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Balder

Hugo Marti: Balder - Kapitel 4
Quellenangabe
typelegend
authorHugo Marti
year1923
firstpub1923
publisherRhein-Verlag
addressBasel / Leipzig
titleBalder
pages159
created20080818
sendergerd.bouillon@t-online.de
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14 Die Königstochter Idun

Auf Asgards hohem Turme stand der Lande König, schaute in die Weite, wie die Sonne sank und sterbend ihres Blutes Feuerstrom ergoß hernieder in die Furchen des geweihten Weltenackers.

Und stille ward es, Schlummer wandelte die Pfade durch das Erdenland, und leise singend auf am Himmelsgarten zogen die Gestirne.

Doch keine Ruhe fand des Königs großgemute Seele, welche rang im Kampfe mit dem schwarzen, übermächtigen Leide:

»Ein müßig Spiel und mir zum Ekel worden ist das Wirken meines Lebens. Unverstanden klangen meine Worte an die tauben Ohren des betörten Volkes, und die Jahre härteten mein Sorgen und mein Mitleid nur zu täglich neu gebornem Streite wider ihre Kleinheit. Meine Söhne, meine stolzen Erben, sandt ich aus, zu wecken wahre Jungkraft, aber Haß empfing und Neid begrüßte sie, und ihre Güte ward vergolten mit Gespött und bittern Todeswunden.

Darob ist alt geworden meine Kraft und müd mein Wille, und erkrankt ist alles Hoffen meiner besten Stunden, – siehe: was die Erde trägt, ist klein und ist gemein und wert, daß es versinke und zugrunde gehe.

Doch dessen, daß die besten Jahre ich geopfert einem Truge, zürn ich heut und fluche allem Mitleid, das mit Heuchelaugen mich betörte, mich belog und 15 dienstbar machte diesem eiteln Ziele: einen Blinden beten lehren zu der Sonne.«

Und stöhnend warf der König diese Worte in die dumpfe Stille, wandte sich und schritt in sein Gemach, gequält von unsagbarem Leide. Und Krankheit packte ihn und zwang ihn nieder, hüllend seine hellen Sinne in des Fiebers Dunkelheit und zwingend seine Seele in der Träume Pein, und also lag er lange Tage.

Die Königstochter Idun aber legte ihre weißen, schlanken Finger kühlend auf des wunden Vaters heiße Stirn und scheuchte von dem Krankenlager weg mit ihrer Stimme glockenreinem Singen die unseligen Gedanken, die wie Dämmervögel, graugefiedert, kreischend, ruhelos umflatterten den müden König.

Und stiller ward des Kranken Stöhnen, wenn die Jungfrau betete ob seinem Haupte, aber allsobald die Königstochter aus dem Zimmer glitt und leis die Türe hinter sich geschlossen hatte, bäumte wild empor der König seinen schmerzgepeinten Körper, wie aus eisenschweren Ketten der Gefangne ringt nach Licht und Leben, aber ächzend sank er nieder auf das heiße Lager, regungslos und wimmernd, bis von neuem ihn das Fieber schüttelte und seine Schreie durch die Halle nach der linden, milden Jungfrau gellten, seiner schönen Tochter Idun.

Es blieb dem Volke aber gänzlich unbekannt des Königs Wahn und Krankheit. Denn am Sonntag, wenn die Boten aus den Ländern in den Burghof ritten auf den flinken Rossen, Kunde tragend, was 16 sich Neues wirke auf der alten Erde, bot den Gruß und dankte ihnen auf der breiten Treppe still die Königstochter, fragte einzeln einen jeden nach den Wünschen und Begehren und versprach, dem Vater alles treulich zu vermelden, wenn er Abends wiederkehre von der Hochjagd aus dem tiefen Forste. Doch am nächsten Sonntag, wenn sie alles wohl geprüft und ausgedacht, gewährte sie Bescheid und lieh die eignen Räte ihres jungen Herzens als des Vaters Wunsch und Wille: also mög es in dem Reich geschehn und Segen bringen.

Und alles meldeten die Boten durch die Lande, aber was die Königstochter riet, gedieh dem Volke wohl und brachte mannigfachen, reichen Segen.

Nach sieben bangen Wochen aber wich der harte Gast des Schicksals aus der Königsburg, und stilles Glänzen wusch die Augen des Genesenden, und nach dem Sonnenlichte gehrten seine Blicke.

Und als zum ersten Male, wankend noch und langsam, stillen Ganges, zur gewölbten Brüstung vor dem Fenster trat der König, niederblickend über seine Lande, die im Glücke blühten und im Segen standen gleich den blustbesäten Bäumen in der Frühlingsreife, –

Da schlang die stolze Freude übermächtig ihre Arme um die blasse Königstochter, daß sie fliehen mußte in die stillste Kammer, niedersank und ihrem Glücke weinend dankte.

Doch als die Nacht im Schlummer alle Lande wiegte, streifte stumm von ihrem schlanken Arme Idun Ring 17 und Reif, von ihrem Halse löste sie die feingefügte Silberkette, hüllte ihren hehren Leib in graue, mägdische Gewänder und vertauschte ihre weichgeschmeidigen Sandalen mit den groben, harten Wandersohlen. Und also trat sie leise an des Königs Lager, neigte ihre Lippen nach den schlummertrunknen Vateraugen, küßte sie und flüsterte und betete den Segen:

»Laß ziehen deine einzige Tochter nach dem Lande der Bedrückten, daß dein hoher Sinn von neuem lieb gewinne, was in schwarzer Stunde du verflucht und aufgegeben hast mit hartem Spruche.«

Und wandte sich, die Augen rückwärts heftend nach des Vaters Angesicht und tastend mit den Händen nach der Pforte, und verließ die Königsburg und wallte nach dem Land der Tiefe auf der breiten, mondbeglänzten Straße.

Ihr Gruß und Segen aber schlang von Träumen einen Reigen um des Königs Lager, also daß am Morgen ahnungsvoll er nach der Tochter fragte und die alte Stirne neigte, da die Diener stumm vor seine Augen legten die verwaisten Kleider und die Spangen und die feine Kette der verschwundenen und fernen Idun.

Doch diese zog fürbaß die harte Straße, bis der Morgen von den Bergen in die Täler stieg und rings im Land die Glocken sangen und die Welt erwachte.

Und vor des Städtleins Mauer, auf der Bergeshalde, pochte sie mit scheuem Finger an die Türe eines breiten, blumenfrohen Bauernhauses, Arbeit heischend.

Seit dieser Stunde schufen ihre reinen Hände armen 18 Mägdedienst, doch schön geriet und wohl gelang, was ihre Finger streiften. Also diente sie ein Jahr und mehrte ihres Meisters Wohlstand, und im Volke hieß man sie die Unbekannte, Fremde.

Doch als der Frühling wieder auf der alten Geige seine Lieder ließ erschallen, seine Tanzgesänge, daß die Blumen jäh zum hohen Himmel ihre Augen hoben und die Wälder auf aus ihrem Schlafe rauschten, – da, an einem Sonntagabend, stürmten her vom Königsschlosse, wilder denn zu andern Malen, die entsandten Boten, schwenkend aus der Ferne ihre Hüte, daß erstaunt die Bürger allenthalben nach dem Markte eilten, sprengten durch die Tore, daß der Hufschlag in den feierstillen Gassen dröhnte, huben an und kündeten die Botschaft:

»Der König, unser Herr und Vater, gab uns diese Worte: Niedersteigen in die Lande will ich, die da dienen meinem Namen, daß ich kennen lerne mit den eignen Augen meines Volkes Art und Sitte und die Zierde grüße meiner Untertanen.

Wohlan, so rüstet Herz und Blick und freuet euch, den König zu empfangen, der da grüßen will die Zierde seiner Untertanen!«

Und lauter Jubel brauste durch die Gassen, daß erstaunt die Greise und die Weiber nach dem Markte horchten, aber faltenstirnig, ernsten Schrittes sammelten die Ratsgenossen sich am selben Abend, stritten hin und her und suchten nach der rätselvollen Weisheit, wer die Zierde bilde ihrer Bürgerschaft und grüßen möge ihren hohen Herrn und König.

19 Und einten sich, zu küren aus den Töchtern ihrer Stadt die Lichtesten und Sittigsten, in Worten Mildesten und Reichsten an bescheidnem Wesen.

Darob geriet unruhig diese Nacht, und allenthalben wuchs ein Wald von wimpelfrohem Tannenschmuck, und reimgezierte Schwebebogen überbrückten die geputzten Gassen, während fieberhastig zwölfe von den Ratsgenossentöchtern ihre Sprüche lernten und die feinen Schritte übten, einsam und gemeinsam, spärlich lobend, aber ängstlich tadelnd und besorgt, zu kränken ihres Königs Auge durch Verwirrtheit oder allzu scheu befangnes Wesen.

Die königliche Magd im Bauernhofe aber, da sie hörte diese Botschaft, ward erregt in ihrem tiefsten Herzen, und im Streite lag die Sehnsucht nach dem Antlitz ihres vielgeliebten Vaters mit der Angst, er möchte sie erkennen und entreißen ihrem armen Kreise und das Land berauben seiner neu erwachten Liebe, wenn er seine Tochter nicht mehr wüßte unter den Bedrückten. Am Morgen aber, da die Kunde kam, die zwölfe von den Ratsgenossentöchtern zögen nach dem Marktplatz, zu empfangen als des Landes Zierde ihren König, –

Da lachte leis die hehre Magd und nahm die Feiertagsgewänder aus der Truhe, eilte nach der Stadt und stellte sich, verborgen in dem vielen Volk, zuhinterst auf und harrte bangen Herzens auf die Ankunft ihres Herrn und Vaters.

Zur Mittagsstunde zog er ein, und wenig Ritter folgten seinem Pferd, zur Seite aber schritten demutvoll die Ratsgenossen, trugen ihre schwarzen Kappen in den

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20 Händen und verwirrten ihre weisen Sinne ob der Einfachheit und Größe ihres Königs.

Und staunend stand in dichter Schar das Volk und wagte kaum zu atmen, aber als der König laut mit starker Stimme grüßte, da erbrauste rings ein Jubelschrei, und ohne Unterlaß geriet von dieser Stunde an das Hüteschwenken und das Freudejauchzen, wo der König sich den Untertanen zeigte.

Am Markte aber, da die Jungfraun sittig ihm entgegenkamen, Blumen reichten, Sprüche lispelten und aus dem Wangenrot die scheuen Augen um Verzeihung baten, ließ der König stumm die Blicke gleiten über ihre Reihe, forschte tief in einer jeden Antlitz, suchend seine eignen Züge und das Wunderauge seiner Tochter, –

Darauf so dankt er ihnen, lobte sie und ritt hinweg und sprach kein frohes Wort in langen Stunden.

Am Abend aber nahm er Abschied von der Stadt und den beglückten Bürgern, grüßte sie und sprach bewegten Sinnes diese Worte:

»Ein Mann verlor beim Säen seinen Ring, ein teures Erbstück und sein einzig Kleinod.

Und da ers merkte, suchte er nach ihm und fand ihn nicht, – verschlungen hatte ihn die braune Ackerscholle.

Doch übers Jahr, nachdem die goldne Frucht geschnitten war, da grub der Mann mit Fleiß den Acker um und spähte in den Furchen nach dem Ringe, aber nicht erlangte er, wonach sein Herze brannte.

Und manche Jahre tat er so, und seine Sehnsucht 21 nach dem Ringe schuf, daß reicher stets gedieh mit jedem Sommer seine Ernte, weil er also liebte seinen Acker, des verlornen Ringes wegen.«

Nach dieser Rede ritt er aus der Stadt und zog nach seinem Schlosse, aber nicht verstand das Volk noch seine Lehrer, was der König ihnen angesagt, doch alle eines Lobes nannten ihn darob den Weisen.

Die königliche Magd, am Abend dieses Feiertages, aber trug mit Mühe nur in ihrem Herzen all das Glück und jauchzte still ob ihres Opfers heiligem Gelingen. Und also rauschte Tag um Tag im Jahreslaufe, gleich des Meeres Wellen, die sich kräuselnd heben, zierlich zarten Schwunges, schaumgekrönt, und wieder dann zerrinnen in dem Arm der Schwestern, aber niemand weiß von ihrem Dasein, niemand kennet ihre hohe Zeit und ihre tiefe Weihe. –

Ein Hirtenknabe trieb die weißen Ziegen nach der Alp, und lustig sprangen seines Hornes Grüße über Wald und Fels hinab ins Tal am frühen Morgen.

Und es geschah, – an einem lauen Sommerabend stieg er sonngebräunt und lichter Himmelsträume voll vom Berge mit den Ziegen nach dem Tale, –

Da stand am blätterdunkeln Zaune bei der Straße, mitten in der Blumenwildnis ihres Gartens, die verlorne Königsjungfrau, grüßte ihn mit milder Stimme, bot ihm aus den weißen Händen köstlich kühle Labung. Doch wie der Wandrer tief im Forste unversehens tritt an eine blaue Quelle, drin die Schatten Ringelreigen tanzen, aber lange muß er stehn und mächtig zieht es ihn und lockt sein eigen Bild im 22 Wasserspiegel, bis er schweren Herzens endlich weicht, und schaudernd blickt er um sich, – siehe: Nacht ist rings und alles fahl und sterbend –

So sah der Hirtenknabe in den schwarzen Augenquell der königlichen Magd und las darin das selige Rätsel seines jungen Lebens.

Und es geschah, nach wenig Tagen murrten manche Bauern wider ihren Ziegenhirten, schalten seinen Leichtsinn und geboten, besser möcht er hüten ihre Tiere, daß sich keines mehr versteige in die tückischen, verräterischen Felsen und darob zugrunde gehe.

Doch all ihr Schelten war des Windes Beute, und der Hirtenknabe lachte heimlich ihrer Torheit, die sich grämte ob dem Werte einer Ziegenherde, aber blind vorüberschritt am Blumenhag und an der Magd im Garten.

Da scharten sich die Bauern insgeheim zusammen, wollten wissen, was der Knabe treibe, und an einem sonnenblauen Morgen stiegen sie hinan zur Alp und duckten sich im Steingeröll und spähten angestrengten Blicks und mit geschärften Ohren horchten alle nach dem Knaben.

Und als der Mittag seinen Zaubersegen sang, und flüsternd überm Gletscher kam der Hauch gegangen, –

Da hob der Hirtenknabe nach dem Sonnenball die Arme, warf sich nieder, betete aus seinem übervollen Herzen:

»Mit starken Händen streuest du die Saaten deines Lichtes in die weiten Welten, und nach dir und deinem 23 Segen gehren alle Wesen, Menschenblick wie Blumenauge, –

Doch sieh: verkümmernd müßt ich sterben gleich dem Alpenrosenbusch im Tale, wenn auf meinem Wege nicht mir leuchten würden zweier Augen stille Sterne, deren Glänzen heller wärmet denn die Sonnenfackel, tiefer brennet als die Sonnenpfeile, und vor denen deine eignen Strahlen dienend sich verneigen.

Und was ich keinem Menschen sagen kann, die Fülle meines Glückes, dir gesteh ichs gern, du stilles Mittagslicht, das du verschwiegen wandelst auf den Silbergletschern, aber wenn du niedersteigst ins Tal und ihr begegnest, ihr, der Unbekannten, Fremden, lege leis auf ihren Scheitel von den schönsten Strahlen eine goldne Krone, denn fürwahr, sie geht vor mir und allem Volk gleich einer Königstochter, stolz und lieblich.«

Und also sang der Hirtenknabe auf der mittagstillen Alpe. Doch hinterm Steingerölle flüsterten die Bauern und ergrimmten, aber einer faßte fluchend einen scharfgespitzten Stein und wog ihn sinnend, maß die Weite und entschleudert ihn, und sausend traf der Stein des Knaben braune Stirne, dunkel sprang das Blut und quoll zum grünen Rasen nieder.

Und hastig häuften ihre Hände seinem jungen Leib ein stilles Grabmal. –

Darauf ergriffen sie die königliche Magd und führten sie gerechten Zornes voll hinein zur Stadt und vor die hohen Richter, sie verklagend böser Zauberei und nach verdienter Strafe schreiend.

24 Und weil die Jungfrau also ruhig stand und ihre Augen leuchteten wie Wellenspiel im Abendgold, ihr Schweigen aber sprach ein gnädiges Verzeihen, –

Darob gerieten sie in Zorn und wandten sich hinweg von ihr und wollten säubern ihre Stadt und schützen Weib und Kinder vor der Macht des Bösen, zählten ihre Stimmen und erhärteten das Urteil:

»Dem Henker wollen wir die Jungfrau überliefern, daß er öffentlich, vor allem Volke, wer es sehen will, dem Aergernis ein Ende schaffe.«

Und alles Volk belobte seiner hohen Richter tiefe Weisheit, und es freuten ihre reinen Herzen sich und harrten ungeduldig auf den Tag der Sühne.

Und widerwillig stieg herauf der blasse Morgen, aber oben, wo vom Bergeskamm der Weg sich niederwindet nach dem Menschental, da zauderte und sträubte er sich eine Weile, gleich dem Opfertier, und schlug die Hände dann vor seine Augen, wandelte fürbaß und eilte durchs Gefild verdeckten Angesichtes.

Und auf dem Marktplatz scharte sich das Volk, die Mütter mit den Kindern an den Händen und die Männer hin und her beratend Landeswohl und Königstreue, aber hoch erhoben thronten stumm die Richter, wohl bewußt des schweren Amtes, das sie gottergeben weise führten.

Da scholl ein Schrei, und Aller Atem stockte, aber lautlos weitete sich eine Gasse nach der Richtstatt.

Und stolzen Ganges schritt einher die Magd und ließ die Blicke schweifen über allem Volke, gleich den Silbervögeln, die da kreisen weiten Schwunges überm 25 mittagstillen See, und hinter ihr, gesenkten Hauptes, rotgewandet, schwertgegürtet, wankte her der Henker.

Sie stieg empor und hob die Hände, betete und segnete das Volk und harrte lächelnd, daß ihr Schicksal sich erfülle.

Der Henker aber, unbeweglich, starrte auf den Boden, bis das Murren wuchs und laute Rufe gellten und ein höhnisch Heulen sturmesgleich aus tausend Kehlen brüllte.

Da sprang er auf und trat hinzu und riß mit harter Hand von ihrem Hals und ihren Schultern weg das rauhe Bußgewand und hob das breite Schwert zum Streich, – und stürzte nieder, schlang um ihre Knie die starken Arme, küßte ihre Füße, und vor Schluchzen bebte sein gewaltiger Körper.

Und Grausen packte alles Volk; vom Platze wichen sie, und keiner sprach ein Wort von dem Geschehnis.

Die hohen Richter aber und die weisen Räte faßten den Beschluß, zu melden ihrem König, was sich zugetragen, von des Hirtenknaben Lobgesang und Steinigung bis zu des Henkers Niederfall und des entsetzten Volkes Schweigen.

Und stiegen, insgeheim und ohne ihren Plan den Mitgenossen noch den Ehefrauen zu bekennen, auf dem breiten Pfade nach der Königsburg, die Jungfrau aber führten sie in ihrer Mitte.

Doch siehe: heftig mußten sie die Widerwillige des Weges vorwärts zwingen, aber als die stolzen Türme grüßten, leuchtend überm dunkelgrünen Tannenwalde, da versuchte aus der Richter groben Griffen sie zu 26 winden ihre königlichen Glieder und zu fliehen nach der armen Tiefe aus Erbarmen.

Doch übermächtig war der Männer Zorn, und blaß und wankend schritt die Jungfrau in den Königsburghof, wo der Brunnen flüsterte und leis im Wind die hohen Bäume sangen und im Sonnenglanz die marmorweiße Treppe träumte.

Und alles sah die Königstochter wieder, aber Tränen füllten ihre schönen Augen, und die Hände zitterten ihr heftig.

Da weiteten der Türe erzbeschlagne Flügel sich, und grüßend aus dem Schlosse trat der alte König.

Und sich entreißend ihren Häschern, jauchzend flog den Treppenpfad hinan die Jungfrau und umschlang mit ihrem schlanken Arm des Vaters Nacken, doch der König küßte zitternd ihre reine Stirne.

Und hob nach einer tiefen Weile seine Augen, spähte in den Hof nach denen, die ihm also königlich geschmückt und ehrenvoll geleitet wiederschenkten seines Alters Glück, doch siehe: niemand regte sich im Hofe, leise rauschte nur der Brunnen, flüsterten die windgewiegten Blätter.

Die Königstochter aber lächelte und sprach: »Was jene taten, rechne mir zur Schuld, und wenn ich fehlte, woll es mir verzeihen.«

Da neigte tief der König seine Stirn und betete ergriffen das Gelöbnis:

»Um deinetwillen, meine stolze Tochter, will ich alles meinem Volk vergeben, das du also liebst, und nimmer von ihm nehmen meine Hand in allen Zeiten.«

27 Und küßte wieder ihre Sternenaugen beide und die seidenfeinen Haare. –

Die Jungfrau aber, in den stillen Nächten, eilte oft auf unbekannten Pfaden nach der Stadt, durchwandelte die engen Gassen, leise Lieder singend, stieg empor zur Alpe, warf sich nieder an des Hirtenknaben Grabmal, um zu weinen und zu beten während langen Stunden. Aber wer sie traf in den geweihten Nächten und in ihre Augen schaute, konnte nimmer sie vergessen all sein Leben.

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