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Ballade am Strom

Roland Betsch: Ballade am Strom - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleBallade am Strom
authorRoland Betsch
year1939
firstpub1939
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleBallade am Strom
pages651
created20160906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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12

Im trüben Frühlicht des kommenden Tages verließ der Oberleutnant Bastian Berghaus mit drei Mann Begleitung die Stadt und ritt nordwärts, um sich befehlsgemäß bei seinem Regiment zurückzumelden.

Eine halbe Stunde später wurde es auf dem Gutshof lebendig. Hufgeklapper zerriß die Stille, der Leutnant von Litinow ließ aufsitzen, fünf Kosaken schwangen sich in die Sättel und schickten sich an, durch das weitgeöffnete Tor ins Freie zu reiten.

Am Ausgang stand ein Mann in der fahlen Morgendämmerung und beobachtete scharf die ausreitenden Kosaken, ja, er zuckte überrascht zusammen, als er ein bestimmtes Pferd sah, einen Augenblick wandte der Reiter den Kopf und schaute den verdächtigen Menschen forschend an.

Dann ritt die Patrouille aus der Stadt.

Der Mann war der Verwalter Heinz. Er blieb noch eine Weile stehen und lauschte auf das verklingende Geräusch der Pferdehufe, dann begab er sich in den Gutshof zurück und traf auf die Leibwache des Kommandeurs.

Er wünsche den Kommandeur zu sprechen, denn er habe eine wichtige Nachricht. Der Russe verstand ihn nicht; als er versuchte, sich 139 verständlich zu machen, ging die Tür auf und der General Karpow trat heraus.

»Was wollt Ihr?«

»Ich hätte etwas Verdächtiges zu melden.«

»Zu melden?! Wer seid Ihr?«

»Der Gutsverwalter Heinz.«

»Na und?«

»Soeben hat eine Patrouille unter Führung eines russischen Offiziers die Stadt verlassen.«

»Mann, das weiß ich, ist das Eure ganz Weisheit?«

»Einer von den fünf Kosaken ist kein Kosak.«

»Wer sonst?«

»Eine Frau!«

Der General schien zuerst betroffen, als er die kurzen Worte vernahm, er trat einen Schritt vor, beugte sich gegen das Gesicht des Verwalters und schaute ihn wie ein Raubvogel an.

»Was sagt Ihr?! Seid Ihr verrückt? Wer ist unter meinen Kosaken?«

»Eine Frau, Exzellenz!«

»Was für eine Frau beim Teufel?«

»Frau Juliane Berghaus!«

Karpow machte eine jähe Bewegung. Unwillkürlich ballte sich eine Hand zur Faust, er preßte die Lippen aufeinander, dann packte er den Verwalter bei der Schulter und zischte ihn leise an.

»Ist das wahr, Mann, was Ihr mir sagt?«

»So wahr ich hier vor Euch stehe.«

Karpow überlegte, er schloß halb die Augen, drei und mehr Vorsätze zuckten durch sein Hirn, er sammelte sich äußerlich und verbarg den Grimm, der in ihm aufwachte.

»Was fällt dem Leutnant von Litinow ein, verdammt, weiß er nicht, daß er seine Haut schon längst verwürfelt hat!«

Und plötzlich, ganz unbeherrscht und seinem Unmut keine Dämme setzend, fuhr er auf den Verwalter los.

»Holt Euch ein Pferd aus dem Stall, Ihr könnt doch reiten? Ob Ihr reiten könnt?! So redet; Ihr seid ortskundig? Na also. Ich gebe Euch drei Mann mit, Ihr reitet sofort dem Leutnant von Litinow nach und überbringt ihm durch meine Ordonnanz den schriftlichen Befehl, daß er umzukehren hat. Verflucht, was zögert Ihr? In den Stall, in fünf Minuten seid Ihr unterwegs.«

140 Er eilte ins Haus, sein wüstes Schimpfen füllte die Räume, Kosaken tauchten auf, sie kamen aus den Stallungen, aus Scheunen und Kellern, es entstand ein bewegter Tumult.

Der General erschien wieder auf dem Hof, gerade als der Verwalter Heinz ein gesatteltes Pferd aus dem Stall führte.

»Exzellenz«, sprach Heinz, »ich mache darauf aufmerksam, daß ich kein Soldat bin.«

»Dann seid Ihr es von dieser Stunde an. Habt Ihr ein Hasenherz? Ihr sollt führen, sonst nichts, ich hoffe, Ihr habt mich verstanden? Und dann, wo ist dieser Graf Sickingen, ich bin nicht ganz im klaren, was von dem Menschen zu halten ist. Wo bleibt ihr, Kanaillen? Aufsatteln, aufsitzen! Hier ein schriftlicher Befehl an den Leutnant von Litinow auf Streife gegen Kaiserslautern. Was eine bestimmte Frau betrifft, die unter Umständen bei ihm gefunden wird: ich lege Wert darauf, daß sie hierher zurückgebracht wird. Nötigenfalls mit Gewalt. Richtig, mit diesem Sickingen! Ihr kennt den Grafen? Wo lebt er, was ist er, er macht nicht den Eindruck eines Adeligen.«

»Ein Landstreicher, Exzellenz«, antwortete Heinz und legte eine Hand an den Mund. »Nichts als ein Vagabund und ein Säufer dazu, im Kopf nicht mehr ganz richtig.«

Der General machte eine verächtliche Handbewegung.

»Man kann Euch brauchen, Mann, Ihr habt Talent, Eure Brüder zu verkaufen. Seid Ihr mal Spion gewesen?«

»Exzellenz, ich bin ein treudeutscher – –«

»Ta ta ta, wo ist dieser Baron?«

»Er ist mit einer jungen Frau vom Rhein drüben gleich nach dem Oberleutnant Berghaus vom Hof geritten.«

»Hier herrscht eine sonderbare Disziplin.«

»Es wird Zeit, Exzellenz, daß wir reiten, der Vorsprung wird zu groß.«

Karpow stand mit gespreizten Beinen, beide Hände in den Manteltaschen. Er sann über das Vorgefallene nach. Es war kein Zweifel, man hatte ihm einen Streich gespielt, das Vögelchen war ausgeflogen, Tod und Verdammnis, sie sollten ihn kennenlernen. Was war nur seinem Leutnant in die verfluchten Knochen gefahren? Richtig, ja, der Berghaus hatte ihn aus dem Rhein herausgefischt, sonst wäre er elend abgesoffen. Dankbarkeit, ha ha, edle Herzen. Das Ansehen Rußlands! Richtig, richtig, mit dem Litinow war überhaupt noch eine Sache ins Reine zu bringen, er hatte es gewagt, offen gegen seinen 141 Kommandeur – – nein, solche Leute waren im Felde nicht zu gebrauchen. Nein, nein, Gehorsam bis aufs Letzte, – – dieser Litinow spielte mit seinem Kopf. Auf Ungehorsam, auf offene Widersetzlichkeit einem Vorgesetzten gegenüber, auf Verweigerung eines Befehls stand der Tod. Mann, ich warne Euch, es geht um Euren Kopf. Romantischer Schwächling, dafür hatte man jetzt keine Zeit. Mit Gefühlen war noch nie eine Bataille gewonnen worden.

Frau Juliane. Tolle Frau, verrückte Frau, wittert die Lunte und macht sich als Kosak davon, abenteuerliches Gemüt, ha ha, Amazone am Rhein. Frau Juliane, blond und blauäugig. Der Krieg ist hart, Bastian Berghaus, wir reiten tausend Meilen von Rußland, um Euch den Feind aus dem Land zu hauen, – bitte keinen übertriebenen Edelmut, Leutnant von Litinow, das Ansehen Rußlands kann nicht durch eine Bagatelle verlorengehen, der Napoleon hat Millionen seiner Idee geopfert. Meine Idee ist zur Zeit höchst privater Natur, wie sollte sie keines Opfers wert sein.

General Karpow trat durch das große Tor auf die Straße, die Dämmerung wich dem ersten Licht des aufkeimenden Morgens.

Er ging hinüber zum Rathausplatz, wo das Regiment Sementschenko Aufstellung genommen hatte. –

– Am Saum des Hardtgebirges, durch die Hohlwege der kahlen Weinberge, die im Zauber des Rauhreifs lagen, ritten die fünf Kosaken unter Führung des Leutnants von Litinow. Der Tag schimmerte vom Rhein herüber, leichte Nebel schleierten über die tote Landschaft, Wind war aufgekommen, man hörte aus der Höhe die Kiefern rauschen. Das Land in seiner wundervollen Stufung von der Ebene über die Weinberge nach den Bergwäldern hinaus war verhängt von Trauer, schlafend noch im Sausen der scheidenden Nacht, preisgegeben allem Wirrwarr der Ereignisse, ohne Gegenwehr und ohne Schutz, stumm und treu.

Das war vielleicht das Größte an der Erde, daß sie über Gott und Teufel stand, daß sie nicht Gut und Böse schied, daß sie nur schenkte und immer wieder schenkte. Und daß sie nie müde wurde am Schenken und weder Aufhebens machte, noch Dank forderte, weder bewundert sein wollte, noch sich brüstete, und daß auch in schwärzester Zeit noch ein Trost von ihr ausging.

»So bedeutsam ist die Erde«, sprach ganz unerwartet Litinow und machte mit dem Arm eine kreisende Bewegung, »daß man immer wieder reiten muß, um sie zu gewinnen.«

142 Niemand antwortete, denn er sprach deutsch, diese Sprache aber verstand nur einer der Kosaken, und der war so in Gedanken versunken, daß er wohl die Stimme hörte, aber nicht die Worte und den Sinn vernahm.

»Da leben wir viele Jahre und wissen nicht, warum. Da reiten wir viele Meilen und wissen nicht, warum. Da gehen wir an vielen Menschen vorüber, bleiben doch immer allein und wissen nicht, warum. Wachen und schlafen, hassen und lieben, lachen und weinen, werden gesegnet und verflucht, verderben und sterben und wissen nicht, warum. Ist es vielleicht wirklich nur das Glück, dem wir nachjagen? Oder sind wir alle nichts als zufällige Erscheinungsformen, nur vorhanden, auf daß wieder neue entstehen können und das trübe Rätsel nie ein Ende nehme? Ihr antwortet mir nicht, Kosak Juliane.«

Der Kosak Juliane, mit verhängten Zügeln und gesenktem Kopf reitend, schaute auf und sah, daß der Kosakenoffizier an ihrer Seite ritt.

»Ihr habt Todesgedanken, Leutnant von Litinow. Der Tag ist grau, es ist keine Wärme in der Welt.«

»Oh, meine Wärme! Aber sie ist immer umsonst vergeudet worden. Wie abenteuerlich für Euch, und wie beschämend für mich, daß Ihr hier in dieser Verkleidung reiten müßt, in Eurem eigenen Land, in Eurer rechtmäßigen Heimat; daß Ihr verkappt in die Wälder müßt, nur um irgendwelchen Unflätigkeiten zu entgehen. Und wie beschämend, daß ich immer noch zu Euch spreche, ein Lebender ohne das Recht dieses Lebens und – – ein Liebender, der verächtlich wurde.«

»Ihr könnt schwer vergessen, was längst verziehen ist. Ihr seid frei von aller Schuld.«

»Man muß sich selber freisprechen können. Niemand entweicht dem Richter in sich selbst.«

»Und hat er Euch gerichtet?«

»Ja, Kosak!«

»Der Spruch?«

»Tod.«

»Euch quält das Heimweh, Ihr denkt zuviel und das Denken macht schwermütig, Ihr seid ein Russe. Laßt Eure Leute singen.«

»Das wäre gegen alle Kriegsgepflogenheit, wir sind auf Streife.«

»Dann singt selber und leise, daß nur ich es höre.«

»Ich müßte lange suchen, das rechte Lied zu finden. Seht, es hängt alles zusammen, Rußland, Heimweh und Liebe, Krieg und Soldat 143 und Reiter, das treibt durch die Welt, durch die Räume und Zeiten, gigantisches Rankwerk einer Idee. Aber welche Idee – – welche – Idee?!«

»Hört auf zu denken und singt.«

»Welche Idee denn, um Gottes willen?«

Das Licht brach heller auf, der Nebel sank und die Ebene war wie ein See, über das kahle Astwerk der Reben strichen noch die Nebelfahnen, über den singenden Wäldern aber wurde es blau, in das einsame Land stießen die Garben des Lichtes.

Dörfer tauchten aus dem Nebelsee, ihr graues Dächergewirr, von Schnee überflockt, belebte die tote Landschaft, denn vereinzelt stiegen Rauchschwaden aus Kaminen, ja, man hörte Vieh brüllen und Hunde bellen, der Tag rieb sich den Schlaf aus den Augen.

»Ach, wär ich ein Adler von mächtigem Flug,
Voll Jugend und Schwungkraft und stattlichem Bug!
Dann trüg' ich, Natascha, hoch über den Forst
Dich Holde empor in den heimischen Horst.«

Nirgends eine Spur vom Feind. Sie ritten immer noch am Waldrand entlang auf einem schmalen, verschneiten Weg; vor ihnen schob sich, schattenverhüllt und von Dunst überlagert, Neustadt aus dem vernebelten Tal in die Ebene vor. Auch Neustadt war längst vom Feinde frei, die letzten Franzosen und Flüchtlinge waren in dem Pfadgewirr der Haingeraide erfroren, soweit sie nicht die breite Straße durch das Tal gezogen waren.

Der Kosak Juliane kannte jeden Weg, sie bog jetzt in einer Senke vor dem Dorf Gimmeldingen nach rechts ab, um in Wälder und auf einem Umweg über das breite Lambrechter Tal in die Haingeraide zu kommen.

»Ach, wär ich ein Renner, der Ebene Kind,
Kühn, frei und gewaltig und schnell wie der Wind,
Dann trüg' ich, Natascha, wild brausend dich fort
An die Ufer des Urals, an einsamen Ort.«

Die vier Kosaken, auf das Lied lauschend, fühlten einen Odem ihrer Heimat, sie wurden bewegter in ihren Gebärden und ihre Augen, sonst wie in Trauer gesenkt, schienen heller zu leuchten. Und plötzlich, wie von innen her getrieben, summten sie mit. Sie sangen nicht, sie 144 summten, und dieses Summen war wie ferner Orgelklang, der sich stützend unter die schwachen Flügel des Liedes schob.

»Singt zu Ende, Leutnant von Litinow.«

Immer heller wurde es, immer sieghafter stieg das Licht herauf, schon enthüllte sich die weite schneeglitzernde Ebene und jetzt, da die Reiter um eine Biegung des Waldweges kamen, wurde der Blick frei, die Gnade des Schauens wurde groß, das verschneite Land lag zu ihren Füßen wie ein schwermütiges Lächeln Gottes.

Der Kosak Juliane zügelte das Pferd und verharrte eine Weile in weher Erschütterung. Ihr war, sie müßte weinen und wußte nicht warum. Die Schwere, die auf ihr lastete, schnürte ihr die Brust zu, sie versuchte tief zu atmen, um die trübsinnige Schwäche zu verjagen, sie kämpfte gegen eine Flut von Gefühlen, aber das Land, das ringsum ihr entgegenatmete, überwältigte sie, die Augen füllten sich mit Tränen. Sie wandte sich ab, denn ein Kosak weinte nicht.

Er sang, nur so ganz still vor sich hin, und die Kosaken summten, das alles war wie ein Traum.

»Hört auf, Litinow. Ihr wißt, daß ich nicht verstehe, was Ihr singt, aber das ist vielleicht das Schöne. Ich weiß nicht, was in Eurem Lied verborgen ist.«

»Das ist gut, Kosak. Ein Baschkirenlied.«

»Baschkiren?«

»Weit von hier, aber wer reitet, dem gehört auch die Ferne. Ein Baschkirenregiment ist beim Korps Wintzingerode unter dem Kommandeur Tschernischew. Wilde Burschen mit Pfeil und Bogen, furchtbar fremd im Westen. Seht dort hinunter, Kosak Juliane.«

Auch die Landstraße längs der Hardt hatte sich vom Nebel frei gemacht. Auf dieser Landstraße bewegte sich ein gewaltiger Wurm, endlos lang und flimmernd bewegt.

Soldaten, Soldaten.

Kosakenregimenter, Hufschlag der Pferde klang bis zum Walde herauf, Rollen und Poltern von Wagen zerriß die Stille, hinterher kamen Geschütze, schwere und leichte Batterien und eine Pionierkompagnie.

»Regimenter vom Karpow«, sprach der Leutnant und schaute angestrengt in die Ebene hinaus. »Grekow und Lukowkin. Und dort die Ukrainer. Sie werden Neustadt besetzen. Wir müssen weiter, keine Zeit zu Betrachtungen. Wir können überall auf kleine Nachhuten des Feindes stoßen.«

145 Kaum hatte er das gesagt, da merkte er eine Unruhe seines Pferdes. Der Rappe weitete die Nüstern und legte die Ohren zurück. Gleich darauf war in der Nähe Hufschlag zu vernehmen.

»Aufgepaßt, es scheint jemand auf unserer Spur.«

Er griff nach der Pistole, auch die Kosaken machten ihre Waffen schußbereit.

Den Hohlweg herauf kamen auf schweißdampfenden Pferden der Verwalter Heinz und drei Mann Begleitung.

»Das sind Leute von meinem Regiment«, rief Litinow und ritt ihnen entgegen. Mit schlagenden Flanken und schaumigen Mäulern standen die Pferde.

»Was wollt ihr?« Litinow ritt nah zu den Kosaken heran.

»Warum habt ihr eure Pferde so abgetrieben?«

Er habe einen Befehl vom Kommandeur, sprach einer der Russen und überreichte dem Offizier einen Zettel.

Heinz drängte sich vor und sprach, auf die Frau deutend, mit Haß in der Stimme, sie seien wegen dieser Frau geritten, sie müsse zurück, tot oder lebendig, so laute der Befehl des Generals.

Litinow las den Zettel, zerknüllte ihn langsam in der Faust und ließ ihn achtlos in den Schnee fallen. Er wandte sich Heinz zu, schaute ihn genau an und drängte seinen Rappen hart an ihn heran.

»Ich kenne Euch und weiß, wie ich Euch zu behandeln habe. Ihr habt die Frau Eures Herrn verraten!«

»Er ist mein Herr gewesen.«

»Einerlei, Ihr habt diese Frau verraten! Nicht nur diese Frau habt Ihr verraten, nein, auch Euer eigenes Land und Euer eigenes Volk.«

»Euch steht kein Urteil zu über mich«, antwortete Heinz.

»Seid Ihr Soldat?«

»Der General hat mich dazu gemacht. In diesem Krieg ist jeder Soldat.«

»Gut, wenn Ihr also Soldat seid, so befehle ich Euch, sofort umzukehren.«

»Aber nicht ohne die Frau, die in fremder Uniform die Flucht ergreifen will unter Eurem Schutz.«

»Ich befehle Euch, sofort umzukehren! Wißt Ihr, Soldat Heinz, welche Strafe auf Widersetzlichkeit ruht?«

»Der Befehl des Generals steht dem Euren entgegen.«

»Das habe ich zu verantworten, nicht Ihr!«

146 Und zu den drei Kosaken russisch: »Ihr reitet sofort zurück und meldet, daß Ihr den schriftlichen Befehl überbracht habt.«

»Leutnant von Litinow«, rief Juliane herüber, »ich glaube, ich bedarf Eures Schutzes nicht mehr, ich finde allein meinen Weg. Tut nichts, was Ihr nicht verantworten könnt.«

Litinow schaute sie an und lächelte.

»Ich kann viel verantworten, glaubt mir, ich handle nicht ohne Überlegung.«

Die drei Kosaken wandten schon ihre Pferde, um sich auf den Rückweg zu machen, sie zögerten aber und schauten nach Heinz, in Erwartung, was er nun beginnen würde.

»Ihr habt meinen Befehl doch verstanden, Soldat Heinz?«

»Ich habe ihn verstanden, aber ich führe ihn nur aus, wenn die Frau mir folgt.«

Litinow griff in die Satteltasche, zog eine alte preußische Feldmütze hervor und reichte sie dem Verwalter Heinz.

»Setzt diese Mütze auf, damit ich sehe, daß Ihr Soldat seid, ich verhandle nicht mit Heckenschützen.«

Heinz griff nach der Mütze, aber er hielt sie unschlüssig in der Hand. Da riß Litinow ihm die Kopfbedeckung herunter und warf sie in den Schnee.

»Was fällt Euch ein, Russenhund.«

»Setzt die Mütze auf, damit ich Euch von einem Freibeuter unterscheiden kann. Der Russenhund sei Euch in dieser Stunde verziehen.«

Heinz setzte die Feldmütze auf und schaute voll Grimm und Bosheit zu Frau Juliane, die versuchte, hinter die Kiefernstämme zu reiten. Als der Verwalter ihre Absicht merkte, gab er dem Pferd die Sporen und wollte seitwärts ausbrechen.

»Ihr bleibt hier!« rief er haßerfüllt und ohne Beherrschung. »Ich stehe auf dem Boden des Rechtes. Über mir steht nur der General!«

Litinow griff ihm in die Zügel, Heinz hob die Faust, aber er schlug nicht zu. Er wollte die Mütze vom Kopf reißen.

»Laßt die Mütze, sie könnte Euch von Vorteil sein.«

»Was für ein Vorteil?«

»Der Verräter endet am Strick, der Soldat fällt durch die Kugel.«

»Was wollt Ihr damit sagen?«

»Nichts als meinen Befehl wiederholen, als Euer Vorgesetzter: reitet nach Deidesheim zurück!«

147 Heinz hob sich im Sattel, reckte die Faust hoch und schrie: »Bei meinem Leben, nicht ohne die Frau!!«

»Ich will Euch achten in dieser Minute, weil Ihr nicht feige seid.«

Litinow hob blitzschnell die Pistole und schoß ihn mitten in die Stirn.

Heinz ließ die Zügel los, griff mit beiden Händen in die Luft und sank langsam, lautlos und wie zum Schlaf sich bettend vom Pferd. Im Hinübersinken fing ihn der Russe auf.

»Euer Tod war ehrlicher, als Euer Leben«, sprach er mit einer verhaltenen Feierlichkeit und ließ den Toten in die Arme der beiden Kosaken gleiten, die herbeigekommen waren. Er schaute nach Juliane, sie kam zwischen den Stämmen hervor, ihr Gesicht war bleich, Tränen standen in den hellen Augen.

»Mein Freund, was habt Ihr getan?«

Litinow richtete sich auf, schob die Pistole in den Gürtel und hob die flache Hand hoch, als wollte er ein Gefühl abwehren, das ihn heiß bedrängte.

»Was ich tat, ich tat es für Deutschland.«

»Die Folgen, Litinow?!«

»Die stehen auf meinem Register, Kosak Juliane.«

Er wandte sich den drei Kosaken zu.

»Bindet den Toten aufs Pferd und reitet mit ihm zurück. Meldet, was geschehen ist, und daß der Leutnant von Litinow vom Regiment Sementschenko heute abend zur befohlenen Stunde zur Stelle ist. Ihr andern, folget mir!«

Er ritt in den Wald, er schaute sich nicht mehr um, er summte leise vor sich hin, sein Herz schlug hart und schwer.

 

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