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Balduin Brummsel und andere Tiergeschichten

Manfred Kyber: Balduin Brummsel und andere Tiergeschichten - Kapitel 21
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authorManfred Kyber
titleBalduin Brummsel und andere Tiergeschichten
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
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Das Land der Verheißung

Es ist nun nicht mehr viel zu erzählen von dieser Geschichte; denn es ist ja auch nur eines ihrer vielen Kleider, in das ich sie gekleidet habe. Es ist gewiß eine sehr einfache Geschichte; aber gerade darum ist sie ohne Zeit. Sie hat sich schon viele Male begeben vor vielen hundert Jahren, sie geschah gestern und sie geschieht heute, und sie wird noch viele Male geschehen müssen, denn es ist ein langer Weg, bis die Erde entsühnt ist. Ich kann es auch nicht sagen, wie lange Bruder Immanuel mit seinem Eichhörnchen und den anderen Tieren zusammen in diesem wunderbaren Wald gelebt hat. Man könnte auch vielleicht denken, daß das Eichhörnchen nach dem Laufe der Dinge hätte eher sterben müssen als sein älterer Bruder. Aber das ist nicht richtig, und es mag sein, daß Bruder Immanuels irdisches Leben verkürzt oder das irdische Leben des Eichhörnchens verlängert wurde. Das alles ist unwesentlich, und in der Welt der geistigen Wirklichkeit stehen nur die wesentlichen Dinge verzeichnet. Aus dieser Welt habe ich sie abgelesen – wo auch sonst hätte ich sie lesen können? In der Welt des anderen Ufers aber waren das ganz große Ereignisse, wenn es hier auch nur eine unscheinbare und sehr einfache Geschichte ist. Denn es ist so, daß die großen Ereignisse immer hinter den Dingen liegen. Ich kann es auch nicht sagen, in wie langer Zeit sich diese Ereignisse, die ich erzählt habe, begeben haben. Sie geschahen ja eigentlich im Reiche der geistigen Wirklichkeiten, und dort gibt es nicht das, was wir die Zeit nennen. Denn die Zeit ist etwas Unwesentliches für den, der außer ihr lebt. Es ist dies vielleicht schwer zu verstehen; aber ich muß das alles so sagen, weil es wahr ist.

So geschah es einmal – und ich weiß nicht, wann das geschah – , daß Bruder Immanuels Engel zu ihm trat. Es war dies sein Schutzengel, wie ihn ein jeder hat für seine irdische Wanderung.

»Bruder Immanuel«, sagte er sehr freundlich, »du mußt dich nun bereiten, den silbernen Faden zwischen deiner irdenen und deiner kristallenen Schale zu lösen und an das andere Ufer zu kommen, um dort den Weg der älteren Brüder weiterzubauen.«

»Das will ich gerne tun«, sagte Bruder Immanuel, »aber ich möchte meinen jüngeren Bruder nicht allein lassen, denn er hat sich nun ganz gewöhnt, seinen irdischen Pfad mit mir zusammen zu wandern, und er ist mir ein so guter Bruder gewesen, wie es nicht viele gibt.«

»Wir haben das bedacht«, sagte der Engel, »es kommen alle Geschöpfe, die Gott schuf, ans andere Ufer in ihrer kristallenen Schale. Du brauchst deinen kleinen Bruder nur auf den Arm zu nehmen, wenn wir dich zur Reise rufen.«

»Wir werden nun bald zusammen über eine Brücke gehen, mein kleiner Bruder«, sagte Bruder Immanuel zum Eichhörnchen, »es ist dies nicht wesentlich, und ich werde dich auf dem Arm tragen, so daß du es gar nicht merken wirst, ob es ein kurzer oder ein weiter Weg ist. In dem Lande aber, in das wir kommen, wirst du erkennen, was wesentlich ist und daß alles, was hier wesentlich war, geblieben ist, als habe sich nichts verändert.«

Und als der Einfältige, der ein Meister geworden war, ihn besuchte, sprach er zu ihm: »Es ist dies das letzte Mal, mein lieber Bruder, daß wir auf diesem Ufer zusammen sind. Du mußt nun nicht mehr kommen; sondern wenn du mich sehen willst, so rufe mich, bevor du einschläfst, so daß wir uns in unserer kristallenen Schale begegnen können!«

»Das wird für mich sehr schwer sein«, sagte der Einfältige, der ein Meister geworden war, »denn ich bin nicht so weit wie du auf dem Wege, den wir beide wandern.«

»Siehst du, es ist niemand weit oder nahe«, sagte Bruder Immanuel, »denn das Ziel ist zeitlos, wenn du es recht bedenkst. Wir wandern ja beide den Weg des älteren Bruders auf diesem und auf jenem Ufer, und dieser Weg ist ein vielfältiger für viele Geschöpfe, so daß niemand sagen kann, was nahe und was weit ist. Du aber mußt hier noch viele Werke schaffen, auch wenn ich jetzt gehe.«

»Es wird für mich eine traurige Zeit werden, bis ich auch gehen darf«, sagte der Einfältige, der ein Meister geworden war.

»Das mußt du nicht denken«, sagte Bruder Immanuel, »eine Zeitlang ist wenig, wenn du es recht bedenkst, vielleicht ist es gar nichts. Es ist ja auch so, daß sich die Kette der Dinge immer mehr entwirrt. Gott segne deinen Weg, lieber Bruder, denn es ist der Weg des älteren Bruders auf diesem und auf jenem Ufer.«

Und Bruder Immanuel nahm Abschied von dem Einfältigen, der ein Meister geworden war. Es war dies am Abend eines Tages und eines Lebens. Aber der Abend eines Lebens ist nicht mehr als der Abend eines Tages, und es ist auch nur auf diesem Ufer, daß es Abend wird.

Am anderen Morgen, als die Sonne aufging, trat Bruder Immanuels Engel wieder zu ihm. »Du mußt nun ans andere Ufer kommen«, sagte er freundlich.

Da legte sich Bruder Immanuel auf sein Lager in der Hütte und nahm das Eichhörnchen in den Arm. Es war sehr sonderbar. Die Züge seines Engels veränderten sich, sie wurden bleich und ernst, seine Schwingen wurden schwarz und sein Gewand dunkel. Es war, als habe der Todesengel ihn abgelöst und stünde nun an seiner Stelle. Leise lockerte sich der silberne Faden zwischen der irdenen und der kristallenen Schale. Dann wandelten sich die Züge des Todesengels in die Züge des Erlösers am Kreuze, die Schwingen wurden golden und das Gewand weiß und durchsichtig wie durchlichteter Schnee. Da löste sich der silberne Faden zwischen der irdenen und der kristallenen Schale. Es war um die Osterzeit, als dies geschah. Ich kann es nicht sagen, ob es gerade am Ostersonntag war. In der Hütte Bruder Immanuels aber war es Ostersonntag geworden.

Die Vögel, die auf dem Dach der Hütte nisteten, trugen die Kunde von Bruder Immanuels Tode zu den Tieren des Waldes, und es war eine große Trauer unter ihnen, daß ihr älterer Bruder von ihnen gegangen war. Denn sie waren die jüngeren Brüder, und noch lebten sie ja im Bewußtsein dieses Ufers. Aber in solcher Trauer ist die Erkenntnis des anderen Ufers, und darum muß sie sein auf dieser Welt, bis sich einmal beide Ufer vereinigen.

In unabsehbaren Scharen kamen die Tiere des Waldes auf den Berg gewandert, auf dem Bruder Immanuels Hütte stand. Eines nach dem anderen traten sie in die Tür der Hütte und betrachteten Bruder Immanuels irdene Schale, die friedvoll mit dem Eichhörnchen auf dem Arme dalag, das Bildnis des Erlösers über sich. Es war ganz still, und die Morgensonne malte goldene Zeichen an den Wänden.

Auch die Tiere waren still, und es störte keiner den anderen. Nur zwei große Bären klagten laut, als sie in die Tür der Hütte traten, und die Tränen liefen ihnen über die Schnauze. Es waren dies eine Bärin und ihr Sohn. Der Sohn der Bärin war kein Bärenkind mehr wie damals, sondern er war stark und gewaltig geworden und noch höher als seine Mutter, wenn er aufrecht stand. Eine hölzerne Kugel aber hielt er in der Tatze, obwohl er kein Bärenkind mehr war. Nur spielte er heute nicht mehr damit.

Ich kann nicht erzählen, welche Tiere alle vor Bruder Immanuels Hütte kamen, es wäre zuviel, sie alle aufzuzählen, und es ist auch nicht wesentlich. Wesentlich war nur, daß sie alle sich vereint fühlten als jüngere Brüder vor diesem Totenbett. Das aber war ein wirkliches und großes Ereignis, und das ist nicht immer so, wenn jemand stirbt.

»Wir wollen unserem älteren Bruder ein Grab graben«, sagte der Bär und ließ die hölzerne Kugel vorsichtig ins Gras gleiten, wie man ein Heiligtum hinlegt.

Dann gruben die Bärin und ihr Sohn ein Grab für Bruder Immanuel und sein Eichhörnchen in der Hütte. Sie legten beide sorgsam hinein, schütteten Erde darüber und bedeckten sie mit Blumen.

Noch eine kleine Weile standen die Tiere vor dem Grabe ihres älteren Bruders. Dann wandten sie sich traurig, um in den Wald zurückzugehen, jeder allein zu seiner Behausung. Und es war eine große Verlassenheit in ihnen allen.

Wie sie sich aber umwandten, sahen sie, daß Bruder Immanuel mitten unter ihnen stand, mit dem Eichhörnchen auf dem Arm.

»Es ist nicht so, daß ich von euch gegangen bin, liebe Brüder«, sagte er, »es ist nur so, daß ich meine irdene Schale abgelegt habe, und ich stehe vor euch in meiner kristallenen Schale. Es ist dies das große Geheimnis des Daseins, das Tod und Leben umfaßt, so wie es die Eule euch erzählt hat, denn sie hat es gesehen. Es ist ein großes Geheimnis, aber es ist sehr einfach. Ich muß nun auf dem anderen Ufer die Wege der älteren Brüder bereiten helfen, aber ich gehe nicht fort von euch, denn ich will jeden Tag zu euch kommen und nach euch sehen, und es wird niemand von euch allein sein. Es sind immer ältere Brüder um die jüngeren; denn es ist dies der Weg der Erlösung in Sühne, Sehnsucht und Liebe.«

Da begriffen die Tiere die große Gemeinsamkeit, die alle Geschöpfe Gottes vereinigt, und sie waren sehr dankbar, daß sie das gesehen hatten. Sie verstanden auch, daß niemand allein bleibt, der eines guten Willens ist, und daß auch das kleinste Geschöpf einen Begleiter hat auf seiner unscheinbaren Wanderung. Da wich die große Verlassenheit von ihnen, und sie gingen nach Hause.

Um Bruder Immanuels Hütte rankten sich wilde Rosen und hüllten sie ein in einen Mantel von Blüten. So blieb sie der Tempel eines Stückes der Erde, das entsühnt war. Franziskus von Assisi aber führte einen Menschenbruder und einen Tierbruder über die Brücke zum anderen Ufer.

Diese Geschichte hat sich schon viele Male begeben vor vielen tausend und vielen hundert Jahren, sie geschah gestern und sie geschieht heute und sie wird noch viele Male geschehen müssen, bis das Kainszeichen der Menschheit getilgt ist und sich die Kette der Dinge entwirrt. Viele wanderten den Weg des älteren Bruders für seine jüngeren Brüder, viele wandern ihn heute und es werden ihn noch sehr viele wandern. Es ist ein Weg voll Dornen in Sühne, Sehnsucht und Liebe, und über ihm steht der Stern von Bethlehem. Aber erst wenn alle ihn wandern, wird die Erde entsühnt sein, und ihre beiden Ufer werden sich vereinigen zum Lande der Verheißung.

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