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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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14

Greta Berghaus, die wie ein Indianer reiten konnte, ging sofort, als sie aus dem Städtchen waren, im gestreckten Galopp davon. Sie hatte die Mütze vom Kopf gerissen, das Haar flatterte im Winde, den Zügel in der Linken, beschrieb sie mit der Rechten kreisende Bewegungen, als wollte sie ein Lasso werfen.

Einmal stieß sie einen hellen Ruf aus, da legte der Fuchs los, daß die Schollen spritzten und der Husar Mühe hatte, mitzukommen. Immer noch war Rebgelände zu beiden Seiten des Weges, aber mehr und mehr griffen Äcker und Wiesen, auch Tabakfelder, in das Weingebiet hinein, bis sich die Rebzeilen im Gewirr der Felder verloren.

Sie sprachen wenig, nur einmal, als sie wieder im Trab ritten, deutete Greta voraus und sagte, dort hinter den Kieferwäldern fließe der Rhein, das sei aber noch einige Stunden weit.

Sie schaute ihn dabei von der Seite an, forschend, ob er nicht irgendwie eine Regung seines Innern verriete. Der Husar war merkwürdig schweigsam geworden.

Es kam ihnen aber auf der Straße, die zum Rhein hinüberführte, mit Singen und Lärmen ein seltsamer Zug entgegen. Eine Kolonne abenteuerlicher Gestalten marschierte in Unordnung daher, ein buntes Gemisch verwegener Menschen in malerischen Gewändern. Es waren unter ihnen welche, die trugen blaue oder rote Blusen, graue Hosen und hohe Stiefel, andere waren halb zerlumpt, verelendet und besaßen nicht einmal eine Kopfbedeckung, während die Besseren große Heckerhüte mit Hahnenfedern hatten. Und wiederum waren welche unter ihnen, die barfuß gingen, zersetzt, hohlwangig und mit dem Kainszeichen der Ausgestoßenen versehen.

In der vordersten Reihe, muskulös und die anderen um Haupteslänge überragend, marschierte ein Fahnenträger, er schwenkte an langer Stange das flatternde rote Tuch der Revolution. Er trug den Heckerhut mit Federn, aber von seinen Schuhen hingen die Fetzen, die 313 blaue Bluse war zerrissen und eine dünne Schlosserhose war mit einem Strick um die Hüften gegürtet.

Neben ihm, klein und geduckt, nur mit Mühe Schritt haltend, zottelte ein sonderbarer Bursche, den der Leutnant von Stetten sofort erkannte, obwohl er jetzt eine Pechmütze trug und ein rotes Halstuch flattern ließ. Es war kein anderer, als jener Kleesamenhändler mit den angewachsenen Ohrläppchen, der damals in Kaiserslautern mit seinem Sensenpatent sich wichtig gemacht hatte und der nun wohl im richtigen Hafen gelandet war; denn hinter ihm kamen die Bewaffneten, die Sensenmänner.

An schwarzrotgelben Stangen trugen sie nach oben gerichtete Sensen. Zuletzt kam eine Kolonne, die auf einem kleinen Handwagen einen sogenannten Katzenkopf zog, ein Geschütz, wie man es bei Kirchweihen und Prozessionen zu Böllerschüssen verwendete. Angeführt wurde der traurige Zug von einem Ulanenunteroffizier, einem desertierten Soldaten, der rote Bänder an der Mütze trug, finster dreinschaute und als einziger mit einem Säbel und einem Zündnadelgewehr ausgestattet war.

So kam dieses verwegene Aufgebot von Schattenmenschen daher, ein Troß des Elendes, ein Bataillon von Wirrköpfen und Abenteurern, mehr Mitleid verbreitend, als Schrecken. Sie marschierten nicht, nein, sie wankten und schwankten in einer Wolke von Staub, der ganze Menschenverband war in einem plump wogenden Trott, die geschulterten Sensen, in der Sonne metallisch funkelnd und die Verkommenheit mit einem trügerischen Schein von Gloriole verklärend, bewegten sich pendelnd, klirrend und klingend über den teils hochgereckten, teils auf die Brust hängenden Häuptern.

Und der Gesang, heiser aus vertrockneten Kehlen strömend, jedes Antlitz durch die aufgewendete Mühsal zu einer schweißglänzenden Larve verzerrend, dieser Gesang, gedehnt und dem langsamen Marschrhythmus angepaßt, war von einer besessenen Dämonie.

Die beiden Reiter standen hart am Straßenrand, als diese verblendete Lumpenbrigade, in beizenden Staub gehüllt, einen Brodem von Herbergsgeruch verbreitend, vorübertaumelte.

Erhör unser Fleh'n du lieber Herr,
Schick uns hunderttausend Preußen her,
Wir wollen sie alle legen zur Ruh,
Gib uns Waffen und Pulver und Blei dazu.
Juvivallera, juvivallera – –

314 Der Himmel war blau geöffnet, der Tag glänzte in der Fülle des Lichtes.

Viele Lerchen sangen.

Die Wiese, im Übermaß ihrer Gräser und Blüten, schaukelte im Strom des Nachmittags, und die Kette der Berge lag friedvoll im Dunst der Ferne.

Sie sangen lauter im Vorbeimarschieren, sie rafften sich zusammen, das Getrampel der vielen Schritte wurde geschlossener, manche stießen Drohungen aus, andere lachten mitten in das Singen hinein, wieder andere fragten nach Wein und Weibern, alle aber schienen auf ein unbekanntes Paradies zu warten, auf ein Schlaraffenland und ein großartiges Tischleindeckdich. Daß ein unsichtbarer Teufel sie führte, das wußten sie nicht, sie marschierten der Freiheit entgegen, der Ulan würde schon wissen, wohin; geradewegs zum Sensenkorps Zinn, wo sie eingekleidet würden und mit Geld und allen Reichtümern versehen.

Wollen sie gar wissen,
Wie's dem Flüchtling geht;
Sprecht: der ist zerrissen,
Wo ihr ihn beseht.
Nichts blieb ihm auf Erden
Als Verzweiflungsstreich,
Und Soldat zu werden
Für ein freies Reich.

Der Zug war vorbei, vielleicht nur ein Trugbild und nichts als ein Aufmarsch von Gespenstern, eine Abordnung aus höllischen Bezirken, ein taumelnder Spuk um den seligen unseligen Begriff der Freiheit, eine Hoffnung, ein Wahn, eine menschliche Trümmerstätte.

Vielleicht marschierte unter der desparaten Hundertschaft ein Einziger, der glaubte. Dieser Einzige würde durch seinen Glauben die gesamte Lumpenbrigade verklären.

Werner von Stetten schaute Greta an und er sah, daß ihre Augen voll Tränen waren.

»Sind diese das Pfälzer Volk?« fragte er.

Sie antwortete eine Weile nicht, dann sprach sie traurig: »Ich wünschte nicht mehr zu leben, wenn diese dort Pfälzer wären!«

»So sind sie alle, das Volk kehrt sich ab von dieser verlorenen Sache.«

315 »Nein, so sind sie nicht alle, das sind nur Ausnahmen, es sind genug andere Bataillone da, in denen die Besten aus dem Lande marschieren. Das Volk will seine Freiheit und ich, hören Sie mich genau, ich stehe zur Sache des Volkes!«

Ein mühsam gebändigter Grimm brach plötzlich in ihr aus, ihre Augen flackerten, die Wangen glühten, sie schlug mit der Reitpeitsche sausend durch die Luft.

»So gefallen Sie mir, Fräulein Greta.«

»Sie haben nur Spott und Hohn, ich will Sie nicht mehr sehen!«

Sie gab dem Pferd die Sporen und jagte querfeldein, über ein Zuckerrübenfeld preschte sie dahin, daß die Wurzeln flogen. Er stand und starrte ihr nach, nie war ihm ein solcher Wildling begegnet, jetzt kam sie auf die Wiese, durch das hohe Gras galoppierte sie, ihr Haar flog mit der Mähne des Pferdes.

Er hörte sie rufen und sah, wie das Pferd plötzlich zurückschreckte und stieg, Greta aber flog in weitem Bogen über den Hals des Tieres hinaus und stürzte kopfüber in die Wiese.

Er fand sie reglos im Gras liegend, der Mund war halb geöffnet, die Augen geschlossen. Er richtete sie hoch und rüttelte sie, aber sie hing schlaff in seinen Armen, stoßweise ging ihr Atem, zwei glitzernde Tränen preßten sich noch zwischen den Lidern hervor.

Er rief ihren Namen, aber sie regte sich nicht. Er ließ sie nicht los aus seinen Armen, nein, er hielt sie fester und war fast glücklich, daß sie ihm gegen ihren Willen so nahe war. Langsam setzte er sich in die Wiese, legte ihren Kopf auf seinen Arm und betrachtete sie mit einem glücklichen Wohlgefallen. Sie war schön, alles an ihr war schön und voll Anmut; der geschwungene Mund war schön und die herrschsüchtige Nase, die Rundung der Stirn und der hügelige Schmelz der Wangen, die langen Wimpern über den geschlossenen Augen und die Kurve der Brauen. Alles war schön an ihr, auch das tolle Gewirr der blonden Haare, die jetzt nach hinten in das Blütenmeer der Gräser flossen, fast einem goldenen Gewässer ähnlich, das in einer launischen Kaskade erstarrt war.

›Ich könnte sie jetzt küssen‹, dachte er, ›sie wüßte nichts davon, ich könnte ein Stück Seligkeit von ihren Lippen trinken, ohne daß sie des Diebstahls gewahr würde.‹ Er näherte sein Gesicht dem ihren, dann zuckte er plötzlich zurück. Ich könnte ein paar Sekunden lang gemein sein und schimpflich, ich könnte eine Schändlichkeit begehen, ich könnte mich vor mir selbst erniedrigen, kein Hahn würde danach 316 krähen. Ich könnte stehlen, wo jemand wehrlos ist – – er richtete sich auf, beugte den Kopf nach hinten und fuhr sich mit der flachen Hand über die Stirn. Er mußte tief atmen und die Zähne zusammenbeißen, eine stille Klarheit kam über ihn.

Er wußte nun, was er schon gefürchtet, er begriff, was er gefühlt hatte, nämlich, daß er anfing, dieses Mädchen zu lieben, das ihm plötzlich begegnet war im bunten Strudel des Lebens, und das nun so gefährlich in die Nähe seines Herzens rückte.

Er war erschüttert, als sie plötzlich die Augen aufschlug und ihn anschaute, klar und ohne Wirrnis, mit einem Blick aber, der noch den Flor der Tränen trug.

»Mir ist nichts«, sprach sie ohne Verwunderung, »Sie brauchen sich nicht um mich zu bemühen.«

Sie erhob sich langsam und war tief bewegt, sie ging zu ihrem Pferd und lehnte die Stirn gegen den Hals des Tieres. Mit beiden Armen umschlang sie das Pferd, das zitternd stille stand und den Kopf nach ihr drehte.

»Sie werden es nicht begreifen, warum ich traurig bin, nein, Sie wissen das nicht, es ist nicht der Menschen wegen, die mir begegnet sind, in diesem Augenblick ist es nicht dieser Unglücklichen wegen.«

Sie schaute mit keinem Blick nach ihm, als sie weitersprach, es war, als redete sie zu dem Tier, dessen dampfende Wärme ihr wohltat. Pferde rochen gut, sie liebte den Geruch der sauberen Ställe.

»Nein, Sie können es nicht begreifen, was mich jetzt so sehr bewegt.«

»Greta, vielleicht können Sie es mir sagen.«

»Nein nein, es ist nichts. Meine Mutter hat mir einmal aus ihrem Leben erzählt, – – oh, es ist nichts, manchmal fürchte ich mich, die Gespenster stehen hinter uns, wir sehen sie nicht.«

»Greta, was ist mit Ihnen?«

Plötzlich kam sie auf ihn zu, blieb dicht vor ihm stehen und ihr Blick war voll heimlichen Argwohns.

»Sagen Sie mal, haben Sie sich irgend etwas vorzuwerfen? Ich meine, haben Sie vorhin etwas begangen, was Sie als anständiger Mensch jetzt schon bereuen müßten?«

»Nein, Greta.«

Sie schwieg, ihr Blick wurde strenger, die Nasenflügel bebten, durchdringend schaute sie ihn an, die Lippen waren fest aufeinandergepreßt.

317 Dann fragte sie hart und kurz: »Sie haben mich nicht geküßt, als ich wehrlos war?!«

»Nein, Greta.«

»Auf Ihre Offiziersehre?«

»Auf meine Offiziersehre!«

»Und warum haben Sie es nicht getan?«

»Darauf kann ich Ihnen jetzt keine Antwort geben.«

»Ich wünsche aber die Antwort!«

»Nun denn: man handelt heute nicht niedrig an jemand, den man vielleicht morgen schon liebt.«

»Ich verdiene das aber nicht. Hören Sie mich, ich verdiene es nicht, denn ich bin schlecht, jawohl, ich bin schlecht.«

»Davon werden Sie mich nicht überzeugen können.«

»Glauben Sie? Sie hielten mich doch für bewußtlos, für ohnmächtig, oder nicht?«

»Ja.«

»Setzen wir den Fall, ich sei es nicht gewesen, ich hätte mich nur verstellt?«

»Aus welchem Grund?«

»Um Sie in meine Hand zu bekommen. Wenn Sie sich, im Glauben, ich merkte davon nichts, an mir vergangen hätten, dann wäre Ihr Leben doch in meiner Hand gewesen, so gut nämlich glaube ich Sie zu kennen.«

»Ach so?!«

»Jawohl. Und dann hätten Sie tun müssen, was ich auch immer von Ihnen verlangt hätte. Das stimmt doch?«

»Es kommt darauf an, was Sie verlangt hätten.«

»Ehrlich gesagt, ich hatte die Absicht, Sie für unsere Sache zu gewinnen.«

»Für welche Sache.«

»Für die Sache der deutschen Freiheit.«

»In welcher Form?«

»Indem Sie unter die Revolutionäre gegangen wären.«

»Das ist Desertion, Greta.«

»Nichts anderes. Wenn Sie mich aber liebten?!«

»Die Ehre steht über der Liebe!«

Sie trat zurück und lächelte, aber ein Schauer lief durch ihren Körper. Stiegen denn die Toten aus ihren Gräbern, wehte es herüber aus dem Schattenreich?!

318 »Lassen wir das, es ist mir nur so eingefallen, Sie dürfen das sofort wieder vergessen. Alles was ich hier gesprochen habe, sollen Sie vergessen!«

»Das wird schwer sein.«

»Kommen Sie! Sehen Sie dort drüben den Baum?«

Sie ging durch die Wiese, er folgte ihr langsam nach, den Kopf gesenkt und nachdenklich geworden.

Eine Pappel, die Blätter flammend im Wind, stand mitten auf der Wiese. Sie war wie eine Fackel.

»Das ist die Russenpappel.«

Als er näher kam, sah er, daß hier eine Grabstätte war. Auf einem Stein stand zu lesen:

Hier ruhet der Leutnant von Litinow vom
russischen Kosakenregiment Sementschenko
† 4. Januar 1814.

»Dieser hier ist erschossen worden«, sprach Greta.

»Sie wissen, aus welchen Gründen?«

»Weil ihm die Ehre über der Liebe stand!«

Sie ging rasch zu ihrem Pferd zurück, wieder lehnte sie den Kopf gegen den Hals des Tieres, aber jetzt weinte sie wild und hemmungslos. –

– Abends, als die Familie Berghaus und der Leutnant von Stetten in der Trinkstube des Gutshauses zu einer kleinen Abschiedsfeier zusammenkamen, fehlte Greta. Man schaute in den Zimmern nach, aber sie war nicht zu finden. Der Pferdeknecht behauptete, er habe sie vor einer halben Stunde noch im Stall gesehen, sie sei bei dem Rappen gewesen und habe auf ihn eingeredet, was er, der Knecht aber nicht verstanden habe.

Bei dem Rappen sei sie gewesen, nicht bei ihrem Lieblingspferd, dem Fuchswallach?! Nein, beim Rappen, auf dem Herr Leutnant geritten sei.

Ewald Berghaus schenkte einen Forster Musenhang in die Gläser und meinte, man solle sich nicht stören lassen, Greta würde schon von selber kommen.

»Auf Ihr Wohl und Ihre Zukunft, Herr von Stetten, und darauf, daß wir Sie auch bald einmal als Husaren in Deidesheim sehen!«

319 Sie stießen an und tranken, Bastian Berghaus schmunzelte, auch seine Frau Juliane trug ein Lächeln um den Mund.

Ewalds Frau aber, Marianne Berghaus, eine stattliche, flinke und bewegliche Erscheinung, kraftvolle Mutter dreier Kinder, sah in Gretas Abwesenheit eine ihrer verrückten Launen.

Wie könne es auch anders sein, das Mädel sei verwöhnt und verzogen, sie habe weder Arbeit noch Sorgen, was Wunder, wenn sie sich auf die berühmten Launen verlege. Nach ihrer Meinung hätten nur die Faulen Launen, um es gerade herauszusagen. Sie selbst zum Beispiel, Frau Marianne, sie könne sich dies Vergnügen nicht leisten, sie habe drei Kinder, einen Hausstand, Vieh und Wingert und Ärger und Sorgen – – ha ha ha, ihr also würden die Launen von selber ausgetrieben.

Ein Abend mit Pfälzer Wein wird immer vergnügt, so war es auch hier. Nur wurde dieser Abend sogar historisch, denn Bastian Berghaus erzählte dem Regimentskameraden, an diesem Tisch habe der Russengeneral Karpow gesessen und nicht wenig getrunken, zuletzt sei das Gelage recht ungemütlich geworden, seine Frau, der Kosak Juliane, könne davon ein Liedlein zwitschern. Bastian kam ins Reden und erzählte die Geschichte vom Russengeneral und vom Kosakenoffizier von Litinow, den er bei Nacht und Nebel und Eisgang aus dem Rhein gezogen habe.

»Tulle, jetzt müßte Ihr Vater hier sein. Holen Sie zwei Flaschen – – warten Sie mal, richtig Kieselberg, den haben wir damals getrunken, als der Kosakengeneral hier zur Tür hereinkam; holen Sie zwei Flaschen 46er Kieselberg.«

Aber Greta kam nicht.

Der junge Leutnant wurde unruhig und glaubte, es wäre an der Zeit, daß man Fräulein Greta suchte, eine Besorgnis, die jedoch einstimmig verlacht wurde. Man war auf dem Berghaus'schen Gut an derlei Vorkommnisse gewöhnt, Greta gab einem manche Nuß zu knacken, in Gottes Namen, sie sollte sich die Hörner abrennen. Nicht ausgeschlossen, daß sie zu den Heidelöchern hinaus wäre oder daß sie beim Kirchberg in einem Wingerthäuschen säße und revolutionäre Pläne spänne.

Die Stimmung wurde sehr angeregt; als Bastian mit wenig Stimme aber viel Mut ein Soldatenlied aus dem Jahre dreizehn sang, verließ Frau Juliane die Stube.

Sie ging durch das ganze Haus, schaute in alle Zimmer, Greta war 320 nicht aufzufinden. Sie ging in den Hof, durch die Ställe und Scheunen; nichts von Greta. Sie stieg die Steintreppe in den Burggraben hinunter und streifte durch den Garten; überall Stille.

Frau Juliane schaute an den Häuserfronten hinauf, merkwürdig, ganz oben aus der alten Gerümpelkammer kam ein gelber Lichtschimmer. Sie ging durch die hintere Pforte ins Hauptgebäude, stieg leise nach oben und öffnete die Tür.

Eine Kerze brannte, in ihrem dünnen Flackerlicht stand Greta vor dem Spiegel und wandte langsam den Kopf.

»Greta!«

Sie trug die alte Kosakenuniform, hatte die Feldmütze auf dem Kopf und versuchte, den Reichtum der Haare unter den Mützenrand zu zwängen.

»Mutter, was würdest du sagen, wenn ich mir die Haare schneiden ließe?«

»Greta, was tust du denn?«

»Es fiel mir so ein, Mutter.«

Sie trug auch den russischen Talisman mit dem Georgskreuz um den Hals.

»Mutter, dürfte ich wohl diesen Schmuck tragen, ich bilde mir ein, er müßte mir Glück bringen?«

Frau Juliane, im Innern seltsam erschüttert und vom Geisterhaften dieser Stunde angeweht, griff nach dem Amulett, das aufglänzte unter dem Schein der Kerze. Sie hielt es in der flachen Hand und strich mit den Fingerspitzen darüber hin, als wollte sie etwas Totes durch Liebkosung erwecken.

»Ich will es dir schenken, Greta, aber hüte es wohl. Mit diesem Schmuck hat jemand sein Leben fortgegeben.«

»Ich weiß es, Mutter.«

»Du glaubst es zu wissen! Und jetzt schließe alles in die Truhe zurück und gehe zu Bett. Warte noch, ich will dich einmal anschauen. Genau so habe ich selbst – – manchmal ist es grauenhaft, zu leben, Greta; denke nicht darüber nach. Du mußt die Mütze ein wenig schief setzen. Jetzt siehst du aus wie ein Soldat.«

»Wie ein Soldat, Mutter?«

»Wir wohnen in einem Landstrich, Greta, wo uns der Soldat nie verläßt und nie verlassen darf. Wo und wann wir auch leben und wohin wir auch gehen in diesem Land, der Soldat ist immer bei uns. Geh zu Bett, Greta!« –

321 Am andern Morgen, als der Husarenoffizier sich verabschiedete, war Greta wieder verschwunden.

»Das gnädige Fräulein ist mit dem Rappen davon.«

»Mit dem Rappen?!«

»Ja, mit dem Rappen.«

Die Diligence fuhr ab, der Postillon knallte mit der Peitsche, der Husar winkte zum offenen Fenster heraus.

»So ein Satan!« stieß er zwischen den Zähnen hervor.

Greta kam erst am späten Nachmittag zurück. Sie brachte den Rappen in den Stall und traf ihren Vater im Garten. Wo der Leutnant von Stetten sei, fragte sie. Der Leutnant von Stetten habe abreisen müssen, am frühen Morgen schon. Warum er abgereist sei? Weil sein Urlaub zu Ende ginge. Urlaub, zu Ende? Ob sie so wenig sei, daß er keine Zeit gefunden habe, auf sie zu warten?! Über alles ginge die soldatische Pflicht, sagte der Vater und wandte sich unwillig ab. Es gäbe noch andere Pflichten, erwiderte sie. Als ihre Mutter sie suchte, fand sie Greta im Pferdestall, dort stand sie gegen den Rappen gelehnt und weinte.

»Du liebst ihn«, sprach ihre Mutter, sonst nichts. Greta antwortete nicht. Frau Juliane kannte ihre Tochter gut genug, um zu wissen, daß es das beste sei, sie allein zu lassen.

Greta ritt auf dem Rappen aus der Stadt, durch die Weinberge hinauf in den Wald. Sie kam spät nach Hause, zu Fuß, müde und abgespannt und traurig.

Als der Vater nach dem Pferd fragte, antwortete sie ruhig und gefaßt, sie sei mit dem Rappen gestürzt, er habe die linke Fessel der Hinterhand gebrochen.

»Das lügst du!« rief Berghaus in aufwachsendem Zorn, »wo ist der Rappe?«

»Ich habe ihn erschossen!«

Bastian Berghaus wandte sich ab, er ging langsam über die alte Steintreppe in den Garten.

Es war schon dunkel, die Rosen blühten.

Er hörte Schritte, Frau Juliane kam.

»Was ist mit Greta, Bastian?«

»Sie hat den Rappen erschossen.«

»Erschossen?!«

»Ja, und nur, weil der Husar auf ihm geritten ist.«

Schweigen.

322 Die Nacht war warm. Schwärmer segelten in rasendem Flug durch die Luft.

»Wie die Rosen duften.«

»Ja, Juliane.«

»Greta ist unbändig, du mußt Nachsicht haben, Bastian.«

 

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