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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Notland

Um die Jahreswende 1813/1814

Gegen Ende des Jahres1813 fluteten in ungeordneten Haufen beträchtliche Truppenverbände der in Rußland geschlagenen großen Armee durch die Pfalz, die damals französisch war und zum département du Mont-Tonnère gehörte, nach Frankreich zurück.

Es war den Verbündeten nicht gelungen, nach der Schlacht bei Leipzig Napoleon den Weg abzuschneiden, der große Stratege verstand es, noch etwa 70 000 Mann über den Rhein in Sicherheit zu bringen.

Diese Truppen aber, zusammengewürfelt aus Söldnern und Konskribierten aller Länder, hatten die Gloriole des Namens Bonaparte längst verloren, es waren chaotische Soldatenhaufen der Verwirrung und Zerrüttung, halb erfroren und verhungert, vom Nervenfieber und anderen Seuchen niedergedrückt, eine Armee in Lumpen, die sich mehr und mehr lichtete, weil Tausende von den Seuchen gefressen wurden und Tausende, namentlich Konskribierte der östlichen Departements und Angehörige der früheren Rheinbundstaaten, desertierten und nun in den verelendeten und verwüsteten Ländern links des Rheines plündernd umherirrten.

Das schreckhafte Finale eines Genies, das ganze Völker mit sich riß im Untergang, brauste auch über die Gefilde der Rheinpfalz.

Im Strom der Zurückflutenden befanden sich nicht nur Soldaten, sondern auch viele Angehörige der französischen Nation, die im Donnersbergdepartement in warmen Ämtern gesessen hatten als Douaniers und Grenzwächter, Staatsbeamte und städtische Beamte, Kommissäre, Präfekten und Unterpräfekten mit dem Troß ihrer Angehörigen, mit geraubtem Gut aus geplünderten Städten und Dörfern, schwimmend und treibend in einem Abschaum verkommenen Menschenmaterials, in brandenden Wogen fiebergeschüttelter Soldatenhaufen, denen die Uniformen am Leib verfaulten, die zerfetzt und zerschunden, ausgebrannt und hohlgefroren in die furchtbare Höhle der großen Flucht gespült wurden.

Von Osten drängten die Verbündeten nach, allen voran die Schlesische Armee unter Blücher-Gneisenau mit dem russischen Korps. Im Süden hatte schon die Hauptarmee unter Schwarzenberg am 21. Dezember den Rhein überschritten, im Norden rückte Bülow vor, die verzögerten Rheinübergänge gaben Napoleon Zeit, Teile seiner Divisionen zu sammeln, um den Feind auszuhalten. Die Scheinverteidigung der Rheingrenze gelang, der geschlagene Riese fand einige 16 Herzschläge lang Zeit, um Atem zu holen und sich umzuschauen aus der grausigen Walstatt seiner gestürzten Genialität.

Das französische Korps Marmont, im Rückzug durch die Senke nach Kaiserslautern begriffen, sammelte sich auf der Linie Dürkheim–Neustadt–Landau.

Das ewige Gespensterschicksal der westlichen Grenzmark schwebte über dem Getrümmer von Mensch und Getier und Landschaft.

Die Zeit stand nicht still, Gott schwebte unendlich hoch über seinem Völkerschauspiel. Die Erde rollte durch die Äonen, durchmaß ihre Bahnkurve, erhellt und umnachtet, bewegtes Spiel nur im Schauer des großen Rätsels. –

 

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