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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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8

Klaus Ringeis kam mit dem Fahrrad von Deidesheim, er hatte dort Bastian Berghaus besucht, es waren zwei schöne Tage gewesen, auch wenn der Feind im Lande war. Der Weinherbst ging dem Ende entgegen, noch waren die Oktobertage sonnig, im Wingert hing schwer die letzte Frucht. Morgens zogen Schwärme von Menschen hinaus, zwischen den Wingertzeilen regte sich geschäftig das Leben. Die Ernte des Jahres fiel in Bütten und Eimer, die Traubenmühlen rasselten, Kühe brüllten und manchmal wagte sich ein Lied scheu und voll verborgener Bangnis in das gelbe Licht des herbstlichen Tages. Abends zogen die Menschen nach Hause, Kuhgespanne schwankten über holperiges Dorfstraßenpflaster, Rauch stieg aus Kaminen und die letzten Fliegenschwärme umsummten Mensch und Getier. Und nachts regten sich die uralten Keltern, der neue Wein floß aus gepreßter Frucht und wurde durch Schläuche in die Fässer geleitet, die unterirdisch erwacht waren und aus denen das Summen und Sausen des rebellischen Rebensaftes stieg.

Es waren die braunen unersättlichen Herbsttage, aber es wollte keine frohe Stimmung aufkommen. Der passive Widerstand war zu Ende, man hatte überall auf Erleichterungen gehofft und auf eine Entspannung der drückenden Verhältnisse gewartet, es war aber nichts eingetreten, was zuversichtlich hätte stimmen können. Im Gegenteil, die Not wuchs von Tag zu Tag, die Ausweisungen wurden fortgesetzt, die Erwerbslosenziffern stiegen, die Unzufriedenheit und politische Zersplitterung nahm zu. Das unselige Parteigezänk verseuchte die Menschen, dunkle Kräfte waren am Werk, ein zertretenes und zermürbtes Land zu verkaufen. Wieder ging das Gespenst des Pufferstaates um, und es fehlte hinter den Kulissen nicht an ehrgeizigen, verblendeten und profitgierigen Drahtziehern, die es verstanden, die schwache Entschlußkraft der Regierungen, die am Ende ihrer Kräfte waren, für ihre Zwecke geschickt auszunützen. Man schämte sich nicht, dem Volke vorzulügen, es sei vom rechtsrheinischen Deutschland aufgegeben worden und tue gut, sich auf eigene Füße zu stellen, wenn auch unter französischem Schutz und unter den Segnungen der welschen Kultur.

Der Separatismus regte sich in gewandelter Form. Mehrmals vom Volke abgelehnt, versuchte er in neuer Gefolgschaft zu marschieren, verkappt noch und durch Larven getarnt, angeführt aber von einem 529 Menschen, der unheilvollen Einfluß auf alle Halbgebildeten besaß und der es durch seine temperamentvollen, heißblütigen, wenn auch inhaltlosen Reden verstand, immer mehr Anhänger zu gewinnen. Eine Zeitung, von französischem Geld gestützt und mit lügnerisch gefärbten Meldungen gespickt, war verräterisch am Werke, und da das abgedrosselte Land mit seinen, unter schärfster Zensur stehenden Zeitungen, die Wahrheit über die tatsächlichen Vorgänge in Deutschland nicht mehr erfuhr, konnte das Gift der Lügenpresse um so zersetzender wirken. Es stand schlimm um das besetzte Gebiet in diesen Wochen. Tirard und Maurice Barrès holten zum entscheidenden Schlage aus, das Opfer lag am Boden, es galt nur, im rechten Augenblick die Falle zu schließen.

Le rhin, une victoire allemande! hatte einmal ein Franzose gesagt, dieser Sieg mußte jetzt endgültig in eine Niederlage verwandelt werden.

Maurice Barrès, der bengalisch beleuchtete Kammerredner, der Literat und Politiker, der ruhmsüchtige Gallier, war auf dem Sprung.

Bedrohlich groß trat das tragische Geschick der Rheinprovinzen wieder auf den Plan, sein Gewand war rot vom Blut der Gemordeten und schwarz von der Trauer eines Landes, dem Gott eine so paradiesische Schönheit und ein so friedloses Leben gegeben hatte.

Es stand schlimm um die Pfalz in diesen Wochen, der Begriff des französischen Glacis tauchte wieder auf, die Schattenhand aus dem Westen griff herüber, Tirards schwarze Raben erschienen am Horizont.

Aber die Aufrechten standen, eine Mauer wuchs dem Unrat entgegen, der hohe Glaube überfackelte den glimmenden Verrat. Klaus Ringeis fuhr durch die Weinberge, er war zuversichtlich und guter Dinge, denn hier war wirklich der Garten Gottes, ein Stück Heimat, das einem überraschend schnell ans Herz gewachsen war. Hier zu bleiben und ein großes Gut zu betreiben, erschien ihm nicht wenig verlockend. Wenn er an das Weingut Bastian Berghaus dachte, schlug ihm das Herz höher, und wenn er sich gar mit den kühnen Plänen dieses rastlos tätigen Mannes befaßte, wenn er sich die geplanten Obstplantagen nach kalifornischem Muster und die gewaltigen Maulbeerbaumanlagen längs des Gebirges vorstellte, dann konnte er sich wohl denken, daß er hier bliebe für sein ganzes Leben, in einem Land, das seine Vorfahren in der Not verlassen hatten, das jetzt wieder in der gleichen Weise und Schändlichkeit heimgesucht wurde und in dem 530 man sich dennoch so merkwürdig tief zu Hause fühlte. Er fuhr immer rascher, froh bewegt und von kühnen Träumen geleitet, sein Unternehmungsgeist und sein jugendliches Draufgängertum malten ihm verlockende Bilder, er vergaß die Not der Zeit über der Schönheit der göttlichen Heimat und fuhr wie in einen verzauberten Garten hinein.

Als er an den Rhein kam und sein Rad in den Schuppen des Fischerhauses stellte, sah er Josepha aus dem Haus kommen.

Lieber Gott, was für ein sonderbares Mädel war sie doch, da kam sie jetzt mit gesenktem Kopf herbei, schlank und wie eine Katze geschmeidig, mit jenem wiegenden Gang, der den Körper bei jedem Schritt nach vorn hob. Als sie vor ihm stand, schleuderte sie die schwarzen Haare aus dem Gesicht und schaute ihn aus den unergründlichen Augen an.

»Du bist in Deidesheim gewesen?«

»Ja, Josepha, ich war bei Bastian Berghaus.«

Ihr Blick wurde flackernd, er sah, wie ihre Lippen vor Erregung zitterten.

»Warum hast du mich nicht mitgenommen?«

»Josepha, woher soll ich wissen, daß du mitwolltest? Ihr habt doch Arbeit hier.«

»Meine Geschwister sind auch noch da.«

»Aber die müssen doch noch zur Schule, sie sind ja den ganzen Tag über fort.«

»Sei still, du hast dich heimlich davongemacht. Du wolltest mich nicht mitnehmen.«

»Du hast dir bis jetzt nicht viel aus mir gemacht, Josepha.«

»Muß man gleich verrückt in dich sein, weil du aus Brasilien kommst? Ich mag dich ganz gern, aber ich könnte dich nicht lieb haben.«

»Danke für das offene Wort. Und warum nicht, wenn man fragen darf?«

»Das weiß ich selber nicht, Klaus. Aber ich hasse dich jetzt, weil du mich nicht mitgenommen hast. Ich will dich nicht mehr sehen, warum bist du überhaupt gekommen? Geh doch zur Fränz, die ist ganz toll nach dir. Ich will dich nicht, bilde dir nur nichts ein.«

Klaus Ringeis schaute sie verwundert an, was wollte die Katze von ihm? Er sah, wie ihre Augen glänzten, es waren aber die ausbrechenden Tränen, die sie mit Gewalt zurückhalten wollte.

»Warum weinst du denn, Josepha?«

»Ich weine doch nicht, du Gummisammler.«

531 »Bei uns in Brasilien nennt man das weinen.«

Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, dann strich sie die Haare zurück, ihr Mund war rot und feucht geworden, die Lippen öffneten sich, denn ihr Atem flog rasch und unruhig.

»Sind sie drüben noch beim Herbsten?«

»Natürlich sind sie beim Herbsten, es fehlt nur an den richtigen Leuten. So ein paar Mädel wie die Josepha sollte man haben, hat Bastian Berghaus gesagt.«

Sie fuhr wie unter einem Schlag zusammen, sie antwortete nicht gleich, erst nach einer Weile fragte sie, mit Gewalt sich beherrschend.

»Du lügst ja, eine Schande wie du lügst!«

»Ich lüge nicht, er hat es gesagt.«

Sie kam zu ihm und griff nach seiner Hand. Sie lächelte ihn an.

»Hat er das gesagt, auf Ehr' und Gewissen?«

»Auf Ehr' und Gewissen, Josepha.«

Er packte ihre Hand fester und wollte sie an sich ziehen. Sie riß sich los und wich zurück, dabei warf sie den Kopf nach hinten.

»Ich bin nicht so eine, wie du dir vorstellst.«

Er zog den Hosengürtel höher und lachte sie voll an.

»Meinst du, ich achte dich so niedrig? Da hat sich schon einmal ein Ringeis seine Base nach Brasilien geholt und dort geheiratet. Er hieß Klaus wie ich und war mein Großvater. Und die Base hieß Josepha, wie du. Ha ha ha, was sagst du dazu? Mein Großvater, der Revoluzzer, Gott habe ihn selig, hat Wunderdinge erzählt, mußt nicht meinen, daß ich hier fremd bin. Daß du nichts von mir wissen willst, das merkt ein Gummisucher im Handumdrehen.«

»Ich habe nicht gesagt, daß ich nichts von dir wissen will.«

»So, hast du das nicht?« Er fingerte an der goldenen Salamandernadel herum. »Mir kommt das aber verflucht so vor. Was sagst du denn dazu, wenn ich dir erkläre, daß ich die Absicht habe, in Deutschland zu bleiben? Hier in der herrlichen Pfalz, madre santissima, ich habe die größte Lust, so ein Bugio bin ich.«

Josepha hörte nur halb, was er zu ihr sprach, sie hatte ihre Gedanken woanders. Ein Vorsatz tauchte in ihr auf und beschäftigte sie, der Vorsatz nahm so feste Gestalt an, daß sie sich nicht mehr von ihm lösen konnte.

»Hat Bastian Berghaus wirklich gesagt – –?«

»Soll ich dir das schriftlich bringen? Du redest ja von ganz andern Dingen, kannst nicht mal deine Gedanken zusammenhalten.«

532 »Ich habe gesagt, daß ich dich nicht mehr sehen will. Geh' zur Fränz, die schläft schon nachts nicht mehr vor lauter Tollheit nach dir.«

»Ich will dir nicht mehr im Wege sein, ich kann gut zur Fränz gehen, jawohl, das kann ich, até volta!«

Wieder zog er den Riemen höher, wandte sich um und ging. Als er ein paar Schritte fort war, lief sie ihm nach.

»Du, warte mal, mußt jetzt nicht den bösen Mann spielen.«

Er ging weiter, sie hielt ihn am Rockärmel, und weil er mächtig große Schritte machte, trippelte sie neben ihm her, immerfort auf ihn einredend.

»Ich muß dir noch etwas sagen, Klaus, willst du nicht mal zuhören, was ich dir zu sagen habe, es ist nur ein kleiner Liebesdienst – – lauf mir doch nicht davon!«

Er blieb mit einem Ruck stehen.

»Liebesdienst?«

»Hör' mal zu: wenn sie drüben beim Herbsten Mädchen brauchen, dann könnte ich doch hinübergehen, verstehst du das nicht? Ich habe hier jetzt wenig Arbeit – –«

»Wenig Arbeit? Der Vater geht doch noch einmal auf den Aalfang.«

»Recht, aber dabei hilfst doch du ihm. Und mein Bruder kann auch helfen. Ich – – ich kann keine Aale anfassen.«

Sie wurde ganz hilflos und verlegen, das Blut brannte in ihren Wangen, sie stotterte die Worte aufgeregt hervor.

»Paß mal auf, wenn ich Vater frage, dann läßt er mich vielleicht nicht fort. Und wenn ich heimlich gehe, dann wissen sie zu Hause nicht, wo ich bin. Und – – und darum bitte ich dich, wenn ich erst fort bin, Vater zu sagen, daß ich hinüber nach Deidesheim bin, verstehst du mich, – – um dort zu helfen – – du mußt jetzt nicht lachen, das ist nicht höflich, du bist kein Caballero, nein, das bist du wirklich nicht!«

»Josepha, was ist denn los mit dir?«

Jetzt konnte sie sich nicht mehr halten, sie legte die flachen Hände auf seine Schultern und stützte den Kopf gegen seine Brust.

Er hörte sie weinen, sie war ganz aufgelöst, ihr Körper bebte und zitterte. Er strich ihr durch die dunklen Haare.

»Wen liebst du – – denn eigentlich, Josepha?«

Sie schaute auf, ihre Glutaugen schwammen in Nässe, Tränenrinnsale liefen über die Wangen.

533 »Das – weiß ich nicht, Klaus, du – darfst mich nicht fragen. Ich weiß das – ja selbst nicht, ich – ich glaube, ich gehe noch ins Wasser. Paß auf, ihr zieht mich noch aus dem Rhein.«

Es rann immer noch aus ihren Augen und sie mußte die Nase hochziehen.

»Putz dir mal die Nase, Josepha!«

»Ich habe kein Taschentuch.«

»Da, nimm meins.«

Als sie die Nase geputzt und das Gesicht getrocknet hatte, war sie wieder ruhig und sprach:

»Sag' mal, Klaus, willst du das für mich tun?«

»Natürlich, Josepha, natürlich will ich es tun.«

»Du pumpst mir doch dein Fahrrad?«

»Natürlich, Josepha, pumpe ich dir mein Fahrrad.«

»Siehst du, da bist du also doch ein anständiger Kerl.«

Sie schlang die Arme um ihn und küßte ihn stürmisch auf den Mund.

Dann ging sie, er schaute ihr noch nach, wie sie mit ihrem federnden Gang dahinschritt. Ihr Kuß brannte verwegen auf seinen Lippen.

Draußen auf dem Rheindamm traf er Franziska und Don José, sie lagen auf der Böschung und schauten nach den Schleppzügen, die mit Kohle und Koks zu Berg gingen. Als er den beiden zurief, drehten sie überrascht die Köpfe. Franziska sprang auf und lief ihm entgegen. Nun geschah etwas Gefährliches.

Klaus Ringeis breitete, mehr aus Übermut, die Arme, und die Fränz, die willkommene Gelegenheit nützend, flog lachend in diese offenen Arme hinein. Und weil sie in den langen Südamerikaner bis über die Ohren verliebt war, hielt sie ihm den üppigen Mund hin, den er, eine angenehme Erinnerung auffrischend, auch nach Herzenslust küßte. Ja, er preßte das blühende Leben fest an sich und fühlte plötzlich, wie es heiß und kalt durch seine Adern lief.

Als sie sich losließen, sahen sie den kleinen Don José neben sich stehen. Seine Augen funkelten bös, steif standen die Haare über der Nasenwurzel, und die Zähne waren in die Unterlippe gegraben.

Beide erschraken vor diesem Blick und vor der stumm drohenden Gebärde.

»José, was für ein Gesicht machst du?« fragte Ringeis und fand, daß dieses Gesicht bestialisch wäre.

534 »Man fürchtet sich ja vor dir.« Die Fränz kam auf ihn zu, er rührte sich nicht. »Bist doch nicht eifersüchtig, weil ich den andern geküßt habe? Komm her, du sollst nicht leer ausgehen.«

Sie wollte den Arm um ihn legen, aber er stieß sie gewaltsam zurück, sie taumelte und stolperte über die Ufersteine. Er setzte die Beine breit, die Luft pfiff durch die kleine Nase.

»Netter Caballero.«

Er antwortete nicht, langsam drehte er sich um und ging mit seinen Säbelbeinen an die Böschung zurück. Dort legte er sich hin, stützte den Kopf auf und kaute an einem Grashalm.

»Du, der ist mächtig eifersüchtig«, sprach die Fränz.

Klaus Ringeis schob beide Daumen hinter den Ledergurt und schüttelte den Kopf.

»So habe ich ihn noch nicht gesehen. Cara do diabo!«

Sie ließen ihn und gingen ein Stück den Damm aufwärts, da kam er ihnen nach. Sein Grimm war verflogen, aber er war farblos im Gesicht, die Augen schienen tiefer zu liegen, er zwang sich ein Lachen ab; er war grundhäßlich.

»Es ist nichts«, sprach er, »ihr dürft das nicht ernst nehmen.«

Er ging an Franziskas Seite, einmal griff er nach ihrer Hand, ließ sie aber gleich wieder los.

Es war ein warmer Herbsttag, die Sonne stand hoch, glitzernd im Spiel der Lichter trieb der Rhein vorüber.

»Es ist alles, wie man's nimmt«, sprach Don José plötzlich ganz unvermittelt, »wenn man deinen Vater hört, dann haben die freien Bauern und die Sonderbündler mit ihrer Autonomen Pfalz auch nicht gerade unrecht.«

Klaus Ringeis blieb überrascht stehen, hatte er denn recht gehört?

»Du tischst uns da ja eine höchst sonderbare Weisheit auf. Was meinst du denn damit?«

»O nichts, es fiel mir nur so ein. Es gibt auch Katzengold in der Welt, verstehst du?«

»Hat dir am Ende mein Vater Raupen in den Kopf gesetzt?«

»Nichts hat dein Vater. Man hat seine Meinung und man hat seine Augen offen. Nichts weiter, ora essa

Sie gingen bis nach Sandheim hinauf, das Dorf lag hinter dem Damm, man sah zwischen Weiden und Erlengehölz die Dächer und den Kirchturm.

»Es kommt mir merkwürdig vor«, sprach Franziska bedrückt, »wie 535 du plötzlich daherredest. Du wirst doch nicht mit Verrätern gehen wollen?«

»Nennst du deinen Vater einen Verräter?« fiel er ihr ins Wort.

»Laß meinen Vater aus dem Spiel. Du weißt, wie es bei uns zu Hause aussieht. Nicht gerade verlockend, das wirst du zugeben. Wenn du nicht bei uns wohntest, würde der Streit kein Ende nehmen. Dabei ist Mutter immer krank, sie braucht viel Ruhe, hat der Arzt gesagt, ihr Herz ist schwach, sie hat schon zuviel mitmachen müssen im Leben. Mein Vater ist immer roh zu uns Kindern gewesen, wir haben eine böse Jugend gehabt, traurig, wenn man das sagen muß. Und immer arbeiten, schon als Kinder, und nirgends hindürfen, und keine gute Stunde zu Hause. Laß meinen Vater aus dem Spiel, ich sage dir nur das eine: du mußt zu uns halten und nicht zu den Lumpen, die ihr Land verraten. Wenn du nicht mehr zu uns hältst, dann kannst du deiner Wege gehen, lieber heute als morgen.«

José antwortete nicht, wieder verfinsterte sich sein Gesicht, er bekam feuchte Mundwinkel, sein Blick wurde tückisch.

»Was soll ich sagen, wenn mich mein bester Freund verrät?«

»Wer verrät dich?«

»Der dort!« Er deutete auf Klaus, dann schob er beide Hände in die Hosentaschen und schlenderte den Damm zurück.

»Du, das ist alles nur Eifersucht, ich glaube, er ist furchtbar verschossen in dich.«

»Da wird er kein Glück haben, Klaus. So finstere Burschen mag ich nicht. Da bist du mir schon lieber. Nimm dich in acht, da kommt er wieder. Du, der hat den bösen Blick. Komm heute nacht um elf auf den Schokker. Psst, Mund halten. Kolb fährt hinaus; um elf Uhr auf dem Schokker. Still, kein Wort mehr.«

Sie ging und schaute sich nicht mehr nach den beiden um.

Klaus Ringeis setzte sich auf den Damm und schaute vor sich hin ins Wasser. José kam herbei und blieb vor ihm stehen.

»Sag mal, José, was ist denn dir in den verdammten Kadaver gefahren?«

»Das wirst du selber wissen.«

»Nichts weiß ich, verstehst du mich, rein gar nichts. Ich bin nicht schuld, wenn die Fränz dein zum Kotzen mürrisches Gesicht nicht will.«

»Nicht nur hier, du nimmst sie mir überall weg. Wo ein Mädel ist, fliegt sie auf dich und ich kann mir den Mund wischen. Auf dem Schiff hast du mir eine weggenommen und in Bremen hast du es 536 nicht besser gemacht. Überall bist du vorne dran mit deinen Spiegelfechtereien. Jetzt hast du mir auch die Fränz genommen.«

Klaus gab keine Antwort, er stopfte die kurze Pfeife, zündete sie an und qualmte drauflos. José pfiff, er pfiff selten.

»Du, steh' mal auf«, sprach er, »ich habe dir einen Vorschlag zu machen.«

»Ich kann deinen Vorschlag auch im Liegen hören.«

»Nein, das kannst du nicht.« Die Stimme steigerte sich und wurde drohend, da sprang Klaus auf die Beine.

Er pfiff immer noch, ein widerwärtiges und giftgeschwollenes Pfeifen.

»Hör' mit der Pfeiferei auf, José!«

»Ich kann pfeifen, so lange ich will.«

»Hör' mit der Pfeiferei auf!!«

Er ging einen Schritt vor, sie stießen fast gegeneinander.

Klaus sah, wie José etwas Speichel vor die Lippen preßte.

»Weißt du noch, Klaus, daß wir drüben immer Ringkampf im freien Stil machten? Ich meine, du wirst dich erinnern, denke nur mal nach.«

»Ich erinnere mich gut, du hast dabei meistens den kürzeren gezogen.«

»Also, dann ist es ja in Ordnung. Dann wirst du wissen, was ich meine, wenn ich dich dazu auffordere.«

»Bist du verrückt geworden? Warum denn?«

»Franziska!«

»Du wirst dir doch nicht einbilden, daß ich hier – –«

»Ich möchte mir nicht einbilden, daß du ein Feigling bist!«

Klaus Ringeis warf den Hut fort und zog blitzschnell den Rock aus. José folgte seinem Beispiel.

»Wenn du das unbedingt willst.«

»Alle Griffe gelten!«

Sie fielen übereinander her, José gelang der schändliche Griff des Schraubstocks, fast wäre Klaus verloren gewesen, er befreite sich mit einem kräftigen Stoß aus der drohenden Klammer. José taumelte, überrascht, weil der andere sich frei gemacht hatte. Diese Überraschung benutzte Klaus zum Doppelnelson, mit inbrünstiger Wucht preßte er des Gegners Halswirbel. José fing schon zu keuchen an; sie sanken zusammen ins Gras, aber Klaus gab den Griff nicht frei. Er drückte Josés Kopf nach vorn auf die Erde, der Druck verstärkte sich, José 537 fühlte, wie ihm schwindelig wurde, eine ekelhafte Leere höhlte ihm den Kopf aus. Bis zuletzt hielt er stand, dann schlug er mit der flachen Hand dreimal auf die Erde, zum Zeichen, daß er sich verloren gäbe.

Sie standen beide auf, hochrot und in wilden Stößen atmend. José war noch halb in die Knie gesunken, er wankte leicht, Schaum stand vor seinem Mund, sein gedunsener Blick war voll Niedertracht.

»Ich denke, daß es ehrlich zugegangen ist«, sprach Klaus und streckte ihm die Hand hin.

José nahm die Hand nicht, er griff nach Hut und Rock und taumelte davon. Als er einige Schritte gegangen war, drehte er sich noch einmal um und rief drohend herüber: »Ich kenne euch alle und eure sauberen Machenschaften auch, nehmt euch in acht vor mir.«

Er verschwand zwischen den Weiden.

Klaus ging den Damm entlang ins Fischerhaus. Er traf dort die Fischerfrau und die beiden Knaben, sie waren fünfzehn und sechzehn Jahre alt.

»Josepha möchte gern nach Deidesheim«, sprach er und hatte den Ringkampf schon wieder halb vergessen. »Laßt sie, es ist gut, wenn sie einmal ein paar Tage aus dem Haus kommt.«

Dann mußte er bei den Knaben mit den Kugeln zaubern. Er war verwundert, weil seine Hände zitterten. –

– Nachts lagen sie wieder mit dem Schokker auf dem Strom, aber sie fingen wenig, die Blätter fielen, die Zeit der Zugaale war vorüber.

Der Fischer Kolb und Klaus hatten das Netz ausgebracht, sie saßen bei der Ankerwinde, das Wasser rauschte zwischen den Netzbalken, Wolken zogen über den schwarzen Himmel, es war kalt und die Nebel schlichen aus den Auwäldern. Über dem Strom lag ein durchsichtiger Schein. Manchmal kam der Scheinwerfer, dann war der Nebel weiß durchflutet und glänzte zauberhaft.

»Josepha ist nach Deidesheim«, sprach Klaus.

Michael Kolb rührte sich nicht. »Wenn das Mädel etwas im Kopf hat«, brummelte er.

Stille. Nur das rauschende Wasser. Plötzlich war Franziska da, wie hergeweht vom Winde. Sie war mit dem Dreibord gekommen, lautlos und schleichend.

»Um elf Uhr kommt Richard«, sprach sie.

»Der verdammte Nebel. Er soll aufpassen, daß er mir nicht ins Netz gerät.« Kolb spuckte und biß an der Pfeife herum. Die Narbe auf der Stirn glänzte.

538 »Es geht immer mehr bergab mit uns«, meinte er und lauschte mit vorgestrecktem Kopf. Es war aber nur Treibholz, das gegen die Schiffswand stieß.

»Er muß warten, bis das Patrouillenboot vorbei ist. Dort ist wieder ein neuer, und die neuen nehmen's scharf.«

Franziska kauerte sich neben Klaus und er fühlte, wie sie zitterte. Da legte er den Arm um sie und preßte sie fest an sich. Sie krümmte sich zusammen und zog das Tuch enger um die Schultern.

»Bei der Kälte im Wasser, brrr!«

Es war kurz vor elf Uhr, wo blieb das Patrouillenboot?

Kolb erhob sich und ging nach Backbord hinüber, um das badische Ufer abzusuchen.

»Du Klaus, ich muß dir was sagen; José ist fort.«

»Das habe ich mir gedacht.«

»Mein Vater ist auch fort, er geht jetzt immer nach Landau. Ich habe manchmal solche Angst, Klaus.«

Sie kroch noch näher auf ihn zu und lehnte den Kopf an seine Schulter.

»Dich friert ja.«

»Ja, mich friert furchtbar.«

Am Mast schaukelte das Licht, die Nebel wehten über das Wasser. Er nahm sie in die Arme, bog ihren Kopf zurück und küßte sie lange, ihr ganzer Körper bebte, die bange Nacht lag schwer über ihnen.

»Ich habe immer gemeint, daß du Josepha – –«

»Josepha will nichts von mir wissen. Sie hat einen andern im Kopf.«

»Ich weiß es, Bastian Berghaus. Sie sagt, er hat die ganze Welt gesehen, und wenn er erzählt, ist sie wie verhext.«

»Er könnte aber doch ihr Vater – – psst, die Marokkos.«

Die Uferwache ging über den Damm, zwei Marokkaner, nichts als schwarze Schatten, von Nebeln überflutet. Jetzt waren sie fort. Dreimal rief eine Eule.

»Klaus, noch einmal sollst du mich ganz fest küssen, hier in der Nacht, und wenn das Wasser immer so rauscht.«

Sie sank ihm entgegen, manchmal meinte sie, die Sterne müßten auf sie niederregnen.

Kolb tauchte auf, er ging zum Klüver und spähte in die Nacht.

»Er kommt«, flüsterte er.

Zwischen Nacht und Nebeln und eilfertigem Wasser tauchte schwer 539 atmend ein Schwimmer auf. Er kletterte ins Netzboot und kam über das Heck an Bord.

Richard Aust. Er hatte den Gummisack, triefend und zitternd sprang er in die Kajüte.

»Gebt mir Tee mit viel Rum. Jetzt geht es schon in die Billionen. Ein Pfund Fleisch kostet vierhundert Milliarden. Sie wollen ein neues Geld machen, eine Rentenmark. Kolb, merke es dir für dein Leben und schreibe es auf für deine Kinder und Kindeskinder: Im Herbst 1923 ist ein Mensch nachts mit 400 Billionen Mark über den Rhein geschwommen. Unsere Enkel wollen etwas zum Staunen haben.«

Er ging in die Koje und packte sich in Decken, eine Hundekälte im Wasser, mit der Schwimmerei war es bald zu Ende.

In die Decke gewickelt, goß er das heiße Getränk hinunter.

Franziska rief von oben, sie sollten aufpassen, das Patrouillenboot käme.

Man hörte das Motorgeräusch. Kolb schloß die Tür zur Koje ab, er verbarg den Gummisack unter dem alten Tauwerk, dann ging er auf Deck.

»Ihr zwei, hinunter in die Kombüse!«

Das französische Wachtboot kam von Germersheim stromauf, der Bugscheinwerfer stieß durch den milchigen Dunst. Lichtkanäle schossen übers Wasser, manchmal fuhr der riesige Kegel über den Himmel und enthüllte dort das finster treibende Gewölk. Das Boot kam längsseit, ein Offizier stieg an Bord.

Michael Kolb kam herbei, sie standen im Wehen der Oktobernacht.

»Herr Capitaine?« sprach Kolb und nahm die Pfeife aus dem Mund. Er sah das kleine Band. Ehrenlegion.

Der Offizier griff an das Käppi.

»Alles in bester Ordnung hier?« fragte er und schaute sich in der Dunkelheit um. »Ihre Mannschaft?«

»In der Kombüse, Herr Capitaine.«

Der Offizier ging hinunter, der Raum war erfüllt von Pfeifenqualm, die alte Petroleumfunzel baumelte an der Decke. Es roch nach Rum und Ruß.

Klaus Ringeis zeigte der Fränze gerade einen neuen Kartentrick. Der Offizier schaute eine Weile lachend zu.

»Varieté an Bord?« sprach er schmunzelnd.

»Herr Capitaine, mein Großvater war ein großartiger Zauberer, 540 er hätte auf jedem Jahrmarkt auftreten können. Wenn Sie eine Sekunde Zeit haben, passen Sie mal auf, dies war sein Meisterstück.«

Er zeigte eine weiße Kugel, schob sie ins linke Ohr, olha puxa, sie kam aus dem rechten Ohr wieder heraus. Er schob sie ins rechte Ohr zurück, mas que coisa, da kam sie im linken Ohr wieder zum Vorschein. Er legte sie auf den Kopf, morra und kaputt, sie war verschwunden. Nein, sie fiel aus dem offenen Mund heraus. Morte e diabo, war das nicht großartig! Der alte Holzkasten schlingerte in der Strömung, man hörte deutlich das Wasser gegen die Bordwände schlagen.

Der Capitaine lachte. »Keine Passagiere sonst an Bord?«

Passagiere? Gott bewahre, nein, da war niemand mehr, aber den Kniff mit der Kugel wolle er ihm gerne verraten.

Der Offizier ging, er verlangte nicht einmal die Identitätskarten. Das Wachtboot fuhr ab, der Fremdling mit dem Kreuz der Ehrenlegion stand am Bug und schaute nachdenklich vor sich hin. Das Wasser glänzte unheimlich zu ihm herauf.

Ohne sich seiner Handlung recht bewußt zu werden, griff er nach dem Band als nach einem äußeren Halt und er hatte die Vorstellung, daß ringsum eine andere Ehrenlegion am Werk wäre, unsichtbar und namenlos. Die ewigen Deutschen.

Immer noch stand er am Bug, aber er war nur noch ein schwarzes Gebilde zwischen Lichtstraßen und Nebelbrauen.

Dann war er ganz verschwunden.

Marcel Foreste.

 

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