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Balder

Hugo Marti: Balder - Kapitel 8
Quellenangabe
typelegend
authorHugo Marti
year1923
firstpub1923
publisherRhein-Verlag
addressBasel / Leipzig
titleBalder
pages159
created20080818
sendergerd.bouillon@t-online.de
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52 Saga mit den segenreichen Händen

Es herrschte einst auf Asgards Burg ein König, reich an Jahren, dem der Würden Last und der Erfahrung Bürden nicht gebeugt die breiten Schultern, nicht gekrümmt den stolzen Nacken, also daß aus weltenweisen Augen in des Lebens Spiel er blickte und der Boten jeden, die das Schicksal ihm beschied, vor seinem Willen knieen machte, um ihn dankbar dann in seiner Hut zu hegen und nach Herrschersitte großgemutet zu bewirten und zu pflegen.

Und seinem Namen dienten weite Lande, und in seinen festen Schlössern lagen reiche Schätze, und der Mannen wohlgewappnet Heer verharrte ungeduldig, bis sein königlicher Ruf es sende, auf den blanken Schwertern seinen Ruhm dem Feinde aufzuzwingen.

Doch alle diese Macht – für nichtig hielt er sie und bloßen Tand, wenn täglich bei der Sonne ersten Strahlen seine Tochter ihm den Morgengruß entbot, und all sein Glück und Reichtum lag in diesem einen Wunsche: Küsse deinen alten Vater, meine stolze Tochter!

Wie Sonnenlicht im blauen Morgen über taubeperlten Gräsern, also schritt die Jungfrau durch das Land, und war ihr Wiegegang unendlich reicher denn ein vielgestimmter Sang in dämmerstillen Hallen, waren ihre Hände segnender als warmer Sommerregen über dürstendem Gefild, und wo ihr Fuß gewandelt, küßte Dankbarkeit mit heißem Mund die Spuren.

53 Und es begab sich, daß der alte König zu sich rief die Edeln seines Reiches, Treue schwören ließ der Königsjungfrau, seiner Tochter Saga, dann in seines menschenfernen Schlosses höchstem Turme legte nieder er den müden Heldenkörper, segnete sein schönes Leben und empfing mit Lächeln auf den Lippen seinen letzten stillen Gast des Schicksals.

Es hatte aber Saga kaum, die Königstochter, ihres Vaters Asche in die Winde ausgesät, da hoben an die Edeln rings im Reich und stritten, wer des alten Königs Macht ererben und den Thron besteigen solle. Keiner dünkte sich zu wenig, auszurecken seine Hände nach dem Purpur und dem schweren Schwerte, und ihr Dünkel wog im Ueberflusse auf, was ihnen vorenthalten das Geschick an hohem Sinn und Ehrfurcht.

Sie warben alle frech um Sagas Minne, gierig, aus den schönsten Händen zu empfangen Thron und Herrschertum, und weil die Jungfrau schwieg und da sie schließen ließ der Burg gewaltige Tore, ward ein Groll im Lande, das nach einem Starken rief nach armer Knechte Weise.

Die Königstochter aber, in den stillen Stunden ihrer Trauer, schuf mit seelenvollen Händen manches herrlich schöne Werk aus Gold und Elfenbein und Silber, das da lag in festen Türmen rings im Lande. Und ihr wund Gemüt gesundete ob diesem Tun und fand darin den alten Stolz und altes Sehnen wieder – Sehnen nach der Ewigkeit mit ihren tausend hohen Toren, wo die Wächter stehn und unerbittlich jeden Eingang wehren, der da will erstohlen sein und nicht erstritten und 54 errungen und bezahlt mit rotem Herzblut.

Der Schätzehüter aber war ein weiser Mann und hoch in Ehren bei den Edeln rings im Reiche, denn er hatte nie dem alten König widersprochen, nie ihm einen schlechten Rat gegeben oder guten, sondern lediglich genickt und nachgegrübelt Tag und Nacht, wie er ob seinem treuen Herrendienst des eignen Nutzens nicht vergäße, und geriet ihm darum alles, was er unternommen, wohl und machte ihn geachtet und gerecht vor seinem Herrn und sich und allen Menschen.

In einer dunkeln Nacht, da kam Erleuchtung über ihn und hieß nach Wägen und nach Wenden ihn zur Morgenfrühe mit den Edeln allen vor die Königstochter treten und die weisen Worte sprechen:

»Heil, hohe Tochter unsres Herrn und Königs! Siehe, nach dem Herrscher seufzen deine Lande, der sie führe und mit klugem Spruch ihr Bestes wolle, Frieden schenkend oder Krieg begehrend. Aber sei es, daß es deinem Stolz mißfallen oder deinem guten Herzen allzu schwer gewesen, aus den Besten eine Wahl zu treffen, – abgewiesen hast du unsre Freier und verbringst in eitelm Tun die langen Tage, die uns sorgenvoll erstehen, und das Fehlen jedes Zwecks und Nutzens spricht dem Handwerk, das du dir erlesen, spricht der übermäßigen Verschwendung unsrer Schätze ein gar hartes Urteil. Drum, gemäß dem Worte, das dein Vater als ein letztes meinen treuen Ohren anvertraute, mögest du entlassen Trauer, Trotz und Trübsal, mögest ziehn in königlichem Zuge, wie es deiner würdig, nach den Pfalzen unsrer Nachbarn, zu erküren dir den 55 Herrn und den Gemahl, an dessen Hof zu weilen und zu teilen seines Landes Ruhm und Sorgen. Wir indessen, nach des Volkes Meinung, werden einen neuen König krönen aus der Mitte unsrer Edeln.«

Nachdem der weise Kanzler so gesprochen, neigte er in Demut seinen Nacken, doch im Kreise rings erhob sich ein Geflüster, und die jungen Krieger nickten, froh entschlossen, nach dem neuen Ziel der Königswürde kühn den Wurf zu wagen.

Die Königstochter aber hob die Hand und hieß sie alle scheiden aus dem Kreise ihres Angesichtes.

Und als sie nun allein verblieb, und keine Zeugen lauerten mit Schadenfreude ihres Herzens tiefem Schmerze auf, da schlug die Jungfrau schluchzend ihre weißen Hände vor die Augen, und im Weh erbebte ihr der junge Körper wie im Herbstwind bebt die schlanke Birke, die allein auf sturmzerstampfter Heide ihre Zweige nach des Himmels Wolken hebt, und lange Stunden blieb sie also, betend zu des Vaters hehrem Angedenken und im Geiste segnend ihrer Heimat schöne Lande, die sie nimmermehr betreten sollte, dann erhob sie sich und schritt hinaus und ließ der Menschen keinen ahnen, was ihr junges Herz seit dieser Stunde litt, und barg vor aller Welt ihr wundes, tiefstes Fühlen, harrend, bis es einer heile, der des Heilens würdig wäre.

Dem weisen Schätzehüter aber bot sie diese Antwort: »Auf! und rüste mir ein königlich Geleite nach der Ferne, denn mein Sinn gelüstet, zu erkunden, wem ich Gnade schenken will und wer sich rühmen kann, 56 den Stolz des Herzens mir zu wandeln.«

Der Kanzler, da er diese Rede hörte, jubelte in sich und ging und rüstete ein königlich Geleite, selbst sich setzend an die Spitze des gewaltigen Gefolges, doch sein Sohn in still geheimer Stunde schliff das Reckenschwert der Ahnen und gedachte, nur als König seines Vaters Heimkehr würdig zu begrüßen.

Und eines Morgens wälzte sich der lange Zug, gleich einer glanzbeschuppten Schlange, aus dem Tor der Stadt, und wo das Königskind auf weißem Pferde still vorüberritt, da neigten tief sich alle Häupter, und wie fröhlich die Fanfaren jauchzten durch die morgenklare Luft, – verstummen mußten sie vor all dem tausendfältigen Gebete, das aus niedrigen und armen Herzen stieg und ihrem Pfad zur Seite wandelte als treuer Gruß und Segen. Aber höhnisch von den Burgen blickten die Gewaltigen im Reich hernieder auf den farbenstolzen Trauerzug und lüsterten mit gieren Augen einzig nach dem Trone.

Jedoch der weise Kanzler, listiger denn alle, dachte, im geheimen sie um Gold und Silber zu betrügen, also daß sie darben müßten unter ihrer Königswürde oder hart bedrücken ihres Volkes Schultern, bis der Unmut sich empöre und mit Wildbachwucht zur Seite schleudere die nimmersatten, übermütigen und neuen Herren und den Schätzehüter wieder heimwärts rufe.

Und also zog die stolze Saga tränenschweren Herzens in der Schar der wohlgemuten Recken und der leichtgesinnten Mägde fort aus ihres Landes Marken, selber schmucklos und gering, wie eine blasse Perle 57 in geschmacklos prunkgehäuftem Goldgeschmeide.

Der Schätzehüter aber sandte Boten hin an diese Pfalz und jene Königsburg im fremden Land und kaufte sich und seinem Plan mit Gaben und mit schönen Reden herzlichen Willkomm und ehrenvolle Gastung, doch wie klug er baute und wie fein er spitzte, – nieder barst ihm jeder Bau und gänzlich brach ihm jede Spitze, denn die Königsjungfrau, fern in ihrer wunden Scham und unnahbar wie eine Sonne, bot Verachtung nur und wortelosen Hohn den beutegieren Händen, die nach ihrer jungen Schönheit greifen wollten in verwirrtem Taumel, also daß der Abschied kühler war als der Empfang und mancher edle Held der Stunde fluchte, da der fremde Kanzler ihm entzündet seines Herzens lodernde Begierde.

Es hatte aber einen Eid geschworen die verbannte Königstochter, diesem nur zu schenken ihres Leibes Reichtum und der Seele Gnade, den sie würdig fände, stark und groß von Herzen und nach weitgestecktem Ziel allein der besten Kräfte Bogen spannend.

Und es geschah, ob seiner Herrin Tun vergaß der Diener seines Standes, also daß der Schätzehüter kecken Uebermutes seine eigene Person erwählte zu des jahrelangen Werbezuges Zweck und endlicher Bestimmung und verpraßte mit den Herren aus dem Knechteadel seine Zeit, dieweil geduldig und sich härmend seine Herrin harrte, bis es ihm gefiel, zu wechseln Gastfreundschaft und Wirtlichkeit und einen Hof sich weiter zu begeben.

Und also zog der Knecht in Prunk und Pracht von 58 Land zu Land, und einsam, ungeehrt und kaum gekannt von den Gewaltigen auf Erden folgte seine Herrin, die verbannte Königstochter, deren Pfade treu begleiteten die drei Gefährten ihrer stillsten Stunden: ihrer Hände bildnerische Träume und ihr hochgemuter Stolz und ihre Sehnsucht nach dem Einen, Starken, der sie lösend aus der Schmach dem Leben wieder schenke.

Und manchmal, selten zwar und in geweihter Stunde nur, geschah es, daß ein Trüpplein wandernder Gesellen oder einsam schweifende und traumgequälte Taugenichtse diesem Zuge in die Quere liefen und vom Kanzler böse Schelte und mit Hohn gewürzte Rede zum Willkomm und Wanderspruch erhielten, von der Jungfrau aber einen stillen Gruß aus ihren sonnenreichen Augen, und ob dieser Gottesgabe jubelte ihr Herz und sang ihr Mund in lichten Weisen, immerfort in alle Zeit zu segnen dieser Augen Strahl, zu preisen diese hellste ihrer armen, ruhelosen Stunden und zu künden von dem Reichtum, der ihr Bettelsein vergoldete mit bilderreichen, klängestolzen, ungebornen Träumen. Also ging die Kunde weit herum von dieser Jungfrau unter denen, welche fern vom Markte hausen und die heimatlos den Pilgerpfad nach Ewigkeiten wandern.

An einem Sommerabend wand auf heißer Straße sich im Staub der Zug hinan zu einer hochgetürmten Burg und heischte Einlaß nach des Gastrechts alter Sitte.

Und es empfing der junge König dieses Landes, auf sein Schwert gestützt, im hohen Männersaal den Kanzler, zu erforschen ihn, denn mit der Kunde von 59 des Zuges Nahen war ihm auch gemeldet worden ein Geheimnis, das ihn tief erregt und das er zu entschleiern bei sich selbst beschlossen hatte.

Nachdem der Kanzler wortgelenk und sprachgeschmeidig ihm den heuchlerischen Gruß geboten, tat der junge König einzig diese Frage:

»Und nun, wohin gedenkst du diesen Abend weiter deiner prunkgeschirrten Rosse Schritt zu lenken?«

Da stieg des Blutes Röte in die Stirn dem Kanzler, und geschlagen fühlte er von einer harten Faust sein selbstbewußtes Wesen.

Er zwang jedoch nach weiser Menschen Art zu einem Lächeln seine Züge, beugte seinen Nacken und begann, nachdem zur Sammlung er berufen die geschmeidigsten Gedanken:

»Nicht jeder hergelaufene und wegemüde Wandrer, seh ich, findet Unterkunft im Kreise deiner königlichen Gnade, sondern wer erwählt von dir, o Herr, nach ernster Prüfung, der allein genießet Gastrecht hier und Ehre deines Umgangs.

Wohlan, und dennoch wag ich es und hoffe, mir zu öffnen deiner Achtung Tore mit dem Spruch: der weitbekannte Kanzler und der allgenannte Schätzehüter bin ich, dessen Name mancher Königshof dir nennt mit fröhlichem Erinnern an dahingeschwundene und glücklich ungebundene und schöne Stunden.«

Und neigte nochmals sich und öffnete die Arme, sie zu schlingen um des jungen Königs Brust zum Brudergruße.

Doch jener harrte lächelnd, auf sein Schwert gestützt, 60 und maß den Kanzler mit erheitertem Gesichte, dann begann er und erwiderte die Rede: »Du Allgenannter, Weitbekannter, dessen Name manche Königsburg mit fröhlichem Erinnern nennt, vor jeder andern Kunde magst du wissen, daß mein Schloß mir liege außerhalb der Welt und ihrer Weisheit, also daß du nicht in Zukunft zürnest, wenn dein hoher Name noch bis heute nicht gedrungen hinter diese festen Mauern.

Des weitern kenne meines Schlosses Brauch, daß nicht von ungefähr der Gast mir nahet, sondern hergerufen durch mein Wort und meinen Wunsch und falls er nicht verschmähet meine Nähe.

Und nun vernimm, was mir geraten meine Seele, der ich einzig lausche und gehorche: eine Nacht und keine Stunde mehr gewähr ich dir und deinem Troßgesinde oder wer es immer sei, der dich geleitet, mir zu weisen deinen Wert in einer Tat – ich kenne keinen andern Ruhm auf Erden –, doch mißfällt dein Werk dem Urteil meiner Seele, so entbiet ich dir und deiner Sippe Hohn zum Abschied, und dein Name soll in Zukunft nur als böser Scherz durch diese Hallen klingen, andernfalles aber seid willkommen mir als meine hochgeehrten, werten Gäste.«

Und neigte seine Stirn und schloß die Wimpern, bis der andere entschwunden dem Bereiche seiner Augen. Darauf nach seines hohen Turmes stillstem Söller schritt der König und erhob im Abendgolde seine Stimme zum Gebete also:

»Geschick, du starkes und verborgnes Walten über 61 unserm schwachen Leben, wollest mich vollenden lassen, was du gütig angehoben, und mir krönen mit der Krone des Gelingens meine stolze Hoffnung, die da zielet, zu erlösen einer ganzen Welt den Segen.«

Der Kanzler aber, aufgeregten Wesens und verletzt in seiner Würde tiefstem Grunde, mühte bitter sich und sammelte vor sein Gericht an Geistesgaben alles, was in ihm verborgen oder öffentlich gedieh, zu wählen eine aus der Fülle und in ihrem Feuer neu zu münzen seines Namens anerkannte, alte Währung, die der junge König einzig unter allen Menschen wagte zu bezweifeln, zu beweisen heischte.

Und bald den Kopf gestützt in seine beiden Hände, bald im nächtlichen Gemache auf und nieder schreitend, wollt er zwingen seinen Geist, zu künden in der Melodie der Rede eine weise Fabel, die den König lehren möchte, wegzuwerfen seinen Stolz und dankbar zu genießen seines Gastes Nähe.

Doch sieh: ein seltsam Spiel in dieser Stunde mußt er schauen und verwunderte von Herzen sich darüber.

Es haschten nach der Worte schmuckem Kleide die Gedanken, wie die Kinder nach dem farbenreichen Falter greifen, der sich schwebend schwingt vom Blütenkelch zur Blumenkrone, aber immer, wenn sie nach der lichtumtanzten Pracht die magern Händchen recken, flattert leicht empor der Sommersonnenvogel und entgleitet neckisch ihrem plumpen Fange.

Es glotzten aber auch der Wortgebilde lebenlose Hüllen, die da harrten auf des Sinnes Seele und der Deutung warmen Odem, gleich den starren, toten 62 Masken, die im Dämmerraume auf den Meister warten, der sie wecken soll zu überirdischem Erlebnis, wenn aus ihren Augenhöhlen seine Blicke flammen und aus ihrem Munde dröhnen die erschütternd schweren Worte von des Schicksals herrisch hartem Walten.

Und als der Schätzehüter stundenlang ergötzt die eigne Zuversicht an diesem Spiele, wie sich wechselweise jagten und einander flohen die Gedanken und die Worte, ohne je zu finden den geweihten Kreis der lebensstarken Einheit, – da verzweifelte sein Herz, und er verzagte ganz und badete in Schmach und Scham sein treulos armes Selbstvertrauen.

Es war zur Stunde, da der alte Tag den jungen ruft im Hof des Himmels, um sich müde dann zu legen auf die steinern harte Bank am Brunnen gleich dem Pilger, der erschöpft darnieder sinkt an heiliger Stätte, wünschend, nimmer zu erheben den gemeinen Leib, nachdem getrunken seine Seele aus der reinsten Quelle, –

Zur stillen Mitternacht begab vor ihren Kanzler sich die Königsjungfrau Saga, herrisch forschend nach dem Grunde ihrer sonderbaren Gastung und dem Kummer, der des Schätzehüters Stirn umwölkte.

Und alles kündete mit trostverlassner Stimme ihr der Kanzler, wie der junge König harte Worte ihm geschenkt und ihn geheißen, zu beweisen der Gesandtschaft Wert in offenbarer Tat und Wahrheit, aber wie Verzweiflung ihn erfasse, da er gar verraten fühle seinen Geist von jeglichem Gelingen.

Und siehe: höher hob bei jedem Wort des armen 63 Kanzlers sich die lichte Stirn der Jungfrau, und zur stolzen Rede wölbten sich die Lippen:

»Gepriesen sei die Stunde, denn es naht der Tag, da will ich weisen meinen Wert und schaffen eine Tat, die voll genüge auch dem höchsten Maße.«

Und schritt zurück in ihr Gemach und schuf aus edelm Gold ein Werk, das ließ sie sprechen von dem Stolz der einsam reichen Seele, singen von dem Sehnen langer Jahre, jubeln von dem Hoffen lichter Träume und in Siegesweisen jauchzen von dem unaussprechlichen und lichtgebornen, sturmgewaltigen und meerestiefen, allumfassenden und schicksalsreifen Glücke.

Und trug das Werk dem Kanzler hin und sprach: »Wohlan, dem König sollst du weisen meiner Hände Tat und harren seines Dankes.«

Doch zweifelnd wog der Schätzehüter das Gebilde und betastete mit kalten Blicken auf und ab das Kleinod und beleuchtet es mit seinem Kerzenlichte sorgenvoll von allen Seiten.

Und hob es seufzend dann und trug es zage durch des Schlosses Hof zum Königssaale.

Doch siehe, als er bangen Herzens wandelte im grauen Morgen über den verschlafnen Hof und durch die stillen Hallen, da entflohen abgewandten Angesichtes alle Dämmerschatten vor des Kleinods Blinken, suchten Unterschlupf in Nischen und in Mauerfalten, schwanden in die Täler hinterm Berge und verkrochen ihren Neid im tiefen Tannenforste, aber siegesprächtig stieg die Sonne auf den höchsten Wall der lichtbezwungnen Wolkenfeste, sandte grüßend ihre Boten zu dem 64 Strahlenwunder und umwarb es huldigend mit ihrem ersten, warmen Kusse.

Der Schätzehüter aber wies dem König seine Gabe, wortestill und ohne Hoffnung.

Und ruhig blieb es eine kurze Weile in dem hohen Männersaal, und nur des Kleinods Klingen silberfein erzitterte, wie Geigenton in Domeshallen leise schwebet, und des Königs Seele ward ergriffen.

Und alle Herrlichkeit der Welt und alles Daseins Wonne schien beschlossen ihm in dieses Kleinods edeln Formen, die sein Auge trank und sein Gemüt ohn Unterlaß bestaunte.

Und betend neigte er sein Haupt zu Dank und Segen.

Der Kanzler aber dachte weise auszunützen diese feierliche Stille und begann in plumper Rede also:

»Was saget nun der König und wie schätzt er seiner Gäste Wert zur Stunde?«

Und wieder blieb es still, und leise glitt der goldne Sonnenschein entlang dem Purpurvorhang an der Säulenhalle.

Da hob der König langsam seine Augen von dem Kleinod und begann und sprach zum Schätzehüter diese Frage:

»Wer ist des Werkes Schöpfer, daß ich ewig seinen Händen danken kann und rühmen seinen Namen?«

Und frech erhob der Knecht sein Angesicht und gab die Frage ihm zurück: »Wohlan, so willst du nie vergessen in der Zukunft meines Wertes?«

Doch tiefen Zornes voll und heftig hub von neuem an der König diese Worte:

65 »Ich heiße dich, du sollst mir nennen dieses Werkes Meister, daß ich beugen mag mein Knie und ihm gestehen: größer bist du als mein Hoffen ahnte.«

Und wieder trotzte keck der Kanzler seinem Frageblick und lächelte, – da grollte auf der königliche Unmut, und wie Sturm erfüllte nun sein Wort die morgenstillen Hallen:

»Und jetzt, ein letztesmal so schenk ich dir die Frage: wer erschuf mit Geist und Händen dieses Kleinod? Künde mir die Wahrheit, denn es kennet keine Gnade mein beleidigt Schwert, wenn es gerichtet hat, und lauschet keiner späten Reue.«

Da zuckte mit den Wimpern rasch der Kanzler stampfte auf den Fliesenboden und gestand mit zornerstickter Stimme:

»So wisse, armer König, wem du deine Wonne dankest: einem landsverbannten Weibe, einer schwachen, gramgequälten, unbekannten Jungfrau!«

Der König aber faßte hart des Kanzlers Arm: »So will ich ihren Namen weit in alle Lande tragen, also daß die Erde dankend unter ihrem Segen von dem vielen Leid genese!«

Und schritt hinüber nach dem Turme, wo die fremde Jungfrau hauste, trat mit hocherhobnem Haupte vor ihr Angesicht und suchte ihre Augen.

Und es geschah, ob diesem einen Blick versank der Beiden Sonderschicksal willenlos im Flammenmeer des tiefsten Glückes, und heraufgestiegen war die heilige Stunde, die da baut mit einem weiten Wurf das hohe Brückenjoch von Ewigkeit zu kurzem Menschenleben. –

66 Der König aber zog mit Heeresmacht zu unterwerfen der verbannten Jungfrau Heimatlande, brach der übermütigen Knechte Trotz und beugte ihren neuen Herrn, des Schätzehüters Sohn, mit harter Faust und blankem Siegesschwerte, und das Volk empfing mit Tränen und mit Jubel seines alten Königs junge Tochter in den Gauen der befreiten Heimat.

Und er gewährte, gnadevoll in seinem Glücke, daß der Schätzehüter als der Knechte erster an dem hohen Tage demutvollen Sinnes trage vor der jungen, morgenschönen Königin das edle, segenreiche Kleinod.

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