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Balduin Brummsel und andere Tiergeschichten

Manfred Kyber: Balduin Brummsel und andere Tiergeschichten - Kapitel 19
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authorManfred Kyber
titleBalduin Brummsel und andere Tiergeschichten
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
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Die irdene und die kristallene Schale

Es war nicht so, daß Bruder Immanuel nur mit den Tieren des Waldes allein lebte; es war auch nicht so, daß er keine menschliche Seele sah außer dem Einfältigen, der ein Meister geworden war. Gewiß wäre er auch dann nicht allein gewesen. Aber es war doch noch anders, und so ist es immer, wenn jemand den Weg des älteren Bruders geht. Bruder Immanuel sah mit den inneren Augen, die sich ihm geöffnet hatten, nicht nur die Seelen der Tiere und die Kräfte der Pflanzen und Dinge, es geschah auch oft, daß er mit diesen inneren Augen Gestalten erblickte, die neben ihm hergingen oder sich im Frieden seiner Hütte neben ihn setzten und mit ihm redeten, bei Tage und bei Nacht. Es waren dies ältere Brüder, die vor ihm seinen Weg gewandert waren und die gleichen Wege bereiteten auf dem anderen Ufer dieser Welt. Es bauen ja Tote und Lebende an den Brücken zum Lande der Verheißung und gießen die Seele der Erde in immer neue Formen. Die Menschen, die in einem Körper gefangen sind, haben es nur vergessen, daß sie vom anderen Ufer der Welt kamen und wieder zu diesem anderen Ufer gelangen, wenn der Tod sie in seinem Nachen über den dunklen Strom führt. Das ist gewiß sehr wesentlich, so wie die Menschen heutzutage geartet sind, aber es braucht gar nicht so wesentlich zu sein. Es ist eine kristallene Schale in einer irdenen. Ein Leib aus groben Stoffen, der einem feineren Leib die irdene Schale war, bleibt zurück, und das ist alles. Man selbst lebt weiter in der kristallenen Schale; aber diesen feineren Leib hatte man auch, als man noch in der irdenen Schale war, nur achtet man nicht darauf, weil man nur auf die irdene Schale achtet. Im Schlafe wissen das die Menschen, weil sie dann ihre irdene Schale verlassen und vor ihr stehen in ihrem feineren Leibe, und sie wandern oft weit fort von ihrer irdenen Schale, die nur wie mit einem dünnen silbernen Bande mit ihnen verbunden bleibt. Im Tode löst sich auch dieses Band, weil die irdene Schale nicht mehr brauchbar ist und man sie nicht mehr benötigt in der anderen Stofflichkeit des anderen Ufers. Aber ist das sehr wesentlich? Man lebt in der kristallenen Schale weiter, in der man immer lebte, auch als die irdene sie noch umschloß. Es ist eigentlich sehr einfach, und die Menschen merken es nur nicht, wie einfach es ist, weil ihre irdene Schale zu dick und zu grob ist und sie alles vergessen, wenn sie wieder in ihre irdene Schale hineintauchen. Es ist darum auch sehr wichtig, daß man seine irdene Schale feiner gestaltet, so daß man noch einiges in sie mitnimmt von einem lichteren Bewußtsein, wenn man vom anderen Ufer kommt. Denn es soll ja die irdene Schale die kristallene nur tragen, aber nicht verdunkeln, und die kristallene soll die irdene Schale durchlichten. Es ist dies ein Geheimnis aus dieser und jener Welt, und man kann Leben und Tod nicht verstehen, wenn man dieses nicht versteht.

In solchen feineren Leibern des anderen Ufers saßen die älteren Brüder, die über den Strom geschifft waren, neben Bruder Immanuel und redeten mit ihm über die Wege der älteren Brüder und über das Land der Verheißung. Es war dazwischen auch so, daß Bruder Immanuel seine irdene Schale im Schlafe verließ und in seiner kristallenen Schale die älteren Brüder auf dem anderen Ufer besuchte, wenn er sie sprechen wollte. Er hatte dann nur darauf zu achten, daß das silberne Band nicht riß, das ihn mit seiner irdenen Schale verband und das sich über den dunklen Strom spannte. Aber wer sollte das wohl zerreißen, denn Bruder Immanuel lebte ja ferne von den Menschen, die so etwas mit plumpen Händen greifen, und an seiner irdenen Schale in der Hütte wachte das Eichhörnchen und wartete geduldig, bis er wiederkam. Der dunkle Strom ist ja auch nichts als ein kleiner Bach für die, welche den Weg des älteren Bruders wandern, und es ist nicht weit für sie von diesem Ufer zu jenem.

Ich muß das sagen, damit man nicht denkt, das Leben Bruder Immanuels sei einsam gewesen und weltferne. Es war nur das Unwesentliche, was ferne gerückt war, und das Wesentliche war nahe.

Es geschah nun, als Bruder Immanuel einmal vor seiner Hütte mit den Gestalten seiner älteren Brüder vom anderen Ufer saß und über das Wesen der Dinge redete, daß sich ein großer Lärm im Walde erhob und viele Tiere angstvoll dem Berge zueilten, auf dessen Gipfel Bruder Immanuels Hütte stand.

»Es muß sich etwas sehr Schreckliches ereignet haben«, sagte das Eichhörnchen, das schon wach war, obwohl es um die erste Morgenstunde war. Aber es war sehr lernbegierig und hörte gerne zu, wenn die älteren Brüder redeten. Sie waren auch immer alle so sehr freundlich zu ihm. Auf die Hütte zu kam mit lautlosen Flügelschlägen eine große Ohreule geflogen und setzte sich auf Bruder Immanuels Schoß.

»Es ist ein König mit vielen Menschen, Pferden und Hunden im Walde eingefallen zu einer großen Jagd. Sie führen schreckliche Spieße mit sich, und alle Tiere fliehen entsetzt zu deiner Hütte. Aber der Weg ist zu weit, und sie haben auch ihre Kleinen mit sich, die sie nicht im Stich lassen können, und so werden sie sich nicht retten können, wenn du ihnen nicht hilfst. Ich bin gekommen, um Hilfe zu bitten, denn ich bin die einzige, die in der Dunkelheit so schnell fliegen kann.«

Die Ohreule war erschöpft, und ihre Schwingen zitterten. Da bat Bruder Immanuel seine älteren Brüder vom anderen Ufer, und sie machten es, daß ein dicker grauer Nebel den König mit all seinen Menschen, Pferden und Hunden einhüllte. Über den Tieren des Waldes aber ging die Sonne auf und zeigte ihnen den Weg. Die Ohreule schloß geblendet die Augen, und Bruder Immanuel brachte sie in seine Hütte, damit sie sich ausruhen und am Tage schlafen könne.

»Schicke die Vögel aus den Nestern deiner Hütte aus«, sagten die älteren Brüder, »daß sie allen Tieren des Waldes sagen, sie mögen unbesorgt sein, der Nebel um den König und sein Gefolge wird nicht weichen, bis du es nicht willst, Menschen und Pferde werden nicht weiter eindringen und die Hunde werden keine Spur finden können.«

Da flogen die Vögel aus in alle Richtungen des Waldes und waren froh, daß sie Frieden verkünden konnten.

»Warte bis zur Nacht«, sagten die älteren Brüder, »dann gehe hin und rede mit dem König! Er ist ein Tor, und er soll ein Weiser werden.«

»Wann muß ich ausgehen, damit ich zurechtkomme?« fragte Bruder Immanuel, »wie viele Stunden Weges ist es von hier?«

»Es ist gleich, wie weit es ist«, sagten die älteren Brüder, »gehe in deiner kristallenen Schale, wenn deine irdene Schale schläft, und wir werden bei dir sein und dich geleiten.«

Mit diesen Worten gingen sie zum anderen Ufer, Bruder Immanuel aber begab sich in seine Hütte, reichte der Ohreule und dem Eichhörnchen ihr Essen, und sie warteten auf die Nacht.

Als die ersten Sterne am Himmel standen, legte sich Bruder Immanuel auf sein Lager und verließ seinen grobstofflichen Leib, mühelos, wie man ein Kleid ablegt. In seinem feinstofflichen Leibe aber stand er, seltsam durchlichtet, vor dem Eichhörnchen und der Eule und schlug das Kreuz am Bildnis des Erlösers vor seiner Wanderung.

»Bleibe bei meiner irdenen Schale in der Hütte, lieber Bruder«, sagte er zu dem Eichhörnchen, »für dich ist dieser Weg zu weit. Aber meine Schwester, die Eule, ist das Fliegen gewohnt, sie kann mich begleiten.«

Mit beinahe lautlosen Schwingenschlägen glitt die Eule ins Dunkel der Nacht, und noch lautloser, noch wesenloser im Irdischen glitt die Gestalt Bruder Immanuels neben ihr hin, und es gab für sie keine Hindernisse, keine Bäume und keine Äste. Sie war von einem Stoff, der durch alles hindurchdringt, was nicht vom anderen Ufer ist. Es ist dies sehr schwer einem Menschen zu beschreiben, der nur im Bewußtsein seiner irdenen Schale lebt, aber es ist dem so, und man muß es sagen, weil es wahr ist.

Im Jagdlager des Königs hatte niemand einen Schritt machen können den ganzen Tag über, weil man nichts mehr sah im dicken grauen Nebel, und alle waren mürrisch und verdrossen schlafen gegangen. Nur der König wachte und starrte finster in ein kleines Lagerfeuer vor seinem Zelt. Es ärgerte ihn, daß etwas stärker war als er und daß ihm sein Vergnügen gestört wurde.

Bruder Immanuel glitt vor ihn hin, und die Eule setzte sich auf das Dach der Königszeltes, denn sie wollte alles hören, was gesprochen wurde, um es nachher den Tieren des Waldes zu erzählen. Es war sehr sonderbar, aber auch die Hunde merkten nicht, daß jemand gekommen war. Vielleicht hatten sie es auch bemerkt, aber sie schlugen nicht an, weil sie ahnten, daß es etwas vom anderen Ufer war. Die Tiere sind oft klüger als die Menschen.

»Du mußt diesen Wald verlassen, lieber Bruder«, sagte Bruder Immanuel zum König, »denn du bist hergekommen, um zu töten.«

Der König sah erschrocken auf. Es war sonderbar, daß plötzlich ein fremder Mann vor ihm stand und daß seine Wachen ihn durchgelassen hatten. Noch sonderbarer war es, daß dieser Mann anders aussah als alle anderen, denn es war, als wäre sein Körper durchlichtet. Den König packte ein Grauen an; aber er besann sich, daß er König war und Herr dieses ganzen Gebietes.

»Ich bin nicht dein Bruder«, sagte er, »ich bin der König dieses Waldes. Schere dich fort, hier hat niemand zu gebieten als ich allein.«

Er wollte die Wachen rufen, aber er konnte es nicht.

»Du bist noch nicht mein Bruder«, sagte Bruder Immanuel, »aber ich habe dich aus Güte so genannt, weil du es einmal sein wirst, früher oder später, je nachdem du es willst. Aber einmal wirst du es sein müssen, und es ist gut für dich, wenn es zeitig geschieht. Der König dieses Waldes aber bist nicht du, Gott ist der König dieses Waldes, und er hat ihn seinen Tieren geschenkt.«

»Du bist selber ein Tier!« schrie der König wütend und griff nach seinem Speer.

»Ich bin der Bruder der Tiere und gehe den Weg des älteren Bruders, den auch du einmal wirst gehen müssen. Laß deinen Speer stecken, es ist sehr töricht, damit nach mir zu stoßen, denn ich bin nicht in meiner irdenen Schale, wie du es bist.«

»Ich weiß nicht, wer du bist, und will es nicht wissen«, sagte der König, »geh fort von mir, du bist mir unheimlich, geh fort von mir, ich gebiete es dir, ich bin der König.«

»Das Gebot eines Königs, der kein geistiger König ist, ist etwas Lächerliches in der Welt vom anderen Ufer«, sagte Bruder Immanuel. Er sagte das still und freundlich, wie man eine Tatsache feststellt. Es war kein Angriff in dieser Rede, und unwillkürlich mußte der König schweigen, denn er wußte nicht, was er antworten sollte.

»Siehst du, lieber Bruder«, fuhr Bruder Immanuel fort und setzte sich neben den König, »es ist so, daß man viele Tausende von Jahren zurückgehen muß, wenn man einen Schritt vorwärts tun will. Ich will dich zurückführen.« Und er legte ihm die Hand auf die Augen, so daß des Königs irdische Augen sich schlossen und seine inneren Augen zu schauen begannen.

»Siehst du die vielen Tausende von Jahren zurück, und vor Gott sind sie wie ein Tag? Alle Menschen wandeln durch viele irdische Leben und alle Geschöpfe mit ihnen, die verkettet sind in der Kette der Dinge. Du sagst, daß du ein König bist. Ich glaube das nicht, denn du bist kein König im Land vom anderen Ufer. In deinem vorigen irdischen Leben warst du der Diener eines Großen und wolltest gerne selber ein Großer werden. Im Lande vom anderen Ufer warst du ein Bettler mit diesem Wunsche; aber der Wunsch wurde dir erfüllt, und du wurdest nach deiner Wiedergeburt ein König unter den Menschen. Denn die Menschen wählen sich heute noch ihre Könige nicht unter den geistigen Königen, sondern meist unter den Toren, weil sie selber Toren sind. Meinst du, es ist etwas Großes, unter den Toren der größte zu sein? Die Engel, die dich leiteten und dich gewähren ließen, dachten, du würdest vielleicht noch ein König werden, wenn deine Hände eine Aufgabe ergreifen, die du dir gewünscht hast. Aber du hast nur befehlen und töten gelernt. Niemand, der befiehlt und tötet, ist ein König. Du bist ein Diener geblieben, ein Diener einer dunklen Macht, die du zu töricht bist zu erkennen. Du wärest auch nie ein König geworden auf dieser Erde, wenn die Menschen es nicht doch verdienten, dich zum Könige zu haben. Bist du noch stolz, ein König zu sein?« Der König sah das, was Bruder Immanuel sah. Denn er sah das Leben mit seinen inneren Augen.

»Ich sehe, daß ich ein Bettler bin und kein König«, sagte er. »Ich will diesen Wald verlassen, sobald der Nebel wieder weicht.«

»Der Nebel wird weichen, wenn du es willst. Es ist nicht der Nebel des Waldes, der sich um euch gelegt hat. Meine älteren Brüder spannten diesen Nebel um euch aus euren eigenen Gedanken.«

»Was soll ich tun?« fragte der König, der ein Bettler war. »Töte niemals wieder«, sagte Bruder Immanuel, »keinen Menschen und kein Tier! Heilige alles Leben, denn das allein ist Königtum. Gehe den Weg des älteren Bruders, wie ich ihn gegangen bin, denn herrschen darf nur, wer auch im kleinsten Geschöpf den Bruder achtet.«

»Und wenn ich wie ein Heiliger lebe, ich muß Kriege führen, solange ich ein König bin«, sagte der König.

»Es braucht niemand zu kriegen, der weise ist«, sagte Bruder Immanuel, »es ist so, daß nicht die Könige den Krieg führen, sondern der Krieg führt die Könige. Es ist ein Narrenseil voll Blut. Laß dich nicht vom Krieg führen, und du wirst keinen Krieg zu führen brauchen, weder mit den Menschen noch mit den Tieren. Es ist so vieles vermeidbar dem, dessen kristallene Schale rein ist. Siehe, du lebst im Bewußtsein deiner irdenen Schale und sie verdeckt dir das Land vom anderen Ufer und die Weisheit dieser und jener Welt. Ich habe diese irdene Schale abgelegt, und ich bin bei dir in meiner kristallenen Schale. Lebe so, daß deine irdene Schale sich verfeinert und daß du dich selber schaust in deiner kristallenen Schale! Diese kristallene Schale aber mache so frei von aller Begierde, so rein und so klar, daß alles Licht vom anderen Ufer sich in sie ergießen kann! Denn dieses Licht ergießt sich in alle Schalen, die ihm bereitet sind. Dann wirst du ein geistiger König sein, und kein irdischer König kann einen geistigen König besiegen. Halte deine kristallene Schale bereit in Sühne, Sehnsucht und Liebe, denn es ist die Schale des Grals, die jeder in sich trägt, den Gott geschaffen.«

Lautlos, wie er gekommen war, verschwand Bruder Immanuel im Dunkel der Nacht, und die Eule folgte ihm. Ebenso lautlos glitt er wieder in seine irdene Schale in der Hütte und legte sich zur Ruhe, und das Eichhörnchen schlief in seinem Arm.

»Ich werde den Weg des älteren Bruders gehen«, sagte der König, der ein Bettler gewesen war, und als er das gesagt hatte, schwand der Nebel, und die Morgensonne kam. Ihre Strahlen fielen in eine kristallene Schale, die klar und rein geworden war und bereitet in Sühne, Sehnsucht und Liebe für den Gral. Der König aber war nun kein Bettler mehr, sondern er war wirklich ein König geworden.

Die Menschen schwiegen, die Hifthörner klangen nicht, und die Hunde bellten nicht, als der König mit seinem Jagdgefolge nach Hause zog. Den Wald aber hat niemand mehr betreten, der töten wollte, seit jenem Tage. Der König jagte nicht mehr, und er führte auch keine Kriege, denn es war so, daß der Krieg ihn nicht mehr führen konnte, seit er ein geistiger König war und seit er die Schale des Grals wissentlich in sich trug.

Die Eule aber erzählte es im ganzen Walde, was sie gehört und gesehen hatte, und sie galt seitdem als der weiseste Vogel unter den Tieren des Waldes. Denn sie redete von Sühne, Sehnsucht und Liebe und vom Geheimnis, das Tod und Leben umfaßt, von der irdenen und von der kristallenen Schale.

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