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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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25

Es war elf Uhr nachts, da verließen Greta Berghaus und Klaus Ringeis unter dem unaufhörlichen Donnern der Corvin'schen Geschütze auf Umwegen das Rheinufer. Ludwigshafen brannte, der Feuerschein erhellte weithin den Himmel.

Der Brasilianer hatte den toten Husaren vor sich aufs Pferd genommen, denn sie wollten nicht, daß er von den Aufständischen auf der badischen Seite gefunden würde. Sie ritten den Rhein aufwärts, schweigsam und voll Trauer, der Strom glänzte zu ihnen herüber, seine Wasser drängten zu Tal. Die Raben, vom Feuerschein aus dem Schlaf gerissen, riefen in die Nacht.

Bei der nächsten Fähre fanden sie den Fährmann noch wach, er stand am Rhein und schaute in den Himmel, der rot war vom Unheil der brennenden Stadt.

Immer noch rollte Geschützdonner.

Als sich die beiden Reiter mit dem Toten ins Pfälzische übersetzen ließen, glaubte der Fährmann an eine Erscheinung. Er bekreuzigte sich und als sie mitten auf dem Strom waren, fiel ihm ein, daß einmal acht tote Kaiser über den Rhein gekommen waren und mit klingendem Gold bezahlt hatten.

Ob der Tote, den sie auf dem Pferd trugen, ein Kaiser war?!

425 Auf dem pfälzischen Ufer beratschlagten sie, welcher Weg zu nehmen wäre, dann ritten sie durch die nachtverhängte Ebene nach dem Gebirge hinüber.

Der Fährmann stand noch lange und schaute ihnen nach, bis sie zwischen Pappeln und Erlengehölz und im Dämmerschein der Nacht verschwanden.

Sie blieben schweigend bis nach Deidesheim.

Die kleine Stadt lag im Schlaf, als sie mit der schwermütigen Last durch die Gassen ritten.

Bei der alten Festungsmauer banden sie die Pferde fest. Klaus Ringeis trug den Husaren in die Kirche.

Er legte ihn auf den Teppich vor den Altar, Greta zündete zwei Kerzen an und stellte sie zu Häupten des Toten. Durch die offene Kirchentür kam ein dünner Luftzug und ließ die gelben Lichter flackern.

»Bleibst du die Nacht hier?« fragte Greta.

»Ich muß zu den andern.«

Sie öffnete den feuchten und zerknitterten Waffenrock und zog eine Kette hervor mit einer goldenen Münze.

»Nimm dies«, sprach sie still, »es ist ein russischer Talisman. Ich schenke ihn dir, weil du mir diesen Dienst erwiesen hast.« Sie deutete auf den Toten.

»Greta, willst du die Kette nicht selbst behalten?«

»Ich brauche sie nicht mehr.«

»Du brauchst sie nicht mehr?!«

»Nein, Klaus. Ich besitze ja auch noch dein Elefantenhaar.«

Er lächelte und nahm die goldene Kette.

Lange schaute er sie an und wunderte sich über den Glanz des Goldes.

Er wollte noch etwas sagen, da sah er, wie sie die Lippen krampfhaft zusammenpreßte, um gegen etwas Furchtbares anzukämpfen. Er wußte, daß es in dieser Stunde nichts mehr zu sagen gab.

Er griff noch einmal nach ihrer Hand, dann verließ er die Kirche und ritt durch die helle Nacht davon. –

Greta setzte sich bei dem Toten nieder und dachte, daß sie nun zu Hause wären.

Sie saß auf einer Stufe, legte beide Arme auf die Knie und barg den Kopf in den hohlen Händen.

So strich die Zeit an ihr vorüber. Der Morgen kam. Schon stand das Frühlicht hinter den gemalten Fenstern. –

426 – Als sie Geräusche hörte und aufschaute, sah sie einen Haufen Soldaten in die Kirche kommen.

Die Preußen waren eingerückt.

Ein Ulanenoffizier verhaftete sie.

Sie wurde in der Kirche verhört, Soldaten umdrängten sie, die klingende Stille war zerstoben.

Der Ulan nahm ihr die Pistole aus dem Gürtel.

»Ihr habt eine Waffe? Gegen wen habt Ihr gekämpft?«

»Gegen die Preußen.«

»Ihr wißt, was das bedeutet?«

»Ja.«

»Die Pfalz ist im Kriegszustand. Der Befehl lautet, wer mit der Waffe in der Hand betroffen wird, wird erschossen.«

»Das weiß ich.«

»Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.«

Sie antwortete nicht. Als der Ulanenoffizier befahl, sie abzuführen, ging sie aufrecht inmitten des Soldatenhaufens.

Aber die Kirche betrat mit einem Stab von Offizieren ein hoher General.

Seine Königliche Hoheit, der Prinz Wilhelm von Preußen, Oberbefehlshaber des preußischen Armeekorps, das gegen die Rebellen zog.

»Was geht hier vor?«

Der Ulanenoffizier erstattete Bericht.

Prinz Wilhelm legte den Helm auf eine Kirchenbank, trat vor den Altar und beugte sich zu dem Toten nieder. Er sah auch den Erlöserorden und wunderte sich.

Dann richtete er sich auf und schaute Greta Berghaus lange schweigend an.

»Wer ist der Tote?« fragte er endlich.

»Leutnant Werner von Stetten von den siebten Husaren«, antwortete Greta.

»Wie kommt er hierher?«

»Wir haben ihn gebracht, Hoheit. Er ist im Kampf um die Stadt Ludwigshafen gefallen.«

Prinz Wilhelm schüttelte verwundert den Kopf.

»Seid Ihr schuld an seinem Tod?«

»Nein.«

Er kam näher auf sie zu und musterte ihre abenteuerliche Kleidung.

»Was für eine Uniform tragt Ihr?«

427 »Russischer Sementschenko-Kosak.«

»Waas? Wie kommt Ihr dazu?«

»In diesem Rock ist meine Mutter achtzehnhundertvierzehn geritten.«

Prinz Wilhelm fuhr mit der Hand an die Stirn, erstaunt und nachdenklich, weil dieses Mädchen versunkene Schatten heraufbeschwor. Er sah die Mütze, die sie unruhig zwischen den Händen drehte.

»Aber zum Kosak will die Mütze nicht passen.«

»Eine Husarenfeldmütze, Hoheit. Mit ihr ist mein Vater gegen Napoleon für Deutschland geritten.«

»Und für wen reitet Ihr?«

»Für die Freiheit!«

Der Prinz wandte sich um und schaute seine Offiziere an. Ein Lächeln flog über rauhe Soldatengesichter.

»Was soll mit ihr geschehen?« fragte er den Ulanenoffizier. »Ihr habt sie aufgegriffen?«

»Sie trug diese Pistole. Nach dem Kriegsgesetz wäre sie standrechtlich – –«

»Aber sie ist ein Mädchen, Herr Leutnant!«

»Das Kriegsgesetz, Königliche Hoheit – –«

»Das Gesetz kennt auch Gnade.«

Er machte einige Schritte und blieb dann wieder vor Greta stehen.

»Ihr kennt mich, Mädchen?«

»Jawohl, Königliche Hoheit.«

»Sagt, wie nennt man mich hier im Lande?«

»Kartätschenprinz, Königliche Hoheit.«

Prinz Wilhelm lachte.

»Ihr seid ehrlich, bei Gott. Ich bin schon einmal in der Pfalz gewesen, als es hier nach Pulver roch. Es war in der Neujahrsnacht 1813 auf 14, als der russische General Sacken mit seinem Korps über den Rhein ging. Damals war ich noch ein Knabe, aber ich habe es nicht vergessen.«

Er legte eine Hand auf ihre Schulter.

»Ihr seid Rebell, Mädchen, und ich müßte Euch als solcher behandeln. Aber ein Kartätschenprinz kann auch anders. Ich frage Euch auf Ehre und Gewissen dreierlei; Ihr steht vor Gott, antwortet mir! Habt Ihr jemals einen Eurer Brüder verraten?«

»Nein.«

»Habt Ihr Euch jemals an einem Wehrlosen vergangen?«

428 »Nein.«

»Seid Ihr geritten um Eures eigenen Vorteils willen?«

»Nein.«

»Für wen also?«

»Für alle, Königliche Hoheit!«

Er zögerte einen Augenblick, er legte auch die andere Hand auf ihre Schulter.

»Dann spreche ich Euch frei, vor Gott und vor dem Kriegsgesetz!«

Greta zuckte zusammen und senkte den Kopf.

»Bin ich nicht wert, für etwas Großes zu sterben?«

»Euer Leben, das Ihr für Viele aufs Spiel gesetzt habt, Mädchen, ist für diese Vielen mehr wert, als Euer Sterben.«

Und er wandte sich dem toten Husaren zu.

»Auch dieser ist nicht umsonst gefallen. Die große Idee, von der wir alle träumen, gab ihm den Tod. Wißt Ihr, welche Idee der Kartätschenprinz meint?«

»Die deutsche Einheit, Hoheit, und die deutsche Freiheit.«

Er nickte schweigend und beugte sich noch einmal zu dem Toten nieder. Und er sah wiederum den Erlöserorden glänzen.

Langsam richtete er sich auf und sprach zu den Offizieren: »Tretet vor den Kameraden! Im Tode sind wir alle einig, aber was der Tod kann, das sollte auch das Leben fertig bringen.«

Er griff zum Helm und schickte sich an, die Kirche zu verlassen.

Da sah er, wie das Mädchen zu dem Toten trat.

Prinz Wilhelm wandte sich noch einmal um und kam ganz nahe zu ihr heran, eine tiefe Erschütterung hatte ihn gepackt.

»Warum habt Ihr den Husaren gebracht?«

Sie schwieg, ihr Kopf war auf die Brust gesenkt, ein Widerschein der aufgehenden Sonne fiel auf den blonden Scheitel.

»Antwortet, warum habt Ihr den Husaren gebracht?«

Sie hob den Blick und schaute den preußischen Prinzen aus verhängten Augen an. Ihr war plötzlich, ein Leid trüge sich leichter, wenn man es bekannte.

»Ich habe ihn geliebt.«

Er sah, daß sie weinte. Da trat er zurück und wollte schweigend gehen. Es stand aber ein Mann hinter ihm. Bastian Berghaus.

»Sie ist meine Tochter, Königliche Hoheit.«

Er ging zu Greta, umfing ihren Kopf mit beiden Händen und schaute ihr in die tränenüberströmten Augen.

429 »Da bist du wieder, Kosak. Habe ich dir nicht gesagt, du würdest zuletzt ganz allein nach Hause kommen?«

»Ich bin nicht allein gekommen, Vater.«

»Wer ist noch bei dir, Greta?«

Sie wandte den Kopf und schaute nach dem schwarzen Husaren.

»Ein Regimentskamerad.«

 

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