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Autobiographisches und Theoretisches

÷dŲn von HorvŠth: Autobiographisches und Theoretisches - Kapitel 11
Quellenangabe
typeessay
author÷dŲn von HorvŠth
booktitleSportmšrchen, andere Prosa und Verse
titleAutobiographisches und Theoretisches
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
printrunErste Auflage
isbn351837561X
year1988
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081606
projectidc2e35971
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[Wenn sich jemand bei mir erkundigt ...]

Wenn sich jemand bei mir erkundigt, ob ich ein Deutscher bin, so kann ich ihm darauf nur antworten: ich fühle mich als ein Individuum, das sich unbedingt zum deutschen Kulturkreis zählt – – also bin ich sozusagen Deutscher.

Warum ich mich zum deutschen Kulturkreis gehörend betrachte, liegt wohl vor allem daran, daß meine Muttersprache die deutsche ist. Und dies dürfte meiner Meinung nach der ausschlaggebende Grund sein – dann folgt erst die Tatsache, daß ich entscheidende Entwicklungsjahre in Deutschland, und zwar in Südbayern und in Österreich verlebt habe.

Mein Name ist zwar rein ungarisch – – und ich habe auch ungarisches Blut in mir, auch tschechisches und kroatisches – – ich bin also eine typische österreich-ungarische Mischung. Und soweit ich das beurteilen kann, Anwesende natürlich immer ausgenommen, und zwar jetzt in diesem Falle ich höchstpersönlich sind die Produkte derartiger Rassenmischungen nicht gerade die Schlechtesten. Ich verweise nur auf einen der echtesten und größten Repräsentanten deutschen Wesens, nämlich auf den Kunstmaler Albrecht Dürer aus Nürnberg, der ja auch ein halber Ungar gewesen ist – – sein Vater bekanntlich hieß ja noch Ajtosi, was zu deutsch soviel heißt, wie Türer. Ajto heißt Türe.

Um aber jetzt noch etwas betonen zu können, muß ich von diesen historischen Höhen wieder auf meine derzeit lebende Person herabsteigen – – ich möchte nämlich nur folgendes noch betonen: immer wieder lese ich in Artikeln, daß ich ein ungarischer Schriftsteller bin. Das ist natürlich grundfalsch. Ich habe noch nie in meinem Leben – – außer in der Schule – – irgendetwas ungarisch geschrieben, sondern immer nur deutsch. Ich bin also ein deutscher Schriftsteller, wenn das auch einigen Herrschaften unangenehm zu sein scheint.

Sie fragen mich, wo ich geboren bin und wo ich aufgewachsen bin – Wenn Sie sich also unbedingt mit einem Teile meines privaten Lebens beschäftigen wollen, so gebe ich Ihnen gerne Auskunft. Ich bin ja gar nicht so. Also: geboren bin ich in Fiume am adriatischen Meer, und zwar vor dreißig Jahren. Von meinem ersten bis zu meinem fünften Lebensjahr gedieh ich sichtlich in Belgrad. Dann kam ich in die Volksschule, und zwar in Budapest. Hier war ich auch in der Mittelschule tätig, so bis zu meinem dreizehnten Lebensjahre – dann kam ich nach München, zuerst ins Wilhelmsgymnasium, dann in das Realgymnasium. Dann war ich zwei Jahre lang in Preßburg, ein Jahr wieder in Budapest und das letzte Jahr in Wien.

Während meiner münchner Schulzeit brach der Weltkrieg aus. Wenn ich heute daran zurückdenke, so muß ich wohl sagen, daß ich heute das Gefühl habe, als könnte ich mich an die Zeit vor dem Weltkrieg nicht mehr erinnern. Ich muß mich schon ziemlich anstrengen, damit mir etwas aus dieser Friedenszeit wiedereinfällt – und ich glaube so ähnlich wird es wohl allen meinen Altersgenossen gehen. Der Weltkrieg verdunkelte unsere Jugend und wir haben wohl kaum Kindheitserinnerungen. Schließlich ist ja so ein Weltkrieg auch nichts alltägliches.

Ganz am Anfang gefiel uns Buben der Weltkrieg ganz ausgezeichnet. Wir hatten viele schulfreie Tage, und es gab immer wieder eine Sensation – deren fürchterliche Ursachen und Auswirkungen wir damals natürlich weder erfassen konnten noch sollten. Wir waren alle sehr begeistert und es tat uns außerordentlich leid, daß wir nicht um fünf bis sechs Jahre älter waren – dann hätten wir nämlich sofort hinauskönnen in das Feld. Natürlich spielte bei dieser Begeisterung auch der Gedanke an ein Zeugnis ohne Prüfungen eine nicht zu unterschätzende Rolle. – Aber ich denke, wir wollen nun über diese grauenvollen Jahre, 1914-1918, nicht weiter reden – es ist ja allgemein bekannt, welch herrliche Zeiten uns der Weltkrieg beschert hat. Reden wir doch lieber über die schönen Künste, fragen Sie mich doch bitte mal, wieso ich Schriftsteller geworden bin – das ist nämlich eine lustige Angelegenheit.

Also: 1920 lernte ich hier in München in einer Gesellschaft den Komponisten Siegfried Kallenberg kennen. Ich besuchte damals die Universität und hatte, wie man so zu sagen pflegt, Interesse an der Kunst. Hatte mich selber aber in keiner Weise noch irgendwie künstlerisch betätigt – höchstens, daß ich mich mit dem Gedanken beschäftigt habe, Du könntest doch eigentlich Schriftsteller werden, Du gehst doch zum Beispiel gern ins Theater, hast bereits allerhand erlebt, widersprichst gern und oft, und manchmal hast Du doch so einen eigentümlichen Drang in Dir, auch etwas zu schreiben – – ein Theaterstück zum Beispiel, oder eine Novelle oder gar einen Roman – und dann weißt Du es doch auch, daß Du nie Konzessionen machen darfst und daß es Dir eigentlich gleichgültig ist, was die Leut über Dich reden – – Pathetische Naturen fassen all diese Erkenntnisse unter dem schönen Namen »dichterische Mission« zusammen.

Nun, um also auf meinen Freund Kallenberg zurückzukommen: Kallenberg wandte sich an jenem Abend plötzlich an mich mit der Frage: »Wollen Sie mir eine Pantomime schreiben?« Ich war natürlich ziemlich verdutzt, weil ich es mir garnicht vorstellen konnte, wieso er mit diesem Anliegen ausgerechnet an mich herantritt – ich war doch gar kein Schriftsteller und hatte noch nie in meinem Leben irgendetwas geschrieben. Er muß mich verwechseln, dachte ich mir – und ursprünglich wollte ich ihn auch aufklären. Dann aber durchzuckte mich blitzschnell (wie man so sagt) der Gedanke, warum sollst Du es denn nicht einmal probieren, eine Pantomime zu schreiben? Ich sagte Kallenberg: Ja – setzte mich hin und schrieb die Pantomime. Die wurde dann später auch aufgeführt. Die erste Kritik, die ich über mein dichterisches Schaffen erhalten habe, begann mit folgenden Worten:

»Es ist eine Schmach – – usw«.

Aber ich nahm mir das nicht sehr zu Herzen, sondern fing nun an, draufloszuschreiben. Natürlich versuchte ich es noch mit allerhand mehr oder minder bürgerlichen Berufen, aber es wurde nichts daraus – anscheinend war ich zum Schriftsteller geboren.

Mein erstes Stück heißt »Die Bergbahn«. Das Stück hat zum Inhalt den Kampf zwischen Kapital und Arbeitskraft, mit besonderer Berücksichtigung der Stellung der sogenannten Intelligenz im Produktionsprozeß. Es wurde im Herbst 1927 in Hamburg, an den dortigen Kammerspielen uraufgeführt – – erst 1929 im Januar in Berlin, an der Volksbühne.

Ich bezeichnete die »Bergbahn« (wie auch dann alle meine folgenden Stücke) als ein Volksstück. Die Bezeichnung »Volksstück« war bis dahin in der modernen dramatischen Produktion nicht gebräuchlich. Natürlich gebrauchte ich diese Bezeichnung nicht willkürlich, das heißt: nicht einfach nur deshalb, weil das Stück ein bayerisches Dialektstück ist, sondern weil mir so etwas Ähnliches, wie Fortsetzung des alten Volksstückes, das für uns junge Menschen mehr oder minder natürlich auch nur noch einen historischen Wert bedeutet. Denn die Gestalten dieser Volksstücke, also die Träger der Handlung, haben sich doch bekanntlich in den letzten zwei Jahrzehnten ganz unglaublich verändert. Sie werden mir nun vielleicht entgegnen, daß die sogenannten ewig-menschlichen Probleme des guten alten Volksstückes, auch heute noch die Menschen bewegen. Gewiß bewegen sie sie, aber anders. Es gibt eine ganze Anzahl ewig-menschlicher Probleme, über die unsere Großeltern geweint haben, und über die wir heute lachen, und umgekehrt.

Will man also das alte Volksstück heute fortsetzen, so wird man natürlich heutige Menschen aus dem Volke (wie der schöne feudale Ausdruck lautet) auf die Bühne bringen – – also: Kleinbürger und Proletarier. Ich übergehe hier absichtlich den Bauernstand, denn auch der Bauernstand zerfällt ja in Kleinbürger und Proletarier.

Also: zu einem heutigen Volksstück gehören heutige Menschen – – und mit dieser Feststellung gelangt man zu einem interessanten Resultat: nämlich, will man als Autor wahrhaft gestalten, so kann man an der völligen Zersetzung der Volksstücksprache durch den Bildungsjargon nicht vorübergehen. Der Bildungsjargon (und seine Ursache) fordert aber zu Kritik heraus – – und so muß der Dialog des neuen Volksstückes zu einer Synthese von Ernst und Ironie werden.

Aus dieser Erkenntnis zog ich die Konsequenz – – ich schrieb bisher vier Volksstücke – – besagte »Bergbahn«, dann ein Stück aus der Inflationszeit, dann »Italienische Nacht« und »Geschichten aus dem Wiener Wald«. Mit vollem Bewußtsein zerstörte ich das alte Volksstück, formal und ethisch – – und versuchte als dramatischer Chronist mehr die neue Form des Volksstückes zu finden. Diese neue Form dürfte weniger dramatisch sein – – sie ist mehr schildernd. Sie knüpft mehr an die Tradition der Volkssänger und Volkskomiker an, als an die Autoren der früheren Volksstücke.

Bei den Kritikern und dem Publikum lösten meine Stücke bisher immer eine ziemliche Erregung aus – (so konnte die »Italienische Nacht« in Berlin nur unter Polizeischutz uraufgeführt werden) – – Diese Erregung ist mir persönlich ziemlich schleierhaft. Man wirft mir oft vor, ich sei zu derb, zu ekelhaft, zu unheimlich, zu zynisch und was es dergleichen noch an schönen Wörtern gibt – – man übersieht aber dabei, daß ich doch kein anderes Bestreben habe, als die Welt so zu schildern, wie sie leider ist. Daß auf der Welt das gute Prinzip den Ton angibt, wird man doch wohl kaum beweisen können. Behaupten schon.

Der Widerwille eines Teiles des Publikums gegen meine Stücke beruht wohl darauf, daß dieser Teil sich in den Personen auf der Bühne selbst erkennt. Und zwar nicht als festumrissener Typus, sondern in ihrem mehr oder minder bewußten privaten alltäglichen Gefühlsleben.

Zu Satire und Karikatur stehe ich sehr positiv – nur die Parodie, die lehne ich radikal ab. Parodie dürfte wohl das billigste sein.

Man spricht heutzutage viel über den Untergang des Theaters – – und natürlich geht es den Theatern wirtschaftlich miserabel. Aber wem geht es heutzutage nicht wirtschaftlich miserabel? Es ist schon möglich, daß alle Theater zugrunde gehen – – aber dann werden eben Vereine und Liebhaberbühnen weiterspielen. Das Theater als Kunstform kann nicht untergehen – – aus dem einfachen Grunde, weil die Menschen (sofern sie es sich nur einigermaßen materiell leisten können) das Theater brauchen. (Theater oder Kino ist jetzt für mich das gleiche – – ich sage nun kurz nur: Theater.) Das Theater ist nämlich diejenige Kunstform, die am stärksten für das Publikum phantasiert. Phantasie ist ein Ventil für asoziale Regungen – das Theater nimmt dem Zuschauer das Phantasieren-müssen ab, es phantasiert für ihn – und gleichzeitig erlebt es auch der Zuschauer die Produkte dieser Phantasie. Er lebt mit, das heißt vor allem: er begeht alle Schandtaten, die auf der Bühne vor sich gehen – und verläßt dann das Theater als ein kleinerer Mörder, Räuber, Ehebrecher – – – Man nennt diesen Zustand Erhebung.

Natürlich leiden die Theater sehr unter der wirtschaftlichen Krise – und ich hätte hier einige kleine praktische Vorschläge: Abschaffung des Programmzettels, Abschaffung der Garderobe – nicht wegen der Gebühr – sondern, weil viele viele Menschen nicht ins Theater gehen, da sie keinen schönen Anzug mehr haben. Könnten die in ihren Mänteln sitzen, wie im Kino, wären die Theater sicher besuchter.

Natürlich hat das Interesse am Theater auch aus sportlichen Gründen nachgelassen – aber nicht zu guter Letzt, weil wir kein richtiges, echtes, im guten Sinne des Wortes bodenständiges Volkstheater mehr haben. Daß wir es nicht haben, daran sind alle Instanzen schuld (sofern man bei so einer Frage überhaupt die Schuldfrage stellen will).

Daß ich den Kleistpreis bekommen habe, habe ich aus der Zeitung erfahren. Erst einige Tage später bekam ich die offizielle Mitteilung vom Vorsitzenden der Kleist-Stiftung, Fritz Engel.

Ein Teil der Presse begrüßte diese Preisverteilung lebhaft, ein anderer Teil wieder zersprang schier vor Wut und Haß. Das sind natürlich Selbstverständlichkeiten. Nur möchte ich hier auch betonen, daß auch im literarischen Kampfe, bei literarischen Auseinandersetzungen von einer gewissen Presse in einem Tone dahergeschrieben wird, den man nichts anders als Sauherdenton bezeichnen kann.

Nun möchte ich nur noch dem Bayerischen Rundfunk danken, daß er mir Gelegenheit gegeben hat, mich hier zu äußern. Und vielleicht war es für manchen auch ganz interessant, mal einen Dramatiker über das Drama und über Theaterfragen zu hören – und nicht nur immer Kritiker.

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