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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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17

Da er den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte, beschloß Berghaus in das Gasthaus zu gehen, das an der Straßenkreuzung lag.

Als er hinkam, sah er zwei höchst seltene Gefährte mit Bespannung im Hof stehen, einen mit vier Füchsen bespannten amerikanischen Buggy, vierrädrig, zweisitzig mit Lederverdeck, und einen Zweiradtilbury mit geflochtenem Sitz und Leinwandverdeck, bespannt mit einem brillanten Rappen. Die Pferde waren abgeschirrt und wühlten die Schnauzen in Haferkisten.

Berghaus betrat das Gastzimmer, holla, hier war eine großartige Gesellschaft versammelt.

Der Wirt kam eilfertig auf den Ingenieur zu, trug eine wichtige Neuigkeit im Gesicht und flüsterte dem bekannten Gast hastig ins Ohr: »Der Herr Oberkommandierende General Fenner von Fenneberg. Er hat den Bahnbau hier besichtigt.«

Berghaus blieb am Eingang stehen und betrachtete forschend die auserwählte Tafelrunde, die hier beisammen war und Champagner trank. Wie konnte es anders sein, wo Fenner von Fenneberg war, wurde Champagner getrunken, die großen Feldherren haben schon immer eine Vorliebe für dieses Getränk gehabt, der ehemalige Kommandierende der Wiener Nationalgarde besaß eine verzeihliche Schwäche für französische Schaumweine.

Wer waren denn die Leute, die stürmisch angeregt am runden Tisch 340 saßen und auf die klingenden Tiraden des Oberkommandierenden hörten, der eine abenteuerliche österreichische Generalsuniform mit einer breiten roten Schärpe trug und zwei Reiterpistolen im Wehrgehänge stecken hatte? Natürlich der Holzhändler Huß, der Sachverständige für Bauhölzer, neben ihm der davongelaufene Sprenger, der Pole Kotyga, jetzt Leutnant der Volkswehr. Und weiterhin zwei Männer, die Berghaus nicht fremd waren, den einen hatte er einmal bei Expropriationsverhandlungen in Kaiserslautern kennengelernt, es war der Ökonom Didier aus Landstuhl, jetzt Mitglied des Ausschusses, ein Mann ohne eigentliches Format, aber mit hinreichendem Geltungsbedürfnis. Ihm zur Seite saß ein kleiner Gutsbesitzer aus der Nordpfalz, ein gewisser Heinz, der nebenbei in dunklen Geldgeschäften machte und ein Busenfreund vom Schwellenhuß war.

Heinz war ein gefährlicher Zeitgenosse, ein Quertreiber und Schürer, ein Aufwiegler und einer, der mit verdeckten Karten spielte und seine Bauernschläue aufs beste auszunützen verstand.

Keine Sorge, der Ingenieur Berghaus kannte diesen Heinz, er war einer der Nachkommen jenes Heinz, der einmal Gutsverwalter auf dem Berghaus'schen Besitz gewesen war. Jawohl, jener dunkle Ehrenmann, der die Nachricht verbreitet hatte, der Husarenoberleutnant Berghaus wäre im russischen Feldzug gefallen, er hatte sogar die Todesurkunde gebracht, die vom Bruder bei der Regierung in Speyer gefälscht worden war. Man konnte auch diesen Bruder so leicht nicht vergessen, er hatte Anno 1794 als Volksrepräsentant den Befehl gegeben, Edesheim in Brand zu stecken. Keine Sorge, man erinnerte sich gut, der Verwalter war seinem Schicksal nicht entgangen, ein russischer Kosakenoffizier vom Regiment Sementschenko hatte ihn im Wald bei Gimmeldingen erschossen.

›Eine interessante Tafelrunde‹, dachte Berghaus und schickte sich an, am Nebentisch Platz zu nehmen, da rief ihm aber der Schwellenhuß zu, er möge nur herankommen an den Tisch, sie hätten keine Geheimnisse, und Leute, die ein gutes Gewissen hätten und denen die Freiheit des Volkes heilige Sache sei, die sollten getrost sich enger aufschließen.

»Mein Gewissen hat nichts zu scheuen«, sprach Berghaus und trat zum Tisch. Der General schaute ihn durchdringend an, runzelte die Stirn und fuhr sich über den Schnauzbart.

»Sektionsingenieur Berghaus.« Der Ingenieur machte eine knappe Verbeugung.

341 »A la bonne heure, Sektionsingenieur? Sie werden mich kennen?«

»Viel zu gut. Aus Ihren Taten, Herr General.«

»Taten?! Was für Taten meinen Sie? Spielen Sie auf Wien an?«

»Nein, auf Mutterstadt.«

Gelächter. Huß schlug auf den Tisch und pfiffelte, das Gesicht mit der breiten Nase glänzte. Heinz trommelte mit den Fingern, ihm kam dieser Berghaus verflucht ungelegen. Fenner von Fenneberg blähte sich, seine Backen wurden kugelig, der Champagner stieß ihm auf.

»Mutterstadt?!«

»Natürlich, Sie haben dort in einer Stunde auseinandergemacht, was wir in einem vollen Tag erst wieder zusammenbrachten, nämlich die Schienen aufreißen lassen.«

»Ach so, ha ha, strategische Maßnahme. Sehen Sie, auf dem Sprung sein, ist alles. Zwei Stunden später hätten wir die Preußen in Neustadt gehabt.«

»Mit welchen Rechtsgründen – –?«

»Rechtsgründe?! Trinken Sie, junger Mann, bittschön trinken Sie, ich glaube, sie spazieren neben der Zeit her. Ich besitze sämtliche Rechtsgründe, verstehen Sie, sämtliche!«

»Und ich habe nicht wenig Verantwortung zu tragen.«

»A la la, Redensarten, trinken Sie. Wir haben hier wichtigere Dinge zu bereden.«

Ökonom Didier, ein Mann ohne eigene Entschlußkraft, der bisher schweigend dagesessen hatte, straffte sich im Stuhl und schob den Oberkörper vor.

»Wir wollten doch die Waffenangelegenheit – –«

»Ja ja natürlich«, unterbrach ihn der General, »Leutnant Kotyga, warum stierens auf den Ingenieur wie der wilde Mann?«

Kotyga, innerlich feige, schaute seinen früheren Vorgesetzten mit haßerfüllten Blicken an.

»Er ist ein Reaktionär, Bürgergeneral«, sprach er, »Sie müssen auf der Hut sein, weil er den Spion macht. Er ist schuld, daß die Arbeiter bei dem Bahnbau nicht zu den Fahnen gehen.«

Der General hörte nicht darauf, er trank sein Glas leer, füllte es sofort von neuem und griff zur Kreide, mit der er schon ein Gewirr von Zeichnungen auf die Tischplatte gekritzelt hatte. Mühsam erhob er sich, beugte sich über den Tisch und hieb, mit einem Arm sich stützend, 342 mit der Kreide Striche und Kreuze auf die Holzplatte, erklärend, dies also sei die einzige Möglichkeit einer wirksamen Verteidigung der Pfalz gegen etwa einbrechende bayrische und preußische Truppen. In der Ebene nämlich sei ein Widerstand hoffnungslos, denn mit Sensen und Steinschloßflinten könne man den mit modernen Zündnadelgewehren und guter Artillerie ausgerüsteten feindlichen Regimentern sich nicht stellen. Die richtige Strategie aber sei, sich in die Berge zurückzuziehen und die engen Täler zu besetzen. Barrikadenbau, keine offene Schlacht!

»Diese Pfalz«, rief er und donnerte die Kreide auf den Tisch, »ist wie geschaffen für den Guerillakrieg. Habe ich recht, messieurs, bitte, sagen Sie, a votre!«

Er trank wieder leer und füllte, sein Kopf war rot gedunsen, die Augen quollen hervor, er atmete kurz und schwer.

»Wir haben immer noch nicht die Waffenangelegenheit ins Auge gefaßt«, sprach Didier und rückte mit dem Stuhl.

»A votre«, rief der General und hob sein Glas. »Richtig die Waffen, was war doch mit den Waffen?«

Heinz schaute von unten herauf, die Brauen, die über der Nasenwurzel zusammenstießen, standen borstig und rauh über den Augen, hingegen schien der dunkle Bart wohlgepflegt und sorgsam zurechtgeschnitten. Heinz legte Wert auf diesen Bart.

»Wir sollten hier nicht über Strategie uns unterhalten, wo ein Mann in unserer Runde sitzt, der wenig redet, aber viel zuhört.«

»Ich kann gehen«, sprach Berghaus und erhob sich, der General aber quetschte ihn nachdrücklich wieder auf den Stuhl zurück.

»Friedlich, messieurs, wer redet von Strategie! Ich bin mein eigener Stratege, mein Feldzugsplan steht fest, ich werde ihn nicht an die Pfälzer Dorfglocken hängen.«

»Reden wir von der Geldfrage«, sprach Huß.

»Die Waffenfrage scheint mir wichtiger«, mischte sich der Landstuhler Ökonom ein.

»Ohne Geld keine Waffen, Bürger Didier.«

»Wir haben 20 000 Gulden – –«

»Geld, sage ich, Geld!« Huß fuhr mit den hohlen Händen über den Tisch, als wollte er Haufen von Geld einstreichen. Er schaute dabei den Sektionsingenieur mit gewinnendem Lächeln an. »Die Geldfrage ist die wichtigste. Die reichen Leute im Lande, ich denke nicht allein an Ihren Herrn Vater, Herr Sektonsingenieur, die reichen Leute werden 343 bestimmt freiwillig ihre Taschen öffnen, um der heiligen Sache des Volkes zu dienen.«

»Wenn es die heilige Sache des Volkes gilt, bestimmt«, erwiderte Berghaus.

»Bravo, das hört man gerne.« Huß lächelte immer verbindlicher, er wurde zum Ausbund der Freundlichkeit.

»Sind Sie übrigens orientiert über die neuesten Ereignisse? Nein? Kaum zu entschuldigen, da wissen Sie auch noch nicht, daß Sie beim Bahnbau einen Zivilkommissar bekommen?«

»Davon habe ich reden hören. Nach allem, was schon vorgefallen ist, wird es schwer sein, mich in Erstaunen zu setzen.«

»Ja, in der Tat, Sie bekommen einen Zivilkommissar, möglich, daß er ein Franzose ist. Wir brauchen einen Fachmann, da die deutschen Fachleute aber mit bezug auf den Freiheitsgedanken meist Blei im Hintern haben; müssen wir uns eben einen französischen Fachmann nehmen.«

»Sehr ehrenvoll für uns Deutsche. Wer hat diesen Mann in Amt und Würden gesetzt?«

»Moi, s'il vous plait.« Er lachte wieder lautlos und freute sich am Grimm des Ingenieurs, der drauf und dran gewesen war, ihm das Schwellengeschäft zu verderben. Da saß nun der Pfeil und der nächste würde sofort von der Sehne schnellen.

»Sie wissen am Ende auch noch nicht, daß ich selbst – –«

»Zivilkommissar sind, doch doch, das weiß ich, Zivilkommissar für die pfälzischen Staats- und Gemeindeforsten.«

»Getroffen.«

»Das Amt ist in besten Händen.«

Der General, der die ganze Zeit starr vor sich hingedöst hatte, fuhr bei dem Wort Staats- und Gemeindeforsten hoch, zwinkerte mit den wässerigen Augen und trommelte mit dem Kreidestück auf dem Tisch. Ein guter Einfall nebelte durch sein Hirn.

»Natürlich brauchen wir Geld«, rief er, ganz ohne Sinn in das Gespräch einfallend. »Wir werden alle öffentlichen Kassen in Anspruch nehmen, die Steuern beitreiben, eine Vermögensabgabe beschließen und außerdem Geld holen, wo welches zu holen ist. Richtig, die Wälder, ha ha, die Wälder vergißt man ganz. Bürger Huß, aus den Wäldern muß manche Stange Gold herauszuholen sein, da scheinen Sie mir doch der rechte Mann zu sein?«

Der Bürger Veit Huß, der schlaue Fuchs, gab nicht gleich eine 344 Antwort, er stieß aber den Busenfreund Heinz an und der antwortete prompt: »Durch Zusatzhiebe, die man jederzeit anordnen kann, ließen sich Riesenbeträge aus Holzverkäufen erzielen.«

»Die Preise aber – –«, fiel Huß zögernd ein und wiegte bedenklich den Kopf.

»Wenn die Preise zu hoch sind, können sie doch herabgesetzt werden.« Heinz war im Bilde, er wußte, wie die Hasen liefen. Berghaus schaute ihm voll ins Gesicht, er fühlte bis ins Mark, was für einem Hallunken er gegenübersaß.

»Unsere Wälder«, sprach er bestimmt, »vertragen keine Zusatzhiebe. Wir haben zuviel Notwald in der Pfalz.«

Fenner von Fenneberg lachte belustigt.

»Notwald, ha ha, Blitzdonner, was ist das, Notwald?«

»Das ist Wald, der nur die allernotwendigsten Eingriffe duldet.«

»Großartig, parfaitement; ich habe mir eingebildet, die Bäume wachsen von allein. Ha ha, Bäume wachsen, verstehen Sie, wachsen von selbst, wenn Sie welche abhauen, wachsen neue nach, der liebe Gott ist nicht so kurzsichtig wie ein pfälzischer Sektionsingenieur. Bürger Huß, hat der Bürger Heinz recht?«

»Er hat nicht unrecht.«

»Gut, Bürger Huß, dann lassen Sie abhauen, was abzuhauen ist.«

»Wenn das Ihr ausdrücklicher Befehl ist, Bürgergeneral?«

»Er ist es. A votre! Sie sind ein Mann, der mir wie vom Himmel fällt. Bäume, ha ha, Bäume machen Geld, großartiger Gedanke, wie soll ich Ihnen danken, Bürger Huß? Wollen Sie Leutnant werden, oder Oberleutnant? Sie sind es von dieser Stunde an! Das Patent wird ausgefertigt. A votre Oberleutnant Huß.«

»Könnte ich nicht auch Oberrleutnant wärden?« meldete sich zögernd der Pole.

»Nach der ersten Schlacht, Polenfreund.«

Didier räusperte sich. »Wir wollten über die Waffenfrage –«

Der General fingerte an den Uniformknöpfen herum, er zog mit zitternden Fingern die rote Schärpe zurecht, es fiel ihm schwer, noch einen klaren Gedanken zu fassen, was zum Henker wollte der Mann mit seiner Waffenfrage.

»Messieurs, Sie trinken nicht, leeren Sie bittschön Ihre Gläser auf das Wohl der kommenden Freiheit!«

Sie tranken alle, nur der Sektionsingenieur Berghaus trank nicht. Er hatte ein Glas Wein vor sich stehen, an dem er ab und zu nippte.

345 Eine saubere Tafelrunde, dachte er, aber es war gut, einmal unter diesen Revolutionswölfen zu sitzen, man lernte sie kennen, wenn der Champagner ihnen die Larven von den Gesichtern nahm. Wer würde zuletzt jenen beistehen, die es ehrlich meinten? Keiner unter diesen, die hier saßen, sich betranken und den brennenden Boden der Heimat nach Profit durchwühlten.

»Ich bin kein Stratege«, sprach Berghaus, »und drum verstehe ich eines nicht: im ganzen Land haben sich Bataillone gebildet mit Säbeln und alten Gewehren und Sensen, es gibt, wie ich hörte, ein Bataillon Schlinke, ein Freikorps Blenker, ein Freikorps Zitz, ein Reiterkorps, ein Korps desertierter Soldaten, ein Sensenkorps Zinn, ein Robert Blum'sches Rachekorps, ein Freischützenkorps und eine Nobelgarde, eine Studentenlegion und eine halbwelsche Legion Besançon. Wollen Sie nicht einem Laien erklären, was denn nun alle diese Bataillone machen, wenn gar kein Feind ins Land kommt, wenn man bei den Bayern drüben vorläufig einmal zuwartet, wie sich die Dinge von selbst entwickeln?«

Fenner von Fenneberg lachte laut und dröhnend, er kollerte hustend, denn sein Hals war in Unordnung vom Alkohol, das verfluchte Säuferasthma plagte ihn, er rang nach Luft.

»Er wird kommen, der Feind, Herr Ingenieur. Mon dieu, ist das ein Windelkind; er wird kommen und wir werden ihn bald von hinten sehen, daß er die Culotten verliert, nur beiläufig erwähnt, Herr Ingenieur.«

»Wenn er aber nicht kommt?!«

»Unsinn! Geschwätz! Er will sich über uns lustig machen.«

Sie schrien durcheinander, schlugen mit den Fäusten auf den Tisch, Gläser fielen um, Rinnsale bildeten sich, die Helden am runden Tisch waren nicht mehr nüchtern, man durfte es nicht genau nehmen mit ihnen.

Heinz kraulte mit beiden Händen seinen Bart, seine Augen funkelten, ein gefährlicher Mensch, Vorsicht.

»Sie haben wohl«, sprach er scharf und mit halbgeschlossenem Mund, so daß die Worte zwischen den Zähnen sich hervorpreßten, »Sie haben wohl noch nie etwas von der Freien Pfalz läuten hören? Der Begriff einer autonomen Pfalz scheint Ihnen ein spanisches Dorf?«

»Keineswegs, nur bedarf es dazu der Einwilligung des Volkes.«

»Volk, Volk! Mit Ihrem Volk! Das Volk tut, was seine Anführer wünschen, verstehen Sie!«

346 »Nein, das verstehe ich nicht.«

»Dann wird man es Ihnen schon beibringen. Der Gedanke der autonomen Pfalz – –«

»A votre, messieurs! – –«

»Wir wollten über die Waffenfrage – –«

»– – der autonomen Pfalz ist in unmittelbare Nähe gerückt –«

»Das werden sich verschiedene Deutsche nicht gefallen lassen, und – –«

»– – nötigenfalls unter dem Schutz der französischen Republik – –«

Berghaus sprang vom Stuhl hoch, der Zorn brannte in seinen Augen.

»Rufen Sie schon wieder das französische Gespenst? Es ist uns nahe genug, Sie haben nicht nötig, den welschen Schutz zu zitieren.«

»Ta ta ta – a votre, messieurs!« Der General zerschlug ein Champagnerglas, er fuchtelte mit beiden Armen durch die Luft, »wer redet vom – – Gespenst?«

Huß fuhr dazwischen. »Was wir im Osten nicht finden, müssen wir im Westen suchen.«

»– – die Freiheit – –«

»Eure Freiheit ist keine Freiheit!«

»– – was denn sonst? – –«

»Ihr treibt euer Spiel mit dem Heiligsten des Volkes.«

»Mäßigung, Herr Sektionsingenieur!« sprach Heinz, »es könnte sein, daß man Sie davor bewahren müßte, sich mit der Sache des Volkes noch weiter einzulassen.«

»Keiner von denen, die hier sitzen, hat das Recht – –«

»Herr Ingenieur!« Der General schlug die Faust auf den Tisch und bekam Kugelaugen. Es war ein Glück, daß der Champagner ihn friedfertig gestimmt hatte. »Ich warne Sie! Le français est voisin dangereux; pas oublier, monsieur.«

»Laßt den Franzmann aus dem Spiel!« schrie der Ingenieur, »überall steht er wie ein Schatten hinter uns.«

»Der Franzmann – –!«

»– – est notre ami!«

Da öffnete sich die Tür und herein kamen der französische Sachverständige monsieur Henry Laroche und Frau Martha, die Gattin vom Schwellenhuß.

Henry Laroche stand still und mit halbgeschlossenen Augen jenseits 347 des Tumultes, lächelnd, die Lippen verzogen sich nur wenig, fast schien er gewachsen in diesem Augenblick, da er ohne Bewegung in die Leere ragte, als wäre er in den Raum gestellt von unsichtbarer Hand, ein unheilvolles Standbild, starr, aber voll lauernder Verwegenheit. Der Sektionsingenieur Berghaus erschrak bis ins Innerste, als er den Franzosen so stehen sah, und neben ihm stand die Frau, ruhig und gefaßt, die Lider ein wenig über die dunklen Augen gesenkt, die gelbliche Haut rot überhaucht.

Es waren nur wenige Sekunden, aber diese kurze Zeitspanne genügte, um dem Ingenieur die Gewißheit zu geben, daß ein dunkles Rätsel umging zwischen diesem abenteuerlichen Paar, das getragen und gestützt wurde von einer merkwürdigen Übereinstimmung, von einem gedämpften Gleichklang, der wie Ähnlichkeit wirkte und eine schreckhafte Scheu auslöste.

Euch beide habe ich im Tunnel belauert, zuckte es durch seine Gedanken, ich will sehen, wie ihr euren Verrat verbergt. ›Diese Frau habe ich einmal geliebt‹, dachte er erschüttert, ›sie ist immer noch schön und hat immer noch diesen merkwürdig demütigen Glanz in den Augen. Grauenhaft, wer hinter des andern Stirn zu schauen vermöchte, es könnte nur das Ende der Menschheit sein.‹

Er stand trübsinnig gegen das Fenster gelehnt, der Aufruhr hatte sich gelegt, der General, unbeholfen und schwerfällig, wankend unter der Wirkung des Champagners, kam auf das Paar zu und versuchte mühsam, eine militärische Haltung zu gewinnen.

»Madame, Sie ahnen nicht, wie sehr wir Sie vermißt haben.«

»Herr Laroche hat mir den Tunnel gezeigt, sehr interessant, wirklich außerordentlich – – ah, Herr Ingenieur?!«

Er wollte erwidern, daß er aus dem Tunnel käme, aber er schwieg, denn er wollte sie nicht verletzen. Er sah aber, wie sie erschrak, die durchsichtige Röte schwand aus ihrem schönen, oval geschwungenen Gesicht, die Haut wurde gelb.

Sie hob den Kopf und ließ langsam die Lider über die Augen fallen, als ob sie ein Bild, das sie in Gedanken sähe, nicht durch die Schau der wirklichen Umwelt stören dürfte.

Dann sprach sie verwirrt: »Es geht hier lustig zu, die Herren sind beim Champagner.«

Veit Huß saß starr und schaute seine Frau an. Er wälzte schwarze Gedanken, ihre Schlagschatten traten unbemerkt in sein Gesicht. Die Flügel der platten Nase bebten, der vom Trinken feuchte Mund, vom 348 jungen Bartwuchs umwuchert, veränderte sich, die Unterlippe schob sich hoch, das Gesicht, von innen gesteuert, wurde brutal und häßlich.

»Messieurs«, sprach Laroche leise, »excusez, wir aben der Tunnel besicktigt, es sein gewesen serr interessant, ma foi madame, Sie gestatten, daß wir uns Platz nehmen, a votre permission. Sind wir gewäsen su lange, j'espère, Sie aben sick gutt unterhalten?«

Er machte einige Schritte und zog schnüffelnd die Luft ein.

Huß erhob sich und kam auf die beiden zu, ein kurzer stechender Blick traf die Frau, dann lächelte er den Franzosen an. Man durfte die Laune nicht verlieren, der Franzose konnte im Augenblick nicht entbehrt werden. Wenn er Zivilkommissar für die pfälzische Ludwigsbahn wurde, dann hatte Huß diesem Ingenieur Berghaus und dem scheinheiligen Schwager gegenüber gewonnenes Spiel. Die beiden Teufel waren nahe daran gewesen, ihm das ganze Schwellengeschäft zu verderben.

»Kommen Sie, monsieur Laroche«, sprach er und legte dem Franzosen eine Hand auf die Schulter.

»Können wir endlich über den Waffenankauf verhandeln?«

Sie setzten sich an den runden Tisch, nur Berghaus stand am Fenster, mit übergeschlagenen Beinen, ihn interessierte, um was für Waffen es sich hier handelte.

Am hinteren Ecktisch saß ein Freischärler, der Adjutant und Kutscher des Oberkommandierenden; er war total betrunken, sein Kopf lag auf der Tischplatte, er hatte sein Weinglas umgestoßen, der Inhalt tropfte auf den Fußboden.

Fenner von Fenneberg fing jetzt an zu schimpfen und wetterte über die mangelhafte Ausrüstung der pfälzischen Revolutionsarmee. Keine Waffen, keine Kleidung, keine Munition, ja, womit in aller Welt solle man denn Krieg führen? Die Badener überm Rhein, die Lumpenhunde, schickten auch nichts, und wenn schon mal eine alte Kanone herüberkäme, dann müßte man sie teuer genug bezahlen.

»Zu wenig Solidarität, meine Herren, was hätte Napoleon in einem solchen Falle gemacht? Das Übel mit der Wurzel – – madame, a votre! Richtig, also was ich sagen wollte: der Vorschlag des Waffeneinkaufes von monsieur Laroche findet meine Zustimmung. Der Bürger Didier fährt mit 20 000 Gulden nach Lüttich und kauft dort die Waffen, sie kommen über Frankreich nach Bexbach, in vierzehn Tagen haben wir unsere Bajonettgewehre.«

Berghaus lachte spöttisch.

349 »Votre rire, qu'est ce que c'est?« Der General wandte sich unwillig um.

»Deutsch gesprochen, Herr Kommandant, Sie vergessen, daß es ein französisches Waffenausfuhrverbot gibt!«

»Waffenausfuhrverbot?!«

»Und ein Waffendurchfuhrverbot!«

Der General stutzte, er drückte das Kinn herab, machte eine knappe Wendung des Kopfes und schaute den Franzosen an.

»Monsieur Laroche?«

Henry Laroche, zerstreut und abwesend, im Innern diese langwierigen Verhandlungen verwünschend, zuckte zusammen.

»A votre permission, messieurs, wir aben eine Verbot pour transit, das sein ricktig, es bestehen eine Zollgesetz, parfaitement, mais je vous demande, pourquoi on a des lois? Ich antworte Sie, wir aben der Gesetze, um sie auch einmal doucement nix zu beachten, compris messieurs?«

Er lächelte Frau Martha an, die Augen waren verkniffen, mon dieu, wie schwerfällig waren diese Deutschen. Schnüffelnd zog er Luft durch die Nase.

»Sie meinen, man kann jedes Gesetz umgehen?« fragte Didier.

»Das sein eine sleckte Gesetz, was man nix umgehen kann. Et je vous dis, mon père est douanier a Wissembourg, vous savez tous. A a a, lacken Sie ruig avec moi!«

Berghaus horchte plötzlich auf, als er diese Äußerung hörte, er fragte nicht gleich, nein, er dachte angestrengt über etwas nach; eine Erinnerung stieg aus der Dämmerung der Gedanken, ihm war, etwas müßte seine Lösung finden, was ihn schon manchmal grüblerisch beschäftigt hatte. Plötzlich, als nämlich der Franzose sagte, sein Vater sei Zöllner, glaubte Berghaus zu wissen, woher er den Namen Laroche kannte. Ein Zöllner Laroche, das hatte ihm sein Vater erzählt, hatte einmal beim Franzosenrückzug im Winter 1813 eine höchst sonderbare Rolle gespielt.

»Sagten Sie nicht, Ihr Vater sei douanier, Herr Laroche?«

»Naturellement, vous ne croyez pas?«

»Ich erinnere mich, daß einmal ein Laroche Zöllner im ehemaligen département du mont tonnèrre gewesen ist.«

»O vous savez? C'est mon père, natürlik sein das mon père. Il a été douanier a Spire. Messieurs, le temps de la grande armée.«

350 »Bitte keine Privatsachen«, murrte Heinz und schlug vor, man solle dem Ökonomen Didier den Auftrag geben, in Lüttich für 20 000 Gulden Bajonettgewehre einzukaufen. Die Summe könne bei ihm, Heinz, einbezahlt werden, er habe Verbindungen mit französischen und belgischen Bankhäusern und habe die Möglichkeit, die Valuten in Ordnung zu bringen.

»Sie sind plötzlich Bankier geworden, Herr Heinz?« fragte Berghaus nicht ohne Spott.

»Ist das Bankgeschäft kein ehrliches Geschäft?«

»Nicht in jedem Falle, Herr Heinz.«

»Es mag sein, daß Sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. Hier aber geht es um die heilige Sache des Volkes.«

»Mit der heiligen Sache des Volkes vertragen sich manche Bankgeschäfte nicht.«

»So, und welche?«

»Es soll allerhand Winkelbanken geben, die das pfälzische Barvermögen in Gestalt französischer Papiere und Wechsel ins Ausland bringen.«

Heinz verfärbte sich, wer diesem Berghaus an die Gurgel könnte.

»Ammenmärchen, aus welchem Grunde denn?«

»Um dieses Barvermögen vor dem Zugriff der provisorischen Regierung zu schützen, um den Besitz zu retten, auf daß er nicht für die heilige Sache des Volkes verwendet werde.«

Jetzt konnte sich Heinz nicht länger beherrschen, er schnellte vom Tisch hoch, mit geballten Fäusten trat er Berghaus gegenüber.

»Meinen Sie etwa mich mit Ihren anzüglichen Redensarten?«

»Ich meine einen jeden, den es trifft!«

»Sie reden sich noch um Kopf und Kragen.«

»Aber nicht um den Verstand.«

Der Schwellenhuß schlug einen Purzelbaum, darin war er Meister, er verstand es, einen Verdacht abzuwälzen durch einfache Umkehr der Verdachtsmomente.

»Vielleicht meint er seinen Herrn Vater, den Bastian Berghaus; ich kann mir denken, daß den Kapitalisten die Nägel brennen.«

Der General Fenner von Fenneberg begriff nur halb, worum es sich handelte.

»Wem jetzt der Mammon über die Freiheit des Volkes geht, der – hick! – hat das Recht verwirkt, dieser Freiheit noch länger teilhaftig zu sein.«

351 »Ich hätte nicht weit zu gehen«, antwortete Berghaus in heller Entrüstung, »um welche zu finden, die dann schon längst hinter Schloß und Riegel sitzen müßten!«

»Namen nennen, Kreuzteufel! Namen!«

»– – er will mit Gewalt einen Keil in unsere Eintracht –«

»– – vergessen Sie nicht, daß in Ihrer unmittelbaren Nähe auch Leute sind, die die Macht besitzen, Ihnen den höchst persönlichen Kopf vor die Füße zu legen.«

Berghaus lachte wild hinaus, er mußte irgend etwas tun, um sich Luft zu machen, er lachte, daß es dröhnte.

»Könnt Ihr überhaupt Blut sehen? Euer eigenes bestimmt nicht.«

Frau Martha, die den Ingenieur mit mißtrauischen Blicken belauerte, wurde immer unruhiger, sie fürchtete, Berghaus könnte etwas beobachtet haben, was zu beobachten für sie gefährlich war. Sie hatte ein schlechtes Gewissen.

»Wir sollten doch«, sprach sie still, »wo es um eine große Sache geht, nicht um Kleinigkeiten streiten.«

»Das sind keine Kleinigkeiten, gnädigste Frau.«

»Was denn sonst?«

»Wenn ich es deutlich sagen soll: es sind Lumpereien im Gange. Einigen Schwärmern im Lande steht die Mauer der Schurken gegenüber.«

»Herr General«, brüllte Heinz, »dürfen wir uns das länger gefallen lassen?«

»Verhaftet ihn!« befahl der Bürgergeneral und griff nach dem Champagnerglas.

Berghaus trat von rückwärts gegen die Wand.

Der Pole Kotyga sprang auf und zog den gewaltigen Säbel. Er versuchte, auf den Ingenieur einzudringen, Huß kam hinterher, er schwang eine leere Champagnerflasche.

»Messieurs«, jammerte der Franzose, »wir aben eine Dame ier, n'oubliez pas, maken Sie keine slimme Sak!«

»Im Namen des Volkes!« polterte der General, »Ihr seid verhaftet!«

»Ha ha ha, im Namen des Volkes!« lachte Berghaus, »ich sage euch, laßt das Volk aus dem Spiel!«

Der Pole drang härter auf ihn ein und versuchte, handgreiflich zu werden, kaum zu glauben, daß er seinen früheren Sektionsingenieur so schlecht kannte. Berghaus, ein Meter neunundsiebzig groß, 352 Muskeln wie ein junger Stier, ein Mann, der mit Stahlschienen, Fundamentankern und Brückenträgern fertig wurde, packte blitzschnell zu. Mit der Linken griff er Kotygas Hand, die den Krummsäbel hielt, mit der Rechten fuhr er ihm an die Kehle.

Der Säbel rasselte mit Getöse auf den Boden, der Pole flog wie ein Geschoß durch den Raum, brach rumpelnd in das Stuhlgehege des Ecktisches ein, weckte den Adjutanten des Bürgergenerals aus dem Schlaf und kam stöhnend zwischen einem Gewirr von Sitzgelegenheiten und Einrichtungsgegenständen zur Ruhe.

Der Tumult brach gewaltig los, alle waren vom Tisch aufgesprungen und nahmen drohende Haltung an, sie drangen auf den Ingenieur ein, der General feuerte eine Pistolenkugel in die Zimmerdecke, Veit Huß warf mit einem Champagnerglas, Heinz griff nach einem Stuhl und der Ökonom Didier rief um Hilfe.

Monsieur Henry Laroche, zukünftiger commissaire civile pour les chemins de fer du Palatinat, blieb neutral und rettete sich mit Frau Martha an die Schänke, hinter der, mitten im stürmischen Aufruhr, der Wirt plötzlich mit großem Gejammer hervorkroch und, mit den Armen rudernd, in den Gastraum brüllte.

»Die Preußen kommen!« brüllte er.

Drei Worte nur, sie wirkten wie ein Sprengschuß. Die Gesellschaft barst im wahren Sinne des Wortes auseinander.

»– – wo denn? Die Preußen?«

»– – von Kaiserslautern her.«

»Haltung, meine Herrn!« kommandierte der General, aber der Wirbel des Aufruhrs wuchs, eine Panik fuhr unter das Häuflein Menschen, sie rannten durcheinander, warfen Stühle und Tische um, Gläser gingen in Scherben, Türen und Fenster wurden aufgerissen. Der Wind, durch die Öffnungen einbrechend, zerrte an den Fenstervorhängen.

Es setzte auf der ganzen Linie eine mutige Flucht ein.

Fenner von Fenneberg rief noch: »Messieurs, bewaffnen Sie sich! Hören Sie auf meine Anordnungen!«

Aber er stand allein in der Mitte der Gaststube, in der plötzlich eine lähmende Stille herrschte. Von draußen hörte man wilde Rufe, Peitschenknallen und Pferdegetrappel.

Die Geräusche verebbten, es wurde unheimlich still.

Der General stand immer noch inmitten der Trümmerstätte, breitbeinig, mit hängendem Kopf, in der Hand hielt er die rauchende 353 Pistole. Er hatte die Augen geschlossen, alles an ihm war müde und enttäuscht, ein trostloser Rest, so stand er da, nichts als ein Opfer, zur Hälfte des Alkohols, zur Hälfte seiner traurigen Gefolgschaft.

Er hob nur leicht den Kopf, als er die Stimme des Sektionsingenieurs hörte, der durch die offene Tür hereinkam.

»Nichts als ein Gerücht. Die Leute sehen Gespenster, wo keine sind.«

Der General antwortete nicht, er schob langsam die Pistole in den schwarzen Ledergürtel, er fuhr sich durch die Haare, dann schaute er den Ingenieur aus verglasten Augen an.

»So sehen Ihre Freunde aus, Bürgergeneral!«

»Latrinenparole. Hallo, Adjutant!«

»Der Adjutant ist nicht da, Bürgergeneral.«

»Lassen Sie den Viererzug einspannen!«

»Auch der Viererzug ist nicht mehr da, Bürgergeneral.«

»Fort?! Alle fort?!«

Fenner von Fenneberg beugte den Oberkörper nach vorn, aus den Händen wurden langsam Fäuste, er rieb knirschend die Zähne aufeinander, er schüttelte den Kopf wie ein Tier im Geschirr, Haare fielen in die Stirn, er schraubte den Körper hin und her, feine Schaumbläschen preßten sich aus den Mundwinkeln. Dann brach er aus, er schrie es wie ein röhrender Hirsch.

»Elende Feiglinge!«

Er taumelte, Berghaus stützte ihn, auf einem Stuhl sank der Oberkommandierende der Rheinarmee zusammen.

»Sieht es so aus?« murmelte er vor sich hin.

»Herr General«, sprach der Sektionsingenieur, »es gibt viele Tausende in der Pfalz, die für die gute Sache ihres Volkes zu sterben verstehen, ich fürchte nur, unter Ihren Freunden wird keiner sein!«

Kaum hatte er das ausgesprochen, da näherte sich Getrappel von Pferdehufen. Es war aber kein preußisches Streifkorps, wie Berghaus vermutete, vielmehr eine kleine berittene Schwadron von Studentenlegionären, die im Trab vorüberritt.

Der Ingenieur stand am Fenster und sah die jungen Schwärmer in Viererkolonnen vorüberreiten, sie trugen blaue Blusen mit roten Armbinden, schwarze Samtmützen mit schwarzrotgelben Kokarden.

Voraus aber ritten auf einem Fuchswallach und einer Schimmelstute zwei merkwürdige Gestalten. Die eine sah aus wie ein Kosak, die andere glich mehr einem südamerikanischen Pferdehirten, trug gelbe 354 Hosen, ein Wams mit Silbertalerknöpfen und einen gewaltigen Schlapphut.

»Hier sehen Sie die besten des Volkes«, sprach Berghaus und wollte den General auffordern, ans Fenster zu treten, um den stolzen Zug der Jugend sich anzuschauen, da traf es ihn wie ein Schlag, als nämlich der Anführer, jener halbe Kosak, der eine alte Husarenfeldmütze trug, den Kopf wandte und rückwärts schaute, ob auch alles in Reih und Glied wäre in der Schwadron.

Berghaus taumelte einen Schritt zurück, ihm war, das Herz müßte stehen bleiben, er schaute mit starren Augen auf diese abenteuerlichen Reitergestalten.

»Der – Kosak – –!« kam es heiser aus trockener Kehle.

»Der – Kosak!«

Der Bürgergeneral Fenner von Fenneberg war an seine Seite getreten, er verbarg sich vor den offenen Blicken der Vorüberreitenden, seine brennenden Augen, das letzte Sonnenlicht nur mühsam ertragend, fingen an zu tränen, vielleicht auch übermannte ihn eine trostlose Rührung beim Anblick dieses trutzigen Fähnleins freiheitsuchender Idealisten. Er stützte sich gegen die Wand und sah den Schreck im Antlitz des Ingenieurs stehen.

»Was ist mit dem Kosak?«

»Er ist schon vorbei.«

»Sie kennen den Mann, Bürger Berghaus?«

»Der Mann ist ein Mädchen!«

»Was für ein Mädchen?!«

»Meine Schwester, Herr General!«

 

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