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Balder

Hugo Marti: Balder - Kapitel 7
Quellenangabe
typelegend
authorHugo Marti
year1923
firstpub1923
publisherRhein-Verlag
addressBasel / Leipzig
titleBalder
pages159
created20080818
sendergerd.bouillon@t-online.de
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45 Dritte Nacht

        46 Fern von Asgards festumbrausten Mauern
Wandert Balder durch die stillen Wälder.
Altersgrau und mächtig stehn die Stämme,
Eng verschlungen breiten sich die Zweige,
Und im fahlen Lichte hangen Flechten
Wie zerrissne Schleier modernd nieder.
Nirgends bricht ein Pfad sich durch des Mooses
Feucht Geschlinge, nirgends blühen Blumen,
Und es fällt verloren nur ein Tropfen
Sonnengold durchs dichte Dach der Wipfel,
Rollt herunter auf der rissigen Rinde
Und erlischt im dumpfen Dämmerdunkel.
Unterm Schritt des ruhelosen Wandrers
Knacken dürre Zweige, rascheln Blätter,
Bricht ein morscher, blitzgefällter Baumstamm,
Und es lauscht erstaunt die kühle Stille
Dem verirrten, zagen, müden Gange.

Nun an einem Felsen bleibt er stehen,
Legt die Hände an die grauen Steine,
Und es zittern seine starken Arme,
Und es flüstern seine jungen Lippen:
»Wer euch voneinander reißen könnte,
Kalte Felsen, um dem Lied zu lauschen,
Das in euren goldnen Adern tönet,
Das die Tiefe singt aus ihrem Dunkel!
Oder ist auch euer Sang verflochten
47 In das Klagelied des wunden Lebens,
Ist auch euer Trost nur bitter Stöhnen?«

Sieh: da klafft vor seinem Angesichte
Lautlos weit der Fels und weicht zur Seite,
Tut sich auf zu schmalem Bogengange,
Abwärts führend in des Berges Dunkel.
Jähen Staunens eine Weile starret
Balder in die schattenschwarze Wölbung,
Dann mit starken Schritten eilt er vorwärts.
Hinter ihm erlischt des alten Forstes
Dämmerlicht, und mit den Händen tastend
Greift er kalte Mauern, aber ferne
Zittert blaß ein Strahl des hellen Tages
Und bei jedem Schritte wird er stärker,
Flimmert auf im krausen Goldgefunkel,
Gleitet blitzend längs den Silberadern,
Die wie fremde Blumen niedergleißen;
Und die Augen voll des neuen Lichtes
Schreitet Balder durch die stummen Schatten,
Und es weitet sich der Gang zur Halle,
Hoch und licht, von Säulen stolz getragen,
Aber durch ein breites Bogenfenster
Flutet Sonnenlicht herein und schweifet
Weit das Auge über Wald und Hügel
Nieder zu der alten Menschenerde,
Nieder auf das rätselreiche Leben.

Balder hebt die Hand zur heißen Stirne:
»Kreisen alle Pfade nur gebunden
48 Um dasselbe Ziel, und sterben alle
Fragen vor dem stummen Blick der einen?«

Näher zu dem breiten Bogenfenster
Will er treten, doch sein Blick erstaunet
Und die Schritte zaudern –. Dort im Schatten
Dreier Säulen sitzen grau und winzig
Drei gebeugte Frauen an der Arbeit;
Ihre Haare haben längst verloren
Glanz und Farbe, und ihr Leib ist schwächlich,
Aber emsig wirken ihre Hände,
Und von ihren Lippen leis und greinend
Zirpt ein öder Sang wie Regenrauschen:
»Eilet, Schwestern! Laß die Spindel surren,
Laß das schmale Weberschifflein schwirren,
Laß die Schere schnappen, laßt uns eilen!
Menschenkinder warten ungeduldig,
Menschenseelen wollen ihr Gewändlein,
Menschenleben harren auf ihr Schicksal.
Hurtig, Schwestern, hurtig! Unser Bruder
Hat es eilig auf der alten Erde,
Bauet jedem sein bescheiden Schlößlein,
Sechs Fuß lang und sechs Fuß in die Tiefe.
Darum rasch und flink und immer schneller!«

Und die erste läßt die Spindel surren,
Zieht mit dürrem Finger feinen Faden,
Taucht ihn in das warme Licht der Sonne,
Schwingt ihn durch den Schatten, schlägt ihn dreimal
An den Fels und läßt ihn niedergleiten
49 In den Staub der Halle, wies ihr einfällt,
Und so wird er bunt von allen Farben,
Eine Weile weiß und rein und leuchtend,
Eine andre dunkel, wieder eine
Gülden, oder grau und fahl und schmutzig.
Und die zweite läßt das Schifflein schwirren,
Und die Fäden werden zu Geweben,
Und die Farben sprudeln aus dem Webstuhl
Wie die Sonne überm Wassersturze,
Und die dritte läßt die Schere schnappen
Gleiche Bissen aus dem langen Tuche,
Und sie reicht mit ihren Knochenhänden
Ein Gewändlein um das andre von sich:
Graue Knechtsgewänder, Königsmäntel,
Rotes Kriegerhemd und goldgesäumten
Siegerprunk und bunte Narrenkutten,
Die in allen Farben traurig grinsen.
Und sie wirft die Kleider, eins ums andre,
Durch das Fenster, ohne aufzuschauen,
Aber draußen recken schwache Händlein
Sich empor und greifen nach der Gabe,
Immer neue, eines drängt das andre,
Und sie schreiten langen Zugs vorüber,
Schreiten nieder nach dem Erdenlande
Durch das Tor des rätselvollen Lebens:
Krieger, König, Narr und Knecht und Sieger.

Da – ein wunder Schrei von Balders Lippen:
»Welcher Meister bot euch diese Arbeit?
Welcher Wille zwang in solchen Dienst euch?
50 Nennt ihn mir, auf daß ich vor ihn trete,
Antwort heische für sein grausam Walten!«

Aber matt verklingt sein Schrei und leiser
Als das Surren ihrer stillen Arbeit
Und das Singen ihres müden Mundes,
Und sie wirken, ohne sein zu achten,
Emsig weiter mit gebeugtem Nacken;
Eine nur, verstohlen, hebt das Antlitz
Gegen ihn und legt den Finger spottend
Auf die grinsenden, verzerrten Lippen.
Und ihn greift Entsetzen und er fliehet
Taumelnd in den finstern Gang und weichet,
Und im Dunkel noch umsaust ihn höhnend
Der gedämpfte Sang der welken Lippen:
»Eilet, Schwestern, reget flink die Hände!
Unser starker Bruder soll nicht siegen:
Baut er tausend Schlößlein in der Stunde,
Weben tausend wir und ein Gewändlein
Für die nackten, armen Menschenseelen!
Surre, Spindel, spute dich, du Schnelle!« –

Abends in der fackelhellen Halle
Unter Asgards jubelfrohem Volke
Schweigend sitzt und fern dem Jubel Balder.
Aber Loki tritt zum Freund und lachend
Legt er ihm die Rechte auf den Scheitel:
»Wahrlich, Rauhreif ist auf dich gefallen!
Frühe bleichen Balders goldne Locken!«
Und er zieht ihm mit gespreizten Fingern
51 Grau Gewölle aus den blonden Haaren.
»Oder hast du dich im Wald zum Träumen
Hingelegt und wollt ein Vogel bauen
Sich ein warmes Nest in deinem Schopfe?«

»Ist ein böser, schwerer Traum gewesen,
Den ich schaute, denn aus solchen Flocken,
Die du leicht auf deinen Fingern schaukelst,
Wird des Menschen Schicksalskleid gewoben,
Wird der Seele Totenhemd gewirket.
Diesen Traum hab ich erlebt im Walde.«

Da erlischt auf Lokis Mund das Lächeln,
Und er schließt behutsam seine Finger
Um die graue Flocke, die wie Frühschnee
Schon gebleicht des Freundes jungen Scheitel,
Und er trägt sie still mit sich von dannen.
Aber mit gesenktem Haupte lauschet
Balder und wie ferneher dem Sange,
Welchen Mimirs weise Lippen singen.

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