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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Buch

Peter Aust, fünfunddreißig Jahre alt, einsam hausend in einer Entenfängerhütte am Rhein, schreibt an Klaus Ringeis, sechsunddreißig Jahre alt, Farmer in Sorocaba Sao Paulo.

Wie tief es mich nun bewegt, da ich mich anschicke, dir zu schreiben. Mir ist, ich dürfe nicht viele Worte machen, um dir einleitend zu erklären, warum ich hier im Rheinwald hause, einsam geworden aus der Erkenntnis heraus, ich bedürfe jetzt keiner Menschen, sondern nur des wandernden Stromes, der rauschenden Bäume, der Winde und Wolken und des wilden Getiers, das mich umgibt; ich bedürfe nur dieser Wesen und Dinge und des Alleinseins, um das vollenden zu können, was mich erfüllt und was für dich ein Wegweiser sein soll in die Heimat, die du im Groll verlassen hast, aus Überdruß an den Menschen und aus Abscheu vor Lüge und Verrat.

Ein Versuch, aus Zeitenwandel und Schicksal eines unglückseligen Landes heraus das Wesen und die dunklen Regungen der Menschenbrust, ja selbst das Verbrechen und den Wankelmut des Herzens zu erklären und mit seinen trüben Folgen milde zu verzeihen, wissend um alle Nöte und um die Zerrissenheit der menschlichen Kreatur, ein solcher Versuch, unternommen aus schlummernder Liebe zu allem, was lebt und atmet, sich ängstigt und freut, auftaucht ins Licht und versinkt in die Schwärze, soll für dich zur Geste des Mitleidens werden und dir die innere Größe geben, mit lächelndem Schauen über Menschen und Ereignissen zu stehen und deine Heimat, gerade wegen ihres zertretenen und geschändeten Schicksals, ihrer Menschenmischung aus Gut und Böse, um so stärker zu lieben.

Dich hat in jener unglückseligen Zeit der Separatisten die Schändlichkeit einer einzigen Gesinnung, die nämlich deines einstigen Freundes, der Erde und Menschen an die Fremden verriet, wieder in die Ferne getrieben, weil du wähntest, diese einzige Gesinnung, verächtlich in ihrer Kleinheit, müsse dich am Ganzen verzweifeln lassen und gebe dir keinerlei Möglichkeit mehr, den Glauben zurückzugewinnen an die Lauterkeit einer Zeit, die, selber krank und abscheulich, auch Krankheit und Abscheulichkeit gebären müßte. Welch eine Torheit, zu glauben, das Gute hätte alle Kraft verloren, nur weil es sich oft verborgen hält und langsam aufblüht aus der rätselhaften Größe des Menschenherzens.

Gott und Teufel, sie wohnen nahe beisammen, Kammer an Kammer, in der Brust eines jeden Menschen, wer weiß um ihre Hausrechte 2 und wer will verdammen, der nicht schon selbst zu verdammen gewesen wäre!

Siehst du, ich bin in die Einsamkeit gegangen, um in das Herz eines Landes horchen zu können, das eine so verwegene Vergangenheit hat, daß aus dieser Vergangenheit, aus diesem blutigen Abenteuerdasein, aus dieser Häufung von Menschenleid, aus diesem Urwald wilder und gesetzloser Triebe heraus sich alles erklären lassen muß, was uns ungeheuerlich scheint und woran wir in schweren Zeiten verzagen wollten.

Jetzt, da ich dieses schreibe, sitze ich vor der alten Entenfängerhütte, draußen wandert der Rhein vorüber, die Dämmerung fällt über Wälder und Schilf, die Stille ist wie fernes Brausen, ich bin glücklich und froh, weil es weht und braust überall wohin ich schaue und in mir selbst, in allen Fasern meines Lebens.

Alles ist Schattenspiel, alles ist Wiederholung. Was heute vor sich geht, ist schon einmal gewesen, alle Möglichkeiten der Weltgesetze sind schon einmal abgerollt, das Genie der Schöpfung hat sich erfüllt und kreist nun unaufhörlich um seinen glühenden Pol. O mein Freund, der du jetzt fern bist und über dem weiten Meer, vielleicht tauchst du auf aus dem Gesenke des blühenden Altwassers, vielleicht trittst du aus Schilf und Busch, schweigsam sinnend und aus dem Traum gerufen. Da bist du, willkommen in meiner brausenden Einsamkeit.

Höre mir noch eine kurze Weile zu, ich will dir erklären, warum ich getrieben werde, den Stapel dieser unbeschriebenen Blätter jetzt im Laufe der kommenden Monate zu füllen: du sollst am Schicksal Einzelner das Schicksal des Ganzen begreifen, denn in diesem Grenzland, das unverkennbar die Züge des Märtyrers trägt, mündet die Lebenskurve jeder einzelnen Familie in das unentwirrbare Gespinst des Landes selbst und ist wie ein phantastisches Ornament im großen Gewebe der Geschichte.

Im Kleinen also soll sich dir das Große spiegeln!

Es gibt Menschen, die müssen in der Heimat bleiben, sie sind Bestandteil ihrer Erde, nichts kann sie bewegen, diesen Bezirk zu verlassen. Kein Elend und keine Greuel des Krieges, selbst nicht Hunger und Verkommenheit vermögen sie zu verpflanzen und sei ihnen das Paradies verhießen. Sie gleichen dem Wald, der ewig ragt und ein ungeheures Maß von Frevel ertragen kann, ohne zu verlöschen. Wiederum gibt es Menschen, die müssen wandern, und während sie wandern, tragen sie ihre Heimat wie ein Bündel mit sich durch die Zonen der 3 Erde und über alle Meere und Berge. Und auf diesem Bündel Heimat schlafen sie des Nachts wie auf einem unsichtbaren Kissen. Sie müssen immer wandern, bis sie sich zu Tode gewandert haben, und erst wenn sie hinübermünden, sind sie wieder zu Hause. Sie gleichen dem Strom, der ohne Stillstand ist, ein Wanderer durch Zeit und Schicksal.

Ich will dir von Wäldern erzählen und vom Strom.

Und von Wäldermenschen und Strommenschen.

Und wir werden in diesen Erzählungen uns selber begegnen, einmal zwischen Zeit und Wind, zwischen Nacht und Licht, zwischen Wald und Strom, zwischen Tod und Auferstehung. Alles aber ist Ruf und Stimme, gerichtet an dich und gerichtet an Viele, die den Glauben verloren haben.

Hör zu, wie es kam, daß ich nun einsam schreiben und Vergangenes beschwören will, daß ich die Toten suche, um die Lebendigen nicht zu verlieren, daß ich so tief in mich selber hineinschweige, um desto vernehmlicher rufen zu können.

Es ist nicht lange her, da kam ich hier an den Rhein und fand diese alte Jägerhütte, sie war offen und lud mich ein, zu bleiben. Es war Ende April, die Wasser blühten und der Rheinwald flammte im jungen Grün. Ich gedachte hier die Nacht zu bleiben, nirgends konnte es schöner sein, als in dieser verlassenen Behausung, die nichts enthielt, als einen groben Holztisch und zwei Hocker, eine Matratze mit Decken und einen rostigen Kanonenofen. An den Wänden hing allerlei abenteuerliches Gerät, Angeln, Flinten und Pistolen, verstaubte Entenfittiche und ein Rehgehörn. Holzkäfige, Pfannen, Schüsseln und Töpfe. Und ganz hinten stand eine alte Truhe mit einem Vorhängeschloß.

Ja, die Hütte war offen, es zwang mich etwas, sie zu betreten, sie war wie eine Seelenfalle, voll des tiefen Schweigens und doch von gespenstischem Leben erfüllt. Ich kannte diese Hütte gut.

Wenn jetzt, so dachte ich, der Mensch aus den Rheinwäldern auftaucht, dem diese Hütte gehört, wenn er jetzt durch die niedere Tür tritt, dann wird er mein Freund sein und ein Kamerad in der Wildnis der Wasser. Wir werden uns anschauen und wissen, daß wir gemeinsame Urwaldpfade gehen.

Ich setzte mich an das offene Fenster, bis die Dämmerung in das scheidende Licht hineinschwamm und die Rabenschwärme kamen. Jetzt stieg Dunst aus den Wassern, ich hörte Wildgeflügel rufen, der Tag ging still nach Hause, es war zu sehen, wie er mit gesenktem Haupt das Tor hinter sich schloß.

4 Dann war es mit einem Male Nacht.

Ich ging zum Strom hinüber und sah, daß draußen ein Schiff festgemacht hatte, ein großer Lastkahn, mit geschnittenem Holz beladen. Er schaukelte vor Anker in der unruhigen Strömung, nichts als ein schwarzer Schatten, ein bedrohliches Tier, still, schlafend und unheimlich verschlossen.

Die Nacht blies über dieses Schiff, es war lautlos gekommen, da lag es nun und schlief, aber der Rhein war wach und lebendig. Ich ging die Böschung bei den alten Weiden hinunter, setzte mich auf die Ufersteine und hielt eine Hand in das strömende Wasser.

Und das Wasser, unaufhörlich von Eile getrieben, schwatzte zwischen meinen Fingern, seltsames Geplauder, das sofort verstummte, wenn ich die Hand aus dem Wasser nahm.

Es ist wie die Zeit, dachte ich für mich, auch die Zeit, die noch keines Menschen Hirn begriffen hat, die voll des Grauens ist, wenn man über sie nachdenkt, auch diese Zeit strömt unaufhörlich und lautlos vorüber wie das gleißende Gewässer. Vielleicht, wenn ich meine Hand hineinhalte in die strömende Zeit, wird sie anfangen zu plaudern. Wer will es wissen, es ist allzuvieles gespenstisch, was uns umgibt.

Ich hielt meine Hand hoch, töricht hoffend, die Zeit müßte plötzlich Stimme bekommen und heimlichen Laut. Ganz hoch hielt ich die Hand und horchte in die Höhle der Nacht hinein.

Da sang das Schiff.

So und nicht anders erschien es mir. Das Schiff sang, mit einer Stimme, die mich rührte und bewegte, die irgendeine verborgene Saite in mir mitschwingen ließ. Das Lied des Schiffes, obwohl ich es nicht kannte, war mir innerlich vertraut, ich mußte dieses Lied schon einmal gehört haben, wer will es wissen, vielleicht in einem Traum, vielleicht vor hundert und soviel Jahren. Das Schiff, vor Anker sich wiegend im treibenden Gewässer, vordem von Schlaf und toter Schwärze umfangen, war mit einem Male aufgewacht, wie man überraschend aufwacht mitten in der Nacht und um eine Begegnung weiß, die man in jenen fremden Bezirken hatte, die man wachen Sinnes niemals betreten hat und die dennoch vorhanden und von vielfältigem Leben erfüllt sind.

So und nicht anders war es: das Schiff sang eine Ballade, eine alte Bänkelsängerweise aus versunkener Zeit, handelnd vom großen Kaiser Napoleon.

In einer Nacht unter Weidengebüsch am Strom sitzend, hörte ich die Ballade.

5 Und in diesen Augenblicken schien es mir, als müßte eine einfache Volksweise die Jahrhunderte überbrücken. Ich war so merkwürdig ergriffen, weil das Lied plötzlich solche Schleier von mir nahm und weil mir so unheimlich klar die Erkenntnis aufkam, ein Mensch, nur wenige Herzschläge lang lebend, dürfe sich nicht zum unüberlegten Richter aufwerfen über Geschehnisse und Menschencharaktere, die durch Jahrhunderte bedingt sind. Und wiederum sind diese Jahrhunderte, für unsere Zeitbegriffe schon ungeheuerlich, nur kurze Pendelschläge im Uhrwerk der Zeiten, mithin also ein einzelner Mensch nur zu atmen hat zwischen unmeßbar kleinen Zeitintervallen der Schöpfungsepochen.

Um wieviel mehr also muß er diese Zeit nützen, um nicht vergebens das uralte Leben der Jahrmillionen blitzhaft belichtet zu haben.

Sei milde, mein Freund, denn die Schatten wandern mit dem Licht, wir wissen nicht um unsern Haß und wissen nicht um unsere Liebe.

Aber die Liebe erweckt, was der Haß getötet hat.

Höre die Ballade am Strom.

Höre das Lied, das mich bestimmte, die Vergangenheit aufzurollen und das Schicksal einer Grenzmark durch einzelnes Menschenschicksal und Verkettung von Ereignissen begreiflich zu finden.

Mögen andere richten, ich aber sage dir und allen, die mir zuhören: es gibt eine Untat, die keiner Richter bedarf, denn sie richtet sich von selbst!

Ein Lied wurde gesungen unter den Sternen, und öffnete einen Schacht, aus dem ein Glühen und Funkeln brach.

Höre die Ballade vom Kaiser Napoleon:

Ballade vom Mann mit dem kleinen Hut.

Wer war es, der aus nied'rem Stande
Die Krone pflanzte auf sein Haupt?
Der aus dem fernen Korsenlande
Mit Lorbeer sich die Stirn umlaubt?
Der in Gefahren stand voll Mut?
Das war der Mann mit dem kleinen Hut.

Ja, gegen wen in Sturm und Wetter
Zog seiner Feinde zahllos' Heer?
Wer stand zuletzt als Held und Retter,
Weil niemand ihn besiegte mehr? 6
Wer trug in Ruh der Stürme Wut?
Das war der Mann mit dem kleinen Hut,
Ja, das war der Mann mit dem kleinen Hut.

Doch eines schlug den Kaiser nieder,
Erfüllte ihn mit bitterm Schmerz,
Ach! Seinen Sohn sah er nicht wieder,
Da blutete sein Vaterherz.
Der nicht beim Sohn im Grabe ruht,
Das war der Mann mit dem kleinen Hut,
Ja, das war der Mann mit dem kleinen Hut.

Wenn wir mit Ruhe auch betrachten,
Wie schnell des Menschen Macht vergeht,
Wir dürfen nur das Große achten,
Daß in dem Wechsel nichts besteht,
Und sprechen dann mit kaltem Blut:
Groß war der Mann mit dem kleinen Hut.
Ja, groß war der Mann mit dem kleinen Hut.

Das Lied war längst zu Ende, ich saß immer noch unter der alten Weide, da sah ich, wie sich ein Nachen vom großen Schiffskörper loslöste und wie eine Gestalt mit kräftigen Ruderschlägen das Fahrzeug gegen die Strömung dem Ufer zulenkte.

Die Gestalt kam den Damm herauf, langsam, mit gesenktem Kopf und so, als ob sie etwas suchte.

Eine junge Frau, gewiß eine Schiffersfrau, sie war es wohl auch, die gesungen hatte.

Sie ging stromaufwärts, kam an meinem Weidengebüsch vorüber und sah mich nicht.

Sie war ein Schatten, ein Gebilde dieser Stromnacht, die so tief vom Erlebnis erfüllt war.

Der Schatten strich vorüber und verschwand.

Auch die Zeit strich vorüber, ich hörte sie summen und sausen, und der Rhein glänzte aus der Tiefe heraus. Es war eine große Stunde in der Landschaft, die Pappeln wehten im aufkommenden Wind.

Als ich die Hütte betrat, sah ich die Frau im Innern am offenen Fenster stehen und hinausschauen.

Sie erschrak nicht, als ich so plötzlich vor ihr stand, nein, sie wendete 7 sich nur langsam in das Dunkel der Hütte zurück und schaute mich an, als ob sie mich erwartet hätte.

Ich zündete die Kerze an und nun wurde es dämmerig hell um uns. Da war mir, ich müßte die Frau schon einmal gesehen haben. Sie hatte dunkle Augen und beinahe schwarzes Haar, ein rundes Gesicht und einen üppigen Mund.

»Du hast aus dem Schiff gesungen«, sagte ich.

»Ja, ich habe gesungen, möglich, daß ich gesungen habe.«

»Ich muß dir schon einmal begegnet sein.«

»Das gleiche könnte ich zu dir sagen. Laß mich jetzt gehen.«

»Warum willst du gehen?«

»Weil hier ein anderer ist. Ich schlafe manchmal, wenn wir hier ankern, in der Hütte.«

»Ich will dir nicht im Wege stehen, nein, ich will die Hütte verlassen, ich kann die Nacht im Walde verbringen, es ist warm und die Nacht ist schön am Strom. Warum schläfst du in der Hütte und nicht auf dem Schiff?«

»Weil ich hier in der Nähe geboren bin.«

»Da könntest du doch auch nach Hause gehen.«

»Ein Zuhause habe ich hier nicht mehr; darum schlafe ich manchmal in der Hütte und bilde mir ein, ich bin daheim.«

»Und dein Mann ist Rheinschiffer?«

»Ich habe keinen Mann, ich bin auf dem Schiff in Dienst. Ein Partikulier, er stammt vom Niederrhein . . .«

»Wie heißt euer Schiff?«

»Magdalena. Wir haben Rundholz für ein westfälisches Zellulosewerk. Wir löschen in Ruhrort und gehen dann mit Koks zu Berg. Man hat viel Zeit zum denken auf den Bergfahrten.«

»Wo sind deine Eltern?«

»Tot.«

Sie reckte den Körper, als ob sie wachsen wollte.

»Ach Gott, zu wem rede ich das? Zu einem Fremden oder zu einem, der mich an schwere Zeiten erinnert? Es ist wie ein Rätsel.«

»Ja, durch jedes Menschen Leben geht ein Rätsel. Es wandert mit uns bis ans Ende.«

»Und darüber hinaus.«

Sie ging zum Tisch und stützte dort, aufrecht stehenbleibend, den Körper auf, indem sie die Tischplatte nur mit den Fingerspitzen berührte.

8 So stand sie mit gesenktem Kopf, ich aber sah, vom gelben Kerzenlicht mit einem Male funkelnd beleuchtet, ein Amulett, das sie an einer Kette um den Hals trug.

»Du trägst hier einen alten Schmuck«, sagte ich und kam auf sie zu, um den Gegenstand mir näher anzuschauen.

»Das ist weiter nichts«, sagte sie und spielte mit der Kette. Das Schmuckstück war ein münzenähnliches Amulett aus mattem Gold, auf der Vorderseite war das russische Georgskreuz, um dieses Kreuz herum stand, nur noch undeutlich erkennbar, ein russischer Spruch.

»Woher stammt dieses Amulett?«

»Du scheinst mir voller Neugierde, aber man möchte dir alles erzählen. Wer bist du und warum treibst du dich hier in den verlassenen Rheinwäldern herum? Du siehst jemand ähnlich.«

»Ich muß manchmal allein sein, um mir Klarheiten zu schaffen, um nicht irre zu werden an der wunderlichen Ordnung der Dinge. Ich weiß nicht, ob du das verstehst.«

»Ich glaube, ja.«

»Man hat Erlebnisse und Begegnungen, wenn man allein ist. Die Erkenntnis ist nicht im Lärm zu finden.«

»Aber der Lärm ist überall, wohin man kommt.«

»Der Lärm regiert die Welt.«

»Schreibst du Bücher? Du redest mir so daher.«

Ich war betroffen, weil sie das plötzlich sagte und mich dabei anlächelte.

»Vielleicht.«

»Suchst du jemand?«

»Ich suche viele. Sieh mal, ich habe einen Freund in Brasilien, der kam 1923 nach Deutschland und brachte noch einen Pfälzer aus Brasilien mit. Seine Vorfahren sind ausgewandert, damals in jener verwilderten Zeit, als dieses Land hier département du Mont Tonnèrre hieß, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, du wirst das nicht wissen?«

»O doch, ich weiß es genau.«

»Du weißt es genau?!«

»Ja, frage mich nicht danach. Erzähle weiter.«

»Damals sind Tausende von Pfälzern ausgewandert, viele haben auch unter fremden Fahnen gefochten und geblutet in allen Ländern der Welt. Die Urahnen meines Freundes Klaus Ringeis – –«

»Klaus Ringeis sagst du?!« Sie erschrak vor dem Namen.

»Ja, Klaus Ringeis. Seine Urahnen sind nach Südamerika 9 ausgewandert und dort zu Farmern geworden. Sie haben es zu ansehnlichen Kaffee- und Baumwollplantagen gebracht. Die Nachkommen, drüben geboren, haben ein schönes Erbe angetreten. Einer von ihnen wollte in seine Heimat. Ewig rätselhaft, er hatte diese Heimat nie gesehen, er wußte nur, daß sie zertreten war und voller Not, er hatte keine Vorstellung von den Wäldern und Bergen, von den Weinbergen und vom Rhein, es trieb ihn, nach Hause zu gehen. Nach mehr als hundert Jahren wurde etwas wach in seinem Blut und das rief ihn.«

Die Frau hatte sich gesetzt, stützte die Ellbogen auf den Tisch und barg den Kopf in den gewölbten Händen.

»Sie sagen aber doch, daß alle, die von drüben kommen, wieder übers Wasser zurückgehen und nicht in der Heimat bleiben.«

»Nicht weil sie fremd geworden sind, sondern weil sie aus ihrer schlafenden Liebe heraus ein ungeheures Maß von Heimat um sich her aufgerichtet haben. Denn glaube mir, keiner kann sich seine Herkunft aus dem Herzen reißen.«

»Du magst recht haben.«

»Genug, er kam über das große Wasser an den Strom zurück, den seine Ahnen vor Menschenaltern verlassen hatten. Er befaßte sich mit dem Gedanken, seinen fremden Besitz zu verkaufen, um hier in der Pfalz eine moderne Bodenkultur zu betreiben. Gemeinsam mit einem gewissen Bastian Berghaus wollte er Versuche machen mit Obstplantagen und Seidenraupenzucht, wie es ihn überhaupt drängte, durch seiner Hände Arbeit dem gedemütigten Lande Segen zu bringen. Es war aber das Jahr 1923 mit dem Separatistenabenteuer. In dieser schwarzen Zeit zerstörte der Verrat seinen Glauben an die Heimat, er ging über das Wasser zurück nach Südamerika, innerlich zerbrochen und verwundet, weil Menschen auf geschändeter Erde selber schändlich waren, weil sie die Ohnmacht eines unseligen Landstriches benützt hatten, um dieses Land, aus dem sie selbst die Nahrung ihres Daseins zogen, zu verkaufen und zu verschachern.«

Da sprach die Frau, einfach und doch prophetisch fast, und so, als ob ein Wissender durch sie hindurch und aus ihr heraus sich offenbarte, da sprach diese schöne dunkle Frau, die wie ein nächtlicher Vogel in meine stille Stunde gekommen war, diesen bedeutungsvollen Satz: »Du sprichst, als ob du mir dein und mein Schicksal und das des ganzen Landes erzähltest.«

Ich fand keine Antwort, ich schaute sie an, unsere Blicke begegneten sich, wir waren uns unheimlich nahe, ich senkte dann die Augen, 10 wie um ihr recht zu geben mit einer stummen Gebärde. Und in diesem Augenblick erkannte ich sie.

Es ging wie ein Rauschen durch den nächtlichen Hüttenraum, draußen rief ein Vogel, und dann hörte ich den Wind in den hohen Pappeln.

»Nun will ich gehen«, sagte ich, »es ist spät in der Nacht und du mußt schlafen.«

»Ich schlafe nicht, es ist zuviel wach geworden in mir. Es ist kaum zu begreifen, daß du hier vor mir stehst. Manchmal kommt ein Mensch, er ist so stark, daß er alle Türen öffnet.«

Wieder spielte sie mit unruhigen Händen an dem alten Goldschmuck, dann nahm sie, immer noch im nachdenklichen Spiel, die Kette zwischen die Lippen, und jetzt waren ihre Augen groß und weit geöffnet, als sie sagte: »Ich möchte dir wohl aus meinem Leben erzählen, das alles reicht aber weit zurück. Und was ich weiß, das hat mir ein alter Fischer erzählt, der noch lebt wie ein letztes Überbleibsel aus jener Zeit, er ist über hundert Jahre alt und wohnt in einem Altersheim in Speyer. Und was ich ferner weiß, das steht in einer alten Chronik, die ein Fischer hier in der Nähe besitzt, sie reicht bis in die Zeit Napoleons zurück. Den Rest haben wir Beide selbst erlebt.«

»Und woher kennst du die Ballade vom Mann mit dem kleinen Hut?«

»Von meinem Urgroßvater. Ich will dir davon erzählen.«

»Erzähle mir, ich will mich ans offene Fenster setzen, so, daß ich den Rhein fühle, der vorüberwandert. Vielleicht wird das, was du mir zu sagen hast, nichts anderes sein, als eine Ballade, gesungen am Strom, in einer Nacht, in einer seltenen Stunde, wo sich die Jahrhunderte lautlos und unsichtbar begegnen. Und woher hast du dieses Amulett?«

»Mit ihm hat es eine sonderbare Bewandtnis. Ich war vor drei Jahren einige Zeit bei den Goldwäschern, du weißt doch, daß im Rhein viel Gold liegt, die Goldwäschereien, die früher schon hier waren, sind wieder neu aufgelebt. Ich war vier Monate bei den Goldwäschern, im Rheinkies habe ich beim Waschen den goldenen Schmuck gefunden.«

»Er hat im Rhein gelegen?«

»Ja, es klingt wie ein Märchen, denn dieser Talisman wird auch in meiner Geschichte eine Rolle spielen, wie durch ein Wunder ist er in meine Hände gekommen. Er gehörte einem russischen Offizier von 11 einem Kosakenkorps, das um Neujahr 1814 hier über den Rhein ging. Draußen in der Niederung soll er begraben liegen, dort steht eine große Pappel, man nennt sie die Russenpappel. Ich kann das alles nur mit einfachen Worten sagen, vielleicht, daß du es in eine größere Form bringen kannst.«

»Nie habe ich eine so verwegene Nacht erlebt. Ich weiß, wo sich unsere Wege kreuzen.«

»Menschen im Grenzland gehören alle zusammen.«

»Und sind wie Schatten.« – –

Als die junge Frau die Hütte verließ, kam mit grauem Schein der neue Tag. Wir waren beide wachen Sinnes, denn die Vergangenheit, heraufbeschworen aus verschütteten Schächten, war stärker als die Schwere der Augenlider. Sie ging allein, langsam und nachdenklich, ich blieb in der Hütte zurück, aber ich hörte, am offenen Fenster stehend, die fernen Ruderschläge.

Du und ich, wir kennen diese Frau, sie ging durch unser Leben, vielleicht hat sie dich einmal geliebt. Ich will dir ihren Namen nicht nennen, du sollst ihn aus meiner Erzählung erfahren.

Es war unsagbar feierlich um mich und in mir selbst. Die Silberweiden glänzten im Morgenwind, die Pappeln waren wehende Flammen und aus den Altwässern stiegen golden und berauschend die ersten Farben des Tages.

Ich war wie auf einer unendlichen Reise begriffen; ich trieb dahin durch die Räume und Zeiten mit brausendem Gesang. Alles, was mich umgab, wurde mit mir getragen, schwamm mit mir dahin, selig und stürmisch bewegt, in einem Taumel und Wirrsal und dennoch gesteuert durch ein unbekanntes Gesetz. Und Gott war mit auf meiner Zauberfahrt, er hielt sich verborgen irgendwo hinter Gewölk und Himmelsbläue und so jagten wir dahin durch die Jahrhunderte.

O mein Freund, was sind Jahrhunderte für einen, den wir Gott nennen! Manchmal, wenn er Zeit findet und wir ihm ins Gedächtnis kommen, taucht er auf zwischen Geburt und Tod der Welten, und ein Widerschein seines Auges streift die Erde, ein Blitz im Unwetter der Gestirne.

So also stand ich am Fenster meiner Entenfängerhütte wie im Navigationsraum eines Schiffes, so also segelte ich dahin, ein rechtes Vollschiff mit allen Masten und Rahen und mit glücklichem Wind in meinen Segeln.

Als die ungeheure Blüte der Sonne aufbrach, verließ ich die Hütte 12 und ging hinüber zum Strom, der maßlos übergossen war von Licht und wachsender Helle und voll Unruhe vorüberstürmte.

Das nächtliche Schiff war fort.

Ich setzte mich ans Ufer und sann. Was mich umgab, sann mit mir und wurde nachdenklich gestimmt.

Und so kam es, daß ich beschloß, den vergangenen Ereignissen nachzugehen, daß es mich drängte, die verwachsenen und verschütteten Pfade meines eigenen Lebens und auch die Lebenspfade anderer Menschen zurückzugehen, um mir aus dem, was gewesen, eine Erkenntnis zu holen, die mich milde und demütig stimmen sollte.

Die Demut allein ist es, die uns aufrichtet und zu reinen Menschen macht. –

Was ich schreiben werde in den nächsten Monaten hier in meiner glückseligen Einsamkeit, das werde ich für dich schreiben, wundersam Menschliches hat sich mir aufgetan, seit die junge Frau vom schlafenden Schiff herüberkam und eine Nacht verzauberte mit den Trabanten und Schatten ihres farbigen Schicksals.

Ich werde es für dich schreiben, denn ich will dich rufen. Du und ich, wir sind zwei Kameraden, deren Pfade sich immer wieder kreuzen werden. Du bist ein Strommensch, ich aber bin ein Wäldermensch.

Deine Vorfahren sind gewandert, es trieb sie in die Ferne, über die Meere, durch Urwälder und Steppen. Menschen, die dem Strom gehören.

Du gehörst dem Strom.

Meine Vorfahren lebten in Wäldern, sie verließen nicht die Kargheit ihres Bodens, die Not ließ sie noch tiefere Wurzeln schlagen. Die Wälder der Heimat, unzählige Male freventlich geschändet, waren Bestandteil ihres Lebens. Menschen, die den Wäldern gehören.

Ich gehöre den Wäldern.

Ich rufe dich zur Heimkehr und Umkehr.

Noch ist der Franzos im Land, aber ich sehe schon das Frührot leuchten.

Wir werden bald frei sein.

 

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