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Balder

Hugo Marti: Balder - Kapitel 14
Quellenangabe
typelegend
authorHugo Marti
year1923
firstpub1923
publisherRhein-Verlag
addressBasel / Leipzig
titleBalder
pages159
created20080818
sendergerd.bouillon@t-online.de
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114 Hoenir der Todbezwinger

Als abendliche Wolken, Segelbooten gleich, mit feuerfarbnen Wimpeln heimwärts glitten, über dunkle Tannenwälder, stumme Seen, die wie müde Augen auf zum lohen Himmel schauten, –

Da stand auf kahler Felsenkuppe Hönir, fellgekleidet, lauschte nieder auf des Waldes wirre Stimmen, lauschte weithin nach des Windes Liedern, horchte auf und hörte fernen Hornruf.

Und wie die Segelwolken aus dem Feuermeere, wo des Tages Flammenschiff gesunken, zu entfliehen strebten, – aber siehe: jede trug den Brand in ihrem eignen Segel, streute Funken in die klaren Fluten –, also rief das Horn in dreien langen Stößen, ferne hallend, wie ein Schrei und Stöhnen, daß die Wälder schwiegen, sich die Winde duckten und des Lebens Atem stockte in der plötzlichen und breiten Stille. Und Hönir griff mit harten Händen um den Stamm der Fichte, deren Wurzeln eng sich in des Felsens Risse schmiegten, deren Wipfel hoch sich reckte, reglos ragend in den bangen Abend.

»O Baum, an den ich manche Stunde meines armen Lebens mich gelehnt wie an den älteren und starken Bruder! Du, mein worteloser Freund, Vertrauter meiner Träume!

Von vielen Winden hin und her gezerrt, von tausend Stürmen angefaucht und nie gebeugt und nie gefällt, erfüllst du dein Geschick und lebst dein Leben.

115 Doch meine Seele, weicher als das gelbe Harz in deinen Wunden, schwankender als deine höchsten Zweige, preisgegeben jeder Sehnsucht, ist verzagt und ohne Hoffen.

Aus dunkeln Tagen ist erfüllt mein Blut mit Liedern, die mein Mund nicht formen kann, und in den frühen Stunden jedes Morgens wendet sich mein Auge nach der jungen Sonne, nach dem Lande, wo die Burg, die niegeschaute, meiner Väter steht im weißen Licht, mit goldnen Pforten und mit Wänden, hochgebaut aus edelsteingeschmückten Speeren. Aber unbekannt und mir verschlossen ist der Weg, und nimmer soll ich ihn betreten.

Und jeden Abend, wenn der Sonne funkensprühend Rad hinunterrollt ins Meer der Dämmerung, erschallt aus jener Tiefe dreimal fern der Ruf des Hornes, daß unruhig meine Seele wird und mich entführen will ins Dunkel.

Nach zweien Welten, siehe, reck ich weit die Arme: heimwärts nach dem lichten Morgen meiner frühen Jugend, fernehin zum Land der Tiefe und des Abends.«

Und wie er stand, mit weitgereckten Armen, aber schweigend neben ihm der hohe Baum und regungslos das Wäldermeer zu seinen Füßen, –

Da hob sich aus den Zweigen steil empor ein Adler, kreiste trägen Schwunges um den Wipfel und entflog, mit starken Schwingen rudernd, in den Glutenhimmel, gen das Land der Tiefe.

Und als die Nacht ihr Schleiertuch mit Silbernägeln hoch am Himmel spannte, stieg herab vom Felsen 116 Hönir, wanderte von dannen durch die stillen Wälder, suchte seinen Weg zum fernen Tiefland, folgte stumm des Hornes wehem Rufen.

Und also schritt er tagelang und weilte kurze Stunden bloß im Schatten breiter Tannen, deren heimlichen Gesprächen er im Rasten lauschte, bis die Kräfte neu den jungen Körper stählten und ihn weitertrieben in die unbekannte Tiefe.

Und eines Mittags, – lichter ward der Wald und Birken säumten ihn und grüne Matten breiteten wie Teppiche sich nieder in das Tal, und Vögel sangen, –

Da traf an einem Quell er einen Wandrer, der den Stab von sich gelegt und nieder auf die Kniee sich geworfen hatte, aus dem klaren Bach zu trinken.

Und er begrüßte ihn, und ob der Wandrer gleich sein Antlitz nicht erhob, so trat er doch zu ihm und rührte seinen dunkelfaltigen Mantel, fragte nach dem Pfad ihn und nach seiner Herkunft.

Der Fremde aber, tief den Kopf geneigt, erwiderte den Gruß und sagte leis: »Ich gehe meinen Weg von Ziel zu Ziel und suche, die mich rufen.«

Und Hönir sprach: »Es klagt von einem Horn der Gruß allabendlich durch meine Wälder wie ein wegverirrtes Kind, und diesem Rufe folg ich, – welchem aber du?«

Da hob der Fremde sich vom Boden, hoch und mächtig an Gestalt, und weit umhing der schwarze Mantel seine Schultern, aber abgewandten Hauptes stand er immerdar und sprach die Worte:

»Gefährten gleichen Weges trafen sich, doch wisse, 117 Jüngling: wer mit mir das Ziel erreichen will, an meiner Seite schreitend, ist um eines Schrittes Maß zu spät gekommen.«

Auf lachte Hönir: »Dank der Warnung, weiser Greis! Und wenn dein Durst an diesem Quell gestillt, so mach dich auf und eile deines Wegs, indessen ich mich niederwerfen will, zu kühlem Trunk und wohligem Rasten, aber wisse du: noch eh uns heut zum Abendgruß das Horn erschallt, so will ich deinen schwarzen Mantel hinter mir nicht vor der Dämmrung dunklem Kleid mehr scheiden können.«

Der Fremde, zornig mit den Schultern zuckend, sprach, – und wie ein kalter Schatten lagen seine Worte auf der morgenhellen Heide –:

»Mein Mantel selber trägt die Dämmerung in seinen Falten, aber wessen Stirn von seinem Saum berührt geworden, gehret nimmermehr nach deiner Hilfe.«

Und langsam wandte nach dem Jüngling er sein Haupt und seine blinden Augen.

Zurückgeschleudert wie von harten Fäusten wich der Jüngling hinter sich vor diesen grau erloschnen Augenhöhlen, stöhnte auf und schrie: »Im Sturmgewitter sah ich einmal eine Fichte stürzen, ästesplitternd, wurzelragend, und in ihrem letzten Zittern hört ich deine Stimme! Deine Augen, die zertretnen Lichter, grausten mir entgegen aus der Wölfin, die mein Arm an einem fahlen Wintertag zu Ende würgte!«

Der greise Wandrer schüttelte den Kopf und sprach: »Du ahnest meine Kraft – und kennst nicht meine Milde. Diese Hände, siehe, will ich hilfebringend 118 breiten über eine heiße, müde Stirne, also daß des Hornes klagend Rufen nicht mehr wecken soll die Stille deiner Wälder. Komm und folge mir und lerne.«

Doch wie das Meer, dem trotzige Menschenhände feste Dämme, quadersteingefügt, entgegenbauen, wilder nur und trotziger die schaumgekrönten Wellen an die Mauern schleudert und in einer finstern Herbstnacht sie erstürmt und jauchzend niederreißt im Siege, –

So drang der Jüngling heftig auf den greisen Wandrer ein, ergriff des Blinden kalte Handgelenke, schlang um ihn die jugendstarken Arme, nieder ihn zu zwingen in die schwachen Kniee, aber wie ein Fels, wie eingegraben in die tiefe Erde, stand der Fremde, wankte nicht und starrte höhnend aus den toten Augenhöhlen.

Und alle Wut erwachte wild in Hönir: »Deiner Hilfe nicht, Gewaltiger, ruft das Horn, das mich aus meinen Wäldern führte, mich vergessen ließ die Sehnsucht nach dem Morgenlichte. Weise dich, du Erzgebauter, laß mich schauen die gestählten Glieder, daß ich meine letzte Kraft in sie verbeiße, – weg den nachtgewirkten Trauermantel!«

Und eines Griffes zerrt er ihm das weite, schwere Tuch vom Nacken, von den Schultern, und wie eine Eisenbrünne wuchtig fiel es in des Jünglings Arme, aber kraftlos nieder in die Kniee taumelte der Greis, erhob die schwachen Hände, wimmernd:

»Wer ist es, dem im Kampf ich unterlag, und wer beraubt mich meiner nie bezwungnen Stärke?«

Da warf um seine eignen Schultern Hönir den errafften Mantel, und ob auch die dunkle Last ihm auf dem 119 Nacken wuchtete, so hob er lachend dennoch seine Stirne:

»Ein Jüngling ists, der keine Eltern kennt und dessen einzig Erb ein lichter Traum aus fernsten Tagen, ein verloren Schloß im Morgensonnenlichte ragend.«

Und sich zum Greise niederbeugend, bot er hilfreich ihm die Arme dar und hob ihn von der Erde auf und sagte:

»Genug der Rast und Rede; unser wartet noch der letzte Weg, denn wisse: nimmer soll die Nacht, die schlafende, vom Ruf des Hornes mehr geweckt und ruhlos werden.«

Der Greis, an seiner Seite schreitend, müd und wie von langen Wanderungen matt, ergriff die junge Hand und ließ sich führen durch die grünen Täler, aber da sie kamen zu der Menschen Siedelungen, blieb er stehen, wandte seine toten Augen nach der Seite, wo die Hütten lagen, flüsterte und fragte:

»Erblickst du nicht am Wege dichtgedrängt des Volkes Menge, die den starken Helfer grüßen kommt und ihm die Ehre bietet?«

Der Jüngling schüttelte den Kopf und sprach: »Von keinem Dache steigt der Rauch empor und niemand steht am Wege, uns zu grüßen, sondern ausgestorben scheinen Haus und Hofplatz, ungepflügt und wüst voll Unkraut liegt die Ackerscholle, darum laß uns weiter schreiten unsern stillen Gang zur Tiefe.«

Der greise Wandrer aber, hochgereckten Hauptes, winkte grüßend mit den Händen, wie ein Herrscher grüßt der Untertanen Schar, und lauschte lächelnd 120 in die Stille, gleich als ob ihm hundertfältig Antwort wiederschallte.

Und als der Abend schon vom waldgegürteten Gebirge niederstieg ins Tal, und wo er ging, da löschte er mit leiser Hand das Licht und schloß der Blumen Augen, spannte graue Schleier aus von Baum zu Baum und baute Nebelbrücken überm silbermatten Flusse, –

Da hob im letzten Dämmerschein gewaltig sich ein Schloß, aus rotem Stein gefügt, mit wuchtig hohen Türmen, aber auf der höchsten Zinne stand der Wächter, dunkel ragend vor dem blassen Abendhimmel; seine Rechte hielt das Horn, das weiße mit den goldnen Ringen, seine Augen spähten auf und nieder durch das Tal, und seine Lippen sangen:

»O stille Nacht, die du herniedersteigst, zu breiten deine kühlen Mutterhände über diese Welt und ihre Wunden, sei uns gnädig, hebe nimmermehr dein tränenfeuchtes Angesicht von uns und laß uns ewig ruhen in dem träumelosen Schlummer, der auf unsre müden Herzen taut aus deinen dunkeln Augen.

Denn unser Auferwachen ist nur neue Qual, und jeder Morgen trägt in seinem grellen Licht das alte Stöhnen in die kampferfüllte Welt und streut aus blutigen Fäusten Jammersaaten aus zu neuer Tränenernte.

Du weißt es: unsre Schreie nahen nicht zum Ohre dessen, der die Welt gebaut in einer Unheilsstunde, – oder hat vielleicht er selber sich seit langem hingeworfen in den tiefen Schlaf, damit er sein und seines 121 Werks vergesse? Darum du, die milde unser denkst und täglich deine leisen Schritte lenkst an unser Krankenlager, weiche nimmermehr und hör der Müden Flehen!

In dieser Burg, die Stolz und Macht gefügt und Herrscherwille aufgetürmt zum Zeichen des beschützten Landes, windet sich in harten Fiebers Fesseln ein unschuldig Kind und findet nicht zum Leben noch zum Tod den schmalen Pfad, und draußen tränken Völker mit dem warmen Blut die wüsten, von des Rosses Huf zerstampften Aecker.

Und keine Hilfe naht und keine Rettung lauscht dem Rufe meines Hornes, das die Ferne aufscheucht, – darum lausche du, o milde Mutter von uns allen, meinen Worten, meiner letzten, müden Bitte: segne du das kranke Königskind, die schuldverstrickten Völker, diese blutige Erde mit dem Schlummer, der in deinen Händen ruht und welchem Traum nicht noch Erwachen folgen; lösche du auf immer Licht und Leiden, banne Fluch und Flamme, senke über uns die Ruhe deiner Augen!«

Doch als der Wächter nun das weiße Horn erhob, es weit hinauszuschleudern in den tiefen Fluß, begann es leis zu klingen, lauter dann und heftiger und ward ein Jubelsang und dröhnte voll und mächtig, wie in alten Zeiten, da der König, heimwärtskehrend aus der Schlacht, von Sieg gekrönt, es jauchzend schallen ließ durch Berg und Tal, und ward so wild sein Lied und ungestüm, daß es zerbarst und seine goldnen Ringe sprangen.

122 Der graue Wächter eilte freudezitternd nieder von dem Turm die enge Stiege, aber siehe: in den dunkeln Gängen traf er Lärm und Laufen, Fackelschein durchzuckte die Gemächer, laute Rufe schollen, wo die Stille lang gewaltet hatte und auf weichen Teppichen der hoffnungslose Schritt gedämpft verklungen war. Und in dem Saale, an der jungen Königstochter Lagerstätte, stand der fremde Jüngling, schlug zurück den Mantel von den Schultern, breitete die Arme aus und beugte sich herab zum kranken Kinde, hob den fieberheißen Leib mit seinen starken Händen aus den Linnen, hob ihn leicht empor und schloß ihn schützend eng an seine eigne Brust und sagte:

»Von meinem Leben geb ich dir; du sollst gesunden.«

Und klar und staunend öffneten der Königstochter Augen sich und schauten auf den Mann im Fellgewand und schattendunkeln Mantel, schauten auf die Krieger, die vor ihr die Kniee beugten, auf die Fackeln, die sich langsam niedersenkten, aber plötzlich schmiegte schaudernd sie ihr Antlitz in des Jünglings Hände, flüsterte und sagte:

»Noch immer steht er dort und will nicht weichen, wendet nicht von mir die toten Blicke, die mir Tag und Nacht wie stumpfe Dolche in dem Herzen wühlten.«

Da hob der Jüngling seinen Arm und hieß den greisen Wandrer gehen, aber scheu vor seinem zögernd leisen Schritte wichen alle, bis er schattenlos, mit vorgereckten Händen an der Mauer tastend, in den dunkeln Gängen, in der Nacht verschwunden.

Zu jener Stunde aber huldigten die Krieger Hönir, 123 ihrem jungen König, reichten aus der Halle ihm das Schwert, das alte, blitzende, und baten ihn, vor ihnen es zu schwingen gegen Feindesmacht und Ueberfall, die Land und Volk verwüstet und zertreten hatten. Und als der Morgen kam, – und allen schien er strahlender und reiner als ihr Aug ihn je gesehen, – da bestieg der junge Held ein ungesattelt Roß, das keinem Zügel noch gehorcht, und ritt mit seinen Mannen aus der Burg, dem Feind entgegen.

Und an dem breiten Bogenfenster stand und blickte nieder in den Hof das Königskind, und als die Reiter lang verschwunden hinterm Walde, stand es immer noch und ließ die Sonne spielen in den blassen Händen, atmete den frischen Wind und flüsterte die Worte:

»Von seinem Leben gab er mir und schenkte Sonne, Wind und alle Farben dieser Welt mir wieder, aber wehe! wann mag seine Hand nach meiner Gabe greifen?«

Und lächelnd schritt sie durch die weiten Säle, alles wieder kennend, alles wieder grüßend, und von ihren Lippen flog ein Lied, wie wenn ein Vogel fliegt aus langer Haft, so ängstlich erst und zagend, aber heller bald und lauter und hinaus mit kühnem Schwingenschlage durch das Bogenfenster in die Sonne. –

Zur selben Stunde aber scholl die Ebene von Schlachtgetöse, Schilder klirrten wuchtigen Pralles aufeinander, Schwerter kreischten, und die Pfeile flogen dicht wie Hagel auf die Eisenbrünnen, also daß die Sonne sich verdunkelte am hohen Mittag.

Und allen weit voran auf seinem Rosse sprengte Hönir 124 in der Feinde Knäuel, lauten Rufes, und sein Mantel flatterte, wie schwarze Wolken, sturmwindaufgewirbelt, vor den Bergen rasen, und sein Schwerthieb zuckte blitzend durch das Dunkel.

Und schreckgeschlagen wichen aus dem Feld die Feinde, spornten ihre Rosse zu gehetzter Flucht, und unter ihnen wütete das Schwert der Sieger, wie die Sense rastlos niedermäht im sommerhohen Korn die goldne Ernte. Und dann von ihren Klingen wischten sie das klebrigrote Blut und schauten lächelnd ihre eignen Wunden, wandten die erschöpften Rosse, ritten heimwärts auf befreiter Erde.

Im letzten Abendlichte zogen sie hinauf zum Schlosse, laute Lieder singend, preisend ihren jungen König, der im dunkeln Mantel schweigend ritt und still sie grüßte, als sie ihn geleiteten in seine ferngelegenen Gemächer. Und die ganze Nacht erklang die Burg von ihren siegesfrohen Sängen wider, doch die Königstochter, lauschend nach den Stimmen und den lauten Reden, hörte, wie die Saitenspieler von dem fremden Helden sangen, hörte hundertfältig seinen stolzen Namen rufen, aber hörte nicht, wie sehr sie lauschte, seine eigne Stimme, die ihr lichter schien als Saitenklang und Heldensage. –

Und jenem Tag des Sieges folgten hunderte des Friedens, reiche Tage, da die Saat geworfen ward von nimmermüden Händen, da die Halme lanzengleich sich auf zum Himmel reckten, da die Sense jubelnd in der silberklaren Morgenfrühe sang der Reife Lied und sich die Scheunen füllten.

125 Und wo der junge König schritt in seinen Landen, wiesen stolze Männer ihm die neugebauten Höfe, hoben ihm entgegen frohe Mütter ihre kleinen Kinder, baten ihn, zu legen seine Hände über der Unmündigen Häupter.

Die Königstochter, wenn ihr Kunde ward von seinem segenreichen Wirken, lächelte mit ihrem Munde, aber tief im Herzen seufzte sie und hätte gerne sich an seinem Wege hingestellt, inmitten des geringsten Volkes, um von ihm ein Wort, ein einziges, vielleicht zu hören.

Und still in ihrer Kammer, wenn die Nacht mit leisem Finger an die Fenster pochte, weinte sie und flüsterte: »Warum zum Leben hast du wieder mich erweckt, so es nur war, mir diese Qual zu schenken? Jeder, dem du wohlgetan und der vor allem Volk und laut nun deinen Namen rufen darf, – mit Freude bringt er dir, was wertvoll ihm und deiner würdig scheinet, aber ich auf meinen schwachen Händen reiche Tag um Tag dir hin mein eigen Leben, und du siehst es nicht und schreitest still vorüber, stiller als die Nacht, die vor den Mauern meinen Klagen einzig lauschet.« –

Im Rausch des Herbstes glühten, Freudenfeuern gleich, die Wälder, aber harten Fußes löschte sie der Winter, zerrte aus den schwanken Aesten die zerfetzten, farbenfrohen Wimpel, schlug das Land in eisige, starre Fesseln.

Und eine Seuche warf sich wütend übers Volk, gefräßig schleichend wie ein Untier durch das kalte 126 Dunkel, also daß die Häuser hallten vom Gestöhn der Kranken, – aber siehe: keiner starb, so sehr auch alle litten.

Der junge König ritt allein von Haus zu Haus, und war kein Lager ihm zu dürftig, keine Tür zu nieder, ihm kein Pfad, vom Schnee verschüttet, je zu mühsam, – ungerufen trat er an die Krankenstätte, atmete die giftverseuchte Luft und legte seine Hände auf der Siechen Körper. Doch wo unter seinen Augen neues Hoffen zag erstarkte, ward ihm neue Trauerkunde, riß ihn ruhelos an andre Stätten, und sobald von seinem Rosse der Genesende nicht mehr vernahm den raschen Hufschlag, sank er seufzend wiederum zurück und barg sich wimmernd in dem heißen Arm der Seuche. Und auch zur Königstochter trat der fremde Gast und nahm sie leise bei der Hand, und willig wie ein Kind gehorchte sie, vom langen, hoffnungslosen Widerstand ermüdet, aber als an einem Abend Hönir heimwärts kehrte und vernahm die neue Botschaft, sank er nieder auf die Erde, grub das Haupt in seine Hände, weinend über seines Willens tiefe Ohnmacht.

Und graue Tage schritten manche durch das Land und schauten stumm hinauf zum roten Schloß und schwanden wieder in die Wälder, sich zu bergen vor der sternelosen Nacht, und keiner sah den jungen König, keiner hörte seine Stimme mehr im hohen Saale klingen. Aber draußen, auf verschneiten Pfaden, wandelte ein blinder, schwacher Greis und ging von Haus zu Haus und bat um eine Gabe.

Und wo sein Stab an eine Türe pochte, fand er Not 127 und Kümmernis, und wo er dankend sich entfernte, sprach er zaudernd:

»Warum, wenn euch der fremde Jüngling einmal helfen konnte, kann ers nimmer jetzt und läßt euch also leiden? Hört ich nicht erzählen, daß, wer seines Mantels Saum berührt, von aller Qual gesunde? Aber diesen, denk ich, trägt er nimmermehr und hat ihn wohl verborgen oder gar vernichtet.«

Und eines Morgens, – träge sickerte das dumpfe Licht hernieder aus den schweren, schneebeladnen Wolken, – siehe, welch ein dunkler Zug bewegt sich langsam auf der weißen Straße hin zum Schlosse, drängt sich breit und schiebend durch das Tor, erfüllt den stillen Hof und nun die hohen Gänge? Sind es Krieger, ihrem Könige Gruß zu bieten, sind es tatenfrohe Männer, die dem Helden rufen, sie zu führen in die unbekannte Ferne unter seinem sieggewohnten Schwerte?

Gebeugte sind es, schwache Greise, die an Stäben tasten, welke Frauen, die auf müden Armen fieberkranke Kinder tragen, blasse Knaben, schmerzgequälte Männer führend, und dem König bringen sie nicht Gruß und Ehre, – bringen ihm ihr stöhnend Leid und ihres Unglücks Fülle.

Und auf den Helden schauten tausend gramgehöhlte Augen, ihm entgegen reckten tausend Arme zitternd sich, und wie ein Meer umwogt ihn heiß der Seuche Atem, brandete an ihm empor die wilde Gier nach Hilfe.

Er aber, hoch und mächtig, neigte nur sein Haupt 128 und barg es in den mitternächtigen Falten seines weiten Mantels.

Ein geller Schrei: »Er trägt den Mantel, wie am ersten Tag!« – und näher wälzte sich die Flut an seine Füße, heiße Hände griffen flehend nach dem wallenden Gewande, und er wich erschrocken einen Schritt zurück, die Falten raffend.

Da tat sich unter ihnen eine schmale Gasse auf, und siehe: aus der siechen Leiber enggedrängter Schar, mit schwanken Schritten, wie im Traume wandelnd, trat die kranke Königstochter, und ob ihre Stirne auch vom gleichen Leid gezeichnet wie der andern Stirnen, war ihr Auge ruhig doch und schaute ohne Beben, sondern wie in tiefem Glücke lächelnd auf den jungen König.

Und ihre Lippen sprachen: »Der du aus der Ferne deinen Schritt zu uns gelenkt und unser Retter wurdest, sei bedankt dafür, du schenktest uns das Leben. Aber nun, du unbekannter Mächtiger, begehren wir ein Neues, Größeres von dir; erzittre nicht und schenke uns den Tod und sei gepriesen!«

Und nieder sank sie, daß die zarten Kniee auf den steinern harten Boden schlugen, faßte mit den beiden weißen Händen nach dem Saum des dunkeln Mantels, hob ihn leise, aufwärts schauend in des Helden Antlitz, bis ihr hüllend das Gewand bedeckte Stirn und Augen.

Und breitete die Arme aus und lag wie eine frischgebrochene Blume auf den kalten, harten Fliesen.

Da, jäh sich niederbeugend nach dem toten, blassen 129 Leibe, schleuderte von seinen Schultern Hönir das Gewand, und siehe: hinter ihm, gewaltig, stand der blinde Greis und warf mit weitem Schwung um seinen eignen Nacken stolz den Mantel wieder, hob die hagern Arme, reckte grüßend seine Hände nach dem stummen Volke:

»Zu mir, zu mir, die ihr nach Ruhe schreit und nimmer auf den wunden Schultern schleppen könnt des Lebens Bürde!

Doch du, dem dieses Mantels Last zu schwer geworden, weiche, denn auf deine Stirne senkt er kein Vergessen nieder, kehre wieder in die stillen Wälder, suche du den Weg nach deinem Vatererbe, deinem Traum aus fernen Kindheitstagen, bringe Kunde denen, die im Schloß des Morgenlichtes hausen, bringe Kunde ihnen von der Menschen Schicksal, das auch du zu lösen allzu schwach gewesen, bringe Kunde jenem, der die Welt geschaffen, Trauerkunde aus dem Land der Tiefe!«

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