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Balduin Brummsel und andere Tiergeschichten

Manfred Kyber: Balduin Brummsel und andere Tiergeschichten - Kapitel 18
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authorManfred Kyber
titleBalduin Brummsel und andere Tiergeschichten
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
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Die Bärin und ihr Kind

Bruder Immanuel arbeitete fleißig in seinem Garten zusammen mit dem Eichhörnchen. Er grub die Erde um mit einem Spaten, den er mit sich geschleppt hatte, und das Eichhörnchen scharrte vorsichtig kleine Löcher in die fertigen Beete und versenkte die Samenkörner darin. Es sammelte auch Samen für spätere Zeiten und entwickelte viele und große häusliche Tugenden. Die Vorräte für den Winter waren bescheiden, aber sie mehrten sich doch zusehends, und es war auch darauf Bedacht genommen, daß sich Gäste einstellen würden, die nichts für die verschneiten Monate zurückgelegt hatten.

Ein Volk von Ameisen hatte sich ebenfalls an der Hütte angesiedelt, nachdem es um Erlaubnis gefragt und versprochen hatte, den Honig der Waldbienen nicht anzurühren. Auch einige Igel hatten sich eingefunden und boten sich eifrig zu Gartenarbeiten an. Sie konnten eigentlich keine besonderen Fähigkeiten namhaft machen; aber sie hatten kleine und sehr spaßhafte Kinder, und Bruder Immanuel ließ sie gewähren. Die Großen liefen geschäftig hin und her und halfen graben, die Kleinen lagen auf der Wiese und sonnten sich. Es war eine sehr bewegliche Gesellschaft. Sie beteuerten wiederholt, daß sie ganz gewiß nicht die Mohrrüben anrühren wollten, die Bruder Immanuel gezogen hatte, obwohl gerade der Duft dieser Seltenheiten sie gelockt hatte neben alldem Löblichen, das sie sonst über den älteren Bruder gehört. Bruder Immanuel teilte die Vorräte ein und gab den Igeln Mohrrüben und den Ameisen Honig, aber nur am Sonntag, denn es war nicht viel von allem vorhanden. Die Tiere wissen ja genau, wann Sonntag ist, und die Bäume und die Blumen ahnen es. So gingen die Tage in Nächte über und die Nächte in Tage, und Bruder Immanuel fühlte es immer innerlicher, wie er eins wurde mit allem Leben um ihn. Es geschah dazwischen, daß Bruder Immanuel Besuch erhielt vom Einfältigen, der ein Meister geworden war. Er fand den Weg in die Wildnis und zur Hütte seines älteren Bruders ohne jegliche Mühe, auch als er ihn das erste Mal ging. Er brauchte nicht einmal zu suchen. Es war ein Leuchten um ihn, das ihm voranging, sehr ähnlich jener Sicherheit, mit der er seine Werke vor sich sah und gestaltete. Er brachte Brot mit, einige Werkzeuge und einfaches Leinen zu einer Kutte. Mehr wollte Bruder Immanuel nicht haben. Er hatte es allzutief in sich erfahren, wie sehr man einen neuen Menschen in sich schafft, wenn man alles selbst besorgt, nur auf sich gestellt und auf die Gesetze der Natur, die einen umgeben. Es ist, als erlebe man in sich die Kindheit der Menschengeschichte noch einmal mit Bewußtsein und als würde die Erde wieder jung wie am ersten Tage.

»Wir alle, die wir vorwärts gehen, müssen erst sehr weit zurückgehen«, sagte Bruder Immanuel zum Einfältigen, der ein Meister geworden war, »viele Jahrtausende müssen wir zurückwandern, als die Kräfte sich bildeten, die heute wirken. Es ist, als müßten wir zeitlos werden in uns. Der Körper muß biegsam und leicht werden wie eine Pflanze, der Erde zugehörig und doch nicht an sie gefesselt mit irgendwelcher Begierde, und die Seele muß ihrem Körper nicht mehr anhaften als ein Falter, der sich in einer Blüte birgt.«

»Es ist sehr schwer«, sagte der andere.

»Es ist aber nur am Anfang schwer«, sagte Bruder Immanuel, »dann kommt die große Einsamkeit, und nachher ist eigentlich alles sehr leicht. Siehe, wenn ich heute Menschen, Tiere, Bäume und Blumen betrachte, so schaue ich wohl alle ihre Farben und Formen, aber ich sehe, daß es alles nur Körper sind aus einem Stoffe, ich sehe die Kräfte, die alle Vielfältigkeit in der Einfältigkeit gestalten. Es ist, als würde der Baum, der eben vor uns steht, aus Glas und ganz durchsichtig. Hinter dem Wunderwerk seiner Rinde, seiner Äste und Blätter sehe ich das, was der eigentliche Baum ist, es ist die Teilseele einer großen Seele, und alle Seelen sind irgendwie miteinander verbunden in der Kette der Dinge und harren auf eine Erlösung durch den älteren Bruder.«

»Ich möchte wie du den Weg des älteren Bruders gehen«, sagte der Einfältige, der ein Meister geworden war.

»Gehst du nicht auch diesen Weg, wenn du deine Bilder in der Seele schaust und sie gestaltest, so daß andere sie sehen können mit ihren irdischen Augen?« sagte Bruder Immanuel. »Rufst du nicht in anderen, die noch nicht wach sind, die Sehnsucht auf, die Erde zu entsühnen? Sehr verschieden, lieber Bruder, sind die Wege der älteren Brüder, aber sie alle leben in der Sehnsucht, die in den anderen noch schläft. Man muß sie erinnern an das, worin sie auch einmal waren, an eine schuldlose Erde, an eine Erde der Kinder, wie sie einst war und einmal wieder sein wird.«

»Wann und wie wird diese neue Erde entstehen?« fragte der Einfältige, der ein Meister geworden war.

»Eine Zeitlang ist nichts, wenn du es richtig bedenkst, lieber Bruder, und wo darüber entschieden wird, ist keine Zeit mehr. Geschaffen aber wird diese neue Erde aus dem Geist der Liebe in Sühne und in Sehnsucht. Dazu rufe auf, wir müssen wach sein, und wir müssen die rufen, die schlafen.«

»Ich weiß oft nicht, was ich schaffen soll«, sagte der andere. Es geschieht häufig, daß ein Meister das sagt. Nur die, welche keine Meister sind, sagen das niemals.

»Du mußt andere rufen und selber dem folgen, der dich ruft. Dein Rufer wird immer neben dir sein, wenn es an der Zeit ist. Gehe nun heim, lieber Bruder, und auf dem Heimweg wirst du jemand begegnen, dessen Bildnis gestalte! Wir finden immer, was wir suchen, wenn die Seele auf dem Heimweg ist.«

Da ging der Einfältige, der ein Meister geworden war, nach Hause, und im tiefen Walde begegnete er jemand, den gestaltete er. Es war ein Mensch von großer Güte, mit einem Lichtschein um ihn herum, und ihm zur Seite gingen ein Wolf und ein Lamm, und auf seiner Schulter saßen die Vögel des Waldes. So schuf der Einfältige, der ein Meister geworden war, das Bildnis des Heiligen von La Vernia. Es war dies die Krone seiner Werke.

Bruder Immanuel aber begab sich in seine Hütte und legte sich auf sein Lager. Das Eichhörnchen schlief schon in seinem Nest unter dem Kreuze des Erlösers. Eine dunkle Nacht hüllte Wald und Wiesen in ihre tiefen Schatten, und über der Hütte leuchteten die Sterne. Bruder Immanuel schlief nicht, er wachte und schaute durch ein kleines Fenster auf die Schrift der Sterne. Er hatte es nun gelernt, in der Schrift der Sterne zu lesen, und auch in dieser Schrift begegnete er dem Bildnis des Franziskus von Assisi. Es stand groß und deutlich darin in Lettern, die niemals vergehen werden.

Es war schon spät, da geschah es, daß an die Tür der Hütte geklopft wurde. Es war das noch nicht geschehen – wer sollte in dieser Waldeinsamkeit an die Türe klopfen? Es war unwahrscheinlich; aber Bruder Immanuel stand auf von seinem Lager und öffnete. Vor ihm im Dunkel der Nacht stand wie ein riesiger Schatten eine große Bärin. Es hätte einen anderen wohl grauen können; aber Bruder Immanuel sah, daß die Bärin in Not war, denn sie führte ihr Kind an der Tatze, das krank war. »Ich habe gehört, daß du ein älterer Bruder bist«, sagte die Bärin sehr bescheiden, »mein Kind ist krank, vielleicht kannst du ihm helfen.«

Bruder Immanuel nahm das Bärenkind auf die Arme und bettete es sehr sorgfältig auf sein eigenes Lager. Der kleine Bär ließ sich ganz ohne Scheu und selbstverständlich aufnehmen, die Bärin folgte langsam und etwas mißtrauisch.

»Wir haben es mit einigen Kräutern versucht, die wir kennen«, sagte sie, »aber es hat diesmal nichts geholfen.«

»Man muß dazu noch andere Kräuter kennen, liebe Schwester«, sagte Bruder Immanuel sehr freundlich, »es ist etwas auch in euch von der Verwirrung in der Kette der Dinge, sonst würdet ihr nicht krank werden können. Auch das wird einmal nicht mehr sein.«

Das Eichhörnchen hatte sich knurrend und fauchend erhoben.

»Lieber Bruder«, sagte Bruder Immanuel zu ihm, »gehe und suche mir die Blume mit dem roten Kelch, die am Weg der Dornen blüht, und rufe die Hirschkuh, denn ich brauche etwas Milch, weil jemand krank ist.«

Das Eichhörnchen verschwand im Dunkel, und Bruder Immanuel deckte den kleinen Bären sorgsam zu.

»Dieses Heilkraut kennen wir nicht«, sagte die Bärin.

»Ihr werdet es auch kennenlernen im Wandel der Dinge. Es blüht am Wege, den die älteren Brüder gehen.«

Dann nahm er ein Brot, bestrich es mit Honig und bot es der Bärin an. Die Bärin beschnupperte es, aber sie war in Angst um ihr Kind und wollte nicht essen.

»Wir wollen es beide zusammen essen«, sagte Bruder Immanuel, »es ist nicht nur gut für dich, weil du hungrig vom Wege und erschöpft von der Sorge um dein Kind bist. Es ist auch sonst gut, wenn wir zusammen das Brot essen. Es ist dies kein gewöhnliches Essen, sondern etwas sehr Wunderbares, wenn wir beide zusammen das Brot brechen. Es ist für mich dann auch viel leichter, dein Kind zu heilen.«

Da nahm die Bärin das Brot, und sie aßen beide zusammen. Bruder Immanuel aber setzte sich neben das Lager des kleinen Bären und begann aus Holz eine einfache Kugel zu schnitzen.

»Ist das ein Zaubermittel?« fragte die Bärin und kroch mißtrauisch näher, um es sich anzusehen. Irgendwie spürte sie noch eine Sorge um ihr Kind.

»Das ist kein Heilmittel«, sagte Bruder Immanuel sehr freundlich, »das Heilmittel holt uns das Eichhörnchen, und es wird bald da sein. Dies hier ist etwas ganz Einfaches. Es wird eine Holzkugel werden, und dein Kind soll morgen früh damit spielen, wenn es aufwacht und wieder gesund ist.«

Da leckte ihm die Bärin die Hände, welche die Kugel schnitzten, und jetzt glaubte sie es, daß Bruder Immanuel ein älterer Bruder war.

Inzwischen war das Eichhörnchen zurückgekommen und hatte die rote Blume mitgebracht, die am Wege der Dornen wächst. Draußen vor der Hütte stand die Hirschkuh, und Bruder Immanuel trat zu ihr hinaus.

»Ich danke dir viele Male, daß du gekommen bist«, sagte er, »es ist für die Bärin und ihr Kind, wenn du deine Milch hergibst.«

»Für die Bären will ich nichts von meiner Milch geben«, sagte die Hirschkuh, »sie haben oft meinesgleichen gerissen im Walde.«

»Das ist wohl wahr«, sagte Bruder Immanuel, »aber siehst du, es ist ihr Kind, und es kann nicht gesund werden, wenn du ihm nicht etwas von deiner Milch schenkst. Nur diese Milch kann dem Kinde helfen, gerade weil die Bären dir Unrecht getan haben durch die Verwirrung in der Kette der Dinge. Du gehst den Weg des älteren Bruders, wenn du es tust. Ich gehe auch diesen Weg; sonst dürfte ich dich nicht darum bitten.«

Da gab die Hirschkuh von ihrer Milch, und Bruder Immanuel dankte ihr viele Male dafür. Denn es war viel mehr, was sie getan, als daß sie ihre Milch hergegeben hatte. Ein Glied hatte sich entwirrt in der Verwirrung der Kette der Dinge, und ein Schritt war getan auf dem großen Wege der Erlösung. Es war vielleicht nicht viel, was auf dieser Erde des Scheins geschah; aber in der Welt der geistigen Wirklichkeiten war es ein gewaltiges Ereignis. Bruder Immanuel tat die rote Blume, die am Wege der Dornen blühte, mit der Milch der Hirschkuh in eine Schale und reichte sie dem kleinen Bären. Das Bärenkind trank die Schale aus und schlief sehr tief ein. »Die Hirschkuh, deren ihr viele gerissen habt, liebe Schwester, hat dir diese Milch gegeben«, sagte Bruder Immanuel zu der Bärin. »Morgen ist dein Kind gesund.«

In der Seele der Bärin ging etwas vor, was sie noch nie erlebt hatte. Es war dies eine wunderbare Nacht. »Wir werden niemals wieder eine Hirschkuh oder eines ihrer Kälber reißen in diesem Walde«, sagte die Bärin, »ich werde das allen Bären sagen, und sie werden das einsehen.«

Das war wieder ein gewaltiges Ereignis in der Welt der geistigen Wirklichkeiten, wenn es auch nur ein Wort war in dieser Welt des Scheins.

»Du kannst jetzt schlafen«, sagte Bruder Immanuel zur Bärin, »ich werde bei deinem Kinde wachen.«

Da legte sich die Bärin zu seinen Füßen hin, atmete tief auf und schlief ein.

Am anderen Morgen erwachte sie und sah, daß ihr Kind in der Hütte umhertollte und mit einer hölzernen Kugel spielte. Dabei brummte es vor Vergnügen; denn die hölzerne Kugel war sehr schön.

Da bedankte sich die Bärin viele Male bei dem Eichhörnchen für die Mühe, die es gehabt, und bei Bruder Immanuel für das Wunder und die Heilung, die er vollbracht hatte.

»Ich allein kann keine Wunder tun und keine Heilung vollbringen«, sagte Bruder Immanuel, »aber siehst du, die Wunder und die Heilung liegen in euch selber. Und wenn dein Kind gesund wurde, so dankst du es dem Eichhörnchen, der Hirschkuh und dir. Ich kann nicht mehr tun als auf dem Wege des älteren Bruders vorangehen.« Da ahnte die Bärin, was geschehen war, und sie verabschiedete sich mit vielen Verneigungen von Bruder Immanuel und dem Eichhörnchen, und das Bärenkind tat dasselbe und gab die Tatze zum Abschied. Mit der anderen Tatze aber hielt es die Kugel aus Holz, und die nahm es mit, um weiter damit zu spielen. Es war freilich nur ein Spielzeug; aber es war ein Spielzeug, das ein älterer Bruder geschnitzt hatte.

So schloß sich wieder ein Ring in der Kette der Dinge. In diesem Walde wurde nie wieder eine Hirschkuh oder ein Hirschkalb gerissen, und wenn Bruder Immanuel durch den Wald ging, dann grüßten ihn alle Raubtiere schon von weitem. Die Bärin verneigte sich, die Wölfe und Füchse bellten leise und höflich und die Wildkatzen schnurrten, wenn sie ihn sahen.

Er aber segnete sie alle mit dem Segen des älteren Bruders, und er besprach mit ihnen, daß auf dem Berge, auf dem seine Hütte stand, kein Tier dem anderen etwas tun dürfe.

Noch war die Kette der Dinge nicht entwirrt, und noch mußte es geschehen, daß einer den anderen riß zur Nahrung.

Aber auf diesem Berge sollte es nicht mehr geschehen, und die Tiere versprachen alle, es so zu halten, und sie taten es auch.

So hatten die Tiere erfaßt, was Asylrecht ist, und dies war ein großes Ereignis auf der Erde und ein noch größeres Ereignis in der Welt der geistigen Wirklichkeiten, und es war das größte der großen Ereignisse aus dieser wunderbaren Nacht.

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