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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Buch

Peter Aust, lebend in der Entenfängerhütte am Rhein, schreibt wiederum an Klaus Ringeis, Farmer in Sao Paulo.

Ich habe geschrieben, und es sind darüber viele Tage vergangen. Ich habe auch geschrieben in den großen Nächten, beim Eulenschrei und beim unruhigen Wind, beim steigenden Wasser und bei den flimmernden Sternen. Jetzt ist es Sommer geworden, Gott ist freundlich gestimmt, es liegt ein unbeschreiblicher Glanz über der Welt. Ich selber bin ein Kamerad der wunderlichen Wildnis, den Silberweiden und Schwarzerlen, den hohen Flammenpappeln und den Kanadierpappeln, den uralten Kopfweiden, dem Schlinggewächs und den blühenden Wasserwiesen. Gut Freund auch bin ich dem Getier, im Wasser und im verborgenen Busch, auf dem Grund der feuchten Welt und im Wunderkristall der Luft.

Was dir begegnet ist auf den beschriebenen Blättern, ist schattenhaftes Gebilde unserer verwegenen Vergangenheit und hat sich in diesen Tagen mit unheimlicher Lebendigkeit wiederholt. Am 17. Mai 1930 mußte der französische Ministerpräsident Tardieu die Räumung der Rheinlande anordnen, am 1. Juli war die Pfalz von den Franzosen frei. Die letzten welschen Regimenter mit ihren Marokkanern, Senegalesen, Spahis und Madagaskarbataillonen sind im Westen wie die fliehenden Reste eines bösen Wetters verschwunden. Das Land atmet auf im Licht der neuen Zeit, die furchtbare Geißel der Besatzung ist nach zwölf Jahren der Leiden und der Knechtschaft von uns genommen und Gott selber wandert durch das geprüfte Land. Du hättest sehen sollen, wie die Freudenfeuer auf allen Bergen links und rechts des Rheines brannten, wie es Jubilate läutete von allen Türmen, wie die Fahnen wehten im nächtlichen Wind und wie das gewaltige Fanal der Freiheit unter dem Jubel erschütterter Menschen zum Himmel loderte.

Ich sage dir, daß alles gespenstische Wiederholung sei. Wiederum mußte der Franzose weichen, aber auch über diesen Bankerott einer unseligen Politik hinweg lebt das Vermächtnis Richelieus weiter. Wer wird es endlich zu Grabe tragen?! Es müßte einen Weg geben, auf dem sich die Völker begegnen, wir wollen nicht müde werden, ihn zu suchen. Tage und Nächte fließen zusammen, Gut und Böse fließen zusammen, Gott wird erst groß durch das Teuflische, das sich ihm entgegenstellt. Und der Mensch ist nichts als ein flüchtiger Reflex der großen Idee von Gut und Böse, dieser Idee, die von uns nicht 174 begriffen wird. Es ist so, daß wir Gesetze erfüllen müssen, sie aber weder kennen, noch erkennen, wir sind nichts als Faktoren dieser Gesetze, sie ergründen zu wollen, wäre ebenso vermessen wie hoffnungslos. Wäre dem nicht so, man müßte am Bösen verzweifeln, es bliebe nichts mehr, was dieses Leben erstrebenswert machte. Wir sind Triebwerk der großen biologischen Voraussetzungen, aber kein Rad weiß vom andern, geschweige denn, daß ein Rad das ganze Getriebe durchschaute.

Was ich dir damit sagen will: du sollst nicht verzagen, sondern du sollst verstehen lernen. Das Vermächtnis der Toten soll dir die Lebenden begreiflich machen.

Es ist so, daß eine gute Tat viele böse Taten überglänzt, denn das Gute ist stärker als das Böse, es verlöre aber ohne den Widersacher seine Bedeutung. Denke an diesen Satz, wenn du die kommenden Seiten liest!

Du wirst sehen, daß unsere Schatten schon näher kommen, sie rücken in unsere Kreise, schon glauben wir ihren Atem und ihren Herzschlag zu verspüren. Wir werden unseren Urgroßeltern, ja unsern Großeltern begegnen, du wirst dich wundern, wie sie plötzlich mit einer magischen Geschäftigkeit in dein Blickfeld treten, wer weiß, ob du nicht an dir selbst etwas entdeckst, was diesen Schatten schon eigen und eigentümlich war, vielleicht nur eine Kleinigkeit, eine Bewegung oder Regung, eine spaßhafte Eigenschaft, ein Muskelspiel oder eine liebenswürdige Laune. Erinnerst du dich noch, wie du vor der gesperrten Rheinbrücke damals mit deiner artigen Zauberkunst die Mutlosigkeit verscheuchtest und Aufheiterung brachtest? Glaube nicht, daß du der erste Zauberkünstler in deiner Familie bist, ich sage dir, dein Großvater, der Anno 49, wie du bald lesen wirst, in die Pfalz kam, war ein großartiger Zauberer, gewiß wird dir dein Vater schon davon erzählt haben. Der Großvater hieß ja Klaus, wie du, er brachte eine Wunderkiste mit aus Südamerika und verschenkte Elefantenhaare und andere erstaunliche Wunderdinge, und zuletzt fuhr er als Revolutionär mit einem berühmten Rebellenführer wieder nach Brasilien, nicht ohne sich eine Frau, deine Großmutter Josepha selig, aus dem Fischerhaus am Rhein mitzunehmen. Und der hundertjährige Alte von Speyer, von dem mir die Frau in der Hütte damals erzählte, ist kein anderer als Josephas Bruder, das wirst du alles lesen und dich darüber freuen.

Ja, ihr seid Strommenschen, wir aber sind Wäldermenschen. Unsere Pfade kreuzen sich immer wieder, meine Urahnen kamen durch den 175 Brand der Wälder, mein Großvater war der erste, der einen neuen Zweig vortrieb in die gewandelte Welt. Er wurde Lokomotivführer, ich war sechzehn Jahre alt, als er starb, ich weiß aber noch, wie er mir erzählte aus der Zeit, da die erste Eisenbahn gebaut wurde; wie er damals in der Haingeraide lebte und als fünfzehnjähriger Försterbub zum erstenmal mit dem Dampfungeheuer fuhr. Wie es sein brennender Wunsch wurde, Lokomotivführer zu werden, und wie dieser Beruf dann auch sein Leben ausgefüllt habe. Es waren keine geringen Stationen in seinem Leben, als er mit bekränzter Lokomotive den König Ludwig fuhr, als er mit dem ersten Eisenbahnzug über die neu gebaute Rheinbrücke Ludwigshafen–Mannheim qualmte, zu welchem gefahrvollen Unternehmen er sich freiwillig gemeldet hatte, und als er im Siebziger Krieg einmal einen Eisenbahnwagen mit purem Gold, wie er behauptete die französische Kriegsentschädigung, hinter seiner Lokomotive hatte.

Ich sage dir, Freund, unsere Schatten kommen uns näher, wir können ihnen schon fast die Hände reichen, wir wollen sie willkommen heißen in unserer stillen Stunde.

Was ich dir jetzt erzählen werde, das weiß ich aus zwei alten Handschriften, es wird dich bald wie ein Wunder anmuten, wie alles so traumhaft und doch so sinnvoll zusammenhängt. Sinnvoll, weil Schicksal von Mensch und Landschaft miteinander verknüpft sind, wie es so stark nur in einem Grenzland sich ausprägen kann.

Zwei wichtige Dokumente sind es, die so viele Türen öffnen, die Handschrift eines Fischers aus der Niederung, und die Handschrift des alten Lehrers Seffrin aus Sandheim, der dir aus meiner ersten Erzählung bekannt ist. Die Tochter Magdalena dieses Lehrers ist meine Urahne, das Tagebuch kam in unsere Familie, wurde vom Förster Andreas Aust, meinem Urgroßvater, bis zum Beginn des Siebziger Krieges ergänzt und befindet sich jetzt in der Stadtbibliothek zu R. Ich habe es nicht ohne tiefe Ergriffenheit gelesen.

Manchmal kommt der Besitzer der Entenfängerhütte zu mir. Dann sitzen wir draußen am Strom und plaudern zusammen. Du kennst diesen verschwiegenen Mann, er wird dir bald auf diesen Blättern begegnen und dann wirst du ihn gern willkommen heißen.

Er ist übrigens ein guter Freund des Gutsbesitzers Bastian Berghaus aus dem Weinland, mit dem ihn gemeinsames Erleben eng verknüpft. Doch das greift schon ganz in unsere neue Zeit hinein, wenn ich es dir später erzähle, wirst du dich selbst daran erinnern, es 176 handelt sich um den Separatistenspuk, den du mitgemacht hast und der dir den Glauben an die Heimat nahm.

Daher ich an dieser Stelle wiederhole: was ich für dich schreibe, ist Ruf und Stimme, denke immer daran!

Es tauchen in meinen Geschichten Namen auf, an denen das Unheil und das Böse kleben, wie andere Namen wieder mit dem Guten verknüpft sind. Glaube nicht, daß ich dartun wollte, das Böse müßte nun immer wieder Böses gebären. Nein, auch das Gute entfaltet sich dazwischen wie eine Wunderblüte, es sind nicht alle Nachkommen eines Bösewichtes wiederum Bösewichte. Der Keim des Bösen aber stirbt nicht aus, zwischen den Generationen wird er immer wieder zum Durchbruch kommen, wie es nicht anders mit dem Keim des Guten ist.

Daher ich an manche Namen das Heil, an andere das Unheil hefte, was du, wenn es nach deinem Geschmack ist, als ein Sinnbild deuten magst, bekundend, daß wir hinter das letzte Geheimnis des Lebens nicht kommen werden. Denn hinter diesem Leben, durch eine gläserne Wand geteilt, vollzieht sich noch ein zweites Leben, es geht geschäftig zu in seinen Bezirken, und manchmal greift es durch die gläserne Wand mit schattenhaften Händen zu uns herüber, das ist auf jener Grenze zwischen Wachsein und Schlaf, die wir manchmal betreten, auf der wir aber nur sekundenlang verweilen dürfen.

Es geschieht auch, daß ein Wesen, das neben unserem Leben einhergeht, plötzlich sichtbar zu uns herübertritt, wir haben eine Begegnung, deren zweites Dasein wir erst zu erkennen glauben, wenn die Begegnung selbst vorüber ist. Menschen, deren Fortleben einen verborgenen Sinn hat, können nicht tot sein, sie leben hintergründig weiter und streifen einsam und wachsam durch die Jahrhunderte.

Man erzählt sich, daß hier am Rhein der ewige Deutsche wohne, der Wächter am Strom, und ich glaube, ich bin ihm schon begegnet zwischen Nachtgespinst und Morgengrauen. Man erzählt sich auch vom Wächter des Waldes, der das Heiligtum der Bäume schütze und dem man begegnen könne im Wettersturz, wenn die Nässe aus den Wipfeln falle und wenn die Nebeltücher zwischen den Stämmen schwebten. Er trüge hohe Flößerstiefel und graue Hosen, einen grünen Rock und sein Haar sei rot wie eine Flamme.

Du erinnerst dich des letzten Sickingen, eine sonderbare Ähnlichkeit wird dir auffallen, wer weiß um das Leben hinter der gläsernen Wand!

177 Immer wieder werden Menschen einsam sterben, wie auch dieser letzte Sickingen einsam gestorben ist in einer trübseligen Novembernacht des Jahres 1834.

Er verbrachte die letzten Jahre seines Lebens auf einem kleinen Hof in der Nähe von Lorch. Der Hofbauer, ein früherer Pächter des Grafen, drückte dem großen Sonderling die Augen zu. Als er tot war, brach der Sturm über die Wälder, es rauschte in allen Bäumen, und der Hofbauer will seltsame Gesichte gehabt haben. Die Armut des Grafen war so groß, daß nur mit Mühe und Not ein Sarg beschafft werden konnte. Ein klappriger Bauernwagen, mit zwei Kühen bespannt, brachte den Toten auf den Friedhof nach Sauerthal. Der Knabe des Bauern führte das müde Gespann, der Mann selbst ging als einziger hinter dem Sarg. Als sie aber in das Dorf Sauerthal kamen, da traten die Bewohner aus ihren Häusern und schlossen sich dem Trauerzug an, und es wurde ein großes Gefolge, voraus das Kuhgespann mit dem rohen Brettersarg und hinterher eine Schar von Menschen, wie sie aus der Arbeit getreten waren, im Bauernkittel und im Schmiedeschurz, im Holzfällergewand, in der Arbeitsbluse und im werktätigen Schuhwerk.

Und die Töchter der Bauern weinten so laut und schmerzlich, daß der Pfarrer Munsch von Ransel ihnen solch Gehabe verwies und sie bat, sie möchten still sein.

Zu Füßen der zerfallenen Sauerburg, beschirmt von dem ragenden Gemäuer, fand der Wäldergraf die letzte Ruhestätte, sie betteten ihn zwischen alte, verwitterte und eingesunkene Bauerngräber.

Der Hofbauer, Böttner geheißen, bezahlte den Arzt und die Kosten des Begräbnisses, denn der gesamte Nachlaß des letzten Sickingen betrug 54 Kreuzer.

So tauchte ein außergewöhnlicher Mensch in die Erde zurück, aus der er gekommen war.

Es wuchs aber aus ihm ein Baum, der irgendwo seine Krone in den Himmel hebt, in dem die Winde brausen und die Vögel singen.

Ewig lebt der Wäldergraf, weil sein Sinn nicht untergehen kann, immer wieder wird er auftauchen in außergewöhnlichen Stunden und Zeiten, denn er ist schon über Leben und Sterben hinausgewachsen und dem Pendelschlag Geburt und Tod enthoben.

Er lebt mit seiner Idee, und die Idee ist unsterblich. Siehst du, ich wollte zuerst die Zeit um des Grafen Tod, also auch die Ereignisse des berühmten Hambacher Festes 1832 zum Hintergrund meiner zweiten 178 Erzählung machen, da bewog mich wiederum eine Ballade, die am Rhein gesungen wurde, daß ich die Zeit um siebzehn Jahre verlegte und Anno 1849, das »tolle Jahr« mit seinen bewegten Ereignissen, zum Vorwurf nahm für das, was ich dir zu erzählen habe.

Wie es kam, das sollst du hier noch kurz erfahren.

Manchmal in den mondlosen Nächten gehe ich zu den Aalfischern, ich bleibe mit ihnen auf dem Aalschokker Nepomuk bis der Morgen graut. Wir liegen mitten im Strom, das schwere Netz ist ausgebracht, der Rhein rauscht an uns vorüber, glitzernd und funkelnd noch in der Schwärze der Nacht, denn am Mast leuchtet ein mattes Lichtauge, und das wirft sein bescheidenes Feuerspiel auf das strömende Wasser.

Dies sind meine verzauberten Nächte. Ich werde in die Wache eingereiht, und dann sitze ich am Mast und es ist alles unsäglich feierlich gestimmt. Die Nacht ist lebendig in allen Winkeln, sie streicht um das Schiff und über das Wasser, sie wandert durch die Wipfel der wehenden Pappeln und tritt aus dem Dickicht der Auwälder; hoch über mir zieht sie mit den Sternen dahin und tief in mir selber wird sie plaudernd wach. Und es bedrängen mich die Mitwelt und die Vorwelt, auch in das Kommende fliegt meine Phantasie und schweifen meine Gedanken, es ist ein unbeschreiblich buntes Spiel.

Dies sind meine verzauberten Nächte.

Ich liege vor Anker und die Welt braust durch mich hindurch, ich schaukle und wiege mich in ihrem Getriebe, es fehlt nur einer, der besänge, was ich an beglückender Schau erlebe, ein Fiedler oder Drehorgler sollte auftauchen zwischen Nachtgewand und Sternenregen, des Herrgotts Bänkelsänger müßte durch die Stunde gehen und den Leierkasten drehen, die Gaukler des Daseins als Gefolge seiner Musikantenseele. –

Einmal sang der Fischer Kennerknecht im Bauch des Aalkutters Nepomuk. Das war um Mitternacht, als der Fischer Markus einen dampfenden Punsch stiftete, weil, als die nahe Turmuhr zwölf Uhr schlug, just sein Geburtstag zur niederen Kajütentür hereinspaziert kam.

Es ging hoch her im Bauch des Kutters, bei Pfeifenqualm und Petroleumgestank, der Fischer Kolb war noch dabei, er wußte, wie man einen Rachenputzer braut, nicht zu wenig Rum, und wenn möglich, eine Prise Pfeffer dazu.

Verdammt, jetzt fing es aber an zu schaukeln, Treibholz stieß gegen 179 die Schiffswände, und jede von diesen Wasserratten wußte eine verrückte Geschichte zu erzählen.

Gut wäre, wenn der Kennerknecht ein Lied sänge und dazu auf dem Schifferklavier spielte.

Klaus Ringeis, Freund überm großen Wasser, jetzt kommt die entscheidende Stunde.

Kolb greift zum Wimmerkasten, holt mächtig Luft und singt mit rauher Stimme die grausige Ballade vom großen Hecker. Toll, sage ich dir, wie er in der dämmerigen Ecke hockt, wie die entzündeten Augen glänzen, wie sich der große, bärtige Mund öffnet und die arbeitzerschundenen Finger über die Tasten gehen.

Und die gelbe Funzel schwankt, die Ankerkette kreischt, der Tabakqualm vernebelt die Gesichter und es riecht nach Fisch und Teer, nach fauligem Wasser und nach nassen Kleidern.

Um Mitternacht im Strom liegend, beim Gespensterzug der Treibaale, singt Kennerknecht die Ballade vom revolutionären Hecker.

Wenn die Roten fragen,
Lebt der Hecker noch,
Sollt ihr ihnen sagen,
Ja, er lebet noch.
Er hängt an keinem Baume,
Er hängt an keinem Strick,
Sondern an dem Traume
Der roten Republik.

Gebet nun, ihr Großen,
Euren Purpur her,
Das gibt rote Hosen
Für der Freiheit Heer.
Dreiunddreißig Jahre
Währt die Sauerei,
Wir sind keine Knechte,
Wir sind alle frei.

Wenn in Flammen stehen,
Kirche, Schul und Staat,
Kasernen untergehen,
Dann blüht unsere Saat. 180
Dreiunddreißig Jahre
Währt die Knechtschaft schon,
Nieder mit den Hunden
Von der Reaktion.

An den Darm der Pfaffen
Hängt den Edelmann,
Hängt ihn zum erschlaffen,
Hängt ihn drauf und dran.
Dreiunddreißig Jahre
Währt die Knechtschaft schon,
Nieder mit den Hunden
Von der Reaktion.

Schmiert die Guillotine
Mit der Fürsten Fett,
Reißt die Konkubine
Aus des Fürsten Bett.
Dreiunddreißig Jahre
Währt die Sauerei,
Wir sind keine Knechte,
Wir sind alle frei!

Fürstenblut muß fließen,
Fließen stiefeldick,
Und daraus ersprießen
Die rote Republik.
Dreiunddreißig Jahre
Währt die Knechtschaft schon,
Nieder mit den Hunden
Von der Reaktion!

Wir saßen bis zum Morgen im Aalkutter und es ging verteufelt hoch her beim Wiegenfest des Fischers. Es kam eine starke Brise auf, die uns schaukelnd bewegte. Ich hatte die nebelhafte Vision, der enge, qualmerfüllte Raum mit seinem Rumduft wollte sich mehr und mehr bevölkern mit den waghalsigen Gestalten, die der Fischer Kennerknecht mit seiner Schauerballade aus der Versenkung gerufen hatte. Ja, mir war, der Schauplatz dieser tollen Zeit täte sich vor mir auf wie eine 181 Theaterszene, hinter deren Kulissen und Prospekten, vom Schein alter Petroleumfunzeln zuckend beschienen, nun die mancherlei Gestalten warteten, bis ich mit ihnen zu spielen begänne in einem Stück voll Lust und Schmerz, voll Schicksal und Menschentum.

Als der Tag anbrach und ich in meiner Hütte saß, fiel ein Schleier von meinen Augen, und ich wußte mit einemmal, welche Zeit ich für meine nun folgende Erzählung zu wählen hatte.

So will ich denn nicht länger zögern, ihre Schatten zu beschwören.

 

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