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Balduin Brummsel und andere Tiergeschichten

Manfred Kyber: Balduin Brummsel und andere Tiergeschichten - Kapitel 17
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authorManfred Kyber
titleBalduin Brummsel und andere Tiergeschichten
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
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Die Kette der Dinge

»Es ist wahr, ich habe Eier gegessen, die mir nicht gehörten«, sagte das Eichhörnchen und fuhr sich mit der Pfote über das Gesicht, als wolle es eine sündhafte Erinnerung fortwischen, »ich werde es aber nicht mehr tun, denn es kränkt die Vögel. Ich habe früher nur nicht daran gedacht; aber ich werde jetzt auch den Weg des älteren Bruders wandern.«

Es ist sehr sonderbar, wenn ein so winziges Geschöpf ein so großes Wort sagt; aber in der Kette der Dinge ist die kleinste Wandlung ein Ereignis.

Aber auch sonst hatte das Eichhörnchen vieles geleistet, seit es gesundet war. Es war von Baum zu Baum gehüpft, weit in den Wald hinein, und hatte überall verkündet, daß es einen älteren Bruder gefunden habe, der ihm die verletzte Pfote verbunden, und einen anderen, der sie ihm geheilt. Auf diese sehr merkwürdige, aber bei der Person des Eichhörnchens durchaus glaubwürdige Geschichte erschienen zahlreiche Eichhörnchen vor der Hütte des Bruders Immanuel – erst die näheren Verwandten und später, als sich die seltsame Begebenheit weiter herumgesprochen hatte, auch die entfernteren Stammesgenossen. Sie brachten Beeren und zum Frühherbst Nüsse, um sich erkenntlich zu zeigen. Man wollte auch etwas für die Erhaltung des älteren Bruders tun, nachdem er sich so hilfreich erwiesen hatte. So sammelten Bruder Immanuel und das Eichhörnchen Wintervorräte. Das Eichhörnchen verstand es auch überaus kunstgerecht, Pilze auf einen Zweig zu spießen und sie dort trocknen zu lassen. Lange Wegstrecken konnten auf diese Weise zum allgemeinen Wohl aller Eichhörnchen mit Nahrung für den Winter versehen werden. Bruder Immanuel zeigte ihm an, diese Pilze auf Schnüre zu reihen und sie so zu verwahren.

Auch anderen Tieren war er in vielen Fällen hilfreich. Sie hatten keine Furcht mehr vor ihm, seit das Eichhörnchen für ihn gebürgt hatte, und zudem hatte ja das Eichhörnchen selbst das Gelübde getan und mit erhobener Pfote bekräftigt, keine Eier mehr zu essen, die ihm nicht gehörten. Es hatte dies auf die Vögel einen großen Eindruck gemacht, und sie sahen ihrerseits ein, daß es wirklich etwas sehr Wunderbares sein müsse, was sich in der Waldhütte begeben habe. Auch hatte Bruder Immanuel mehrfach jungen Vögeln wieder ins Nest geholfen, die ihrer Kunst, zu fliegen, allzufrüh vertraut hatten. Mehrfach geschah es, daß sich die Eltern dafür bedanken kamen und große Mühe und Sorgfalt bei gesanglichen Leistungen entfalteten. Manche bauten auch ihre Nester an der Hütte, und es war viel Leben um den, der einmal so einsam war. Bruder Immanuel half auch einer Biene, die in eine sehr unglückliche Lage auf dem Rücken geraten war, wieder auf die Beine. Daraufhin kam eine Abordnung von Waldbienen zu ihm geflogen, setzte sich auf sein Gewand, und die Oberbiene bedankte sich viele Male. »Wir wollen dir auch sagen«, summte sie, »daß wir stets für dich Honig in Bereitschaft haben. Es ist uns nur angenehm, wenn wir uns erkenntlich zeigen können.« Bruder Immanuel nahm das dankbar an, die Bienen hatten Überfluß, und für ihn war es eine wertvolle Nahrung. Eine Hirschkuh bot ihre Milch an, falls er welche benötige. Er hatte ihr Kalb befreit, das sich den Fuß in Schlingwurzeln gefangen hatte. Bruder Immanuel bedankte sich vielmals, aber er wollte der Hirschkuh keine Milch fortnehmen. Er käme auch so aus, sagte er.

»Jedenfalls denke daran, wenn jemand krank ist bei euch«, sagte die Hirschkuh, »wir sind gerne bereit, und eine von uns hat sicher Milch. Du brauchst uns nur zu rufen.«

Immer deutlicher sah Bruder Immanuel, wie eng die Kette der Dinge alles Leben verbindet und wie der Mensch sie zerrissen hatte, daß ihre Glieder sich nicht mehr ineinanderfanden. Nur die Raubtiere hielten sich noch zurück. Sie waren zwar von der Glaubwürdigkeit des Eichhörnchens, der Vögel, der Bienen und der Hirschkuh überzeugt; aber sie wollten doch erst das Weitere abwarten. Ein Mensch war denn doch ein zu gefährliches Geschöpf, um ihm so schnell zu vertrauen. Sie taten zwar Bruder Immanuel niemals etwas; aber sie hielten sich noch zurück und grüßten auch nicht, wenn er sie grüßte. Bruder Immanuel nahm das ergeben hin und wartete. Er konnte ruhig warten; er war ja nicht mehr allein.

Er lebte in der Kette der Dinge und sie in ihm. Es ist sehr viel, wenn jemand das erreicht hat. Man fühlt sich irgendwie geborgen, und man hat den Strom erreicht, aus dem man einst entstanden ist.

Oft ging er weit in den Wald hinein, bis nahe an die Grenzen, wo das Land der Menschen begann. Dorthin begleitete ihn das Eichhörnchen nicht mehr. Es blieb dann zu Hause, ordnete Nüsse, turnte auf dem Dach der Hütte, oder es lud sich jemand von seiner Familie zu einem Tannenzapfen ein. Sie sprachen dann über den Weg des älteren Bruders, soweit ihn ein Eichhörnchen gehen kann.

Auf einer solchen Wanderung aber geschah es, daß Bruder Immanuel einem Menschen begegnete. Sehr lange war das nicht mehr geschehen, und er hatte das Gefühl, als sähe er seine Heimat in einem entstellten Bilde. Es war etwas, was anzog und abstieß zu gleicher Zeit – Gottes Bildnis, das verzerrt war. Der Mann war ärmlich gekleidet und hatte eine verbundene Hand. Bruder Immanuel grüßte ihn und fragte ihn, was ihm fehle. Der Mann sah ihn sonderbar an. Bruder Immanuel hatte nicht bedacht, daß er viele Monate nicht mehr unter Menschen gelebt hatte, daß seine Kutte zerrissen und sein Haar verwildert war.

»Ich habe mir die Hand gequetscht«, sagte der Mann mißtrauisch und mürrisch.

Bruder Immanuel sah ihn sehr ruhig an, mit den inneren Augen, die er gewonnen und die der andere nicht hatte. »Du hast die Hand in einer Falle gequetscht, die du den Tieren gestellt hast«, sagte er, »es war in einer Lichtung, wo junge Birken stehen und eine Quelle aus dem Felsen fließt. Zu dieser Quelle kommen die Tiere nach Gottes Willen, zu trinken, nicht um in den Fallen der Menschen gefangen zu werden.«

»Woher weißt du das?« fragte der Mann.

»Vom Geiste Gottes und vom Ungeist der Menschen«, sagte Bruder Immanuel. »Ich habe ein Geschöpf aus solch einer Falle befreit, es lebt mit mir zusammen, und es ist mein Bruder.«

»Kannst du hinter die Dinge sehen?« fragte der Mann, und er wußte nicht, ob es Furcht oder Freude war, was aus ihm sprach.

»Niemand kann hinter die großen Dinge sehen«, sagte Bruder Immanuel, »niemand, der ein Mensch ist. Aber hinter die kleinen Dinge, die du meinst, kann ich sehen, als wären sie aus Glas.«

»Es ist kein kleines Ding, ob meine gebrochene Hand wieder heilt oder nicht«, erwiderte der Mann, »es wäre mir viel wert, wenn du mir das sagen könntest.«

»Sie wird nicht wieder heilen, solange du Fallen stellst, in denen die Pfoten der Tiere gebrochen werden«, sagte Bruder Immanuel, »aber sie wird heilen, wenn du alle Fallen aufsuchst und sie vergräbst, so daß sich keiner deiner kleineren Brüder Schaden daran tun kann.«

»Wie soll ich das?« sagte der Mann. »Ich lebe vom Fallenstellen und vom Erschlagen der Tiere, die ich in ihnen fange. Ich bin zu töricht zu allem anderen von Kind an, man gibt mir keine Arbeit sonst im Dorfe.«

Es war ein Einfältiger, aber vielleicht war es gut, daß es ein Einfältiger war, denn einer, der das hat, was die Menschen Klugheit nennen, kann die Kette der Dinge nicht begreifen. Den Einfältigen aber hilft Gott, sie sind ihm noch nicht ganz so fern wie die anderen, die klug sind in dieser Welt.

Bruder Immanuel nahm den Einfältigen bei der Hand und ließ ihn in die Kette der Dinge schauen. Nur ein Weiser kann einem Einfältigen das zeigen, keinem Klugen nach der Klugheit dieser Welt. Da sah der Einfältige, wie alle Dinge eine Kette bilden in Gottes Schöpfung und wie der Mensch diese Kette zerrissen hatte, daß die Glieder sich nicht mehr ineinanderfanden. Er sah auch, wie die jüngeren Brüder auf die Erlösung durch die älteren Brüder warten und hoffen, und es ergriff ihn eine große Trauer um das, was er getan hatte, denn er sah die vielen jüngeren Brüder, die verstümmelte Glieder zu ihm erhoben und ihn des Brudermordes beschuldigten.

»Ich kann das nicht wieder tun«, sagte er leise und ratlos, »aber wovon soll ich leben? Ich bin arm und sehr einfältig, und die Menschen lachen über jede Arbeit, die ich beginne.«

»Tue nach dem, was du gesehn hast«, sagte Bruder Immanuel, »und Kirchen und Könige werden deine Arbeit suchen. Gott segne deinen Weg, lieber Bruder, denn es wird der Weg des älteren Bruders werden für seine jüngeren Brüder. Viele Kräfte sind in der Kette der Dinge verborgen dem, der die Kette der Dinge gesehen hat.«

Damit schieden sie voneinander.

»Wo kann ich dich wiedersehen?« fragte der Mann. »Es kann sein, daß ich deinen Rat brauche oder deine Hilfe, denn mir scheint es, als wäre ich jetzt sehr allein unter den Menschen.«

»Du wirst mich finden, wenn du den Weg gehst«, sagte Bruder Immanuel. »Aber es wird wohl so sein, daß du eine Zeitlang sehr einsam sein wirst. Eine Zeitlang ist nichts, mein lieber Bruder, wenn du es recht bedenkst.«

Dann wandte sich Bruder Immanuel, und das Dunkel der Tannen nahm ihn auf.

Der Einfältige aber ging hin und vergrub alle Fallen, die er gestellt hatte. Als er heimkam, war seine Hand geheilt. Er stellte keine Falle wieder auf und weigerte sich hartnäckig, als man es ihm auftrug. »Er ist ein Blöder«, sagten die Leute und stellten selber die Fallen im Walde auf. Aber es fand sie keiner wieder. Der Einfältige suchte sie alle und vergrub sie. Niemand im Dorfe aber konnte das in Erfahrung bringen, und so ließen sie es. Der Einfältige lebte eine Zeitlang sehr ärmlich und sehr einsam. Man gab ihm aus Gnade ein Stück Brot, aber keine Arbeit, weil er ein Blöder war, und man verspottete ihn. Er aber wartete geduldig auf die Kette der Dinge; denn er wußte, daß ihm seine Hand geheilt war an einem einzigen Tag. Eine Zeitlang ist nichts, dachte er bei sich und sagte es sich immer wieder, und doch war es sehr schwer.

Einmal aber nahm er ein Messer, um eine Gestalt zu schnitzen, die er geschaut hatte, denn er schaute viele Gestalten seit jenem Tage, als er die Fallen vergrub. Er schnitzte mühsam daran und dachte, es wäre weiter nichts als ein Zeitvertreib; aber als es fertig war, war es ein Kunstwerk, und die Leute staunten es an. Er schnitzte das ganze Chorgestühl der Dorfkirche neu, sein Ruf zog weit ins Land hinaus, Klöster und Könige suchten seine Arbeit, und er wurde hoch geehrt.

Alle nannten ihn Meister, er selbst aber blieb in sich gekehrt und sehr bescheiden. Er hatte ja in die Kette der Dinge geschaut und wußte, daß er den Weg des älteren Bruders ging. Er wußte, daß alle große Kunst nichts ist als ein Schauen der Schöpfung. Gott nahe und nahe den Tieren und Blumen und ferne der Klugheit dieser Welt. Er ahnte auch, daß seine sonst so ungeschickten Hände Meisterhände geworden waren, weil die Geschicklichkeit aller Tierpfoten, die er gerettet hatte, übergegangen war in ihn. Sehr wunderbar ist diese Welt, wenn man sie sieht, wie die Menschen sie nicht sehen, und sehr seltsam und sehr fein gesponnen ist die Kette der Dinge.

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