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Balduin Brummsel und andere Tiergeschichten

Manfred Kyber: Balduin Brummsel und andere Tiergeschichten - Kapitel 15
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authorManfred Kyber
titleBalduin Brummsel und andere Tiergeschichten
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
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Das Land der Verheißung

Der Weg in die Wildnis

Ich kann es nicht sagen, wann diese Geschichte geschehen ist, so wie ich sie erzähle. Es sind vielleicht viele hundert Jahre her, vielleicht war es gestern. Vielleicht geschieht sie heute oder morgen oder in vielen hundert Jahren, die unsere Augen nicht mehr sehen werden. Denn es ist lange her, daß die Erde frei war von Blut und Schuld und Irrtum, und es wird lange dauern, bis sie entsühnt ist. Es ist ja überhaupt so schwer zu sagen, wann etwas geschieht; denn alle Zeit ist Täuschung, und was wir hier sehen, ist nichts als tausendfältige Form, die geprägt wird. Aber die eigentlichen Ereignisse sind hinter den greifbaren Dingen in einer geistigen Welt, und auch diese Geschichte steht in der geistigen Welt geschrieben, aus der alle Formen entstehen und sich wandeln und wo, von keiner Zeit gemessen, die Ewigkeit atmet. Aber ich denke, diese Geschichte hat sich schon viele Male vor vielen Jahren begeben, sie geschieht heute noch, und sie wird sich noch viele, viele Male ereignen müssen, bis die Erde entsühnt ist. Denn das ist ein langer Weg, und kein armes, menschliches Wissen vermag etwas über seine Dauer zu sagen. Nur daß es sehr mühsam und beschwerlich ist für die wenigen, die ihn heute gehen, das wissen wir. Darum wird diese Geschichte auch ein anderes Kleid tragen, je nachdem, wann sie geschah oder wieder geschehen wird; denn ohne ein Kleid kann ein armes menschliches Wissen sie nicht verstehen. Wir sehen ja nur von allem die Kleider und müssen uns bemühen, aus ihnen das Wesen der Dinge zu deuten. Die Geschichte, die ich erzählen will, spielt in der Wildnis, und der, welcher sie erlebte, trug die Kutte der Brüder des heiligen Franziskus von Assisi. Das muß schon so sein; denn es ist eine Geschichte der Brüderlichkeit, und es lebt in ihr der Geist des Geweihten von La Vernia. Aber es braucht niemand äußerlich dieses Kleid zu tragen, der den Weg gehen will, den dieser Bruder ging, und es braucht auch keine Wildnis zu sein, in der sich diese Geschichte begibt und begeben wird. Es kann eine Stadt sein mit modernen Fabrikschloten und Maschinen, es kann ein Dorf sein mit Feldern und Auen oder eine staubige Landstraße. Das ist ganz gleich, und das alles sind nur Kleider, wie das Leben heute noch eine Wildnis ist dem, der den Weg des Franz von Assisi geht. Man muß bedenken, daß wir ja alle auf einer Schwelle leben und daß die eigentlichen Geschichten des Daseins in einer geistigen Welt geschehen hinter den Dingen und hinter dem, was wir Ereignis nennen. Vielleicht träumen wir auch die Dinge nur, aber weil wir träumen, wachen wir nicht für das, was eigentlich ist. Es mag sein, daß das schwer zu verstehen ist, aber ich muß es sagen, weil es wahr ist.

So war es einmal, im Kleid des Geschehens gesehen, daß Bruder Immanuel vom heiligen Orden des Franziskus von Assisi Abschied nahm von seinen Brüdern, um hinauszuziehen in die Wildnis. Das erzählt sich sehr leicht, aber es ist gewiß nicht leicht, einen solchen neuen Weg zu beginnen. Er hatte den Frieden nicht finden können in seiner Zelle, in keiner Bußübung und in keiner Meditation und in keinem Gebet am Bildnis des Erlösers. Er konnte das Schauen nicht lernen, das allein zum Frieden führt in dieser Welt der Täuschungen und der Schuld und des Irrtums. Es faßte ihn ein Entsetzen vor der Menschheit, wie er sie Tag für Tag vor Augen sah, und er begriff nicht, warum er in diese Erde gestellt war. Und doch war er zu stark in sich selbst, um mit einem müden verlorenen Lächeln auf alles herabzusehen und still und ergeben den Rosenkranz zu beten, wenn die Menschen sich draußen vor den Mauern des Klosters stritten, schlugen und sich verleumdeten, wenn sie ein Grauen waren sich selbst, den Menschen und den Tieren.

»Wenn du deinen Gott nicht in der Zelle findest, mußt du ihn draußen suchen, in der Wildnis. Er ist überall«, sagte der Prior des Klosters zu ihm und segnete ihn zum Abschied. »Es wird eine Zeit kommen, wo ihn alle draußen suchen müssen, jeder an der Stelle, auf die Gott ihn gestellt hat. Gehe deinen Weg, trage dein Kreuz, und du wirst Gott finden.«

Da packte Bruder Immanuel seine wenigen Habseligkeiten, einige Werkzeuge und Gemüsesamen aus dem Klostergarten in einen Sack und legte das Kreuz des Erlösers obenauf. Auch eine kleine Glocke nahm er mit, die eine feine silberne Stimme hatte, so daß er in der Wildnis das Ave-Maria läuten könne, wenn die Sonne sich neigt.

Er nahm den Sack auf den Rücken und verabschiedete sich von allen Brüdern, um nicht mehr wiederzukommen. Es war gewiß schwer für ihn und für die anderen, aber was ist ein Abschied? Alles ist Abschied auf dieser Erde, Abschied vom Tag, vom Morgen und vom Abend, von der Nacht mit ihrem Frieden zu neuem Tagewerk, Abschied von Menschen, Tieren und Blumen. Es ist ein ewiger Weg und keine Wohnung auf dieser Erde; aber es ist ein Trost, daß es ein Weg ist zu einer Heimstätte, die alle suchen, die eines guten Willens sind.

Bruder Immanuel wanderte mit seinem Sack auf dem Rücken über eine lange staubige Straße. Die Gestalten der Brüder verschwammen in der Ferne, wurden kaum noch sichtbare Punkte, und nur von ferne funkelte die Spitze der Klosterkirche im Frührot. Dann versank sie auch, und die Wildnis nahm ihn auf, der neue Weg und, wie er hoffte, der Weg zum Frieden und zu seinem Gott.

Es war um die Osterzeit. Durch dünne blaue Luft getragen, klangen die Glocken des Karfreitags, und auf den Wiesen blühten Anemonen, Schlüsselblumen und Veilchen. Hummeln und Bienen summten um die ersten blühenden Bäume, und die Falter tranken an den Kelchen der Blüten. Es war Auferstehung in der Natur und das Osterwunder, das so wenige verstehen, weil sie denken, alles Leben komme aus den Dingen selber und nicht aus dem, was sie alle heiligt in einem einzigen Atem, der alles Leben in gleicher Liebe umfaßt und es wandelt im gleichen Geheimnis von Werden und Vergehen.

Da zog eine Hoffnung in Bruder Immanuels Seele ein, eine Hoffnung, die niemals in der Klosterzelle in ihm erwacht war. Er fühlte, so fremd ihm die Menschen in ihrem Grauen geworden waren, seine Brüderlichkeit den Tieren und Blumen gegenüber, er begann etwas vom allumfassenden Begreifen seines großen Meisters von La Vernia zu ahnen.

»Wird mir dieser Berg mit seinen Felsen, seinen Gießbächen, seinen dunklen Tannen La Vernia werden? Werde ich Gott hier schauen, werde ich hier den Frieden finden, den ich unter den Menschen niemals finden konnte?« fragte er sich und begann eine mühsame Wanderung bergauf in den tiefen Wald hinein, ohne Weg und im Vertrauen auf die Geister dieses Ostermorgens. Der schwere Sack drückte ihn; aber sein Fuß ging leicht und sanft auf einem weichen grünen Teppich von Moos und Immergrün. Die Vögel sangen, und es war, als riefen sie ihn immer tiefer und tiefer in ihre selige Wildnis hinein, in den Frieden ohne den Unfrieden der Menschheit.

Aber es war ein Frieden in der Ferne. Wenn er näher kam, flüchteten alle Geschöpfe entsetzt vor ihm, die Vögel verstummten in den Zweigen, die Rehe huschten durchs Dickicht davon, und Igel und Mäuse verkrochen sich in ihren Löchern. Er rief sie vergebens mit dem Namen des Bruders. Wohin er trat, wurde die Erde still und leblos, und er begriff voller Entsetzen, daß sie alle den Menschen in ihm flohen, daß er, der das Bildnis Gottes sein sollte, ein Geächteter war in Gottes Schöpfung, daß er gestaltet war nach jenen, die Menschen und Tiere gemordet hatten und heute noch morden, die eine blühende Erde mit Blut besudelt hatten und vor denen alles Leben angstvoll und voller Grauen sich verbarg.

Über den Osterfrieden fielen tiefe dunkle Schatten, und es wurde ein einsamer und trauriger Weg bis auf den Gipfel des Berges. Oben sang leise eine silberne Quelle, und die Wipfel der Tannen rauschten im Winde, der ihre Kronen hin und her bog; aber Bruder Immanuel war so einsam wie noch niemals in seinem Leben. Die Menschen, die er geflohen hatte, waren nicht mehr bei ihm, und die Tiere, in denen er seine Brüder erkannt hatte, flohen ihn. Denn er war ein Mensch, das grauenvollste Geschöpf in Gottes Welt.

Da sank er neben dem Sack seiner ärmlichen Habseligkeiten in die Knie und weinte. Er hatte verstanden, wie entsetzlich es ist, ein Mensch zu sein. Ach, Bruder Immanuel, so wie du haben alle geweint, die deinen Weg gingen, und so wie du weinst, werden alle weinen, die deinen Weg gehen werden. Denn deine Geschichte ist eine zeitlose Geschichte, und nur ihr Kleid wechselt im Wandel der Dinge. Und was du verstanden, haben alle verstanden, die deinen Weg gingen, und werden alle verstehen, die deinen Weg gehen werden. Es ist entsetzlich, ein Mensch zu sein, es ist entsetzlich, als Geist aus dem Reich der Liebe zu allen Wesen herabgebannt zu werden in einen menschlichen Körper, der einstmals Gottes Ebenbild war und der verzerrt worden ist zur Fratze seit Kains Zeiten. Es ist entsetzlich, ein Gezeichneter zu sein in einer Welt der Wunder, die wirr geworden ist über dem ersten Brudermord. Es ist kein Frieden, Bruder Immanuel, was du gefunden hast, es ist die große, eisige Einsamkeit, durch die alle hindurch müssen, die Gott suchen auf dieser entheiligten Erde.

Ferne, ferne sang ein Vogel, aber er kam nicht näher. Er fürchtete den Menschen.

Die Quelle, an deren Ufer Bruder Immanuel kniete, rauschte und zog in silbernen Wellen zu Tal. Sie bildete eine kleine, blumenumrankte Bucht vor ihm, und in ihrem silbernen Wasserspiegel erblickte er sein Bild Zug um Zug. Aber er sah noch etwas darin, was er bisher nicht gesehen hatte: auf seiner Stirne stand groß und deutlich ein häßliches, blutrotes Mal – das Kainszeichen, das die Menschheit in Gottes Ebenbild gegraben hatte. Er fuhr mit der Hand ins Wasser und rieb sich die Stirne; aber das Kainszeichen wäscht kein Wasser der Erde ab.

Der Abend sank über die Wildnis, und die Nacht kam leise mit ihren Schleiern und Schatten. Aber es war keine Nacht des Friedens. Bruder Immanuel kniete immer noch neben seinen ärmlichen Sachen, und um ihn war die grenzenlose Einsamkeit derer, die seinen Weg wandern.

Es ist vielleicht auch nicht nur sein Weg, denn einmal wird es der Weg aller sein müssen. Aber das ist noch lange hin; denn es wird noch lange dauern, bis diese Erde entsühnt ist.

Über ihm standen die Sterne, und in ihrer leuchtenden Schrift waren alle die einsamen Wanderungen zu lesen, und in ihnen war der Weg zu schauen, der zur Erlösung alles Lebens führt.

Aber Bruder Immanuel verstand noch nicht, die Schrift der Sterne zu lesen. Es war schwer, sie zu lesen, und nur die Augen lernen sie lesen, die tausend und aber tausend Tränen geweint haben. Es ist entsetzlich, ein Mensch zu sein ...

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