Christoph. Vor acht Tagen ist doch deine Frau erst bei dir in Landau gewesen, die hat aber noch nichts davon gewußt.«

»Wo ist denn Dora?«

»Im Haus drinnen, Christoph, sie wird sich schön wundern, wenn sie dich sieht. Da bist du also wieder ganz frei?«

»Ja, Gerhard.«

»Und darfst ins Forsthaus zurück?«

»Ja, Gerhard.«

Er nahm wieder den Hut vom Kopf und fuhr sich durch die Haare. Gerhard Huß schaute ihn an und sah, daß er alt geworden war und grau in den Gefängniswochen. Das Gesicht war hohl, die Gestalt ein wenig eingesunken, und die Augen glänzten auch nicht mehr so hell.

»Na, du siehst aber eigentlich recht gut aus, Christoph. Mußt dich jetzt nicht mehr so grämen, das kommt ja auch mal wieder besser und du bist noch ein junger Mann.«

569 »Ja, Gerhard, wenn du das meinst. Sag mal, bei dir ist das jetzt alles so still. Hast du kein Gatter laufen?«

»Wir feiern, Christoph, ich habe kein Holz. Setz doch deinen Hut auf, es ist so naßkalt.«

»Kein Holz? Aber sie haben doch schon fast eine Million Festmeter aus unseren Forsten herausgeschlagen, hast du davon denn keins kaufen können?«

»Im passiven Widerstand nicht, Christoph, das weißt du doch.«

»Ich meine ja auch nach dem passiven Widerstand, da hättest du dir doch auch Holz kaufen können.«

»Ich bin nie gern zu Schlachtfesten gegangen, Christoph. Ich will kein französisches Holz, mir ist seine geraubte Herkunft zu schmutzig.«

Der Forstmeister Aust schaute den Sägemüller fragend an. Da stand dieser Mann vor ihm, trug einen geflickten Anzug und war unrasiert; vier Kinder mußten in die Schule geschickt werden, es kostete hinten und vorne Geld, und da stand nun seine Sägemühle still, weil der Mann nicht zu Schlachtfesten ging.

»Sag mal, haben die andern denn auch kein Holz gekauft?«

»Doch, Christoph, die haben gekauft, aber nur die Großen, denn die Kleinen haben kein Geld und die meisten wollten auch kein Holz. Der Fritz Kolt drüben im Tal hat auch keins gekauft, uns steht das Gewissen im Weg. Auf die Kleinen nimmt man auch keine Rücksicht. Die Rechtsrheinischen drängen sich immer mehr ins Geschäft. Man darf es nicht so genau mit dem Gewissen nehmen, man muß auch mal einen Purzelbaum schlagen können.«

»Sag doch mal, wo ist denn um Himmels willen das viele Holz hingekommen?«

»Das meiste haben die Ausländer gekauft, manche haben da nur einen Scheinkauf gemacht und es unter der Hand wieder an Pfälzer Werke weiterverschoben, hauptsächlich beim passiven Widerstand, und dann auch, weil die Abfuhr ihnen zu viele Schwierigkeiten gemacht hat.«

»Dein Bruder Max scheint aber gut eingedeckt, ich habe seine Stapelplätze im Vorbeifahren gesehen.«

»Du lieber Gott, Max! Dem geht es gut, der verdient Geld, soviel er will. Und sein Freund, der Vorsitzende, auch. Stangengeschäft und Schwellengeschäft und Sinistriertenschnittware. Bei dem geht's hoch her, der hat das französische Kasino im Haus, und jetzt hat er sich bissel 570 bei der Banditenrepublik angebiedert. Sie sind übrigens heute alle in Speyer bei den Ventes.«

»Bei den Ventes?! Was ist denn das?«

»In Speyer versteigert monsieur Martin eine halbe Million Kubikmeter stehendes Holz.«

»Stehendes Holz, sagst du? Eine – halbe – Million –?!«

Dem Forstmeister wich das Blut aus dem Gesicht, sein Mund öffnete sich.

»Für die Pfänderkasse. Die Pfänder sollen restlos ausgebeutet werden, in erster Linie die oberen Holzklassen in den pfälzischen Wäldern.«

»Eine – – halbe – – Million – – auf – dem Stock?!«

»Alles auf dem Stock, das ist einfacher. Und nur Oberholz.«

»Und dann werden die Bestände geschlagen?«

»Die Käufer werden's gar nicht eilig genug haben können. Mein Bruder hat ein Auge auf die Sonnenhalde mit den Kiefern, und auf die Buchen und Eichen am Leimerstich. Es ist nicht mal ungesetzlich, hier spricht nur noch das französische Recht, das deutsche ist suspendiert. Was die Sägemüller tun, ist erlaubt. Das alles hängt nur noch mit der guten Sitte zusammen.«

Christoph Aust antwortete nicht mehr, der Gedanke an diese Ungeheuerlichkeit bewegte ihn zu stark, diese gallischen Lumpenhunde griffen ihm ja nach dem Leben. Er ging einige Schritte in den Hof hinein und schaute sich überall um, das sah wirklich alles sehr arm und heruntergekommen aus. Lieber Gott, diese Stille.

»Gerhard, das geht doch nicht, daß du immerzu feierst, wohin soll denn das führen?«

»Wenn es noch lange dauert, Christoph, dann komme ich unter den Hammer. Mein Bruder schielt danach. Wollen wir nicht ins Haus gehen, Dora wird Augen machen.«

»Ja, das glaube ich. Hör' mal, die Brandkoppe hat ja auch Kahlhieb, und die Heidenhänge auch, der ganze Berg ist Ödland. Du weißt doch, die Eichen und Buchen, das war mein bester Mischbestand. Und die Kiefernstarkhölzer sind auch nicht mehr da, das tut einem ja weh, wenn man hinaufschaut. Und nach der Talseite haben sie den jungen Fichtenmantel geschlagen, dort wird jetzt der Frost in die Buchen kommen. Der Schälwald ist auch fort.«

»Der war ihnen im Wege, sie haben es jetzt immer sehr eilig. Siehst du, Max ist ein sogenannter verfluchter Kerl. Er macht 571 hintenrum dicke Geschäfte und versteht es, sich überall ins Recht zu setzen, ja, er tut noch so, als handle er aus vaterländischen Gefühlen und als wäre es ihm darum zu tun, die pfälzischen Wälder vor der vollkommenen Verwüstung zu retten. Er hat überall ein Eisen im Feuer und kann auch überall in ein gemachtes Bett schlüpfen. Er ist heute bei der Irko in Koblenz und morgen in Berlin bei der Regierung; übermorgen ist er bei der Ministerial-Forstabteilung und am nächsten Tag bei den Heinzelmännchen. Er hat das von seinem Freund gelernt, der ja auch immer als Vermittlungstaube zwischen den Behörden hin- und herfliegt und im Namen der pfälzischen Holzindustriellen verhandelt. Die Leute haben's nicht leicht, Christoph. Mein Bruder tut mir manchmal leid, aber ich sage dir, er ist ein verfluchter Kerl, er kann reden und mit Rechtsbegriffen jonglieren, er kann sich patriotisch entrüsten und kann mit den Franzmännern Ananasbowlen trinken. Er kokettiert mit den Autonomen, und wenn es darauf ankommt, muß seine hübsche Frau die Beine zeigen und einen nassen Mund kriegen, bis ihnen Stockfischaugen wachsen. Meinem Bruder kann kein Sterblicher etwas nachweisen, er handelt nicht gegen das Gesetz, und er wittert die Windrichtungen voraus. Ich sage dir, er ist ein verfluchter Kerl und ein Hellseher. Er lächelt dich an, und du weißt nicht, ob er dich im Verborgenen nicht schon verkauft hat. Wir sind eine interessante Familie, Christoph, unsere Vorfahren haben geheimnisvolle Schicksale gehabt, dir ist das ja nicht ganz unbekannt.«

»Oh, das weiß ich nur zu gut, Gerhard. Es gibt eine alte Chronik, da kannst du Wunderdinge lesen. Ich kenne meine Vorfahren und ich kenne deine Vorfahren. Ich weiß auch, daß du ein Außenseiter bist, aber wenn ich mich hier so umschaue, und wenn ich dich vor mir stehen sehe, nimm mir's nicht übel, dann möchte es mir fast so scheinen, als ob die Unanständigen mehr Hausrechte in diesem Leben hätten, als die Anständigen. Warum rasierst du dich denn nicht?«

»Ach Gott, Christoph, das ist doch schon alles einerlei. Ich kann ja nicht gegen mich an, das wirst du begreifen, nein nein, ich will keinen einzigen Meter von diesem Holz, ich könnte nachts nicht mehr schlafen, Gott soll mir helfen. Sehe ich denn so furchtbar unrasiert aus?«

Er fuhr sich mit der flachen Hand über die Bartstoppeln am Kinn und lachte den Forstmeister betreten an.

»Hör mal zu, Christoph, neulich war mein Bruder da, er wollte mir angeblich unter die Arme greifen, in Wahrheit hat er die Absicht gehabt, mir lagerblaue Kiefer anzudrehen, die er für Reparation nicht 572 verwenden kann. Als nichts draus wurde, meinte er aufgebracht, ich hätte eine Lotterwirtschaft, und wenn er meine Lagerschuppen, mein Wohnhaus und meine uralte Turbine mit der armseligen Dampfreserve anschaue, dann könnte ihm schon kotzübel werden. Das beste wäre, wenn der ganze Plunder in einem barmherzigen Feuerlein aufginge. Siehst du, solche Gedanken hat der Mann, das hat er von seinem Großvater, vom roten Max geerbt. Der hat schon als Lausbub immer gerne Feuerlein angezündet und später, als er seines Vaters drei Sägemühlen übernahm, hat er alles auf den Hund gewirtschaftet. Da hat es zweimal mit Erfolg bei ihm gebrannt, und siehe da, er war wieder obenauf. Was für erbärmliche Geschichten, es hat ihm keiner etwas nachweisen können. Es war aber in der Nähe ein kleiner Sägemüller, der hat, so oft der rote Max ins Wirtshaus gekommen ist, wie zu sich selber in die Luft hineingesprochen: hast recht gehabt, daß dir deine Mühle abgebrannt ist. Dem hat der Großvater den Prozeß gemacht, und der Schlucker ist gestraft worden. Wenn jetzt der Schlucker ins Wirtshaus kam und der rote Max war anwesend, dann hat der Schlucker immer ein Streichholz angezündet und hat es brennend so vor sich hin in die Luft gehalten, das hat ihm dann niemand verwehren können. Ha ha ha, jetzt komm aber hinauf, Rosa muß Kaffee kochen, komm, du bist ja ganz blau verfroren.«

Sie wollten ins Haus gehen, da kam Frau Aust die Treppe herunter.

»Christoph«, rief sie freudig, »da bist du jetzt wieder da?!«

Sie mußte ein wenig weinen und fiel ihm vor Rührung um den Hals. Sie war eine stattliche blonde Frau, ein wenig in die Breite gegangen und mit grauen Strähnen im blonden Haar. Sie hatte auch ein Doppelkinn, aber das stand ihr gut zu Gesicht.

»Da bist du ja wieder«, rief sie ein über das andere Mal und schneuzte die Nase. »Dürfen wir wieder in unsere Wohnung?«

»Ja, Dora, wir dürfen wieder in unsere Wohnung.«

»Das ist ja, als ob der Herrgott selber mit dir käme, Christoph.«

Sie gingen hinauf in die Stube, Frau Rosa Huß kam ihnen schon entgegen, sie war eine hagere und nervöse Frau mit etwas ungebändigtem Kräuselhaar. Es kamen noch vier Kinder tobend aus der Stube gestürzt, drei Buben zwischen sechs und zehn und ein Mädchen von acht Jahren. Sie waren gerade beim Kaffeetrinken, der Forstmeister setzte sich zu ihnen an den Tisch, und so saßen sie denn alle beisammen, es war warm in der Stube, im Ofen brannte Buchenholz.

573 »Hier riecht es bei Gott wie zu Hause«, meinte der Forstmeister Christoph Aust und wärmte seine Hände an der Kaffeetasse. Sie sahen alle, daß er gealtert war und daß silberne Strähnen durch seine Haare liefen, aber sie sagten nichts, nein, sie sprachen sich gegenseitig gut zu, es wurde sogar gelacht und sie fühlten sich alle mit einem Male merkwürdig geborgen. Frau Rosa Huß hatte ein bewegliches Mundwerk, es sprudelte bei ihr nur so heraus, sie erzählte dem Forstmeister viel Wichtiges und Unwichtiges, auch von Richard Aust sprach sie, der angeblich bald zurückkehren durfte, sie wußten nämlich um seine geheime Tätigkeit als Aktivist im Dienste der verhaßten Abwehrstelle und glaubten, ihn im Linksrheinischen besser beobachten zu können. Er arbeite also mit seinem Bruder Peter zusammen, mit dem Taugenichts, dem Zeitungsschreiber und Romanschreiber.

»Taugenichts?!« fiel ihr Huß in die Rede, »wieso denn Taugenichts, ein Journalist ist doch – –«

»Ach was«, springbrünnelte sie weiter, »warum hat er aus der Reihe getanzt? Alle sind sie Förster gewesen und Eisenbahner, muß er ausgerechnet – – was macht er denn, bitte, was macht er – – Romane schreibt er – – ha ha – – o du Strohsack, habe ich zuviel gesagt?«

Na ja, fuhr sie fort, zugestanden, er sei ein gerader und offener Kerl, er tunke keine Fensterläden in den Kaffee und spucke nicht auf die Wichsbürste. Kurz und gut, die beiden hätten es jetzt doch sicher auf die Bleysoldaten abgesehen, sie wolle also auf Strümpfen in die Einöde, wenn bei den Hitzköpfen nicht noch etwas explodiere.

»Die Heinzelmännchen haben übrigens gestern Pirmasens besetzt, aber die Schlappenflicker werden den Banditen noch eine Nuß zu knacken geben. Der Kommissar Schwab, der mir so lieb ist wie's Bauchweh, hat befohlen, daß die Musikkapelle die Sepas mit Pauken und Trompeten in die Stadt hineinzumusizieren hätte. Wißt ihr, was für einen Marsch sie gespielt haben? Alle Vögel sind schon da.«

»Und wie geht es denn meinem Onkel«, fragte der Forstmeister, »dem Lokomotivführer?«

Frau Rosa wußte auch das. Der sitze also gesund und munter in Würzburg und warte darauf, bis er den letzten Cheminot von hinten sehe. Die Kerle ließen wirklich alles verdrecken und verlumpen, die neunundneunzig Kränk über sie!

Der Forstmeister blieb mit seiner Frau noch die Nacht über in der Sägemühle. Am andern Morgen gingen sie zusammen nach dem 574 Forsthaus, das am andern Ende des Dorfes lag, dort wo der Weg in den Buchenwald und zur Schloßruine hinaufführte.

Es sah nicht gerade freundlich aus, lieber Gott, es ging in die Adventzeit, die Nässe fiel von den Bäumen, der Himmel war grau und auf dem Forsthaus flatterte trübselig eine nasse blauweißrote Fahne. Oben an der Wohnungstür war das Siegel erbrochen, man hatte in den Möbeln gewühlt, in Schub und Kasten, Schränken und Truhen. Geschirr war zerschlagen, es roch modrig und altes Spinnweb hing herum. Aber Dora Aust war keine Frau, die ihre Hände in den Schoß legte, da sollte mal einer sehen, wie rasch sie Ordnung schaffen würde. Sie stieß zuerst mal die Läden und Fenster auf und ließ die Totenluft hinaus. Dann zündete sie Feuer an und warf Buchenes hinein.

Es würde schon alles wieder gut werden, man durfte den Kopf nicht hängen lassen. Anderen war es schlimmer ergangen. Nein, sie wollten nicht jammern, es waren ihnen zwei Söhne geblieben, der eine war auf der Forstschule und der andere hatte schon sein Vorexamen als Ingenieur gemacht.

So redete sie ihrem Manne gut zu und machte sich ins Dorf, um das Nötigste einzukaufen. Dora Aust hatte gute Nerven, sie war behäbig und trug ein Doppelkinn. Es war ein Glück, daß Christoph Aust eine Frau hatte, die nicht mit ihrem Schicksal herumhaderte.

Er ging hinunter und wollte ins Büro, es war aber verschlossen. Um zehn Uhr kam sein Vorgesetzter, ein französischer Forstbeamter mit Namen Laroche, der sehr bunt gekleidet war und einen französischen Redeschwall losließ, von dem Aust kein Wort verstand. Der Mann war nicht gerade unfreundlich, nein, er gab sich Mühe, so etwas wie Kollegialität aufzufahren. Er streckte auch Aust die Hand hin und wollte ihm eine Zigarette geben.

»Wir werden gutt susammen arbeiten, ich will nix maken Ihre Vorgesetzte, wenn Sie tun nach den ordres

Er legte ihm ein Schriftstück vor, das er vor allen Dingen zu unterschreiben habe, es sei Vorschrift und man müsse danach handeln. Aust las das Schriftstück aufmerksam durch und erschrak. Was hier stand, war bitter, es war fast schamlos und erniedrigend.

»Das muß ich unterschreiben?!«

»Maken Sie den Namen an dieser Stelle, schreiben Sie!«

Der Forstmeister beugte sich noch einmal über das Formular. Er las mit verschwimmenden Augen: 575

Der Unterzeichnete verpflichtet sich ausdrücklich und an Eides Statt: 1. den alliierten Behörden und besonders dem Forstausschuß redlich, mit Fleiß und Ergebenheit zu dienen. 2. Pünktlich und ohne Vorbehalt alle ihm seitens der rechtmäßigen, dem Forstausschuß angehörigen Vorgesetzten dienstlich erteilten Befehle auszuführen, nichts zu tun oder zu unternehmen, sich auch nicht zu etwas verleiten zu lassen, was den Verordnungen und den Beschlüssen der Hohen Kommission sowie den Verfügungen der militärischen Befehlshaber entgegensteht.

Christoph Aust hob den Kopf und schaute monsieur Laroche mit flackernden Augen an.

»Das – kann – – ich doch – – nicht unterschreiben?!«

»Das müssen Sie schreiben, voilà, c'est l'ordre de monsieur Martin a Spire.«

Christoph Aust sah den Franzosen vor sich stehen, schmunzelnd, eine Zigarette im Mundwinkel, immerfort nervös mit dem rechten Bein wippend. Plötzlich kam dem Forstmeister eine Erinnerung, der Name schob einen Vorhang beiseite, dunkle Vergangenheit wurde magisch durchleuchtet.

»Laroche«, sprach Aust mehr zu sich selbst – – »wäre so etwas denn möglich – – sollten Sie – –«

»Eh bien!« drängte der Franzose und schnippte die Asche auf den Fußboden.

»– – ich meine, sollten – – Sie schon – – der dritte Laroche – – in unseren pfälzischen Wäldern – sein?!«

Er fuhr sich mit der flachen Hand über die feuchte Stirn, die Hand blieb auf der Stirn liegen, denn er mußte nachdenken, es war aber eine große Wirrnis, er fand keinen Weg aus dieser Gespensterwelt.

Der Franzose las ihm einen Erlaß der Regierungsforstkammer vor, den er auf Schleichwegen erhalten hatte, und worin zu lesen stand, daß es im Interesse der Rettung pfälzischer Staatsforsten vaterländische Pflicht sei, sich zur Verfügung zu stellen.

»Gott sei Dank«, hauchte der gequälte Mann, »im Interesse der Rettung pfälzischer Staatsforsten – – im Interesse der – – Rettung – – jetzt tut – das nicht mehr – – so weh.«

Er nahm den Federhalter und schrieb mit zitternder Hand seinen Namen. Ihm war elend zumute, er bat, einen Reviergang machen zu 576 dürfen. Als er das Büro verlassen wollte, hörte er draußen ein Auto vorfahren.

Max Huß, in strahlender Laune, kam zur Tür herein.

»Was seh' ich, Christoph Aust?! Von der Ferienreise zurück? Prächtig, das nenne ich eine Überraschung. Bonjour, monsieur Laroche, jetzt haben Sie einen Helfer, ja, einen getreuen Eckehard. Christoph Aust kennt jeden Baum. Ha ha, eine alte Wäldlerfamilie, was, Christoph Aust, euch allen hat der Wind um die Nase geweht.«

Er lächelte über das nackte, rote Gesicht, die grauen Augen blieben kalt bei diesem Lächeln.

»Et les ventes?« fragte der Franzose. »Sie 'aben gekauft?«

»Richtig, richtig, die Ventes, ein Glück, daß ich dort war, sonst hätten die Ausländer wieder alles geschluckt. 435 000 Festmeter sind versteigert worden, – – ach so, Christoph Aust, das wissen Sie nicht, Moment mal, ich habe mir das aufgeschrieben.«

Er zog ein Notizbuch hervor und blätterte behaglich in den zahlenbeschmierten Seiten.

»Na, wo ist es denn gleich – – richtig, hier. Also genau: 87 000 Festmeter Eichen, 272 000 Festmeter Kiefern, 63 000 Festmeter Buchen und 13 000 Festmeter andere Holzarten. Ausländer und Saarländer haben zusammen – Moment mal – – also 178 000 Festmeter gesteigert, das übrige ging an deutsche Firmen.«

»Ist das denn wirklich alles stehendes Holz?« fragte Christoph Aust bedrückt.

»Natürlich ist das stehendes Holz. Die Elsässer haben ihre Lose meist schon wieder weiterverkauft, weil sie Angst vor der Aufarbeit haben.«

»Et vous, monsieur 'uß?!« Laroche stand gegen den Schreibtisch gelehnt, er sah mit Wohlgefallen die Bestürzung im Gesicht des Forstmeisters.

»Ach so, ich? Moment mal – ich habe 42 000 Festmeter, davon 22 Eichen, 12 Buchen und 8 Forlen. Hauptsächlich hier in unseren Revieren.«

Christoph Aust fühlte einen Stich, er blieb reglos und starrte den Sägemüller an. Stand denn dort ein Mensch oder ein Geist?

»In unseren Revieren?!«

»Natürlich, aus praktischen Gründen, Abtransport und so weiter. Die Eichen auf dem Rehberg sind auch dabei.«

»Die Eichen auf dem Rehberg?« Aust fühlte, wie er wankte.

577 »Und die Buchen drüben im Gesenke. Auch den Buchen-Eichen-Bestand im Leimerstich habe ich im nationalen Interesse genommen und die Kiefern auf der Sonnenhalde. Ich kann nur erste Klasse gebrauchen, die Kommission weist mir sonst die Hälfte zurück. Man hat es nicht leicht, lieber Aust, davon haben Sie keine Ahnung. Sie haben nur Ihre Vorschriften zu erfüllen. Ich aber renne und renne, um zu retten, was zu retten ist.«

Aust nickte mit dem Kopf, welch ein bösartiger Schwätzer, welch ein Teufel. Klein und gedrungen, nackte Augen, eisiges Lächeln.

»Sollen denn diese Bestände alle unter die Axt kommen?«

»Ta ta ta«, sprudelte Huß hervor, »nur nicht so hitzig, ich sage doch, ich will retten, was zu retten ist. Wenn ich mir nicht die Beine abliefe, wäre der ganz Staatswald am Arsch. Das Schlimme ist nur, daß man in München so wenig Verständnis für unsere Zwangslage hat. Was habe ich nicht alles für Vorschläge gemacht! Darlehen für die pfälzischen Sägewerksbesitzer, Treuhandangelegenheit, Lieferung von rechtsrheinischem Holz, um wertvolle Schläge bei uns vorm Hieb zu retten, und so weiter und so weiter. Der Wald liegt einem doch schließlich am Herzen, man tut, was man kann, um ihn vorm Schlimmsten zu bewahren. Wenn natürlich die Regierung selbst so wenig Verständnis und Entgegenkommen zeigt – –«

»Ich meine, Herr Huß, ob Sie jetzt Ihre Bestände nutzen wollen?«

»Das weiß ich nicht, das weiß ich wirklich nicht, regen Sie mich doch nicht auf. In den Versteigerungsbestimmungen heißt es, daß das Holz innerhalb von sechs Monaten geschlagen sein muß. Was ich tue, das tue ich zwangsläufig, ich kann nicht anders handeln, denn ich brauche Holz, meine Werke dürfen nicht feiern, das kann sich mein Bruder Gerhard leisten, aber ich nicht. Es geht um die Existenz der gesamten pfälzischen Sägewerksindustrie. Und wenn wir nicht wie die Katze auf dem Sprung sind, dann kommt uns eine rechtsrheinische Großfirma zuvor. Mein lieber Aust, die kommen gleich mit ein paar tausend Arbeitern, und wenn Not an Mann geht, stellen sie Ausländer ein. Ja ja, das geht rascher als die Geiß schwänzelt. Diese Firma hat in der Pfalz nur zwei Gatter, hat aber gestern 16 000 Festmeter gesteigert, also mehr, als sie in einem Jahr mit ihren pfälzischen Gattern verarbeiten kann, wenn man die Kapazität pro Gatter mit 5000 bis 6000 Festmetern veranschlagt. Soll ich zuschauen, wie sich die andern die Pfoten wärmen? Ich brauche Holz, bitte, keine Sentimentalitäten, wo es sich um Lebensfragen handelt.«

578 »Ich habe im Vorbeifahren Ihre Lagerplätze gesehen, Herr Huß, sie waren nicht geräumt. Handelt es sich denn hier um Lohnschnitt, ich meine, ist das beschlagnahmtes Holz?«

»Das dürften meine Privatangelegenheiten sein. Es steht fest, daß wir mit dem Sinistriertenholz im Rückstand sind, und ich fürchte, es wird so kommen, daß man uns Linksrheinische zwingt, Schwellen, Masten, Pfähle, Grubenholz und Schnittware zu liefern, wollen wir nicht Gefahr laufen, daß unsere Werke einfach beschlagnahmt werden. Was wird die Folge sein, monsieur Laroche? Sie sind im Bilde, das Comité-Directeur des Forêts macht nicht lange Federlesens. Wir werden unsere Vorräte aufarbeiten müssen und als Gegenleistung wird man uns stehendes Holz aus den pfälzischen Staatsforsten geben, voilà tout. Wenn ich dann kein Holz mehr habe, muß ich schlagen lassen, und wenn mir das Herz blutet. Monsieur Laroche, habe ich recht?«

»Parfaitement, monsieur 'uß.«

Der Forstmeister stand mit hängenden Armen. Er merkte wie ihm der Schlund trocken wurde und versuchte krampfhaft zu schlucken.

»Das ist ja der Ruin der pfälzischen Wälder.«

»Aber, 'err Forstmeister«, sprach diabolisch lachend der Franzose, »das sein nix Ruin. Was glauben Sie, der Bäume werrden wieder wachsen, in 'undert Jahren Sie sehen rien du tout von der Ruin. Dieu au ciel, er lassen wachsen und wachsen toujours. Monsieur Aust, mon ami, voilà une cigarette.«

»Ich habe nicht lange Zeit«, fiel Huß ein, »ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich die Liste meiner gesteigerten stehenden Bestände morgen schicken werde. Es müssen noch Bäume ausgemessen werden, hauptsächlich auch Eichen für Schwellen, das sind Durchmesser von 40 bis 55, geringere Ausmessungen werden nur mit der Hälfte der Masse in Rechnung gestellt.«

Er blies die Backen auf und wandte sich an Christoph Aust.

»Ich freue mich, daß Sie wieder da sind, wirklich, Hand aufs Herz; aber machen Sie uns bitte keine Schwierigkeiten. Helfen Sie beim Ausmessen der Bäume, monsieur Laroche wird Ihnen alle Anweisungen geben.«

Christoph Aust taumelte nach rückwärts, es traf ihn wie ein fürchterlicher Schlag.

»Was sagen Sie, ich soll helfen, all die Stämme auszumessen, die Sie nach dieser sonderbaren Hauordnung für hiebreif halten? Das 579 kann ich nicht, nein, das kann ich wirklich nicht! Verlangen Sie nichts, was über meine Kraft geht!«

Monsieur Laroche zog den unterschriebenen Revers hervor und wippte mit ihm durch die Luft.

»'aben Sie unterschrieben oder 'aben Sie nix unterschrieben?«

Dem Forstmeister wich das Blut aus dem Herzen, er sah die beiden Gesichter wie Larven, die mit einer penetranten Schärfe ihn anstarrten, und vor denen es kein Entrinnen gab.

»Ja«, sprach er fast tonlos, »ja, ich habe unterschrieben.«

»An Eides Statt, n'est ce pas?«

»An Eides Statt.«

Er wankte hinaus, der graue Tag nahm ihn auf. Er ging in diese Trostlosigkeit hinein und kam in den jungen Buchenwald. Langsam stieg er den Berg hinauf, über dem die Nebelschwaden hingen. Oben, wo zwischen Felsen die Eichen standen, setzte er sich auf einen Stein. Der Wind fuhr in das blattlose Geäst, es rieselte naß und kalt auf ihn nieder.

Zwischen den Stämmen hindurch schaute er nach dem jenseitigen Berg, der vollkommen kahl geschlagen war.

Er wußte nicht, daß dieser gemordete Wald jetzt auf den Stapelplätzen des Max Huß lag.

Er starrte nur immer hinüber und sah, wie das Gewölk über die öden Berghalden trieb.

 

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