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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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11

Der Fischer Mathias Ringeis aus Sandheim, nunmehr zweiundachtzig Jahre alt, saß draußen am Rhein und hielt die Angelrute ins Wasser. Er ging auf den Hecht, und zwar nach einer ganz neumodischen Art, die sie aus Amerika mit herübergebracht hatten. Kaum zu glauben, da brauchte man keinen Köderfisch mehr, nein nichts als ein Stückchen schraubenartig geformtes blitzendes Messing, das man mit Zigarrenasche blankputzen mußte, an ihm war die große Hechtangel befestigt.

290 Das war wieder einmal die neumodische Zeit, wie sie leibte und lebte, der alte Ringeis hatte großartig gelacht, als der zweite Mann seiner Tochter Barbara, der Aalfischer Kolb, ihm das sonderbare Ding aus Speyer mitgebracht hatte.

Ringeis schwatzte leise vor sich hin und schaute in die rauschenden Wipfel der Kanadierpappeln. Er schaute auch einmal zu Berg, wo der alte Aalschokker verankert am Ufer lag und matronenhaft behaglich im Wasser schaukelte mit seinen hochgezogenen Netzbäumen und dem braunen Aalnetz. Eine gute Zeit jetzt für die Treibaale, es war pendelndes Wasser und die Nächte kamen finster und mondlos. Der Lachs war längst zu Berg, aber die Zugaale gingen in wimmelnden Zügen auf die große Reise, nur Gott wußte es, wohin.

Einerlei, der Alte saß hier und angelte mit dem Messingköder, er hatte es keineswegs eilig, sein Leben floß langsamer dahin, als der Strom, dessen grünes Gewoge talwärts strebte.

Und seit der Herr Johann Gottfried Tulla, der hohe Chef des Wasserbaues, Gott habe ihn selig, den Rhein korrigiert und mit neuen Dämmen versehen hatte, seitdem hatte es der Strom noch eiliger auf seinem verkürzten Lauf. Ja, jetzt wogte er mit unbändiger Kraft vorüber im zitternden Spiel seiner Lichter und Sonnenblitze, jetzt gab es nichts mehr, das ihn zum Verweilen einlud, es seien denn die stillen Altwässer, in die er manchmal eintrat, um dort vom großen Staunen ergriffen zu werden, das allerorten lagerte und dem er nun nicht mehr entrinnen konnte.

Vielleicht auch kam es dem alten Fischer gar nicht darauf an, einen Hecht zu fangen, er saß am Ende nur hier, um sinnen und schweifen zu können. Denn alle Menschen am Strom hatten ein schweifendes Herz. Sie frachteten gerne ihre Gedanken auf die unsichtbar vorübertreibenden Schiffe ihrer Sehnsucht, auf diese goldenen Barken, die hoch besegelt vor allen Winden liefen bis in die märchenhafte Ferne.

Wo wären mehr Gedankenschiffe und Wunschbarken, als auf dem wandernden Strom, an dessen Ufern sitzend, man plötzlich selber wie durch Zauberhand verfrachtet und davongetragen wurde über alle Meere und in alle Wunder der Welt. Und wer gar zweiundachtzig Jahre am Strom gelebt hatte, wie der Fischer Ringeis, der war weit fortgewesen, dem hatte sich die Ferne wundersam erschlossen, der hatte ein Bündel Erinnerungen mitgebracht von seinen Zauberfahrten und Traumreisen.

291 Wer weiß es, vielleicht war der Fischer Ringeis auf großer Fahrt, was kümmerte ihn der Hecht, er hatte alle Segel gesetzt, trieb dahin mit dem grünen Gewässer, mit dem sagenhaften deutschen Strom, er trieb dahin und Ufer glitten vorüber, die hohen Pappeln schaukelten im Wind, Glanz brach aus den Silberweiden und der weiße Reiher strich über das Erlengehölz.

Mathias Ringeis saß im frischen Ostwind, er war ohne Mütze, die grauen Silberhaare wehten, es war hoher Mittag und die Sonne stand über den Bäumen des Auwaldes. Wenn Ringeis bergwärts schaute, wurde er geblendet vom feurigen Gestöber auf den Wassern.

Aus diesem Grunde auch ging sein Blick talwärts, und da sah er mit einem Male ein Schiff, das braun besegelt war und außerdem von einem Pferd, das auf dem Leinpfad ging, zu Berg gebracht wurde.

Heilige Dreifaltigkeit, das Schiff kam mit vollen Flicken heran, am Bug schlug schäumend die Strömung hoch, und das Schiff war beflaggt und bewimpelt, Henker noch einmal, das war doch der Badenser Fidelio, ein altes Gutschiff, das schon an die vierzig Jahre den Rhein beackerte, was wollte der Pfründnerkahn denn mit seinen Flaggen und Wimpeln?!

Mathias Ringeis kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Er legte die flache Hand vor die Stirn, Gott strafe ihn, was für ein sonderbarer Kerl stand auf dem Fidelio an der Ruderpinne, sowas hatte er seiner Lebtag nicht gesehen. Am Ende ein Freischärler, ein Heckerling, weil er einen so gewaltigen Hut auf dem Kopfe trug?

Jetzt kam der Fidelio näher, er fierte die Groß-Schot und hielt auf das linke Ufer zu. Keine Übertreibung, er nahm Kurs auf ihn, den Fischer Ringeis, schon hörte er das Schnauben und Stampfen des Pferdes.

Ahoi, rief jemand, ahoi!

Sie hatten Ziegel geladen, sie kamen von der Ziegelei bei Germersheim, ein Schiffer stand vorn am Bug, lehnte sich gegen den Klüver, hielt die hohlen Hände an den Mund und rief herüber, ob dort wohl der Fischer Ringeis stünde.

Der alte Ringeis nahm den neumodischen Köder aus dem Wasser, erhob sich und rief hinüber, daß er immer noch lebe und ob sie auf Hochzeitsfahrt seien mit ihrer festlich getakelten Bettlade.

»Fracht nach Sandheim!« brüllte der Schiffer, »Fracht aus Südamerika!«

292 Jetzt kam das Pferd heran, von einem jungen Treitler geführt, der Heckerling mit herausgedrückter Brust steuerte immer mehr dem Ufer zu, schon stampfte das Schiff querab, immer noch mit halbem Ostwind im braunen Lappen. Und jetzt rauschte das Gaffelsegel herunter, der Treitler machte fest, das Pferd wieherte und schüttelte sich im Geschirr, ein Schiffer warf eine Laufplanke und hielt mit einem Enterhaken die alte Bettlade landefest.

»Fracht aus Südamerika!« rief er noch einmal und spuckte in einem fröhlichen Bogen braunen Tabaksaft ins Wasser.

»Atencion, caracho puxa! Apoiado.«

Von Bord ging, die Bettlade verließ, ausgeschifft wurde ein Zirkuskunstreiter, nein, ein amerikanischer Plantagenbesitzer, ein Fahrer mit allen Winden. Wäre noch nötig, zu sagen, wie er hieß: Klaus Ringeis, Sohn des Adam Ringeis aus Sorocaba bei Sao Paulo.

Da kam er also über das schwankende Laufbord an Land, auf der Achsel trug er eine mächtige Kiste mit Schloß, eine richtige Schiffskiste, der man die Weltmeere schon von außen ansah.

Er setzte die Kiste mit gewaltigem Schwung auf den Damm und dann trat er vor den alten Fischer hin. Da stand er, mit den hohen Stiefeln und gelben Indianerhosen, mit dem karrierten Wildwesthemd, dem brasilianischen Silbertalerwams und dem märchenhaften Schlapphut.

Mit breitem Lachen, die gelben Zähne zeigend, stieß er gegen den Alten vor und hob die Arme.

»Großvater, da bin ich, como te vas?« sprach er und fiel dem über Achtzigjährigen, der vor Staunen keine Worte fand, um den Hals. Er wollte es lustig sagen und südamerikanisch aufgekratzt, aber es mißlang, er wurde weich und gerührt, es verschlug ihm die Stimme, die Augen schwammen im Wasser, caracho, wie ihn das jetzt übermannt hatte.

»Du – bist – –?!«

»Klaus Ringeis, Großvater, der Sohn vom Adam.«

Der alte Ringeis, ein wenig wankend, immer noch die Angelrute in der linken Hand, tastete mit der Rechten nach des andern Arm, um sich festzuhalten, er rang nach Worten, wie ein Schleier zog es an seinen Augen vorüber.

»Der Sohn meines Sohnes Adam«, sprach er und ein unbegreifliches Verwundern griff nach ihm.

293 Er nestelte an der Angelschnur herum, die Hände zitterten, die Lippen bebten, er konnte nicht mehr schlucken.

Und der Südamerikaner stand auch da und es fiel ihm bei Gott und der Welt nichts ein. Er drehte den Kopf und schaute nach der Schiffskiste, als fürchtete er, sie könnte ihm wie eine Schildkröte davonlaufen.

»Ein amerikanischer Hechtköder«, sprach der alte Ringeis endlich und zeigte dem Enkel das blinkende Messingstück, »mußt aber nicht meinen, daß ich damit angle, ho ho, zum Lachen.«

Dann weinte er, der alte zweiundachtzigjährige Fischer Mathias Ringeis, er weinte still und ohne großes Gehabe. Aus den alten Augen brachen die Tränen, er wischte sie mit dem faltigen Handrücken aus den Augenhöhlen.

»Wo kommst du denn her?«

»Mit dem Baumwollsegler Esperanza über den großen Tümpel nach Rotterdam. Und mit einem holländischen Baumwollfrachter den Rhein herauf nach Ludwigshafen.«

»Daß ich das noch erlebt habe«, sprach der Alte in sein Weinen hinein. Er hatte lange nicht mehr geweint, das letztemal, als seine Frau gestorben war.

Es war also eine große Stunde, diese Heimkehr des Brasilianers, und der Tag glänzte voll Bläue und Heiterkeit, der Auwald rauschte im östlichen Wind, der Rheinstrom trieb glitzernd vorüber und es sangen viele Vögel im Buschwerk und Gezweig.

Als die beiden sich umschauten, hatte die getakelte Bettlade längst wieder flottgemacht, da rauschte sie zu Berg, braun glänzte das geflickte Segel, das Pferd lag im Geschirr und die bunten Wimpel flatterten im Winde.

»Siehst du, ich bin jetzt bissel wackelig in den Beinen geworden, du wirst nichts dagegen haben, wenn wir uns eine Weile auf den Damm setzen. Du kannst mir dann erzählen, was für eine Bewandtnis es hat, daß du jetzt plötzlich wie der König aus dem Morgenlande daherkommst.«

Sie setzten sich auf den Rheindamm, Klaus meinte, der Großvater solle doch auf der Schiffskiste sitzen, aber nein, das tat der Alte nicht, Gott bewahre ihn davor, sich stracks auf eine Wunderkiste zu setzen mit seinem alten Hintern, nein, er könne ebensogut im Gras sitzen. Zu Hause sei jetzt niemand als Josepha, denn die Barbara sei im Zuckerrübenfeld und der Kolb mit Backfischen nach Germersheim.

294 Als der alte Ringeis das Staunen überwunden hatte und wieder gut bei Atem war, fing er an zu fragen, denn jetzt stürzte die Neugierde über ihn her wie ein Wasserfall. Er war wortkarg geworden in den langen Jahren, man durfte keine großen Reden von ihm erwarten. Er wollte es nicht begreifen, daß sein Sohn, der Adam, den Jüngsten über das Wasser geschickt hatte, damit er Umschau halte in der Heimat und sich nach den Angehörigen erkundige. Sie mußte doch stark sein, die Heimat, der Himmel vielleicht wußte, wie es kam, daß sie rufen konnte bis über das große Meer und bis hinüber nach Brasilien, wo sie Kaffee und Baumwolle pflanzten und großartigen Tabak, vielleicht obendrein noch Sachen, von denen man hier keine Ahnung hatte.

»Da habt ihr also drüben eine Farm, so wie es in den Indianerbüchern steht?«

»Ja, Großvater, das haben wir.«

»Und pflanzt Kaffee und Tabak und Zuckerrohr und Baumwolle?«

»Ja, Großvater, und an den Kautschuk wollen wir uns auch machen.«

»An den Kautschuk, was ist denn das?«

»Das ist Gummisaft, Großvater, mit dem wird jetzt ein großes Geschäft gemacht in der ganzen Welt.«

»So! Und was macht man denn mit dem Gummisaft?«

»Gummischuhe, Großvater.«

Der Alte riß die Augen auf und starrte den Brasilianer an.

»Ich glaube, du lügst. Dein Vater hat auch immer großartig schwindeln können. Gummischuhe hast du gesagt?«

»Jawohl, Gummischuhe. Und unser Paragummi ist der beste. Wir wollen mit Gummisuchern jetzt den Anfang machen, das sind Leute, die in den Urwäldern die Gummibäume anzapfen und den Saft sammeln.«

»Liebe Welt, was ihr alles macht. Jetzt sage mal, Klaus, du redest daher wie einer von uns, wo hast du denn das gelernt?«

»Wir reden nur deutsch drüben in der Kolonie. Wir sind allein ein paar hundert Pfälzer.«

»Herrgottsdonner, was du sagst! Und dem Adam, deinem Vater geht es gut, und der Mutter auch? Und allen Geschwistern?«

»Ja, Großvater, denen geht's wohl gut. Und euch?«

»Uns geht's auch gut, Klaus, der Herr helfe uns weiter. Die 295 Großmutter ist schon lange tot und die Barbara, du weißt ja, das war die Schwester deines Vaters, die Barbara hat später den Fischer Kolb geheiratet, sie wohnen hier im Fischerhaus, das Wirtshaus haben wir schon lange nicht mehr. Barbara ist jetzt auch schon achtundfünfzig und hat drei Kinder. Der eine ist Fischer in Leimersheim und der andere schafft bei der Ludwigsbahn. Und die Josepha ist zu Hause. Weißt du, das Mädel hat den Teufel im Leib.«

»Was du sagst, Großvater, ein Glück, daß es euch gut geht.«

»Ja ja, immerzu. Siehst du, dort liegt unser Aalschokker.«

»Da fangt ihr also Aale? Großartig, wirklich.«

»Du hast so merkwürdige Knöpfe, die glänzen ja haargenau wie Silber.«

»Das sind brasilianische Silbertaler.«

»Brasilianische Silbertaler?! Die nähst du dir als Knöpfe an? Sag' mal, da seid ihr am Ende reiche Leute?«

»Millionär, du darfst es mir glauben.«

»Jetzt lügst du schon wieder. Vielleicht seid ihr arm wie die Kirchenmäuse. Du darfst mir das ruhig sagen. Kommt nur alle wieder rüber, es wird sich schon ein Auskommen finden.«

»Wir sind nicht arm, Großvater, wir waren es. Der Vater und die Mutter, die haben viel arbeiten müssen. An Arbeit ist kein Mangel, schau meine Hände an.«

»Glaub' ich gerne; aber das mit dem Millionär, das hast du gelogen. Und die Gummischuhe gibt's auf dem Mond.«

»Ich will nicht mehr drüber reden, sieh dir mal den Schlüssel hier an.«

Er zog einen kleinen Schlüssel aus der Tasche und gab ihn dem alten Ringeis.

»Was soll ich denn damit anfangen?«

»Die Schiffskiste aufschließen.«

»Ich?! Du willst mich wohl erschrecken. Sind Schlangen drin?«

»Schließ' mal auf, Großvater.«

»Gott soll mich bewahren!«

Klaus lachte breit, er freute sich gewaltig, daß der Großvater Angst vor seiner Schiffskiste hatte. Er griff mit dem Arm aus, packte die Kiste am Henkel und rückte sie herbei.

Er öffnete das Schloß, zog den Bügel hoch und klappte mit einem Ruck den Deckel auf.

Wunder über Wunder, was er jetzt auspackte; Wunder über 296 Wunder, was alles zum Vorschein kam neben Kleidern und Schuhen und ausländischen Hemden.

Was denn, um nur das Großartigste zu nennen?

Eine Schlangenhaut und ein getrockneter Kugelfisch, ein Segelschiff in der Flasche und eine Riesenmuschel, ein Baumwollzweig, schon ganz verdorrt, aber in der Hülse hing noch die Baumwolle wie ein weißes Wölkchen. Paranüsse und Kaffeebohnen, lange Pfeifen, schwarzbraune Zigarren und Tabakrollen, seidene Halstücher und Krokodilzähne. Ja, der Großvater dürfe getrost staunen, hier solle er mal herschauen, eine kleine Spieldose, plim plam plem plim machte die Spieldose, wenn man an der Kurbel drehte. Ein brasilianisches Volkslied spiele sie, ob er es denn höre, der Großvater, plim plam plem plim plam, ha ha ha.

Und jetzt, alle Kleinigkeiten müsse er sich zu Hause in Ruhe anschauen, jetzt käme erst die dicke Sache. Klaus wickelte etwas aus Papier, vorerst verbarg er es noch, und nun mit einem Male – da, Großvater!

Gummischuhe!

Der alte Ringeis hielt die schwarzen Dinger in den zitternden Händen und wußte nicht, was er damit anfangen sollte.

»Was sagst du, das sind also wirklich Gummischuhe?!«

»Das sind Gummischuhe!«

»Was macht man denn damit?«

»Anziehen sollst du sie, wenn es regnet und naß ist. Über deine Lederschuhe mußt du die Gummischuhe stülpen, dann kannst du in den Pfützen nur so herumplanschen und die Füße bleiben trocken.«

»Herr, du meine Güte, das ist ja, als ob du der Zauberer Aphrasterus wärst.«

Zauberer habe der Großvater gesagt, habe er nicht gerade Zauberer gesagt? Klaus setzte sich in Positur und zog die weiße Kugel hervor. Genau herschauen, eine weiße Kugel, sonst nichts. Er stecke die Kugel jetzt, aufgepaßt, ins rechte Ohr, kalla badda, und hier käme sie aus dem linken Ohr heraus. Jetzt ins linke Ohr zurück, surri burri, da käme sie wieder aus dem rechten Ohr heraus. Noch nicht fertig, er riß den Hut herunter, legte die Kugel auf den Kopf und – – aus dem Mund rollte sie heraus, haha ha haa, nur ganz nebenbei, Großvater, ha haaa. Für Josepha und Barbara habe er je ein seidenes Kopftuch und ein echtes Elefantenhaar und für den Onkel Kolb gäbe es Pfeife, Tabak und eine silberne Uhr.

297 »Eine silberne Uhr?!«

Er lüge nicht, eine silberne Uhr, hier sei sie, der Großvater solle sie mal aus dem Papierchen wickeln. Fischer Ringeis wickelte das Papier aus, zu dumm, daß er so zitterte, ja das Alter und die Bettelsmannskränk. Es kam wirklich eine Taschenuhr zum Vorschein, die an einer Kette hing. Der Alte staunte sie an, er drehte sie in den Händen, er wurde unschlüssig und mißtrauisch.

»Aber die ist ja aus Gold, oder ich will strumpfsockig laufen.«

»Aus Gold?! Zeig' mal her, madre de dios, jetzt habe ich dir ja die falsche gegeben. Natürlich, die ist aus reinem Gold.«

»Das ist gewiß deine eigene Uhr, deine Sonntagsuhr?«

Bewahre, er habe seine eigene Uhr hier in der Tasche, das sei nicht seine eigene Uhr.

Ja, wem sie denn gehöre, die goldene Uhr?

»Dir, Großvater, wem sonst, samt der goldenen Kette!«

»Babberlababb, jetzt lügst du zum drittenmal.«

Klaus Ringeis log nicht, ein Mann mit einer Wunderkiste hatte nicht nötig zu lügen. Er nahm einen kleinen Schlüssel, öffnete den hinteren Uhrendeckel und zog die Uhr auf. Tickitickiticki machte die Uhr, wenn man sie ans Ohr hielt.

Er schob die Uhr in Großvaters Joppentasche, die goldene Kette zog er durch ein Knopfloch, und so war nun auch das Wunder mit der goldenen Uhr vorbei.

Klaus machte sich daran, alle brasilianischen Herrlichkeiten wieder in die Kiste zurückzustopfen, wie von ungefähr schaute er sich um und sah ein Mädchen zwischen den Silberweiden stehen. Das Mädchen, schwarzhaarig und dunkeläugig, verharrte dort unbeweglich, den Kopf lauernd vorgeschoben, fast wie ein Tier. Über das Gesicht zuckten die Schatten der Blätter.

Klaus Ringeis sprang auf, denn er glaubte, dies müßte Josepha sein, der Wildling, von dem der Großvater gesprochen hatte.

»Josepha«, rief der Alte, »komm her, der König aus dem Morgenland ist da.«

Josepha, vorsichtig näherkommend, staunte den fremden Mann in seiner ausländischen Kleidung an, sie fuhr mit den flachen Händen über ihr Kleid, eine Strähne des schwarzen Haares fiel in die Stirn.

»Das ist Klaus, der Sohn vom Onkel Adam in Südamerika.«

»Ja, das bin ich, und du bist also Josepha. Könntest von drüben stammen, so schwarz bist du und glutäugig.«

298 Sie griff zögernd nach der ausgestreckten Hand, ihr Blick war groß und glanzvoll auf ihn gerichtet, sie preßte die Lippen zusammen, keine Regung des Gesichtes verriet ihre Gedanken.

»Die Eltern sind zu Hause«, sprach sie und schaute auf das Wasser hinaus.

»Du freust dich wohl gar nicht, daß ich da bin? Großvater, soll ich ihr mal die Hexerei mit der Kugel vormachen?«

Nein, jetzt wollten sie hinübergehen ins Fischerhaus, Josepha solle doch rasch den Vater rufen, damit er helfe, die schwere Wunderkiste tragen.

Nichts da, Klaus verschloß die Kiste, wuchtete sie mit Schwung auf die Achsel und dann gingen sie zusammen den schmalen Pfad entlang, der durch das Gestrüpp des Auwaldes führte. Über dem zweiten Damm stand das alte Fischerhaus, es hatte Glück gehabt bei der Rheinkorrektion und war stehengeblieben.

Da kamen ihnen auch schon der Aalfischer Kolb, eine derbe, bärtige Stromgestalt, und seine Frau Barbara entgegen, beide hatten vollauf damit zu tun, ihrer Verwunderung Herr zu werden. War es denn möglich, daß ein Ringeis in die Heimat kam, daß er über das unendliche Meer segelte, zwölf Wochen lang oder gar noch länger, und daß er nun hier stand, nicht anders als ein Zirkusschnorrant und wahrhaftig ein echtes, unverfälschtes Ringeisgesicht hatte! Ach du Neunundneunzigkränk, und so etwas geschah am hellen Werktag, kam plötzlich daher wie ein Gewitterbutzen und brachte auch noch eine Kiste mit.

»Gummischuhe!« frohlockte der alte Ringeis, »habt ihr schon mal etwas von Gummischuhen gehört? In der Kiste sind Gummischuhe, damit ihr es wißt.«

Während sie zusammen ins Haus drängten, verriet der Alte alle Geheimnisse der Kiste, er konnte den Mund nicht halten, die silberne Uhr plauderte er aus und den Kugelfisch, die Spieldose und das Baumwollwölkchen.

Es war wie an Weihnachten.

 

12

Im Fischerhaus gab es eine Bescherung, die nur so glänzte. Verflucht, der Brasilianer war nicht mit leeren Händen gekommen, der hatte sich die Heimkehr etwas kosten lassen. Kolb bekam seine silberne Uhr, seinen Tabak und seine Pfeife, Barbara bekam ihre 299 seidenen Tücher und einen Elefantenhaarschmuck und Josepha – – wo war denn Josepha, kein Mensch hatte gesehen, wie sie aus der Stube gegangen war?!

Kolb öffnete das Fenster und rief nach ihr.

Plötzlich stand sie im Zimmer, fast lautlos wie eine Katze war sie gekommen, ein sonderbares Menschenkind.

Klaus kam auf sie zu und hing ihr ein blutrotes Seidentuch über die Schultern, das Tuch war mit Orchideen und Kolibris bestickt. Ob sie schon einmal einen Kolibri gesehen habe, übrigens befinde sich ein Exemplar in der Kiste, ob sie es glaubten oder nicht, so ein Vögelchen wiege nicht mal so viel wie eine leere Haselnuß.

Er gab ihr auch noch ein Elefantenhaar, sie solle das immer tragen als Talisman, es bringe Glück und vertreibe alle Gebresten, auch habe der Tod nicht Macht über einen, der das Elefantenhaar trüge.

Er befestigte den wunderlichen Schmuck an ihrem Hals, dabei schaute er sie an, fast erschrak er vor dem tiefen Blick und vor dem Rätselhaften, das ihn stumm anstarrte.

»Wie still sie ist, eure Josepha«, sprach er und war nun selbst beinahe bedrückt und innerlich bewegt.

Es gab aber einen frohen Nachmittag und einen frohen Abend, sie saßen beisammen in der niederen Fischerstube und erzählten vom Glück und Leid ihres Lebens. Und da hatten sie nicht wenig zu plaudern, ein Leben war lang und es ging durch bunte Bezirke, durch Schattenland und Lichtland.

Vor dreiundvierzig Jahren war der Adam nach Brasilien ausgewandert, weil es ihn nicht mehr gehalten hatte in der Not der Heimat und weil ihm das Fernweh im Blut kreiste bis an sein Ende, wie es in vielen kreiste, die am Strom wohnten und die es hinaustrieb in die Länder der Erde, Gott stehe ihnen allen bei.

Es sei keine Einigkeit möglich unter den Menschen, meinte der alte Ringeis, daß sie sich immer anfeinden müßten und daß einer dem andern gar zu gerne das Ungemach unters Dach wünsche.

Jetzt müßten sie also in der Pfalz wieder eine Revolution machen, weil man ihnen die Freiheit nicht gönnte, weil die Fürsten wieder aufmuckten und die ewige Zwietracht nicht sterben könnte.

Der Fischer Kolb saß mit finsterem Gesicht da, als der Alte von der Revolution sprach. Barbara meinte, es wäre gut, wenn ihr Mann die Hände aus dem Spiel ließe, sie hätten wahrhaftig genug erduldet in ihrem Leben, sie habe nur nötig zurückzudenken an die 300 Departementszeit, an den großen Krieg und an die russischen Kosakenregimenter. Kolb ballte die Faust auf dem Tisch.

»Wenn es aber draufankommt, dann müssen wir unsern Mann stellen, Barbara. Wo es an die Freiheit geht, dort geht es ans Leben. Brasilianer, was sagst du?«

»Ich steh' bei dir.«

»Das ist ein Wort. Man muß nur wissen, warum man sich für eine Sache einsetzt. Sie muß es wert sein, die Sache, und ich denke, die Freiheit hat schon immer hoch im Wert gestanden.«

Der alte Ringeis nickte eifrig mit dem Kopf, seine knochige Hand war unruhig bewegt, er schaute auf Barbara, die still dasaß und deren Augen von einer verborgenen Furcht überschattet waren. Das schwarze Haar trug viele graue Strähnen, die Augen lagen tief, sie glänzten wie aus dämmerigen Höhlen heraus.

»Ich weiß nicht, ob ich es noch tragen könnte, auch den zweiten Mann zu verlieren.«

»Darum sollst du dich jetzt nicht sorgen.«

Der alte Ringeis fuhr mit den flachen Händen über die Tischplatte.

»Redet jetzt von andern Dingen und macht dem Brasilianer das Herz nicht schwer.«

Da lachte der Brasilianer, die Zähne kamen zum Vorschein, er hatte keine Lust mehr, seine Geheimnisse länger zu verbergen, und so erzählte er, daß er nicht etwa geradewegs aus Rotterdam komme, ohoo, das sei ein bedeutender Irrtum, er sei schon einige Zeit in der Pfalz, in Kaiserslautern habe er vor drei Tagen die Versammlung mitgemacht und seine freiheitlichen Ideen nicht schlecht vertreten. Dort habe er einen Oberst Blenker kennengelernt, jawohl, den berühmten Blenker, man werde demnächst von ihm hören. Er formiere seine hessische und nordpfälzische Division und, um es rund herauszusagen, ein gewisser Klaus Ringeis, bewaffnet mit silberbeschlagenen Pistolen, habe nicht übel Lust eine Leutnantsstelle zu übernehmen, wenn nicht ein noch höheres Kommando.

»Jetzt staunt ihr aber, madre de dios. Und wißt ihr, wen ich auch in Kaiserslautern kennengelernt habe? Den Herrn Bastian Berghaus, von dem wir uns in Südamerika erzählen!«

Als der alte Ringeis den Namen hörte, war es, als wüchse er aus sich selber heraus. Seine Gestalt, sonst gebückt und müde, hob sich, die wässerigen, rot geränderten Augen weiteten sich, er fing an, mit den zehn Knochenfingern auf dem Tisch zu trommeln. Laut trommelte er 301 und in scharfem Rhythmus; einen kriegerischen Marsch ließ er los, es war wundersam, wie der Alte sich verwandelte, als er den Namen Berghaus hörte.

»Du hast Bastian Berghaus kennengelernt?«

»Ja, und seine Tochter Greta, nicht nur schön, auch noch revolutionär.«

Der Alte trommelte immer rascher und immer lauter, es schien fast, als wollte er ein rechtes Kriegsgetümmel heraufbeschwören mit seinem Reitermarsch.

Und Josepha? Sie saß am Fenster, immer noch das rote Seidentuch über die Schultern geworfen. Jetzt aber, als ob das Gespräch endlich ihre Teilnahme geweckt hätte, kam sie an den breiten Tisch, schob beide Arme vor und stützte den Kopf in die hohlen Hände. Das Tuch floß wie ein roter Strom über den Tisch, sie sprach nichts, sie schaute nur immerfort den Heimkehrer an und nagte dabei an der Unterlippe.

Der Alte hob den Arm und zeigte nach der Decke.

»Dort oben im Zimmer hat er gelegen, der Bastian Berghaus, keine fünf Minuten von hier entfernt ist er mit seinem Kameraden, dem russischen Offizier von Litinow beim Eisgang über den Rhein, es hat zwei Tote gegeben, Barbara kann dir davon erzählen. In der Nacht sind einige Kosakenregimenter über den Rhein, der Kosakengeneral Karpow ist in dieser Stube gewesen. Soll's wieder so kommen im deutschen Land, daß einer den andern verraten darf; daß die Leisetreter ein Ansehen haben, die Denunzianten und Sonderbündler? Muß man sich wieder das Maul verbinden, weil man nicht weiß, ob der Nachbar ein Spitzel ist? Besser, wir lebten nicht mehr, als daß wir leben in Unfreiheit und Schande und unter der Faust einzelner Fürsten.«

Der Fischer Kolb hieb auf den Tisch.

»Genug jetzt, macht das Blut nicht hitzig. Es wird dunkel, wir müssen auf den Schokker. Klaus, wenn es dir paßt, kannst du die Nacht mit mir draußen auf dem Strom liegen. Josepha, dann brauche ich dich nicht, du kannst schlafen gehen.«

Josepha erhob sich schweigend, sie schob die Schultern hoch, als ob sie fröstelte, an der Tür wandte sie sich noch einmal um und schaute nach dem Brasilianer, dann verließ sie das Zimmer, nichts als eine unruhige Kreatur auf der Suche. –

Als sie auf das Schiff kamen, war es schon dunkel, im Westen über den Erlen und Pappeln versank ein glimmender Rest von Licht. Der 302 Rhein schien lebendig geworden, in der Stille der Nacht erst wurden seine Stimmen laut, mit einem feierlichen Rauschen flutete er an dem Aalfängerschiff vorüber, das die beiden, an der Ankerwinde stehend, jetzt in die Mitte des Stromes führten.

Als sie draußen vor Anker lagen, sank die Nacht mit einer gespenstischen Schwärze über sie, es zitterte nur ein kleines Licht am Mast und das war wie ein frommes Auge, voll Trost und voll Zuversicht.

Sie brachten die Netzbalken ins Wasser, jetzt wurde das Rauschen stärker, denn die Strömung fuhr schäumend gegen den Balken, es stieg feucht aus der Tiefe, ein gurgelndes Sausen und Brausen erfüllte die Luft.

Das Schiff zerrte am Anker, im Auf- und Niederschwanken bewegte sich sinnend das Lichtauge.

Irgendwo auf einem Baum, hochgerüttelt aus der Melancholie des Schlafes, schrie ein Rabe in das ewige Rätsel der Welt.

Als das Netz ausgebracht war, saßen der Fischer Kolb und Klaus Ringeis noch eine Weile auf der Back. Sie redeten nichts, denn es hätte kein Ende genommen, es war zuviel, was einem auf dem Herzen lag, nichts war in solchen Augenblicken beredter als das Schweigen.

Um zehn Uhr schlug Kolb vor, sie möchten die Wache verteilen, um ein Uhr wollten sie zum erstenmal nach dem Netz schauen. Klaus übernahm die erste Wache, der Fischer ging über die enge Treppe nach unten und warf sich auf die Matratze.

Klaus war allein, aber die Nacht mit dem wandernden Strom, mit den Schattenumrissen der Bäume und mit dem unaufhörlich gurgelnden Geplauder des vorbeiziehenden Wassers schien ihm lebendig und voll träumerischer Geschäftigkeit. Das war nun wieder die Reise, die kein Ende nahm; alle Dinge waren auf der Reise, es gab keinen Ankerplatz auf dieser Welt, wohin würde man noch getrieben werden!

Als er aufschaute, sah er, daß die Sterne gekommen waren, seltsam, zuerst hatte er keine Sterne gesehen und nun waren sie plötzlich da mit ihrem friedlichen Glitzern. Manchmal polterte es, dumpf und vergraben, das war, wenn Treibholz gegen die Schiffswand stieß. Manchmal auch schrie die Kette und dann wieder war ihm, als hörte er behutsame Ruderschläge. Horch nur, es klang wie Ruderschläge!

Nachtstimmen. Gespensterstimmen. Finsternis war wild bevölkert.

›Der Rhein‹, dachte Klaus Ringeis, ›der Strom aller Deutschen und das Gewässer ihres Schicksals.‹ Er hatte ihn nie gesehen, sie hatten ihm oft erzählt von seinen Ufern und von seinem grünen Gewoge. 303 O Wandlung und Schattenspiel, da saß er nun auf einem Schiff mitten im Rhein und trieb dahin mit allen Welten und Gestirnen.

Er lehnte sich gegen den Mast und schloß eine Weile die Augen, nicht weil er müde war, nein, nur um das unendliche Kreisen zu fühlen, in das er einbezogen war, um ganz teil zu haben am großen Wirbeltanz und an der Flucht des Erdballs, der mit Milliarden Schicksalen beladen, auf seiner verwegenen Fahrt war in den schwarzen Schacht der Ewigkeit.

Als er die Augen öffnete, sah er im blinkenden Schein des Lichtauges, daß er nicht allein war. Eine Gestalt kauerte an seiner Seite. Merkwürdig, er konnte sie mit den Augen nicht erkennen, aber der Geruch verriet ihm, daß es Josepha war. Etwas wie blühender Odem voll mühsam gebändigter Leidenschaft traf ihn, sie war wie in einer Wolke von Jugend und sinnlicher Begierde.

»Josepha.«

»Still, daß der Vater nicht aufwacht.«

»Warum kommst du in der Nacht aufs Schiff, Josepha?«

»Das mußt du nicht fragen.«

Sie rückte nahe an seine Seite, er fühlte die verrückte Wärme ihres Körpers, sie lehnte den Kopf gegen seinen Arm, aus dem schwarzen Haar strömte der Hauch ihrer Wünsche. Sie blieb eine Weile still, aber ihr Atem ging rasch, fast glaubte er den unruhigen Schlag ihres Herzens zu hören.

»Ich habe auf dich gewartet, ich kann es dir nicht sagen, warum. Gewartet habe ich und immer gewartet.«

Sie preßte den Kopf fester gegen seinen Arm, ein leises Stöhnen brach aus ihr hervor, sie war ganz wie ein ungezügeltes Tier. Er schaute auf sie nieder und sah undeutlich, daß ihr Mund halb geöffnet war und daß er glänzte von Feuchte.

»Immer habe ich gewartet, nachts habe ich oft auf dem Damm gesessen und das Wasser ist an mir vorbei, immer weiter und hat kein Ende genommen, immer Wasser und Wasser, ist so weit fort und ich habe immer warten müssen.«

»Josepha!«

Sie kroch näher heran, ihr Kopf schob sich an seinem Arm hoch gegen die Brust, schon fühlte er die Wirrnis ihrer Haare und jetzt bog sie den Kopf weit zurück, ihr Gesicht starrte in den Himmel, sie sah das Funkeln der Sterne, das Haar fiel nach hinten, die Augen waren groß geöffnet, das schimmernde Weiß ihrer Zähne glänzte ihm entgegen.

304 Das Rauschen des Stromes versank, als er die Arme um sie schloß und in die Glut ihres Mundes hinübertauchte.

»Halte still, warte, ich muß dir noch etwas sagen, hörst du? Wenn du wieder übers große Wasser gehst, dann mußt du mich mitnehmen. Hörst du mich?«

»Ja, Josepha.«

»Über das große Wasser, weit fort und immer weiter. Das hält mich nicht mehr zu Haus, das macht mich ganz verrückt, das ruft mich nachts, Klaus, hörst du mich?«

»Ja, Josepha.«

»Du nimmst mich mit?«

»Ja, Josepha.«

»Schwörst du mir das, du sollst es schwören, Klaus!«

»Ich schwöre es, Josepha!«

»Ach du – – ach du!!«

Am Mast glitt er langsam nieder mit ihr. Aus der Nacht kam es wie Flamme und Flügelschlag. –

»Josepha!«

Horch, ein Rabe schrie, ein treibendes Holz stieß gegen das Schiff, und manchmal trieb das Singen der Uferwiese zu ihnen herüber.

Nachts sang die Wiese, es war ein ferner Gesang, und Gott schwebte über den Gräsern. –

»Josepha!«

Sie war fort, plötzlich war sie verschwunden, einer Schlange gleich oder einem schleichenden Nachtgetier.

Ruderschläge, bedrohlich klar, dann verhallend.

Klaus Ringeis richtete sich auf. War ein Wunder geschehen? Er hörte ein Trampeln im Bauch des Schiffes. Der Fischer Kolb kam mit der Windlampe.

War es denn möglich, konnte die Zeit so vorüberstürzen?!

»Es ist ein Uhr«, sprach der Fischer, »wir müssen nach dem Netz schauen.«

»Ein unheimlicher Strom, der Rhein«, sprach Klaus Ringeis leise.

»Er hat viel erlebt«, antwortete der Fischer.

»Das muß wohl sein.«

»Einmal sind acht tote Kaiser lebendig geworden, nicht weit von hier hat sie ein Fährmann über den Strom gebracht. Sein Fährlohn waren acht Goldstücke, und auf jedem Goldstück war das Bildnis eines Kaisers.«

305 »Das will ich glauben«, antwortete der Brasilianer, »Barbariade, ihr könnt mit Wunderdingen aufwarten. Aber was hättet ihr wohl gesagt, wenn ich euch einen Elefanten mitgebracht hätte?!«

 

13

Der junge Ewald Berghaus, der die Verwaltung des väterlichen Gutes übernommen, der eine schaffige Frau und drei Kinder hatte, meinte in seiner ironischen Art, die Pfälzer Äcker und Wingert hätten doch jetzt gar keine Zeit für eine Puppenstubenrevolution. Die Bauern müßten ihre Äcker bestellen, in den Wingert draußen hätten sie alle Hände voll zu tun, damit der Revolutionswein gedeihe und überhaupt sei das überall trächtige und fruchtbare Land dem Verteidigungsausschuß böse gesinnt, weil er ausgerechnet jetzt die jungen Leute und die Bürgerwehr, die wohl anständig Kegel schieben, auch ein wenig exerzieren, knallen und puffen, desgleichen viel befehlen und wenig gehorchen könne, mit einem Male in eine durchaus kriegerisch gesinnte und auf Blutvergießen erpichte Volkswehr umbilden wolle.

Die Bürgerwehr sei eine Angelegenheit gemütvoller Geselligkeit und ehelicher Hausschlüsselpolitik, wie es der Gesangverein auch sei, nie und nimmer aber solle man von ihr verlangen, kalten Blutes auf andere Menschen zu schießen. Nun, Ewald Berghaus war ein Spötter, man sagt, er hätte das von seinem Großvater geerbt. Er stand auf dem Gutshof in Deidesheim und unterhielt sich mit seinem Kellermeister Tulle, dem Sohn vom alten Tulle, der noch dem Russengeneral Karpow das Glas mit Forster Kirchenstück gefüllt hatte und der mit vierundachtzig Jahren zu seinen Weinen heimgegangen war. Man hatte ihn eines Tages im großen Keller gefunden, hingelehnt gegen ein Faß mit Deidesheimer-Kieselberg Beerenauslese, sanft lächelnd und zu den Geistern des Rebenblutes hinübergeschlummert.

Er war ein braver Kellermeister gewesen und hatte eine wackere Frau gehabt. Da sie selbst nur einen Sohn besaßen, hatten sie das welsche Kind der Magdalena Seffrin vom Rhein drüben großgezogen, die bei der Geburt des Kindes gestorben war. Martha war ein recht merkwürdiges Menschenkind geworden und hatte später den Sägemüller Veit Huß geheiratet. Zur gleichen Zeit hatte Frau Juliane Berghaus den Försterbuben Andreas Aust zu sich genommen und wie ihr eigenes Kind aufgezogen. Viele Jahre waren seitdem vergangen, 306 Andreas war Förster in der Haingeraide, die Welt hatte ein anderes Gesicht.

Mit der Freiheit sei das schon recht, sagte Tulle, die könnten alle Deutschen gut gebrauchen, dieser Herr Fenner von Fenneberg aber, der bei der Wiener Oktoberrevolution eine mehr als fragwürdige Rolle gespielt habe und jetzt Oberkommandierender der pfälzischen Revolutionsarmee sei, der mache nicht den Eindruck, als ob er mit der Feldherrnkunst auf du und du stehe, nein, der könne wohl Champagner trinken, irgendeinen hergelaufenen Schnapphahn über Nacht zum Offizier ernennen, sonst aber traue er ihm kaum zu, daß er der Pfalz die Freiheit bringe.

Berghaus wühlte mit den Händen in den Hosentaschen, er spreizte die Beine und drückte den Bauch vor, er war in bester Laune.

»Der Pfälzer will immer alles im Handumdrehen machen, es fehlt der Ernst, es fehlen auch die Männer. Halbe Köpfe, selbst mit der anständigsten Gesinnung, können keine Revolution machen. Da haben sich doch diese politischen Schwärmer eingebildet, der Schweizer General Dufour wisse kein besseres Gesellschaftsspiel, als in der Pfalz Freischaren anzuführen, um sich vielleicht zuletzt vor den Preußen zu blamieren. Und was macht denn der Landesverteidigungsausschuß? Er stellt sich unter den Schutz der Legalität, er hat nicht mal den Mut, etwas umzuwerfen, nein, er läßt sich von der Frankfurter Zentralgewalt den demokratisch duftenden Reichskommissär Eisenstuck vor die Nase setzen. Der hat jetzt, wie ich gehört habe, den Ausschuß sanktioniert. Im übrigen suchen die Leute Waffen und Geld, sie wollen aus den Kirchenglocken Kanonen gießen und fangen jetzt schon an, die Pfälzer ›Millionäre‹ anzupumpen. Auch die Bauern sollen zahlen, aber da werden die Herrn ihre Überraschungen erleben. Ha ha, Tulle, ich muß hinaus in den Herrgottsacker, wir sind dort beim Ausbrechen, Sie wissen, daß wir bis morgen das Halbstück Leinhöhle auf der Flasche haben müssen. Aha, Herr Leutnant von Stetten!«

Die Tür des Wohnhauses hatte sich geöffnet, Greta kam heraus und hinter ihr der preußische Husarenleutnant Werner von Stetten, der als Regimentskamerad des alten Berghaus seit einigen Tagen Gast des Hauses war.

Sie schüttelten sich die Hände. Ewald Berghaus stieß mit der Zunge gegen die Backen.

»Leider ist heute mein letzter Tag«, sprach von Stetten, »mein Urlaub ist zu Ende, ich muß zum Regiment zurück.«

307 Berghaus lachte behaglich und bedauerte, daß der Besuch so kurz gewesen sei, er sehe aber an beider Kleidung, daß sie noch einen Ritt vorhätten.

Greta, in Reithosen, mit einer blauen Mütze, verzog spöttisch den Mund.

»Herr von Stetten läßt sich nicht bewegen, zu bleiben, ich mache anscheinend keinen großen Eindruck auf ihn.«

»Na ja, wenn sein Urlaub zu Ende ist, Greta.«

Sie drehte sich auf dem Absatz herum und schlug mit der Reitpeitsche gegen ihre Stiefel.

»Es gäbe vielleicht andere Möglichkeiten.«

»Und welche, mein gnädigstes Fräulein?«

»Das müssen Sie selbst wissen. Es kommt schließlich nur auf den guten Willen an.«

»Ich verstehe Sie wirklich nicht.«

»Auch gut. Ich glaube, ich bin Ihnen zu politisch eingestellt, Sie sähen lieber, wenn ich Sofadeckchen häkelte.«

Sie zog die Unterlippe herab und ging über den Hof hinüber in den Stall.

»Sie hat da etwas vom Vater, Herr von Stetten. Sie dürfen ihr das nicht verübeln. Es steckt eine Weinflasche voll Soldatenblut in ihr.«

»Die freiheitlichen Bestrebungen in der Pfalz haben ihr ein wenig den Kopf verwirrt, Herr Berghaus. Vielleicht lachen Sie, aber ich meine, Sie sollten ein wachsames Auge auf sie haben.«

»Nichts als Schwärmerei, sie ist nicht die Einzige. Wir haben wieder mal unsern privaten Hexenspuk in der Pfalz.«

»Ich fürchte aber, die Sache nimmt ernstere Formen an, es haben sich schon große Freischarkorps und Soldatenlegionen gebildet.«

»Gut, aber weder Geld noch Waffen, weder Kleidung noch Offiziere. Ein Teil Phantasten, ein Teil Maulhelden, ein Teil Spitzbuben.«

»Es laufen eine Unmenge von Deserteuren in der Gegend herum, Soldaten aus Landau und Germersheim und Speyer, unter ihnen sollen leider auch Offiziere sein. Ich hörte, daß man sie zur Truppenausbildung angeworben hat. Keine falsche Vorstellung, Herr Berghaus, ich bin nur besorgt, keineswegs bin ich irgendwie dienstlich in der Pfalz.«

»Hoffentlich wird das auch nie der Fall sein.«

308 »Darüber hätte ich nicht zu entscheiden. Ich bin aber der Meinung, daß die Phantasten oft gefährlicher werden können als die Spitzbuben, weil sie nämlich von ihrer Idee besessen sind, während die Desperados meist beim ersten Flintenschuß davonlaufen. Wir haben das im vorigen Jahr nicht selten erlebt.«

»Ich bin im Bilde, Herr von Stetten, wir laufen nicht mit verbundenen Augen herum. Wie steht es denn in Wahrheit mit dem pfälzischen Volksheer? Antwort, mehr als erbärmlich. Mit der Bürgerwehr, offen herausgesagt, ist nicht viel anzufangen. Dann sind die Helden Zitz und Bamberger mit großen Bärten und zweitausend Mann aus Mainz gekommen. Der Oberst Blenker, zugestanden ein ehrlicher Soldat, hat seine Freischar aufgestellt und droben bei Göllheim hat der Major Schlinke sein erstes Bataillon Pfälzer Volkswehr gebildet. Was für Leute sind aber das? Heiliges Bettstroh, Abenteurer und Vagabunden, eingewanderte Insurgenten und Barrikadenarchitekten, Freibeuter und vaterlandloses Gesindel. Unter ihnen die jungen Bauernburschen, die man gewaltsam zusammengetrommelt hat und die bei der nächsten Gelegenheit wieder nach Hause zu ihren Kühen und Pferden, zu ihren Äckern und Wingert gehen, wo sie auch nötiger sind, als bei den Vagabundenbrigaden und Sensenkorps.«

»Es bilden sich aber überall Freischarkorps, die Forstleute sollen ein Scharfschützenkorps gebildet haben und ein Landauer Student der Rechte hat zu einer Studentenlegion aufgerufen, das sind Leute, die es ernst meinen.«

»Sie sind ausgezeichnet informiert, Herr von Stetten.«

»Man hat als Soldat eine Nase für derlei Dinge.«

»Man muß aber auch die Pfälzer kennen.«

»In diesem Soldatenhaufen, Herr Berghaus, wird die deutsche Freiheit nicht geboren.«

»Ein Wort, Herr Leutnant vom siebenten preußischen Husarenregiment: der Deutsche hat kein rechtes Talent, frei zu sein – – auch die Freiheit will gelernt sein. Wir werden vielleicht noch hundert Jahre in die Schule gehen müssen. Zuerst müssen wir einig sein, dann erst können wir frei sein. Die Pferde kommen.«

Greta brachte zwei gesattelte Pferde aus dem Stall, einen Fuchswallach und eine Rappenstute. Der Husar gab Berghaus die Hand und sprang Greta entgegen.

»Nur auf Trense?!«

Er wollte ihr in den Sattel helfen, aber sie saß schon oben, der 309 Fuchs ging rückwärts und wollte steigen, sie versammelte ihn rasch, aufgeregt klapperten die Hufschläge auf dem Pflaster des Hofes.

Der Offizier saß auf, sie ritten durch das große Tor hinaus.

»Wohin?« fragte Berghaus, der bis vor das Tor gefolgt war.

»In die Ebene«, rief Greta zurück.

»Nach der Russenpappel?«

Sie antwortete nicht mehr, er sah nur noch, wie sie den Kopf mit einer herrischen Geste nach rückwärts warf. Er ging durch das zweite Tor in den hinteren Hofraum, dort war ein Stück der alten Festungsmauer stehengeblieben. Im Wallgraben unten blühten die Blumen, schon waren die ersten Rosen aufgebrochen. Bastian Berghaus kam die alte Steintreppe herauf.

»Greta ist ausgeritten?«

»Ja, Vater. Ist Mutter im Garten?«

»Im Gartenhaus bei den Kindern. Der Offizier ist mit Greta geritten?«

»Natürlich.«

»Mir macht das Mädel Sorgen, was für Pläne hat sie nur im Kopf!«

»Ich glaube, Vater, sie hat es auf den jungen Husaren abgesehen. Es ist gut, daß er morgen abreist.«

»Ich fürchte, er wird ihr nicht gewachsen sein.«

»Warum fürchtest du das?«

»Weil er in sie verliebt ist. In Greta verliebt zu sein, ist eine schwierige Sache, ich kenne meine Tochter, sie hat manchmal sonderbare Launen. Kommt die Leinhöhle auf Flaschen?«

»Wird erledigt, Vater; ich gehe nach dem Herrgottsacker, wir sind dort noch beim Ausbrechen.«

»Hast du dir das mit den Maulbeerbäumen noch einmal durch den Kopf gehen lassen?«

»Im Winter, Vater, da haben wir Zeit zum Pläne schmieden.«

»Im Winter, immer wieder im Winter – – ein Jahr ums andere geht dahin, na ja, geh' schon, es ist auch eine verflucht unruhige Zeit.«

Bastian Berghaus ging kopfschüttelnd, er rollte die heiße Kartoffel im Mund, er hatte den Kopf voller Sorgen, er ging ins Gesindehaus. Ewald schaute ihm nach, nicht gerade bekümmert, aber doch ein wenig sorgenvoll.

Herrgottsdonner, er stampfte mit dem Fuß auf, jetzt rollte er selber die Kartoffel im Mund, verhexte Angewohnheit, ohne daß man es 310 wußte, machte man es dem Alten nach, das war wie ein Schattenspiel, rein des Teufels war es.

Er hörte Schritte; als er sich umdrehte, sah er seine Mutter die Gartentreppe heraufkommen, hinterher mit eifrigem Getöse seine Kinder, zwei Knaben von neun und acht Jahren und ein Mädchen von fünf Jahren.

»Warum hast du denn geflucht?«

Frau Juliane lächelte. Er sah sich ertappt und sie freute sich über die leichte Röte, die in seine Wangen gestiegen war.

Er schaute sie mit einem verborgenen Wohlgefallen an, denn er war stolz, daß er eine so schöne Mutter hatte. So schlank und so ruhig, so ebenmäßig noch mit ihren fünfundfünfzig Jahren, so voll Anmut mit den grauen Haaren und dem klugen Gesicht, aus dem jede Leidenschaft gewichen war, auf dem sich nur noch Güte und Sorge spiegeln konnten und das noch einen letzten, fliehenden Rest von Jugend ausstrahlte.

»Warum du geflucht hast, Ewald?«

»Weil ich, verdammt, jetzt auch anfange, mit der Zunge überflüssige Akrobatentricks zu machen. Haben die Buben denn heute mittag keine Schule?«

»Nein, die Volkswehr von Deidesheim hält im Schulsaal eine Versammlung ab. Die Waffen sollen abgeliefert werden und die Sensen. Sag mal, haben wir überhaupt Sensen?«

»Überflüssige haben wir nicht! Unsere Waffen brauchen wir selber, zwei alte Steinschloßflinten sind abkömmlich, aber ohne Gewähr!«

»Wo ist Greta?«

»Mit dem Husaren ausgeritten.«

»Wohin denn?«

»Ich vermute, nach der Russenpappel.«

Frau Juliane zuckte zusammen, sie senkte den Blick, dann fuhr sie tastend über die Haare.

»Das sollte sie nicht tun. Ich habe das Gefühl, als ob sie zu verwegene Einfälle hätte. Weißt du, das Leben ist manchmal wie ein Schattenspiel, es ist, als ob Begebenheiten sich wiederholten. Vielleicht sind alle Eigentümlichkeiten des Lebens schon einmal gewesen. Fange ich wieder an, klug zu reden, Ewald?«

»Nein nein, Mutter, ich bin nur überrascht, es sind keine fünf Minuten her, da habe ich das gleiche gedacht. Ich muß gehen, Mutter.«

»Du hast doch keine Sorgen, Ewald? Ich meine, die Wingert stehen gut, die Blüte hat keinen Regen gehabt, der Sauerwurm – –«

311 »Alles in Ordnung, Mutter, der Revolutionswein wird gut, er kann neue Hitzköpfe machen. Auf Wiedersehn, Mutter.«

Er ging durch die hintere Pforte, sie sah noch, wie er den Wingerthohlweg hinaufstapfte, er pfiff, na also, wenn er pfiff, hatte er keine grauen Gedanken. Sie stand noch eine Weile und lauschte auf das Pfeifen, es verhallte fern und ferner.

Sie schaute nach den Kindern, aber die waren schon ins Haus hinein zum Kaffeetrinken.

Seltsam, dachte Frau Juliane, daß sich die kleinen Dinge wiederholten, wie hier das Kartoffelrollen; daß aber auch die großen und bedeutsamen Dinge wiederkehrten, als ob Gott nicht mehr erfindungsreich genug wäre und immer wieder auf Vergangenes zurückgriffe, vielleicht auch nur aus Bequemlichkeit. Die Menschen dünkten ihm am Ende nicht mehr so wertvoll, daß es sich verlohnte, mit Unerhörtem unter ihnen aufzuwarten.

Sie ging sinnend ins Haus, stieg über die Treppen nach oben, wollte die Tür zu ihrem Wohnzimmer öffnen, kehrte aber, die Hand schon auf der Klinke, um und stieg höher, in das dritte Stockwerk hinauf, wo noch einige Gesindestuben waren und ganz hinten eine Kammer, worin allerhand alte Möbel und sonstige ausgeschiedene Dinge des Alltages ein verstaubtes Leben führten.

Diese Kammer betrat Frau Juliane, sie wußte selbst nicht recht, warum, es war gewiß nur eine grüblerische Laune, die Stimme eines fernen Gefühls, der fast verklungene Ruf einer Erinnerung.

Sie öffnete eine Truhe und fand darinnen einen alten preußischen Offiziersdegen und eine Husarenmütze, sie fand zwei Reiterpistolen und eine Säbeltasche.

Sie fand die Uniform eines Kosakenoffiziers, Reithosen und Waffenrock mit roten Aufschlägen.

Den Waffenrock nahm sie heraus und betrachtete ihn gedankenvoll. Sie öffnete die linke Brusttasche und zog ein goldenes Amulett heraus, eine große Münze mit dem russischen Kreuz und einer rätselhaften Inschrift.

Der Waffenrock glitt aus ihren Händen, aber lange ruhte ihr Blick auf dem goldenen Talisman. Einmal schaute sie auf und erschrak, denn sie sah sich gegenüber im Spiegel und ihr Spiegelbild hauchte sie gespenstisch an.

»Gott schütze dich, Greta!«

Sie legte alles in die Truhe zurück, klappte leise den Deckel zu 312 und trat ans Fenster. Die Luft war dumpf, sie öffnete und schaute hinaus.

Der goldene Mittag kam zu ihr herein, sie sah die Weinberge, die bis zu den bewaldeten Bergen anstiegen, ein Meer von Reben, sanft bewegt im Spiel des Windes.

Und von oben kam, kaum vernehmbar, das glückselige Rauschen der Wälder.

 

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