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Gutenberg > Hugo Marti >

Balder

Hugo Marti: Balder - Kapitel 5
Quellenangabe
typelegend
authorHugo Marti
year1923
firstpub1923
publisherRhein-Verlag
addressBasel / Leipzig
titleBalder
pages159
created20080818
sendergerd.bouillon@t-online.de
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29 Zweite Nacht

        30 Wo die steilen, sonnverbrannten Klippen
Jähen Sturzes nach der Tiefe gleiten, –
Hoch aus seinen reichen Matten schimmert
Asgard mit den silberblanken Zinnen,
Aber tief und ferne liegt das bunte
Erdenland, ein kunstgewirkter Teppich,
Dunkle Wälder wie geballte Heere
Stürmen aufwärts an den kahlen Felsen,
Aus dem Dunste glitzern breite Ströme,
Glühn der Menschen Städte, rot wie Wunden,
Gelbe Aecker, grüngewölbte Hügel,
Und das Meer, die stählern blaue Fessel,
Schlingt den Reifen um die reichen Lande, –
Auf der kühngetürmten Felsenklippe
Steht im goldnen Abendlichte Loki
Und er spricht zu seinem Freunde Balder:

»Asensohn! Fürwahr, an solchem Kelche
Trinken sich die Lippen satt, und strahlend
Leuchten Augen, die in solchem Bade
Täglich waschen ihr gewaltig Sehnen.
Diese Gaue sind dein Vatererbe,
Diese Schönheit beugt sich deinem Wunsche,
Du bist Herr, und diese Lande dienen.«

Balder schüttelt seine lichten Locken,
Weit von sich die jungen Arme reckend:
31 »Siehst du jene Wolkenschatten fliegen,
Riesenvögel, über Berg und Täler?
Kann ich ihrem stolzen Flug gebieten?
Kann ich reißen aus dem eignen Herzen
All die Schatten, die mir jede Stunde
Mit dem Schleier decken meiner Ohnmacht?
Asgards Heldentaten –: eine Kette,
Die mich fesselt an den schwachen Händen,
Die mich ewig harten Griffes schmiedet
In den Schatten unbekannter Ahnen.
Durch die Sänge kreischt der Fessel Rasseln,
In den Liedern klagt mein eigen Stöhnen,
Weint des Tatenlosen müßig Dasein.«

Leise legt ihm Loki um die Schultern
Seine Arme: »Lebst du fern der Heimat,
Schleppst du deine Tage in der Gnade
Eines Siegers, in dem stolzen Lachen
Einer fremden Sippe, die dich hasset?
Lauschest du, wie ich, in stillen Nächten
Nach dem Huftritt aus der weiten Ferne,
Nach dem Laute, dem schon fast vergessnen,
Deiner Jugendsprache, nach dem Rufe
Deiner Brüder, die dich retten kommen?
Und erschrickst ob deinem Lauschen selber
Und erstarrst vor deinem tiefsten Wunsche? –
Wirf sie von dir, diese rostige Kette,
Deine Hände hebe frei zum Lichte,
– Wer ist frei, wenn es nicht Balder wäre? –
Und in Taten sättige dein Sehnen!«

32 Zu dem Freunde hebt die hellen Augen
Balder, und die Lippen wollen lachen,
Doch sie zittern nur und fragen heftig:
»Hat dich Leiden also tief zerfressen
Und ist deine Seele also mürbe
Von dem Klammergriff des Wehs geworden,
Daß du lügen kannst um meinetwillen?
Dieses Wort, vor dem die Welten beben,
Dieses Wort, vor dem die Zeiten knien:
Tat, – es rollt so leicht aus deinem Munde
Wie der Fluch: Genieße und vergesse –?
Sahst du niemals, drunten auf der Erde,
Einen Bauer hinter seinem Pfluge
Ueber seinen armen Acker schreiten,
Tief gebeugt vom Morgen bis zum Abend
Unter seiner Tat den müden Rücken?
Und er wirft in tausend weiten Würfen
All sein Sehnen in die lockern Schollen,
Und er deckt es in des Mittags Gluten
Ruhelos mit seiner Hoffnung Wünschen,
Und er tritt zur Seite und er wartet –.
Doch in einer Nacht erschallt das Jagdhorn
Thors und sammelt seine wilden Heere,
Und die Rosse jagen feuerschnaubend
Aus den Schluchten durch die Tannenwälder
Und sie stampfen mit den Eisenhufen
Ihre Pfade durch den armen Acker,
Und ihr heißer Atem sengt die Scholle,
Aber Thor mit wilden Geißelhieben
Hetzt die Tiere vorwärts und er jubelt:
33 Meine Tat! – ob ich sie heut erjage? –
Und auch er an manchem Abend müde
Ritt auf mattem Roß in Asgards Burghof,
Leer die Hände und ein großes Staunen
In den dumpf erloschnen, starren Augen,
Gleich als hätt er zaudernd weichen müssen
Einem stärkern Arme, der ihm lächelnd
Seine sichre Beute rauben konnte
Und die Tat zerschlagen, ihm, dem Starken.
Denn auch wir mit unsern Heldensängen,
Wir mit unsern herrischen Gebärden
Sind Gefangene in Eines Fesseln,
Sind die Riesenschatten seiner Größe.«

Also spricht aus wundem Herzen Balder.
Doch auf leisen Pfoten war das Raubtier
Mit dem grauen Fell, die Abenddämmrung,
Aus den Wäldern übers Tal geschlichen,
Und es duckt sich unten an der Klippe
Und es starrt herauf aus fahlen Augen,
Beugt zum Sprunge den geschmeidigen Körper
Und erklimmt mit scharfgespitzten Pranken
Fels um Fels des jähgetürmten Abgrunds.

Und die beiden Freunde schreiten schweigend
Nach der hohen, festerfüllten Halle,
Um zu lauschen Mimirs weisem Sange.

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