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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6

Ein junger Mensch mit Bartstoppeln hatte sich schon vorher vom Trupp abgesondert und ging jetzt auf einen Motorradfahrer zu, der die Brückenauffahrt heraufgekommen war. Sie gaben sich die Hände. Brüder, Richard und Peter Aust. Peter war Journalist bei der Rheinischen Pressekorrespondenz, die linksrheinische Zeitungen mit Nachrichten zu versorgen hatte; derselbe Peter, der in jener Nacht den Eisenbahner bis an den Rhein gebracht hatte. Da war er jetzt wieder zur Stelle, er hatte wohl durch einen seiner Agenten die Nachricht erhalten, daß die Brücke geöffnet wurde.

Ihre Unterhaltung war sehr knapp.

»Es hat diesmal nicht geklappt?« sprach Peter. »Du hast eine Narbe im Gesicht!«

»Sie haben mich zu Hause geschnappt.«

»Pech. Und jetzt?«

499 »Glück gehabt. Wer, meinst du, daß Bahnhofskommandant in Bergweiler ist? Du errätst es nicht: Marcel Foreste!«

»Marcel Foreste, das kann nicht nur Zufall sein.«

»Er hat mich wieder herausgepaukt, ich war in Landau in den Kotlöchern. Du, siehst du das Mädel dort? Mit dem Kopftuch und dem patzigen Gesicht? Das ist die Fränz Pistorius von Sandheim. Sie steht bei uns, der Vater hat die Sepa-Mitgliedskarte, wenn der einmal irgendwie ans Ruder kommt, gnade Gott. Eine schwerkranke Frau im Bett, vier Kinder und keinen rechten Verdienst, was ist schon mit der Fischerei und mit dem bissel Tabakbau!«

Peter Aust schaute hinüber und sah die Fränz bei den Brasilianern stehen, sie war guter Dinge, sie lachte, die schwere Zeit hatte ihr nichts anhaben können.

»Verkauft sie uns am Ende?« fragte Peter Aust mißtrauisch.

»Mensch, eher wird der Papst protestantisch.«

»Ich möchte hier nicht allzulang gesehen sein. Sei heute abend neun Uhr bei der Abwehr, wir haben neue Aufgaben. Flugblätter. Gegen die ›Freie Pfalz‹ und das Echo du Rhin. Auf Wiedersehen!«

Er verschwand im Gedränge, auf dem Motorrad fuhr er davon. Richard Aust ging hinüber zu Franziska.

»Fränz«, fragte er, »was machst du auf der badischen Seite?«

»Eier.«

»Wieviel hast du?«

»Siebenhundert.«

»Eingenäht?«

»Ja.«

»Anilin?«

»Ja. Richard, wie siehst du im Gesicht aus? Hat dich einer –?«

Sie gingen ein Stück abseits.

»Fränz«, sprach er, »in einer halben Stunde kommt Berghaus und bringt noch einmal ein Rockfutter voll. Es sieht trübe aus, sie können auch schon keine Löhne mehr zahlen. Berghaus ist angeschwärzt worden, er hat dem Führer vom Rollkommando 6, der das Sprengstoffattentat auf den Straßburger Zug geleitet hat, Unterschlupf gewährt und ihn mit einem falschen Paß bei Maxau über den Rhein gebracht, sie hätten ihn beinahe geschnappt, er ist der Sohn vom Dietrich Hagen in Speyer, du kennst ihn, Fränz. Sag, kannst du noch zweihundert unterbringen?«

»Ich kann nicht noch mehr nehmen, es fällt auf.«

500 »Wirst du drüben untersucht?«

»Nein, ich kenne den Offizier. Den Douanier auch.«

»Wer sind die beiden Ausländer, die bei dir standen?«

»Brasilianer.«

»Brasilianer?! Die kommen mir verdächtig vor, wollen sie mit Waren durch das Loch?«

»Sie haben ausländische Pässe.«

»Kann man den Burschen trauen?«

Richard Aust musterte von weitem die Brasilianer. Der Große gefiel ihm, hinter den Kleinen war ein Fragezeichen zu setzen. Man lernte Menschen kennen in solchen Zeiten, man gewann eine fast tierische Witterung für das, was krumm und für das, was gerade war. Zum Beispiel stand dort beim Polli-Molli-Mann ein französischer Agent, er hatte schon einige Male forschend herübergeschaut. Ein Deutscher, ein Spitzel, ein Zutreiber, ein Schwein. Er schaute aus trüben Augen wie ein Schellfisch. Mit diesen Schellfischaugen suchte er nach Aufrechten, nach Aktivisten. Er war auf der Jagd nach Rollkommandos, Richard Aust roch es, er hatte eine scharfe Nase und witterte Unrat gegen den Wind. Vorsicht Kinder, der Kerl hatte seine Baskenmütze so komisch sitzen.

Plötzlich standen die Brasilianer da, sie zogen die Hüte und zeigten alle Lust, sich hier anzubiedern, woran aber nur die Fränz schuld war, das Lumpenstück mit dem getupften Kopftuch.

Es stellte sich jetzt endlich heraus, wer die beiden waren, sie nannten nämlich ihre Namen und das wirkte ähnlich, als ob dem andern eine Eiergranate in der Tasche explodierte. Wer war denn der Lange mit seinem eleganten Homespun, mit den noblen Fußmöbeln und dem Salamander auf der seidenen Krawatte?

Antwort, Klaus Ringeis aus Sorocaba bei Sao Paulo in Brasilien, reicher Farmer und Plantagenbesitzer. Seine Vorfahren hatten in einem Fischerhaus am Rhein gelebt, der Urgroßvater war 1806 ausgewandert.

Da stand er jetzt und zeigte die gelben Zahnpallisaden, da stand er, weiß Gott, und sah die erstaunten Gesichter, es war keine geringe Überraschung. So traf man sich an der Rheinbrücke, Herrgotts Unwetter, das war ja fast wie in Port Said, wo die Nationen sich ein Stelldichein gaben.

Auch der Kleine war ein Pfälzer, warum das noch länger verschweigen, er nannte sich Don José, nun, das war eine kleine Laune 501 und Eitelkeit, er hieß Joseph Schott, seine Vorfahren stammten aus Rambach, wo es die schönsten Bürsten und das beste Kirschwasser gab. Die Mutter war aus dem Schwäbischen. Sie pflanzten Kaffee und Baumwolle, aber sie hatten auch Gummisammler, kurz, es herrschte Wohlstand überm Wasser.

Wie aber sah es hier aus! Zum Steinerweichen, so ein getretenes Land. Konnte eine Nation denn so verflucht indianisch skalpiert werden!

»Caramba«, sprach Klaus Ringeis, »ihr pfeift aus dem letzten Loch. Das würde drüben kein vernünftiger Mensch glauben.«

Richard Aust senkte den Kopf.

»Wir können es oft selbst nicht glauben.«

Der Brasilianer sah die rote Spur, die quer über das Gesicht des Eisenbahners lief, etwas Dunkles hielt ihn ab, zu fragen, woher das böse Zeichen käme.

»Es muß immer ein bissel verdreht hergegangen sein im Pfälzer Land, das weiß ich von meinem Großvater, der ist drüben überm Rhein mit den Rebellen geritten.«

Da die Franzmänner noch keine Anstalten machten, die Brücke zu öffnen, gingen die vier Menschen, die im Grunde ein gemeinsames Schicksal verband, über die Steintreppe zum Strom hinunter und setzten sich dort auf die Uferböschung. Sie hatten sich vielleicht mancherlei zu erzählen, was nicht jeder Lumpenhund in der Nähe zu hören brauchte. Als der Mann mit der Baskenmütze ihnen unauffällig folgte und scheinbar unbeteiligt den Damm entlangschlenderte, erklärte Richard Aust dem Brasilianer Ringeis, daß dieser dort ein Sauhund sei, ein deutscher Agent in französischen Diensten, der augenblicklich keine andere Absicht habe, als sie zu bespitzeln. Klaus Ringeis aus Sorocaba war ein sonderbarer Mensch, er schien in keiner Weise weichherzig. Als die Baskenmütze kehrt machte und langsam zurückkam, zog der lange Klaus seine Ledernen aus, erhob sich, rückte den Hosenriemen höher und stellte sich dem Spaziergänger in den Weg.

Sie standen einander gegenüber, die Baskenmütze fragte, ob er etwas suche, worauf Ringeis am Salamander spielte und antwortete, jawohl, er suche ein Gamba, ob er kein Gamba gesehen habe, ein Gamba sei ein Stinktier.

»Geben Sie den Weg frei!«

Ringeis hatte wirklich sonderbare Manieren, ehe man ein Vaterunser beginnen konnte, hatte er den Gegner bei der Krawatte gepackt, mit der freien Hand fuhr er ihm blitzschnell in die innere 502 Rocktasche und zog etwas hervor, dann griff er ihm in eine andere Tasche und zog wiederum etwas hervor. Aha, eine Pistole!

»Apoiada!« brüllte Don José. »Dreh eine Pille aus ihm.«

Nein, Klaus drehte keine Pille aus ihm, er vollführte nur eine Liebkosung, eine Art brasilianisches Streicheln; von unten stieß er ihm gegen das Kinn und von oben schlug er ihm mit der flachen Hand auf den Kopf, was zur Folge hatte, daß dem französischen Spitzel die Zähne aufeinanderklapperten.

»Du kannst hierbleiben«, sprach Klaus Ringeis sanft, »wenn ich mich in dir getäuscht habe, sollst du ein Schmerzensgeld bekommen. Ich will nichts umsonst.«

Er hatte ihm nämlich auch die Brieftasche abgenommen, was sie an Geld enthielt, gab er zurück, die Tasche warf er Richard Aust zu, der sie untersuchte und bald eine merkwürdige Karte in Händen hielt.

Die Baskenmütze machte sich schleunigst aus dem Staub, Richard Aust zeigte die Karte, er hatte wieder einmal recht gehabt.

»Mensch«, rief der Eisenbahner begeistert, »Sie gefallen mir, solche Leute können wir gut gebrauchen. Laßt uns Brüder sein und ›du‹ zueinander sagen. Gebt mir eure Hände.«

Sie schüttelten sich wirklich gegenseitig die Hände, auch die Fränz machte mit, sie war hell begeistert und wollte genau wissen, wie er das mit dem Kinnschlag gemacht habe, dem Jungen habe ja förmlich der Kopf gewackelt.

Richard las vor, was auf der Karte stand:

Pour la sécurité des Français,
pour la liberté des Rhénans!
Service de protection de Rhénanie.
Monsieur Fritz Matz de Göllhausen
appartient au Service de Protection de
Rhénanie est sous les ordres de la
Direction-Générale de Coblence.
                                  Le Chef.
Cette carte est aussi detention d'armes.

Und auf der Rückseite stand:

Herr Fritz Matz aus Göllhausen
ist Soldat des Rheinlandschutzes
und untersteht der Oberleitung Coblenz.
                                  Der Führer.

503 »Das ist eine separatistische Mitgliedskarte«, erklärte Richard Aust den Brasilianern, »man arbeitet mit Macht auf die Loslösung des linken Rheinufers hin, die Separatisten sollen eine willkommene Zwischenstufe sein. Dieses Spiel ist schon paar hundert Jahre alt, die Franzmänner versuchen es immer wieder, jedesmal geht es daneben. Wenn Leute plötzlich aus Brasilien kommen, dann sind sie meist nicht im Bilde, was hier vorgeht, ich will euch das in knappen Sätzen sagen. Der Franzose will das linke Rheinufer fressen, er versucht mit allen Mitteln zum Ziel zu kommen, seine Hauptwaffe sind die Reparationslieferungen. Nichts wäre für ihn schrecklicher, als wenn wir die Reparationsforderungen erfüllten, dann hätte er keine schäbigen Vorwände mehr. Der Franzose ist wegen einiger tausend belgischer Eisenbahnschwellen und Telegraphenmasten, mit denen wir im Verzug waren, ins Ruhrgebiet eingefallen, er will nicht nur das linke Ufer, er will auch die deutsche Industrie und die Früchte des deutschen Fleißes schlucken. Drüben, wo ihr die Schlote rauchen seht, geschieht Tag für Tag ein ganz hundsordinärer Diebstahl. Dort hocken die französischen Kommissionen und stehlen die Fabrikationsgeheimnisse, hauptsächlich Farben. Was wir in Jahrzehnten uns erarbeitet haben, das rauben sie uns weg. Ähnlich machen sie es im Rheinland mit den Arzneimitteln, und nach Frankfurt sind sie nur, um uns die Höchster Fabrikationsgeheimnisse zu entwenden. Man muß das einmal richtig begriffen haben, das hat mit Krieg und Feind und Politik schon fast nichts mehr zu tun. Es ist ein Raubzug der Krämerseelen unter dem Schutze französischer Waffen. Hinter allem steht das Geschäft, es ist die übelste Auswirkung eines gewonnenen Krieges, es ist scheußlich bis in die letzte Faser hinein. Das Volk verblutet, weil die Vernunft nicht mehr regiert. Das Ziel der französischen Politik ist das linke Rheinufer, das Ziel seiner üblen Sendlinge ist das dreckige Geschäft. Die Riesenbilanzen sind mit Blut geschrieben, und das muß sich furchtbar rächen, denn man muß einem Volk einen allerletzten Rest von Leben lassen, sonst steht es aus seinen Gräbern auf, und hält ein furchtbares Gericht. Die ersten Generäle in der Pfalz haben abgewirtschaftet. Der Kolonisator wollte es mit seiner eigenen Politik, mit der friedlichen Durchdringung und mit den Haasisten machen. Sein Nachfolger betet die friedliche Durchdringung in Verbindung mit der Kulturpropaganda an. Er ist Werkzeug einer französischen Geistesgröße. Maurice Barrès, der alte Pfau. Vielleicht hat dieser Dichter einen Funken Genialität, aber sie erstickt im Haß und in der Eitelkeit. Man 504 will uns wieder mal mit der westlichen Kultur beglücken, um uns langsam aber sicher zu romanisieren. Es spukt schon einige Jahre wieder mit dem Napoleonkult, die Pfälzer sollen sich große Napoleonbilder an die Wände hängen, es gibt französische Sprachkurse umsonst, französische Kunstzirkel und Literatenteestunden, es fehlt nicht an Kunstausstellungen und sonstigen kulturellen Überraschungen. Mit französischem Esprit, langen Weißbroten und Rotweinbrühe will man Menschenhandel treiben. Man vergißt aber, daß, während sie in gewissen Zirkeln ihr gallisches Teegeschwätz vollführen und während der alte Pfau seine eitlen Räder schlägt und den Menschenhaß hinter der Maske seiner Kulturgloriole verbirgt, deutsche Männer in feuchten Löchern mit ihrem eigenen Kot zusammen hausen; daß die Schwarzen ihre Eßtöpfe beschmutzen, daß man sie verkommen und verdrecken läßt, daß man Tausende von Menschen aus ihren Wohnungen gejagt hat und daß sich die französischen Patschulihuren in deren Betten wälzen. Und eines vergißt der Franzose bei seiner Kulturpropaganda, was der Deutsche nicht vergessen wird bis ans Ende der Welt, nämlich die französische Reitpeitsche. Jeder Schlag mit dieser Besatzungswaffe des französischen Offiziers spricht ein fürchterliches Urteil über eine Nation, die sich einbildet, uns mit ihrer Kultur beglücken zu können.«

Er schwieg eine Weile und schaute nach den qualmenden Schloten.

»Laßt es gut sein«, sprach er weiter, »vielleicht wächst einmal aus dieser tiefsten Ohnmacht unsere höchste Kraft.«

Er hob die Hand, als wollte er ein Gefühl von Schwäche abwehren. Er dachte an Foreste, aber der war ein Schwärmer, was sollte ein Schwärmer in diesem geschändeten Land.

Um sieben Uhr abends erschien Bastian Berghaus. Er wußte, daß um halb acht Uhr die Brücke eine Stunde lang aufgemacht wurde.

»Hier trifft sich das letzte Aufgebot«, sprach er lachend, »die Rheinbrücke ist ein internationaler Platz, meine Herren, ich sehe Ihnen an, daß Sie keine Leute vom Rhein sind, die Gesellschaft aber, in der Sie sich befinden, gibt mir eine gewisse Gewähr, daß ich nicht nach dem Schlagring greifen muß. Ich bin Bastian Berghaus aus Deidesheim.«

»Ich bin Klaus Ringeis aus Sorocaba, und der da ist mein Freund Don José, auch ein Pfälzer.«

Sie lachten sich gegenseitig an, man konnte Bastian Berghaus nicht so leicht überrumpeln.

505 »Klaus Ringeis? Hat Sie der Zauberer aus dem Kasten springen lassen? Wenn Ihr Großvater auch Klaus und wenn Ihre Großmutter Josepha hieß, dann ist die Sache in Ordnung.«

»Nicht anders, Bastian Berghaus, wir sind verflucht im Bilde, ich kenne Ihren Namen und den Ihrer Vorfahren, ich weiß, daß mein Großvater mit einer gewissen Greta Berghaus als Revoluzzer geritten ist, das muß eine verdammte Zeit gewesen sein.«

Bastian Berghaus lachte donnernd hinaus, dann blies er kugelig die Backen auf und stieß mit der Zunge dagegen.

»Nicht abenteuerlicher als heute, das ist ein ewiges Marionettenspiel, man darf nur den Humor nicht verlieren. Schauen Sie mich mal genau an, ich habe meine beiden Söhne im Krieg und meine Frau an der Seuche verloren, ich habe ein Weingut zu bewirtschaften und mich mit den Franzmännern herumzuschlagen. Ich habe gestern einen Aktivisten über den Rhein gebracht, der den Straßburger Regiezug gesprengt hat. Bei diesem Anschlag hat der Mann meiner Schwester das Leben eingebüßt, es war eine unglückselige Schicksalsfügung, von der ich lieber schweigen will. Ich besitze nicht nur dieses Weingut, nein, ich kann auch mit einer Versuchsobstplantage in Kalifornien aufwarten, ich habe etwas um die Ohren, Klaus Ringeis, aber ein Maurer soll mich im Tagelohn erschlagen, wenn ich den Kopf hängen lasse. Richard, du hast eine welsche Rune im Gesicht, ich habe dich gewarnt, wie geht es Christoph?«

»Immer noch in Landau.«

»Wir müssen ihn herauskriegen, es gibt Menschen, die keine Zellenluft vertragen. Wer immer in Wäldern wohnte, kann nicht wie eine Ratte leben, und dein Vetter hat noch einen Schuß Blut von den alten Aust in der Haingeraide. Ihr seid alle Fanatiker, am schlimmsten aber sind es die Forstleute unter euch.«

Die Fränz fragte, wie das mit den Milliarden wäre, die Brücke müßte nun endlich aufgehen, drüben lauerten sie aufs Geld, und die beiden noblen Baumwollhändler hier mit ihren prima Pässen und mit märchenhaften Dollarnoten und Diamanten in den Taschen könnten ruhig einen Batzen Papiergeld mit hinübernehmen, mit einem einzigen Dollar wäre doch eine ganze Brückenwache zu bestechen.

Sie schaute die brasilianischen Freunde an, die der Himmel ihr so überraschend beschert hatte. Es ereignete sich nicht alle Tage, daß Nachkommen von ausgewanderten Sandheimer Fischern und Rambacher Schnapsbrennern an den Rhein zurückkehrten. Es würde kein 506 geringes Aufsehen machen, wenn sie mit ihnen angerückt käme, mit Kisten und Wunderkoffern, die weiß Gott was für tropische Dinge enthielten. Klang es nicht wie eine Sage, was man sich in Sandheim erzählte vom Revoluzzer Ringeis, der Gummischuhe und Elefantenhaare, silberne Uhren und Zitterrochen gebracht und mit seinen eigenen Baumwollballen brennende Barrikaden gebaut hatte? Mariandjosef, und zuletzt war er mit der Josepha Kolb, seiner eigenen Base, und mit dem berühmten Obersten Blenker wieder übers große Wasser geschippert, man wußte heute noch nicht genau, wie das damals mit ihm und Greta Berghaus und mit jenem preußischen Husarenoffizier gewesen war. Eine ganz geheimnisvolle Geschichte, kaum anzunehmen, daß der Lange hier mit der Salamander-Krawattennadel das alles wußte. Einerlei, da saß er jetzt, der leibhaftige Enkel, vielleicht war er dem Großvater aus dem Gesicht geschnitten. Hatte übrigens der Großvater nicht auch zaubern können, war er nicht ein Gaukler und Schlangenbändiger und Feuerfresser gewesen, die Fränz glaubte doch, etwas ähnliches gehört zu haben? Nun, die Josepha und ihre Geschwister, die würden Augen machen, wenn der goldene Vetter aus Südamerika auftauchte. Die Fränz wurde im Innern sofort ein wenig neidisch und eifersüchtig, wenn sie daran dachte, daß er unter dem gleichen Dache wohnen würde wie Josepha, dafür sollte aber auch der Don José bei ihnen bleiben, im Fischerhaus Pistorius sollte er wohnen, die Fränz wollte auch ihren Brasilianer haben.

Sie besprachen das alles, es wurde recht heiter unter ihnen, sie vergaßen die Schwere der Zeit einige armselige Herzschläge lang. Sie zauberten sich Bilder und schönere Zeiten vor, als sie so am Rhein saßen, der hier dunkelgrün und aufgewühlt an ihnen vorüberjagte.

Bastian Berghaus hatte wegen des Don José seine Bedenken, denn der Vater Pistorius war ein zweifelhafter Zeitgenosse, das wußte jeder, der im Abwehrkampf stand. Der Pistorius war ein verkappter Sepamann, er randalierte und räsonnierte gerne in Bauernversammlungen, war redselig wie wenig Strommenschen und ließ allerlei politisierendes Geschwätz los, das er selbst nur halb verstand. Übrigens war er Leiter einer Ortsgruppe der freien Bauernschaft, das sagte genug, denn die freie Bauernschaft hatte einen penetrant separatistischen Beigeschmack. Ihr erster Vorsitzender, der Bauer Franz Josef Heinz aus dem Dorfe Orbis war ein Mann, auf den man ein scharfes Auge haben mußte. Er war nicht der üble Phrasendrescher und Schreier, 507 sein Hirn brütete Schlimmeres aus, er besaß ein gewisses herrschsüchtiges Format, ruhelosen Ehrgeiz und ein furchtloses Draufgängertum. Er wollte kein gewöhnlicher Bauer sein, wie es seine biederen Eltern gewesen waren. Er berauschte sich selber an seinen scharfen Hetzreden mehr als andere, er warf sich mit einer dickschädeligen Beharrlichkeit zum unumschränkten Bauernführer auf, er war eitel und gefallsüchtig, er schielte nach Uniformen und Frauen. Ein solcher Bauer konnte sich unter Umständen unheilvoll entfalten.

»Mit dem passiven Widerstand geht es zu Ende«, erklärte Berghaus, »aber was wir erduldet haben, ist nur scheinbar umsonst gewesen. Es gibt Samenkörner, die liegen drei und vier Jahre im Boden, bis sie endlich keimen. Es mag sein, daß erst einer neuen Generation bestimmt ist, zu ernten, was wir gesät haben. Wir sind am Ende, der General kriegt das Zittern; wenn ihm jetzt sein Schlag nicht gelingt, schickt er Tirards schwarze Raben.«

Klaus Ringeis horchte auf, der Säbelbeinige machte große Augen, was wollte Berghaus mit den schwarzen Raben?!

»Tirard in Koblenz nannte seine Separatisten schwarze Raben. Wir stehen erst im Anfangsstadium der Abwehr, ich fürchte, das Schlimmste steht uns noch bevor, der Himmel möge verhüten, daß wieder der Bruder gegen den Bruder geht. Fränz, habe acht auf deinen Vater!«

»Der Vater sitzt in den Wirtshäusern herum und krakeelt. Die Bauern wollen jetzt ihre Milch nur noch gegen Franken abgeben.«

»Das ist ein gefährliches Zeichen. Die Brücke ist offen!«

Sie schauten hinauf, eine schwarze Schlange von Menschen, Wagen, Pferden und Autos zwängte sich über die Brücke. Schon wurde der Strom auf der pfälzischen Seite wieder gestaut, sie mußten alle den Zoll passieren, viele unter ihnen, besonders Frauen, würden sich bis aufs Hemd ausziehen müssen, andere würden zurückgewiesen, manche auch verhaftet werden.

Es würden auch viele unbehelligt durchschlüpfen, aber das Bestechen wollte gelernt sein.

Hier war der Paß, nom du dieu, war ein Anilindollar dazwischengekommen? Wie kam der Dollar – – passez!

Zehn Regiefranken – – Sie 'aben nix su verzollen? Wenn Sie sagen, Sie 'aben nix, gutt – allez tout de suite!

O mademoiselle Fränz, wir kennen uns, à la bonne heure, Sie kommen von eine kleine Spasiergang, Sie 'aben nix – – – 508 monsieur, aalt! Passeport s'il vous plaît. Maken Sie auf Ihre Koffer – – lassen Sie der Dame 'inaus, au revoir, Fräänz.

Die Brasilianer waren schon drüben, Fränz kam hinterher. Sie lachte belustigt und riß das bunte Tuch vom Kopf.

»Was für Kaffern!« sprach sie und strich ihren Rock glatt.

Don José wich nicht von ihrer Seite, er strahlte sie an, seine düstere Stirn glättete sich. Klaus Ringeis pfiff, er war in bester Laune. Er runzelte nur die Stirn, als er staunend wahrnahm, daß alle Straßennamen französisch waren.

Sie gingen mit ihren Koffern zum Bahnhof.

Vorher trafen sie in einem Restaurant einen Mann. Ihm lieferten sie gegen Quittung insgesamt zwölfhundert Milliarden ab.

»Wir sind im Dienst«, sprach die Fränz, »wir dürfen heute ausnahmsweise mit der Regiebahn fahren.«

Sie lösten drei Fahrkarten nach Germersheim. Sechs Franc und zwanzig Centimes.

Die Brasilianer schauten sich erstaunt um, als sie durch die Bahnhofshalle gingen.

Alles französisch, Beamte, Plakate, Zeitungen, Bücher, Ankündigungen und Ordonnanzen.

Aber auch alles verkommen und verschlampt und vernachlässigt.

»Caracho«, rief Klaus Ringeis, »in meinem Leben habe ich noch keine so dreckige Eisenbahn gesehen.«

Über Schifferstadt, Speyer fuhren sie nach Germersheim.

In Speyer sahen die Heimkehrer den Kaiserdom.

Er ragte schwarz in den dunklen Abendhimmel, er war groß und alt und unerschütterlich, und verträumte mit unaussprechlicher Inbrunst die Jahrhunderte.

 

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