Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Roland Betsch >

Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

21

Als Frau Martha mit dem Franzosen den engen Pfad zwischen dem Ginstergebüsch herauskam, bedeutete sie ihm mit erregter Stimme, daß er nun gehen und sie allein lassen müßte, sie ertrüge keinen Menschen und sie hätte die Gewißheit, daß etwas Unheildrohendes zwischen ihnen stünde.

Sie befanden sich im hinteren Helmbachtal in den Haingeraidewäldern, es war früher Nachmittag, sie waren mit dem Tilbury das Tal heraufgekommen, um die große Brandstätte beim Gaiskopf zu besichtigen.

Sie hatten aber unterwegs Halt gemacht, denn der Tag war blau und warm und immer noch blühte der gelbe Ginster. Weiße Wolkenbarken segelten über den Himmel.

Der Franzose blieb noch eine Weile stehen, unentschlossen und verwundert, weil sie ihn von sich wies.

Als er zu Fuß das Tal hinausging, schaute sie ihm nach, unverwandt und mit einem geheimen Widerwillen.

Sie bewegte sich nicht, ihre Samtaugen waren starr ins Weite gerichtet, vielleicht sahen sie den Mann schon gar nicht mehr, vielleicht waren sie in eine ganz andere Ferne getaucht.

Nach einer Weile warf sie sich zwischen die Ginsterbüsche, drückte das brennende Gesicht gegen den Boden und horchte in sich selber hinein. Sie hatte den Mund halb geöffnet, sie schmeckte Erde und Holz und etwas Bitteres.

380 »Ich kann jetzt nicht nach Hause gehen«, stammelte sie, »unmöglich kann ich jetzt nach Hause gehen!«

Die Erde war kühl, es roch nach Heide und Heidelbeergesträuch, über dem Buschwerk lag die flimmernde Hitze des jungen Sommers, Duft von Kiefernharz strömte aus der Schonung.

Mit den Zähnen riß sie das harte Kraut los.

Als sie sich auf den Rücken drehte, war ihr, der blaue Himmel stürzte augenblendend auf sie nieder.

›Ich gehe nicht nach Hause‹, dachte sie und fühlte, wie ihr Herz anfing, ruhiger zu schlagen. ›Ich will hierbleiben, bis die Nacht kommt, vielleicht will ich zwischen dem Gesträuch schlafen, es ist so still und friedlich im Wald.

Ist er überhaupt mein Kind, dieser aufgeschossene rothaarige Knabe mit den abstehenden Ohren und dem kleinen Kopf? Er kann nur Tiere quälen und Feuerlein anzünden, ist er denn wirklich mein Kind?‹

Als das Pferd wieherte, erhob sie sich und stieg über die Böschung auf den Fahrweg hinunter. Sie schirrte das Pferd ein und fuhr das enge Tal hinaus. Sie gab die Zügel frei und ließ das Tier nach seinem Willen laufen. Nach einer Stunde kam sie in die Senke, wo der große Brand gewütet hatte. Hier verweilte sie lange, das Grauen der Landschaft griff auf sie über, ihr war, dies müßte die rechte Stätte für sie sein, ringsum Schwärze und Tod und kein Laut; nur aus der Ferne schwoll das Rauschen herüber.

»Das hat mein Mann auf dem Gewissen«, sprach sie halblaut, »und was ich tat, das hat er auch zu verantworten, denn er hat mich dazu getrieben.«

Ein Frösteln lief über ihren Körper, sie sah ihn deutlich vor sich stehen mit dem frisch gewachsenen Bart und mit den nackten Augen.

»Hab' ich recht oder nicht?« äffte sie ihn nach, »Teufel!«

Sie fuhr den Hohlweg aufwärts, erreichte den Sattel und kam bald auf die freie Lichtung, die zum Forsthaus hinüberführte. Hier hielt sie an, stieg ab und blieb zögernd stehen.

Etwas trieb sie, in das Haus zu gehen, sie hatte ein Gefühl, als ob ihr dort eine Enthüllung werden müßte, vielleicht war sie nur hierhergefahren, weil sie das Haus gesucht hatte, weil sie von innen gedrängt wurde, in seiner gefährlichen Nähe zu sein.

Vielleicht auch wollte sie kommen in Demut, um abzutragen, was alles ihr Mann verschuldet hatte. Die Knie beugen und den Blick senken, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.

381 Sie nahm das Pferd am Zügel und ging langsam, wie eine Pilgerin fast, auf das Forsthaus zu.

Als sie eintrat, kam ihr der Waldhüter mit den zwei Hunden entgegen.

Ob der Förster zu Hause sei? Nein, der Förster sei gestern nach Speyer gerufen worden wegen des Waldbrandes, er komme erst heute in der Nacht zurück.

Sie wollte noch weiter fragen, da kam Gertrud aus dem Wohnzimmer heraus.

»Martha?« sprach sie erstaunt, »du bist es?«

Sie schauten sich an, Martha senkte den Blick.

»Komm herein, Martha, was ist dir, du bist so verändert?«

»Ich finde mich nicht mehr zurecht, Gertrud. Schau mich nicht so an, mir ist nichts, mußt nicht glauben – –«

Sie ließ den Kopf hangen und Gertrud sah, daß die dunklen Haare in Unordnung waren, das Kleid war zerdrückt, auf der bräunlichen Haut brannten rote Lichter.

»Wie siehst du denn aus, Martha?«

»Oh, nichts, wirklich nichts. Ich muß nur immer dran denken, was mein Mann euch angetan hat. Das läßt mir keine Ruhe mehr. Sieh mal, wenn ich irgend etwas Gutes für euch tun könnte, – ich weiß selbst nicht, was – – ich weine nicht, Gertrud, nein, ich weine nicht.«

Frau Gertrud war betroffen, sie wußte nicht, was sie sagen sollte, mit zärtlicher Bestimmtheit drängte sie die Schwester auf einen Stuhl. Wenn sie nur aufhörte, zu weinen, es war furchtbar, wie sie weinte. Und sie sah aus, als ob jemand sie überfallen hätte.

»Wenn du etwas weißt, Gertrud, was zwischen uns steht, dann mußt du es mir jetzt sagen. Ich meine, es ist vielleicht die letzte Möglichkeit.«

»Was – – sollte ich – – wissen, Martha?«

»Ich kann es dir selbst nicht erklären, aber etwas ist wie eine Wand aufgerichtet, und ich glaube, wenn die Wand nicht mehr ist, dann – – dann ist alles viel besser zwischen uns.«

»Was meinst du mit der Wand, Martha?«

»Vielleicht weißt du, wer – – mein Vater ist? Wenn du es weißt, dann mußt du es mir sagen, bevor es zu spät ist.«

»Zu spät?!«

»Ja, es könnte sonst vielleicht zu spät sein.«

»Ich verstehe dich nicht.«

382 »Ich meine, jeder Mensch hat ein Recht darauf, das zu erfahren, was ihn selber angeht, man darf ihm nichts verheimlichen, wenn er darum bittet. Du mußt es mir sagen, Gertrud! Du hast neulich ein Buch gehabt, was für ein Buch ist es gewesen?«

»Ich – – weiß – – nichts!«

»Bei der Seligkeit deines eigenen Vaters, Gertrud?«

Die Försterfrau antwortete nicht mehr, sie ging zum kleinen Sekretär, schloß auf und nahm die Handschrift des alten Schulmeisters heraus.

Sie legte den Folianten vor Martha auf den Tisch, blätterte darin und schlug eine bestimmte Seite auf.

»Lies!« sprach sie mit bedrückter Stimme und ging aus dem Zimmer.

Als sie zurückkam, stand Martha gegen das Fenster gelehnt, die Arme gebreitet, den Kopf ein wenig gehoben, die Augen weit und groß auf die Schwester gerichtet.

»Jetzt hast du es gelesen?«

»Ja, Gertrud, jetzt weiß ich alles.«

Sie kam auf die Försterfrau zu, ganz ruhig und gefaßt, keine Träne mehr in den Augen, nur mit einem schwarzen Entschluß im Antlitz.

»Ich will wieder gehen, Gertrud; wenn du es vergessen könntest, was mein Mann euch angetan hat – –«

Sie drängte zur Tür, die Enge des Raumes nahm ihr die Luft. »Willst du denn nicht – –?«

Aber Martha hatte schon die Klinke in der Hand und öffnete die Tür.

Unerwartet und unter einem inneren Zwang kam sie noch einmal zurück.

»Hör' mich mal an, Gertrud«, sprach sie und hatte fast keinen Klang mehr in der Stimme, »ihr wißt doch auch, wer dieser Laroche ist, den mein Mann – – –?«

Sie rang nach Luft, alles Blut floh aus ihrem Gesicht.

»Sein Vater, Gertrud, war Zöllner in Speyer.«

Sie preßte die flachen Hände gegen die Schläfen.

»Das weißt du doch, Gertrud?«

»Ja, Martha.«

»Sein Vater ist – – mein Vater.«

»Ja, Martha, so wird es wohl sein.«

»Und er – – mein Bruder.«

383 Frau Gertrud klappte das Buch zu und trug es an seinen Platz zurück, sie war nun selber bewegt und voll Traurigkeit.

»Du mußt dir das nicht so zu Herzen nehmen, Martha.«

»Nein, ich will es mir nicht zu Herzen nehmen. Leb wohl, Gertrud, mir ist so schwarz im Gemüt, ich weiß nicht, wie ich dieses Leben noch tragen soll.«

»Du hast ein Kind, Martha.«

»Sprich nicht von meinem Kind. Ich will doppelt gut sein zu ihm, weil es so mißraten ist. Ich sage dir nur das eine, Veit Huß sollte besser keine Kinder haben.«

Sie ging langsam aus dem Zimmer, verließ das Haus und schaute sich nicht mehr um.

Frau Gertrud sah, wie sie in das Gefährt stieg, in scharfem Galopp über die Lichtung fuhr und im Wald verschwand. –

– Es wurde schon Abend, da kam sie mit dem abgetriebenen Pferd in der Sägemühle an. Sie schirrte aus, führte das Pferd in den Stall und rieb ihm den Schweiß ab. Sie schüttete Hafer in die Krippe und hörte angestrengt auf ein Geräusch.

Es liefen noch zwei Gatter.

Sie ging ins Haus, Gott sei gelobt, ihr Mann war nicht da. Das Mädchen hatte den Jungen schon zu Bett gebracht. Frau Martha ging leise ins Schlafzimmer, der Junge schlief, die Dunkelheit lastete schwer im Raum.

Da lag er und schlief, sie sah den kleinen Kopf und die Sommersprossen im Gesicht, es war alles von Dämmerung überlagert.

Er hatte keinen einzigen Zug von ihr, nein, alles vom Vater, manchmal glaubte sie, er sei nicht ihr Kind, Gott mochte ihr die Sünde verzeihen.

Plötzlich hatte sie Mitleid mit dem Knaben, ein wehes Gefühl der Verlassenheit überkam sie, langsam beugte sie sich zum Bett nieder und berührte mit den Lippen die Stirn des Kindes. Sie roch seinen Atem und seinen Körper. Als er sich bewegte, floh sie aus dem Zimmer.

›Ich muß den Fremden suchen‹, dachte sie verwirrt, ›ich habe etwas Wichtiges mit ihm zu bereden, ich weiß jetzt; warum es mich manchmal so sonderbar nach Frankreich gezogen hat, ich muß ihn suchen und ihm sagen, was er aus mir gemacht hat.‹

»Mehr noch als eine – –«

Sie lehnte den Kopf gegen die Wand und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen.

384 Was hatte der alte Mann geschrieben? Eine von denen, die weder hüben noch drüben eine Heimat haben.

»Aber meine Mutter«, stöhnte sie, »ich habe doch eine Mutter gehabt. Sie sagen Vaterland und meinen vielleicht Mutterland.«

Vielleicht war das nur eine Verwirrung von Begriffen, sie sagten Vaterland und meinten Mutterland. Vielleicht war man doch nur dort zu Hause, wo auch die Mutter zu Hause war!

Es war immer noch hell draußen, als sie das Haus verließ. Sie ging ins Neustadter Tal hinaus, kam bei den Baustellen vorüber und suchte nach dem französischen Sachverständigen Laroche.

Bei einer Rotte von Schwellenlegern blieb sie stehen und fragte nach dem Franzosen.

Er sei hier gewesen, sagten sie, vor einer Stunde noch, jetzt sei er wohl hinüber nach der Tunnelbaustelle, dort habe man eine Probebelastung anberaumt.

Tunnel? Sie erschrak, als sie das Wort hörte. Nicht ohne Grauen dachte sie an den schwarzen Schacht, in dem es so merkwürdig faulig roch, wo Wasser rieselte und tropfte und der Dunst von Pechfackeln die Luft verpestete.

Sie ging weiter in den stillen Abend hinein, ihr schien, es wäre alles so lautlos und feierlich, immer noch trieben weiße Wolken über die Wälder dahin, sie kamen von Osten und wanderten mit dem sinkenden Licht. –

Es mußte gegen neun Uhr abends gewesen sein, da stand sie vorm Tunnel, zögerte noch eine Weile und war unentschlossen, was zu beginnen wäre.

Dann ging sie in die dunkle Höhle hinein. Sie hörte Lärmen und Poltern, Hammerschlag und metallisches Klingen. Auch Stimmen von Menschen vernahm sie, die Nachtschicht war bei der Arbeit.

Sie blieb stehen und es kam ihr plötzlich wunderlich vor, daß sie nun wieder stand, wo sie schon einmal gestanden hatte. Prüfend zog sie die Luft ein, ja, genau so hatte es gerochen, faulig und rauchig. Auch das Wasser tropfte und rieselte. Im letzten Rest von Licht glitzerten die gemauerten Wände.

Gegen die Schwellen stoßend, stolperte sie weiter, es wurde finsterer, aber das Poltern und Rumoren nahm zu, es wuchs zum Donnern und dann kam es mit qualmigen Fackeln auf sie zu. –

Der Sektionsingenieur Berghaus stand, als sie den Tunnel bei der 385 Belastungsprobe zum erstenmal befuhren, vorn auf der Lokomotive und hielt eine Pechfackel.

Als er den Schatten auf den Schienen sah, wollte er noch nach dem Dampfdrosselhebel greifen, aber es war schon zu spät. Die Gestalt taumelte von der Schwellenbettung, wurde aber seitlich erfaßt und in den Entwässerungsgraben geschleudert.

Berghaus sprang von der Maschine und leuchtete den Graben ab. Er sah, daß es eine Frau war.

Der Fackelschein fuhr zuckend über ihr Gesicht.

»Das ist Martha!«

Er beugte sich nieder und erkannte, daß sie noch lebte.

»Fahren Sie nach Neustadt hinein und bringen Sie den Arzt!« sprach er zum Maschinenführer.

Berghaus nahm die Frau in die Arme und trug sie aus dem Tunnel hinaus ins Freie.

Der Tag war gegangen, noch war ein letzter Schein am Himmel, aber auch dieser Schein wurde von den blauen Schatten verzehrt.

Berghaus legte die Frau auf die Rasenböschung, er sah, daß sie eine schwere Kopfwunde hatte.

Sie öffnete noch einmal die Augen und trank ein großes Staunen in sich hinein.

»Martha«, sprach Berghaus und legte vorsichtig die Hände unter ihren Kopf.

Sie erkannte ihn nicht.

Wieder schaute sie ihn voll an, ihr Blick war wissend und klar, aber sie erkannte ihn nicht.

»Ich will zu euch gehören«, sprach sie und verschied.

Der Sektionsingenieur Berghaus blieb lange bei der Toten. Er betrachtete voll Trauer das starre Antlitz und dachte daran, daß er diese Frau einmal geliebt hatte. –

Der Förster Andreas Aust, der in dieser Nacht noch von Speyer zurückkam, brachte sie in seinem Wagen nach Hause. Er fuhr im Schritt mit der trübseligen Last, um elf Uhr nachts hielt er bei der Sägemühle und trug die tote Frau über die Steintreppe hinauf.

Der Sägemüller Veit Huß stand im Flur.

»Was bringst du, Andreas?«

»Martha.«

Huß öffnete die Tür, der Förster trug die Frau ins Zimmer und bettete sie auf das Sofa.

386 »Sie ist im Tunnel überfahren worden«, sprach Andreas Aust.

Veit Huß antwortete nicht, er trat schwerfällig vor seine Frau hin und starrte sie an. Hier geschah etwas, das er sich nicht vorstellen konnte, seine Gedanken vermochten nicht zu fassen, daß etwas so plötzlich hereinbrechen konnte.

Er grübelte und biß sich auf die Lippen.

Er strich der Toten mit der Hand über die Stirn, er packte ihre Hand und hob den Arm hoch, als er losließ, fiel der Arm herab. Ja, sie war tot, so aus dem Hinterhalt kam der Tod.

Er pfiffelte, es war fürchterlich, daß er jetzt pfiffelte, aber diese Laute waren nichts, als ausgehöhlte Ratlosigkeit.

Als er sich umwandte, sah Andreas Aust, daß er sich gespenstisch verändert hatte.

Die Augen lagen tief, der Mund, vom rötlichen Bart umwuchert, stand offen, die Luft kam in mühsamen Stößen heraus, das ganze Gesicht schien kleiner, abgetrieben und in sich verschrumpft. Das Gesicht war tot, nur die Augen lebten unruhig und irr, aus ihrem tiefen Versteck kam die Furcht.

»Dann kann ich wohl gehen?« sprach der Förster.

Huß zuckte zusammen, er hob einen Arm und griff nach dem Förster wie nach einem Halt.

»Warte noch einen Augenblick, ich muß dir noch etwas sagen.«

Er wollte auf Andreas zugehen, taumelte aber nach rückwärts und griff nach einer Stuhllehne.

»Ich weiß nicht, was du mir zu sagen hättest.«

»Doch, doch, Andreas.«

Es war keine Stimme mehr, nur noch ein trockenes und heiseres Lallen. Mit beiden Händen deutete er auf die Tote.

»Wenn ich auch einmal so liege, Andreas, dann – –«

»Das bleibt keinem erspart, Veit.«

»Nein nein, keinem. Ich meine nur, wenn ich jetzt – –«

»Du hast noch Zeit.«

Der Sägemüller tastete sich einige Schritte näher, wieder streckte er die Hand nach dem Förster aus.

»Du verstehst mich nicht, ich sage doch, wenn ich jetzt – – dran glauben müßte – –«

»Jetzt?!«

»Ja, jetzt. Heute oder morgen oder übermorgen. Es geht um in den Wäldern, Andreas. Glaube mir, es ist einer hinter mir her, der ist 387 schon hundert Jahre alt. Hohe Stiefel, eine grüne Joppe und teufelsrote Haare. Überall wo ich bin, ist auch er – – überall, Andreas!«

»Du bist von Sinnen.«

»Nein nein, Andreas. Hör' mir zu; wenn ich auch so daliegen müßte, dann – – dann bliebe doch mein Kind allein, ganz allein, du verstehst mich, hab' ich recht oder nicht?«

»Ja, Veit, das verstehe ich.«

»Na also. Du sollst dich des Knaben annehmen, damit er nicht allein ist. Willst du das tun, Andreas?«

»Das will ich gerne tun.«

Veit Huß zitterte, als er noch näher kam und jetzt dem Förster hart gegenüberstand.

»Willst du mir das versprechen, Andreas?«

»Ich verspreche es.«

Der Sägemüller machte eine zuckende Bewegung mit dem rechten Arm. Er hob den Arm, schwer, als ob er von Blei wäre, er öffnete langsam die gekrümmten Finger und streckte dem Förster die Hand hin.

»Kannst du mir – – deine Hand drauf geben?«

Andreas Aust gab ihm die Hand, es war hart, aber er zögerte nicht. Er fühlte diese Hand, sie war feucht und kalt und es rann ein Beben durch ihre gelähmte Schwere.

Er ging zur Tür.

»Andreas – – wenn du – – vergessen könntest – –«

»Das will ich später versuchen, Veit.«

»Später? Später?!«

»Ja, ich komme aus Speyer.«

»Aus Speyer kommst du?!«

»Ich bin kein Förster mehr in der Haingeraide. Sie haben mich entlassen.«

»Ent – lassen?!«

»Auf deine Veranlassung hin, Veit. Du hast mich für den Brand verantwortlich gemacht.«

Andreas Aust schaute den Sägemüller noch einmal an. Dort stand er, sein Gesicht war grau und hohl.

Ungeheuer einsam stand er dort.

Der Förster ging. 388

 

 << Kapitel 38  Kapitel 40 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.