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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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15

Der Königliche Regierungs- und Kreisbaurat Herr Paul von Denis traf Mitte Mai selbst in Mutterstadt ein, wo man das unerhörte Attentat auf den neuen Bahnkörper verübt hatte. Er war einige Zeit in München gewesen wegen des Projektes der bayrischen Ostbahnen, als er jetzt zurückkam, erfuhr er zu seinem Entsetzen, daß tatsächlich ein gewisser Herr Fenner von Fenneberg, angeblich Oberbefehlshaber der pfälzischen Revolutionsarmee, den haarsträubenden Befehl gegeben hatte, bei Mutterstadt die Schienen aufzureißen und den Unterbau zu sprengen. Die Instandsetzungsarbeiten waren in vollem Gange, als Paul von Denis an der Stelle des staatsgefährlichen Attentates eintraf.

Man hatte den Unterbau neubestückt, die Schwellen gelegt und war dabei, die schweren Vignolschienen auf die Stoßstühle zu montieren.

Herr von Denis, der berühmte Bahnbauer, nahm seinen Ingenieur beiseite und sprach kopfschüttelnd: »Sagen Sie mal, Berghaus, was ist denn eigentlich in der Pfalz los?«

Der Sektionsingenieur Berghaus schmunzelte.

»Ein Volksfest, Herr Regierungsbaurat.«

»Ein eigensinniges Volksfest!«

»Sie können es auch Revolution nennen.«

»Revolution! Sagen Sie doch um Himmels willen, wer macht denn da Revolution?«

»Ein paar politische Hitzköpfe, ein paar märchengläubige Phantasten und ein paar Geschäftemacher.«

»Und da weiß man nichts besseres zu tun, als die modernste und großartigste Errungenschaft eines Landes, nämlich die Eisenbahn mutwillig zu zerstören? Wer trägt denn hier eigentlich die Verantwortung?«

»Das läßt sich vielleicht erst in einigen Wochen entscheiden, vorläufig der pfälzische Generalfeldmarschall Bürger Fenner von Fenneberg.«

323 »War der nicht einmal Oberkommandant der Wiener Nationalgarde?«

»Ganz richtig, seine Vergangenheit ist nicht ganz einwandfrei, ich selbst kann ihm nichts übles nachsagen. Er scheint mehr Humor zu haben als militärische Fähigkeiten. Er liebt es, auf unseren Lokomotiven umherzudampfen, die er dann manchmal, wie andere ihr Pferd, vor den Wirtshäusern qualmend warten läßt, bis er sich den nötigen Mut angetrunken hat. Er liebt den Champagner und haßt das Blutvergießen. Ein Lebenskünstler.«

»War denn, verzeihen Sie den harten Ausdruck, der Mann betrunken, als er hier das Attentat verüben ließ?«

»Er wollte einem Bataillon Preußen, das in die Pfalz einrückte, ein Bein stellen.«

»Waren das die Preußen in Ludwigshafen?«

»Nein, Ludwigshafen wurde von dem Bürgerwehroberst Blenker, einem Wormser Weinhändler, gestürmt.«

»Gestürmt?! Ludwigshafen wurde gestürmt?!«

»Wenn man sich kriegerisch ausdrücken will, Herr Rat. In Wirklichkeit rückte Blenker beinahe kampflos ein, denn fast die gesamte Besatzung, ein Jägerbataillon, lief, mit Ausnahme einiger Offiziere, zu den Freischaren über. Als zwei Kompanien des 6. bayrischen Regimentes aus Speyer zur Verstärkung anrückten, wurden auch diese in den lustigen Kreis der revolutionären Legionen aufgenommen und es hob ein wackeres Zechen an. Ob der Weinhändler Blenker dazu den Wein geliefert hat, weiß ich nicht. Übrigens scheint, trotz allem, dieser Blenker ein Soldat zu sein, eine ehrliche, rauhbeinige Landsknechtsnatur.«

»Na ja, wenn uns diese Komödie nur nicht in unsere technischen Dispositionen eingreift. In finanzielle Schwierigkeiten sind wir schon vor einem Jahr geraten wegen dieser revolutionären Gesellschaftsspiele, die rückständigen Einzahlungen stocken, ich vermute, man wagt nicht recht vorzugehen. Das Ausland wird mißtrauisch und soviel ich weiß, sind bei uns noch einige Mailänder Aktionäre eingestiegen.«

»Sie wissen am Ende von der Sensenkomödie nichts.«

»Wichtig ist, daß wir unter allen Umständen zum Herbst das Zwischenstück fertig haben. Übrigens sind drüben interessante Versuche mit dem schwebenden Stoß gemacht worden, ich habe schon daran gedacht, einmal eine Versuchsstrecke zu bauen. Richtig, Revolution, wie ist denn die Stimmung unter unsern Arbeitern?«

324 »Im Allgemeinen gut, den Leuten geht es nicht schlecht, warum sollen sie Revolution machen. Es sind einige Hetzer unter ihnen, ein Pole ist uns davongelaufen, er soll Volkswehrleutnant geworden sein. Ich glaube nicht, daß die Bauarbeiten aufgehalten werden, vergessen Sie nicht, daß der Arbeiter politisch überhaupt nicht aufgeklärt ist. Und außerdem, wir haben ein ausgezeichnetes Arbeitermaterial, die Leute lassen keine Seifenblasen steigen.«

»Wie sieht es im Tunnel aus?«

»Zufriedenstellend. Wir haben einen Wasseradereinbruch gehabt, die Entwässerungsstollen sind fertig, die Notwendigkeit, den Tunnel zu untermauern, hat uns mit dem Termin etwas in Konflikt gebracht.«

»Und sonst?«

»Der letzte Viadukt bei Neidenfels ist fertig, das Sandsteinmaterial haben wir, wie Sie wissen, aus dem Frankensteiner Sprengstollen genommen. Die Böschungen sind alle besamt, Mischung aus rotem und weißem Klee und Gras, prozentual geändert, auf anderthalb Liter Heublumen jetzt fünf Lot weißen und fünf Lot roten Klee. Übrigens ist auch unser kleiner Kleesamenhändler zu den Freischärlern, sein Sensenpatent soll angeblich den Bayern und Preußen gefährlich werden.«

»Wollen die Leute denn mit Sensen aufeinander losgehen?«

»Sensen gegen Zündnadelgewehr.«

»Was hat denn der Mann erfunden?«

»Seine Patentsense hat einen Haken, mit dem man die Reiterei vom Pferde reißt.«

»Ich glaube, diese ganze Revolution hat einen Haken.«

»Leider beginnt es bedrohlicher zu werden, man will in den nächsten Tagen den Landesverteidigungsausschuß in eine provisorische Regierung umwandeln.«

»Und dann?«

»Dann werden die Leute Dummheiten machen!«

»Ta ta ta ta, noch etwas außerdem?«

»Es bleibt immer noch die Frage offen, Herr Regierungsbaurat, ob der Langschwellenabschnitt vor Neustadt nicht ausgewechselt werden soll.«

»Darüber ein andermal. Wie steht es mit unserer Kyanisieranstalt?«

»Der Kostenvoranschlag ist genehmigt, wir können das Werk zum Herbst erstellen.«

325 »Ist der Vorteil wirklich vorhanden, den man errechnet hat?«

»Ohne Frage, Herr Baurat, die Lebensdauer des Forlenholzes wird um mindestens drei Jahre, die des Eichenholzes um zweieinhalb Jahre erhöht. Man hat das im Badischen genau ausprobiert, dort hat man einmal, um Anlagekosten zu sparen, nach einem Ersatz für das Kyansche Verfahren gesucht, ohne Erfolg. Die Kosten sind allerdings hoch, werden aber in eigener Administration herabgedrückt.«

»Können wir denn einen solchen Betrieb in der Pfalz für die nächste Zeit rationell aufrecht erhalten?«

»Ich bin soviel Optimist, um überzeugt zu sein, daß der zweigleisige Betrieb nicht lange auf sich warten lassen wird, dann sind wir vollauf beschäftigt. Allerdings kann bei Frost, also im Winter nicht kyanisiert werden, weil die Gefahr besteht, daß die Lauge einfriert und dadurch das Sublimat sich ausscheidet.«

»Ich will mich mit dieser Sache demnächst eingehender beschäftigen, weil für die Ostbahnen die Frage, ob kyanisieren oder nicht kyanisieren, akut wird. Übrigens fällt mir noch ein, wir haben ja einen merkwürdigen Zuwachs während meiner Abwesenheit bekommen. Ausgerechnet einen französischen Experten, was ist das für ein Mann, haben Sie ihn schon kennengelernt?«

»Ein monsieur Henry Laroche, der Himmel weiß, wie er zu uns kommt. Ein Ingenieur aus St. Germain.«

»Wer hat den Mann beordert?«

»Das habe ich noch nicht herausgebracht, es gibt immer noch Pfälzer, denen es nicht wohl ist, wenn sie nicht ein kleines Franzosenspielzeug haben, eine unselige Leidenschaft. Der Mann ist ein guter Freund unsres Holzsachverständigen Veit Huß.«

»Hinter diesen Huß ist ein Fragezeichen zu setzen. Wer stützt den Mann so gewaltig?«

»Die berühmten Unsichtbaren, Herr Rat. Außerdem wechselt Veit Huß blitzschnell seine Farben, solche Menschen sind gefährlich, weil sie von keinerlei Charakter gehemmt werden.«

»Mir war dieser Huß immer ein Dorn im Auge, ich will doch einmal sehen, ob ich den Mann nicht endlich kaltstellen kann.«

»Das dürfte heute schwieriger sein, denn je.«

»Wieso? Ich werde höheren Ortes – –«

»Höheren Ortes ist man zur Zeit ohnmächtig, das heißt, man tut rein gar nichts, um dem wachsenden Aufstand entgegenzutreten. Ich habe den Eindruck, als ob die Regierung in Speyer Bilderlotto spielte, 326 statt der Gefahr entgegenzutreten. Und Huß ist bereits unter die Aufwiegler gegangen, ich hörte, er ist Zivilkommissar für die Pfälzischen Forsten geworden.«

»Was ist er geworden, Zivilkommissar? Was soll das heißen?«

»Daß er bestimmen kann, wie in den pfälzischen Wäldern gewirtschaftet wird. Genauer, er kann herausschlagen lassen, was und wieviel er will.«

»Zu welchem Zweck denn, Donnerwetter?«

»Eine provisorische Regierung mit einer Revolutionsarmee braucht Geld. In den öffentlichen Kassen wird man keine nennenswerten Beträge mehr finden, weil sie längst in Sicherheit gebracht sind.«

»Sie meinen, daß man die Wälder – –?«

»Man wird zu Geld machen, was sich dafür eignet.«

»Da werden sie am Ende der Ludwigsbahn auch noch einen Kommissar vor die Nase setzen?«

»Das kann schon in den nächsten Stunden geschehen. Unsere pfälzischen Blusenmänner fahren überhaupt umsonst.«

»Nanu, wer gibt ihnen denn die Erlaubnis?«

»Das Hauptquartier. Fenner von Fenneberg. Und glauben Sie mir, die Leute fahren gerne Eisenbahn, sie fahren geradezu leidenschaftlich gerne, unsere Lokomotiven haben Kokarden, der Fahrplan ist abgeschafft, es verkehren nicht wenig Extrazüge. Vor zwei Tagen lag der Kurszug 7 zwei Stunden in Hochspeyer, weil dort gerade eine Fahnenweihe war und die meisten Fahrgäste sich an diesem volkstümlichen Akt beteiligen wollten. Als das Hoch auf die deutsche Freiheit ausgebracht wurde und die Ehrenjungfrau die schwarzrotgelbe Fahne entfaltete, spielte die Bürgerwehrkapelle und der Lokomotivführer mußte an der Dampfpfeife ziehen. Am Eisenbahnzug wurden dann kleine Birkenbäumchen befestigt, mit Bändern geschmückt, die Maschine wurde umgetauft in Hecker, es wurde ein guter Festwein getrunken und zuletzt dampfte der Zug mit Birken und flatternden Bändern, mit gezogener Dampfpfeife und fröhlich singenden Pfälzern ab.«

»Ich sehe, man hat nicht mehr nötig, ins Theater zu gehen. Genug, Berghaus, lassen Sie mir Zeit, diese Kost zu verdauen. Übrigens kommt der Pendelzug von Ludwigshafen, ich habe in Mannheim zu tun, wann sind wir hier fertig?«

»In drei Stunden, Herr Rat, wir haben zwanzig Mann eingesetzt.«

Ein Zug mit zwei braun-blauen Personenwagen dampfte aus 327 Ludwigshafen heran und hielt kurz vor der Baustelle. Die Lokomotive war hinten, aus den Wagen stiegen mit erregt freudigen Gesichtern die Fahrgäste, Kaufleute und Bauern, Neugierige, Soldaten und Blusenmänner. Alle umdrängten lärmend und lachend und schimpfend die Baustelle. Weiß Gott, das Leben hatte aufgehört, langweilig zu sein, das ging jetzt alles mit Koksgestank und Siebenmeilenstiefeln, es fehlte nicht an Überraschungen und Stadtgeschwätz. Da fuhr man mit einer Dampfbahn durch die Lande, mit dreißig Kilometer Geschwindigkeit brauste man dahin, irgendwo waren die Schienen gesprengt, um ein Haar wären die Friedhofsgärtner unter Nahrung gesetzt worden. Aber nein, ein Mann, ein Angestellter der Eisenbahn, ein Bahnwärter, wie man ihn nannte, ein schmucker Mann in brauner Uniform mit stahlblauen Aufschlägen und blauen Streifen, hatte durch Galgensignale den Zug und die Strecke gesperrt, die Toten lebten wieder und es gab etwas Großartiges und Niedagewesenes zu bestaunen.

»Hooo – ruck! Hooo – ruck, noch einen Meter, noch einen – – hooo – ruck – – Himmel Kotz, Leute geht doch aus dem Weg – – einen Vorschlaghammer!«

Vignolschienen waren das, und hier lagen sogenannte Schwellenstühle. Da kamen jetzt Laschen drüber und das alles wurde verschraubt. Und außerdem noch Schienennägel, ja, es war für Sicherheit und Ordnung gesorgt.

Die Lokomotive pfiff, sie ließ Dampf ab, ach du große Welt, da ging der gute Dampf massenhaft in die Luft.

»Weg da, Platz! Von den Schienen runter, der Neustadter Konvoy kommt.«

Richtig, der Neustadter Konvoy kam angebraust, der Schlot der Lokomotive stieß rote Funken aus, wie ein Unwetter brauste der Zug daher.

Das war eine der Lokomotiven aus der Maffei'schen Maschinenfabrik in München; jawohl, das war die großartige ›Hummel‹, ein wahres Ungetüm mit einem Kamin, der wie eine griechische Säule aussah. Wundervoll war diese Lokomotive anzuschauen, der Kessel war mit Holzleisten verkleidet und mit blanken Messingbändern umgeben, der Ventilkelch war aus funkelndem Messing, und über der Feuerbüchse glänzten herrliche Zierleisten. Die Hummel war grün lackiert, aber die großen Triebräder und die Laufräder waren leuchtend rot. Grün wie der Wald und rot wie der Fels im Neustadter Tal, so hatte es der kunstsinnige Herr von Jäger bestimmt. Über den roten 328 Rädern wölbten sich gar noch messingne Radbögen, krieg die Krach und Kränk, so eine Lokomotive konnte sich sehen lassen.

Drei kurze Pfiffe. Vorsicht hieß das; dreimal kurz pfeifen hieß Vorsicht, ihr Sakramenter, geht doch von den Schienen, der Dampfkoloß macht nicht viel Federlesens. Zwei Wagen zweiter Klasse mit Glasfenstern, und zwei Wagen dritter Klasse mit Holzbänken, Stehplätzen und wehenden Seitenvorhängen, und dann noch ein Transportwagen mit Gepäckstücken.

Wieder stiegen Menschen aus dem Zug, viele Menschen, bunt gemischt, Reiche und Arme, Zweitklässer und Drittklässer, von den Erstklässern gar nicht zu reden. Das war jetzt alles ganz anders, die Vornehmen saßen auf gepolsterten Sitzen und konnten durch wundervolle Glasfenster hinaus ins Land schauen, die weniger Vornehmen saßen härter und der Wind wehte ihnen um die Ohren; und die armen Schlucker gar mußten stehen und wurden nicht schlecht umhergeschüttelt bei der irrsinnigen Fahrerei.

Hier war also die Unfallstelle. Viele hatten das gar nicht geglaubt, jetzt aber konnten sie sich mit eigenen Augen davon überzeugen. Fenner von Fenneberg hatte die Schienen sprengen lassen, beinahe wäre ein ganzer Zug ins Verderben gerast, und warum, wenn die Frage erlaubt sei? Alles wegen der bayrischen Regierung, wegen der Duodezfürsten und wegen des Rebellenkönigs in München.

»Aber der Fenner haut sie in die Pfanne. Und der Blenker auch.«

»Das Provisorium ist auf dem Marsch, die öffentlichen Kassen werden beschlagnahmt.«

»Und die Steuern abgeschafft.«

»Was wird abgeschafft, die Steuern? Ihr, mit euren paar Sensen wollt die Steuern abschaffen?«

»Das wirst du nicht hindern können.«

»Da kriegen wir wohl alle noch Geld herausbezahlt?«

»Du spielst auf der konservativen Flöte.«

»Er hat einen Vetter in der Regierung.«

Wieder pfiffen die Lokomotiven, jetzt gleich zwei, sie machten sich wichtig mit ihrem Kesseldruck und ihrer Dampfverschwendung.

Dröhnende Hammerschläge klangen, Schraubenschlüssel wurden angesetzt, Schotter mußte unter die Schwellen geschlagen werden, den Arbeitern lief der Schweiß herunter, sie hatten nur immer in die Hände zu spucken, Herrgott, waren das Kerle, wie Bären so stark und rostig braun von Hitze und Schmutz.

329 »Überhaupt ist die Republik das richtige, wir brauchen die Münchner Hopfenaffen nicht.«

»Aber die Franzosen, hää, brauchen wir vielleicht die Rothosen?«

»Wer schwätzt von Franzosen? Kann bei uns nichts ohne die Rothosen gemacht werden?«

»Freie Pfalz, sonst nichts! Autonom!«

»Ein Bahnwärter hat durch Galgensignale den Zug zum Stehen gebracht.«

»Galgensignale? Was ist das, Galgensignale?«

»An den Galgen, ja, ans Rabenholz mit allen Reaktionären! Und der Münchner Rebell muß schmoren.«

»Freie Meinung, freie politische Gesinnung, mehr sage ich nicht.«

»Jawohl, aber der Wind bläst demokratisch.«

»Gut für die Wetterfahnen.«

»Wie bitte, Wetterfahnen? Sie, Herr, meinen Sie mich mit den Wetterfahnen?«

»Ich habe keinen Namen genannt.«

»Das ist ein ganz Gescheiter, den hat der Esel im Galöppern verloren.«

Sie gerieten sich in die Haare, die Meinungen platzten aufeinander. Es waren auch Bauern dabei und die wollten von einer Revolution nichts wissen, es gab viel zu viel Arbeit auf dem Feld und im Wingert, sie hatten keine Zeit und sie pfiffen auf die Rekrutierungsbefehle. Kuhmist war wichtig, es gab zu wenig Kühe in der Pfalz, an Ochsen fehlte es nicht.

»Sie müssen alle zu den Bataillonen, von achtzehn bis sechzig.«

»Das wird sich zeigen.«

»Du mußt auch mit, wir brauchen große Goschen.«

»Ich lasse mir die Gosch nicht verbinden.«

»Der Fenner von Fenneberg wird dir den Sauhund schon blasen.«

»Der Fenner von Fenneberg kann mich am Arsch lecken!«

»Einsteigen nach Ludwigshafen! Alles einsteigen!«

Gut, daß der Zug abfuhr, es hätte wahrhaftig noch Streit gegeben, die Leute hätten sich zuletzt noch verprügelt, hier unter Hammergedröhn, unter Schrauben und Sägen und Schottern, bei Räderrollen und Dampfgezisch. Wie die Lokomotive Hummel, so waren die Menschen auch unter Dampfdruck und Kesselfeuerung.

Der Sektionsingenieur Berghaus ging mit Herrn von Denis zum Ludwigshafener Pendel.

330 »Ich werde hier noch die letzten Anweisungen geben, Herr Rat, und dann fahre ich nach der Tunnelbaustelle.«

»Kontrollieren Sie noch einmal genau die Entwässerungsstollen. Auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen, Herr Rat.«

Der Zug fuhr ab, pfeifend und bimmelnd und mit einem kolossalen Gezisch. Es war großartig, wie er dahinfuhr unter Getöse, die Räder ratterten, weißer Dampf stieß aus den Zylindern wie gefrorener Atem aus Pferdenüstern. Die Vorhänge der Drittklässler flatterten, Menschen winkten, es konnte einem schier schwindelig werden und man begriff immer mehr, daß jener Sachverständige seinerzeit nicht so unrecht gehabt hatte, als er vorschlug, man müßte links und rechts vom Bahnkörper hohe Lattenzäune errichten, auf daß die Menschen auf Äckern und Feldern nicht schwindelig würden, wenn die Züge pfeilschnell an ihnen vorbeirasten. Überhaupt war noch keineswegs abzusehen, welche Gefahren und Krankheiten, Unglücksfälle und Explosionen das neue Verkehrsmittel, in dem des Teufels Bruder steckte, mit sich bringen würde. Man hatte gar nicht nötig, über Leute zu lachen, die sich bekreuzigten und einen Rosenkranz beteten. –

Der Sektionsingenieur Berghaus fuhr nach Neustadt und von dort mit einem Materialzug nach der Tunnelbaustelle. Es war nachmittags gegen vier Uhr.

 

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