Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Roland Betsch >

Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

10

In der alten Trinkstube des Weingutes Berghaus in Deidesheim ging es lebhaft zu, dort waren fünf Männer beisammen und tranken einundzwanziger Gerümpel, das war ein Wein, der Kirchenfenster machte und den Temperamenten einheizte. Aber nicht der Wein allein war schuld am Tumult der Geister, mehr noch waren es die Ereignisse des letzten Tages. Zwischen Speyer und Neustadt hatte ein Gefecht mit der »Fliegenden Ems« stattgefunden, das Gesindel war in die Pfanne gehauen, aber der Fortgang der trostlosen Ereignisse konnte nicht aufgehalten werden. Speyer war von den Sepas besetzt, die Proklamierung der Autonomen Pfalz mit dem Präsidenten Heinz Orbis stand bevor, eine Gemeinde nach der andern würde schließlich den Widerstand aufgeben müssen.

Die Revolverrepublik stand vor der Tür. Aus einem Trümmerfeld stieg der Banditenstaat. Es waren unter den Fünfen, die hier am Tisch saßen, zwei, die aussahen, als hätte sie ein Lazarettzug ausgeladen. Einer von ihnen, der Buchdrucker Binder, hatte eine verbundene Hand und sein Gesicht zeigte schwere Kratzwunden. Der Zweite, Klaus Ringeis, zu Besuch beim Fischer Kolb in Sandheim, trug einen blutigen Verband um die Stirn. Sie hatten ein Treffen mit der »Fliegenden Ems« gehabt und konnten etwas erzählen von den Heinzelmännchen, wie das witzige Pfälzer Volk die fragwürdigen Soldaten des Heinz nannte. Fest stand, daß die »Fliegende Ems« ihre erste Niederlage nicht ohne weiteres hinnehmen würde, man mußte sich auf schlimme Folgen gefaßt machen, zumal die Franzmänner drohend im Hintergrund standen und jeden Einzelputsch nach Kräften unterstützten.

Außer den beiden Verwundeten und Bastian Berghaus war noch ein junger Mensch anwesend, der sich merkwürdig still benahm, dessen Gesicht dafür aber eine harte Entschlossenheit verriet. In seinen Augen brannten eine seltsam verborgene Stärke und gleichzeitig ein verläßlicher und fast trostvoller Glaube. Eines war gewiß, auf diesen Schweiger, den sie Doktor Weiß nannten, konnte man sich in ernster Stunde verlassen.

Er saß neben dem Naturforscher Dietrich Hagen, einem Mann in den vierziger Jahren mit einem hintergründigen und entschlossenen Gesicht, aus dem zwei gütige Augen blickten. Etwas Seltsames war an Dietrich Hagen festzustellen, durch sein dunkelblondes Haar 549 nämlich lief, von der Stirn nach dem Hinterkopf, eine silbergraue Strähne. Wer sich an das Sprengattentat auf jenen Straßburger Regiebahnzug erinnerte, wußte vielleicht noch, daß ein Sohn Dietrich Hagens als Aktivist in vorderster Linie bei dieser waghalsigen Tat gestanden hatte.

Genug, diese fünf Männer im besten Sinn des Wortes, saßen um den schweren Tisch und tranken den Einundzwanziger, den ein kolossaler Kellermeister, den sie wegen seines rot angelaufenen und veräderten Gesichtes Radieschen nannten, in einem Tonhafen aus dem Keller holte. Es darf keinen Aufrechten wundern, wenn eine solche Runde trinkfest war und vor der Kraft dieser Engelstränen keine Furcht hatte, dies um so weniger, als gegenüber an der Wand das Bild eines Mannes mit sagenhaft berühmter Weinkehle hing, des Ritters Boos von Waldeck, der einen hohen Reiterstiefel leergetrunken und mit diesem Trinkerstückchen das Dorf Hüffelsheim gewonnen hatte.

Klaus Ringeis aus Sorocaba wollte kein hessisches Dorf gewinnen, wohl aber stach ihn der Hafer, es den andern gleichzutun, und da er wohl den brasilianischen Chika, nicht aber die Kraft des Einundzwanzigers kannte, ergriff ihn bald das Feuer einer stürmischen Begeisterung für die aufrechte Sache. Er stand am Tisch und erzählte von der Pfälzer Kolonie in Südamerika, wie sie dort alle ihr Deutschtum hochhielten und zusammenstünden in Not und Gefahr, in Freud und Leid, im Überfluß und in den Entbehrungen. Ja, und um es gerade herauszusagen, er selbst sei herübergekommen, weil er sich mit der Absicht trage, in seiner eigentlichen Heimat seßhaft zu werden und sich eine deutsche Frau zu nehmen. Keine Schmeichelei, aber was Bastian Berghaus ihm von seinen Plänen erzählt habe, das gefalle ihm ausgezeichnet, und darüber ließe sich reden, madredios, mit Maulbeerbäumen sei wirklich etwas zu machen in der Pfalz mit ihrem kleinen Äquatorklima.

Und Berghaus erzählte, sein Urgroßvater, der schlesische schwarze Husar, habe sich schon mit diesen Plänen getragen, das sei in der Familienchronik nachzulesen. Natürlich habe er nie Zeit gehabt, es hatte immer viel zu viel Arbeit auf dem Weingut gegeben. Auch der Sohn Ewald, dessen Bruder Lothar beim Bau der ersten pfälzischen Eisenbahn als Sektionsingenieur tätig gewesen sei, auch dieser Ewald habe des Vaters Idee übernommen und nicht zur Ausführung gebracht. Und so sei ein Vorsatz wohl lebendig geblieben, aber nie Wirklichkeit geworden, ein Jahrhundert sei darüber vergangen, und immer 550 hätte den Berghaus der Wein mit seiner Mühe und Plage, mit seinem Glück und Gedeihen keine Zeit gelassen, alte Pläne und Vorsätze zur Ausführung zu bringen. Jetzt war der Feind im Land und der Bruderverrat ging um, wie konnte man in so trüben Zeiten an Maulbeerbäume denken!

Sie tranken Luginsland, der drüben von Wachenheim stammte, und dann kam plötzlich Josepha in den dämmerigen Raum. Ja, Josepha war immer noch auf dem Berghausschen Gut, der Weinherbst war längst vorüber, sie war aber geblieben und half im Haushalt, im Garten und in den Geflügelställen. Es war keine Frau im Haus, es waren keine Söhne mehr da, man konnte ein junges Mädchen gut gebrauchen, da war also Josepha geblieben, und der Vater Kolb hatte nichts dagegen. Nein, sie solle die Nase ruhig einmal ins Leben hinausstrecken.

Lieber Gott, sie war siebzehn Jahre alt, sie ging ihre besonderen, rätselhaften Wege. Sie war schweigsam und wie eine Katze, plötzlich war sie da, und plötzlich war sie wieder verschwunden, immer aber tauchte sie in der Nähe des Bastian Berghaus auf, sie war wie sein Schatten fast, unergründlich in den Regungen ihres Mädchenherzens. Es war ihr selbst ein Rätsel, warum sie diesem Mann, der ein halbes Menschenalter über ihr stand, so anhing, es ging etwas aus von seinem Wesen, das sie magnetisch anzog. Sie hatte den großen Altersunterschied vollkommen vergessen, und wenn sie nachts im Bett aufwachte, dann stand er unsichtbar in der kleinen Kammer und erzählte ihr Wunderbegebenheiten, die er auf seinen weiten Reisen gehabt hatte und die sein ganzes Wesen so schmerzlich verlockend umrankten, daß sie wie gebannt war von seiner Persönlichkeit. Sie fühlte ihn; seine Nähe gab ihr eine glückselige Zufriedenheit, sie sagte sich, daß es wohl Liebe sein müßte, was sie für ihn empfand, oder auch etwas anderes, sie wußte es selber nicht.

Wer verstand Josepha, dieses Kind vom Strom mit den dunkel entschlossenen Augen und mit der Leidenschaft des Herzens! Da stand sie jetzt, plötzlich war sie gekommen, unhörbar hatte sich die Tür geöffnet.

Sie trug ein Paket in den Händen, sie war erhitzt, ihr Atem flog und das Haar war zerzaust.

Berghaus sprang vom Tisch auf und nahm ihr das Paket ab.

»Josepha, bist du da?«

»Ja, es ist gut gegangen.«

551 Sie brachte Flugblätter gegen die Separatisten aus dem Rechtsrheinischen. Bei Speyer war sie mit der Fähre über den Rhein und dann mit dem Fahrrad bis Deidesheim gekommen.

Berghaus öffnete das Paket, er nahm ein Flugblatt und las es vor. Am Kopf stand fett gedruckt: Auf jede mögliche Weise zu verbreiten!

Das Blatt enthielt die Aufforderung an das pfälzische Volk, sich nicht länger von dem Sepagesindel terrorisieren zu lassen und das Joch abzuschütteln.

»Komm zu uns an den Tisch, Josepha«, sprach Berghaus, »der unbekannte Soldat gehört in unsere Mitte.«

Sie kam an den Tisch, er griff nach ihrer Hand und zog sie auf einen Stuhl nieder. Die Flugblätter verschloß er in eine Schublade.

Der Brasilianer betrachtete Josepha mit strahlendem Wohlgefallen, er rückte und zerrte an der blutigen Binde, er war nicht mehr ganz nüchtern. Da saß sie jetzt plötzlich an seiner Seite, ›Caramba‹, dachte er, ›sie wäre doch die rechte Frau für mich‹.

»Ha ha«, rief er ganz laut und drehte an seinen Brillantringen, »das müßte eine brauchbare Sache sein, wenn wieder einer seine Base vom Rhein holte, ha ha, morte e diabo. Josepha, willst du einen Ring? Hier, du sollst ihn haben.«

Er nahm einen Ring vom kleinen Finger und gab ihn Josepha.

Sie lachte ihn an, lautlos und mit einem Seitenblick auf Berghaus.

Sie sprachen von weiteren Flugblättern, die gegen die separatistische Regierung gedruckt werden müßten. Der Buchdrucker wollte jetzt nachts solche Flugblätter selber drucken, sie müßten dann im ganzen Land verbreitet werden. Ob es denn genügend Leute gäbe, die das Wagnis unternähmen? Genug, bis zu den Schülern herab würden sie sich zur Verfügung stellen.

»Ich habe noch einen Sohn«, sprach Dietrich Hagen, »er ist fünfzehn, aber er spuckt dem Teufel in die Bohnensuppe.«

Und jetzt sprach Doktor Weiß endlich einen Satz, einen kurzen Satz nur, aber er besagte viel.

»Man muß das Haupt treffen«, sprach er.

Sie schauten ihn an und antworteten nicht, aber sie wußten, was er meinte.

Das Radieschen kam aus dem Keller. Er stand breit da und gewaltig, ein Riese aus unterirdischem Gelaß.

»Der Marquis d'Orbis ist gefährlich«, sprach Dietrich Hagen, »er 552 reitet seine eigene Schule, er ist gewalttätig und voller Herrschsucht, daher auch die Weiber hinter ihm her sind. Sein verdächtiger Bart ist rötlich, er hat magere Hände mit langen Zeigefingern und trinkt selten über den Durst. Er liebt die Phrasen und die auffallende Kleidung, nicht mehr lange, und er wird wieder seine Tatarenpelzmütze tragen.«

Berghaus meinte, ob denn der Tatar aus den Gräbern aufstiege, sie hätten ja die Tataren und Kirgisen und Kalmücken im Land gehabt 1814, als der Sacken mit seinem russischen Korps über den Rhein sei.

»Hier in diesem Raum hat ein russischer Kosakengeneral seine gute Erziehung vergessen. Er hat auch einen Kosakenoffizier erschießen lassen. Ha ha ha, und meine leibhaftige Urgroßmutter ist als Kosakenoffizier geritten.«

Ringeis hob das Glas. »Deus me livre, das ist ein fettes Märchen.«

Berghaus schlug auf den Tisch, daß die Gläser wackelten.

»Du glaubst es nicht? Ich sage dir, der Kosak liegt noch droben in der Rumpelkammer.«

»Ho ho hoo, Kosakengerümpel. Der Kosak in der Mottenkiste.«

Sie lachten alle, denn der Einundzwanziger ließ seine Teufel aus den Flaschenhälsen.

»Auch ein unbekannter Soldat«, sprach Berghaus und schaute Josepha an.

»Josepha«, rief Ringeis, »wenn Anno 1814 eine Berghaus als Kosak und unbekannter Soldat geritten ist, dann müßte auch dir der bunte Rock gut zu Gesicht stehen.«

Berghaus erhob sich, er hatte eine unklare Vorstellung, die Vergangenheit bedrängte ihn, er sah ein abenteuerliches Bild.

»Josepha, komm mit mir, wir wollen ihnen ein Schauspiel geben.«

Er ging mit ihr hinaus, die Tür stand offen, er hörte, wie sie ihnen weinselig und belustigt nachriefen.

»Ein Schauspiel zwischen Fässern, ein Russenstück. Der Kosak und der Marquis d'Orbis. Wo ist der nächste Diebsgalgen, es müssen noch viele Menschenglocken im Winde schaukeln. Einen Titel für das Schauspiel. Gebt der Szene einen Namen.«

»Der rote Marquis!« rief Klaus Ringeis und reckte den Hals, um nach den verklingenden Schritten zu hören.

Doktor Weiß lehnte sich zurück, er schaukelte mit dem Stuhl hin 553 und her, er sprach es so dahin: »Gut gesagt, aber ein Buchstabe ist falsch.«

»Ein Buchstabe? Amigo, kommt es auf einen Buchstaben an? Der rote Marquis, habe ich so gesagt?«

»Der tote Marquis«, antwortete Doktor Weiß.

Der Satz war gefallen, sie schauten sich gegenseitig an, sie sprachen nichts. Doktor Weiß schaukelte mit dem Stuhl, verdammte Angewohnheit, er würde noch umkippen, das ging immer nur um Haaresbreite.

Mochten es manche Waschweiber verdammen, aber es war wirklich gut, einmal mit dem Wein eine liebevolle Stunde zu feiern, mehr noch in einer Zeit, wo man Tag und Nacht zwischen Bajonett und Reitpeitsche stand und nicht wußte, ob der Nachbar noch ein Freund oder schon ein Schurke war.

»Kinder«, meinte der Buchdrucker, »wenn man diesen Häfeleswein mit Geld bezahlen wollte, man müßte es in Waschkörben herbeitragen. Schaut mich an, ich bin ein Billionär, aber nie in meinem Leben bin ich so arm gewesen.«

Klaus Ringeis drehte das Glas in den Händen, ihm brauste der Kopf, er war im Augenblick Schiffschaukel gefahren; jetzt sah er die Beulen im Gesicht des Buchdruckers, Mord und kaputt, wie sah der Mann aus.

Plötzlich fiel ihm Don José ein, er bekam einen sonderbaren Geschmack in den Mund, ihm graute, sich vorzustellen, daß ein Mensch, der vordem sich sein Freund genannt hatte, nun unter die Raben gegangen war. Gab es denn wirklich auf der Welt solche Stinktiere, die wegen eines Weibsbildes den letzten Rest von Vernunft verloren! Mußte einer aus Brasilien herüberkommen, wochenlang über die atlantische Waschbütte schippern, um dann nichts zu werden als ein elender Verräter!

Einer unter den Zechern fing an, das Lied von der Annemarie vor sich hinzusingen. Ringeis sickerte Blut durch den Verband, ihm war verdammt heiß, er öffnete das Hemd und reckte die Arme. Die Krawatte hing herunter, den Salamander steckte er an den Rockaufschlag, unter dem Hemd sah man etwas Goldenes funkeln.

Da kam der Kosak. Nein, nicht der Kosak, der unbekannte Soldat. Er trat mitten unter sie, lächelnd und mit niedergeschlagenen Augen, jung und voll inneren Feuers, die dunklen Haare quollen unter einer Husarenfeldmütze hervor.

»Josepha!« entfuhr es Klaus Ringeis, mehr sprach er nicht, der 554 Mund blieb halb offen stehen, er griff sich staunend an die blutverkrustete Stirn.

Sie trug die dunkelgrüne Uniform von 1814 mit roten Aufschlägen und die Tuchpantalons mit den wunderlichen Knöpfen. Da stand sie in der Dämmerung des Raumes, im Gürtel eine Pistole, sie wirkte wie eine Erscheinung aus anderer Zeit, nichts an ihr hinterließ den Eindruck einer Maskerade oder eines billigen Mummenschanzes. Der über hundertjährige Soldatenrock, zerfressen und gebleicht, ohne Abzeichen, aber mit den breiten Achselstücken, mit matten Knöpfen und zerfransten Nähten, dieser tote Zeuge einer versunkenen Epoche wurde magisch erweckt am schlanken Körper des jungen Mädchens, das ihn mit so lieblichem Anstand trug. Hier produzierte sich keine Figur aus einer Weinkellerkomödie, was in der Dämmerung stand, war ein Soldat, zauberhaft lebendig geworden und wie aus der unsterblichen Erde gewachsen.

So kam es auch, daß sie alle stillblieben und nur voll Staunens waren, ja, es war fast wie Ergriffenheit, was sie packte, als sie das Mädchen sahen, das selbst von einem unerklärlichen Feuer durchglüht wurde und unbeweglich stand, ein unbeschreiblich anmutiges und doch kraftvolles Sinnbild des ewigen Soldaten.

Bastian Berghaus war im Hintergrund geblieben, unbeweglich, es mochte sein, daß der Wein einen Teil der Schuld trug, daß sie alle so unerklärlich feierlich gestimmt waren.

»Ich habe manchmal sonderbare Gesichte«, sprach Doktor Weiß endlich und stützte den Kopf in beide Hände, »Soldat Josepha, ich habe Angst um dich, du solltest hinauf in deine Kammer gehen.«

Sie verstand ihn nicht, sie wußten auch nicht, warum er plötzlich nachdenklich wurde. In seinem Gesicht stand groß und unverhüllt die Trauer.

Es geschah jetzt etwas Seltsames. Klaus Ringeis nämlich trat vor den Kosaken Josepha hin, er griff an seine entblößte Brust und zog einen goldenen Schmuck hervor, eine Kette mit einem münzenähnlichen Amulett.

»Dies ist ein Talisman, den mein Großvater mit nach Brasilien gebracht hat, er muß damals in der pfälzischen Revoluzzerzeit eine bedeutsame Rolle gespielt haben; welche, das hat der alte Freischärler aber nie erzählt.«

Er betrachtete noch einmal die Münze, sie zeigte auf der Vorderseite das russische Kreuz und einen russischen Spruch, der nur noch 555 undeutlich zu lesen war. Er nahm die Kette und hing sie Josepha um den Hals.

»Ich schenke sie dir, Kosak Josepha, der Talisman soll dir Glück bringen.«

Doktor Weiß fuhr erschrocken hoch und hob wie abwehrend eine Hand hoch.

»Du bist noch zu jung, Josepha. Geh hinauf in deine Kammer!«

Berghaus kam an den Tisch. »Der Wein hat ihn melancholisch gemacht«, sprach er scherzend, »ich will euch meine beste Flasche holen.«

Er ging durch die hintere Tür, Josepha wollte ihm folgen, er bedeutete ihr aber, zu bleiben. Sie hörte ihn über die alte Steintreppe in das Gewölbe hinuntersteigen.

Josepha ging noch einige Schritte auf die Tür zu, alle waren plötzlich schweigsam geworden.

Es herrschte eine seltsame Beklommenheit im Raum.

Josepha wandte sich um und schaute angstvoll lauschend nach der Eingangstür. Der goldene Schmuck funkelte auf dem gebleichten Tuch des Waffenrockes.

In diesem Augenblick geschah blitzschnell der Überfall. Vom Hof her kamen Schüsse, man hörte Stimmenlärm, Schreien und Kommandorufe.

»Der Verrat geht um«, sprach Doktor Weiß und griff gefaßt zur Pistole. Die andern folgten, der Kellermeister wollte die Tür verschließen, da wurde sie aufgerissen und eine Horde von Sepaleuten drang mit vorgehaltenen Waffen herein.

Die »Fliegende Ems«.

Voran der »Kapitän« mit wutverzerrtem Gesicht.

Hinterher Oberleutnant Bratek, den Arm in der Binde.

Klaus Ringeis sprang gegen die Angreifer, er hob den Arm mit der Pistole – – der Arm sank herab.

»José?!« Er taumelte zurück, so entsetzlich war ihm der Anblick, eine Weile standen sie sich gegenüber, es waren nur wenige Sekunden, aber Klaus sah das düster verschlagene Gesicht, er sah die schwarzen Borsten über der Nasenwurzel, die Ohrringe sah er und den ganzen kantigen Kopf. Er sah auch, wie José etwas Speichel zwischen den Lippen hervorpreßte.

›Wie war es möglich, daß dieser sich einmal mein Freund nannte‹, dachte er blitzschnell; ›war ich von Gott verlassen, als mich dieses Gesicht nicht warnte?!‹

556 Zwischen solchen Vorstellungen hörte er Schüsse, Kampfgetümmel, Schreie.

Don José stieß vor. »Desgracado cachorro!« kam es heiser und schaumig von seinen Lippen. Klaus wollte den Arm mit der Pistole heben, da traf ihn von hinten ein Schlag auf den Kopf. Jemand riß ihm die Binde herunter, er fühlte warmes Blut über die Stirn rinnen, – – er drehte sich wankend um, zwei fielen über ihn her.

Bevor ihm schwarz vor den Augen wurde, sah er noch den Kosaken Josepha hoch aufgerichtet, mit gebreiteten Armen vor der Tür stehen, die zum Weinkeller führte.

Er sah noch den goldenen Schmuck, dann sank er zusammen.

Sie schleppten ihn hinaus.

Dietrich Hagen wurde überwältigt, der Buchdrucker war schon fort, Doktor Weiß rang mit einem Sepamann, sie wälzten sich auf dem Boden. Doktor Weiß hatte ihn bei der Kehle gepackt, er drückte mit Gewalt zu, er sah eine Zunge, die sich röchelnd aus dem offenen Mund hervorschob, da fielen sie über ihn her, vier, fünf, sechs Mann.

Sie stießen ihn hinaus.

»Josepha!« rief er noch und wollte sich umwenden, ein furchtbarer Schlag traf ihn mitten ins Gesicht.

Der Kapitän und José waren noch übriggeblieben, sie standen mitten im Raum und starrten nach der Tür, wo der Soldat mit gebreiteten Armen stand.

»Josepha!!« Die Stimme kam aus dem Keller. Es wurde heftig gegen die verschlossene Tür gepocht.

»Gib den Weg frei!« rief der Kapitän, »wie kommst du in die alte Kluft hinein?«

»Schau doch, sie ist ein Frauenzimmer«, fiel José ein und sprang vor. »Josepha ist das vom Rhein. Bist du auch so eine?«

»Ein Frauenzimmer, Grind und Galgen!«

»Von der Tür weg!«

Als der Kapitän auf Josepha zukam, griff sie in den Gürtel und zog die Pistole.

Da drückte der Kapitän ab.

Sie fühlte deutlich, wie schwer sie getroffen war. Sie reckte sich noch einmal hoch, die Augen wurden unheilvoll groß, die Lippen schoben sich auseinander, die Waffe fiel zu Boden, mit beiden Händen suchte sie eine Stütze an der Tür.

557 »Bei der heiligen Jungfrau, niemand darf durch diese Tür!!«

Sie sank langsam zusammen, die Augen immer noch geöffnet, Blut quoll hellrot und blasig aus dem Mund.

Im Niederbrechen sprang José auf sie zu und riß ihr die goldene Kette mit der Münze vom Hals.

Da kamen das Gesinde des Hofes und Bewohner aus der Nachbarschaft zu Hilfe, sie stürmten die Treppe herunter.

Die zwei flohen durch die eingeschlagenen Fenster. Die Verfolger hinterher.

Man hörte Schüsse und Schreie, ein wüster Tumult entstand. Lastwagen rumpelten über das Pflaster, dann war es still.

Bastian Berghaus hatte die Kellertür eingeschlagen.

Als er hereinwollte, sah er den Kosaken vor der Schwelle liegen.

»Josepha!«

Er kniete nieder und nahm sie in die Arme, er tilgte die blutigen Todesmale aus ihren Lippen. Sie atmete noch, aber er hörte deutlich die Stimmen des verlöschenden Lebens.

Jetzt schlug sie die Augen auf, unbeschreiblich war der Blick, mit dem sie ihn anschaute.

Sie nahm alle Kraft zusammen und richtete sich ein letztes Mal hoch. Er stützte sie, ihr Kopf sank welk gegen seine Brust. Was sie sprach, kam aus einer weiten Ferne.

»Ich habe immer gemeint, das – – müßte furchtbar weh tun, es ist ja – – gar – – nicht – – so schwer!«

Sie schaute zu ihm auf, die Augen wurden ganz klar, aus ihrem schwindenden Glanz brachen zwei glitzernde Tränen.

Da beugte er sich nieder und küßte sie wie ein Vater auf den Mund, er schmeckte die Süße des Blutes, sie umschlang ihn mit beiden Armen.

Als er ihren Kopf zurückbeugte, sah er, daß sie tot war.

Da trug er sie hinaus, schritt mit ihr über den Hof, wo Menschen gaffend standen und brachte sie hinauf in sein Zimmer. Dort bahrte er sie auf; er zündete Kerzen an und stellte sie so, daß sie ihr Gesicht beleuchteten.

»Sie war ja noch ein Kind«, sprach er müde.

Er blieb die ganze Nacht bei ihr.

Es war unsagbar feierlich, wie sie dalag, ein toter Soldat, den süßen Schmelz der Jugend noch im erloschenen Antlitz. – –

– – Im Morgengrauen flüchtete Berghaus über den Rhein. 558

 

 << Kapitel 54  Kapitel 56 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.