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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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23

Am dreizehnten Juni rückten die Preußen unter dem Oberkommando des Prinzen Wilhelm mit den vier Divisionen Hirschfeld in die Nordpfalz ein. Die Truppen hatten die Aufgabe, die Pfalz von den Aufständischen zu säubern und sollten dann mit dem zweiten preußischen Korps unter Generalleutnant von Gröben nach einem Rheinübergang bei Germersheim im Badischen zusammentreffen, um gemeinsam mit dem Reichsheer Peucker auch in Baden den Vorhang hinter der Revolutionskomödie zu schließen.

Die preußische Armee war nicht auf Kriegsformation gesetzt, bestand hingegen aus einzelnen, stark mit Landwehr vermischten Verbänden, war auch nicht gerade außerordentlich gefechtstüchtig, denn die Mehrzahl der Regimenter war mit Vorderladern ausgerüstet, nur zwei brandenburgische Regimenter besaßen Zündnadelgewehre.

Trotzdem waren die preußischen Pickelhauben den pfälzischen Heckerhüten weit überlegen, dies vor allem, weil die pfälzische Volkswehr in keiner Weise als gefechtstüchtig sich erwies, selbst mit den besten Führern hätte man diese Blusensoldaten und Sensenmänner, die aufs mangelhafteste ausgerüstet waren, außer zwei unbrauchbaren badischen Geschützen keinerlei Artillerie besaßen, die wohl von mancherlei freiheitlichen Ideen, nicht aber von Manneszucht durchdrungen waren, nicht zum Siege führen können.

Die pfälzischen Freischaren, zusammengesetzt aus jungen Schwärmern, politischen Siedeköpfen, selbstlosen Idealisten und vaterländisch gesinnten Träumern, aus Deserteuren und der Schar der ewig Unzufriedenen, aus Schiffbrüchigen und Vaterlandslosen, Landsknechtsnaturen und Barrikadenhelden, aus Zwangsrekrutierten und Wirtshausschreiern; diese ebenso tolle, wie abenteuerliche, ebenso verwegene, wie humorvolle Insurgentenarmee, angeführt von Generälen, Hauptleuten und Offizieren, die alles andere besser verstanden, als das Kriegführen; diese einzigartige Schönwetterarmee sollte nun vom Leder ziehen gegen das erste preußische Korps, das sich zusammensetzte 404 aus 23 Bataillonen Infanterie, 15 Reitereskadronen, 3 Jägerkompanien, 2 Pionierkompanien und 8 Batterien Artillerie.

Den vier preußischen Divisionen standen auf pfälzischer Seite gegenüber eine Abteilung Volkswehr unter der polnischen Dickrübe, dem General Sznayda, bei Kaiserslautern, eine zweite Abteilung unter Blenker bei Ludwigshafen, das hessische Freikorps Zitz, das erste Bataillon unter Major Schlinke und Major Kaiser bei Kirchheimbolanden und zuletzt die Verbände unter Schimmelpfennig und Willich bei Homburg und vor den Festungen Landau und Germersheim.

Hebt nun ein Loblied an auf den Todesmut der Revolutionstruppen, klingt tönend die Ballade vom Sterben für die erträumte Freiheit?

Um der paar Hundertschaften willen, die sich tapfer schlugen, die ihr Leben gaben für die Gesamtheit, die ihres eigenen Vorteils nicht achteten, um dem Ganzen zu dienen; um der wenigen willen, die Soldaten waren und neben der Pflichterfüllung für ihre Idee und für ihren Glauben verbluteten, um dieser verlassenen Helden und um der lauteren Jugend willen, soll der Stab nicht gebrochen werden über den gefiederten Legionen und ihrem aussichtslosen Kampf gegen die Übermacht der preußischen Divisionen.

Beim ersten Flintenschuß lief die Hälfte der Freischaren davon, die Verbände, ohnedies nur mühsam zusammengehalten, stoben auseinander, die Mannschaften strebten auf dem kürzesten Weg nach Hause, warfen Flinten, Pistolen, Sensen und gefiederte Hüte fort und ließen sich die wilden Heckerbärte scheren.

Und wer zuerst die Sache verloren gab, das waren nicht etwa die Mannschaften, sondern ihre Anführer. Vor der ersten Kartätsche machten sich die meisten schon aus dem Staube, allen andern voran die Majors Schlinke und Kaiser, die Generäle Rückwärts, Zitz und Bamberger. Die Maulhelden auf den Tribünen, die Schwätzer um Gut und Blut, um Not und Tod, die Säbelraßler und Preußenfresser, die emsigen Herolde eines angeblich goldenen Zeitalters, sie taten nichts, als Schindluder treiben mit dem Allerheiligsten eines Volkes, sie verstanden es, einen Teil der pfälzischen Bevölkerung irre zu führen, sie versuchten ihr Pfauengefieder mit den Idealbegriffen der Menschheit herauszuputzen, Gott mochte ihnen verzeihen, daß sie kein Pulver riechen konnten.

Pulver war ihnen in hohem Maße peinlich, der Teufel sollte den Kartätschenprinzen holen, man durfte sich nicht in Gefahr begeben, 405 nein, das unterdrückte Volk brauchte seine führenden Köpfe. Torheit, wenn man sich opferte und das Volk dann ohne die wenigen hellen Köpfe ganz in das Gestrüpp des reaktionären Verderbens geriete. In den Hexensud also mit dem Kartätschenprinzen, wir aber, Zitz und Bamberger, Kommandant Kaiser und Napoleon von Plankenstein, auf dem schnellsten Wege über den Rhein und hinein in die Schweiz, den großartigen Hafen für alle politisch Gestrandeten.

Die Führer verließen ihre Armee, sie verdienen, daß man sie vergißt. Die Vernünftigen, erkennend, daß nichts mehr zu retten wäre, gingen nach Hause, niemand soll über sie richten. Aber die Tapferen und Gläubigen hielten aus, ihnen gebührt die Krone des Lebens.

So kam es, daß am 14. Juni, als um die Einnahme von Kirchheimbolanden ein Gefecht entbrannte, die Hälfte des Bataillons sich schon vor dem Generalmarsch in Sicherheit brachte, die wenigen Beherzten versuchten mit untauglichen Mitteln die Stadt zu halten, in deren Straßen es toll herging und wo aus allen offenen Fenstern, Dachluken und Kirchen die weißen Leintücher, Hemden und Tischtücher flatterten.

Man war sich in dem Städtchen selbst nicht einig, ob man zur Übergabe oder zum Sturm läuten sollte, schließlich behielten die Vernünftigen die Oberhand, die weißen Flaggen wurden gehißt.

Unterdessen hatten fast alle Freischärler das Feld geräumt und waren in den Donnersberger Wald geflüchtet, viele versteckten sich in Heuhaufen und Kornfeldern. Die Kommandeure Zitz und Bamberger hatten längst das Weite gesucht. Als die Preußen durch den Schloßgarten und auf der Nordseite eindrangen, hoppelten Major Schlinke, Major Kaiser und der Wiener Festungshäftling Napoleon von Plankenstein in einer zweispännigen Chaise in total betrunkenem Zustand davon. Alle diese Krakehler und Soldatenpopanze ließen, als es aufs Ganze ging, die Sache des Volkes feige im Stich und brachten ihre armseligen Kadaver in Sicherheit, und nicht nur die, sondern obendrein auch noch allerlei Kriegs- und Revolutionskassen.

Zuletzt blieben nur noch etwa zwanzig hessische Schützen standhaft, ihr heldenmütiges und trauriges Los war, für die verlorene Sache ihr Leben zu lassen. Dieses Häuflein Aufrecht wurde in einem beschämenden Kesseltreiben von den Preußen gejagt, zum Teil wurden sie von den Bäumen des Schloßgartens geschossen, zum Teil gefangengenommen und vor das Standrecht gebracht.

Als die Ulanen vom siebenten Regiment die einzige, von den 406 Freischärlern errichtete Barrikade stürmten, als sie über die gefällten Bäume und umgestürzten Karren setzten, fanden sie die Barrikade bis auf einen letzten Verteidiger verlassen, und dieser Letzte aus dem Kirchheimbolander Bataillon war ein Mädchen, Mathilde Hitzfeldt, die Tochter des Arztes.

Einsam stand sie auf dem tragikomischen Bollwerk ihres Glaubens und versuchte, mit einer Pistole in der Hand, die Stadt vor den anrückenden Preußen zu retten. Während ihr Bataillon schon längst die Flucht ergriffen hatte und nur noch das Häuflein Aufrecht im Schloßgarten um den Rest von Leben kämpfte, verharrte sie zwischen Baumstämmen und Barrikadengetrümmer in unerschütterlicher Treue, wenig achtend ihr Leben, viel aber die schwärmerische Zuversicht auf die wunderliche Idee der Freiheit.

Ein Ulanenoffizier sprang vom Pferd, um den Insurgenten gefangenzunehmen, als er sah, daß es ein Mädchen war, zog er den Degen und senkte ihn lächelnd und voll Bewunderung vor der Größe ihrer weiblichen Anmut und Tapferkeit.

Und dieser Ulan war ritterlich genug, um auf Mathilde Hitzfeldt zuzugehen, ihr den Arm zu bieten und sie von der romantischen Bastion auf gesicherten Boden zu geleiten, ihr bedeutend, die Barrikade sei nicht der geeignete Platz für ein Wesen von so holdem Liebreiz.

Neun Tage später hielt er um ihre Hand an, von dem Glauben beseelt, ein Menschenkind, das so voll Tapferkeit und Lauterkeit des Herzens wäre, müßte wohl eine gute Gefährtin für ein langes Leben abgeben.

Der Prinz Wilhelm von Preußen, der den pfälzischen Feldzug des ersten Korps mitmachte, befand sich an diesem Tag in Alzey. Er erließ einen Aufruf an das pfälzische Volk:

Erklärung der Rheinpfalz in den Kriegszustand.

Nachdem ein Teil der Mir anvertrauten Operationsarmee in die Rheinpfalz eingerückt ist, um daselbst die durch Insurgenten-Banden gestörte öffentliche Ordnung wieder herzustellen, und dem Gesetz der rechtmäßigen Regierung wieder die gebührende und zum Wohle des Landes unentbehrliche Achtung zu verschaffen, erkläre Ich in Erwägung, daß jene Banden den Mir untergebenen Truppen jetzt bewaffnet entgegengetreten sind, und die Leiter der Revolution fortfahren, das Land zum bewaffneten Widerstand aufzufordern, die ganze Rheinpfalz hiermit in den Kriegszustand.

407 Hiernach verfallen nunmehr alle diejenigen Personen in der Rheinpfalz, welche den unter Meinen Befehlen stehenden Truppen durch eine verrätherische Handlung Gefahr oder Nachtheil bereiten, dem Kriegsgericht anheim.

Hauptquartier Marnheim, den 14. Juni 1849.

Prinz von Preußen.

Der Feldzug des ersten Korps in der Pfalz blieb ein Spaziergang, die zweite Division unter General von Niesewandt marschierte mit klingendem Spiel in Kaiserslautern ein. Der Oberkommandierende General Sznayda, ein alter Mann, durch keinerlei Fähigkeiten irgendwie belastet, eine treue Aufrührerseele, die viel guten Willen, aber wenig Stoßkraft besaß, hatte die Stadt mit seinen Bataillonen längst geräumt.

Die Division Niesewandt marschierte durch die Senke weiter nach Dürkheim, Edenkoben und Germersheim, stieß aber nirgends auf den Feind.

Der Feind nämlich hatte sich mittlerweile schon wieder unter die preußischen Soldaten gemischt, in den Quartieren ging es hoch her, die Weinstuben hatten ihre große Zeit, Leute mit frisch geschorenen Bärten und prachtvollen Unschuldsmienen entwickelten zusammen mit der Einquartierung einen gewaltigen Durst, die Sensen staken unter den Misthaufen, die blauen Blusen und die Schlapphüte waren in Kornfeldern verborgen, die Gockelhähne hatten wegen ihrer Federn nichts mehr zu fürchten.

Die pfälzische Armee schrumpfte mehr und mehr zusammen; als die Korps Blenker und Schlinke auf ihrem Rückzug nach Dürkheim kamen, waren von 2300 Mann erstes Aufgebot nur noch etwa 300 Mann übrig, alle andern hatten ihr Heldentum abgelegt und waren nach Hause gegangen.

Die zweite Division General von Webern hatte in der Nähe von Homburg ein Geplänkel mit Freischaren zu bestehen, die sich aber nach kurzem Widerstand, wobei sie aus fünf alten Kanonen wirkungslos feuerten, in den Wald zurückzogen und nie mehr zum Vorschein kamen.

Ein größeres Gefecht hatte diese Division bei Rinnthal zu bestehen, wo die Elite der pfälzischen Korps, die Legionen der Studenten und Turner mit großem Elan ins Feuer gingen, nach kurzem Gefecht aber die Sache verloren geben mußten. Das Gefecht bei Rinnthal kostete vielen jugendlichen Freiheitshelden das Leben.

408 Bedeutsam waren die Operationen der ersten Division unter General von Hanneken, die von Kreuznach aus gegen Worms, Frankenthal und Ludwigshafen vorstießen. Der schneidige Revolutionsführer Oberst Blenker dirigierte sein Korps über Oggersheim nach Dürkheim, er selbst aber begab sich mit einer kleinen Abteilung nach Ludwigshafen, wo das rote Korps Besançon mit 600 Freischärlern die Stadt verteidigte.

Im Fähnlein Blenker ritten an diesem Tage auch zwei abenteuerliche Gestalten.

Ein schlanker, elastischer Bursche, der mit hohen Bügeln geschmeidig im Sattel saß. Er trug gelbe Reithosen, ein am Hals offenes buntes Hemd und ein kurzes Wams mit Silbertalerknöpfen. Auf dem Kopf saß, bedächtig schwankend, ein Sombrero. Und ein junges Mädchen mit blitzenden Augen und kurzgeschnittenen Haaren, in einer alten Kosakenuniform und mit einer Husarenfeldmütze.

Klaus Ringeis aus Brasilien und Greta Berghaus aus Deidesheim. –

– Der Kommandeur Hanneken der ersten preußischen Division hatte Marschrichtung Ludwigshafen.

Er schickte ein Detachement Husaren vom 7. Regiment als Vorhut voraus.

Die junge Stadt am Rhein sollte in schwere Bedrängnis kommen.

 

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