Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Roland Betsch >

Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Drittes Buch

Peter Aust schreibt aus der Entenfängerhütte am Rhein seinen dritten Brief an Klaus Ringeis, Farmer in Sao Paulo.

Es ist später Sommer geworden am Strom und in den Wasserwäldern, nun ich auch das zweite Tor hinter mir geschlossen habe. Und wiederum ist eine Stille in mir, die meine einsame Welt, die Hütte und den vorbeifließenden Rhein, das Gewirr der Sträucher und Bäume und alles, was an Landschaft mich umgibt, um so glanzvoller in das gelbe Septemberlicht hebt. Wenn ich dich durch zwei Zeitabschnitte unserer Heimat geführt habe, so deshalb, um dir Schicksale von Menschen und Land aufzuzeigen, an denen du selber teil hast, die in deinem eigenen Blut heute noch unsichtbar geheimnisvoll kreisen mit rotem Glühen und bedeutsamer Leuchtkraft.

Wiederum habe ich dir erzählt von Strommenschen und Wäldermenschen, von ihren göttlichen und teuflischen Trieben, von der Kraft und Schwäche ihrer Entschlüsse, und nicht zuletzt auch davon, daß über Wirrsal und Wildnis hinaus das Gute zuletzt den Sieg erringt, weil es aus Gottes Herzen stammt.

Wir selbst, Freund überm Meere, sind unseren engeren Vorfahren begegnet, wir haben sie bewundert und bemitleidet, belächelt und vielleicht auch beweint. Es war ein geschäftiger Tumult um uns, als sie aus der Nacht versunkener Jahre langsam auftauchten, zuerst nur schattenhaft, dann aber mehr und mehr Gestalt gewinnend, um zuletzt uns fast greifbar nahe zu sein wie Menschen unserer eigenen Tage. Du glaubst nicht, wie stark und inbrünstig man mit seiner Umgebung verwächst, wenn man einsam in ihr lebt. Man wähnt sich allein, aber plötzlich ist man es nicht mehr, weil unmerklich alle Dinge Gefährten werden und eine rührende Liebe zur Schau tragen. Was ich auch anfasse, es besitzt Leben, was ich betrachte, das schlägt wundersam die Augen auf, und was ich frage, das hat irgendeine brüderliche Antwort bereit.

Nicht, daß ich keine Menschen sehe und keinen Menschen begegnete. Nein, ich stehe oft draußen am Strom, wo die Schiffe vorüberkommen, manche beschwingt zu Tal gleitend, andere langsam sich bergwärts mühend, gewaltige Schleppzüge mit dem Vorspann qualmender und schaufelnder Raddampfer oder ölhustender Schraubenschlepper. Dann sehe ich die Menschen auf den Schiffen stehen, der emsige Werktag hat alle Segel gesetzt, und ich muß mich immer wieder freuen, weil diese Menschen so fröhlich sind, weil sie mir zuwinken und 438 irgendeine lustige Bemerkung haben, während sie, halb wirklich, halb gespenstisch vorübergleiten. Manchmal werfe ich mich in den Strom hinein und schwimme auf dem Rücken talwärts. Mit dem grünen Rhein treibe ich dahin, er leuchtet aus seinen rätselhaften Gründen, und während der Himmel wie eine flimmernde Glocke über mir hängt, sehe ich die Ufer vorüberwandern, die soviel erlebt haben in der Flucht der Jahrhunderte.

Ich komme auch zu den Aalfischern und zu den Bewohnern der Rheinsiedelungen, es geschieht nicht selten, daß wir ins Erzählen geraten, wobei ich manches erfahre, was mir wissenswert erscheint.

Wie unbegreiflich verschieden sind die Menschen, es ist keiner, der dem andern gliche, ein jeglicher unter ihnen ist einmalig in seiner flüchtigen Erscheinung. Er kommt und geht, er glüht auf und verlöscht.

Unfaßbar auch, daß jedem einzelnen Menschen sein Schicksal wird, daß diese Schicksale aber sich mit einer unerforschten Gesetzmäßigkeit wiederholen, wie denn auch auf bestimmten Schauplätzen bestimmte Begebenheiten in zeitlich gewandelter Form wiederkehren, nicht anders, als bedürfe das rollende Dasein solcher Schattenspiele, um Kreislauf und Ewigkeit zu bleiben. Achte darauf, wenn du liest, was ich geschrieben habe, du wirst die Wahrheit meiner Behauptung erkennen am Schicksal der Wälder und am Schicksal des Stromes, nicht minder auch am Schicksal der Menschen. Stelle dir einmal vor, wie ich hier am Wasser sitze, das dir so schwarz vertraut ist. Dir ist vielleicht nur diese Schwärze geblieben, mir aber hat sich alles aufgehellt, ich bin heiter geworden und frohgemut in einer Stromlandschaft, der keine Erinnerung geblieben ist an das Leid der Jahrhunderte und an das Meer der Tränen. Wie könnte sie, mit solchem Gedenken trübselig belastet, sonst überall so festlich glänzen und voll lebendiger Farbe sein; wie könnte die Sonne so funkeln auf dem bewegten Gewässer; wie könnten die Bäume so rauschen und sausen in den wechselnden Winden; und wie könnten die Vögel so singen im Gezweig! Nur der Mensch kann nicht leben ohne die Seligkeit und Bürde der Erinnerung, er allein ruft sie aus den dunklen Bezirken zurück und hält seine verlockende und verwegene Zwiesprache mit ihr.

Stelle dir also vor, wie ich hier am Strom sitze und zurückdenke, weil ich im Begriff bin, das letzte Tor zu öffnen, das mich in eine dritte Schicksalsepoche führen soll; in eine Zeit, die uns ganz gehört, weil wir sie erlebt haben, du und ich, und weil wir sie nicht vergessen 439 können und wollen, wenngleich wir schon fast selber zu ihren Schattengestalten geworden sind, ähnlich unseren Vorfahren, die ich aus ihren Gräbern rief.

Ja, ich sitze am Wasser und begegne mir selber, ich bin plötzlich zwei geworden, ein wunderliches Paar, durch sieben Jahre getrennt. An diesen Wassern und in diesen Wäldern hat sich ereignet, was ich nun niederschreiben und in eine Form bringen will, die alle angeht, weil sie das Erlebnis zum Gleichnis erheben soll. Du solltest drum mit Bedacht lesen, was dir die folgenden Seiten erzählen, weil es Spiegelung deiner selbst ist, weil du dir begegnest, wenn auch in einer gewandelten Form. Die Schwere deiner Erlebnisse in diesem Land, das deine eigentliche Heimat ist, desgleichen deine Verzagtheit und deine Flucht vor dem Verrat, haben mich ja bewogen, mit der Feder auf diese weite Wanderschaft zu gehen. Wir sind nahe am Ziel, denn wir sind bei uns selber angelangt; was bleibt, ist nur noch der Blick in die Zukunft, der mir verheißungsvoll erscheint.

Ich hatte das heimliche Gefühl, ich müßte, bevor ich mit der Niederschrift meiner dritten Erzählung begänne, einige Schatten um mich versammeln, die eine bedeutsame Rolle spielten, von dem Glauben beseelt, es könnte von ihnen eine geheime, wenn nicht gar magische Kraft auf mich überströmen und mich die rechte Straße führen. Ich bin auf den Friedhof in Sandheim gegangen. Es war gegen Abend, die Bäume zauberten ihre langen Schatten. Ich sah, daß sich schon die ersten Blätter färbten. Auf einer Fichte sang eine Amsel.

›Gott wohnt im Vogellied‹, dachte ich und ging langsam und einsam zwischen den Gräberreihen hindurch. Ach, ich war nicht lange einsam, sie stiegen aus der feuchten Erde, ich las ihre Namen auf Steinen und Kreuzen, da waren sie auch schon um mich versammelt und wurden mir stumme Gefolgschaft.

Da war der alte Lehrer Seffrin, 1849 gestorben, da waren seine beiden unglücklichen Söhne Peter und Robert, einer, der im Regiment Sementschenko geritten war und der Bruder Franzosenkopf, der ihn erschossen hatte. Da war Magdalena mit ihrem dunklen Schicksal, sie hatte zwei Kinder gehabt, davon eines welschen Geblütes gewesen war. Auch der alte Mathias Ringeis war zur Stelle, Fischer am Strom in den Franzosenjahren, und ihm zur Seite Barbara mit dem Fischer Kolb, ihrem zweiten Mann. Viele andere noch und zuletzt ein junges Mädchen, erst siebzehn Jahre alt. Wie sonderbar, sie trug die verblichene Uniform eines Kosaken und eine Husarenfeldmütze. Erst 440 siebzehn Jahre alt, komm an meine Seite, Josepha, und laß dich anschauen; sie erzählen sich, du seist erschossen worden im November des Jahres 1923. Komm nahe an meine Seite, Josepha, was für rätselvolle Augen du hast. Ich habe schon um dich geweint, Josepha. Immer noch sang der Vogel im Baum.

›Gott wohnt im Vogellied‹, dachte ich wiederum, und dann ging ich. Es war ein großes Wehen in den Pappeln, und der Wind versilberte die Weiden. –

– Ich war seltsam traurig geworden, mit dem herbstlichen Abend kamen die schweren Gedanken, die mich nun nicht verlassen wollten, als ich dem Dorfe Sandheim zuschritt. In den Gassen sangen zwei Bänkelsänger, zwei Gesellen der Landstraße, abenteuerlich und verbettelt gekleidet. Ich hörte ihnen eine Weile zu, es klang mir fast vertraut, denn sie schienen aus ihrer Zeit herausgehoben, und als sie gar ein altes elsässisches Soldatenlied sangen, vergaß ich vollends die Stunde und ließ mich von ihnen in meine versponnenen Träume hinüberschaukeln. Ich war ja selbst wieder im Begriff, meine Reise in die Vergangenheit anzutreten; ganz erfüllt war ich von meinem Vorhaben, es umdrängte mich unsichtbar geschäftig von allen Seiten. Meine Gestalten ließen mich nicht mehr zur Ruhe kommen; nun ich sie gerufen hatte, wollten sie von mir auch geleitet werden, die Guten und die Bösen, die Hoffenden und die Verzagten.

»Kennt ihr die Ballade von den schwarzen Raben?« fragte ich, und als sie bejahten, forderte ich sie auf, an den Rhein zu kommen und für mich allein zu singen.

Ich ging auf den Damm hinaus, setzte mich auf die Steine und schaute immerfort in das treibende Gewässer. Es fing schon an, dunkel zu werden. Nach einer Weile kamen sie, ich hörte ihre Schritte, aber ich schaute nicht auf, weil ich mich nicht lösen wollte von meiner Verzauberung.

Sie sangen, und was sie sangen, war das eigentliche Leitmotiv meiner dritten Erzählung, die ich noch in dieser Nacht beginnen wollte.

Die Ballade von den schwarzen Raben.

Kommt herbei und höret all
Heute die Ballade
Von dem kleinen Schenerall
Und vom Pufferstaate.
Wie man ins Verderben rennt
Mit des Teufels Gaben,
Zeigt euch jetzt der Präsident
Mit den schwarzen Raben! 441

War ein Käppi, goldbetreßt,
Schenerall geheißen,
Wollte gern zum Wiegenfest
Kleine Pfalz verspeisen.
Nongdudiö, es rollt sein Blick,
Wollt ihr mich nicht haben,
Mach' ich meine Republik
Mit den schwarzen Raben!

Marquis d'Orbis, sakrament,
Ruft er, kann nichts schaden,
Werd' Banditenpräsident
Von des Franzmanns Gnaden.
Herr Marquis, treib's nicht zu dick,
Sonst wirst du begraben
Mit der Lumpenrepublik
Und den schwarzen Raben!

Der Verräter kommt zu Fall,
Merkt's euch, liebe Kinder,
Und ein kleiner Schenerall
Bügelt den Zylinder.
Bald schon brecht ihr das Genick
Grünweißrote Knaben.
Peng!! Wo ist die Republik
Mit den schwarzen Raben?!

Die Ballade ist zu End',
Fluch den bösen Taten,
Fluch dir, Lumpenpräsident,
Der sein Volk verraten!
Räuberpack, ihr habt kein Glück,
Teufel soll euch haben
Mit der welschen Republik
Und den schwarzen Raben!!

Ich gab ihnen Silbergeld, als sie geendet hatten. Ich sprach nichts und sie machten sich kopfschüttelnd von dannen. Als es Nacht war, ging ich stromaufwärts, und es waren alle Dinge beflügelt und bewegt, das große Brausen umgab mich, und so schritt ich in die klingende Stille hinein wie in eine Welt, die hinter gläsernen Wänden auf mich wartete.

Als ich die Hütte betrat, brannte Licht, und am Tisch saß der Besitzer dieser Entenfängerhütte, in der hausend ich viele Wochen lang geschrieben habe, für dich und für alle, die ohne Glauben sind. Nun sollst du auch seinen Namen wissen, es ist Dietrich Hagen, du wirst ihn als einen guten Kameraden im Geiste willkommen heißen.

Wir saßen bis in die tiefe Nacht hinein und erzählten, wobei ich ihm nicht verschwieg, daß ich mit meiner letzten Erzählung nunmehr beginnen möchte, und daß ihn ein guter Geist mir gerade in dieser Stunde geschickt habe, auf daß ich mit ihm noch einmal Zwiesprache halten könnte.

Es gibt Zusammentreffen, die wie ein Wunder anmuten, und doch, sie müssen geschehen, sie sind nichts, als die Erfüllung eines einfachen Gesetzes. Als Dietrich Hagen schon auf der Matratze lag, ging ich noch einmal an den Rheinstrom, ganz mit jener unabwendbaren Bestimmtheit, als ob mich jemand gerufen hätte. Ich sah, daß ein Schiff am Ufer 442 festgemacht hatte. Ich kannte dieses Schiff, einmal in einer Frühlingsnacht hatte es gesungen. Du kennst die Ballade, du kennst auch die Frau.

Sie saß am Ufer zwischen den alten Weiden, sie wußte, daß ich kommen würde, und war nicht verwundert, als ich mich an ihre Seite setzte.

Franziska.

Hast du mich verstanden, Klaus Ringeis überm Meere, Franziska habe ich gesagt. Nun weißt du alles.

Wir saßen lange und schwiegen. Einmal griff sie nach einer goldenen Kette und spielte damit, in der durchleuchteten Nacht erkannte ich die Münze mit dem russischen Kreuz.

Wir sprachen wenig, Klaus Ringeis, aber wir sprachen von dir, es waren nur kurze Sätze, flüchtig wie die silbernen Lichter auf dem heiligen Strom.

»Ich glaube, du hast ihn geliebt.«

»Ja«, sprach sie.

»Vielleicht liebst du ihn immer noch?«

»Ja«, sprach sie.

Franziska. –

Und nun will ich zu Ende führen, was ich begonnen habe, Gott möge meiner Stimme Kraft verleihen.

Du, Klaus Ringeis, und alle, die in den Aufzeichnungen blättern, achtet auf dieses:

Suchet nicht nach den Menschen, die euch in meiner Welt begegnen; ihr würdet sie nicht finden, es sei denn in euch selber und in allen andern!

Denn was ich geschrieben habe und noch schreiben werde:

Ist Ruf an dich

Ist Ruf an alle

Ist Ehrfurcht vor dem Heiligtum der Wälder

Ist Glaube an die Heimat und an die ewige Kraft des Guten

Ist Sinnbild und Gleichnis!

 

 << Kapitel 44  Kapitel 46 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.