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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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11

Le Marquis d'Orbis, der Bauer Franz Josef Heinz aus dem Dorfe Orbis nahe der hessischen Grenze, ernannte sich mit Zustimmung der Franzosen am 12. November zum Präsidenten der Autonomen Pfalz. Gleichzeitig berief er einen Finanzminister, für welches Amt ihm ein Mann geeignet erschien, der zehn Jahre hinter Zuchthausmauern verbracht hatte. Ferner waren im Kabinett vertreten ein Kultusminister, ein Pressechef und ein Novembermatrose als Beisitzer.

Der Kultusminister war ein Mann mit besonderen Fähigkeiten; er hatte lange Jahre in Mexiko gelebt und dort gelernt, wie man sich bei Revolutionen zu benehmen hat. Er sollte, zusammen mit einem pfälzischen Kolonisten ans Sorocaba in Brasilien, einem gewissen Don José, bald eine unvergeßliche Rolle spielen, als es sich nämlich darum handelte, die Gefangenen und Geißeln zu zwingen, ihre Mithelfer bei der Schlacht von Hanhofen zu nennen.

Als der Präsident Heinz seine Banditenpfalz ausrufen ließ, war diese Pfalz noch längst nicht von den bewaffneten Galgenvögeln erobert. Ein Land, das schon seit Jahrhunderten die Bürde eines seltenen Schicksals trug, konnte nicht von einer Elendsbrigade entwurzelter Menschen kampflos in die Knie gezwungen werden. Ein solches Land wehrte sich selbst noch in seinen schmachvollen Fesseln, es bäumte sich auf mit jenem Rest von gläubiger Kraft, der die leuchtenden Bezirke des Heroischen streift und zum lebendigen Wunder sich wandelt. Eine Stadt nach der andern fiel in die Hände der schwarzen Raben, denn der Franzmann verstand es mit gallischem Geschick, den Weg frei zu machen und jeden Widerstand durch Einsatz seiner Kolonialtruppen abzudrosseln. Das Land, fast zu Tode gekämpft, abgeschnürt und leergesaugt, hungernd und frierend und in sich selber zerrissen; das Land ohne Geld und ohne Recht und Gesetz, durchseucht von vaterlandslosen Schwindlern, Charakterlumpen, Krämerseelen und politischen Schwarzkünstlern; das Land am Rhein mit seinen müden Menschen sank in sich zusammen und war am Verlöschen. Und während es verblutete, raubte man mit beispielloser Schamlosigkeit seine Wälder aus.

Notland.

Wald Vogelfrei.

Mensch Vogelfrei.

559 Der kleine General hatte seine Republik. Mon petit Palatinat. Mes corbeaux noirs, rief er, aber er schaute sich um, ob nicht ein Schatten hinter ihm stünde. Überall waren Schatten in diesem verfluchten Land. Er ging in den Dom und lästerte Gott, indem er ihm auf den Knien dankte.

Er fühlte nicht den Frevel. Und Gott schwieg, es drang nicht in sein Sorgen und Sinnen.

Gott schwieg, zwischen Nacht und Licht und Weltenferne, vielleicht würde er bald eine seiner unscheinbaren Handbewegungen machen.

Der kleine General hatte seine Revolverrepublik, er stand über der Trümmerstätte, aber er wankte mit der geschändeten Provinz. Nachts kamen seine schweren Träume.

Und Maurice Barrès, der sechzigjährige Dichter, der alte Pfau, sah erfüllt, was er gewünscht hatte. ›Wir haben das Chaos nötig‹, hatte der gallische Poet gesagt. Schon rüstete er sich zu einer beispiellosen Triumphfahrt. In allen großen Städten links des Rheines wollte er seine berühmten bengalischen Reden halten. In der Wolke seiner Eitelkeit wollte er über dem Volk schweben und sich bewundern lassen als der greise Repräsentant der westlichen Kultur.

Er wußte nicht, daß ein Stärkerer hinter ihm stand und schon die Falten seines schwarzen Mantels öffnete. –

In einer kleinen Stadt am Rhein war noch eine alte Kasematte zwischen den geschleiften Bastionen stehengeblieben. Das dunkle, innen zerfallene Gewölbe war mit einer schweren Eisentür verschlossen, zwischen geschleiftem Mauerwerk und gesprengten Betonklötzen hindurch kam man zum Eingang, über dem kahle Weißdornhecken und alte Hollunderbüsche wucherten. Diese Kasematte, vordem ein Lagerraum, war jetzt eine Sepafolterkammer, eine Stätte, die der Geist dunkelsten Mittelalters aus der Erde gespien hatte. In diesem Augenblick wurde die Eisentür geöffnet und zwei Sepaleute mit Ruderermützen und grünweißroten Armbinden brachten einen Mann heraus. Der Mann hing zwischen seinen Henkern, er konnte sich nicht aufrecht halten, sie hatten ihn unter den Armen gepackt und schleiften ihn über das Mauergetrümmer. Anscheinend war der Mann ohnmächtig, denn sein Kopf hing auf der Brust und pendelte wie leblos hin und her. Der Körper selbst aber machte Versuche, sich zu regen, die Beine bewegten sich schlaff und baumelnd. Wenn man näher kam, konnte man sehen, daß Blut von dem herabhängenden Kopf rot und schwer auf die Kleider und in das dürre Gras tropfte.

560 Nein, der Mann war nicht ohnmächtig, er hob jetzt den Kopf, einen blutbeschmierten Kopf mit dem Rest eines Antlitzes, das vom Grauen beispiellos entstellt war und in dem zwei Augen blutunterlaufen, aber mit abwegigem Glanz umherirrten. Die Augen waren offen, aber der Mann sah niemand, unmöglich, mit solchen Augen etwas zu sehen, sie blickten in eine unwahrscheinliche Ferne.

Er wurde nach einem Auto geschleift und hineingeworfen.

Einer der Sepaleute fluchte, denn er hatte sich die Hände mit Blut beschmiert. Er putzte die blutigen Hände im Gras ab und dann fuhren sie davon.

Der Mann, der am 13. oder 14. November 1923 diese Foltern hatte überstehen müssen, war der Neustadter Buchdrucker, den die »Fliegende Ems« bei Berghaus zusammen mit dem Brasilianer Klaus Ringeis gefangengenommen hatte. Dietrich Hagen und jener Doktor Weiß, der das lustige Wortspiel vom roten und toten Marquis geprägt hatte, waren im Getümmel des Kampfes wieder entkommen. Wie sie sich befreit hatten, das wußte man nicht, es kannte auch keiner der Sepaleute ihre Namen. Da man aber hauptsächlich die Teilnehmer der Schlacht bei Hanhofen in der Zelle haben wollte, um an ihnen Rache zu nehmen, wandte man bewährte Mittel an, um diese Namen aus den Gefangenen herauszupressen. Man hatte bereits einen am Überfall beteiligten Zementierer in einer Weise gefoltert, daß dieser halb irrsinnig geworden war und, ähnlich wie man solches aus der Zeit der Hexenprozesse kannte, Handlungen auf sich genommen hatte, die von ihm niemals begangen worden waren. Die Leitung dieser Folterungen hatten zwei Menschen, die wert waren, daß man über das Ausmaß ihrer Phantasie und über die Beschaffenheit ihres Menschentums kopfschüttelnd nachdachte: der Kultusminister der Autonomen Pfalz und sein neuer Freund mit goldenen Ohrringen und Säbelbeinen, den sie Don José nannten.

Als das Auto abgefahren war, kamen wie von ungefähr zwei französische Offiziere durch den Wallgraben. Sie rauchten Zigaretten, wippten mit den Reitpeitschen und rochen nach französischen Parfümerien. Sie blieben vor der Kasematte stehen und lachten sich an, der eine hatte gerade eine anrüchige Episode aus dem Offiziersbordell erzählt. Man hörte jetzt aber durch die Wände hindurch einen Menschen schreien, es war ein kurzer, qualvoller Ruf.

Einer der Offiziere versuchte, die Kasemattentür zu öffnen, sie war aber verschlossen. Er rüttelte an der Klinke und schlug mit der 561 Reitpeitsche dagegen, da wurde die Tür geöffnet und ein Mann schob vorsichtig den Kopf heraus. Der Mann war der Fischer und Landwirt Pistorius aus Sandheim. Er war über Nacht Polizeichef geworden und trug eine kriegerische Phantasieuniform, hellblaue Litewka mit Sepabinde, Kapitänsmütze und schwarze Hosen. Bewaffnet war er mit einem Säbel und zwei Magazinpistolen.

Der Polizeichef ließ die Offiziere eintreten. Das Schauspiel war im Gange und es war furchtbar genug, um die Aufmerksamkeit der gelangweilten Franzosen wachzuhalten.

Der Raum war durch eine elektrische Lampe, die verstaubt von der Decke baumelte, notdürftig erhellt. Anwesend waren etwa sieben bis acht Separatisten, die in einem Klumpen zusammen vor einem Stuhl standen, auf dem ein Opfer festgeschnallt war. Als ein Offizier den Polizeichef fragte, wer der Gefesselte sei, wurde ihm geantwortet, er sei ausgerechnet ein Brasilianer, ein pfälzischer Kolonist mit Namen Ringeis, und ihm wäre nichts Besseres eingefallen, als über das Wasser zu kommen, um ihnen als Aktivist in die neuen Staatsformen hineinzupfuschen. Er sei außerdem mitschuldig am Tode von zwei Leuten aus der »Fliegenden Ems« und man wolle ihn jetzt eine Kleinigkeit kitzeln, damit er die Namen der Mitbeteiligten nenne. Anschließend würde er nach dem Standrecht erschossen.

Während er solches erklärend sagte, schrie der Unglückliche wieder auf. Die Offiziere drängten sich vor und sahen nun auch, an der kleinen Sensation lebhaft interessiert, den Menschen auf dem Stuhl sitzen und sich in Schmerzen winden.

Es war in der Tat Klaus Ringeis aus Sorocaba, ein Nachkomme jenes Ringeis, der zur Napoleonszeit als Sechzehnjähriger aus einem Land gewandert war, in dem für ihn kein Lichtstrahl mehr die Nacht seines Schicksals erhellt hatte.

Klaus Ringeis, ein Enkel jenes Ringeis, der mit den Neunundvierzigern und Heckerlingen geritten und mit dem berühmten Oberst Blenker nach dem Zusammenbruch des Freischärleraufstandes mit einem holländischen Frachter wieder übers Meer gesegelt war.

Klaus Ringeis, der gekommen war, um eine Heimat mit dem Glanz seiner Augen und der Bereitschaft seines Herzens kennenzulernen, die er bisher nur aus den alten Heimwehliedern seiner brasilianischen Kolonie gekannt hatte.

Da hing er nun in Stricken auf dem Stuhl und blickte mit rätselvoller Erschütterung in das Schattenspiel der Kasematte, und vor ihm 562 stand kein anderer, als sein Freund Don José, jetzt nichts mehr als ein Besessener mit dem Gastrecht der Hölle. Es gibt Handlungen, die sich durch ihre unfaßbare Bestialität von selbst der Kritik der Zivilisation entziehen. Sie stehen außerhalb jener Bezirke, in denen Menschen sich menschlich bewegen. Wenn sie dennoch überliefert werden müssen, so nur deshalb, weil sie nicht verschwiegen werden dürfen, soll das entstellte Antlitz einer Zeit farbig und blitzhaft erhellt werden.

Sieben Sepas hatten mit Knüppeln, Stricken und Peitschen solange auf Ringeis eingeschlagen, bis er blutüberströmt am Boden lag. Als er keine Namen nannte, befahl der Kultusminister den ersten Grad der Folterung. Man sollte ihm ein Kabel um die Stirn legen und es mit einem Holzknebel zusammendrehen. Hier bat Don José, seine brasilianische Methode anwenden zu dürfen. Er besäße Phantasie, man sollte ihn nur gewähren lassen, es wäre alles aufs beste vorbereitet.

Klaus Ringeis hörte nichts mehr, er hatte ein elendes Gefühl im Magen und mußte sich erbrechen. Dann wurde er vorübergehend ohnmächtig. Als er wieder zu sich kam, sah er das Gesicht Don Josés vor sich, und da er im ersten Augenblick alles vergessen hatte und seine Lage nicht gleich erkannte, sprach er gequält: »Gut, daß du da bist, José, bring mir doch bitte Wasser.«

Jetzt erst enthüllte sich die Wirklichkeit. »Ach so«, vollendete er und schloß die Augen. Er fühlte das Kabel, das sie ihm um den Kopf gelegt hatten.

Don José packte ihn vorn am Hals und drückte ihm den Kopf nach hinten.

»Die Namen! Willst du die Namen nennen?«

Klaus öffnete die Augen, er sah nichts als dieses Gesicht, es wurde größer und immer größer, es war wie eine ungeheure Scheibe vor ihn hingestellt. Er kannte dieses Gesicht schon viele Jahre, es war gleichsam mit ihm groß geworden, mit ihm in die Jahre und in die Flut der Erlebnisse hineingewachsen. Er hatte, weil dieses Gesicht immer um ihn gewesen war, seine Wandlungen und Veränderungen gar nicht feststellen können. Nicht anders, als er es in der Kinderzeit gesehen hatte, sah er dieses Gesicht, nur wurde ihm jetzt erst offenbar, was sich hinter seiner Maske verbarg. War er denn blind gewesen die ganzen Jahre her, daß er nicht wahrgenommen hatte, welche Zeichen diesem Gesicht eingegraben waren? Enthüllte eine kurze Sekunde blitzhaft mehr, als ein halbes Menschenleben hatte enthüllen können?

563 Er studierte in dem Gesicht mit bohrendem Grübeln. Er sah jetzt, wie sich Speichel zwischen den Lippen hervorpreßte. Das Gesicht wurde maßlos interessant und einmalig. Das kann doch nicht möglich sein, dachte er, ich bin ganz schwer krank. Das gelbe Fieber. Schlangengift. Es gab ein Schlangengift, das eine grauenhafte Wirkung hatte.

»Wasser!« keuchte er, »gebt mir Wasser, ai meu deus!«

Don José ließ den Knebel fester ziehen, bis dem Opfer die Augen aus den Höhlen quollen. Die Arme wurden ihm vorgestreckt und zwei Säbel auf die Pulsadern gelegt mit der Drohung, die Hände würden bei der geringsten Bewegung abgehackt. Rechts und links waren Pistolen auf seinen Kopf gerichtet.

»Die Namen!« brüllte der Kultusminister.

Die Offiziere lachten und fanden, daß dieser kurze säbelbeinige Mensch mit den Ohrringen wirklich Phantasie besäße.

Als der Gefolterte keine Namen nannte, befahl Don José, Strom durch das Kabel zu leiten.

Klaus Ringeis konnte die Augen nicht mehr schließen, es war, als wünschte ein Unsichtbarer, sie dürften nichts übersehen und nichts vergessen, was ringsum geschah; sie müßten alles festhalten, glühend in das Gedächtnis gebrannt bis ans Ende des Lebens.

Die Augen waren glasig starr, mit fürchterlichem Druck wurden sie nach außen gepreßt. Was er noch sah mit diesen geschundenen Augen, schien ihm blutrot und brennend. Seine Umgebung ging in Feuer auf, rasende Blitze zuckten in sein verworrenes Blickfeld, die elektrische Lampe an der Decke war eine rubinfarbene Kugel, wie ein sinkender Sonnenball in den unbegreiflichen Spuk gestellt.

Und wiederum sah er ein Gesicht in den roten Kreisen. Wo hatte er das Gesicht gesehen?! Er zermarterte sein Denken, wo waren ihm nur diese trüben Fischaugen begegnet?!

Einige Augenblicke war ihm wunderbar wohl zumute. Er war ganz abgewandt, eine unendlich ferne Hand kam auf ihn zu und er hatte eine Vorstellung, diese Hand müßte ihn führen auf einem Weg voll seltsamer Wunder und Überraschungen. Es rann tröstlich durch seinen Körper, denn er war schon einen weiten Weg gegangen und hatte die Qualen hinter sich. Er mußte immerfort nach der rubinroten Sonne schauen, wieviel Rätsel gab es in Gottes Welt.

»Wenn ich wieder nach Hause komme« – – sprach er mit zerstörter Stimme, »dann – – dann – will ich niemals mehr – – diese – – Heimat – – sehen!«

564 Das Wort Heimat brannte ihm in der Seele, er bäumte sich auf, rasendes Kreisen überschwemmte ihn.

»Die Namen!« hörte er eine Stimme, Madredios, diese Stimme kannte er, sie überbrückte eine Flucht von Jahren.

»Diese – – Heimat!!« brüllte er. Das Blut schoß ihm aus der Nase, er fühlte, wie sein Herz immer langsamer wurde, es war, als ob das Herz einen Kampf schon aufgeben wollte, den das Hirn noch nicht begriffen hatte.

Wenn sie mir wenigstens einen Schluck Wasser – – –

Sie führten ihn hinaus, er fiel immer nach vorn, die Übelkeit wurde unerträglich, das Blut vertrocknete in der Nase und im Rachen, er rang nach Luft.

Er sah noch einmal in den Raum zurück, er sah noch einmal die rote Kugel und sah noch einmal Don José. Die Kugel schwebte über dem Säbelbeinigen. Nie, bis ans Ende der Welt, würde er dieses Bild vergessen.

Dann war plötzlich wieder das Gesicht mit den trüben Fischaugen vor ihm, es wanderte vorüber wie auf einem Band.

Jetzt fiel es ihm ein, das Gesicht gehörte jenem Mann mit der Baskenmütze, den er an der Rheinbrücke niedergeschlagen hatte. Es war schon vorbei, er sank in die frische Luft hinein. Eine Tür wurde zugeschlagen.

»Et maintenant?« fragte der Offizier, der den Bordellwitz erzählt hatte.

»Standrechtlich erschossen!« antwortete der Kultusminister.

»Voilà le sang, monsieur le ministre« sprach er spöttisch und deutet auf einen Fleck in der blauen Litewka. –

– Es kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden, ob man die beiden Gefolterten nun wirklich erschossen hätte, wenn jenes Ereignis nicht eingetreten wäre, das die Absichten der Sepas durchkreuzte und in seinen geheimen Beweggründen nie ganz aufgeklärt worden ist. Fest steht, daß an diesem Abend im Fischerhaus am Rhein ein Rollkommando für einen Sonderauftrag sich bereit hielt. Unter ihnen Doktor Weiß, Dietrich Hagen, Berghaus und der Fischer Kolb. Man wollte gesehen haben, wie ein französischer Capitaine das Haus verließ und sich wieder an Bord des Patrouillenbootes begab. –

Währenddem standen die beiden Gefangenen auf einer alten Bastion, die den Blick freigab in das von den Novembernebeln 565 verhängte Land. Ein Trupp Separatisten wartete, bis das Todesurteil auf Grund des Belagerungszustandes verlesen würde. Sie standen beide aufrecht, so stark war das Leben, so stark waren Willenskraft und Glaube.

Klaus Ringeis wandte sich um und schaute über das Land, durch das die Nebel geisterten. Durch die graue Öde stießen kahle Pappelbäume. Er wußte, daß dort der Rhein vorübertrieb, dunkel und schwer und schweigend. Die Dämmerung fiel ins Land, die Nässe tropfte aus dem Gesträuch.

Er ließ den Blick in der Runde schweifen, der Blick ging wie ein Scheinwerfer seinen kreisenden Weg, nur viel lebendiger, viel erstaunter und viel einsamer.

›Dies ist meine Heimat‹, dachte Klaus Ringeis, ›ein Land mit Nebeln und Nässe, mit ewiger Heimsuchung und mit Verrätern.‹ Er weinte.

Aufrecht stehend, die Hände auf den Rücken gebunden und die Augen in den Nebel gerichtet, weinte er, lautlos und erschüttert. Über das blutbesudelte Gesicht mit seinen Narben und Beulen rann das Heiligtum der Tränen.

Die Raben schrien von den hageren Pappelbäumen.

Er bemerkte nicht die Bewegung unter der Horde, er hörte auch nicht, was verlesen wurde, er war viel zu weit entfernt.

Als er gepackt und gegen die geborstene Ziegelwand gestellt wurde, besaß er keinen Widerstand mehr.

›Sonderbar‹, ging es durch seinen Sinn, ›wie die Raben durch den Nebel rufen‹.

Er sah noch einmal den Fischer Pistorius, den Polizeichef, der den häßlichen Blutfleck auf der Litewka hatte.

Ich glaube, deine Tochter Franziska hat mich geliebt. Eine Erinnerung tauchte auf, daß er sie geküßt hatte, das war auf dem Aalschokker gewesen. Und dann hatte er ihr seine Zaubereien gezeigt. Der Kugeltrick war nicht schlecht, den hatte er vom Großvater, Gott wußte, ob der Revoluzzer damit nicht schon am Rhein geprahlt hatte. Einerlei, der Kugeltrick war gut.

Aber nein, er liebte Franziska nicht, – Josepha, ja – Josepha – wo mochte Josepha sein mit dem goldenen Talisman! –

Es stellten sich sechs Leute mit Karabinern auf, was wollten sie denn? Auf der alten, gesprengten Rheinbastion erschien ein französischer Offizier, Kommandör bei der Zollstation. Er trat zwischen 566 die Separatisten und hatte ein Schriftstück in der Hand. Er zeigte auf die beiden Gefesselten.

»Sind diese dort monsieur Binder und monsieur Ringeis?«

»Zu Befehl, Capitaine!« antwortete der Polizeichef.

»Dann sind sie von mir verhaftet, Sie haben verstanden? Allez!«

Er wandte sich um, vier Poilus erschienen, nahmen die Gefangenen in ihre Mitte und führten sie ab.

Das alles geschah im Zeitraum von zwei Minuten.

Die Separatisten standen da und schauten dem Trupp nach.

»Wer ist denn das gewesen?« fragte Don José.

Der Polizeichef nahm die Mütze ab und fuhr sich über die Stirn.

»Der Kommandör der hiesigen Zollstation. Der Capitaine Marcel Foreste.«

»Das ist ja höchst sonderbar.« –

Die Verhafteten wurden, das wollte der Schließer später beschwören, in einer Zelle untergebracht. Als er abends um neun Uhr nach ihnen schauen wollte, waren sie verschwunden.

Als man es monsieur le Capitaine Marcel Foreste mitteilte, lächelte er boshaft und schüttelte den Kopf.

»Sie sind ein schlechter Kerkermeister, ich muß mir überlegen, was ich mit Ihnen beginne. Wie lange Soldat?«

»Acht Jahre, mon Capitaine

»Im Graben gewesen?«

»Drei Jahre, mon Capitaine. Somme, Loretto, Verdun.«

»Aber Sie haben sich strafbar gemacht. Da, nehmen Sie eine Zigarette.« –

– Wieder setzte nachts ein Dreibord über den Rhein. Fünf verhüllte Gestalten saßen im Boot.

Nur einer kam zurück ins Pfälzische.

Er barg das Boot im Altwasser und verschwand im Fischerhaus. Am Nachmittag des gleichen Tages hatte er seine siebzehnjährige Tochter zu Grabe getragen.

 

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