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Balduin Brummsel und andere Tiergeschichten

Manfred Kyber: Balduin Brummsel und andere Tiergeschichten - Kapitel 16
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authorManfred Kyber
titleBalduin Brummsel und andere Tiergeschichten
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
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Der erste Bruder

Viele Wochen waren vergangen, seit Bruder Immanuel in die Wildnis gezogen war. Er hatte sich mit großer Mühe eine einfache Hütte aus starken Balken gezimmert, er hatte den Sack, in dem er seine Habseligkeiten getragen, mit Moos gefüllt und sich eine Lagerstätte darauf bereitet. Er hatte das Bildnis des Erlösers an einer Wand seiner Hütte befestigt, so daß die ersten Strahlen der Morgensonne es trafen, und er hatte die Glocke oben im Giebel des Daches aufgehängt, aber geläutet hatte er sie noch nicht ein einziges Mal. Er wagte das nicht und wußte selbst nicht, aus welchem Grunde er es nicht wagte. Es war, als warte er auf einen Feiertag seiner Seele, um die Glocke zu läuten, und dieser Feiertag war noch nicht gekommen, seit er das Kainszeichen an sich gesehen hatte und seit jene Nacht des Karfreitags ihre Schatten über ihn gebreitet. Voll Andacht und Erinnerung an seine menschlichen Brüder hatte er das letzte Stück Brot aus dem Kloster gegessen und seitdem von Wurzeln und Quellwasser gelebt. Denn das Gemüse, das er sorgsam in vielfältigen Samen mitgebracht hatte, war wohl in die Erde gesenkt, aber noch nicht reif geworden. Nur die ersten Triebe reckten sich aus den Beeten, die einen Garten um die Hütte bildeten, und neben ihnen hatte Bruder Immanuel Blumen des Waldes gepflanzt, die einzigen Brüder, die er nun hatte, aber es waren schlafende Seelen, keine Menschen und keine Tiere. Die Menschen hatte er ja geflohen, um Gott zu suchen, und die Tiere flohen ihn, weil sie Gottes Bildnis im Menschen nicht mehr erkennen konnten. Die Menschen haben es ja in sich zerstört, und Bruder Immanuel trug mit an ihrem Fluche. Es war ein karges Leben in dieser Wildnis; aber mit sehr wenig kann ein Mensch leben, der aufhört, ein Raubtier zu sein, das schrecklichste Raubtier, das die Schöpfung kennt, und der anfängt, seinen Leib zum Tempel seines Gottes und seines Ichs zu bereiten. Sehr seltsame Gesichte hatte Bruder Immanuel, wie alle sie haben, die also leben. Aber noch waren die Gesichte verworren, noch waren es nur die ersten Zeichen einer geistigen Welt, die hinter allen Dingen und Ereignissen Werden und Vergehen webt nach ewigen Gesetzen. Man muß warten, bis sich das klärt, bis die Bilder sich regen und die Gesetze reden, sehr lange warten. Man muß erst die Trübsal überwunden haben in sich und die große, eisige Einsamkeit; aber das dauert oft lange, und es gehört viel Demut und Ergebung dazu. Der Weg nach La Vernia ist ein weiter Weg.

So wartete Bruder Immanuel in Demut und Ergebung. Aber daß die Wanderung begonnen hatte, das merkte er deutlich in seiner Seele. Man kann so sehr weit wandern, wenn man auch mit seinem Leibe an einem Orte bleibt; man kann so sehr viel sehen und hören, wenn die Ketten des Körpers sich lockern und man sich selber gewahr wird im Gefängnis dieser Erde. Gewiß hatte Bruder Immanuel in früheren Zeiten auch in seiner Zelle gefastet zur Bußübung, aber die Wirkung war eine andere gewesen, als sie hier war. In die Reinigung des Leibes strömten, ungehindert von allem Menschentum, die Kräfte der Erde und des Himmels und füllten ihn wie eine Schale. Einschlafen und Erwachen waren nicht mehr so streng begrenzte Augenblicke, die Schwellen des Bewußtseins begannen sich auszugleichen, und auch am Tage wanderte Bruder Immanuel umher wie eine leichte Gestalt in der erdenschweren, die ihm kaum mehr erschien als eine Hütte, aus Steinen und Pflanzen gewoben.

Auch die Dinge um ihn fingen an, sich zu wandeln. Er sah die Bäume und Blumen in ihren Farben und Formen, aber er fühlte etwas dabei, was diese Farben und Formen schuf: er hörte die Vögel in den Ästen singen und den fernen Ruf der Waldtiere, aber er empfand, daß diese Laute etwas bedeuteten, daß alles Leben eingebettet war in eine große, allumfassende Gemeinsamkeit. Es war ein Strom von fließendem Dasein, der alles umschloß, ihn selber, die Tiere, die Pflanzen und die Steine. Er brauchte aber nicht mehr, wie am Anfang seines Aufenthaltes in der Hütte, die Tage zu zählen und in ein Holz zu kerben, er fühlte es, wann die Natur Sonntag hatte und wann sie sich anschickte zu feiern. Es war Alleben in allem und er in ihm, und leise regte sich in ihm die Ahnung vom Wege der Erlösung, Alleben in Alliebe zu wandeln. War nicht alle Schöpfung eine gemeinsame Bruderschaft, mußte nicht der ältere Bruder sich zum jüngeren neigen, unermüdlich und voller Erbarmen, daß die Erde entsühnt werde vom ersten Brudermord und seinen abertausend anderen? Der älteste Bruder aber war der Mensch, und er war es, der den Brudermord in die Welt gebracht hatte. Er war es, der zuerst sühnen und erlösen mußte.

Da betete Bruder Immanuel darum, daß Gott ihm einen Bruder schenken möge.

Es war zu Pfingsten, daß er einen Bruder fand.

Er war, wie er es oft am Tage gewohnt war, tief in den Wald hineingegangen und hatte Wurzeln und Kräuter gesucht. Er spürte das Pfingstwunder der atmenden Erde und hörte, wie der Heilige Geist redete aus den Tannenkronen und aus den Blumen am Weg. Der Strom des Daseins war stärker an diesem Tage, und er war erfüllt von etwas Neuem, Befreiendem, als wäre die Erde aus feineren Stoffen gewoben als sonst. Sein eigener magerer Leib schritt lautloser und leichter über das Moos, und sein Fuß knickte kaum noch die Grashalme am Wege. Die Vögel flohen nicht mehr, wenn sie ihn sahen, und die Tiere des Waldes huschten nicht mehr so entsetzt ins Dickicht vor seinem Anblick. Auch er hatte eine Wandlung erfahren, in seinem Körper und seiner Seele, jene Wandlung, die über den Karfreitag zu Pfingsten führt.

Da vernahm er jammernde Klagelaute, und als er ihnen nachging, sah er ein Eichhörnchen, das sich in einer Falle gefangen hatte und voller Entsetzen die zerquetschte Pfote aus dem Eisen zu befreien suchte. Eine Pfingstfeier der Menschheit in Gottes Schöpfung. Bruder Immanuel übermannte das gleiche Gefühl wie an jenem Abend seiner Ankunft in der Wildnis: es ist entsetzlich, ein Mensch zu sein!

Aber er zögerte nicht lange und befreite das arme Geschöpf vorsichtig und so schonend wie möglich. Das Fangeisen vergrub er, und das Eichhörnchen nahm er mit sich und trug es zu sich nach Hause in seine Hütte. Er wusch ihm die Wunde und verband sie. Das Tier hatte keine Angst vor ihm, es saß ruhig in seiner Hand und ließ mit sich alles geschehen. Die Pfote war gebrochen, aber vielleicht würde sie wieder heilen, er wollte es wenigstens versuchen. Er brachte dem Eichhörnchen Wasser, suchte ihm Tannenzapfen und baute ihm ein weiches Nest aus Moos gerade unter dem Bildnis des Erlösers. Das Tier redete in gurrenden Tönen, erst sehr aufgeregt und dann allmählich ruhiger. Schließlich schlief es ein, und das Bild des Gekreuzigten stand über ihm. Bruder Immanuel aber ging hinaus an die Quelle, wo er am Abend seiner Ankunft in der Verzweiflung seiner großen Einsamkeit gekniet hatte, und dankte Gott, daß er einen Bruder gefunden. Da geschah etwas sehr Seltsames. Aber vielleicht war es auch nicht seltsam, denn es war ja Pfingstsonntag in der Natur. Am Bache entlang kam eine Gestalt geschritten, einem Menschen ähnlich, nur völlig durchlichtet von einem Licht, das aus sich selber kam. Die Gestalt trug die Kutte der Franziskaner, und Bruder Immanuel erkannte in ihr nach dem Bilde im Kloster seinen Meister Franziskus von Assisi. Da kniete er nieder und verneigte sich tief vor ihm, und das gleiche taten die Blumen am Bache und die Bäume, die an der Lichtung standen.

Franziskus von Assisi blieb an der Hütte Bruder Immanuels stehen, schaute hinein und machte das Zeichen des Kreuzes über dem verwundeten Eichhörnchen. Dann wandte er sich und kam auf Bruder Immanuel zu.

»Gesegnet sei dein Weg, Bruder Immanuel«, sagte er, »es ist ein Weg voll Dornen, es ist ein Weg voll Einsamkeit, aber er führt nach La Vernia, wo ich Jesus Christus sah. Wenige gehn ihn heute, und die Erde ist voller Blut und Schuld; aber einmal werden ihn alle gehn müssen, bis die Erde entsühnt ist. Es ist sehr schwer, voranzugehen, es sind die älteren Brüder, die vorangehen müssen, Bruder Immanuel. Aber es ist leicht, ihn zu gehen, wenn man es weiß, daß man ihn für die jüngeren Brüder geht.«

Da sah Bruder Immanuel auf, und er erblickte neben der Gestalt des Franziskus von Assisi den Wolf von Agobbio und das Lamm, das der Heilige aus der Hand des Schlächters gerettet, und die Vögel, denen er gepredigt, saßen auf den Zweigen und hörten zu. Das alles war in dieser Welt und doch nicht in ihr, es war in ein blaues klares Licht getaucht, das aus sich selber kam.

»Ich war sehr allein und bin nicht mehr allein«, sagte die Lichtgestalt und wies auf die Tiere, die um sie herum waren, »auch du wirst nicht allein bleiben. Niemand bleibt allein, der den Weg des älteren Bruders geht. Gott hat dir heute einen kleinen Bruder geschenkt, der bei dir bleiben wird und du bei ihm. Auch ich will dir etwas schenken, bevor ich gehe. Gesegnet sei dein Weg, Bruder Immanuel.«

Der Heilige von La Vernia schlug das Kreuz über Bruder Immanuel, und es war, als ob das blaue Licht eine Brücke baute in eine blaue Ferne hinein und als ob Franziskus von Assisi, begleitet vom Wolf von Agobbio, vom Lamme und von den Vögeln, hinüberschritt in ein Land der Verheißung.

Als Bruder Immanuel sich erhob und seine irdischen Augen öffnete, da sah er nicht nur die Dinge um sich, sondern er schaute in die Seele aller Schöpfung, und er verstand, was die Tiere redeten. Das war das Geschenk des Franziskus von Assisi für den, der seinen Weg gegangen war. Da ging Bruder Immanuel in die Hütte, um nach seinem jüngeren Bruder zu sehen. Das Eichhörnchen saß unter dem Bilde des Erlösers in seinem Nest und hielt einen Tannenzapfen in den Pfoten.

»Wie geht es deiner Pfote, mein kleiner Bruder?« fragte Bruder Immanuel; denn er sah, daß der Verband abgefallen war.

»Ich danke dir«, sagte das Eichhörnchen, »meine Pfote ist gesund. Es war jemand da, der sie geheilt hat. Es war ein älterer Bruder.«

Bruder Immanuel hörte die gurrenden Laute, in denen das Tier sprach, aber er verstand auch deutlich, was es sagte. Er betrachtete die kranke Pfote und sah, daß sie gesund war, als wäre sie nie verletzt worden.

Da neigte er sich zu dem Eichhörnchen und umschloß es mit beiden Händen.

»Wir wollen den Weg unseres Lebens zusammen gehen«, sagte er leise, »es ist der Weg nach La Vernia, mein kleiner Bruder, und in das Land der Verheißung.«

Die Sonne des Pfingstsonntags sank hinter den dunklen Tannenkronen wie verklärtes und durchlichtetes Blut, und ein Feierabend voll Frieden breitete sich über die Wildnis. An diesem Abend geschah es, daß Bruder Immanuel zum ersten Male die Glocke läutete, die im Giebel seiner Hütte hing. Mit einer feinen, silbernen Stimme sang sie in der Waldeinsamkeit das Ave-Maria.

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