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Balder

Hugo Marti: Balder - Kapitel 12
Quellenangabe
typelegend
authorHugo Marti
year1923
firstpub1923
publisherRhein-Verlag
addressBasel / Leipzig
titleBalder
pages159
created20080818
sendergerd.bouillon@t-online.de
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94 Widas und sein Weggenosse

Zur Stunde, da der Tag verhüllten Angesichtes naht und mit gebeugtem Nacken schreitet vor den Richterstuhl der Ewigkeit, zu lauschen auf den Spruch, der seinem Werke wartet, –

Da grüßte licht ein hehrer Traum die Seele, die da wohnte in des jungen Königs Brust, und dieses war das Bild, das Widar staunend in der wolkenschwarzen Nacht erblickte:

Ein Kleinod spielte in der Farben siebenfältigem Glanz, und wessen Blick sich wusch in seinem Flammenspringquell, dessen Herz gesundete von allem Leid und Schmerz, und wie die Saiten eines Harfenspieles klangen wohlgestimmt die tatgesegneten und erntereichen Tage seines Lebens.

Und lange Zeit verweilte wortelos der König, ließ sein Auge weilen auf dem strahlenhellen Bild und seine hohe Seele sich erlaben an dem Traume.

Und horch, da sang sein Schwert und flüsterte und lockte:

»Wohlan, und willst du nicht erstreiten dieses Kleinod, das da ruhet in des Berges Tiefe, dort, wo es ein Glücklicher versenkt vor seinem Tode und wo ewige Dunkelheit verbirgt des Lebens schauriges Geheimnis?«

Da wurde hart des Königs Angesicht, und bebend griff die Faust des Schwertes Knauf, und seine Augen brannten.

95 Und wieder sang die Waffe, aber klingender und lauter: »Auf, ein blankes Herz und eine blanke Wehre, – welcher möchte wohl und wagte dir zu widerstehen?«

Und jubelnd sang das Schwert, und wie ein Glockenläuten scholl es durch die tiefe, tote Nacht: »Erlösung ist erwacht dem Leben dieser Welt, und alles Weh und Leiden soll gesunden in des Kleinods Strahlensegen.«

Da stürzte nieder auf die Kniee Widar und verhüllte im Gebete mit den Händen Stirn und Augen. Aber herrlich stieg empor die Morgensonne, scheuchte in die Schluchten all die Schatten, ließ die Nebel branden am Gebirge und die Welt erglühen in der lichten Schönheit eines Maienmorgens.

Und Widar schritt hinüber zum Gemache seiner Braut und Freundin, küßte ihr die Augen beide und begann zu künden ihr das nächtliche Gesicht und seines Traumes Bildnis.

Die Königin erbleichte, doch in ihren Augen flammte Stolz, und wortelos von seiner Seite hob zu ihren Lippen sie empor das blanke Schwert und küßte seinen Glanz, und eine Träne funkelte im Morgenlichte auf der Klinge.

Und da sie ihm die Waffe reichte, sprach sie frohen Mundes diesen Segen:

»So will dein Leben jetzt aus meinen Händen gleiten, und das meine Liebe schmückte, soll die Tat nun krönen. Horche, wie die Lande seufzen, lausche, wie der Menschen Sehnsucht singet von dem wunderbaren Kleinod, das da ruhet tief verborgen in dem 96 dunkeln Berge! Auf, vergiß der Braut und Freundin und gedenke deines hohen Werkes!«

Und also ritt der junge König aus dem Schloß, mit wundem, schwerem Herzen, stumm gebeugt dem Schicksal derer, die sich Feinde züchten aus der Gegenwart und Hasser aus den Tagen, die versunken, um zu jagen nach der Krone einer fernen, unbekannten Zukunft. Aber hell an seiner Seite sang das Schwert und wies ihm jauchzend seines Weges Richtung.

Und viele Tage zogen still mit ihm und wanderten denselben Pfad, den seine Schritte gingen, aber müde wichen sie von ihm, sobald die Nacht herniedersank, und legten sich zum Schlafe hin, dieweil er rastlos weiterstrebte durch die Lande, unbekannt und einsam, nicht nach Ruhe dürstend, sondern nach der Tat, und spannend alle seine Kräfte zu dem einen Wurfe nach dem einzigen Ziele.

Und rauher ward das Land, und finster standen die gewaltigen Wälder, und von grauen Bergen tosten wilde Wasser durch die Schluchten.

Und eines Abends sah er, da der Tag sich neigte und die Welt erblich, auf steilem Felsen eine Burg im Sonnengolde flammen, und das blanke Schwert in seiner Rechten zuckte auf und jauchzte: »Sieg! An diesem Orte werden wir es finden und erstreiten!«

Und als der König auf der breiten Straße ritt empor zum Schlosse, – siehe da: ein Spielmann wanderte vor ihm und grüßte noch im Lied die letzten Sonnenstrahlen.

Da hub der König an und fragte ihn nach seinem Weg und Ziele.

97 Der Spielmann lächelte und beugte tief den Kopf und sprach mit leiser Stimme:

»Von einem Kleinod sang mir meine Geige, das da liegt verborgen in des Berges Tiefe, dessen Kräfte Segen wirken jedem, der es mag erschauen, also daß ich hege die geheime Hoffnung, meiner Geige Lieder möchten es erlösen und den Menschen schenken.«

Der König sann den Worten nach und schwieg, und über einer Weile sprach er lächelnd:

»Gefährten sind wir also auf dem gleichen Pfade.«

Da neigte tiefer noch der Spielmann sein Gesicht und wandte sich zur Seite, doch der König ritt hinein durchs Tor und in den weiten, stillen Burghof.

Und harrend auf die Schar der Diener, lauschte er dem Rauschen eines fernen Brunnens, aber siehe, niemand öffnete vor ihm die Türe, sondern leise Dämmerung umwallte flüsternd nur die Türme und die Hallen.

Da stieg der junge König still hinan die breite Treppe, öffnete die schwere Eisentür und wanderte entlang den Gängen, dämpfend seine Schritte, bis er fand in einem Saale einen Greis, von Alter müd und hoch an Jahren.

Und dieser hieß ihn froh willkommen, fragte ihn nach Wohl und Weh des Weltenwandels und dem Grunde seiner eignen Herkunft.

Und als der junge König alles ihm erzählt, von seinem Traum und seinem Ritt und seiner Hoffnung, hob der Greis das Haupt mit seinen klaren Augen und begann und sprach die Worte:

»Schon viele sind gekommen, siegessicher oder eigner 98 Kraft vertrauend samt dem blanken Schwerte, zu erlösen jenen Schatz, von dem die Menschen träumen in den einsam stillen Nächten, aber keinen sah ich wiederkehren aus dem tiefen Berge, der da birgt des Lebens schauriges Geheimnis.

Doch siehe, also rein erblickt ich nie ein Schwert wie deines, das da funkelt durch den Abendschatten gleich dem Blitz im Wolkenheere, – drum, vielleicht, so mag es dir gelingen, was den andern nicht gelang, und eine Welt mag deinen Namen dankend preisen.«

Und also sprach der Greis, und wie er schwieg, so nahte leise seine blasse Tochter, aber alles Blut erstarrte in des Königs Herzen, als er blickte in die mitternächtigen Augen und aus ihrer Hand empfing den Becher, den sie ihm zum Gruße bot mit stummen Lippen.

Da raunte unmutvoll das Schwert an seiner Seite, und der Becher rollte klirrend auf den harten Fliesenboden.

Die Jungfrau aber lächelte, und ihre Augen spotteten des Schmerzes, der da rang im jungen König und ihn zwang, zu meiden ihren Blick und ihres Mundes stumme Frage.

Und finster sank die Nacht und lauter rauschten alle Ströme und die Wolken hingen in die Täler, –

Da schlang die Jungfrau ihre Arme um des jungen Königs Nacken, flüsterte und fragte:

»So mag ich folgen deinen Spuren in die Welt hinaus, und nimmer muß ich dich verlassen?« –

Und langsam graute schon der Morgen überm Berge, 99 und die ersten Strahlen zuckten in die Finsternis der Nacht und mußten stumm verbluten, –

Da hob empor die Jungfrau von der Lagerstatt das blanke Schwert des jungen Königs, lachte auf und f ragte:

»Was liegt die Waffe zwischen uns und unsrer Liebe, gleich dem Eisenriegel, der die Kerkerpforte schließet vor der weiten, lichten Freiheit?«

Da klang, wie Heimatgruß aus weiter Ferne, durch die stille Morgenfrühe ein Gesang, und aus dem dunkeln Burghof schwangen sich des Spielmanns Lieder durch die breiten Fenster, also daß der junge König lauschen mußte, lauschen, wie man lauscht den Weisen, die erklingen aus der Kindheit Tagen durch den öden Lärm des wechselreichen Lebens, – und sein Herz erwachte, riß sich blutend los und sprengte Band und Fessel, die geschlungen mit so weichen Händen jene blasse Jungfrau.

Und was der Spielmann sang zur Morgenstunde, da die Sonne sich erhob und rang mit schweren Schatten, dieses war das tiefe Lied der überreichen Liebe, die da liebet nicht des Leibes Tempel, doch das Götterbild im Menschen, die da dürstet, Opfer darzubringen und hinabzutauchen in des andern Tiefe und zu nähren mit der eignen Glut des andern ewig Feuer.

Der junge König, hochgereckt die starken Arme, grüßte laut das Morgenlicht und jauchzte ihm entgegen:

»Bezwungen ist die dumpfe, tote Nacht, und vor dem Lichte weichen ihre Schatten. Sonnenhelle füllt die weiten Lande und die unermessene, blaue Ferne.

100 Hab Dank für dein beseeltes Lied, mein Spielmann, du mein treuer Weggenosse, das mir wiederschenkte, was die Nacht mir raubte, – meinen Traum und meine Tat und meine Hoffnung!«

Doch bebend griff nach seinem weitgereckten Arm die Jungfrau, und in ihren Augen glomm es, wie die Feuersbrunst im Forste durch die schwarzen Stämme lodert oder wie ein letztes Mal im umgestürzten Leuchter schlägt empor die Flamme, ihren Widerglanz in tausend Scherben spiegelnd.

Und ihre Lippen flüsterten: »Was gehrest du nach jenem Horte, der da ruht im tiefen Berg und den kein Aug erschaute? Siehe, mich hast du errungen ohne deines Schwertes Hilfe, ohne deines Lebens Opfer, ich bin Kleinod dir und Hort und reiche Zierde.«

Doch traurig schüttelte sein Haupt der junge König, griff nach seinem Schwert in ihren Händen.

Da lachte gell sie auf und sah ihr Antlitz in dem blanken Stahl, und ihre Lippen schrien:

»So willst du meiden dieses Angesicht? Wohlan, es blicke ewig dir entgegen aus dem Glanze dieser Waffe, die ich hasse, hasse, – nimmer soll es schwinden von dem Spiegel dieser Wehre, bis ihn reingewaschen eine Liebe, die dich tiefer liebt als ich und glühender denn meine Liebe.«

Und warf das Schwert vor seine Füße, daß es klang, und wie ers von der Erde hob, so grüßte ihn daraus ihr Antlitz, brannten ihm entgegen ihre Glutenaugen. Da schritt er aus dem Schlosse, streng und ohne seinen Blick zurückzuwenden, wie gezwungen unter eines 101 harten Herren Dienste, beugend seine Stirn dem starren Reif des Schicksals.

Der Spielmann aber führte ihn auf Dämmerpfaden durch den dunkeln Forst hinan zu einer schmalen, hohen Schlucht, aus deren Rachen tosend jeden Morgen sprang die klare, reine Flut des Lebens, um zu nähren alle Lande, alle Wesen dieser Erde, aber trübe strömte wiederum der Fluß zurück am Abend in den Schoß des Berges, neue Kräfte zu gewinnen aus dem ewigen Dunkel.

Der junge König, gischtumsprüht und sturmumbrandet, starrte in die Felsenschlucht und lauschte auf den brausenden und vielgestimmten Sang, der aus den Hallen ihm entgegenscholl, und zu dem Spielmann sprach er diese Worte:

»Wenn ich die Tat vollbringen darf und wiederkehren mag aus diesem Schattenreich, gesegnet mit des Kleinods Heil und Glanze, – dir verdank ich es und deinem zaubermächtigen Saitenspiele, das da sang von meinem hehren Traum und meinem stolzen Werke, das mir weckte die gebundne Seele und mit Kräften stählte meinen Arm, der schwach geworden.

Drum laß mich blicken tief in deine Augen, daß ich nimmer sie vergesse all mein Leben, sondern wieder sie erkenne, wo es immer sei, zu danken dir und deinem Wächtersange.«

Der Spielmann aber wandte seine Blicke, schüttelte die Locken, lächelte und sagte:

»Mein eigen, armes Saitenspiel vermochte nimmer mir zu heben aus dem Dunkel jenes Kleinod, aber wenn 102 damit ich weckte eines Helden Tatenfreude, mag es mir genügen, und für Dank und Segen will ich diese Hoffnung nehmen, daß du wieder schreitest aus der Felsenschlucht, das Kleinod, funkelstrahlend, vor dir tragend.«

Da faßte rasch der junge König nach des Spielmanns Händen, – aber heftig stieß er wieder sie zurück und starrte traumversunken auf die zarten, weißen Finger, auf die schlanken Handgelenke.

Und sagte leis, dieweil sein Auge in der Ferne weilte:

»Und so es mag geschehen, daß ich nimmermehr entsteige diesem finstern Grabe, dann entbiete meine letzten Grüße an die ferne, stolze Herrin, deren Bild mir gegenwärtig durch den Anblick deiner weißen Hände, deiner zarten Spielmannsfinger, nicht geschaffen, blitzend Schwert zu schwingen, aber zaubermächtig, Lieder zu erwecken auf den Silbersaiten und die Seele lichte Pfade zu geleiten. Solches magst du ihr verkünden, wenn dein Wanderweg dich führt an ihre Stätte: schwer und herrlich ists, zum Helden sich in Gluten schmieden lassen, schwerer noch und herrlicher, als eines Helden Freundin seinem dunkeln Pfad ins Licht zu folgen.«

Und eines Sprunges stürmt er an und schritt gewaltigen Ganges in die hohe, dunkle, sangdurchbrauste Felsenhöhle, und von seines Schwertes Zucken blitzten auf die schwarzen, nassen Wände, funkelten im Regenbogenglanz die Wasserschleier und die Wellenbrücken.

Der Spielmann aber, überschallend mit der eignen, 103 glückdurchjauchzten Stimme all das Brausen des gewaltigen Stromes, gleich dem Abendglockenläuten, das sich schwinget aus der lauten Stadt empor und über Markt und Häuser in den lichten, unbegrenzten Himmel, sang ihm diesen Wandergruß und Kampfessegen:

»Verkünden will ich alle Stunden meines reichen Lebens deiner stolzen Freundin, was du mir vertraut, und ewig wird sie deiner denken und der Worte, die du ihr geschenkt zum letzten Gruße!«

Und angestrengten Ohres lauschend nach der Höhle, spähend mit den Augen in die finstre Schlucht, verharrte stundenlang der blasse Spielmann, bis des Stromes Wellen ruhig wurden und versiegten um des Mittags Wendezeit und wieder rückwärts sich ergossen in den Schoß des Berges, als der Abend leise durch den finstern Wald empor zum Himmelsjoche wallte.

Und bald wie Schlachtgesang und blanker Schwerter Jauchzen klang es aus dem Schattenreiche, bald wie wunder Streiter Aechzen, bis am Abend gänzlich jeder Laut verstummte und die Stille ihre schauervolle Weise klagte.

Und lange irrte durch die Welt die Nacht mit Seufzen und mit Weinen, barg sich in den Klüften und im Tannenforste, bis der junge Tag mit goldgeglühten Pfeilen sie verjagte und im Siegessturm empor am Himmelsbogen fuhr das stolze Viergespann der Morgensonne.

Und siehe, in den Wellen, die da schossen aus der dunkeln Schlucht, ein Funkeln und ein Blitzen, und im 104 Strudelkreis der Wogentänze tauchte auf das Schwert des jungen Königs.

Und wie der Spielmann bangen Herzens nach der Waffe griff und prüfend sie zur Höhe schwang im Sonnenlichte, –

Da höhnte aus dem Spiegel ihm entgegen der verschmähten Jungfrau Antlitz, wie sies eingelacht dem blanken Erze und gefestigt mit dem Spruche ihrer heißen Liebe.

Der Spielmann aber, von sich werfend seine bunte Tracht, – und sieh: des Helden Freundin wars, die ihm gefolgt auf seiner Spur, – und aus den reinen Augen nach der Sonne betend, schwur beim keuschen Lichte:

»Erlöschen soll das Bild und makellos erglänzen dieses Schwert, auf daß es tauge zu der höchsten Tat, durch meines Blutes Sühne.«

Und tauchte tief ins Herz die Waffe, neu dem Werk sie weihend, sank zur Erde in den weichen Rasen nieder, und die Wellen trugen sanften Schwunges wiederum zurück zur Abendstunde das entsühnte Schwert dem jungen König.

Und neu erscholl das Kampfgetos, und hell erklang der Waffe Sang, wie Glockenlied im Sturmgeheul, wenn schwarz die Wolken vor den Bergen jagen.

Und als der Morgen nahte und die tiefe Stunde sich erfüllte, da das Licht geboren wird, da trat hervor aus seiner Gruft der Held, gebleichten Haares und mit müden Schritten, aber tragend in den Händen, funkelstrahlend, das erstrittene, geweihte Kleinod.

105 Und lange küßte er der toten Freundin bleichen Mund und schuf ihr eine stille Lagerstätte unter dem Geflüster windbewegter Wipfelkronen, stellte ihr zu Häupten das geweihte Kleinod, dessen Glanz erstrahlte lichter denn der Sonne Segen, betete gebeugten Hauptes, bis der Abend nahte, dann, wie wer gelöst des Lebens tiefste Frage und erschlossen seine letzte Fessel, schritt er leis von dannen, durch die Wälder, wurde nimmermehr gesehen.

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