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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Schwärmer / Schwindler
Sensenmänner

In den Monaten Mai und Juni des Jahres 1849

1

An einem hellen Maitag des Jahres 1849 gegen vier Uhr nachmittags fuhr die Eilpost, die eine Verbindung zwischen den beiden neuen Bahnhöfen Neustadt und Frankenstein herstellte, durch das vielfach gewundene Engtal in der Richtung Weidenthal. In dem mit vier Pferden bespannten neumodischen Postwagen, der geschäftig die holperige Straße bezwang, saßen sechs Fahrgäste, nämlich eine Frau in mittleren Jahren mit zwei Knaben im Alter von fünfzehn und siebzehn Jahren, weiterhin drei Männer, von denen zwei, eifrig und erregt politisierend, zusammengehörten, während der dritte Fahrgast, ein etwas seltsamer Mensch mit langem Gesicht, gelblicher Hautfarbe und dunklem Haarwuchs, still und mit einem lauernden Glanz in den Augen dasaß und auf die stürmischen Reden der beiden Heißsporne hörte.

Es kann nun gesagt werden, daß die beiden Weltverbesserer, von denen, wie aus ihren Reden hervorging, der eine Schlinke, der andere Kaiser hieß, in der Tat über außerordentlich wichtige Dinge sich unterhielten; die des Zuhörens wohl wert waren; denn es handelte sich nicht um hausbackene Angelegenheiten, vielmehr um wohlabgewogene umstürzlerische Pläne, Revolutionen sogar, um Aufstellung eines Landesverteidigungsausschusses, Bildung von Volks- und Bürgerwehren, Vertreibung der partikularistischen Fürsten und endlich gar um Freiheit und Gleichheit, um Blut und Gut und um die sogenannten fünfzig Grundrechte des deutschen Volkes.

Ja, es waren keine Geringfügigkeiten, die zur Verhandlung standen, die strittigen Punkte schienen wohl dazu angetan, die Temperamente zu entfesseln, wie denn vornehmlich dieser Herr Schlinke sich berufen fühlte, dem pfälzischen Volk auf irgendeinem revolutionierenden Weg, einen regelrechten bewaffneten Aufstand nicht ausgeschlossen, zu seinem Rechte zu verhelfen.

Was, ganz kurz gesagt, stand auf dem Spiel? Die Souveränität des Volkes, die in Jahrzehnten geborenen freiheitlichen Errungenschaften.

Schlinke, der sich recht wie ein Jakobiner gebärdete, wühlte beim Reden unaufhörlich in seinem Bart. Er trug, nicht anders als Kaiser, den üblichen Heckerbart. Dieser Bart dokumentierte eine Gesinnung, er war wie ein Wappenschild und trug in seinem krausen Wuchs eine symbolhafte Bedeutung, Freiheit, Gleichheit, Sozialismus und alle jene schwärmerischen politischen Begriffe, die der Revolutionswind 186 vom Westen, wie schon so oft in dieser Grenzmark, verheißungsvoll herübergeweht hatte.

Wer war nun eigentlich die Frau, die mit den zwei Knaben gegenübersaß und nicht ohne innere Bangnis auf das kriegerische Gehabe der beiden Freiheitshelden hörte?

Sie wandte manchmal den Kopf, schaute durch das Fenster hinaus und zeigte, durch die Gangart des Wagens in leicht schaukelnder Bewegung gehalten, den Knaben die Baustellen der neuen Eisenbahnlinie, die den Anschluß zwischen Neustadt und Frankenstein herstellen sollte und ihrer endgültigen Vollendung entgegenging.

Die Kühnheit dieser Trassenführung war in höchstem Maße bewundernswert, ja, sie war selbst kein kleines technisches Wunder, brachte sie doch über zahlreiche Viadukte und schwindelnde Brücken und durch nicht weniger als zwölf Tunnel den Reisenden an sein gewünschtes Ziel und stellte die größte Leistung des Herrn von Denis dar, jenes berühmten Bahnbauers, der auch die erste deutsche Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth erbaut hatte.

Die Frau also, schwarz gekleidet und von schlichtem Wesen, dem Alter nach etwa fünfunddreißig Jahre, war Gertrud Aust, eine Försterfrau aus den Haingeraidewäldern, wohnend in einem Försterhof in der Nähe des Gaiskopfes, einer recht einsamen und weltabgeschiedenen Gegend im Herzen des Pfälzer Waldes. Ihr Mann, der Förster Andreas Aust, entstammte jener alten Familie der Aust; seine früheren Vorfahren waren schon Förster gewesen, wer weiß, wie lange dieser Stamm von Wäldermenschen zurückreichte in die grauen Schluchten der Vergangenheit.

Mag auch die Geschichte dieser Vorfahren im Augenblick bedeutungslos sein, so soll doch vom Schicksal der Eltern hier kurz berichtet werden. Diese nämlich kamen im harten Winter 1813/14 beim Rückzug der gestrandeten Großen Armee auf schändliche Weise ums Leben. Von streifenden Soldaten erschlagen, fand sie ein französischer Flüchtling, ein Douanier mit Namen Martin Laroche, vor dem ausgeplünderten Haus im furchtbaren Fackelschein der brennenden Wälder. Mit diesem Franzosen Martin Laroche hatte es selbst wieder eine besondere Bewandtnis. Um seinen Verfolgern zu entgehen, legte er sich den Namen des erschlagenen Försters bei, blieb auf dem geplünderten Wälderhof und lebte dort einige Tage mit einer gewissen Magdalena, geborene Seffrin, zusammen, einer Frau, die vor der garde mobile der Franzosen geflohen war und sich, ihr kaum zweijähriges Kind 187 zurücklassend, in die dichten Wälder der Haingeraide verkrochen hatte. Wenige Tage vorm Jahreswechsel war ein siebenjähriger Knabe in der Öde des Wälderhofes aufgetaucht, dieser Knabe war Andreas Aust, der Sohn der erschlagenen Försterleute. Martin Laroche wurde entlarvt und floh weiter nach Frankreich zurück, die Frau Magdalena aber gebar bald darauf ein Mädchen, das welschen Geblütes war und auf den Namen Martha getauft wurde. Die Mutter Magdalena starb bei der Geburt des Kindes.

So wuchsen drei Waisen auf, nämlich die Kinder der Magdalena, deren Mann in den Schneewüsten Rußlands geblieben war und Andreas, der Sohn der ums Leben gekommenen Förstersleute. Martha, die Tochter des Franzosen Martin Laroche, heiratete mit zweiundzwanzig Jahren den Holzhändler und Sägewerksbesitzer Veit Huß, der aus Erlenberg stammte.

Gertrud, die rechtmäßige Tochter der Magdalena, heiratete mit zwanzig Jahren den jungen Förster Andreas Aust, jenen Knaben, der damals über die Brandstätten der Wälder nach Hause gekommen war.

Da saß nun Frau Gertrud Aust, eine stille und anmutige blonde Frau mit grauen Augen und einem erstaunt fragenden Gesichtsausdruck, da saß sie mit ihren zwei Söhnen in der prachtvollen Postkutsche und fuhr das Neustadter Tal entlang.

Es war keine gewöhnliche Fahrt, nein, sie gestaltete sich recht abenteuerlich und romantisch, denn die Straße kreuzte sich manchmal mit den Baustellen des neuen, eisernen Verkehrsweges, sie führte durch Unterführungen und über Brücken, ja, sie lief manchmal unmittelbar über die Schienenanlagen und über den ganzen Bahnoberbau hinweg und hatte dann wieder den Wiesenbach zur Seite, kurz, es gab genug des Staunens, namentlich für die Knaben, die denn auch vollauf beschäftigt waren, alle die Wunder und den stürmischen Geist der neuen Zeit zu fassen und auf ihre Weise zu deuten.

Es war ein Spiel der Phantasie, woran die beiden politischen Helden Schlinke und Kaiser keinen Anteil hatten, da sie vollauf mit der Wucht ihrer Ideen beschäftigt waren und somit weder für das technische Wunder des Herrn von Denis, noch für den jubilierenden Maientag ein Verständnis aufbrachten.

Dem Gespräch war zu entnehmen, daß sie nach Kaiserslautern zu einer entscheidenden Versammlung fuhren, auf der es stürmisch herzugehen versprach, und wo gewißlich manch ein bedeutender Kopf über ebenso bedeutende Dinge sich auslassen würde. Der Nikolaus Schmitt, 188 Herausgeber der Zeitung »Bote für Stadt und Land«, eine sehr radikale Natur, außerdem Frankfurter Parlamentsmitglied, arbeitete in gewaltigen Presseaktionen auf die Revolution hin. In seiner, durch die Pressefreiheit geschützten Zeitung erschien auch der Aufruf, der vom Ausschuß der pfälzischen Volksvereine ausging und zur großen Massenversammlung nach Kaiserslautern einlud.

Schlinke zog gerade dies zerknitterte Zeitungsblatt hervor und las Kaiser, dem übrigens ab und zu vor Müdigkeit die Lider über die rotumränderten Äuglein fielen und der, es darf ruhig gesagt werden, den Eindruck machte, als ob er nicht mehr ganz nüchtern wäre, las ihm also einzelne Stellen aus diesem Aufruf vor, die Kaiser mit eifrigem Kopfnicken bejahte und durch Fäusteballen bekräftigte.

Um zu erkennen, worum es sich nun eigentlich bei der geplanten Revolution handelte, scheint es das beste, die flammenden Worte des Aufrufes hier selbst sprechen zu lassen, sie werden zur Genüge dartun, daß es wieder einmal um die Einheit des Reiches und um die Freiheit seiner Bewohner ging, und daß die ewige deutsche Frage erneut ins Rollen gekommen war.

Diese wohlklingenden Sätze las der Revolutionär Schlinke aus dem »Boten für Stadt und Land« vor:

»Mitbürger! Unsere gesetzlichen Vertreter zu Frankfurt haben die Verfassung Deutschlands festgestellt und rechtsgültig verkündet. Sie ist die einzige verkümmerte Frucht, welche von den vielen Blüten am Baume der Revolution zur Reife gedieh. Aber selbst sie droht fürstliche Herrschbegier uns zu entreißen. Bayerns König hat es unserem Parlamente in das Gesicht erklären lassen, daß er nichts wissen wolle von einem einigen, mächtigen, deutschen Vaterlande, für ihn gibt es nur ein Bayern, die ewig zinspflichtige Domäne des Hauses Wittelsbach. Mitbürger, was sagt die gebildete, freiheitberühmte Pfalz zu solch freventlichem Beginnen? Wird sie sich beugen vor dem Machtgebote einer verblendeten Fürstenfamilie? Nie und nimmermehr!! – – – Mitbürger, wir wollen die Ordnung und den Frieden. Wenn aber die Regierung zur Rebellin geworden, werden die freien Bürger der Pfalz zu Vollstreckern der Gesetze werden.«

Es galt also, dem, nach den Errungenschaften der Revolution wieder auftauchenden Fürstenpartikularismus zu begegnen, ein Unterfangen, das des Einsatzes der Besten wert war und das gewißlich rechtfertigte, wenn die politischen Köpfe des Volkes sich in die Haare gerieten und die Meinungen der Parteien aufeinanderprallten.

189 Der Postillon auf seinem Kutschbock blies jetzt ein Lied, eine lustige Weise, recht geeignet für diesen liebenswürdigen Tag, dem alle Kampfgelüste so fern lagen und der seinen blauen Himmel über das Wipfelmeer der Wälder spannte.

Es verdient hier noch gesagt zu werden, daß Frau Gertrud Aust mit ihren Kindern von der Beerdigung ihres Großvaters kam. Der alte Lehrer Seffrin war nach einem bewegten Leben im hohen Alter von einundneunzig Jahren gestorben. Das ewige Leid, das den einen tötet, erhält den andern am Leben. Es gibt Menschen, die vor Elend nicht leben und andere, die vor Elend nicht sterben können. Zu den letzten zählte der alte Schullehrer aus Sandheim, jener Mann, der vom französischen Unterpräfekten im Jahre 1798 aus dem Amt gejagt worden war, weil er sich geweigert hatte, in seiner Schule die französische Sprache zu lehren; dessen Frau bei einer Ausplünderung der commission de grippe im Plünderwinter ums Leben gekommen war; der zwei Söhne gehabt hatte, von denen der eine den andern im Rheinwald erschossen und sich dann selbst das Leben genommen hatte; und der eine Tochter besessen hatte, die einem welschen Schurken zum Opfer gefallen war und bei der Geburt des Kindes ihr junges Leben hatte einbüßen müssen.

Dieser Mann also war still gegangen und ohne viel Aufhebens, er hatte den Tod die Brücke des Friedens genannt, jetzt war die Familie in Eintracht beisammen, seine geschändete Frau, seine unglückseligen Söhne und seine Tochter Magdalena. Ein ungeheurer Kreislauf war vollendet, der Ring hatte sich geschlossen, es gab nur noch Stille und Schlaf.

Der Tod des alten Dulders war für die Knaben zum Erlebnis geworden, der Heimgang des Urgroßvaters hatte bewirkt, daß sie durch die Lande reisen durften, daß sie den grünen Rheinstrom sahen mit dem tierbevölkerten Dickicht seiner Auwälder, daß sie den alten Fischer Ringeis besuchten und mit ihm auf Karpfenfang gingen, und daß sie zuletzt gar von der Rheinschanze aus mit der Eisenbahn, dem ganz neumodischen Wunder, über das der Vater so mörderisch schimpfte, nach Neustadt fuhren.

Die Eisenbahn überhaupt kam geradewegs aus Traumland und Märchenbezirk. Da saß man doch wirklich in großen Wagen auf Bänken und brauste und sauste mit der vorgespannten Lokomotive, die den Namen »Vogesus« trug, mit Qualm und Dampf, mit Zischen und Knattern und Rattern über die Schienen dahin, daß es wirklich rein 190 des Teufels war und man schon ein ordentliches Bündel Mut aufbringen mußte, um überhaupt mitzumachen. Peter, der Ältere, hatte das alles mit einem stillen und verträumten Staunen über sich ergehen lassen, wie überhaupt für ihn die ganze Reise mehr ein schattenhaftes Vorübergleiten von Wundern gewesen war, während der um zwei Jahre jüngere Michael mit durchaus wachen Augen und einem schweifenden Hunger nach Erlebnis und Ferne die bunte Folge der Tage in sich aufgenommen hatte.

Gertrud Aust konnte des blauen Wundertages nicht recht froh werden, sie war bedrückt, weil die Menschen im Postwagen so wilde Reden führten, von Freischarkorps und Studentenlegionen, von Bürgerhilfe und Sensenmännern sprachen und überhaupt in ihren krausen Debatten die blutigsten Unruhen und Barrikadenkämpfe prophezeiten. Am Ende besaß dieser Schlinke selbst militärische Fähigkeiten, war vielleicht ein verkappter Soldat, ein Anführer, ein Feldherr, Gott mochte es wissen.

Er behauptete übrigens ein guter Freund und Kamerad jenes Obersten Blenker zu sein, zur Zeit Weinhändler in Worms, im übrigen aber ein großartiger Soldat, der sich Anno 32 als Ulan bei einer bayrischen Legion hatte anwerben lassen, dem König Otto nach Griechenland gefolgt war und dort neben dem Offizierspatent sich durch seine Tapferkeit eine hohe Auszeichnung, nämlich den Erlöserorden geholt hatte. Dieser Oberst Blenker, eine geradezu geschichtliche Persönlichkeit, jetzt auch Oberst der Wormser Bürgerwehr, wäre also, behauptete Schlinke, sein Busenfreund. Ohoo, und wenn der Blenker vom Leder zöge, dann würden den Fürsten bald die Kragen zu eng.

Solche tumultuarische Unterhaltung war dazu angetan, ein Frauenherz zu erschrecken und in Bangnis zu versetzen, mehr noch, weil in der Ecke der Postkutsche dieser merkwürdige Mensch saß und seine Raubvogelaugen umherschweifen ließ, wobei er abwechselnd auf die Reden der Revolutionäre und dann wieder auf das Geplapper der Knaben hörte, die ihre Mutter mit Fragen bestürmten und kein Ende fanden ihrer Wißbegier.

Warum überhaupt sprach der Mensch kein Wort, warum saß er in der Ecke und ließ seiner schlechten Angewohnheit freien Lauf, der nämlich, daß er in kurzen Abständen immer mehrmals hintereinander Luft durch die Nase hinaufzog? Möglich, daß er gar kein Deutscher war, vielleicht ein Pole oder ein Franzose, in der Pfalz wimmelte es immer von fremden Elementen.

191 Die Kutsche fuhr jetzt an einer Baustelle der Bahn vorüber, man hörte Hämmern und Dröhnen und Klingen von Stahl, wer zum Fenster hinausschaute, konnte sehen, wie die schweren, gewalzten Vignolschienen auf die Stühle und eichenen Querschwellen gelegt und an den Stößen mit Laschen verbunden wurden.

Die Arbeiter winkten und riefen herüber, manche setzten den Weinkrug an den Hals, es war ein geschäftiges Leben mit Spitzhacken und Breithacken, mit Hämmern, Schienenkloben und Schwellen, mit Schaufeln und Kippwagen und qualmenden Schmiedeessen.

Ja, die Zeit hielt nicht still, die Zeit hatte keine Zeit zur Atempause, sie raste dahin wie von allen Höllenteufeln gejagt. Kling, klang, hoo ruck, mit Dampfgezisch und Blitzeseile.

Wieder blies der Postillon in sein glitzerndes Horn, es war, als die Kutsche in den Tuchmacherort Lambrecht hineinholperte; da wußte der Mann auf dem Kutschbock ein artiges Lied, das jeder Mensch gerne hörte, für das aber heute niemand ein rechtes Verständnis aufbringen konnte. Der gelbe Wagen hielt vor einem Wirtshaus, das dampfende Viergespann wurde getränkt, Leute kamen mit fragendem Mienenspiel, es herrschte allerorten eine gespannte Unruhe, es war wie Alarmzustand und Generalmarsch, der unheimliche Flügelschlag ungewisser Ereignisse rauschte über die Köpfe der Menschen hinweg. Gruppen standen eifrig redend beisammen, fuchtelten mit den Armen und holten das Blaue vom Himmel herunter. Männer und Frauen trieben sich auf den Straßen umher, man sah junge Burschen mit roten Kokarden und finster drohenden Gesichtern, andere wieder lachten und sangen und freuten sich des Faulenzerlebens. Es wurde Wein getrunken und mit dem Wein kamen Mut und Verwegenheit dahergeschwommen, es war alles in allem eine aufrührerische Zeit mit aufrührerischen Menschen, so recht eine Sturmperiode für die Pfälzer, deren Temperament ja schon immer auf Sturm gestanden hatte, wenn es darauf angekommen war, freiheitliche Ideen zu verfechten.

In Lambrecht nun stiegen noch drei Männer in die Eilpost, um nach Kaiserslautern zu fahren, drei verwegene junge Burschen mit Bartstoppeln, roten Kokarden und einem unversiegbaren Redeschwall, mit dem sie das Postabteil lärmend erfüllten und nun auch noch von Schlinke und Kaiser kräftig unterstützt wurden.

So herrschte also, als der Wagen die Tuchmacherstadt kaum verlassen hatte, ein solch blutrünstiger Tumult, daß es der Försterfrau mit ihren zwei Söhnen angst und bange wurde und sie nichts 192 sehnlicher wünschte, als am Ziel ihrer Reise, nämlich bei der Kreuzbrücke zu sein, wo der Förster Andreas Aust, ihr Mann, sie mit dem Jagdwagen und den kleinen russischen Pferden erwarten würde.

Der Busenfreund des Obersten Blenker warf sich gewaltig in die Brust, blähte sich förmlich auf und gebärdete sich jetzt so, als hingen Gedeih oder Verderb der demnächst ausbrechenden Revolution von seinem heroischen Willen ab und als hätte er, ein kleiner Napoleon, die Macht, über die pfälzischen Bataillone zu gebieten, die noch gar nicht vorhanden waren. Kaiser, der ihm sekundierte, fing nun, wieder wach geworden, ebenfalls an, mit militärischen Redensarten um sich zu werfen, sprach von der Besetzung der Rheinschiffbrücken, von Artillerieunterstützung und Barrikadenbau. Den Lambrechter Revolutionären machte solches Redegetümmel bedeutenden Eindruck, und da sie, wie das nun einmal zu einer Revolution gehörte, dem Wein eifrig zugesprochen hatten, kamen sie auf abenteuerliche Gedanken und versuchten, ihrer liberalen Gesinnung, die im Kielwasser der Neustadter Parlamentsmitglieder Loose und Weber steuerte, sichtbaren Ausdruck zu verleihen.

Der eine unter ihnen nämlich entrollte mit einem Male eine rote Fahne, stieß sie zum offenen Kutschfenster hinaus und ließ sie lustig im Winde flattern.

Dann sangen sie mit gröhlenden Stimmen das Heckerlied:

Wenn die Fürsten fragen,
Lebt der Hecker noch,
Sollt ihr ihnen sagen,
Ja, er lebet noch.
Er hängt an keinem Baume,
Er hängt an keinem Strick,
Sondern an dem Traume
Der roten Republik.

Der Postillon nun, vorläufig noch wenig umstürzlerisch gesinnt, ließ sich das nicht gefallen; er trug keinen Heckerbart und scherte sich den Satan um die Frankfurter Paulskirche. Nein, er trieb die vier Rößlein an und stieß mit Macht ins Horn:

»Der Jäger aus Kurpfalz,
Der reitet durch den grünen Wald.«

193 Und so ging es dahin, die eng gewundene Straße entlang, mit Heckerlied und Jäger aus Kurpfalz, die Finken riefen von den Bäumen, die rote Fahne flatterte im Maienwind, und es war alles nach des Herrgotts übermütig heiterem Sinn, der aus dem Übermaß der Himmelsbläue herunterschaute und mit seinem ewigen Lächeln die Landschaft herrlich verzauberte.

Da näherte sich das lärmerfüllte Gefährt auch schon dem Elmsteiner Tal, Gertrud Aust atmete auf, als sie das große Barackenlager der Ludwigsbahn und das bekannte Sägewerk ihres Schwagers Huß am Speyerbach liegen sah.

Sie war plötzlich recht heiter und zuversichtlich gestimmt; ›lieber Gott‹, dachte sie, ›die Bäume würden nirgends in den Himmel wachsen, es müßte wohl noch einmal zu machen sein, daß es ohne Blut und Galgen und Hackmesser ging und zuletzt sei vielleicht alles nur halb so schlimm.‹ Der Heimat sich nähernd, stoben alle schwarzen Gedanken davon wie nächtliche Schattenvögel, und als sie gar in der Ferne den Jagdwagen sah mit den kleinen Russenpferden, da atmete sie erleichtert und mit einem Gefühl tiefer Geborgenheit die wehende Wälderluft ein, musterte nicht ohne Stolz ihre beiden Söhne und lachte fröhlich und von Herzen, als sie aus der kriegerischen Kutsche kletterte und dem Förster Andreas Aust entgegeneilte.

 

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