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Autobiographisches / Briefe

Franziska zu Reventlow: Autobiographisches / Briefe - Kapitel 1
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Altenburg

1886/87

Das einzige was in der ganzen Stiftseinrichtung Den tagebuchartig niedergeschriebenen Erlebnissen fehlen die ersten Seiten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben diese – das ergibt sich aus dem Inhalt der gesamten Aufzeichnungen – nichts Wesentliches enthalten. In dem Roman »Ellen Olestjerne« hat Franziska Reventlow dieses Pensionsjahr in dem Freiadligen Magdalenenstift Altenburg anschaulich geschildert. nicht schwierig war, war eben, daß das Anzeigen untereinander sehr verpönt war. Trotzdem war es sehr an der Tagesordnung. In diesem Falle war ich sehr in Wut, eine andere sagte mir, zeig sie doch an und ich tat.

Die Pröbstin war natürlich sehr zufrieden mit mir und sagte, es wäre sehr richtig, daß ich zu ihr gekommen wäre. Da fing meine Reue an. – Nachher bekam die andere vor allem Volke einen rasenden Segen und mein passendes und richtiges Verhalten wurde hervorgehoben. Da wuchs meine Reue entsetzlich, ich wußte nicht, wohin ich sehen sollte und wagte nicht, die Augen aufzuheben.

Als ich es tat, sah ich die Pröbstin gerade in der Tür verschwinden, Hildegard A. mit trotzig verbissenem Gesicht an ihren Platz zurückkehren, alle Gesichter sich mir zuwendend, mir Fratzen schneidend, die Zähne fletschend (was als Verachtungszeichen sehr gebräuchlich war), und ich fing an, meine Tat zu begreifen, mit Entsetzen! Kaum war die Stunde aus und wir auf dem Korridor, als die Flut der allgemeinen Entrüstung und Verachtung sich über mich ergoß. Das ganze Stift sammelte sich um mich und brüllte aus vollem Hals, was sie an französischen Schimpfworten wußten, am ärgsten die 3te Klasse, meine sonstigen Freundinnen. Die erste Klasse erschien auch und fragte, was es gäbe, und stimmte dann mit ein. So wenig vom sogenannten Ehrgefühl ich auch damals besaß, überhaupt jemals besessen habe, diese Erfahrung brannte sich mir für immer ein. – Es wurde von mir verlangt, jene Hildegard Asseburg um Verzeihung zu bitten. Ich tat es nicht, obgleich damit alles wieder gut gewesen wäre. – Da ich die Gemeinheit einmal begangen, wollte ich sie nun auch in allen Konsequenzen durchführen. Erst nach den großen Ferien wurde die Geschichte vergessen. Hildegard A. und ich sind später die besten Freundinnen geworden und geblieben.

So kamen die ersten Sommerferien heran. Kurz vorher passierte noch eine große »Geschichte«.

Es war streng verboten, im Garten irgendwelche Früchte zu essen. Da wir in dieser Zeit öfters in den Garten kamen, erst arbeiteten, dann Umhergehen oder Croquet erlaubt war, so war natürlich bald eine große Verwüstung aller Stachel- und Johannisbeersträucher bemerkbar »trotz des Verbotes«!

Großes Verhör folgte. Die Erste jeder Klasse zog mit einem Bogen umher und notierte sich nach Ausfrage die Täterinnen. Von unserer ganzen Klasse, die 18 zählte, meldeten sich 6. Die anderen logen sich heraus. Ich wurde, da ich aus besonderer Liebhaberei gelbe Wurzeln roh gegessen hatte, unter einer besonderen Rubrik notiert. Die Stachelbeeren hatte ich – da sie mir zum Essen viel zu sauer waren – nur für meine damalige Flamme Leonie Massow, die sie aus Gesundheitsrücksichten massenhaft verschlang, gepflückt. Diese zog sich gewandt aus der Sache, und ich fiel natürlich wieder doppelt und 3fach hinein. Und kam mit dem anmutigen Zeugnis zu Hause an, daß ich mich an einem Diebstahl beteiligt hätte.

Der Abend vor den Ferien verlief sehr tumultuarisch. In jedem Schlafsaal schlief in einem abgetrennten Raum eine Lehrerin. Wenn diese, wie meist geschah, einen Tag früher fortfuhr, wurde dort ein Besen einquartiert, der uns beaufsichtigen sollte.

Natürlich von einer »Aufsicht« keine Rede. Ich habe selten etwas so wahnsinnig Wildes erlebt wie diese letzten Nächte vor den Ferien. Die ganze Nacht durch flogen Bettkissen, Pantoffeln und die zu diesem Zwecke sich famos eignenden blechernen Waschkannen durch die Luft und das Geschrei der Getroffenen ertönte dazu, andere balgten sich zu fünfen und sechsen in einem Bett herum, noch andere schlichen sich an die Betten, wo ruhigere und schlafbedürftige Individuen drin lagen, mit einer Wasserkanne bewaffnet, zogen den Unglücklichen die Bettdecken fort, spendeten ihnen einen kräftigen Guß Wasser und deckten sie freundlich wieder zu und gingen zum nächsten Bett. Die so Behandelten gerieten entweder in Wut und es entstand eine Prügelei, oder in Verzweiflung und sittliche Entrüstung, da trockne Wäsche nicht zu erreichen war.

Zuletzt war dann glücklich kein Mensch mehr im Bett, alles tobte durcheinander, der zur Wache befohlene Besen wollte aus seiner Höhle heraus, Ruhe stiften oder uns verklagen, wurde aber bei jedem Versuch so bombardiert, daß er schimpfend in seine Höhle zurückkroch.

Wenn es hoch kam, schlief man gegen Morgen noch einige Stunden. Der Schlafsaal sah am nächsten Morgen wie mehrere Schlachtfelder aus. Es folgte noch eine Andacht, wobei das Knien beim Vaterunser zur allgemeinen Prügelei ausartete und die Pröbstin wütend wurde, daß wir uns am letzten Morgen so betrügen. Aber keine hatte Ohren für irgendetwas, die Freude über die bevorstehende Befreiung war zu mächtig. Gegen 9 zogen wir truppweise zum Bahnhof. Wir, unsere 5, die beiden Asseburgs, ich und noch einige andere wurden von einer Lehrerin nach Magdeburg eskortiert. Es war glücklicherweise keine eigentliche, sondern eine Musiklehrerin, die wenig zu sagen hatte und an die man sich nicht kehrte. Wir waren demnach unterwegs wie die Wilden.

An der ersten Station ließen wir trotz Widerspruchs uns Bier ans Coupe bringen und bandelten zur Verzweiflung unserer Lehrerin mit dem Kellner an. In Magdeburg trennten wir uns.

5 Wochen Ferien, ich wurde zu Hause trotz meiner Obstsünden ziemlich gnädig aufgenommen, und mit Besserungsgelübden schied ich wieder, um in Magdeburg mit den anderen zusammen zu treffen.

Diese Rückreise nach Altenburg war sehr lustig. Wir nahmen mit unserer Lehrerin ein doppeltes Coupé ein, das durch eine offne Tür verbunden war. Sie saß mit 3en in der einen Hälfte, wo sich noch ein ziemlich schäbiges Ehepaar befand, ich mit den beiden Asseburgs in der 2ten kleineren Hälfte. Die 2 hatten eine Flasche Rotwein mit, die wir unbeobachtet mit Geschwindigkeit leerten und nun sehr lustig wurden.

Der im anderen Coupé befindliche Ehemann hatte sich eine Zigarre angezündet, ich ging nun hinein und sagte mit lauter Stimme zu unserer Lehrerin, Fräulein Bergt genannt, »Sagen Sie dem Kerl doch, daß er nicht qualmt.« Die Gattin des Angeklagten erhob sich entrüstet und sagte zu mir: »Mein Fräulein, sagen Sie bitte nicht, der Kerl qualmt, sondern der Herr raucht. Sie sind noch sehr jung!« Ich zog mich mit der Bemerkung, ich wüßte ganz genau, wie alt ich wäre, zurück.

Bei der nächsten Station stiegen 2 Herren, ein Offizier und ein Zivilist, ein. Als sie die Tür öffneten, schrie ich ihnen entgegen: Herr des Himmels, wer kommt denn da nun, worauf sie lachend fragten, ob sie nicht zu uns einsteigen dürften. Natürlich sagten wir ja. Statt sich nun in das anstoßende, größere Coupé zu begeben, blieben sie bei uns dreien und in 5 Minuten waren wir die besten Freunde. Sie wollten durchaus wissen, wer wir wären und lasen die Adressen von Postkarten, die wir nach Hause geschrieben hatten. Darauf stellte sich heraus, daß es Vater und Sohn namens v. Mellentin waren, die mit den Eltern der 2 Asseburgs gut bekannt waren. Als sie meinen Namen erfuhren, behauptete der Vater, der übrigens nicht sehr alt war, er kennte meinen Vater und ließ sich nicht ausreden, daß dieser in Pommern wohne. Auf meine gegenteiligen Versicherungen behauptete er, er wüßte es besser. –

In Leipzig stiegen die beiden aus. Wir trennten uns mit großem Bedauern, in fröhlicher, tumultuarischer Freundschaft. Nun erst stürmte Fräulein Bergt zu uns herein und wollte uns ganz rasend vorkriegen. Aber wir erzählten ihr, es wären »alte Freunde« unserer Eltern gewesen. – Dann ging das Stiftsleben wieder an. Ich arbeitete jetzt zum erstenmal mit großem Fleiß, um in die erste Klasse zu kommen. Übrigens stand mein Schicksal einmal sehr auf der Kippe. 3 Wochen nach der Rückkehr kam meine Cousine, Frau v. Asseburg, nach Altenburg, nahm ihre beiden Kinder und mich mit in die Stadt für den ganzen Tag. Ich hatte am Abend vorher 2 Briefe an meine Brüder geschrieben – die Briefe, die wir erhielten und die wir schrieben, wurden immer von der Pröbstin gelesen – und steckte dieselben am folgenden Tag in der Stadt ein. Dies kam durch eine Äußerung im nächsten Brief von zu Hause heraus. Am Sonntag mußten wir vor der Kirche einzeln zur Pröbstin hereinkommen, und sie beurgrunzte dann unsere Zeugnisse. Ich bekam einen ganz netten Schrecken, als sie mir eine donnernde Rede über den Betrug mit den Briefen hielt. Nur der Rücksicht auf meine Eltern hätte ich es zu danken, daß ich nicht sofort geschwenkt würde. Auf das heimliche Fortschicken von Briefen stand nämlich die Strafe sofortigen Entlassens. Ich war ziemlich paff und beschloß, mit Ernst in mich zu gehen.

Dann kam eine zweite Obststehlgeschichte. Gott sei Dank hatte ich mich diesmal nicht beteiligt. Es waren zumeist die Kleinen. Zwei von diesen hatten des Guten zuviel genossen und gaben es eines schönen Nachmittags auf dem Korridor wieder von sich. Erst wurden die armen Kinder sehr bemitleidet. Dann kam der Sachbestand durch die Klatscherei der Krankenwärterin, genannt Antonie, ein infames Wesen, das die Rolle der Sonne spielte und alles an den Tag brachte, heraus. Das gewohnte Strafgericht folgte. Sie bekamen abwechselnd Katzentisch und silence. (Einen Tag niemand sprechen dürfen, tat man es doch, so wurde man von jeder ersten, die es hörte, angepetzt und die Strafe wurde verlängert, ging auch auf jede über, die eine mit silence Behaftete anredete.) Natürlich amüsierten sich die Gören königlich, wenn sie am Katzentisch saßen und der Kandidat mit niedergeschlagenen Augen an ihnen vorbei ging, um nur nicht zu lachen und die Pröbstin dann über den ganzen Tisch mit lauter Stimme schrie, daß sie nur Wasser und Brot zu essen bekommen sollten, wobei der Kandidat erst recht verlegen wurde.

Die Strafen waren überhaupt mehr wie genial. Die beiden erwähnten kamen eigentlich nur in der 3ten Klasse vor, das heißt, ich habe es fertig gebracht, einmal in der 2ten Klasse und einmal in der 1ten, als Konfirmandin silence zu bekommen und war sehr stolz darauf.

Die Erste jeder Klasse war verpflichtet, auf alles aufzupassen; wegen kleiner Vergehen wurde man notiert, z. B. wenn man cochon zu einer anderen gesagt hatte, wenn man in einem statt in zwei Unterröcken durch den Schlafsaal ging (eine wurde für diesen Fall vom Pastor auf Befehl der Pröbstin ver ... »weil sie es sonst doch wieder getan hätte«), wenn man um ½ 7 Uhr im Bett lag etc. pp. Sprach man deutsch, so bekam man »die Kette«, eine schwarze Kette, die jede Erste und die 3 Ersten der ersten Klasse besaßen und zu verteilen hatten. Abends nach der Andacht mußte man sie mit tiefen Knicks der Pröbstin überreichen, wofür sie einem 1 M vom Monatsgeld abzog. (Ich habe meistens überhaupt keins zu sehen bekommen, weil es für lauter Strafen weggegangen war.) In jedem Schlafsaal (es gab 4 für die 50, die wir waren) herrschte ebenfalls eine Erste. Morgens ging alles gewöhnlich, doch ziemlich ruhig zu, aber abends war es oft für die Erste sehr schwierig. Es war eine bestimmte Ordnung, nach der Waschen, Ausziehen etc. vor sich ging, und diese wurde auf eine lächerliche Weise inne gehalten. »Aus Anstand« durfte es natürlich ja nicht zu gründlich gemacht werden. Dafür wurde man alle 14 Tage in ein warmes Bad gesteckt, wo man sehr viel Seife und ein paar Stunden brauchte, um einmal rein zu werden.

Dagegen fiel es keinem Menschen ein, Kleine und Große in den Schlafsälen von einander zu sondern, sondern alles wurde bunt durcheinandergeworfen, was zur Folge hatte, daß die Älteren sich abgewöhnten, auf die Kinder als solche zu achten, diese wiederum sehr scharf auf die Großen achteten und dabei herauskam, daß es in dem freiadeligen Magdalenenstift zu Altenburg eigentlich überhaupt keine Kinder gab. (Viele kamen mit 8, 9 Jahren dorthin.)

Auch untereinander, wie es wohl immer ist, pflegten die zarten jungen Mädchen alle sogenannte Scheu abzustreifen, um im ganzen mit recht herzlicher Rohheit miteinander zu verkehren.

Nicht mit andern aufgewachsen, wußte ich, bis ich mich daran gewöhnte, oft nicht, was ich hörte und mag dann etwas erstaunt ausgesehen habe. Denn sie neckten mich zuerst sehr mit meiner »Unschuld«, was mich tief beschämte. Indessen ein unwissendes Kind war ich damals längst nicht mehr, mit fehlte nur die Fähigkeit, über Sachen, die mich tief beschäftigten und ich eher zu verbergen suchte, mich mit einer gewissen Freiheit oder Offenheit auszusprechen. Allerdings konnte man diese Fertigkeit da lernen und noch vieles mehr. Ich zog mich nicht grade von den anderen zurück, war aber zu größerer Annäherung viel zu verlegen und unbeholfen, bis mich eine andere namens Leony Massow zu glühender Verehrung begeisterte. Nun fand ich meinen Lebenszweck darin, dieser Flamme zu dienen auf jede nur erdenkliche Weise, ich machte ihr die Arbeiten, nahm ihre Medizin ein (was mir oft heftiges Bauchweh eintrug, das mich aber in dem Gedanken »für sie« beseligte) und ließ mich dafür von ihr auf die elendste Weise behandeln. Sie nutzte mich auf jede Art aus und dankte es mir mit großer Verachtung. Das dauerte den ganzen Sommer. Im Herbst war die große Examenswoche, wo 8 Tage lang schriftlich und mündlich mit allem examiniert wurde. Ich bestand mit Glanz und kam in die erste Klasse, brouillierte mich bald darauf mit Leony M. und lag einer anderen Flamme zu Füßen, diesmal noch viel schlimmer. Sie hieß Editha Wartensleben, war sehr schön, wild, und ich brannte für sie in hellem Feuer. Alles, was ich an Leidenschaft in mir fühlte, konzentrierte sich auf sie, und diese eigentlich völlig unnatürliche widersinnige Schwärmerei weckte einen wahren Sturm in mir auf, dem ich mich willenlos hingab. Ich sonnte mich förmlich in jedem Wort und Blick von ihr, machte 39 Gedichte auf sie und versuchte, durch die dollsten Streiche ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Später habe ich mich noch oft sehr heftig für Mädchen begeistert, aber nie so.

Bald nach Michaelis, im November, gab es eine große Geschichte, nach Aussage Sachverständiger die größte, die jemals in Altenburg passiert ist.

Die Erste unseres Schlafsaals, Hedwig Siegsfeld, war bei der Pröbstin, was zuweilen passierte, zum Tee eingeladen. Editha war die Zweite und sollte sie vertreten. Sie gab aber völlige Freiheit im Schlafsaal. Sobald das Mädchen die Nachtlampe angesteckt und den Schlafsaal verlassen hatte, ging der rasanteste Radau vor sich. Alles tobte herum, wir stellten lebende Bilder, tanzten, bliesen auf einer Mundharmonika etc. Dann fiel es uns ein, eine Entdeckungsreise zu machen. Hinter unserem Schlafsaal waren verschiedene Räume, wo Schränke standen etc. Mit der Nachtlampe bewaffnet zog ich voraus, 7 andere hinterher. Einige waren in den Betten geblieben. Wir leuchteten überall herum, fanden nichts besonderes, wurden aber immer wilder. Wieder in den Saal zurückgekehrt, schoben wir dann den vor der Tür befindlichen Schirm zurück, wo eine Wache gestanden hatte. Im letzten Schlafsaal, wo eine Gabriele Pfeil, Feindin von meiner Flamme, Erste war, hörten wir Lachen und Sprechen. Es herrschte dort immer eine wüste Wirtschaft, da sie alles durchließ und es selbst, obwohl sie schon 18 Jahre alt war, am schlimmsten machte. Editha und ich schlichen also, Nachthemd bekleidet, mit bloßen Füßen über den langen Korridor an die anderen Schlafsäle, bliesen auf unserer Harmonika und warfen in den letzten einen Stiefel. Kein Mensch begriff, was da los wäre, dann liefen wir zurück, tobten noch, bis die Lehrerin und Erste heraufkamen und lagen dann schwer schnarchend in den Betten. –

Der selbe Witz wiederholte sich im Laufe einiger Wochen 3 mal. – Dann zeigte Gabriele Pfeil, die schon erwähnte Erste des 4ten Saales, uns an. Nun folgte ein nicht zu beschreibender Aufruhr. Editha W. wurde gerufen und blieb eine halbe Stunde drin, mußte alles gestehen und haarklein erzählen. Am nächsten Morgen kam ich dran, dann Gabriele Pfeil. Alles kam heraus. G. Pfeil hatte indessen sich selbst schmählich hereingeritten, aus ihrem Schlafsaal kamen die haarsträubendsten Geschichten zu Tage, die man jedoch nicht annähernd so schlimm wie unsere Taten fand! Sie und ihre Sippe kamen mit einem Verweis davon, während an Edithas und meine Eltern Briefe abgingen und es drauf und dran war, daß wir beide abgeflogen wären.

Die Worte der Pröbstin weiß ich leider nicht mehr, ich war indessen sehr erstaunt, daß sie mir vorwarf, ich hätte mit dem Spaziergang im Nachthemd über den Gang eine »Unsittlichkeit« begangen, während es weniger unsittlich war, daß die im 4ten Schlafsaal stets zu mehreren in einem Bett geschlafen und ähnliche Sachen gemacht hatten; ferner, daß es »unglaublich« wäre, daß wir 6 ein paar Stunden in eben demselben Kostüm getobt hätten, wo wir uns doch jeden Tag beim Zubettgehen und Aufstehen gemeinsam bewegten und uns mit sehr viel weniger Bekleidung zu sehen bekamen. Die Logik dieses Verfahrens war mir nicht ganz klar. Die anderen umstanden sämtlich die Tür der Pröbstin und erwarteten mich in Tränen schwimmend wiederzusehen und waren sehr erstaunt, als ich mich noch lange vor Lachen nicht zu fassen wußte.

Bis auf den Punkt »zu Hause« machte mir die Sache den rasendsten Spaß, die ganze Aufregung, die Komik der ganzen Mordgeschichte mit ihren Einzelheiten, das alles war so himmlisch erheiternd. Editha und ich waren unzertrennlich und genossen es immer wieder von vorne an und vergingen beinahe vor Übermut. Der Pastor mußte uns in der Klasse ausschelten, was unwiderstehlich war, zuletzt lachte er selbst mit.

Dann kam die Olle noch einmal in die Klasse und forderte die Mundharmonika. Dabei sagte sie, mich scharf ansehend: »Die Sünde ist unter Euch wie ein fressender Eiter.« –

Das Sonderbare war überhaupt, daß ich 2/3, Editha 1/3 von der Schuld bekam und die übrigen (ich war die allerjüngste) nur die Verführten waren. E. hatte sich von mir beeinflussen lassen, und es war nach dem Ausdruck der Pröbstin ein teuflischer Geist in sie gefahren. E. war nämlich ein großer Günstling, da sie schon 7 Jahre im Stift war.

Nach der nächsten Konfirmationsstunde redete mir der Pastor noch einmal unter vier Augen ins Gewissen, so nett, vernünftig, sogar mit Humor, daß ich von da an eine große Liebe für ihn faßte. Dann kamen die Briefe von zu Hause, oh weh, oh weh! Es war dies das zweite Mal, daß ich beinahe herausgeworfen wurde, wie bald würde es nun wirklich so weit kommen. Wir waren indes so frivol, daß wir alle unsere Briefe von zu Hause miteinander verglichen, welcher der dollste wäre, und ich sehr stolz war, daß meiner einstimmig für den dollsten erklärt wurde. Dann lachten wir wieder über alles und tobten weiter, von einer Geschichte zur anderen, ich fiel immer tiefer, zuletzt wurde Editha der Umgang mit mir verboten. Sie war inzwischen auch mehr zu ihren früheren Freundinnen zurückgekehrt.

Weihnachten zu Hause war es infolgedessen nicht sehr heiter. Ich fühlte mich sehr bedrückt und war froh, als ich wieder nach Altenburg zurück mußte! Am Neujahrsabend in der Kirche war ich so verzweifelt über meine Schlechtigkeit, wie selten vorher und faßte die schönsten Vorsätze.

Die ersten Wochen ging es denn auch, aber dann kam der letzte Krach, der mir den Hals brach. Es war Anfang Februar, meine Schwärmerei für Editha Wartensleben hatte damals einen solchen Grad angenommen, daß sie mich völlig beherrschte. Ich war den ganzen Tag in einer fieberhaften Aufregung! Kam sie in meine Nähe, so zitterte ich vor Erregung (ich war um diese Zeit noch ziemlich viel mit ihr zusammen, sonntags die ganzen Tage). Ich wollte ihr nun brennend gern etwas zur Konfirmation schenken, pumpte mir zu dem Zweck von anderen 6 M zusammen und ließ ein Gedichtbuch, namens Edelweiß, von einer anderen bestellen, da, wenn ich es selbst bestellt hätte, die Pröbstin gewußt hätte, daß ich kein Geld mehr besaß. (Wir mußten ihr jeden Monat unsere Rechnung vorlegen.) So weit ging alles gut, ich bekam das Buch, legte es Editha mit einem Widmungsgedicht zu Füßen und war berauscht von ihrer Freude darüber. An demselben Tage hatten wir Turnstunde. In derselben sagte mir Editha, sie hätte nachher keine Lust zum Arbeiten, ob wir nicht zusammen uns in irgendeinen Schlafsaal verkriechen wollten und lesen. Ich war natürlich nur zu selig über den Vorschlag. Es war nebenbei gleich abzusehen, daß wir hereinfallen mußten, denn Editha sollte in der folgenden Arbeitsstunde die Erste vertreten. Natürlich würde die aufsichthabende Lehrerin nachfragen. Das bedachten wir auch noch und sagten der nächstfolgenden, Martha Zanthier hieß das Monstrum, sie möchte sagen, wir wären beide nicht wohl und hätten uns mit Erlaubnis der Pröbstin hingelegt (was zuweilen vorkam). Wir holen uns also nach der Turnstunde unsere Plaids und Bücher und entweichen in den Schlafsaal. Dort wird noch reingemacht; in einem Augenblick, wo der Besen herausgegangen war, stürzen wir durch den Saal und verstecken uns in eine der Abseiten. Wir wollten abwarten, daß das Reinmachen vorbei wäre und uns dann auf die entlegensten Betten legen und lesen: da saßen wir auf der Erde und warteten, hörten aber immer mehr Geräusche im Saal. Miss Collins tobte in ihrer Kabine, bürstete sich die Zähne (weshalb weiß ich nicht, da sie es sonst meines Wissens nie tat), dann wurde es still. Sollen wir herausgehen? Lieber noch warten! Da hören wir plötzlich Tritte, Stimmen, Rufen: Editha, Editha etc. Wir kriegen indessen einen Mordsschrecken, erkennen die Stimme von Edithas Freundin Paula K. Ich halte mit aller Gewalt die Türe zu, und wir denken, uns wird wohl gerade hier niemand suchen.

Schließlich, als es nicht aufhört, öffne ich die Tür ein wenig. Das steht Mademoiselle Ménégaux mit der Krankenwärterin und ca. 12 von uns. Wir kriechen mit furchtbarem Gelächter heraus. Die anderen konnten aber nicht mehr lachen und Madame M. war einfach kreideweiß. Sie hatte geglaubt, wir wären fortgelaufen und tobte nun los, daß wir ihr solche Angst gemacht hätten. Folgte großes Verhör; Editha und ich immer uns noch windend vor Lachen, antworteten mit der größten Frechheit, weil wir unsere Sache nun doch für verloren hielten. Ich hatte mein Buch in die Tasche gesteckt, Edithas – das von mir geschenkte – wurde konfisziert und zur Pröbstin gebracht. Diese erkennt es natürlich als dasjenige, das eine andere tags zuvor bei ihr bestellt hat und durchschaut den Betrug. –

Inzwischen gingen wir in die Arbeitsstunde. Ich fühlte mich so toll übermütig, daß ich, statt zu arbeiten, alle möglichen Allotria trieb, was bei dieser Lage der Dinge nicht sehr angebracht war. Die Mademoiselle war währenddem bei der Pröbstin gewesen. Nach der Stunde beschlossen Editha und ich, die Olle anzuöden, indem wir zu ihr gingen und ein freies Bekenntnis ablegten, wir dachten, dann ginge es vielleicht noch gut ab.

Die Tür war verschlossen, nachher versuchten wir es noch einmal, als wir beide vor der Pröbstin standen, platzten wir aus, aber fürchterlich. Sie, wütend, schmeißt uns heraus, »Sie wolle uns nicht in ihrem Zimmer haben und würde nachher mit uns sprechen.« Oh weh! Das ganze Stift versammelt sich um mich und sagt, ich würde zweifellos geschwenkt, und mir sank der Mut. Die andern, von denen ich das Geld gepumpt hatte, und die, welche das Buch für mich bestellt hatte, fielen auch herein. Sie wurden gerufen und kamen heulend heraus, ich war verzweifelt, daß ich sie mithereingezogen hatte. Es wurde an ihre Eltern geschrieben, daß sie mitbetrogen hätten etc.

Nachmittags war Arbeitsstunde. Da erschien die Pröbstin in der Klasse und machte mich vor versammeltem Volk auf das rasendste herunter. Sie alle würden mich von jetzt an als ehrlos betrachten etc. Die Gegenwart der anderen befähigte mich, völlig ruhig zu bleiben. Ich steckte die Hände unter die Schürze und sah die Olle unentwegt an. Als sie ausgetobt hatte, tanzte sie ab. Gearbeitet habe ich an dem Tag nicht mehr viel.

4 Tage vergingen in höchster Spannung. Als ich dann Sonntag gelegentlich der Zeugnisse zur Pröbstin hereinkam, verkündigte sie mir, ich müßte Ostern fort, sie könnte so schlechte Elemente nicht behalten. Wenn ich nicht Konfirmandin wäre, wäre ich von einem Tag zum andern herausgeschmissen worden. Ich hatte das doch nicht geglaubt und wußte nicht, wo mir der Kopf stand, ich taumelte förmlich hinaus. Die anderen umringten mich, sie hatten es durch die Tür gehört, aber ich hörte kein Wort, ging so zu Editha und sagte ihr, ich wäre fortgejagt. Dann ging ich fort, hinauf auf den Korridor, um mich zu besinnen. Editha und eine Camilla B. kamen mir bald nach, erstere in heller Verzweiflung, weil sie sich die Schuld – nicht ganz mit Unrecht – zuschrieb. – Sie darüber weinen zu sehen, machte mich so froh, daß ich das andere gleich vergessen hatte und wieder oben auf war.

Editha und ich waren den ganzen Tag zusammen und es war einer der schönsten, die ich je erlebt habe. Mir war alles einerlei, nur vor zu Hause hatte ich eine dumpfe Angst. Da kamen dann auch bald die Briefe, Zorn über mich, vor allem aber Furcht vor der Schande, die ich dadurch über sie brächte! Ich hatte ja nach den Worten der Pröbstin gelogen, gestohlen und betrogen. Diese Briefe erfüllten mich mit sehr gemischten Gefühlen, sie machten mir das Herz weich und dann wieder brachten sie mich in eine ganz rasende Wut. Sie hätten es ja doch einsehen können, daß Altenburg eine verfehlte Sache für mich war. Ich kannte es, sie kannten es nicht. Warum die Sache so aufbauschen, es waren ja doch die reinen Kinderstreiche. –

Die Zeit von da an bis Ostern war eine furchtbare. Erstmal der Druck, der wegen meiner Eltern auf mir lastete und wöchentlich durch ihre Briefe verstärkt wurde. Im Stift wurde ich von der Pröbstin etc. ignoriert, d. h. sie sprachen nur mit mir, wenn ich was pecciert hatte und verboten allen anderen den Umgang mit mir. Einige kehrten sich nicht daran, eine von den Kleinen, Charlotte Kutzleben, schloß sich gerade jetzt sehr an mich an und Luise Bodenhausen, die selbst im Stift und zu Hause schwarzes Schaf war, ebenfalls. Die anderen ließen sich nicht gerne mit mir sehen, was ihnen bei dieser Sachlage nicht zu verübeln war. Nur daß Editha sich den Verkehr mit mir verbieten ließ, brachte mich in eine düstere Verzweiflung. Meine Gedanken drehten sich fast ausschließlich um sie, und ich litt darunter ganz namenlos. Dazu kamen noch die Konfirmationsstunden, die mich sehr mitnahmen. Ohne alle die anderen Geschichten hätte ich sie wohl viel leichter genommen, aber nun machte es mir sehr viel zu schaffen. Ich gewann unseren Pastor sehr lieb, er war der einzige Mensch im Stift, von dem ich mich mit Liebe verstanden fühlte, und der sich gerade jetzt um mich kümmerte. Er legte sonderbarerweise eine Art Vorliebe für mich an den Tag und das tat mir gut. –

Ich fühlte mich sonst entsetzlich allein und von allen guten Geistern verlassen. Die Folge war, daß ich noch einmal ganz toll wurde, einen Streich nach dem anderen machte. Ich wurde jeden Tag mehrmals angezeigt, hatte die schlechtesten Zeugnisse und trieb es auf die ärgste Weise. Der Pastor, der geglaubt hatte, ich wollte mich bessern, wurde auch an mir irre.

Besonders war die Tanzstunde, die wir 2 mal wöchentlich bei einem gänzlich versoffenen Tanzlehrer hatten, eine Gelegenheit, Geschichten zu machen. –

Diese Tanzstunde war übrigens eine der größten Irrsinnigkeiten des Stiftes. Wir hatten immer nur 8 von uns auf einmal Stunde, unter Aufsicht einer Lehrerin, während nebenan die andere Hälfte arbeiten mußte. Es kamen eigentlich immer Geschichten dabei vor. Editha z. B. warf einmal dem Geiger, einem sehr schönen Jüngling, eine Rose zu, wofür sie beinahe geköpft wurde!

Befanden wir uns in einem das Tanzen nicht erlaubenden Zustand, so durften wir deshalb nicht fortbleiben, wir mußten die Übungen mitmachen und während der Rundtänze dabei sitzen, äußerlich dadurch gekennzeichnet, daß wir keine Tanzschuhe anhatten. Der Lehrer pflegte uns dann jede einzeln zu fragen, was uns fehlt, und es entstand ein allgemeines Gelächter. Die wachhabende Lehrerin freute sich natürlich im Innern ihrer Seele mit.

In einer dieser Tanzstunden wurde mir Gabriele Pfeil, mit der ich seit der Schlafsaalgeschichte nicht gesprochen hatte, zugewiesen. Ich weigerte mich, trotzdem großer Skandal entstand, hartnäckig, mit ihr zu tanzen, und wurde erst vor die Pröbstin und dann vor den Pastor gefordert, der diesmal sehr ernstlich böse war. Ganz zuletzt habe ich mich mit ihr wieder versöhnt. 8 Tage vor der Konfirmation war Kaisers Geburtstag, der sehr gefeiert wurde, mit Gottesdienst und allgemeinem Überfressen. Am Abend vorher waren wir sehr patriotisch gestimmt und übten uns beim Zubettgehen darin, Vaterlandslieder zu gurgeln. Als die Erste einen Augenblick fort war, entstand großes Toben, Gesang, Tanz etc. Da kommt sie herein, hat es gehört und will den ganzen Saal anpetzen. Mir war es ziemlich schnuppe, hereinzufallen, und ich meldete mich, wodurch die anderen freikamen, und wurde zur Strafe mit meinen 2 Freundinnen Charlotte Kutzleben und Luise Bodenhausen zusammen eingesperrt in die Krankenstube, wo wir einen Mordsskandal machten und sehr vergnügt waren. Zum letzten Mal für lange Zeit war ich ausgelassen lustig. In den folgenden letzten Tagen brach ich gänzlich zusammen, meine Nerven waren ganz fertig, und ich hatte das Gefühl, als ob für mich überhaupt alles aus sei. Am Freitag Nachmittag verkroch ich mich in das letzte Bett des einen Schlafsaals, und lag dort stundenlang vor Kopfweh halb ohnmächtig. Charlotte Kutzleben fand mich schließlich, saß dann neben mir und legte mir Umschläge auf den Kopf. Abends wankte ich auf sie gestützt mühsam hinunter zur Andacht. Den nächsten Tag kam meine Mutter, sie war erst eine Stunde bei der Pröbstin, die ihr meine neusten Sünden noch schnell mitteilen mußte. Sie nahm mich dann mit in die Stadt. Wie das erste überstanden war, fing ich doch an, mich unbändig auf das Zuhausekommen, auf Husum und auf meine Brüder zu freuen. Abends wieder ins Stift zurück, ich packte mit Charlotte K. meine Kisten etc., war sehr elend und in schändlicher Stimmung. Der Pastor kam noch ins Stift, zog mich in eine dunkle Klasse und sprach noch einmal mit mir. Er machte mich darauf aufmerksam, daß ich meinen Widerspruchsgeist, der die Quelle davon sei, daß es mir immer schlecht erginge und ich immer mißverstanden werde, besiegen müsse. Er selbst habe mich nie mißverstanden und vertraute mir, daß ich mich zum Guten ändern werde. Er hätte mir doch noch alleine Adieu sagen wollen.

In der Nacht habe ich kaum geschlafen und war den folgenden Tag nicht gerade in »Feststimmung« wie die anderen. Wir mußten vor der Kirche einzeln zur Pröbstin hereinkommen! Sie erteilte dann ihren Segen, meistens mit den Worten »Du bist mir eine liebe Schülerin gewesen. Der Herr segne dich«. Mir gab sie keinen Segen sondern sagte mir: »Sieh die verweinten Augen Deiner Mutter an.« In dem Augenblick packte mich eine solche Wut, daß ich mit den Zähnen knirschte und ohne, wie sie erwartet hatte, sie um Verzeihung zu bitten, aus der Tür ging. Dann gingen wir hinunter im feierlichen Zuge zur Kirche. Wir hatten sämtlich weiße Kleider mit langen Schleppen, stolperten natürlich eine über die andere oder rissen uns daran, bis wir in die Kirche kamen. Nun fing ich an, mich gehoben zu fühlen und die anderen Gedanken traten vor der Feierlichkeit des Augenblicks zurück. Wie ich am Altar kniete kam es mir vor, als ob der Pastor in ganz besonderem Tone und ganz allein zu mir spräche. Ich fühlte die Gegenwart Gottes und eine Welt von guten Vorsätzen, ein anderes Leben anzufangen, stieg in mir auf. Das ganze dauerte eine Stunde. Dann fand ein großes Frühstück statt, das uns schon wochenlang als Glanzpunkt vorgeschwebt hatte. Danach ging man wieder mit den Eltern in die Stadt. Edithas Vater, Paula K.'s Verwandte, meine Mutter und ich aßen zusammen. Nach Tisch war ich zwei Stunden bei Editha und ihrem Vater! Herrliche Stunden! Sie war nun zum Abschied noch einmal so freundlich und freundschaftlich gegen mich, daß alles andere vergessen und ich selig war.

Gegen 5 gingen wir ins Stift zurück. Um 7 sollte die Kommunion sein. Die Zwischenzeit wurde allgemein zu Versöhnungen benutzt. Man bat jede Lehrerin um Verzeihung und diese versicherten jedesmal, sie hätten nie etwas gegen die Betreffende gehabt. Ich habe mich an dieser Komödie nicht beteiligt, obwohl alle auf mich einstürmten, ich müßte es tun.

Leony Massow und ihre Schwester kamen noch zu mir und wir vertrugen uns nach halbjähriger Feindschaft wieder. Dann ging es wieder zum Segnen zur Pröbstin. Ich wurde von den anderen mit größter Mühe bewogen hineinzugehen, da ich es sehr unnötig fand, und sie erteilte mir mit großer Feierlichkeit eine Art Fluch – »Sie sähe ein, daß ich völlig verstockt wäre etc.!« Diesmal lachte ich, wie ich wieder herauskam. Es war mir ein Gefühl von Genugtuung, daß die Olle doch nicht mit mir fertig geworden war.

Um 7 die Kommunion. Dann schlief ich die letzte Nacht im Stift. Am anderen Morgen nahm ich von den anderen Abschied, sagte keiner von den Lehrerinnen Adieu, küßte der Pröbstin, die an der Treppe stand, ohne ein Wort zu sagen die Hand und zog ab.

Wir reisten bis Leipzig mit Editha etc. zusammen. Mich von ihr zu trennen wurde mir entsetzlich schwer.

Die übrige Reise war mir sehr wohltuend. Es war ein so angenehmes Gefühl von Ausruhen, und das tat mir sehr not. Ich machte endlose Gedichte an Editha und malte mir aus, wie anders ich von nun an zu Hause sein würde, vor allem mußte ich ja alles wieder gut machen.

So dachte ich damals, aber es ist aus alldem nie etwas geworden. – Es ging im alten Geleise fort. Ich kam mir so ganz anders geworden vor durch dieses eine Jahr, in dem ich so viel erlebt hatte und doch wollte ich es nicht erlebt haben. Ich dachte, ich hätte dort etwas gelernt. Gewiß hatte ich das auch, aber was! Meine Weltanschauung war noch eine sehr harmlose, als ich hingekommen war. Ich hatte gelernt, daß das Leben und vor allem die Menschen nicht so seien, wie ich es damals geglaubt. Es war jetzt so vieles im Leben, was bedrückend war. Außerdem hatte ich das Gefühl, daß mir sehr Unrecht geschehen wäre und daß ich jetzt noch mehr wie früher immer ungerecht, immer wie ein Stiefkind behandelt worden sei. Was hatte ich denn getan? Wenn ich vergnügt war, mußte ich toben. Konnten sie das nicht begreifen? Ich war kaum 15, als ich hin kam und sollte »vernünftig« sein. Aber ich war gerade damals in meiner größten »Wildheits«periode und hatte fortwährend das Gefühl, mich auslärmen, austoben zu müssen, das mit der Einschränkung nur wuchs. –

Jetzt wollte ich so ernsthaft werden, daß mich niemand mehr erkennen sollte, wenn das Lachen dann ja doch eine Todsünde war. Mit allen diesen guten Vorsätzen fuhr ich in Husum ein und sah mit Wonne den alten Kirchturm zwischen den Bäumen wieder hervorsehen und meine Brüder am Bahnhof. Ich versuchte es krampfhaft, Reue und Beschämung zu fühlen, oder wenigstens zu heucheln – es war zu schön, wieder zu Hause zu sein!

Briefe an Paul Schwabe

1896-1899

 

[September 1896]

Mein lieber Paul, Paul Schwabe, geb. 1862, war in den neunziger Jahren in gehobener Stellung in Frankfurt a. M. kaufmännisch tätig. Wann und unter welchen Umständen die Freundschaft zwischen ihm und F. R. begann, ist nicht bekannt. Allem Anschein nach hat er nur eine lose Verbindung zu dem Künstler-Freundeskreis von F. R. gehabt.

sei mir nur nicht böse, daß ich nicht schon längst mehr schrieb, aber es hat mich diesmal arg niedergeworfen. Ich muß ganz ruhig liegen, der Doktor verlangte Bett und Krankenhaus, aber ich liege zu Hause auf meinem Diwan, den ich mir im Herbst angeschafft habe. Unter ein paar Wochen werde ich wohl nicht davon kommen. So schmählich sind alle meine Pläne vereitelt worden. Ich hätte Dich so gerne gesehen. Dein Brief erfreute mich sehr. Aber Du willst mir nun schon wieder was schicken, wirklich Du verwöhnst mich gar zu sehr. Ich habe tagelang nichts anderes zu mir genommen wie Cognac und habe jedesmal an Dich gedacht. – Deinen Verdacht, daß ich mit Mukls oder Simpeln zu stark gefeiert hätte, muß ich energisch zurückweisen. Ich war mit zwei ebenfalls heimatlosen Malern und einem Schriftsteller am Weihnachtsabend zusammen, es traf sich zufällig, waren zudem Leute, die ich nicht einmal viel kenne.

Wir saßen im Ratskeller und sentimentelten und gingen um 12 Uhr in die Christmette.

Mukl und ich begegnen uns nur auf freundschaftlichem Fuß, er wohnt mit einem Freund zusammen in einer mit allem Komfort der Neuzeit, Haushälterin mit einbegriffen, eingerichteten Behausung und lädt mich zuweilen zu Tisch ein. – Mit den Simpeln bin ich auf dem besten Wege zu verkrachen.

Ich schicke Dir anbei mein Werk. Es wurde in Leipzig konfisziert, sofort von der Presse weg. Das hat eine Mordsreklame gemacht. Mit Langen ist die Sache so: Ich habe mir immer Vorschuß geben lassen, wenn ich etwas brachte. Neujahr ließ er mir durch »Korfiz Holm« schreiben, »Das Jüngste Gericht« gefiele ihm sehr, und er bäte um mehr solche Beiträge. Worauf ich ihm einfach meine »Rechnung« schickte, und ihm jetzt noch einmal einen ziemlich groben Tretbrief geschickt habe. Bisher hat er noch nicht reagiert.

So lieber Paul, meine Kräfte erlahmen wieder, ich bin so arg schwach, wie ich mich nicht erinnern kann, gewesen zu sein und viele innere Schmerzen. Mein Lebensmut geht sehr auf die Neige. Laß bald mal von Dir hören. Und leb wohl Du Lieber, sei vielmals gegrüßt von

Deiner Fanny

[Oktober 1896]

 

Mein lieber guter Paul,

habe soviel, vielen Dank für Deine Sendung. Ich war ganz gerührt, daß Du mich schon wieder beschenkst, und ich danke Dir von Herzen dafür, Du Guter, daß Du so an mich denkst.

Ich liege vollständig auf dem Rücken, kann mich kaum regen und rühren. Was eigentlich los ist, hat man noch nicht weg. Dr. v. Norden behandelt mich und ist rührend in seiner Fürsorge.

Was Du wohl zum Jüngsten Gericht gesagt hast? Ich habe Dr. Müller und Dr. Heiss eins davon geschickt. Ach lieber Paul, es ist ziemlich desperat, so dazuliegen und zu denken, daß man nie recht gesund sein wird, nie recht wird arbeiten können, und nie ein Heim um sich haben, das immer für all das verunglückte und zu Wasser gewordene Streben Ersatz gibt. Ich bin jetzt oft nahe daran, am Leben zu verzweifeln, aber dann auch wieder so apathisch, daß ich mir sage, jetzt kann nicht noch viel Schlimmeres kommen als was schon dagewesen ist. Nun leb wohl mein Lieber, und hab noch einmal meinen Dank, daß Du so lieb meiner gedacht hast. Tausend Dank und 1000 Grüße

Deine Fanny

[Januar 1897]

 

Mein lieber Paul,

sei mir nicht böse, daß es so lange gedauert hat, bis ich auf Deinen lieben guten Brief danke. Nun muß ich Dir ganz offen etwas mitteilen. Ich möchte nur, lieber Paul, in Dir kein unangenehmes Gefühl erregen und Dich auch nicht erschrecken. Also ich bin seit 3 Monaten in anderen Umständen. Die Ärzte haben es erst jetzt mit Sicherheit sagen können, ich war die ganze Zeit sehr krank und elend und jetzt ist die Lage ziemlich bedenklich. Es ist die Frage, ob es überhaupt so weit kommen wird, und ob ich es mit dem Leben überstehe.

Ich wäre so glücklich, wenn ich ein Kind hätte, und der Gedanke, vielleicht zu sterben, wird mir auch nicht schwer. Ich warte es also in Ruhe ab – übrigens war es nur eine flüchtige »Begegnung«, ich bin längst äußerlich und innerlich wieder allein.

Ich will heute nicht mehr schreiben, Paul, aber ich bitte Dich dringend, schreib mir bald ein Wort und denke gut an mich.

Deine Fanny

[Frühjahr 1897]

 

Lieber Paul,

und nun komme ich noch mit einer mich tief beschämenden Bitte. Ich bin augenblicklich so in Not, daß ich wirklich nicht aus und nicht ein weiß und möchte Dich fragen, ob Du mir 50 M leihen kannst – wenn Du es gut kannst, ich hoffe schon im nächsten Monat zurückzahlen zu können, und weiß mir nur für den Moment nicht zu helfen: es wird mir nur furchtbar schwer, Dir mit dieser Bitte zu kommen. Wenn ich gesünder wäre, könnte ich ja mehr arbeiten, aber es ist mir jetzt sehr schlecht gegangen. Mit meinem Hausherrn habe ich mich endgültig verkracht und muß entweder in 8 Tagen fortreisen (weiß aber noch nicht, ob ich die Kräfte habe) oder mir eine andere Bude suchen – und mein Aprilgeld habe ich schon zur Hälfte verbraucht. Im April hoffe ich auf allerhand Einnahmen, aber die nächsten 14 Tage ist nichts zu erwarten und – nichts mehr da, nur noch das Bett zu versetzen. Du wirst es begreifen, daß ich von meinem Mann nichts extra verlangen kann unter den jetzigen Umständen, wir hören fast gar nichts mehr voneinander, und er ist auch nicht in der Lage. Sei mir nicht böse, Paul, und sage ganz ruhig Nein, wenn es Dir nicht paßt.

Ich habe jetzt für Langen eine Probe von einem französischen Buch zu übersetzen, wenn ich es gut genug mache, wird er es mir geben, und das wird mich in die Lage setzen, es wieder auszugleichen, aber ich habe noch nicht dran können, weil ich zu elend war.

– Nun habe ich wieder nur von mir und meinen Sorgen geschrieben – aber ich kann heut nimmer und antworte nächstens mehr auf Deinen Brief. Bücher habe ich leider augenblicklich nicht, nur Knut Hamsun »Pan«, das schicke ich Dir – die anderen sind schon aus bitterer Not zum Antiquar gewandert à 50 Pf. Aber ich denke Langen nächstens einige abzunehmen.

Es ist schon 1/2 2 nachts, ich habe bis 1 Uhr an meiner Übersetzung gewurzelt und morgen 17 Seiten abzuschreiben, darum verzeih mir, wenn ich schleunigst Schluß mache.

– Lebe wohl lieber Paul und glaub mir, daß ich diesen Notschrei nicht getan hätte, wenn es nicht ein wirklicher wäre –

Sei 1000 mal gegrüßt von
Deiner Fanny

[Mai 1897]

 

München Georgenstr. 27/I

Lieber Paul,

Du kannst Dir gewiß den Grund meines langen Schweigens denken, ich habe mich so arg geschämt, daß ich meine Schuld noch nicht habe abtragen können. Bist Du mir auch nicht böse, lieber Paul, es erfolgt nun allernächstens. Ich sitze den ganzen Tag an meiner Übersetzung, war lange Zeit so elend, daß ich nichts tun konnte und habe deshalb auch noch nichts bekommen können. Ich bleibe nun doch in München, ich war draußen, aber bei meinem bankrotten Zustand in jeder Beziehung war es nicht durchzuführen, ich bin jetzt geschieden und komme natürlich überall in eine schiefe Lage, da fühle ich mich doch hier ruhiger. Man muß sich eben ein dickes Fell gegen die böse Welt anschaffen, die Flut des Klatsches bricht natürlich unaufhaltsam herein, aber muß ertragen werden. Vor drei Wochen fuhr ich fort, selig aus München herauszusein, dachte, am Bodensee sehr billig leben zu können und Ruhe zu haben. Mein Hausherr hatte mich noch glücklich verklagt, hat aber, wie er hörte, daß ich nach der Schweiz sei, die Klage zurückgezogen, sonst hätte ich 68 M und die Kosten zahlen müssen. Aber da draußen habe ich es, wie gesagt, einfach nicht ausgehalten und bin nach der ersten Rechnung schleunigst zurück, habe hier jetzt eine ideale Bude um 8 M gefunden, sitze wieder an meinem alten Tisch und arbeite, was das Zeug halten will. Mir bleibt ja nicht viel Zeit mehr, noch 3 Monate. Siehst Du, zuweilen könnte ich ganz verzweifeln, aber wenn ich an das Kind denke, und mich damit tröste, ärger wie jetzt kann es ja nicht kommen, dann habe ich wieder Mut.

Und was machst Du denn? Wo fährst Du in der Welt herum? Und die Zukunft?

Nicht wahr, man fängt an, sich nach Ruhe und Heim zu sehnen, mit jedem Jahr, das man älter wird.

Ich schreibe Dir jetzt wohl immer Elegien, aber es wird schon wieder besser werden. Und nun leb wohl für heut und sei mir nicht böse. 1000 herzl. Grüße

Deine Fanny

 

München 19.5.97 Georgenstr. 27/I

Mein lieber Paul,

Gestern abend bekam ich Deinen lieben Brief, es war das einzige, was mich an diesem Tag erfreute, und heute morgen Deine Sendung. Wie lieb von Dir, daß Du an meinen Geburtstag gedacht hast, ich danke es Dir von Herzen, der Cognac erwärmt mich angenehm, und vor mir steht der kleine Vergißmeinnichtstrauß. Du bist so gut gegen mich und ich empfinde es doppelt, glaube mir, weil ich im Leben so wenig verwöhnt worden bin.

Sonderbar, an den Bibelspruch habe ich auch jetzt öfters gedacht, muß ihn aber noch richtig stellen: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege.

Ich schrieb Dir schon, daß ich am Bodensee war? und dort die Entbindung abwarten wollte, aber da draußen in der schönen Gegend und der Ruhe um mich her kam das Gefühl der Heimlosigkeit so über mich, daß es mich nahezu um den Verstand gebracht hat und ich nach 14 Tagen spornstreichs nach München zurück fuhr. Allerdings auch der Teuerung halber – ich lebe hier drei mal so billig wie auf dem Lande und die ideale Bude ist wirklich nicht so schlimm, besser wie das erste Atelier in der Heßstraße.

Jetzt hab ich noch 3 Monate vor mir, fühle mich momentan entsetzlich, kaum durch den Tag durchzukommen, infolge dessen ist meine Siegesfreude bedenklich herabgestimmt. Aber ich freue mich unsagbar auf mein Kind, man hat doch ein ganz neues Leben vor sich.

Die böse Welt ist allerdings schlimm hier, und wenn ich mich nicht so stolz fühlte auf meine Mutterschaft, so weiß ich nicht, wie man das Spießrutenlaufen ertragen sollte, obgleich ich relativ noch nicht sehr stark bin.

Im Juli werde ich mir eine kleine Wohnung mit mehreren Zimmern mieten, eigentlich sind die Anforderungen an meine Kräfte wirklich übermenschlich, Wohnungssuche, einrichten etc. und ich muß mir oft alle Mühe geben, den Mut nicht zu verlieren. Aber der Gedanke später in meinem eigenen »Heim« zu sein und im weißen Schlafrock mit meinem Baby auf dem Arm »durch die Gemächer zu schreiten«, richtet mich wieder auf. Diese Vorbedingung, nämlich der Schlafrock, ist schon vorhanden. Ich hatte noch einen sehr hübschen weißen Kleiderstoff, der 1 Jahr in meinem Koffer geschlummert hatte, und hab mir draus einen bauen lassen. – Übrigens in 14 Tagen, lieber Paul, trage ich meine Schuld mit der größten Bestimmtheit ab. Diesmal wird es nicht bei dem Versprechen bleiben, soll ich es dann direkt an Dich oder an die früher gegebene Adresse schicken? Daß es Dir auch in der Beziehung nicht gut geht, hat mir sehr leid getan – woher kommt das, Du hast doch noch die gleiche Stellung wie sonst?

Meine Finanzlage wird in Zukunft sich etwas bessern, ich schrieb Dir wohl im Herbst, daß mein ältester Bruder mich hier aufsuchte und wir uns einander wieder genähert haben. Neulich war er wieder hier, und ich hab ihm alles gesagt, und er wird mir in Zukunft etwas helfen. Wenigstens bin ich dadurch in der Lage, mich in eine vernünftige Klinik legen zu können (Dr. »Ziegenspeck«) ich werde bei meiner Narbe etc. jedenfalls länger liegen müssen, vielleicht auch eine Operation an derselben durchmachen, wenn sie sich zu sehr dehnt. Und diesmal wird mich hoffentlich kein Staatsanwalt wieder vorzeitig aus dem Krankenhaus treiben und um die Nachkur bringen. Gespenster!

Ich sehe jetzt fast keinen Menschen, arbeite an meiner Übersetzung und nähe, esse bei meinen Hausleuten und schlafe auf »Diwan dem Schrecklichen«, da ich mein Bett vor meiner Abreise versetzt habe. Da es Sommer ist, geht es ganz gut so.

Und nun leb für heute wohl, es ist spät und ich bin sehr müde. Hab noch einmal meinen herzlichsten Dank für Dein liebes Meiner Gedenken und sei 1000mal gegrüßt von

Deiner Fanny

Zum Malen komme ich fast gar nicht mehr, sonst hätte ich Dir längst etwas geschickt.

 

M. 15.6.97

Mein lieber Paul,

hab vielen Dank für Deinen lieben Brief, der mich sehr erfreute. Du brauchst nicht zu fürchten, daß mir die Tilgung meiner Schuld zu schwer geworden wäre. Ich komme jetzt allmählich ganz gut mit meinen Finanzen zurecht.

Du mußt verzeihen, wenn meine Schrift heute sehr schlecht ausfällt – ich bin ganz lahm geschrieben. Langen wollte schnell die Übersetzung haben und ich habe diese wirkliche Riesenarbeit jetzt glücklich heute beendigt. 350 Druckseiten, macht 500 geschrieben, erst übersetzen, dann korrigieren, schließlich ins Reine schreiben – die Abschrift habe ich jetzt in 10 Tagen gemacht, trotz verschiedentlich sehr schlechtem Befinden; es ist wirklich grausam, was das arme Kind schon alles für seine Zukunft mittun muß.

Jetzt habe ich wieder 280 Druckseiten zu übersetzen, die mir 150 M einbringen, aber in 14 Tagen fertig sein sollen, dann kommt der Umzug am 1. Juli, und dann noch einen Roman zu übersetzen. Wenn ich nur mit alledem noch fertig werde, es darf ja nicht vor der Zeit kommen, also Anfang August.

Du glaubst nicht, wie ich mich darauf freue, 3 Wochen im Krankenhaus zu liegen und mich nicht rühren zu brauchen. Ich kenne keine anderen Ruhezeiten in meinem Leben, wie wenn ich krank bin, und deshalb finde ich wirklich eine Art Genuß darin.

Du denkst, daß ich mich zur Kapitalistin aufgeschwungen habe, weil ich mir eine eigene Wohnung nehmen will? Dieselbe kostet nur 30 M, und ich hoffe sogar zum Frühjahr eine billigere zu bekommen. Es ist eigentlich auch etwas kühn und wird noch etwas problematisch, wie es gehen wird. Ich will nämlich auch ein Mädchen nehmen, habe sogar schon eins in Aussicht, das macht 10 M im Monat, wird aber andererseits auch sparsamer sein, da es für mich kochen und waschen wird und außerdem (es ist die Nichte von meinen früheren Hausmeisterleuten) hat sie mir versichert, daß sie sehr gut versteht zu hungern. Wir werden uns eben »redlich durchschlagen«. Bei Langen werde ich jetzt wahrscheinlich chronisch mit Übersetzungen beschäftigt werden und kann damit meine Schulden zahlen. Die Leute sind selig über Raten à 10 M, und bei diesem System kann man langsam aber sicher damit fertig werden. Diesen Monat hab ich außerdem endlich sogar 30 M an die hungrigsten Gläubiger gezahlt, und nächstens wird wieder Bett und Wäsche ausgelöst, was wieder 50 ausmacht.

Und schließlich, wenn ich ein Kind habe, kann ich unmöglich alles allein machen, a wegen meiner schwachen Kräfte – Gott weiß wie es damit stehen wird –, b weil ich arbeiten muß, um was zu verdienen.

Die Wohnung hat 3 Zimmer. Eins muß als Mädchenzimmer und zum Kochen dienen, eins als Arbeits-Wohnzimmer und das andere zum Schlafen und für das Kind. Ich freue mich so darauf, endlich eine Art Heim zu haben, ich bin diese Wirtschaft mit Spiritusmaschine so müde, ich kann gar nicht sagen wie sehr.

Überhaupt wird jetzt alles anders werden. Ich habe die feste Absicht, mit meiner »Vergangenheit« völlig zu brechen, – ich kann wohl sagen, ich habe schon damit gebrochen, – seit ich das Kind in mir fühle. Es ist mir beinah, als ob das mir das Leben gerettet hat, um es noch einmal neu anzufangen.

– Vor einiger Zeit war ich bei Dr. Heinss, der mir erzählte, bis jetzt wären 3 Kurgäste in Pullach. Sehr komisch wie er es mir zart zu verstehen gab, daß ich lieber nicht dorthin kommen soll, weil seine Frau für meine Sachlage nicht das rechte Verständnis haben würde.

Wie leid tut es mir, daß es Dir mit Deinen Nerven wieder schlecht geht, ... ist vielleicht gar nicht so übel. Aber die Hauptsache wäre, die Ursache zu beseitigen. Kannst Du Dich nicht irgendwie etablieren, anstatt zu reisen? Ich fürchte, Du wirst Dich immer wieder damit kaputt machen.

Wo gehst Du denn diesen Sommer hin, wenn Du Urlaub hast. Ich glaube, in allen Kuranstalten wird man nur noch nervöser. Du solltest stattdessen Fußtouren machen oder so was.

Aber jetzt versagen meine Schreibkräfte allmählich. Leb also wohl für heute und laß wieder von Dir hören, vom 1. Juli ist meine Adresse Georgenstraße 29. 1000 Grüße

F.

 

M. 26.7.97

Mein lieber Paul,

habe wieder viel herzlichen Dank für Deinen Brief. Du hattest so lange nichts von Dir hören lassen. Ja, wann wir uns wohl einmal sehen werden. Und es wäre so schön, ich denke oft, ich kann es gar nicht mehr aushalten, so gänzlich allein, nur einmal einen Menschen, der mich versteht und zu dem ich sprechen könnte. Und das Schreiben, was ist es dagegen, Du sagst es ja auch in Deinem heutigen Brief, daß man so vieles einander sagen möchte, was das Papier nicht verträgt.

Und jetzt ist mir oft das Herz so voll – es ist sonderbar und ich hätte das früher gewiß für Unsinn gehalten, wenn man es mir gesagt hätte. Aber ich fühle mich jetzt so gänzlich umgewandelt, als ob ich nun endlich die Lösung gefunden hätte zu mir selbst. Siehst Du, ich habe so arg unter mir selbst gelitten, unter meinem Leichtsinn und alledem. Und nun ist das alles einfach weg. Es liegt doch alles bei mir jetzt so unglücklich, wie nur möglich, daß ich allein bin, krank bin etc., und doch bin ich so glücklich wie noch nie. Es war das Beste, was mir geschehen konnte – das klingt schon beinah wie Laura Marholm.

– Aber es ist so, als ob das alles, was einem im Leben verkehrt gegangen ist, einen Ausgleich finden sollte. Ich habe nie Mutterliebe gehabt, ich habe alles andere verloren, und jetzt soll das Kind mir alles ersetzen. Und jetzt schon, wo noch alles so ungewiß ist, aber wo ich sein Leben in mir von Woche zu Woche deutlicher fühle, da macht mich das schon ganz glücklich und hilft mir über alles hinweg, ich freue mich beinah auf all die Schmerzen, die noch zu überstehen sind –

Aber auch wieder empfindet man die Heimlosigkeit und all das doppelt. Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege.

Da muß man nun noch herumsuchen und irren, bis man den Platz gefunden hat, wo es zur Welt kommen darf. Mein Arzt will mich in Tübingen billig unterbringen und deshalb will ich erst an den Bodensee herunter gehen, um die 2 Monate mich der Welt zu entziehen und weil es von dort nicht so weit ist und schließlich weil es dort besseres Klima ist und billig.

M. 14.8.97

 

Mein lieber Paul,

hab vielen Dank für Deinen Brief und sei mir nicht böse über das, was ich Dir heute zu sagen habe.

Ich habe meinen Mann wiedergesehen, und ich habe wieder eine Hoffnung, daß wir doch noch wieder zusammen kommen, wenn auch vielleicht noch längere Zeit darüber vergehen wird. Und ich bin fest entschlossen, für diese Hoffnung allein zu leben in allem, und habe ihm gesagt, daß ich mit allem, was jemals in meiner Vergangenheit gewesen ist, jede Verbindung gelöst habe. Mißversteh mich nicht, Paul, ich habe nicht das Gefühl, als ob in unserem Verkehr etwas Unrechtes liegt. Du bist ja während dieses ganzen Jahres wie ein Bruder für mich gewesen, was sage ich, mehr wie ein Bruder. Und doch wirst Du es verstehen wenn auch das sein muß, wenn ich nicht mehr schreiben kann. Ich muß jetzt ihm gegenüber ein völlig freies Gewissen haben, dann kann noch einmal alles gut werden. Sei mir nicht böse, halte mich nicht für undankbar und kaltherzig. Ich werde an Dich niemals anders wie mit Wärme und Dankbarkeit denken – und wenn ich Dir gegenüber nicht so fühlte, wie ich es tu, dann würde ich Dir nicht so offen das sagen. Es wird mir ja so schwer, Dir zu sagen – schreibe mir nicht mehr. Aber ich rechne darauf, daß Du mich verstehst und mir nicht böse bist. – Vergiß mich nicht, ich werde auch nie vergessen, was Du mir gewesen bist.

Für mich fängt jetzt ein ganz anderes Leben an, aber ich fühle endlich die Kraft dazu. – Auch dazu, jedes Opfer zu bringen, was das von mir verlangt.

Und was soll ich weiter noch schreiben? Wenn mein Kind da ist, werde ich Dir noch einmal Nachricht geben, weil ich weiß, daß Du daran denken wirst, wie es mit mir geht. Es wird wohl bald sein – und ich schreib Dir deshalb jetzt noch vorher, da in dem Fall ich sehr krank werden sollte, Briefe in andere Hände geraten könnten. – Deshalb bitte ich Dich, schreib mir nicht mehr. – Und sei mir nicht böse. Hab Dank für Alles, was Du mir gewesen bist.

Deine Fanny

 

M. 20.9.97

Mein lieber Paul,

nun will ich Dir noch einmal schreiben und Dir vor allem Dank sagen für Deinen guten lieben Brief. Hab Dank, daß Du mich verstanden hast, es tut mir weh, von Dir Abschied zu nehmen – ich werde Dich nicht vergessen und es wird immer ein tiefes und warmes Gefühl sein, mit dem ich Deiner gedenke.

Nun ist mein kleiner Junge schon 3 Wochen auf der Welt. Ein schönes kräftiges Kind mit großen blauen Augen. Gott sei Dank, daß es so gesund ist, ich hatte immer Angst, daß es schwächlich sein würde. Die Entbindung war sehr schwer, zwei Ärzte, Zangen, Narkose etc. Ohne die Ärzte hätte es mich wohl bald das Leben gekostet, das Kind war zu groß. Und dazu all meine alten Geschichten. Es drohte nachträglich noch Entzündung. Ich hatte die ganzen Tage Fieber und große Schmerzen. Aber nachher habe ich alles schnell überwunden und bin jetzt schon seit ein paar Tagen wieder auf und ganz mobil.

Der Kleine ist meine ganze Freude und doch bin ich sehr traurig gestimmt, wenn ich so an alles denke. Wie es nun wohl alles werden wird. Ich hoffe meinen Mann Weihnachten zu sehen, vielleicht wird sichs dann entscheiden. Deinen Wunsch, lieber Paul, werde ich nicht vergessen. So bald ich wieder arbeiten kann, sollst Du ein Andenken erhalten.

Und nun leb wohl

Deine Fanny

 

München, 18.5.98
Hohenzollernstraße 1 c Rg.

Mein lieber Paul,

hab Dank, daß Du meiner gedacht hast. Wirklich beim Anblick Deiner Karte sind mir Tränen in die Augen gekommen, es war der einzige Brief, den ich heute erhalten und was magst Du von mir denken, daß ich nicht ein einziges Mal an Dich geschrieben habe. Nach meinem letzten Brief an Dich konnte ich mich nicht dazu entschließen, obgleich der Grund, der mich damals dazu trieb, nicht mehr besteht. Und glaub mir, ich habe Deine treue Freundschaft oft entbehrt, und es ist mir eine große Freude, sie nicht verloren zu haben. Nun ist es bald ein Jahr, daß wir nichts mehr voneinander gehört haben. Wie mag es Dir seitdem ergangen sein, führst Du noch das unstete Reiseleben und was hast Du für Zukunftspläne? Nun will ich Dir erst von mir erzählen – was ich damals hoffte, hat sich nicht erfüllt. Mein Mann hat allem ein Ende gemacht, nachdem das Kind geboren war. Wir hören nichts mehr voneinander. Ich habe damals geglaubt, diesen Schlag nicht überwinden zu können, nachdem ich meine ganze Seele an diese Hoffnung geklammert hatte. – Aber mein Kind hat mich gerettet, ich habe die Ruhe und das Glück wieder gefunden – ein großes unendliches Glück, wie ich es noch nie empfunden habe. Mein kleiner Rolf ist ein schönes gesundes Kind, und wenn er in seinem Bettchen sitzt und mich mit seinen großen Augen anschaut, dann wird mir alles leicht, und das Vergangene weicht immer mehr zurück. Aber es waren oft schwere Zeiten, lieber Paul, mit meiner Gesundheit habe ich nach wie vor zu kämpfen, über kurz oder lang muß ich wieder operiert werden, und oft ist es recht arg. Und dabei so viel Arbeit, daß ich kaum einen freien Moment finde. Wie er 8 Wochen alt war, habe ich mein Mädchen entlassen und seitdem mit einer Zugeherin gewirtschaftet, die vormittags kommt. Du kannst Dir denken, was es da alles zu tun gibt, und mein Hausstand ist nach aller Urteil tadellos in Ordnung. Du würdest Dich wundern, wie anders es jetzt ausschaut wie einst im Atelier. Ich habe eine sehr nette Wohnung mit 3 Zimmern und Küche und Garten (25 M!). Dabei furchtbar viele Übersetzungen, oft ist es Tag und Nacht durchgegangen. Es ist jetzt viel schwerer zu arbeiten, wenn man ein kleines Kind neben sich hat, das jeden Augenblick etwas braucht oder schreit, wenn man nachdenken muß.

Und dann will ich Dir etwas erzählen, was ich sonst ängstlich vor meinen Bekannten geheim halte, ich bilde mich jetzt zur Bühne aus. Es ist hier eine Theaterschule, und ich habe mich prüfen lassen und bin vorläufig für brauchbar erklärt worden. Bis zum Oktober bin ich »fertig«, und wenn ich dann Glück habe (natürlich ist alles noch »wenn«) kann ich mich doch besser durchbringen und für Rolfs Zukunft sorgen. Aber nun mach Dir einen Begriff, in was für einer Hetze ich lebe. Haushalt, Kind (das natürlich die erste Rolle spielt und vor nichts zurückstehen darf), Übersetzen – Rollen lernen, üben und dreimal in der Woche Unterricht. Es ist sehr weit weg, und nimmt einen ganzen Vormittag. Übrigens habe ich erst die zweite Stunde hinter mir. Aber zu meinem Trost hat mir der Direktor gesagt, er würde schon etwas aus mir machen können. Es wird mich die Ausbildung 3-400 M kosten, die ich diesen Sommer zu verdienen hoffe.

Ich habe den Winter über wahnsinnig gespart und habe jetzt zum erstenmal einen Monat vor mir, wo ich mehr wie 20 M für meinen eigenen Unterhalt anwenden kann. Ich bin so heruntergekommen, daß ich kein reguläres Mittagessen mehr vertragen konnte, aber jetzt füttere ich mich wieder rauf.

Ich will Dir aber nicht zu viel Schauergeschichten erzählen, es wird und muß jetzt vorwärts gehen.

Könntest Du jetzt einmal einen Blick zu mir herein tun, mein ganzer Schreibtisch liegt voll von Übersetzungen. Daneben steht der Kinderwagen, und der Bubi sitzt darin und klappert mit seinem Spielzeug. – Ich schicke Dir sein und mein Bild, das worauf er allein ist, schickst Du mir vielleicht zurück, da es das letzte ist, was ich besitze.

Für heute will ich schließen, ich muß die Wäsche aus dem Hof holen und den Kleinen zu Bett bringen.

Lieber Paul, laß mich bald wieder von Dir hören und hab auch vielen Dank.

Deine Fanny

 

26.12.99

Lieber guter Paul,

soeben kommt Deine höchst erfreuliche Sendung. Hab herzlichen Dank für dieselbe wie für Deinen Brief – ich weiß, Du liebst nicht, wenn man viel Worte macht. So sage ich denn nur kurz ich habe mich sehr gefreut. Du hast ein besonderes Talent, das ausfindig zu machen, was meinem Herzen wohl gefällt.

Nein, lieber Paul, die 100 M habe ich nicht vergessen, sie stehen schrecklich mahnend in meinem Haushaltsbuch und in meinem Herzen angeschrieben – und wenn ich sie unerwähnt ließ, so war es nur, weil sie mich schon so drücken, daß ich gar keine Worte mehr dafür habe, und es geradezu als eine Schamlosigkeit empfinde, daß ich Dich trotzdem jetzt wieder um 50 M anpumpe. Voilà – Nun ich denke in nächster Zeit so zu arbeiten, daß ich allmählich wieder aus dem Dalles herauskomme. Donnerstag ist die entscheidende Untersuchung, wo die Ärzte konfratieren werden, ob die Operation überhaupt versucht werden soll. Bete für mich.

Und nun leb wohl lieber Paul, ich schreibe demnächst länger und schicke Dir Bücher.

Einstweilen mit herzlichem Dank und Gruß

Deine Fanny

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