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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2

»Ein Glück, daß du zu Hause bist mit den Kindern«, sprach Andreas Aust und küßte seine Frau und die Knaben, die sich das nur widerstrebend gefallen ließen. »Es ist weiß Gott jetzt eine schlechte Zeit für Reisen, am Ende seid ihr gar mit dem neuen Teufelsungetüm, mit der Schienenbahn gefahren?«

Er schaute mit herabgezogenen Brauen nach der Postkutsche, der auch jener seltsame Fremde entstiegen war und aus deren offenem Fenster immer noch die rote Fahne wehte, während aus dem Innern der Stimmenlärm gewaltig herauswuchs.

Schmiert die Guillotine
Mit der Fürsten Fett,
Reißt die Konkubine
Aus des Fürsten Bett. 194
Dreiunddreißig Jahre
Währt die Sauerei,
Wir sind keine Knechte,
Wir sind alle frei.

»Ein Wagen voll Weltverbesserer; den Leuten ging es zu friedlich her die letzten Jahrzehnte, sie müssen wieder einen Sack voll Unruhe ins Land schleppen.«

Andreas Aust, in den hohen Stiefeln, mit grünem Jägerrock und Jägerhut fuhr sich durch den kurzen blonden Bart und starrte immer noch mit finsteren Blicken nach der Postkutsche, die von Bahnarbeitern, Holzfällern und Bauersleuten umstanden war und einen Mittelpunkt stürmischer Auseinandersetzungen bildete.

Zum Fenster heraus beugte sich jetzt der Heißsporn Schlinke, er hielt eine Art politische Rede, nahm den Mund sehr voll und behauptete, die Fürsten und Reaktionäre und Pfaffen und alle jene Duckmäuser, die nicht auf dem Boden der Frankfurter Verfassung stünden, würden demnächst in die Pfanne gehauen, allen voran aber ein gewisser Herr Wittelsbach aus München, ein König, der vorgäbe, des Volkes Wohltäter zu sein, der aber in Wirklichkeit nicht lassen könne von der verfluchten Feudalwirtschaft, vom Fürstenleben und vom dreimal verwünschten Duodezschwindel. Und auf legalem Wege ginge das nicht mehr ab, Gott bewahre, da sollten sich die Pfälzer mal keiner falschen Illusion hingeben, die Kaiserslauterer Volksversammlung würde schon die nötigen Beschlüsse fassen, eine provisorische Regierung bilden und eine Armee von Freischaren aufstellen, daß den Partikularisten die Hasenherzen ins Gesäß rutschten. Und der Oberst Blenker, sein Freund, – er fuhr sich martialisch durch den fuchsigen Heckerbart – sei jetzt schon berufen, an der Spitze einer Division zu marschieren, um den Preußen und Bayern die revolutionäre Vernunft auf den Steiß zu trommeln.

Aus dem Innern des Wagens brüllten sie ihm Beifall zu, sein Genosse Kaiser zwängte den Kopf heraus, verlangte nach Wein und rief: »Laßt euch Bärte wachsen und schleift die Sensen. Baden marschiert mit, auch Sachsen marschiert mit und Westfalen und die Schwaben auch. Laßt euch Bärte wachsen, wer mit uns ist, braucht einen Heckerbart.«

Sie lachten ihn aus, nur wenige stimmten ihm zu, es war bei den Umstehenden keine revolutionäre Begeisterung festzustellen, man 195 freute sich mehr des säbelrasselnden Getümmels. Es wehe wieder mal ein anderer Wind, rief ein Arbeiter, ein Schwellenleger vom Bauabschnitt sechs, der mit der Breithacke den Schotter unter die eichenen Querschwellen schlug.

»Es bläst ein anderer Wind«, rief er nochmals herüber, spuckte aus und hieb auf den Schotter los, »die Bayern sollen uns – –, wir sind freie Pfälzer, und wenn's losgeht, dann nehm' ich den Vorschlaghammer – – ein anderer Wind!«

Der Vorarbeiter der Rotte kam auf ihn zu, stieß mit dem Fuß einen Stein nach ihm und zischte: »Halt du dein Maul mit dem neuen Wind. Bei dem Wind regnet's leicht Scheiße.«

Andreas Aust hatte beide Arme um seine Knaben gelegt, rechts und links standen sie an seiner Seite und hörten auf die streitsüchtigen Reden.

»Was wollen die Leute, Vater?« fragte Peter.

»Das wissen sie selbst nicht, Peter. Das haben zu allen Zeiten und in allen Jahrhunderten immer nur einzelne gewußt, und die auch nicht richtig.«

Michael, der Jüngere, schaute zu seinem Vater auf und sprach: »Wir wollen heim, Vater, ich habe dir viel zu erzählen, du darfst nicht mehr auf die Eisenbahn schimpfen.«

Andreas Aust lachte laut, auch Frau Gertrud lachte, sie waren alle froh, wieder beisammen zu sein, bei aller Schönheit der lockenden Ferne, am allerschönsten war es doch zu Hause.

Unter Johlen und Getöse fuhr die Postkutsche ab, der Postillon bewies, daß seine Lungenkraft die Freiheitsbegeisterung übertönte; er schmetterte zum zweitenmal den Jäger aus Kurpfalz in den Sonnentag hinein, daß es eine Freude war.

Gott steh uns allen bei, da flatterte wieder die rote Fahne im wachsenden Wind, Kaiser streckte nochmals sein Weingesicht zum Fenster heraus und schrie, wer mit ihm sei, der solle die Sensen schleifen und sich einen Bart wachsen lassen; und auf die Geldsäcke, jawohl auf die Geldsäcke habe er es ganz besonders abgesehen.

Und was tat das Häuflein Menschen, das zurückblieb und dem wunderlich beladenen Gefährt nachschaute? Einige lachten belustigt, andere schnitten finster verwegene Grimassen und wieder andere gingen still beiseite, eine ungewisse Furcht und ein dumpfes Bangen im Busen.

Der Tag war weit geöffnet, Hecken und Sträucher warfen die 196 letzten Blüten in den Wind, die Wiesen des Tales standen im Saft, der unersättliche Rausch der Wiesenblumen schwankte und wehte im Odem des jungen Jahres, und aus den Bergwäldern, die überall hochwuchsen, dröhnte, vom Wind getragen, die ewige Melodie der Welt. In diese Kantate der Landschaft zwängte sich mit grimmiger Inbrunst das Hämmern und Klopfen, das Poltern und Rollen der Arbeit hinein, die von vielen hundert fleißigen Händen geleistet wurde beim Bau der gewaltigen Ost-Westlinie der Ludwigsbahn, die das Antlitz der Landschaft in einer unerbittlichen Weise veränderte, der Erde gewaltige Wunden schlug, Berge durchbrach und Wiesen zerschnitt, Waldkomplexe rodete und gewaltige Dämme aufwarf. Die Zeit, ohne Rast und ohne Mitleid, unaufhörlich bewegt und im rasenden Lauf fortwährend Neues gebärend, brach mit elementarer Wucht in die Anmut friedlicher Bezirke ein und türmte auf blühende und wuchernde Gefilde ihre stählerne Gesetzmäßigkeit und die zwingende Härte des Fortschritts.

Solche Gedanken beschäftigten Andreas Aust als er dastand und mit verloren weiten Augen über Schutthalden und Steinbrüche, über Dämme und Brücken und Viadukte, über Barackenlager und Materialschuppen und über die lärmenden, von Schweiß überrieselten Arbeiterrotten in eine ungewisse Ferne schaute, die jenseits dieser Arena des Grauens lag.

Und als er so stand, geschah es, daß jener Fremde, der mit der Eilpost gekommen war, an ihm vorüberschritt und ihn anschaute mit einem Blick voll satten Mißtrauens und voll verborgener Bosheit. Wenige Sekunden lang trafen sich die Blicke dieser beiden Menschen, und blitzhaft wußten beide, daß sie wachsam und auf der Hut sein müßten voreinander, weil zwischen ihnen ein Unsichtbares stand, für das vorläufig keine Erklärung zu finden war.

Der Fremde ging in Richtung der Materialschuppen, auf halbem Wege aber kam ihm ein Mann in blankgewichsten hohen Stiefeln, einem Manchesteranzug und einem Jägerhut mit Spielhahnfeder entgegen. Sie begrüßten sich, plauderten eine Weile miteinander und trennten sich dann, wobei der Mann mit der Spielhahnfeder auf Andreas Aust deutete, ausdrückend, er hätte mit dem Bezeichneten etwas zu bereden.

Der Fremde lachte spöttisch, dann ging er zu den Schuppen, wo er vor einem Stapel kyanisierter Eichenholzschwellen stehenblieb.

Der Mann mit der Spielhahnfeder, der eilfertig und mit einem 197 großartig freundschaftlichen, ja brüderlichen Lächeln auf Andreas Aust zukam, war Veit Huß, sein Schwager, Sägemühlenbesitzer und Holzhändler, ein Mann in mittleren Jahren mit einem ein wenig gedunsenen Gesicht, stechenden nackten Augen, kleinem Mund und einer platten Nase.

»Vater«, sprach Peter und zog den Förster am Rockärmel, »Onkel Huß kommt.«

Ja, Onkel Huß kam, sicher war er hocherfreut, Schwager und Schwägerin und die Kinder zu sehen, wie hätte er sonst so gewinnend und über alle Maßen herzlich lächeln, wie hätte er so beide Arme breiten können, um auf die Wäldler zuzukommen, alles in allem ein prächtiger Mensch, ein guter Mensch, eine Seele von Onkel und Schwager, seht doch nur diesen Komödianten!

»Da seid ihr also wieder glücklich aus der großen Welt zurück«, polterte er los und streckte Gertrud die Hand hin, »der Vater war schon ordentlich unruhig, was Andreas, hab' ich recht oder nicht? Na ja, nun ist alles wieder in Blei und Wasser. Eine verfluchte Zeit, hab' ich recht, aber was soll euch passieren, ha ha. Da habt ihr jetzt den alten Urgroßvater unter die Erde gebracht, ist hübsch betagt geworden, wie alt war er doch gleich, Gertrud?«

»Einundneunzig Jahre«, antwortete Gertrud still und schaute mit einem ängstlichen Blick auf ihren Mann, der ein wenig abseits stand und die Brauen zusammenzog.

»Richtig, einundneunzig, Potz Blitz, da haben wir längst ins Gras gebissen, was, Andreas, hab' ich recht oder nicht?«

Und er schlug Andreas mit der flachen Hand auf die Schulter. Der Förster zuckte zusammen, hob den Blick zu dem Schwadronör und nickte leicht mit dem Kopf.

»Wer ist denn der Mensch, mit dem du eben geredet hast?«

»Was für ein Mensch – ach so, du meinst – – richtig, das ist ein französischer Ingenieur, monsieur Laroche, ein Sachverständiger, verstehst du, hauptsächlich in Fragen der Bauholzverwertung. Du weißt ja, Schwellen und Masten, Holzbrücken und Pfahlrostbau.«

»So so, ein französischer Sachverständiger? Wie kommt er denn eigentlich zu uns?«

»Na ja, die Direktion hat ihn eingeladen, er soll gutachten über die Verwendung aller Holzkonstruktionsteile, du verstehst doch, die Leute besitzen Erfahrungswerte, ihre empirischen Ergebnisse – – 198 er ist auch Spezialist für die neuere Kyanisiermethode. Hat übrigens die Bahn Paris–St. Germain gebaut, ein flotter Bursch, was?«

»Ich kenne ihn nicht, Veit. Ihr macht jetzt ja alles aus Holz, seit die Eisenpreise so gesunken sind, da wird er wohl in Speyer auch wieder Vorschläge über die Verwendung von Hölzern machen.«

»Na natürlich, selbstverständlich, er und ich, wir sind Sachverständige. Warum machst du denn so ein brummiges Gesicht?«

»Das kommt mir sonderbar vor.«

»Was denn bitte, wieso denn? Drücke dich bitte ein wenig deutlicher aus.«

»Mir kommt sonderbar vor, daß du dir noch einen französischen Sachverständigen hast kommen lassen.«

»Ich?! Wieso denn ich?! Was willst du damit sagen?«

Andreas Aust antwortete nicht gleich, er schaute zu Boden und scharrte mit der Stiefelsohle nach Steinchen, die ihm hier peinlich im Weg zu liegen schienen. Dann wandte er sich an seine Frau, griff sie am Arm und sprach ohne Erregung: »Geh mit den Knaben hinüber zum Wagen, Gertrud, und schau nach den Pferden, ich komme gleich nach.«

Gertrud warf ihm einen flehenden Blick zu und schickte sich an, zu gehen.

»Na denn also adiö Gertrud, ich denke, wir werden uns demnächst näher über den Urgroßvater unterhalten. Da gibt's doch, ha ha ha, gewiß eine ordentliche Fuhre voll zu erben, hab' ich recht, ha ha ha!«

Sie ging mit den Knaben nach der Speyerbachbrücke und blieb dort bei den Pferden stehen, die Knaben brachten das Gepäck im Rücksitz unter und kletterten in den Jagdwagen.

»Zwei prächtige Jungen, Andreas, man kann dir gratulieren, wirklich zwei Staatskerle. Aber ihr hättet doch bei uns drüben erst mal Kaffee trinken sollen. Was soll ich sagen, meine Frau hätte sich gefreut; doch, Andreas, du darfst es mir glauben, Martha ist rein vernarrt in die Buben. Willst du eine Zigarre rauchen, bitte, bediene dich – –«

»Danke. Wirklich, ich danke. Du hast so eine Art, einem den Faden abzuschneiden.«

»Welchen Faden denn, Schwager?«

»Sag' nur nicht immer Schwager. Du weißt doch genau, wie der Hase läuft.«

»Hase?! Was für ein Hase zum Donnerwetter?«

199 »Mit deinem Geschwätz! Du hast in Speyer doch durchgesetzt, daß für die Querschwellen Eichenholz verwendet wird.«

»Natürlich, weil es besser ist, weil es eine größere Betriebssicherheit gewährleistet!«

»So! Woher weißt du denn das?«

»Erfahrungen, lieber Schwager. Drüben im Badischen – –«

»Im Badischen haben sie keine eichenen Schwellen mehr.«

»So?!«

»Im Badischen haben sie sogar beim Langschwellensystem Forlenholz verwendet, nur ein kleiner Teil ist aus Eiche. Auch die Querschwellen, die zur Versteifung –«

»Potz Haubitzenschlag, ich staune, wie gut du mit einemmal unterrichtet bist! Erst wünschst du sämtliche Donnerwetter auf die Eisenbahn herunter, und jetzt – –«

»Bleibe bei der Sache, Holzhändler. Du weißt, daß wir in unseren pfälzischen Wäldern zur Zeit die Eichen schonen müssen. Die Folgen der Wälderverwüstungen vom Korsenkaiser her machen sich in unsern Eichenbeständen und überhaupt in den ersten Bodenklassen heute noch in der schlimmsten Weise bemerkbar.«

»Der Unterbau unserer Bahn – –«

»Rede nicht vom Unterbau und von unserer Bahn. Du hast die Eichenschwellen durchgesetzt, weil du im Einkauf mehr verdienst und weil du auch im Schnitt mehr verdienst. Vom Abfall, der bei Eiche größer ist, ganz zu schweigen.«

»Der Preisunterschied ist nicht so groß wie du dir vorstellst. Ich habe als Sachverständiger auf Ehr' und Gewissen – –«

»Laß das Gewissen aus dem Spiel. Das ist ja das Schändliche, daß du wegen dieser kleinen Preisdifferenz die tiefere Ursache bist, daß unsere Wälder wieder einmal geschändet werden.«

»Was weißt du von Schwellenpreisen!«

»Ich weiß genau, wieviel Schwellen du selber einschneidest, nicht hier in deiner Mühle, aber in der Mühle drüben im Schwarzbachtal, die du dazugekauft hast, weil du nicht mehr weißt, wo du all das Geld unterbringen sollst, das du beim Bahnbau verdienst.«

»Andreas, mische dich nicht in meine Geschäfte.«

»Deine Geschäfte sind vor dem sogenannten Gewissen nicht ganz sauber. Zugestanden, du bestiehlst niemand, aber mir ist mancher Dieb lieber. Halte mich nicht für einen Dummkopf. Ich weiß auch, wieviel zugerichtete Röste und wieviel Rostpfähle du auf Umwegen lieferst, 200 alles in Eichenholz, obwohl ein sorgfältig kyanisiertes Kiefernholz fast genau so gut wäre; obwohl wir genügend gelagerte Kiefer besitzen, die Eichen aber geradezu vom Stock weg zur Verwendung kommen.«

»Ich habe nie gewußt, daß du solche Spitzel hast.«

»Wenn es an das Leben der Bäume geht, ist mir jedes Mittel recht. Die Bahn kauft den Kubikmeter Eiche mit fünfzehn Gulden, die Kiefer mit elf Gulden. Eine Eichenschwelle kostet fertig zugerichtet zwei Gulden vierzehn Kreuzer, eine Kiefernschwelle einen Gulden zweiundfünfzig Kreuzer.«

»Du hast dich am Ende um Zimmermannsarbeiten bei der Ludwigsbahn beworben.«

»Kein Gewäsche. Ich kenne deine Hintermänner bei der Direktion und der technischen Zentralstelle nicht, ich weiß nur, daß du sogar für Eichen einen Überpreis herausgequetscht hast und daß in Gemeindeforsten die besten jungen Eichen eurer verfluchten Mammonsucht wiederum zum Opfer fallen. Ich aber werde meine Bäume zu schützen wissen.«

»Ha ha ha, deine Bäume! Der Gottvater über alle Bäume, was? Du bist ein Phantast.«

»Was bin ich?«

»Ein Schwärmer bist du, nichts als ein Schwärmer. Der Herrgott läßt die Bäume schon selber wachsen, du brauchst ihm nicht ins Handwerk zu pfuschen. Ihr seid schon die Übergescheiten mit eurer Forstwirtschaft. Nur immer Reinbestände und einfache Mischbestände. Wir haben viel zu wenig Mittelwaldbetrieb in der Pfalz, damit du's nur weißt, Schwager.«

»Rede du nicht von Mittelwald, wo dir nichts heilig ist an der Natur. Seit Menschengedenken werden bei uns die Wälder geschändet, der Waldfrevel ist nirgends schamloser, als in der Pfalz. Man hat nur immer Mühe, das wieder gutzumachen, was von euch verdorben wird.«

»Von uns?! Von uns, sagst du?! Rechnest du mich am Ende auch zu den Waldfrevlern?«

»In gewissem Sinne ja, wenn auch nicht zu denen, die man hinter Schloß und Riegel bringen kann.«

Veit Huß ging einen Schritt vor und blieb dicht vor dem Förster stehen, er bohrte beide Hände in die Hosentaschen und wippte mit dem einen Bein.

201 »Du, laß dir's gesagt sein, so was verdaue ich schlecht; ich verstehe viel Spaß, wenn du mir aber so kommst, kann ich verflucht ungemütlich werden.«

»Vor deiner Ungemütlichkeit ist mir nicht bange. Ich sage dir nur eins, wenn du dir jetzt auch noch einen französischen Ingenieur zum Sachverständigen verschrieben hast, dann scheint es doch wohl faul mit deiner Zuversicht zu sein. Muß bei uns der Franzos überall seine Nase drinnen haben? Zuletzt treibt er doch nur Spionage.«

»Spionage? Bist du denn verrückt? Wir dürfen Gott danken, daß die Franzosen uns ihre technischen Erfahrungen so bereitwillig zur Verfügung stellen.«

»Bereitwillig? Ich habe den Franzosen nur immer bereitwillig gesehen, wenn es im Hintergrund irgend etwas zu schnappen gab. Ich will nichts zu tun haben mit den Welschen.«

»Weil du ein Starrkopf bist, einer, der sein ganzes Leben lang im Walde hockt, den Riecher nie hinausstreckt ins Leben, und die neue Zeit wie ein schläfriger Kater an sich vorbeistreichen läßt. Natürlich, wenn du immer in der Haingeraide drinnen steckst, wirst du keinen Begriff vom Geist unserer Tage bekommen.«

Der Förster Andreas Aust verzog den Mund und machte mit der Hand eine wegwerfende Bewegung.

»Mit deinem Zeitgeist, geh zum Henker mit ihm. Keine halbe Stunde ist es her, da habe ich deinen Zeitgeist hier gesehen. Geschwätz und Getöse und rote Fahnen, damit wollen sie die Welt verbessern.«

»Das verstehst du nicht. Der frische Wind aus Frankreich wird den Staub aus den Ecken fegen. Wir müssen stolz sein, daß gerade von uns Pfälzern die Freiheitsbewegung ausgeht. Du sollst mal sehen, wie jetzt den Reaktionären die Hüte von den Köpfen fliegen.«

Andreas Aust lachte, er nahm den Hut ab und fuhr sich durch die Haare; welch ein Schwätzer und Dunkelmann war sein Schwager.

»Meinst du?« antwortete er und schaute ihn spöttisch an, »du bist wohl auch unter die Jakobiner gegangen? Ich habe schon so etwas läuten hören. Bei den Radikalen glaubst du vielleicht jetzt im richtigen Lager zu sein, deine Krämerseele hat gute Witterung.«

»Die Bayerischen müssen zum Teufel und alle reaktionären Fürsten dazu.«

»Du vergißt aber, daß dein gerühmter Bahnbau, bei dem du dir die Taschen füllst, nur durch die bayerische Zinsgarantie möglich war, von dem Prioritätsanlehen von 800 000 Gulden gar nicht zu reden.«

202 »Da hast du mal was Verkehrtes läuten hören. Das Prioritätsanlehen bezog sich nur auf Erweiterungsbauten. Wir brauchen kein Geld von München. Wir brauchen aber unsere Freiheit, die jetzt wieder von den Fürsten sabotiert wird. Und darum gibt es Revolution, denn die Revolution ist das einzige Mittel, um dem Volk sein Recht zu verschaffen. So denkt das ganze Pfälzer Volk, nur einige reaktionäre Dickschädel denken anders.«

»Geschwätz und immer nur Geschwätz. Wenn ich auch hinten in meinen Wäldern hocke, wie du sagst, so weiß ich doch etwas anderes vom Pfälzer Volk. Nämlich, daß es seine Ruhe haben, daß es seine Äcker und Wingert pflanzen, seine Wiesen wässern und seine vogelfreien Wälder ausbauen will. Ein Narr, wer sich einbildet, der schlaue Pfälzer wolle eine solche Revolution. Ich will dir sagen, wer den Aufstand will: ein paar Schwärmer und Idealisten, um sie ist es schade, denn ihre Idee macht sie blind; ein paar Parteifanatiker, sie brauchen den Aufruhr aus parteipolitischen Gründen, sie müssen ihre Daseinsberechtigung nachweisen; ein paar Schwindler, sie füllen sich die Taschen, sie fischen im Trüben, sie nützen Verblendung und Kopflosigkeit aus, um ihre bösartigen Fallen zu stellen; und zuletzt ein paar Abenteurer, Vaterlandslose, einige Landsknechte und Unruhestifter, Menschen, die neben der Ordnung hergehen und nur zwischen Krawall und Demonstrationen, zwischen Lagerleben und Barrikadenbau lebensfähig sind.«

Veit Huß wechselte die Maske, er wurde plötzlich wieder der Lächler, der großartige, joviale Schwager, der Teufelskerl.

»Donnerwetter«, rief er und schlug schon wieder mit der Tatze nach des Försters Schulter, »so habe ich dich noch nie reden hören. Ehrenwort, du solltest nach Kaiserslautern, auf die Tribüne, du würdest die Reaktion durchdrücken, hab' ich recht oder nicht, ha ha ha?«

»Ich bin nicht zum Politiker geboren – –«

»– – weiß der Henker, nein –«

»– – ich weiß aber, daß auf diesem Wege nichts zu erreichen ist, und daß zuletzt wieder das Volk und die Wenigen, denen es ehrlich war mit ihrer Freiheitsidee, daran glauben müssen, während die Dunkelmänner über die Grenzen gehen. Landesverteidigungsausschuß; meinetwegen, ich sage nur, wenn ihr den Boden des Rechts verlaßt, seid ihr selbst verlassen.«

»Hohoo, jede Revolution verläßt den Boden des bestehenden Rechts.«

203 »Meist aber unter anderen Voraussetzungen, und auf einem festeren Fundament stehend, schon vor dem Umsturz des Bestehenden. Wer aber selbst wackelt, soll Wackeliges nicht stürzen wollen.«

»Das sind verfluchte Wälderweisheiten.«

»Nein, das ist nichts als gesunder Menschenverstand. Und jetzt muß ich machen, daß ich nach Hause komme, ich rede doch nur gegen den Wind. Du trägst hier, wie ich sehe, die schwarzrotgelbe Kokarde, ich vermute, daß ich demnächst auch die rote bei dir sehe. Ich stelle übrigens fest, daß dir Bartstoppeln wachsen, ich werde dir bald zum Bart gratulieren können. Lustig, wenn die politische Gesinnung an den Haaren zu erkennen ist. Gehst du denn nicht nach Kaiserslautern?«

»Natürlich gehe ich morgen nach Lautern, du solltest auch – –«

»Ich bin überall lätz, wo es laut hergeht, ich bin zu sehr an die Stille gewöhnt. Adiö denn und nichts für ungut, wenn ich ein bissel hart mit meinen Worten war.«

»Wollt Ihr wirklich nicht mal einen Sprung zu Martha hinein, sie wird es Euch verübeln – –«

»Das nächste Mal, Veit, wir wollen vor Abend zu Hause sein.«

»A propos, Andreas, warte mal; ich meine, wegen der Eichen wollte ich noch sagen, ich meine, du bist doch schließlich nicht für alle Eichen verantwortlich, die im Pfälzer Wald wachsen, hab' ich recht? Du hast doch nicht nötig, jedem Baum nachzuweinen. Vergiß nicht, daß ich in Speyer manches gute Wort für dich – –«

»Ich brauche deine guten Worte nicht, sie riechen mir zu schlecht. Ich gebe dir nur den guten Rat und bitte dich sogar, die Hände jetzt weg von unseren Eichenbeständen, ich werde nichts unversucht lassen, um unsern Wald vor unsauberen Machenschaften zu schützen.«

»So? Na, meinetwegen. Ein Glück nur, daß du uns nicht viel dreinzureden hast. Die Renitenten kann man durch Nachfolger ersetzen, vergiß das nicht.«

»Recht muß Recht bleiben.«

Sie gingen auseinander, der Sägemüller machte ein paar Schritte, dann drehte er sich um.

»Wir machen Revolution, Andreas! Geh' du hinter den Mond!«

Veit Huß rief es dem Förster noch nach, als der schon über den Bauschutt hinüber nach der Brücke ging. Und Andreas Aust, im Gehen sich umwendend, rief zurück: »Schon recht, aber hinter einer Revolution muß ein Volk stehen, wenn sie nicht in der Elendgasse enden soll!«

Der Sägemüller stand mit gespreizten Beinen da, die Hände in den 204 Taschen und den Hut mit der Spielhahnfeder in die Stirn geschoben. Er wippte mit einem Bein und biß sich in die Unterlippe.

»Verfluchter Dickschädel und Moralheld!« murmelte er vor sich hin, zog eine Hand aus der Tasche und fuhr sich über den Bart. Richtig, hier waren Stoppeln, ein Bart war im Entstehen, der elende Leisetreter sah auch alles mit seinen grauen Katzenaugen.

Veit Huß pfiffelte erregt vor sich hin, als er sah, wie der Förster sich drüben auf den Kutschbock schwang, in die Zügel griff und mit dem kleinen Wagen in munterem Trab davonfuhr.

›Fahre zur Hölle‹, dachte er und schaute ihm nach, bis das Gefährt um eine Wegbiegung verschwand. ›In die Hölle! Weiß nichts besseres zu tun, als um seine Eichen zu jammern. Geschäft war Geschäft, man mußte die Konjunktur ausnützen, die Schlafmützen kamen auf keinen grünen Zweig.

Eichen! Himmelherrgott, war er für den Pfälzer Wald verantwortlich, hee? Stahl er etwa die Bäume, kam er irgendwie mit dem Code in Konflikt? Bestimmten nicht die Regierung und die Gemeinden, welche Bäume zu fällen waren? Zugestanden, das Gesetz war locker, aber war das etwa seine Schuld? Sachverständiger. Gutachten. Außerdem gab es genug Eichenholz, aber der Wäldernarr schrie Zeter und Mordio bei jedem Hieb, in die Hölle mit ihm! Eichen. Dreihundertjährige Umtriebszeit. Vogelfreier Wald. Anderswo, in Amerika drüben, jawohl, überm großen Wasser, da schlugen sie die Wälder kurz und klein, um nutzbaren Boden für Siedler zu bekommen. Wo das eine leben will, muß das andere sterben. Hie Wald, hie Bahnbau. Die Bahn will leben, die Eichen müssen sterben, ha ha ha.

Mehrverdienst von 83 Kreuzern bei einer einzigen Querschwelle, von den Pfahlrosten gar nicht zu reden.

Ganz nebenbei: politisch mußte man sich jetzt stark links orientieren, die Donnersberger rückten auf, die Neustadter Kommunisten hatten eine deutliche Sprache geredet.

Politik hin, Politik her, ein Bart kann nur meine Männlichkeit unterstützen, mit der roten Kokarde will ich noch etwas zuwarten. Rot ist eine gefährliche Farbe.‹

Er machte einige Schritte und schaute sich nach dem französischen Ingenieur um. Er pfiffelte in die Luft und blieb dann wieder stehen und hing einem Gedanken nach.

A propos, provisorische Regierung, Augenblick mal: wenn in Lautern der Schlag mit der provisorischen Regierung durchgedrückt wurde, 205 dann hatte die Forstkammer in Speyer nichts mehr zu sagen, dann bestimmte das Provisorium. Natürlich, dann bestimmte das Provisorium auch, welche Zusatzhiebe zu machen waren. Es galt, die Augen auf und die Ohren steif zu halten, unter Umständen war in kurzer Zeit, und ohne daß man viel Schweiß verlor, eine Handvoll blanke Gulden zu verdienen.

Keine Bange, der liebe Gott würde die Eichen wieder wachsen lassen.

Worauf kam es denn überhaupt an bei solchen Stoßgeschäften? Darauf: im rechten Augenblick bei der Hand zu sein und nicht sentimental zur werden. Und obendrein der Sache ein solches Gesicht zu geben, als ob man patriotisch gehandelt hätte und als ob gegenteiliges Handeln Volksverräterei gewesen wäre.

Ha ha ha, wo zum Teufel war denn der Franzos?

Er schaute sich um, aber der Sachverständige war nicht zu sehen. Da ging Veit Huß die Straße entlang zur Sägemühle. Am Eingang zum Garten sah er den Franzosen bei seiner Frau stehen.

Als der Sägemüller auf sie zukam und ihm beide das Gesicht zuwandten, überkam ihn eine merkwürdige Vorstellung, fast war ihm, als ob diese Gesichter zusammengehörten, ja, als ob sie einander ähnlich wären, sie waren wie von einem unsichtbaren Rahmen umgeben.

Huß kam schmunzelnd näher, er hatte allen Unmut schon wieder in sich vergraben, er wurde beweglich und liebenswürdig und war zu Scherzen aufgelegt.

»Ma foi«, rief er, »wie Bruder und Schwester!«

Sie gingen in den Garten, in dem ein Junge sich umhertrieb und die Beete zertrampelte. Er war der Sohn der Sägemüllersleute, ein hochaufgeschossener Bub von zwölf Jahren mit brandroten, steifen Haaren und abstehenden Ohren, das Gesicht über und über mit Sommersprossen bedeckt.

Er brachte einen toten Vogel, den er mit der Schleuder geschossen hatte.

»Hast du schon wieder einen Vogel umgebracht?« schalt Frau Martha erregt.

Sie nahm ihm den Vogel ab, zog den Schützen an den roten Haaren und jagte ihn fort. Der Knabe ging, vorher schickte er einen tückischen Blick auf seine Mutter, dann stelzte er auf seinen langen, dürren Beinen davon.

»Wo der Junge das nur her hat?« sprach Frau Huß, »Vögel fangen und töten, und Eidechsen und Frösche, alles macht der Junge tot, überall stehen Vogelfallen.«

206 »Laß ihn«, antwortete Huß, »er wird sich das von selbst abgewöhnen.«

»Nein, das wird er nicht. Und überall muß er Feuer machen; wo er kann, brennt er sich ein Feuerlein an, er zündet uns noch das Dach überm Kopfe an.«

Martha Huß schaute den Franzosen an, ihr dunkler, samtener Blick glitt über seine ganze Gestalt, er lächelte ihr verbindlich zu, es war, als ob sie einander verstünden. In der Tat konnte auch, wer genau beobachtete, eine verborgene Übereinstimmung feststellen, der Franzose hatte die gleichen dunklen Augen, vorsichtig im Schauen und das Geschaute mißtrauisch abwägend, er hatte auch die gleichen Haare, fast schwarz und mit einem stahligen Glanz.

»Deine Schwester ist zurückgekommen, mit den beiden Knaben, der Schwager hat sie abgeholt.«

»Ich habe sie gesehen.«

»Sie haben es vorgezogen, gleich nach Hause zu fahren.«

»O, votre soeur?« sprach der Franzose und zog schnüffelnd Luft durch die Nase, »aber nix ähnlich, swei Schwester très différent

»Wir haben auch so keine Berührungspunkte«, antwortete Frau Martha.

»A la la, nix gutte Freund?«

»Nein, nix gutte Freund.«

»Die Errschaften aben mit mir in der Diligence gewesen. Les sansculottes aussi.«

»Sansculotten?« rief Huß lachend, »Freiheitskämpfer, monsieur Laroche, Sie werden noch Ihr Wunder erleben. Wir haben etwas gelernt von den Franzosen.«

Laroche lächelte verbindlich.

»Oh, Sie aben gelärnt? Ick versicker Sie, daß Sie aben nix gelärnt.«

»So? Das wird sich zeigen, es gibt bald eine kleine Treibjagd in der Pfalz und in ganz Deutschland.«

»In ganz Deutschland? Je n crois pas, monsieur Uss.«

»Mein Mann redet das nur so hin«, sprach Frau Martha, »er ist kein Revolutionär, er tut nur so.«

»Du wirst dich vielleicht noch vom Gegenteil überzeugen.«

»A la la la«, spöttelte der Franzose, »voyez, un petit Robespierre! Non non, eine Revolution aben andere Visage. Monsieur Uss, was wollen diese Leute? Sie wissen das selber nix.«

207 »Die deutsche Freiheit.«

»O c'est beaucoup.«

»Und die deutsche Einheit.«

»Einheit?! C'est l'unité, je comprends.«

»Die Fürsten raus, die Pfaffen raus!«

»Tenez, monsieur Uss, Sie sagen unité? Aber der unité wollen sie schon viele undert Jahre.«

»Veit«, sprach Frau Martha, »du redest nur so in den Wind hinein, du solltest nicht über Politik sprechen.«

Huß schaute seine Frau bösartig drohend an, gleich darauf lächelte er schon wieder.

»Politische Führer tauchen plötzlich auf.«

»Aus unserer Sägemühle kommt keiner.«

»Du traust mir nicht viel zu?«

»O doch.« Das sprach sie sanft, aber mit versteckter Bosheit. Sie hob dabei ein wenig den Kopf und ließ langsam die Lider über die Samtaugen fallen, als ob sie ein Bild, das sie in Gedanken sähe, nicht durch die Schau der wirklichen Umwelt stören dürfte.

Den Franzosen beschäftigte der Begriff der deutschen Einheit, das Wort war ihm irgendwie verhaßt. Eine unbestimmte Gefahr ging von dem Wort deutsche Einheit aus, es klang wie eine Drohung.

»Mon petit Robespierre, Sie wollen macken in der Pfalz die deutsche Einheit?«

»Zuerst wird eine provisorische Regierung gebildet. Und dann werden rote Bataillone rekrutiert.«

»Et alors?«

»Dann geht es gegen die Preußen und Bayern.«

»C'est l'unité?«

Frau Martha Huß wandte sich ab, ihr war das Gerede langweilig, mußte ausgerechnet jetzt ihr Mann kommen und von Revolution reden, wahrhaftig, er hatte schon Bartstoppeln, pfui Teufel, bei diesen rötlichen Haaren.

Warum habe ich denn, um alles in der Welt, diesen Mann geheiratet, zuckte es durch ihre Gedanken; ich verkomme und verelende noch bei der Krämerseele. Was habe ich denn von ihm? Nichts als verdrießliche Stunden und einen Jungen mit roten Haaren und Sommersprossen, einen Jungen, der Vogelfallen stellt und Feuerlein anzündet, und der auch noch boshaft und feige ist.

»Ich gehe«, sprach sie angeekelt, »wenn von Politik geredet wird, 208 bin ich falsch am Platze. Bleiben Sie, monsieur Laroche, wenn Sie nachher Lust haben, bei uns Kaffee zu trinken, soll mich das freuen.«

Sie ging eilig fort, innerlich erregt und ergrimmt, eine Unruhe hatte sie erfaßt, über die sie keine Gewalt mehr hatte.

»Mein Mann ist mir so zuwider«, murmelte sie vor sich hin, »mein Mann und der Junge und alles, was ich sehe und rieche und fühle hier; alles ist mir bis in die Seele zuwider.«

Sie ging in ihr Zimmer hinauf, setzte sich ans Fenster und legte beide Arme breit auf die Fensterbank. Das Kinn stützte sie auf die gefalteten Hände, und so starrte sie durch das offene Fenster in die Wälder hinaus.

Monsieur Laroche, den mit einem Male die politische Bewegung stärker zu beschäftigen schien, sprach zu Veit Huß ein paar bedeutungsvolle Worte.

»Serr gutt, sage ick, la liberté! Mais l'unité, c'est dangereux.«

»Warum denn gefährlich?«

Laroche zog schnüffelnd Luft durch die Nase, er hob den Kopf und ließ langsam die Lider über die dunklen Augen fallen, als ob er ein Bild, das er in Gedanken sähe, nicht durch die Schau der wirklichen Umwelt stören dürfte.

›Mein Gott‹, dachte Veit Huß, ›genau so macht es meine Frau!‹

»L'unité des Allemands«, sprach Laroche flüsternd, »c'est la mort des Français!«

 

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