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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1

In einer Gemarkung der Haingeraide, dem Eschkopf vorgelagert, brannte der Wald. Zersprengte, flüchtende Truppen hatten eine flammende Barrikade aufgerichtet. Das Feuer entfaltete seine schaurigen Fahnen.

Ein Fanal des Menschenaberwitzes flackerte zum Himmel. Das winterliche Land war frei von Schnee, trockener Frost würgte die geschändete Erde, in den Bäumen war der Saft gesunken, es brach mörderisch über den Schlaf der Wälder herein.

Das Feuer schlug die uralten Eichen, die Buchen-Kiefern-Mischbestände, die wertvollen Kiefernstarkhölzer und den Jungwald; aus Bäumen wurden lodernde Fackeln, die zügellos zum Himmel qualmten.

Der Wald, ewig in seiner Herkunft und Wiederkehr, brannte zuschanden, ein Aufmarsch des Todes in der Nacht, Bäume stürzten in den Aufruhr, aus brennenden Nadelwipfeln prasselte der Funkenregen. Eine glühende rote Wand, in sich selber wallend und wogend, wanderte mit dem Wind, Schwärme von aufgejagten Vögeln stürzten in die Flammen, geblendet vom glühenden Tod. Was noch lebte inmitten dieses Grauens, war auf zielloser Flucht und kam im brennenden Unheil um. Der Wald, immer wieder aus der Not und Qual der Jahrhunderte neu erstanden, der Wald brannte und sein Tod war ohne Beispiel, ein Untergang von heldischer Größe, singend und brausend und orgelnd noch im Hinübersterben.

Und da die Elemente ein Schauspiel nach ihrem Geschmack wollten, schickten sie Möglichkeiten von verwegener Schau ins Treffen. In der Nacht noch raumte der Wind nach Südwesten, Wolken drängten in 17 dumpfen Kolonnen heran, sie ballten sich über dem roten Fackelzug, dumpf lauernd und schwer von Kälte und triefender Nässe. Mit einem Male, als ob es nun Zeit sei, einen Wäldertod mit Gepränge zu umgeben, sanken sie wie Vorhänge mitten in den roten Hexenkessel.

Aus dem Himmel über dem brennenden Wald fiel das dichte Wirbelspiel des Schnees. Vom Winde gepeitscht, flimmernd und glitzernd in der Höhe unter dem Feuerschein der brennenden Bäume, fuhr das weiße Gestöber in die rote Brandung, im Niedersinken zerfließend und verlöschend im Übermaß der Hitze.

Und ganz oben in der Höhe, vom böigen Winde gezaubert, ein Wechselspiel zwischen roten Funken und weißen Flocken, in das mit kurzen Unterbrechungen die Explosionen der Kiefern- und Tannennadeln wie Feuerfontänen stießen, ein Wirbeltanz von Kälte und Hitze, ein wilder Farbenreigen über Tod und Vernichtung und ein Untergang voll hinreißender Größe.

Drei Tage schon brannte das Gebäude des Waldes, nun sanken die letzten Pfeiler, kalte Regengüsse stürzten auf verkohlte Trümmer, Rauch und Brodem stiegen aus dem schwarzen Ödland auf, der Tod blies über die qualmende Walstatt.

Bei einer Lichtung, die am Hang eines Wälderberges lag, hatte der Brand Halt gemacht.

Dort stand ein Haus, dort war kümmerliches Ackerland, leergeraubt und brach in der Trostlosigkeit des Wintermorgens liegend.

Auf diesem Schauplatz ein Mensch.

Ungeheuer allein, rätselhaftes Überbleibsel, ein Mensch. Er trug Rock und Hut eines Försters, hohe Stiefel und eine graue Hose.

Sein Gesicht, blutig zerrissen, durch Bartstoppeln verwildert, war starr und ohne Regungen, wie es das Gesicht eines Menschen ist, der nach einer Kette von Schrecken nun ausruht und in eine Art Versteinerung sinkt.

Der Mann schaufelte Erde in ein Grab. Am Rande des verkohlten Waldes stand er und warf die Schollen klumpenweise in die nasse Grube.

Ein müder Anblick.

Als er fertig war, legte er verkohltes Getrümmer von Ästen über die frische Erde, aus zwei Stämmen schlug er ein Kreuz und stieß es in den Boden.

Dann ging er in das Haus, langsam und erstaunt über alle Dinge, die er wahrnahm.

18 Er kam in die Küche und schaute sich um in dem leergeplünderten Raum. Die Schranktüren standen offen, Schüsseln und Pfannen, zerbrochene Steinguttöpfe lagen trostlos durcheinander.

Der Küchenherd war kalt und beschmutzt, ein Holztisch zertrümmert. In der Ecke beim Schrank lag ein Käfig mit einer toten Singdrossel.

Der Mann, ohne Mienenspiel, stand reglos und drehte nur den Kopf, wie ein Vogel, der Umschau hält in einem Bezirk, der sich mit einem Male seltsam verändert hat. Er ging dann durch die Zimmer. Zuerst durch das Getrümmer des Wohnzimmers, dann in das angrenzende Schlafzimmer. Überall standen Schub und Kasten offen, die Bilder waren von den Wänden gerissen, Vorhänge lagen zertreten am Boden, ein Tisch war umgestürzt, die Scherben einer Lampe lagen zerstreut, Öl kroch umher.

Es roch nach Tod und Auflösung, die Kälte lagerte in den verlassenen Räumen, ein Hauch von Erstarrung blies durch Spalten und zersplitterte Fensterscheiben.

›In allen Winkeln nistet der Tod‹, dachte der Mann und vernahm plötzlich ein Geräusch, das er, unerklärlich fast, bisher überhört hatte. Wie war es möglich, kein Ohr zu haben für diese lebendige Stimme.

Eine Uhr tickte.

In dieser grauen Verlassenheit tickte eine Uhr.

Der Mann suchte die Uhr.

Richtig, natürlich war dort die Uhr. Eine Schwarzwälder Bauernuhr mit schweren Gewichten, die fast am Boden hingen.

Tack tack tack, ging die Uhr, das Perpendickel schwang aufgeregt hin und her.

Eine Zauberei in dieser Gruft.

Tack tack.

Wunderlicher Anblick, der Mann trat auf die Uhr zu wie auf ein lebendes Wesen.

Er griff nach den Schnüren und zog die Gewichte hoch, erschreckend vor dem knarrenden Geräusch.

Lange blieb er vor der Uhr stehen.

Tack tack tack.

Zehn Uhr zwanzig.

Zehn Uhr zwanzig, überlegte der Mann, was hieß das, welchen Sinn, welche Bedeutung hatte es?

Ihn fror bis in die Eingeweide, er ging zum Fenster und schaute hinaus in den Wintermorgen.

19 Immer noch stieg Rauch aus den verkohlten Wäldern.

Alle Dinge waren fremd, verändert und wie ausgeblasene Lichter.

Unbegreiflich, daß eine Uhr dieses Grauen überstanden hatte.

Der Mann ging zu einem Sekretär, dessen Schubladen auf dem Boden lagen. Er wühlte in Papieren, griff in Bündel von Akten und Schriften.

Er las; was las er denn, der Narr? Was, zum Teufel, gab es zu lesen hier, wo nichts mehr atmete und nirgends ein Funken Wärme einem entgegenschlug?!

Lieber Gott, da lag auch eine alte Bibel, zerrissen und elend geschändet.

Tack tack tack.

Er schlug die Bibel auf, sie enthielt auf den ersten Seiten Familieneintragungen, Geburt und Taufe, Hochzeit und Tod. Den Teufel auch, da stand es als letztes Dokument, da war es zu lesen, die Schrift war nicht gemordet, die Zahlen und Zeichen waren nicht geplündert.

Peter Aust, Revierförster, geb. 1779, verheiratet mit Anna Aust, geborene Ruster, am 15. Mai 1806. Ein Sohn mit Namen Andreas, geboren am 21. April 1807.

Der Mann starrte auf die Schriftzeichen und dann drehte er wieder den Vogelkopf.

Tack tack tack.

Richtig, Peter Aust, Revierförster, geboren 1779. Eine Frau mit Namen Anna, ein Sohn mit Namen Andreas.

Tack tack.

Er griff sich an die Stirn. Sollte es nicht schon Leute gegeben haben, die ihr Gedächtnis verloren hatten! Richtig, ein Sohn mit Namen Andreas. Richtig, der Kaiser geschlagen, Bonaparte am Ende. Die große Armee bei Mainz über den Rhein. Typhus. Barbarei. Rückzug und Flucht. Flucht im ganzen Departement. Flucht am Rhein nach Frankreich, Zöllner und alle Beamte mit Frauen und Kindern, durch die Wälder nach Westen, ungeordneter Troß.

Soldaten in Lumpen, erfroren und schwarz im Gesicht vor Hunger, furchtbarer Anblick. Raub und Mord und Wahnsinn. Nur noch Zerrbilder von Menschen, nur noch Kreaturen, die nach dem Leben schrien, das ihnen so sonderbar mitspielte.

Richtig, Peter Aust.

Tack tack.

Am Boden dort ein häßlicher Fleck. Blut. Es kroch aus Winkeln 20 und Ecken, es wand sich hinter Möbeln und Öfen hervor, alle Räume füllten sich mit Grauen, es war kein Halten mehr, eine Unflat von Schrecknis überschwemmte das einsame Gehöft.

Der Mann kletterte durch das offene Fenster ins Freie. Da stieg mit einemmal, mächtiger als der Tod und wie ein Augenaufschlag Gottes, die Sonne hoch. Über den Kalmitberg herauf hob sich das feurige Gestirn, Garben von Licht aussendend, aber mit Wärme eigensinnig geizend.

Der einsame Mensch, übriggeblieben und vergessen, stand in der Kaskade des Lichtes, ein Rest von Leben in einer Wildnis und Einöde, zusammenlebend mit einer Uhr, die noch nicht verhungert und erfroren war.

Tack tack. Durch das offene Fenster kamen die Herzschläge der Uhr.

Die Sonne stieg immer höher, das Brausen und Tönen, das von ihr ausging, wurde immer gewaltiger, sie schien zu dröhnen im Übermaß ihres Feuers, es war nicht zu ergründen, wie weit jenseits sie stand und unerreichbar jeder menschlichen Sehnsucht.

Der übriggebliebene Mensch hatte noch einen Rest von Glück, im hintersten Winkel der Scheune fand er verschrumpfte Viehkartoffeln. Er verzehrte von den rohen Knollen; wie sie dalagen, staubig und erdbeschmutzt, so nahm er sie und biß voll Gier hinein, das zermahlende Geräusch des Kauens war in der Stille des Raumes zu hören.

Er nahm den Rest der Kartoffeln, um ihn ins Haus zu tragen. Immer noch kauend, verließ er die Scheune. Als er ins Freie trat, sah er eine Frau über die Waldlichtung kommen. Merkwürdig hell hob sie sich von der Düsternis ihrer Umgebung ab.

Es war kein Traum, eine junge Frau kam mit zaghaften Schritten über die nasse, halb schneebedeckte Lichtung. Sie blieb einen Augenblick stehen, leicht vorgebeugt und wie ein Tier des Waldes, das vor einer Gefahr verhofft.

Dann standen sie sich gegenüber, der Mann in der Kleidung des Försters, verwilderten Gesichtes und blutzerschunden, und die Frau, frierend und schön in ihrer verbettelten Hagerkeit, ein wenig gebeugt, aber mit einem hohen Glanz in den hellen Augen.

»Ich weiß, was du willst«, sprach sie und schaute ihn voll an, »du willst mich jetzt – – – und dann willst du mich töten. So ist das der Brauch. Bist du ein Franzos?«

Der Mann schüttelte den Kopf, sein Gesicht veränderte sich, es war nicht frei von Begierde, vielleicht waren die Kälte schuld und die 21 Schwere seines Daseins, daß er so ruhig stehenblieb und nur den Kopf schüttelte.

»Ich wehre mich nicht mehr«, fuhr die Frau fort, »ich bin ganz am Ende. Du kannst mich hier erschlagen. Sag, ob du ein Franzos bist? Dann ist es Zeit, daß du dich davon machst, die Russen mit den Gänseaugen kommen.«

»Ich bin kein Franzos!«

»Auch kein Franzosenkopf? Oder ein Rundschädel?«

»Nein.«

»Wohnst du am Ende hier?«

»Ja, ich wohne hier.«

»Du redest so sonderbar, ich weiß es selber nicht. Ich bin müde, ich will schlafen.«

Sie ging schleppenden Schrittes auf das Haus zu, der Mann folgte hinterher. An der Tür blieb sie stehen und deutete nach den Brandstätten.

»Hat der Kaiser den Wald niederbrennen lassen?«

»Wo ist der Kaiser?« sprach der Mann und sprach es wie im Traum. »Einmal wird er kommen, plötzlich wird er dastehen und alles wird wieder gut sein.«

»Du redest wie ein Klubist. Wer bist du, daß dir der Kaiser noch so großartig ist?«

»Peter Aust.«

»Ich kenne dich nicht. Haben sie dich hier ausgeleert? Das sieht aus, als ob die Commission de grippe einen harmlosen Besuch gemacht hätte.«

»Die kaiserliche Garde.«

»Von der Garde? Sind es noch Soldaten, oder sind es schon Gespenster? Überall liegen sie herum und verpesten die Luft. Gut, daß es kalt ist, sie sterben tausendweis. Der Hunger und das Nervenfieber. Und barfuß im Schnee. Mir wird übel, ich lebe schon tagelang auf der Flucht.«

»Woher kommst du denn?«

»Aus Sandheim am Rhein drüben. Dort ist es schon immer heiß hergegangen, weil die Landauer in der Nähe sind. Landau ou la mort. Ich war ein Kind, aber ich weiß noch, wie ein Hesse den Franzosengeneral Hiller erschossen hat. Er liegt dort begraben, manchmal in bösen Nächten reitet er mit dem Hans Trapp den Rhein entlang. Es geht schon immer zu bei uns wie im Dreißigjährigen. Aber 22 die Franzmänner haben ausgespielt, wie die Ratten laufen sie durcheinander und suchen Löcher. Der General Marmont, der hat bloß noch ein paar elende Haufen in der Nachhut, aber so verhungert sind sie noch nicht, daß sie nicht die Fässer leersaufen und die Frauen auf den Rücken zwingen könnten.«

»Du redest daher, als ob du selber im Troß geritten wärst. Bist doch kein Soldat?«

»Ich sage dir, in diesem Land sind wir alle Soldaten.«

»Auch die Frauenzimmer?«

»Auch die Frauenzimmer; sie müssen sich zu oft ihrer Haut wehren.«

»Sind nicht Zucht und Ordnung in der Arrieregarde vom Marmont?«

»Wenn man die Großen reden hört, ja. In Wahrheit aber wird geschändet, wo es geht.«

»Der Marmont ist mit der Hauptmacht seines Korps schon hier durch die Wälder und durch die Senke nach Kaiserslautern retirieret.«

»Waren sie's, die den Wald – –?«

»Keine andern.«

»Und alles zuschanden geschlagen?«

»Alles.«

»Komm ins Haus, ich zerbreche vor Kälte.«

Sie gingen in die Küche, der Mann fand Stahl und Schwamm. Er schnitzte Späne, stopfte zerschlagene Möbelstücke in den Ofen und brannte ein Feuer an.

Sie stand gegen die Wand gelehnt, die Arme hingen schlaff, der Kopf sank nach vorn, sie strich die nassen Haare aus der Stirn.

Dann legte sie sich vorm Herd auf den Boden und schlief ein. Der Mann setzte sich auf einen Küchenstuhl und starrte die schlafende Frau an.

Es wurde warm in dem jämmerlichen Raum.

Er saß viele Stunden hier, schürte ab und zu das Feuer nach und lauerte auf den Schlaf der Frau. Seine Züge waren häßlich entstellt, Falten zogen sich um die schmalen Augen, das ovale Gesicht mit der bräunlich getönten Haut wurde gemein im niedrigen Mienenspiel.

Was lag hinter ihm, was alles mochte er erlebt haben in den letzten Tagen?! Die Ordnung und das Gesetz waren tot, eine Wildnis wuchs aus der Sinnlosigkeit dieser Zeit.

Der Mann kauerte sich auf die Erde, ganz dicht kam er an die Frau heran. Beide Arme aufgestützt, lauerte er in die Stille hinein. ›Jetzt 23 leben vier im Haus‹, dachte er, ›die Frau und ich, das Feuer und die Uhr.‹ Er beugte sich über das Gesicht der Fremden, spürte die Hitze des Atems und roch die verrückte Ausdünstung ihres Körpers.

Da fiel er über sie und fühlte auch schon die schreckliche Glut ihres Mundes. Er schloß die Augen vor der Verräterei des Lichtes.

Sie blieb eine Weile unbeweglich, als bedürfte es einer gewissen Zeit, um aus dem Rätselschacht aufzutauchen; vielleicht auch fühlte sie eine knappe Weile diese Umschlingung wie Schutz und Ausruhen. Vielleicht trug dieser Frevel einen Herzschlag lang die Maske des Geborgenseins.

Dann stieß sie ihn von sich und richtete sich halb auf. »Teufel!« flüsterte sie erregt, ihr Mund war feucht, das Haar hing wirr in die Stirn. Sie hatte blaue Augen, angstvoll geöffnet. Was für Wunderaugen!

»Teufel, müßt Ihr immer nur das eine – –wer bist du denn? Ich bin ganz wirr – – schaust jetzt aus wie einer von den Speckreitern von der Hackmesserseite drüben. Richtig, Peter Aust, hast du nicht Peter Aust gesagt?«

Sie sah ihn dicht vor sich, seine Augen brannten, er zitterte am ganzen Körper, ein Beben rann durch die aufgestützten Arme. Er öffnete den Mund, aber er sprach nicht, eine Hand fuhr nach ihrer Schulter.

»Du Tier, du! Weißt du, wo der liebe Herrgott ist? Weit fort, auf ferner Reise, alle Tore zu ihm sind zu. Kein Weg zu ihm. Laß mich los!«

Der Mann ließ ab von ihr, er ging zum Feuer und schürte. Er starrte in die Flammen und hatte schändliche Gedanken.

Es wurde Abend, die frühe Winternacht kam über die Haingeraidewälder, düstere Wolken schwammen vom Westen herüber, es roch nach Schnee.

Sie erhob sich vom Boden und stand aufrecht mitten im Raum. Und sie sprach es mehr zu sich und in die Leere hinein.

»Mal in Frieden leben und wissen, ob man deutsch ist oder welsch. Verstehst du das, wissen, ob man deutsch ist oder welsch!?«

Sie breitete die Arme und starrte eine Weile nach der Decke, von dort sank die Trauer auf sie nieder, ihr verkommenes Dasein schwoll über sie herein, sie wurde niedergedrückt von ihrer Ausweglosigkeit.

Mit den flachen Händen fuhr sie über die Wangen nach den Schläfen und dort preßte sie die Hände fest, als wollte sie ungeheuerlichen Gedanken wehren, auszubrechen und Unheil zu verbreiten.

»Meinst vielleicht, ich bin irgendeine Hergelaufene, hee, oder ein 24 Wildfang, sag's?! Bildest dir ein, brauchst nur den Finger krumm zu machen. Wo sind denn deine Leute? Hast du keine Frau und Kinder hier auf dem Wälderhof?«

»Tot!«

»Erschlagen, gelt? Dein Kaiser hat für sie gesorgt. Das kann man nicht zu Ende denken. Bei uns zu Hause ist deutsch und welsch in der gleichen Familie, aus dem gleichen Leib geboren, im gleichen Zimmer großgezogen. Paß auf, jetzt müssen wir noch russisch lernen.«

»Meinst du die Kosaken?«

»Die Russen kommen, sie stehen schon am Rhein. Die Kalmücken mit den Gänseaugen, ich kann dir ein Lied singen.«

»Was weißt du von den Russen?«

»Ho hoo! Soll ich dir etwas verraten? Mein Bruder ist Kosak beim Karpow. Als junger Deutscher ist er schon zum Condé und wollte den Napoleon in die Pfanne hauen. Dieweil vorher mein anderer Bruder als Patriot unterm Freiheitsbaum für die Jakobiner gebrüllt hat, und dann ist er zu den Schmugglern an den Rhein, als Franzosenkopf steckt er mit den Douaniers unter einer Decke. Er ist schuld, daß ich wie ein Tier durch die Wälder laufe.«

»Dann hältst du es mit den Russen! Sind dir die Gänseaugen lieber?«

»Nicht mit den Russen – – aber mit den Deutschen.«

»Deutsche?! Qu'est que ça?«

»Einmal werdet ihr es alle wissen!«

Wieder lehnte sie sich gegen die Wand, mit gebreiteten Armen sich stützend, schaute sie nach dem Fenster, wo das Grau der Dämmerung schwamm. Ihr Kopf war zurückgeschoben, man hörte das Feuer in die Stille hineinknistern.

»Einmal werdet ihr es alle wissen«, sprach sie wiederum, dann tauchte es vor ihr auf und war wie eine trostvolle Spiegelung.

»Vielleicht, daß wir soviel Schweres tragen müssen, daß einmal unsere Kinder ruhig schlafen können. Ich habe ein Kind, o Gott, zu Hause habe ich ein Kind. Vielleicht leben wir nur für die Kommenden.«

Sie weinte, nun sie an das Kind dachte, unbeweglich stand sie gegen die Wand gepreßt, ihre Tränen, alle Umgebung verklärend, rannen in die Stille.

›Madonna‹, dachte der Mann, dem die letzte Menschenregung aus dem Herzen brach. ›Madonna‹, dachte er. –

25 Sie verließ die Küche und schaffte Ordnung im Wohn- und Schlafzimmer. Was noch übriggeblieben war an Möbelstücken, richtete sie auf, auch ein Bett brachte sie in Ordnung und trug das zerschlagene Gerümpel beiseite. Die Nacht kam tief und ohne Mitleid.

Gott mochte wissen, welche Stunde es war. Der Mann hatte Kartoffeln in die heiße Asche geworfen, aber die Frau aß nicht, von plötzlicher Schwäche gepackt, warf sie sich in den Kleidern auf das Bett und sank in einen tosenden Abgrund.

Der Frost griff mit hageren Händen durch die zerbrochenen Scheiben, Fetzen von Vorhängen wehten, es fiel weiß vom Himmel in schwermütigem Gestöber.

Als sie in der Nacht aufwachte, saß der Mann vor ihrem Bett. Er wühlte in ihren Kleidern, sie sah ihn nicht, sie fühlte nur, wie seine Hände ihren Körper betasteten.

»Was willst du von mir?«

Gott im Himmel will ich danken, ging es durch ihren Sinn, Gott im Himmel, wenn er nicht so weit fort ist, will ich danken, weil ein lebendes Wesen in meiner Nähe ist. Nur nicht so ganz allein unter toten Soldaten.

Sie fühlte, wie der Mensch am ganzen Körper zitterte, sie hatte Mitleid mit ihm, sie waren Menschen unter einem Himmel. Zwei Zugtiere, ihrem verwegenen Schicksal vorgespannt.

Mit Kleidern und Stiefeln sank er auf das Bett, sie wehrte ihm nicht, daß er an ihrer Seite lag. Es ist sein Haus, dachte sie, sein Zimmer, sein Bett, er ist ein Mensch wie ich.

So lagen sie Seite an Seite, in einem verödeten Haus zwischen abgebrannten Wäldern, abseits, unvorstellbar ausgeschaltet und übriggeblieben.

»Warum bist du davongelaufen?«

»Weil sie mich sonst gehenkt hätten. Die colonne mobile war hinter mir her.«

»Was hast du denn getan?«

»Das will ich dir sagen: ich habe russische Parteigänger, ein Dutzend Jäger vom Wittgenstein hinter die französischen Linien geführt. Mein Bruder, Robert Seffrin, hat mich verraten, damit du seinen Namen weißt. Mein Mann liegt erschlagen in Rußland, mein Kind ist zu Hause, und ich muß in die Wälder – – –«

»Sind die Russen schon da?«

»Hinter Mainz und im Elsaß sind sie über den Rhein.«

26 »Woher weißt du das alles?«

»Wir haben die Ohren und Augen auf in unserm Land. Wir sind immer wach.«

»Spion bist du? Aber der Kaiser ist noch nicht am Ende.«

»Narr, der Kaiser fährt in die Hölle! Laß mich schlafen.«

»Der Kaiser ist noch nicht am Ende. Er hat Flügel und er kann zaubern. Er kommt auf einem weißen Pferd und Gott ist sein bester Kamerad.«

»Du redest im Fieber.«

»Der Kaiser – – der – – Kaiser!« –

Über die Wälder sank der Schnee. Das Land schlief, die Erde, unwandelbar treu, voll tiefen Sinnes und voll verborgener Kräfte, verbarg sich unter dem weißen Wunder. Zeitlos und vom Ewigen angehaucht, stand sie außerhalb aller Verworrenheit und verharrte ungeheuerlich in ihrer Beständigkeit.

Durch Wälder und Täler, durch Schluchten und Senken flüchteten Menschen.

Soldaten, Soldaten, Soldaten.

Sie starben im Schnee, im Frost, in der Schwärze der Nacht, sie sanken in das Bett der Erde, verröchelten am Weg, zwischen Bäumen und Felsen.

Schnee bedeckte ihre verkrampften Körper.

Sie schliefen.

Viele Soldaten, Freunde und Feinde, Menschen und Menschenbrüder, viele Soldaten schliefen im Schnee.

Nie, seit Monden, hatten sie so tief geschlafen.

Und so sauber, und traumlos, und ohne Hunger, und ganz im blühenden Weiß.

Noch einmal in der Nacht richtete die Frau sich im Bett auf und starrte nach dem Fenster, das mit grauem Glanz in die Schwärze leuchtete.

»Heute ist ja Weihnacht«, sprach sie still. »Weihnacht ist heute.«

Von einem wehmütigen Gefühl getrieben, faltete sie die Hände, Tränen rannen aus den Augen, sie weinte stumm und verborgen und bewegte kaum merklich die Lippen. Lieber Gott, wenn du dich abgewandt hast von uns, verlasse uns nicht ganz. Halte deine Hände über meinem Kind und über allen Bedrängten, die in der Heimat sind und draußen im fernen Land. Sind nicht viele übriggeblieben von uns; sind dir nachgewandert in die Ferne, nach Amerika, und über alle 27 Meere, vielleicht, daß du ihnen näher bist in der Ferne. Wir am Strom wandern leicht, das rauscht und fließt immer an uns vorüber, und wir müssen mit, weil wir die Not nicht mehr tragen können.

Sie ließ die Arme sinken, saß immer noch aufrecht und sah weißes Geflimmer gegen das Fenster schweben. Die Atemzüge des Schlafenden schreckten sie auf, sie wandte sich und sah, nur undeutlich und von Schwärze überdeckt, den fremden Menschen in ihrer Nähe liegen, den Förster Peter Aust aus den Haingeraidewäldern. Und die Erinnerung an etwas Furchtbares tauchte auf.

»O Gott, was habe ich getan!« hauchte sie.

Leise stahl sie sich aus dem Bett und trat ans Fenster. Die Stirn drückte sie gegen die kalten Scheiben, ganz nahe war sie dem sinkenden Schnee.

»Weihnacht ist heute«, sprach die Frau.

 

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