Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Roland Betsch >

Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

9

Es müßte rein mit dem Teufel zugehen, wenn man in der Maxplatz-Republik keinen Bekannten träfe, die Pfalz war klein, man stieß überall mit den Köpfen zusammen, kaum gedacht, lief einem auch schon ein guter Freund über den Weg.

Der Holzhändler und Sägemüller Veit Huß beispielsweise war eine bekannte Persönlichkeit, er durfte natürlich bei historischen Wendepunkten der Geschichte nicht fehlen, ohne ihn wäre am Ende eine neue Staatsform nicht aus der Taufe gehoben worden. Er war also anwesend und tat recht geschwollen, hatte einen kleinen Kreis interessierter Persönlichkeiten um sich versammelt und erklärte ihnen mit gewinnendem Lächeln, wie es nunmehr aus andern Löchern pfiffe und daß das goldene Zeitalter nicht mehr lange auf sich warten ließe, 267 verflucht nochmal, wie man es nur die ganze Zeit her ausgehalten hätte.

Er schwenkte bekräftigend das Schoppenglas, verschüttete vom guten achtundvierziger Riesling und schaute sich in der Runde um, ob auch alle gleichen Sinnes mit ihm wären. Sie waren es aber anscheinend nicht, denn ein kleiner, dickbäuchiger Tischlermeister glaubte sich verschwommen zu entsinnen, daß doch Huß, als es galt, Sachverständiger zu werden und Holzlieferungen für die Ludwigsbahn zu bekommen, sehr mit den bayrischen Reaktionären sympathisiert hätte, und nun auf einmal trüge er die rote Kokarde und stieße ins Jakobinerhorn, nichts für ungut, aber so was gäbe einem Bürger zu denken, keine Feindschaft, bewahre, nur so ganz nebenbei.

Veit Huß durchbohrte ihn mit den nackten Blicken und schmunzelte mitleidig. Was er sich denn einbilde, wer der Veit Huß sei, he he, mit der Zeit gehen sei alles, die Schlimmsten und Dümmsten seien die Konsequenten.

»Nur keine Konsequenz, meine Herren! Konsequenz bringt keinen Fortschritt, die Konsequenz hätte uns keine Dampfeisenbahn und keine Republik gebracht, he he, habe ich recht oder nicht?«

Sie lachten und tranken, außerdem donnerte die Blechmusik einen Marsch, ein Volkshaufen brüllte Beifall, sicher hatte ein Donnersberger wieder eine Rede gehalten.

Richtig, was er, Huß, noch sagen wollte, Gesinnungsumschwung färbe in keiner Weise ab; nein, nie und nimmer und durchaus nicht, ob er recht habe oder nicht, bitte keine Begriffsverwirrungen, wichtig und entscheidend sei der Erfolg, he he. Der dort oben am Galgen habe den Geist der Zeit nicht begriffen und was sei die Folge gewesen, bitte, man solle sich überzeugen, der Bedauernswerte habe sich anscheinend in der Kragennummer getäuscht, jetzt sei ihm die Luft ausgegangen, ha ha ha, politisches Einmaleins.

Um es ein für allemal richtigzustellen, mit den Bayern habe er in keinem Winkel seines Herzens sympathisiert, auf Ehrenwort nicht, und wenn die Bierlebern sich aufspielten mit ihrer Zinsgarantie und ihrer lumpigen Millionenanleihe, dann würde man kurzer Hand einmal das Direktorium wechseln, Kleinigkeit, es flössen überhaupt viel zuviel pfälzische Millionen zu den bayrischen Hopfenseelen.

»Kommt mal mit, es soll mir auf einen Schoppen nicht ankommen.«

Er schob sich in das Gedränge, einige folgten ihm, andere blieben 268 zurück und schüttelten die Köpfe, ein rechter Hallodri dieser Huß, immer vornedran, wo es etwas zu raffen gab, verdammter Schleicher, dieser Schwellenhuß.

Einen guten Bekannten von der Mittelhardt hatte der Schwellenhuß nicht gesehen, nämlich jenen älteren Mann, der dort mit einer jungen, auffallend hübschen Dame und einem schneidigen jungen Kavalier unter der Kastanie stand und dem Geschwätz lächelnd zugehört hatte.

Dieser aufrechte Mann im grauen Anzug mit dem bartlosen Gesicht, in dessen Augen und Mienenspiel ein Zug von Güte und Schalkhaftigkeit auffiel und der ab und zu mit der Zunge gegen die Backen stieß, so daß es den Anschein erweckte, als rollte er eine heiße Kartoffel im Mund, dieser Mann, der die Würde seiner Persönlichkeit nicht verleugnen konnte, war ein gewisser Bastian Berghaus, Weingutsbesitzer aus Deidesheim.

Der rüstige Sechziger war nicht unbekannt in der Pfalz, sein Weingut trug einen klingenden Namen in der ganzen Welt, man wußte auch, daß er sich mit großartigen Plänen trug, mit der Zucht von Seidenraupen, der Einführung ganz moderner Obstkulturen und mit der Durchführung strenger Weingesetze, die endlich einmal dem unseligen Panschen einen Riegel vorschieben sollten, auf daß der gute Ruf des pfälzischen Weines nicht erbärmlich geschändet würde von Profitlern und gewinnsüchtigen Materialisten.

Und wer es nicht vergessen hatte im Lauf der Jahre, wer überhaupt Teilnahme zeigte für die bunt bewegte Geschichte des pfälzischen Grenzlandes, der wußte vielleicht selber aus seiner eigenen Erinnerung, daß Bastian Berghaus in der Franzosenzeit Husarenoberleutnant beim Streifkorps des Prinzen Biron von Kurland gewesen war, vorübergehend übrigens als Ortskundiger während des russischen Rheinüberganges dem Kosakenregiment Sementschenko attachiert.

Nun ja, das lag alles in weiter Vergangenheit, die Jahrzehnte waren darüber hingegangen, schließlich war es auch heute ohne Bedeutung, wichtiger zu sagen ist, daß die hübsche Dame mit den blonden Haaren, den bräunlichen Augen und anmutigen Gesichtszügen seine Tochter Greta war, jüngster Sproß der Familie, ein temperamentvoller Nachzügler, voll lebhaften Feuers und mit allem Scharm der achtzehnjährigen Mädchenseele reichlich bedacht. Der Vater, neugierig, was sich an diesem Tag Törichtes und Unbedachtes ereignen würde, war mit seiner Tochter von Deidesheim gekommen. Auf dem 269 Stiftsplatz hatten sie im Gedränge den jungen Mann kennengelernt, der, offenbar bezaubert von der blühenden Schönheit Gretas, in ihrer Gesellschaft geblieben war und sich vorgestellt hatte als Werner von Stetten, Student der Rechtsgelehrsamkeit an der Universität Heidelberg.

Das sah ein Blinder, Werner von Stetten hustete in diesem Augenblick auf die Republik, er gab sich nur redlich Mühe, bei Greta an Ansehen zu gewinnen. Auf dem Stiftsplatz vielleicht noch politisch interessiert, sah ihn die neue Staatsform bereits im Netz der Achtzehnjährigen. Welch ein Feuer sprang aus diesen Mädchenaugen! Jederzeit, nur jetzt nicht am Rabenstrick baumeln, wo so viel blühender Zauber atmete und es einen so feuchtglänzenden roten Mund gab.

Greta aber, ein rechter Teufelsbraten, hatte vorläufig wenig Zeit, sich um die Artigkeiten des Heidelberger Scholaren zu kümmern. Ihre Anteilnahme galt mehr dem politischen Hexenspiel, ja, sie zeigte geradezu Begeisterung für die freiheitlichen Ziele des Volkes, sehr zur Erheiterung ihres Vaters, der die Fundamentlosigkeit dieser Bewegung schon durchschaut hatte und in ihr nur einen wohl dräuenden, aber wirkungslos verpuffenden kalten Donner erblickte.

Was aber war in seine Tochter Greta gefahren, sie war über Nacht zur Kämpfernatur geworden, ihre Wangen hatten sich stärker gerötet, die Augen glänzten heller, sie versuchte seit einiger Zeit, ihre nähere und weitere Umgebung davon zu überzeugen, daß der Idealismus freiheitlicher Regungen auf dem Marsch sei und zu einem beispiellosen Sieg schreiten würde. Es sei Pflicht jedes Mannes und jeder Frau von Ehre, sich mit Gut und Leben für die große Sache des Volkes einzusetzen. Die vielen, durch Frauen geweihten Fahnen in der Pfalz bewiesen, daß weder ein Strohfeuer brenne, noch der Sturm im Wasserglas tobe. Nein, das Volk erhebe sich, um seine heiligsten Güter zu schützen. So sprach und fühlte Greta Berghaus, ein achtzehnjähriger Blondkopf, schon immer voll verdrehter Launen und romantischer Träume, jetzt auch noch am gefährlichen Märzfieber erkrankt. Der Vater, lächelnd und die heiße Kartoffel im Mund rollend, fuhr ihr über den blonden Haarschopf und freute sich im stillen, daß er eine Tochter hatte, die Begeisterung zeigte für die schlummernden Sehnsüchte des Volkes.

»Wir erleben es noch«, meinte er und schaute sie voll Überlegenheit an, »daß wir eine Amazone in die Familie bekommen.«

Greta warf dem Vater einen Seitenblick zu und antwortete mit 270 einem Unterton in der Stimme: »Ich meine, wir haben schon eine gehabt. Das Amazonenblut muß erblich sein.«

»So, wer denn, wenn ein alter Vater fragen darf?«

»Meine Mutter ist 1814 als Kosak geritten, das kannst du doch nicht vergessen haben.«

»Nein, was aber die Mutter tat, geschah aus Not.«

»Und aus Begeisterung!«

»Du bist wohl dabei gewesen?«

»Das nicht, ich weiß aber, daß ich mich recht wohl fühle im Sattel.«

»Ich bildete mir immer ein, Greta, du seist noch zu jung, um die politischen Ziele zu verstehen.«

»Die Alten, Vater, sind meist zu bequem, um noch revolutionär zu sein.«

»Hört bloß den Sausewind, redet daher wie einer aus der Paulskirche, nimmt den Mund voll wie ein Neustadter und schleppt uns noch die politische Kartoffelkrankheit ins Haus. Was sagen Sie, Herr von Stetten, was ist Ihre Meinung, junger Scholar?«

Der junge Scholar hatte wohl eine Meinung, wagte aber nicht, sie auszusprechen, weil er sich vorläufig noch nicht im klaren war, wie diese Meinung von der anmutigen Gegenseite aufgenommen würde.

»Eine romantische Seele«, sagte er mit Vorsicht, »es ist schön, wenn man Ideale hat.«

»Romantische Seele?!« Greta schaute ihn mit blitzenden Augen an, »die Freiheit unseres Volkes hat nichts mit Romantik zu tun, sie ist ein sehr natürliches Recht.«

»Wer vermöchte, wenn Sie ihn anschauen, anderer Meinung zu sein«, sprach er artig und mit schalkhaftem Lächeln.

Wieder traf ihn ein Blick, aber dieser Blick war weicher und wärmer, er kam aus einem Mädchenherzen, er ließ etwas aufblühen, was noch ohne Namen war, nur ferner Wunsch und schlafendes Begehren.

Es kamen jetzt aber drei wunderliche Gesellen daher, drei Stammtischfreunde des lieben Gottes, sie quetschten sich durch die Menge und machten unter dem blühenden Kastanienbaum halt.

Unter ihnen waren zwei Musikanten, ein Trompeter und ein Klarinettist, burschikos gekleidet mit engen Hosen, verschabten Samtkitteln, wehenden Krawatten und gelben Schirmmützen.

Der Dritte war ein ganz toller Bursche, offenbar ein 271 Zirkuskunstreiter oder Tierbändiger. Seine malerische Tracht erregte Aufsehen, da sie sich von all den kriegerisch Uniformierten merklich unterschied, er trug nämlich hohe Reitstiefel und eine verschnürte Hose aus okergelbem Tropenstoff, ein kurzes, buntbesticktes Wams mit ausländischen Silbertalerknöpfen und ein schreiend rot und blau kariertes Hemd, das am Hals offen war und die gebräunte Brust freigab. Gekrönt wurde diese Zirkustracht durch einen breitrandigen Schlapphut, einen sogenannten Sombrero, wie ihn die Gauchos Südamerikas tragen und der von so verschwenderischer Größe war, daß er den ganzen kuriosen Kerl beschattete.

Das ebenso heitere wie abenteuerliche Terzett war nicht mehr ganz nüchtern, der Gaucho namentlich ließ großartige Reden los, lockte sofort eine Schar von Neugierigen an und tat, als trüge er allein unter seinem bunten Hemd die Freiheit der Welt mit herum, da solle nur mal einer daran zweifeln.

Er schaute sich herausfordernd lachend im Kreise um und pfiff wie ein Buchfink.

Wenn jemand wissen wolle, woher er käme, posaunte er und vermischte seine ans Pfälzische anklingende, aber stark verfärbte Redeweise mit portugiesischen Brocken, nun denn, er antworte ihm, daß er mit Baumwollfracht aus Südamerika käme, geradewegs mit dem Fünfmastervollschiff »Esperanza« aus Sao Paolo, wenn die anwesenden Sennores und Sennoras wüßten, wo das läge.

Mit ihm über die große Badewanne geschippert, immer mit vollen Lappen und einer Tüte voll Passatwind, seien diese beiden Mackenbacher Musikanten, die nun sofort mit einem Revolutionslied loslegen würden, der eine aus der Gelbrübe, der andere aus dem Wimmertrichter, los caballeros!

Tatsächlich setzten die Mackenbacher ihre Instrumente an und bliesen eine schauerlich schöne Weise, die allmählich immer rascher wurde, wie ein scheues Pferd auszubrechen drohte und zuletzt in einer stürmischen Kehrauspolka endete.

Es kam eine prachtvolle Laune unter den Republikanern auf, sie klatschten Beifall, es drängten sich immer mehr Neugierige herbei, die Galgenleiche verlor Anhänger, sie bildeten einen lustig angeregten Kreis um das Kleeblatt. Der Gelbrübenbläser nahm die Rübe unter die Achsel und schob die Mütze nach hinten.

Er schwitzte, es war weiß Gott keine Kleinigkeit, in diesem Tumult sich Geltung zu verschaffen, zumal eine Bürgerwehrkapelle, vom 272 Neid gestochen, sich mit der großen Trommel erfolgreich Geltung verschaffte. Der Trompeter ließ die Spucke aus dem Instrument laufen, fuhr sich über den Schnauzbart und bedeutete dem Gaucho, es wäre nun an der Zeit, mit der Mütze herumzugehen, wolle man nicht Gefahr laufen, daß die Aufmerksamkeit der Zuhörer sich wieder dem Gehenkten zuwende.

Der verwegene Südamerikaner aber, durch den Beifall der Umstehenden mächtig angeregt, wollte erneut beweisen, daß er nicht aus Pappe sei. Er trat auf Greta Berghaus zu, nahm den gewaltigen Hut vom Kopf und behauptete, freundlich grinsend, daß er ein nicht unbedeutender Zauberer und Hexenmeister sei, was einer so hübschen Donna zu beweisen er nicht länger zögern wolle.

Er warf den Sombrero dem Trompeter zu, zog eine weiße kleine Kugel hervor und zeigte sie in der Runde.

»Atencion, sennorita!«

Die Kugel, zuerst mit Daumen und Zeigefinger haltend, schob er nun deutlich sichtbar in seine rechte Ohrmuschel hinein, hinkte eine Weile auf dem linken Bein mit schiefgeneigtem Kopf, und siehe da, aus dem linken Ohr kam die weiße Kugel wieder heraus. Er schob sie sofort in das linke Ohr zurück, hinkte auf dem rechten Bein, hoppla, die Kugel kam aus dem rechten Ohr.

So ein Schwarzkünstler war er und Zaubermeister. Aber nicht genug, er legte die Kugel auf den Kopf, schlug mehrmals mit der flachen Hand darauf, siehe da, die Kugel war verschwunden! Bitte sehr, verschwunden, jeder der Bürger und Revolutionäre hatte das Recht, sich zu überzeugen, die Kugel war verschwunden, verhext, in alle Winde war sie gesegelt. Nein, er beugte den Kopf nach vorn, öffnete den Mund und hielt die flache Hand unter: die Kugel, als ob das kein Wunder wäre, kam aus dem offenen Mund heraus und fiel auf die flache Hand! Ha ha ha, bravo, verfluchter Kerl, kommt über das große Wasser und hext wie der Sabellicus, der auf einem Regenbogen gen Frankfurt geritten war.

Der Gaucho lachte Greta an, sein gebräuntes gutmütiges Gesicht verzog sich, er zwitscherte wieder und ging nun mit dem Hutmonstrum in der Runde, um zu sammeln.

Es fielen nicht wenig Kreuzer in den Hut. Bastian Berghaus gab lachend einen Gulden, alles in allem war man gebefreudig, wem blieben auch an einem solchen Tag, an einem Revolutionstag, die Münzen an den Fingern kleben! Nahm der lustige Hallunke jetzt 273 etwa eine gerechte Teilung des gesammelten Geldes vor, zählte er peinlich ab und machte drei Häuflein? Das wäre noch schöner, er nahm den Hut und schüttelte den Inhalt der Gelbrübe in die Mütze. Da, sie sollten sich das teilen; er mache keinen Anspruch darauf, nein, er brauche kein Geld, ha ha ha caracho, fort mit dem Mammon, deus me livre. Er lachte behaglich, breit und gesund, die Zäune seiner Zähne blitzten, er war ein wunderbares Bündel Leben.

»Bei uns am Äquator, caballeros, da ist die wahre Freiheit zu Hause, da könnte ich euch was erzählen, wie sie an den Gummibäumen baumeln, ora essa, da sind ihnen allen die Zungen zu lang geworden. Da bläst ein Hut voll Wind, daß ein christlicher Revolutionär unter Sturmflicken laufen muß.«

»Bon jour, Bürger Berghaus!« rief eine Stimme, die vom Weingenuß rasselte. Der Volksgeneral Schlinke ging mit Säbelgetöse vorüber und fuhr mit der Hand an den Heckerhut.

An seiner Seite, bedenklich schwankend, mit Atemnot und gedunsenem Gesicht sein Freund Kaiser, nicht mehr Herr der Lage und nur noch mit verschwommenen Augen um sich starrend.

Bastian Berghaus wandte betroffen den Kopf, als er den furchterregenden Krieger sah, dessen Hahnenfedern noch über der Menge wippten, als er selbst schon im Geschiebe und Gedränge verschwunden war. Zehn gegen eins gewettet, das war der Schlinke, der einmal der Ludwigsbahn Maulbeerbäume als Einfriedigung zu einem Phantasiepreis hatte andrehen wollen, wobei er behauptet hatte, die Maulbeerernte sei so groß, daß die Bahn ein glänzendes Geschäft machen würde. Was, um Himmels willen, sollte denn die Bahn mit Maulbeerbäumen! Wenn der Sektionsingenieur Berghaus nicht gewesen wäre, dann hätte man in der Tat die Anpflanzung in Erwägung gezogen, zumal sie von dem Sachverständigen Veit Huß befürwortet worden war.

»Kein Zweifel«, sprach Berghaus laut, »der Maulbeer-Schlinke läuft jetzt als Phantasiegeneral in der Pfalz herum.«

»Ein Führer der neuen Freischaren«, triumphierte Greta.

Bon jour, hatte er gesagt, dieser Schwadronör, bon jour, Bürger Berghaus! Berghaus schüttelte den Kopf, er fand aber nicht Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn der Gaucho, der Vogel mit allen Winden, war auf ihn zugekommen, legte ihm eine Tatze auf die Schulter und fragte, mit einem Male seltsam verwandelt und mit großem Staunen in den hellen Augen: »Berghaus, hab' ich recht gehört?«

274 »Ja, Bastian Berghaus, Herr Illusionist. Und Ihr?«

»Klaus Ringeis aus Südamerika.«

Der Weingutsbesitzer mußte schon wieder die heiße Kartoffel rollen, sonderbare Angewohnheit, vererbt sich oft vom Vater auf den Sohn und weiter bis ins dritte und vierte Glied. Einerlei, er traute seinen Ohren kaum, als er den Namen hörte.

»Ringeis haben Sie gesagt, ich habe doch recht verstanden?«

»Ringeis, nicht anders, der Sohn vom Fischer Adam Ringeis, der 1806 nach Südamerika ist. Wir sind dort jetzt Plantagenbesitzer. Und Sie sind der Herr Berghaus aus Deidesheim?«

»Der bin ich.«

»Madre dios, dann kennen Sie meinen Großvater, den Fischer Ringeis drüben am Rhein? Lebt er noch?«

»Und ob er lebt! Er hat seine achtzig auf dem Buckel.«

Der Südamerikaner, der Gaucho, der Hexenmeister mit seinem karierten Hemd und den Matto-Grosso-Hosen, der Pfälzer Ringeis riß das wunderliche Hutmöbel vom Kopf und stieß einen Jauchzer aus.

»Adiante, ihr Dudelrüben«, rief er und die Tränen schwammen aus seinen Augen, »spielt einen auf, ich bin überm Äquator auf die Welt gekommen, aber ich merke plötzlich, daß ich daheim bin.«

Oh, dieser Komödiant, da ging ihm jetzt das Herz auf. Während die Mackenbacher einen Galopp spielten und weinselige Menschen um die Galgenpuppe lärmend tanzten, wurde der Plantagenbesitzer weich wie eine Bienenwabe, sein Kindergemüt brach durch, irgend etwas in seinem Innern, ein vergrabenes Glücksgefühl, übermannte ihn. Er umarmte den Gutsbesitzer Berghaus, er wischte das Salzwasser aus seinem Gesicht und wurde verlegen, schämte sich seiner Rührung. Eine Schande, zu flennen, hier mitten in der neuen Republik, in der Neustadter Freiheit und bei der Donnersberger Maxplatzautonomie.

»Der Vater hat viel von Ihnen erzählt, er weiß das vom Großvater. Von Napoleon, von den Russen und von einem Husarenoffizier. Bringt Wein her, viel Wein! Das ist also Ihre Tochter, und hier der junge Sohn?«

Er kam auf Greta und auf den Heidelberger Studenten zu, sein Gesicht glänzte, er roch etwas nach Wein, er war derb und Kind.

»Meine Tochter Greta, revolutionär bis in die Knochen. Und hier ein junger Kavalier aus Heidelberg. Meine Söhne sind älter, einer 275 ist Sektionsingenieur beim Eisenbahnbau, und der zweite hat das Gut übernommen.«

»Bei der Dampfeisenbahn, bei der Knatterkathrine, beim Schienenroß? Caracho, ein Wunder in der Pfalz! Ich bin mit dem Dampfteufel von Ludwigshafen gekommen, durch zwölf Tunnel und dazwischen mit der Postkutsche, mit dem Roßapfelgespann, bringt Wein, chicha, chicha!!«

»Nicht hier«, sprach Berghaus, den nun auch die verborgene Heiterkeit der Stunde übermannte, »wir gehen in den großen Biergarten, dort ist Tanz und Musik, ihr seid allzusammen meine Gäste.«

»Da fällt die Kirchweih vom Himmel«, rief der Plantagenbesitzer Ringeis, »und die Freiheit obendrein. Das sage ich euch, wenn ihr einen Führer braucht, ich will euch zeigen, wie man die Volksbedrücker kitzelt, ha ha ha, mit einem Rotterdamer Baumwollfrachter bin ich den Rhein heraufgekommen.«

Er suchte in seinen Taschen und brachte ein langes Ding vor, das war an beiden Enden in brasilianisches Gold gefaßt. Er hielt es mit vielsagendem Lächeln in die Luft, daß es wie ein Pendel hin und herschwang und das Gold funkelte.

»Meine schöne sennorita, jetzt weiß ich, wem ich das schenke. Ihnen, niemand anders, morte e diablo!«

Und er reichte ihr das rätselhafte, fadenähnliche Gebilde, bedeutungsvoll erklärend, dies sei ein echtes Elefantenhaar, ein Talisman sozusagen, der Glück bringe für das ganze Leben und den man wie ein Kleinod bewahren müsse. Ein Elefantenhaar also, großer Gott, und dazu mit goldenen Ösen, daß man es wie eine Kette um den Hals tragen konnte.

»Gibt es denn in Südamerika Elefanten?« fragte Herr von Stetten und schaute interessiert auf den Talisman, den Greta zögernd entgegengenommen hatte. Und ob Elefanten Haare hätten?!

Warum es dort keine Elefanten geben solle, sie fräßen einem oft die ganzen Kaffeebohnen weg, er habe selbst einen Elefanten mitbringen wollen, einen Jumbo, aber meine Herrschaften, was solle sein Großvater mit einem Elefanten, nein, der alte Mann könne keinen Dickhäuter brauchen, ha ha ha, que piada.

Es kamen jetzt wieder neue Alarmnachrichten. In der Fruchthalle hatte man die Mitglieder des Landesverteidigungsausschusses gewählt, kein Mensch hatte dort von der Maxplatzrepublik Notiz genommen, es war kaum zu glauben, welche Verworrenheit unter 276 den Bürgern herrschte und ein wie geringes Verständnis man der neuen Staatsform entgegenbrachte.

Richtig, ob denn die Elefanten Haare hätten, und dazu noch so dicke Haare?!

Bugio, da liefe ein Heidelberger Rechtsverdreher herum und wisse nicht einmal, daß die Elefanten Haare hätten. Natürlich hätten sie Haare, hinten am Schwanz, und bei den ganz alten Urwäldlern seien diese Haare oft so dick wie Baßgeigensaiten, die Mackenbacher könnten das bezeugen. Klaus Ringeis hätte noch mit ganz anderen Dingen aufwarten können.

Nicht der Rede wert, besser man ginge jetzt in die Gartenwirtschaft, hier würde allmählich die Langeweile aufkommen, man könne doch nicht immer nach der unblutigen Strohpuppe schauen und die Bürgerwehrkapelle, angesäuselt vom Wein, sprenge einem die Ohren mit den falschen Noten.

Der Landsmann aus Übersee drängte zum Aufbruch, er hatte es eilig, in ein Wirtshaus zu kommen, dort wolle er ihnen eins auf dem Kamm blasen, keine Übertreibung, er habe manches auf der Walze, Indianerlieder und Seemannsballaden.

Er setzte sich in Marsch, den Sombrero auf den Hinterkopf geschoben, das karierte Hemd vorn offen, die brasilianischen Silbertalerknöpfe blitzten und er war drauf und dran, sich einen blauen Fetzen Himmel herunterzuholen.

 

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.