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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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16

Als Berghaus am Tunnelkopf ankam, schwoll ihm aus der dunklen Höhle ein brausendes Getöse entgegen. Er ging in den Stollen hinein, beizender Rauch drang ihm in Augen und Nase, bald sah er das rote Flackerlicht der Fackeln durch den Qualm brechen, eine feurige Lohe brannte wie in einem riesigen Ofen.

Er ging in den glühenden Schwalm wie in den Vorhof der Hölle hinein, der Qualm kam in dicken Schlangen an der untermauerten Tunneldecke entlang, es triefte und tropfte von den Wänden, die schwüle Feuchte warf Reflexe des Fackellichtes zuckend umher, überall glänzte es wie von geschliffenem Gestein, nur die Schienen blieben stumpf, sie waren mit einer feinen Rostschicht überzogen, sie liefen ruhig und streng, zweckbewußt und gesetzverbunden in den roten Schlund.

Was war denn los, warum dieser Lärm, dieses Getöse wie von Wasserfällen? War das nicht Gesang, natürlich war es Gesang. 331 Berghaus erschrak. Gewiß, sie hatten Brotzeit, aber es war ihm neu, daß seine Belegschaft in der beizenden Luft des Stollens sang.

Er ging rascher und traf in der Tunnelmitte auf seine Leute. Vom Fackellicht verschwommen beleuchtet, von giftig gelbem Rauch halb eingenebelt, die Gesichter von Ruß geschwärzt, fettbeschmiert, unnatürlichen Glanz in den Augen, standen sie beisammen, schwangen die Fackeln und schienen in einem wilden Aufruhr begriffen. Ihr Gesang, in diesem Schlund der Erde ohne Ausweg, polterte von den steinernen Wänden zurück, überschlug sich und wuchs zu einer Brandung von hohlem Stimmengetön, in das sich noch das Dröhnen von Hammerschlägen mischte, denn einige unter der Kolonne schienen bei der Arbeit zu sein, sie verpaßten Laschen und Stühle, sie hieben gewaltige Schienennägel in die Schwellen und richteten die Spezialvignolschienen aus. Das Brüllen des Metalls vermischte sich mit dem eingezwängten Gesang zu einem Stimmenchaos von apokalyptischer Besessenheit.

Berghaus trat mitten unter seine Arbeiter, er kannte seine Leute und wußte, daß mit Entschlossenheit und Furchtlosigkeit alles bei ihnen zu erreichen war, mit Bitten und Zögern aber nichts.

Er bahnte sich einen Weg durch den Menschenklumpen, mit den Ellbogen schaffte er sich Platz, und da stand er jetzt, von den Fackeln beleuchtet, aufrecht, die Hände in den Taschen, jeden einzelnen anschauend, die alle wie auf unsichtbaren Befehl verstummt waren, als er so plötzlich und fast wie einer, der geistweis geht, unter sie getreten war.

Jeden einzelnen schaute er an und er sah auch den Tunnelarbeiter Kotyga, den davongelaufenen Polen, der jetzt eine malerische Uniform trug, Pluderhosen und eine rote Bluse, einen Hut mit Hahnenfedern und einen krummen alten Reitersäbel.

»Vielleicht irre ich mich«, sprach der Ingenieur Berghaus, »am Ende kann mir einer Auskunft geben; bin ich hier an der Baustelle 17 Sektion Weidenthal oder bin ich an einen Platz geraten, wo die Hölle Kehraus feiert?«

Sie blieben immer noch stumm, einige senkten die Köpfe und preßten die Lippen zusammen, andere lachten und scharrten verlegen mit den Füßen, es war ihnen nicht recht, daß so plötzlich ihr Sektionsingenieur erschienen war und ein finsteres Gesicht machte. Jetzt standen sie im roten Licht, Qualm flutete zwischen ihnen, von den Fackeln tropfte brennend das Pech, Herrgottsdonner, warum redete keiner ein Wort?

332 Da sprach der Schwellenleger Gerber: »Wir haben den Sieg gefeiert, Herr Ingenieur.«

»Den Sieg?! Welchen Sieg denn?«

»Über die Preußen.«

Der Bann war gebrochen, es kam Bewegung unter die rauhen Burschen, sie schoben sich gegenseitig hin und her, ihre genagelten Stiefel schurrten auf dem Schotter der Unterschwellung.

»Ja, über die Preußen«, riefen sie, »wir haben die Preußen in die Pfanne gehauen.«

Berghaus lachte. »Was habt ihr; die Preußen in die Pfanne gehauen? Wo denn und wann denn?«

Sie wurden schon wieder verlegen, denn keiner von ihnen wußte, wo und wann.

»Gerber, wollt Ihr mir nicht verraten, wo ihr den Preußen den Hund geblasen habt?«

»Wenn sie gekommen wären«, platzte Gerber los und sofort setzte ein brüllendes Gelächter ein.

Der Pole Kotyga schob sich vor, stellte sich vor den Ingenieur und griff nach dem Säbel.

»Die eingefallenen Preußen habben der Pfalz widder verlassen missen, wir sind der Sieger. Aber wirr waren edel und habben ihnen frei abziehen lassen.«

Berghaus trat auf Kotyga zu, behielt die Hände in den Taschen und schaute ihn von oben bis unten forschend an.

»Sie sind unter die Revolutionsarmee gegangen? Was sind Sie denn?«

»Bitte särr, Leutenant von Volkswehr.«

»Volkswehrleutnant sind Sie? Waren Sie nicht vorher bei meiner Sprengkolonne?«

»Bitte särr, jawohl.«

»Wer hat Sie denn zum Leutnant gemacht?«

»Der General Fenner von Fenneberg.«

»Wenn Sie Leutnant sind, was wollen Sie hier im Tunnel? Am Ende meine Leute von der Arbeit abhalten?«

»Das will ich und Sie wärden bald nix mehr zu saggen haben hier.«

»So, warum denn?«

»Weil eine commissaire revolutionaire des chemins de fer kommen wärrden. Sera un Français, monsieur ingenieur.«

333 »Aha, das ist mir ganz neu, da werde ich wohl auch noch gehört werden. Vorläufig ist dieser Kommissar aber noch nicht da.«

»Er wird kommen ibbermorgen.«

»Immer noch zwei Tage. Wir brauchen die Polen und Franzosen sehr notwendig bei unserer Revolution, es müssen doch Leute da sein, die hinterher mit gefüllten Taschen verschwinden können.«

»Alle Arbeiter hier werden Soldatten sein.«

Der Ingenieur Berghaus trat einige Schritte zurück, um die ganze Kolonne vor sich zu haben.

»Arbeiter«, sprach er, »wir haben uns immer gut verstanden, wollt ihr Unfrieden haben mit mir?«

»Freiheit und Menschenrechte«, rief einer im Hintergrund.

»Revolution. Pfaffen aus dem Land!«

»Die Reichsverfassung. Wir gehen zum Blenker.«

»Ich bin der letzte«, schrie Berghaus, »der nicht für die Freiheit sein Leben ließe, und wo diese Freiheit in Gefahr ist, dort bin ich selbst revolutionär bis in die Knochen, denn die Freiheit ist das höchste Gut des Menschen.«

»Bravo, bravo! Hört den Ingenieur!«

»Aber auf diesem Wege kommt eure Freiheit nicht, sondern euer Unglück. In sechs Wochen wird es keine Revolution mehr geben, aber einen Haufen bös enttäuschter und unglücklicher Menschen, weil diese Revolution nichts ist, als das total verrückte Hirngespinst einiger politischer Querköpfe und einiger profitgieriger Hallunken. Das Geschrei ist groß, der Katzenjammer wird größer sein.«

»Oho«, rief der Pole dazwischen, »das sein serr gelogen. Wir werden siegen und der Freiheit an unsere Fahnen heften.«

»Wollt ihr mit Sensen siegen und Dreschflegeln? Leute, hört nicht auf diesen Polen, er ist ein Fremdling in unserem Land, was schiert ihn unsere Freiheit!«

»Monsieur«, brüllte der Pole, »ich sein Leutenant und wenn Sie mirr beleidigen, werden ich Sie verhaften tout de suite

»Das werden wir sehen. Vorläufig befehle ich Ihnen, sofort die Arbeitsstätte zu verlassen!«

»Das werden ich nicht befolgen.«

»Als Ingenieur der Sektion befehle ich Ihnen, verlassen Sie sofort den Tunnel!«

»Kameradden an meine Seite!« rief der Pole und schob sich zwischen die Arbeiter. Sie drängten sich murrend zusammen.

334 Berghaus, der Hüne, reckte sich hoch, seine Gestalt wuchs, er hob die Arme, die Augen schmerzten vom Dunst der Pechfackeln, er stand mitten unter ihnen zwischen den Schienen, die Hände ballten sich zu Fäusten.

»Arbeiter meiner Tunnelkolonne, der Weg ist frei für jeden von euch, ich will nicht auf mein Gewissen nehmen, einem unter euch die freie Entscheidung genommen zu haben. Der Weg ist frei für jeden! Folgt der Freiheit dieses Polen oder bleibt am Platze, jeder nach seinem Geschmack, aber ihr müßt euch entscheiden. Wir sind mit der Arbeit im Verzug, das Pech klebt an diesem Tunnel, das wißt ihr. Wir haben untermauern müssen, wir mußten Schwellen auswechseln, weil sie mit Teeröl getränkt waren; wir haben einen Wassereinbruch gehabt, die Sohlenentwässerung hat uns vierzehn Tage gestohlen –«

Seine Stimme hob sich, er brüllte in das Hexenspiel hinein.

»– – wir haben keine Zeit mehr, weder für das Pech durch Naturgewalten, noch für das Defizit eures Komödienspiels, und drum: wer gehen will, soll unverzüglich gehen! Ich halte keinen, der glaubt, sich verbessern zu können.«

Sie standen zu Klumpen geballt und schauten aus entzündeten Augen, sie drehten die Köpfe und stießen sich gegenseitig an. Am Ende hatte der Ingenieur recht, keiner von ihnen wußte, welche Bewandtnis es eigentlich mit dem Aufruhr hatte.

Sie murrten und brummten und rieben die nackten Arme, sie räusperten sich und spuckten, sie zogen die faltigen Hosen hoch und waren in unruhiger Verwirrung.

Der Pole Kotyga zog den Krummsäbel und schwang ihn drohend in der Luft, er griff nach einer Pechfackel und hielt sie hoch.

»Kameradden, mit mir, das Vatterland ruft euch zu den Fahnen!«

Berghaus, tief Luft holend, schob sich zwischen ihn und seine Leute!

»Geben Sie den Weg frei!« rief der Pole.

»Ich stehe auf meinem Platz. Wer geht, muß an mir vorüber.«

Keiner ging, sie schoben sich noch enger zusammen.

»Platz für die Soldaten der Freiheit!«

»Ich stehe auf meinem Platz, Sie nicht auf dem Ihren!«

Der Pole hob den Säbel und ging auf den Sektionsingenieur zu.

»Au nom du peuple, Sie sein verhaftet!«

Berghaus, wissend, daß es nur auf Entschlossenheit ankam, machte eine blitzhafte Bewegung und packte den Polen beim Handgelenk. Eine kurze Drehung und der Säbel fiel rasselnd auf den Bettungsschotter. Berghaus ließ los und lächelte. Dann verfinsterte sich sein Gesicht.

335 »Geht!« befahl er ganz leise, aber drohend eindringlich.

»Nehmt Euren Säbel mit!«

»Venez avec moi!« rief der polnische Mäusejäger, »a mon coté, citoyens!«

Er ging voraus, dem Lambrechter Tunnelausgang zu, er schwang die Fackel, aber keiner folgte ihm.

Sie starrten ihm nach, wie er über die Schwellen stolperte.

»Das sage ich euch, Leute«, sprach Berghaus, »dieser dort hat nichts mit eurem Vaterlande zu tun. Euer Vaterland ist mehr, auch eure Freiheit ist mehr und wird kommen, aber kein Fremdling wird sie uns bringen. Hört auf mich, wenn ich euch sage: hinter der Freiheit muß ein ganzes Volk geschlossen stehen, ohne Lüge und Heuchelei, ohne Verrat und Eigensucht und Geltungsdünkel, aber ganz mit der Glut des Herzens und mit der Liebe für die Erde, aus der wir geworden sind.«

Sie verstanden ihn nicht, sie gingen an die Arbeit, langsam, schwerfällig und wie malerische Tiere, ihre Gesichter mit dem Glanz der Augen standen unter scharfen Schlagschatten im rotgelben Feuerschwalm der Fackeln.

Nein, sie verstanden ihn nicht, aber sie fühlten undeutlich, daß er es nicht schlecht mit ihnen meinte, daß er irgendwie zu ihnen gehörte und im Verborgenen ihr Kamerad war.

Man brauchte sich nur daran zu erinnern, wie er damals bei der Sprengminenexplosion im Heiligenbergstollen als erster bis vor Ort eingedrungen war, unter Einsatz seines Lebens drei italienische Sprenger aus dem Schutt geborgen hatte. Keine großen Worte, bewahre, aber Ehre wem Ehre gebührt, der Berghaus war ein Mann und er stand zu ihnen. Und wenn einige brummten und von ihrer roten Jakobinerfreiheit flunkerten, so würde man ihnen am Ende noch die Mäuler stopfen, da sei Gott für, alles zu seiner Zeit, jetzt galt es, mit den Tunnelarbeiten fertig zu werden.

Man ließ doch nicht einfach die Arbeit im Stich, man hatte noch seinen Arbeiterstolz im Leib, man wußte etwas von Pflicht und es war nicht so, wie manche Fettbäuche und Vögel im Hanfsamen meinten, daß nämlich die Arbeiter nichts wären als Werkzeuge und Nummern und Lasttiere, mit denen man sich keineswegs auf die gleiche Stufe stellen dürfte.

Sie gingen an die Arbeit, sie trugen Schwellen und gewalzte Stahlschienen, sie schwangen die Vorschlaghämmer und die Breithacken. In 336 Nässe standen sie und Dunst, in Pechgestank und Ölgeruch, das konsistente Fett klebte in den Gesichtern, an Händen und Kleidern, die Haut war blutig gerissen und der Eisenstaub saß in ihren Lungen, die Schultern waren schwielig von den Zentnerlasten der Schienen, mit den wuchtigen Schlüsseln zogen sie die Stuhlverschraubungen fest. Nein, es war nicht leicht, einer von ihnen zu sein, ihre Taglöhne von 30 Kreuzern bis zu einem Gulden mußten den Stunden hart abgerungen werden.

Sektionsingenieur Berghaus ging nach dem Westkopf zu, weiter oben waren noch die Maurer bei der Arbeit, der Tunnel erforderte erhebliche Mehrkosten, die im Voranschlag nicht berücksichtigt waren, die Untermaurung war teuer, ein Kubikmeter Gewölbemauerwerk aus keilförmig gerichteten Steinen kostete beinahe das Doppelte der Schichtenmauern, nämlich über sechs Gulden, dabei waren die Unkosten für den Gerüstbau noch nicht eingerechnet.

Trotz allem nahm sich Berghaus vor, dafür einzutreten, daß die Löhne erhöht würden, wenn auch nur um wenige Kreuzer.

Er ließ den roten Fackelschein hinter sich und ging auf das weiße Licht zu, das blendend durch das Westtor hereinflutete. Die Arbeitsgeräusche blieben summend und verworren dröhnend zurück, der Ostwind trieb noch stickige Rauchschwaden durch den finsteren Kanal.

Etwa fünfzig Meter vorm Ausgang angekommen, sah Berghaus plötzlich zwei Gestalten sich in die gleißend weiße Lichtfläche des Tunnelprofils einschieben. Als tiefschwarze Schatten zeichneten sich ihre Umrisse ab. Der Ingenieur, mißtrauisch geworden, verließ die Kronenbettung und trat in eine der kleinen Seitennischen, die in das Gewölbemauerwerk gebaut waren.

Die Schatten wuchsen, sie kamen auf ihn zu, er hörte hohl tönend ihre dumpfen, oft stolpernden Schritte, sie verschmolzen mehr und mehr mit dem Dunkel des Schachtes. Jetzt kamen sie an ihm vorüber, Berghaus zuckte zusammen: ein Mann und eine Frau! Sonderbar, was wollte eine Frau hier, wer war diese Frau und wer war der Mann?

Der Ingenieur wollte schon aus der Nische heraustreten, um sich zu vergewissern, wer hier ohne Recht eindränge, da hielt es ihn zurück, denn er sah im gleichen Augenblick etwas höchst Seltsames. Die beiden blieben nämlich stehen, die Finsternis mit schwachem Lichterspiel lag über ihnen. Sie umarmten sich mit einer stürmischen Leidenschaft, Berghaus sah undeutlich, wie der Mann den Körper der Frau in den Armen nach rückwärts bog, er sah, wie sie den Kopf neigte und ihm 337 stöhnend entgegensank. Ihre Lippen mußten sich ineinander vergraben haben, denn es blieb eine Weile unheimlich still, die gespenstische Szene wurde deutlicher sichtbar, weil das beobachtende Auge mit der ganzen Kraft der Sehschärfe sich auf den Vorgang einstellte. Das Stöhnen kam jetzt aus beider Mund, es klang unheimlich nahe, verstärkt durch das Gewölbe, es war wie von Geschöpfen, die im Dunkel der Welt mit dem Rätsel des Lebens zusammengestoßen sind. So einsam waren diese Laute, daß Berghaus taumelnd nach einem Halt suchte, daß er mit beiden Armen nach rückwärts tastete, bis die flachen Hände mit den krampfhaft gespreizten Fingern gegen die triefende Feuchte der Gewölbewand stießen.

Er besaß nicht die Kraft, den beiden entgegenzutreten, ein Zittern und Beben durchrann seinen Körper, er fühlte, daß ihm der Schweiß auf die Stirne trat.

Als das Paar weiter in den Stollen eindrang, stahl sich der Ingenieur auf der Seite im Entwässerungsgraben nach dem Ausgang.

Er tauchte ins Licht wie in ein gleißendes Meer, der blaue Himmel stürzte in seine Augen. Ihm war, er hörte ein Sausen und Sirren in der Luft. Er blieb stehen, legte die flache Hand vor die Stirn und schloß die Augen vor dem Schmerz des Lichtes und vor dem Irrsinn seiner Gesichte.

Er stand hoch auf der neubesamten Böschung, aus der Gras und Klee in hellem Grün hervorsproßten. Die Straße lag fünf Meter tiefer, über ihm, ein blauer Strom zwischen den Ufern der Berge und Wälder, rann der Himmel dahin, der Tag war festlich hell und erfüllt von Vogelschlag.

Von den Wäldern stieg das Rauschen zu ihm hernieder, er stand und sann, ihm war, die Welt kreiste um ihn als Mittelpunkt, alles, was er ringsum sah, schien auf ihn zuzukommen mit getriebener Eile und mit einem flammenden Eifer. Er wandte sich um und schaute in die gähnende Höhle hinein, nichts war zu sehen, als ein rötliches, halb erloschenes Schwelen, Dämpfe trieben schwül heraus, der Eisenweg, matt vom Rost, schnitt in die Schwärze. Aus der Höhle über ihm aber tropfte das Licht, ungeheuerlich schien die Helle aus dem Blau zu regnen.

Unten auf der Straße blühten noch die Bäume, ein Rausch der Welt war entzündet, es war nicht zu fassen, was diese Stunde an Zauber und Grauen gebar.

Welch ein Gaukelspiel der Gedanken, daß der Ingenieur Berghaus 338 in diesem Augenblick an seine Schwester Greta dachte, wie kam es nur, daß sie plötzlich in die Verwirrung seiner Vorstellungen trat mit jenem schmerzlich rätselhaften Lächeln, das er an seiner Mutter immer so geliebt und gleichzeitig auch so dumpf ahnungsvoll gefürchtet hatte.

Verwegene Naturen wurden geboren in diesem Land, das keinen Frieden fand. Menschen mit kühnen Ausgeburten des Hirns betraten den Schauplatz, ihre Pläne und Hoffnungen, ihre schwärmerischen Ziele und ihre vernebelten Träume vom Glück eines Volkes, ihre irren und wirren Vorstellungen und alles, was hinter ihren Stirnen ausgebrütet wurde in einsamen Nächten, alles, was umging, und einen Weg suchte aus dem Gestrüpp des eigenen Schicksals, das alles trieb ans Licht, und an den Tag in krausen Blüten, in Schmerz und Glück, in Wahn und Unbesonnenheit, in Hinterlist und Schlauheit, in Menschenhaß und Menschenliebe. Ein Vulkan war dieses Land, unterirdisch geschürt und von glühenden Strömen durchwühlt, die Lava der Temperamente brach hervor aus geöffneten Kratern, die aufbauende und zerstörende Wandlung der Urelemente fand einen wilden und romantischen Schauplatz in den siedenden Retorten dieses Grenzlandes.

›Gott schütze euch, die ihr auf dem falschen Wege seid‹, dachte der Ingenieur Berghaus, ›Gott sei mit euch, wenn die menschliche Vernunft am Ende ist.‹ Das Wort Freiheit war in Blut getaucht, seit die Welt bestand, aus den Schlagadern der Menschheit sprang der rote Strom des Lebens um dieses wahnwitzigen Begriffes willen. Nichts forderte höheren Tribut menschlichen Einsatzes und elementarer Begeisterungsfähigkeit, als das Wort Freiheit, und nichts zerrann rascher zwischen dem Schwingenschlag der Gezeiten, als das ragende, flüchtende, gesegnete und verfluchte Idol des Menschengeistes.

Freiheit! Frei ist, wer tot ist, denn bei ihm hat die Menschheit die letzten Rechte verloren und niemand ist, der ihn ketten könnte. Der Tod ist das ungeheure Tor, das zur Freiheit führt, wenn es seine Flügel öffnet, fallen die irdischen Gesetze.

Warum denn soviel Wesens machen, das Leben war gar nicht mal so erfindungsreich, es gab da einen Kaufladen mit einigen Schubladen voll Verwicklungen, die sich immer wiederholten. Die Schubladen wurden nicht leer, nur sie brachten nichts Neues mehr zum Vorschein, der Kaufladenbesitzer war am Ende seines Witzes, seine Krämerei bot keine Überraschungen. Bitte einige neue Einfälle, wir finden es sonst langweilig.

Zugestanden, tausend Millionen Jahre waren keine Kleinigkeit, wo 339 ein Mensch kaum dreißig Sekunden lang den Atem anhalten konnte, um auf das Räderwerk der Welt zu lauschen. Es würde wohl immer wieder unerhört Neues geschehen, nur lebte ein Aufgebot Menschheit, wenn es hoch kam, hunderttausend Jahre oder zwei Wimperschläge lang, ungebührlich also von ihr, zwischen Augen auf und Augen zu auch noch eine wechselnde Flut von Sensationen zu fordern.

›Tollheit‹, dachte Berghaus, ›daß ich hier stehe und über das nachgrüble, worüber schon mein Vater nachgegrübelt hat. Tollheit, daß ich mich oft überrasche, wenn ich die gleichen Bewegungen mache wie mein Vater, wenn ich huste wie er, mit der gleichen Geste mir durch die Haare fahre oder die gleiche Speise nicht vertragen kann.‹

»Herrgott und Teufel!« rief er laut, fuhr mit beiden Händen durch die Luft, als wollte er die Schwärme seiner Gedanken wie Spatzen verjagen und schickte sich an, über die Böschung hinunter die Straße zu gewinnen. –

 

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