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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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26

Am 18. Juni gingen die Überreste der geschlagenen pfälzischen Freiheitsbataillone bei Knielingen über den Rhein, um den Aufstand im Badischen fortzusetzen. Ein müder Zug von Volkswehrleuten, Blusenmännern und Freischarverbänden, von Turnern, Studentenlegionären, Berufsrevolutionären und Sensenmännern, von desertierten Ulanen, Chevaulegers und Infanteristen, schwankte mit Geschützen, Bagagewagen, mit schwarzrotgelben und roten Fahnen über den brausenden Rheinstrom.

Einen ganzen Tag lang drängten die Elendskolonnen, zerrissen und zerlumpt, verhungert und verkommen, an das jenseitige Ufer.

Da waren sie nun hoffnungslos versammelt im letzten Aufgebot, die wunderlichen Märtyrer ihrer Idee, die Schwarmgeister und Traumseelen, die Abenteurer und Glücksjäger, die Wundergläubigen und Freiheitsucher, die Landsknechte und Possenreißer, die Verführer und die Verführtem Ihre Fahnen waren gesenkt, was sie sangen im leiernden Rhythmus der schleppenden Schritte, glaubten sie selbst nicht mehr, sie sangen aus Verzweiflung, aus Hunger und Verelendung. Sie marschierten nicht, sie schoben sich schwerfällig über die schwankende Brücke, sie trugen sich selbst zu Grabe.

Über dem Rhein wehte der Wind, er griff in die zerfetzten Fahnen und ließ sie ein letztes Mal aufflattern. Die Sensen, die wie lebendig gewordene Zäune auf- und niedergingen, blitzten in der Sonne. Es waren auch Frauen in diesem Zug der Geschlagenen.

Viele, die zur Seite standen, weinten.

Am andern Tag gingen die preußischen Divisionen unter Prinz Wilhelm bei Germersheim über den Rhein. In fünf Tagen hatten sie den pfälzischen Freiheitsspuk verjagt. Ein Gespensterheer war in alle Winde zerstoben, das Gewesene erschien allen wie ein Traum.

Ein großes Aufatmen ging durch das ewig unruhige Land, größer aber wuchs die Trauer herauf und allen Menschen war, als ob irgend 430 etwas Großes gestorben wäre, sie wußten nur nicht, wie sie es erklären sollten. –

– Einige Wochen später, als auch der badische Aufstand niedergeschlagen war, steuerte in mondheller Nacht ein Frachterschiff den Rhein hinunter. Es kam von Straßburg und hatte Rundholz für Holland geladen.

Der Frachter nahm um Mitternacht oberhalb Sandheim heimlich zwei Passagiere auf. Klaus Ringeis mit seiner eisenbeschlagenen Schiffskiste und Josepha mit ihren Habseligkeiten.

Als sie an Bord stiegen, kam ihnen ein Soldat entgegen. Ein breitschulteriger Haudegen mit einem Heckerbart und einer frischen Narbe auf der Stirn. Oberst Blenker.

Er war auf der Flucht. Auch seine Frau befand sich an Bord. Man hatte einen Preis auf seinen Kopf gesetzt, die Gefahr war groß, aber er hatte es sich nicht nehmen lassen, bei der nächtlichen Rheinfahrt an den pfälzischen Auwäldern vorbei die Uniform des Rebellenführers zu tragen, die zu tragen ihm nun einmal bestimmt war.

Er war dabei, mit dem Brasilianer über das große Wasser zu segeln. Auch Josepha fuhr mit, der Zauberer wollte sie drüben zur Frau nehmen, wo hätte er eine bessere finden können, als in der Heimat.

Sie steuerten in den freien Rhein, sie trieben talwärts, die Nacht glänzte und der Strom ging mit ihnen, es war eine verwunschene Fahrt.

Im Fahrwasser schaukelte ein Aalschokker; als sie vorüberglitten, sahen sie eine Gestalt am Bug stehen und herüberwinken.

Dies ist der alte Großvater, sagte Josepha zu Oberst Blenker, der aufrecht, vom Mondlicht beschienen, an der Reeling stand und wie versteinert war.

Ja, am Bug des Aalfängers stand der alte Fischer Ringeis. Er hatte die Gummischuhe an. Als das Schiff in die Ferne schwebte, zog er die goldene Uhr und hielt das Zifferblatt in den Silberschein des Mondes. Aber er konnte nichts sehen, denn seine alten Augen schwammen in Nässe.

»Es muß wohl Mitternacht sein«, sprach er.

Ein Schatten trat an seine Seite, Vater Ringeis hielt ihm die goldene Uhr hin.

»Ja, es ist Mitternacht«, sprach der Fischer Kolb.

431 »Jetzt seh ich sie nicht wieder.« –

– Es ging alles nach dem großen Gesetz. Tage und Nächte kamen herauf, die Sonne schien und die Früchte des Feldes reiften heran. Menschen kamen und Menschen gingen, es wurde gelacht und geweint, geliebt und gehaßt.

Es ging alles nach dem großen Gesetz.

Menschen, die von Freiheit geträumt hatten, saßen hinter Gefängnismauern, ein kärglicher Abglanz ihrer Idee fiel als flimmernde Lichtstraße durch kleine Zellenfenster. Man fing schon an, die Guten und die Bösen der vergangenen Wochen zu vergessen. Sie waren alle wieder zurückgekehrt in das umzäunte Gehege der bürgerlichen Ordnung. Der Gedanke vom einigen Deutschtum war ferner gerückt denn je, er war nur noch eine traumhafte Wolke, die in Raum und Zeit zerrann.

Sie waren zurückgekehrt, und umgekehrt auf ihrem Weg. Menschenwürdig ist das Verzeihen, menschenunwürdig ist der Haß.

Begnadet ist der Liebende, verflucht aber ist der Rachsüchtige.

Seht, Andreas Aust verzieh dem Sägemüller Veit Huß, als dieser zu ihm kam, ein gebrochener und zerstörter Mensch, der in letzter Stunde nach einem inneren Halt suchte. Über einen fürchterlichen Abgrund hinweg reichte Andreas Aust dem Sägemüller Veit Huß die Hand und nahm ihn auf als Menschenbruder.

Es gab zu allen Zeiten Menschen, die behaupteten, Mitleid und Verzeihen könnte auch Torheit sein. Darüber soll hier nicht gerichtet werden.

Es ging alles nach dem großen Gesetz.

Greta Berghaus war in das Wälderhaus in der Haingeraide gegangen, dort wollte sie eine zeitlang leben, denn der Wald schien ihr eine gute Zuflucht zu sein. Der Wald war ewig, unter seinen rauschenden Kronen mußte auch das Vergessen zu finden sein. Viel vermögen Ereignisse und Zeiten, viel vermögen die brutalen Äußerlichkeiten des Lebens, mehr aber vermag ein Menschenherz.

Am 25. August 1849 wurde das letzte Zwischenstück der Pfälzischen Ludwigsbahn Bexbach–Ludwigshafen feierlich eröffnet; es war die Linie Frankenstein–Neustadt. Viele bekannte Persönlichkeiten waren bei der Einweihungsfeier. Neben dem berühmten Bahnbauer, dem Herrn von Denis, sah man alle einflußreichen Männer der Pfalz versammelt, denn dieser Staatsakt war bedeutsam. Die neue Bahnlinie verband den Westen mit dem Osten, sie verband das reiche 432 saarländische Kohlengebiet mit dem Rhein, sie verband aber darüber hinaus Paris mit Berlin, Frankreich mit Deutschland.

Es wurde auch eine Rede gehalten, worin einer die bedeutsamen Worte aussprach, eine Eisenbahn vermöchte nicht nur Menschen und Güter zu befördern, nein, sie besäße eine weit höhere Sendung, nämlich die Völker einander näherzubringen.

Großartig qualmend und fauchend, stinkend und rasselnd und knatternd fuhr der erste Eisenbahnzug über die neue Strecke. Die blumengeschmückten, tannenumgürteten und kranzverzierten Wagen mit der emsig fauchenden, messingfunkelnden Lokomotive Hummel, fahnenwehend und bänderflatternd, rollten mit modernem Getöse durch die feierlich gestimmte Landschaft, und in den Wagen saßen viele fröhliche Menschen, die guter Dinge waren und goldener Hoffnungen voll.

Seht nur hin, da saßen auch Bastian Berghaus und sein Sohn, der Sektionsingenieur, sie lachten in die Wälder und Berge hinein, überall waren staunende Menschen versammelt.

Als der Zug beim Frankeneck in toller Fahrt vorüberqualmte, standen dort der Förster Andreas Aust mit seiner Frau Gertrud und mit den Knaben Peter und Michael. Der Wäldermensch hatte seinen Groll gegen das qualmende Ungetüm begraben, übrigens wollte sein Sohn Michael Lokomotivführer werden, wie hätte also der Vater noch länger ein Feind dieses fortschrittlichen Unternehmens sein dürfen. Nein, sie waren alle gekommen aus der Haingeraide, es gab eine großartige und unvergeßliche Szene, als sie einander zuwinkten, als sie herüber- und hinüberriefen, als das Volk jubelte und die Lambrechter Blasmusik einen donnernden Marsch in das Getöse des rollenden Festtagszuges schmetterte. Keine überflüssigen Worte, es war ein feierlicher Tag. –

Alles ging nach dem großen Gesetz.

Einige Tage später kam der alte Bastian Berghaus zum Förster hinaus in die Haingeraide, wer weiß, vielleicht wollte er einmal nach seiner sonderbaren Tochter schauen.

Bevor er wieder ging, stieg er mit Andreas Aust auf den Berg, wo der Blick sich öffnete über die schwebende Größe des Pfälzer Berglandes.

Vor ihnen lag die Brandstätte, schwarz und verkohlt, ein riesiges Feld des Todes, das schon an Grauen verloren hatte, weil zwischen dem Flammenschutt und den schwarzen Baumstrünken, zwischen 433 verbrannter Heide und geschwärztem Felsgewirr das neue Grün der Erde wundersam leuchtend hervorbrach.

»Da bleibt nur eines, Andreas.«

»Aufforsten!«

»Ja, aufforsten. Immer wieder aufforsten, immer wieder verjüngen und immer wieder hoffen. So ist es doch, Andreas?«

»Ja, so ist das, Bastian.«

»Siehst du, und einmal wird es Bestand haben. Wir dürfen nur nicht an uns denken. Nicht, was ist, erscheint mir wichtig, sondern was kommt! Verstehst du das, Andreas?«

»Ja, das verstehe ich, Bastian.«

»Und denke auch mal an die Maulbeerbäume.«

Er schaute den Förster an und rollte die heiße Kartoffel im Mund. »Ich sage, du sollst an die Maulbeerbäume denken, Andreas. Viele hunderttausend Maulbeerbäume, in der ganzen Ebene und am Gebirge entlang, welch eine dankbare Aufgabe, Andreas, die zuletzt über uns selber hinauswächst und mit uns nichts mehr zu tun hat.«

»Ich weiß es, Bastian, wer mit den Bäumen lebt, der muß sich selbst vergessen, denn alles, was er tut, tut er für die Zukunft. Seine kleine Menschenarbeit wird groß, weil sie immer dem Kommenden und immer den andern gilt.«

»So ist das, Andreas. Und darum wollen wir von neuem anfangen und nicht müde werden.«

»Ein weiter Weg, Bastian.«

»Kein Weg ist dem Entschlossenen zu weit!«

 


 

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