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Autobiographische Schriften

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Autobiographische Schriften - Kapitel 8
Quellenangabe
typeautobio
authorFjodr Michailowitsch Dostojewski
titleAutobiographische Schriften
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1919
translatorE. K. Rahsin
correctorreuters@abc.de
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Petersburg.

»Die Gespräche in unserem neuen, nicht großen Freundeskreise«, so erzählt Miljukoff, »glichen nun schon in vielem nicht mehr jenen, die seinerzeit bei Duroff geführt worden waren. Und hätte es überhaupt anders sein können? In diesen zehn Jahren hatten Westeuropa und Rußland gleichsam die Rollen getauscht. Dort waren die humanitären Utopien, die uns ehemals so hingerissen hatten, wie Rauch verflogen und die Reaktion triumphierte in allem; bei uns aber begann sich nun vieles von dem, wovon wir damals geträumt hatten, zu verwirklichen, und es wurden Reformen eingeführt oder vorbereitet, die das russische Leben erneuerten oder zu erneuern versprachen. So versteht es sich wohl von selbst, daß in unseren Gesprächen der frühere Pessimismus nicht mehr vorhanden war«, schließt Miljukoff.

In der Tat: man wußte 1859 bereits allgemein, daß die Vorarbeiten zur Aufhebung der Leibeigenschaft nun wirklich im Gange waren, und man wußte überdies, daß nach Allerhöchstem Willen die Bauern »mit Land« befreit werden sollten. Nun bestand aber schon von jeher über die Frage, ob die Bauern mit oder ohne Zuteilung von Land zu befreien seien, ein Gegensatz zwischen der Minderheit und der »vornehmen« Mehrheit, deren Anwalt (der Historiker Karamsin) noch unter Alexander I. die Zuteilung von Land an die Bauern nicht anders als »die Verletzung der heiligen Rechte des Eigentums« genannt hatte. Unter Alexander II. fehlte der »gekränkten« Partei ein so hervorragender Vertreter wie Karamsin, und so kam denn ihre Gegnerschaft nur in inoffiziellem, doch nichts destoweniger hartnäckigem und folgerichtigem Zuwiderhandeln gegen die große Reform zum Ausdruck – indem man mit Entstellungen und Verzögerungen in der unmittelbaren Anwendung der Verordnungen und ihrer Konsequenzen arbeitete.Die Gegner dieser Form der Bauernbefreiung – tatsächlich ist durch die gleichzeitige Zuteilung von Land an die Bauern ein überaus großer Teil der Grundbesitzer ruiniert worden – hatten meist die höchsten Ämter inne, und so geschah es häufig, daß die vom Kaiser gewünschten freiheitlichen Reformen ihren entschiedensten Gegnern zur Ausführung übergeben wurden. Neuerdings mehren sich die Stimmen, die in jener Bauernbefreiung, die den einzelnen Bauern nicht zum Landbesitzer, sondern zum Landproletarier oder Genossenschaftler machte – zu einem Arbeiter auf dem Gemeindeland – die Grundlage jener Ereignisse sehen, die sich seit 1917 in Rußland abspielen. Die von Stolypin und Kriwoschein begonnene Agrarreform – Aufhebung des Agrarkommunismus (»Mir«), das Land sollte Eigenbesitz des Bauern werden – wurde nach den ersten Versuchen vom Kriege unterbrochen, worin wiederum die äußerste Linke eine Bestätigung der welthistorischen Aufgabe Rußlands sieht: das Land der neuen Lebensordnung, der neuen Menschheit zu werden. E.K.R. Und andererseits: wenn der radikale Franzose Proudhon in seinem Briefe an J. SsamarinSlawophiler Publizist (1819–76), nächst den Begründern des Slawophilismus – Chomjäkoff, Kirejewski, Akssakoff – der einflußreichste Vertreter der Partei. E.K.R. fand, daß, nach der großen Tat vom 19. Februar, Herzens oppositionelle Zeitschrift (»Die Glocke«) nun verstummen mußte, so waren die russischen liberal-oppositionellen Menschen keineswegs derselben Ansicht. Als Turgenjeff ein paar Jahre später (1866–67) seinen Roman »Rauch« schrieb, da hatte er einerseits bereits eine ausgesprochene konservative »Fronde« zu schildern und anderseits radikale Kreise, in denen schon Lenker auftauchen konnten, die im Grunde einfach Anhänger des Systems der Leibeigenschaft waren, doch im Spiel mit revolutionärer Propaganda ihr Herz erleichterten. Man wollte bei uns nicht einsehen, daß – angesichts des Widerstandes, den der Kaiser von seiten der interessierten Klasse erfuhr, die auch nach dem 19. Februar 1861 den Kampf noch längst nicht aufgab – nun alle, die in unserer Gesellschaft uneigennützig dachten und wirklich die Freiheit liebten, sich einmütig um den Kaiser hätten scharen müssen, zur Mitwirkung an der großen aufbauenden Arbeit. Statt dessen wurde bei uns schon seit 1856 behauptet, nur dann sei eine

»... Sache dauerhaft,
Wenn Blut für sie vergossen wird.«

Allen Andersdenkenden, die sich zu solchen Theorien nicht bekehren ließen, wurde Mangel an bürgerlichem Mut vorgeworfen. Schon damals begann man uns eindringlich das Sterben zu lehren, zu einer Zeit, als man uns zu leben hätte lehren sollen – ehrlich, aufopfernd, standhaft zu leben. Und als Lebensgesetze prägte man uns schon seit dem Anfang der sechziger Jahre Sentenzen ein, wie z. B.: »Gut ist der Mensch dann, wenn er zur Erlangung von Angenehmem für sich, anderen Angenehmes zufügen muß; schlecht ist der Mensch dann, wenn er gezwungen ist, zur Erlangung von Angenehmem für sich, anderen Unangenehmes zuzufügen.« Eine so unzweideutige Ausschaltung der Menschenseele mit ihrer inneren sittlichen Tat begann also bei uns in einem Augenblick, als die aufbauenden Männer der Zeit, gleich J. Ssamarin, der Ansicht waren, gerade jetzt täte uns inneres Heldentum not, »Die Predigt des Materialismus in Rußland« erschien Ssamarin gerade vor der Tat der Bauernbefreiung ganz besonders unangebracht, wie er in einem seiner Artikel bemerkte, bezugnehmend auf die damalige Kritik, die in einem 1858 erschienenen Buch eine »Erniedrigung der Persönlichkeit« entdeckte, weil darin von dem Prinzip der Selbstlosigkeit als von der notwendigen Begleiterscheinung des Prinzips der persönlichen Selbständigkeit die Rede war. Ich erinnere mich auch noch, wie mir ein Mann von großem Verstande und viel Erfahrung, einer, der außerhalb aller Parteien stand – der verstorbene Professor NikitenkoSchriftsteller und Zensor, als Leibeigener geboren. E.K.R. – jene mir damals ganz unverständliche Wut gegen dieses Buch erklärte »So brauchen es jene Leute, deren Aufgabe es ist, alles ins Wanken zu bringen«. Die Richtigkeit dieser Bemerkung bestätigte mir später eine Gravüre – das Bild eines talentvollen Jünglings, der in den sechziger Jahren für die neueste Autorität in unserer Kritik galt: Hielt man das Blatt gegen das Licht, so konnte man unter dem Namenszug des Jünglings die Worte lesen: »Das Werk der Zerstörung ist getan, – das Werk des Aufbaues steht bevor und wird nicht nur eine Generation beschäftigen.«

Das also fand der Mensch bei uns vor, der aus Sibirien an Wrangel geschrieben hatte: »Mehr Glauben, mehr Einheit, und wenn noch Liebe hinzukommt, dann ist alles getan!«

Jene Treibereien der Linien kamen aber den Unzufriedenen der Herrenpartei sehr gelegen. Mit dem revolutionären Radikalismus ging der Konservatismus, wenn auch vom anderen Ende ausgehend, nun unmittelbar zusammen, dieser Konservatismus, den J. Ssamarin richtig durchschaute und als »genau so revolutionär« bezeichnete. Das französische Sprichwort »les extrêmes se touchent« fand bei uns die glänzendste Bestätigung. Das konnte ein jeder wahrnehmen, der zufällig jenen denkwürdigen »literarischen Abend« miterlebte, der im Frühjahr 1862, gleich vielen anderen Festlichkeiten, zur Feier des tausendjährigen Bestehens Rußlands veranstaltet wurde.

Anmerkung: O. Miller setzt die Vorgeschichte des erwähnten Ereignisses als noch erinnerlich oder bekannt voraus und begnügt sich daher mit einer kurzen Beleuchtung einiger Einzelheiten. Da nun diese seine Voraussetzung bei dem deutschen Leser von heute nicht zutrifft, die Aufzeichnungen anderer Zeitgenossen aber aus Zensurgründen manche »Triebfedern« kaum andeuten dürfen, wird hier zunächst eine Darstellung der Sachlage von I. Eckardt angeführt aus seinen »St. Petersburger Beiträgen zur neuesten russischen Geschichte«, die er 1881 anonym und nicht in Rußland erscheinen ließ (im Verlage von Duncker & Humblot, Leipzig).

Nach Eckardt ist »der für die gesamte spätere Entwicklung so außerordentlich verhängnisvoll gewordene Petersburger Studentenkrawall vom Herbst 1861 ... lediglich dadurch veranlaßt worden, daß der (neue) Universitätskurator Philipson zu den Freiheiten scheel sah, die der Kaiser persönlich und der frühere Unterrichtsminister Kowalewski der akademischen Jugend erteilt hatten, und daß der damalige Generalgouverneur von Petersburg Ignatjeff Studenten und Professoren grundsätzlich verabscheute und von Zugeständnissen an ›Zivilisten‹ überhaupt nichts wissen wollte«. 1861 war u. a. auch die der militärischen sehr ähnliche Studentenuniform abgeschafft worden, um – alsbald wieder eingeführt zu werden.

N. N. Strachoff, der Mitherausgeber der »Materialien zur Lebensbeschreibung Dostojewskis«, der als Anhänger der Hegelschen Rechten dieselben Vorgänge von einem konservativeren Standpunkt aus sieht als es O. Miller tut, gibt in seinen »Erinnerungen an Dostojewski« einen weiteren Überblick über die Vorgeschichte der Studentenunruhen, der gleichzeitig einen Einblick in die Petersburger Stimmung jener Zeit gewahrt und auch Dostojewskis politische Stellungnahme beleuchtet, weshalb seine Ausführungen über die »Studentengeschichte« hier in folgendem wiedergegeben sind:

»Ich will nun eines der wichtigen Ereignisse jener Zeit erzählen, die sogenannte Studentengeschichte, die sich zu Ende des Jahres 1861 abspielte und die den damaligen Zustand der Gesellschaft am besten beleuchtet. In dieser Geschichte wirkten wahrscheinlich verschiedene innere Triebfedern mit; doch diese werde ich nicht berühren,«(Als Strachoff 1883 unter Alexander III. dies schrieb, wären Angaben, wie Eckardt sie gibt, von der Zensur nicht durchgelassen worden. E. K. R.) »sondern werde nur ihre äußere, öffentliche Erscheinung schildern, die für die Mehrzahl der handelnden Personen, wie für die Mehrzahl der Zuschauer die größere Bedeutung hatte.

»Die Universität, an der infolge des Zustroms von Liberalismus ein reges Leben herrschte, begann von diesem Leben mehr und mehr überzuschäumen; doch zum Unglück war das ein Leben, das die Beschäftigung mit der Wissenschaft verdrängte. Die Studenten hielten Versammlungen ab, gründeten eine Kasse, gründeten eine Bibliothek, gaben ein Sammelwerk heraus, führten eine Art Gerichtshof ein, in dem sie über ihre Kameraden das Richteramt ausübten, usw.; aber alles dieses zerstreute und beschäftigte sie so sehr, daß die Mehrzahl von ihnen, und sogar viele der Klügsten und Begabtesten, schließlich aufhörte, sich auch noch mit ihrem eigentlichen Studium zu befassen. Hinzu kam, daß es auch noch andere Unzulässigkeiten gab, d. h. Überschreitungen aller möglichen Dispense, und so entschloß sich die Universitätsbehörde zu guter Letzt, Maßregeln zu ergreifen, um diesem Lauf der Dinge ein Ende zu machen. Um sich eine unbestreitbare Autorität zu sichern, erwirkte sie einen allerhöchsten Befehl, durch den Zusammenkünfte, Kassen, Deputationen und Ähnliches den Studenten verboten wurden. Der Befehl wurde während der Sommerferien ausgegeben, und als die Studenten im Herbst sich wieder auf der Universität einfanden, mußte er in Anwendung gebracht werden. Die Studenten beschlossen, sich zu widersetzen, einigten sich aber auf die einzige Art von Widerstand, die mit liberalen Grundsätzen vereinbar ist, d. h. auf den ausschließlich passiven. Sie benutzten nun die verschiedensten Vorwände, um den Behörden möglichst viel Arbeit und der ganzen Sache möglichst viel öffentliches Aufsehen zu verschaffen. Und richtig brachten sie sehr geschickt den größten Skandal zustande, den man auf die Weise überhaupt in Szene setzen konnte. Die Regierung war zwei- oder dreimal gezwungen, sie mitten am Tage von der Straße in großen Scharen fortzuführen. Zur noch größeren Freude der Studenten wurden sie sogar in die Peter-Pauls-Festung gesetzt. Sie unterwarfen sich ohne Widerspruch diesem Arrest, dann der Verurteilung und Verschickung, – die für viele sehr schwer und langwährend ausfiel. Nachdem sie das getan hatten, glaubten sie, alles getan zu haben, was nötig war, d. h. sie hatten laut die Verletzung ihrer Rechte festgestellt, waren selbst nicht über die Grenzen der Gesetzlichkeit geschritten und hatten eine schwere Strafe auf sich genommen, gleichsam nur darum, weil sie für ihre Forderungen einstanden.

»Obwohl nun diese juridischen Begriffe auf Studierende eigentlich nicht anwendbar sind, so muß man doch sagen, daß die Studenten dieses liberal-juridische Drama zur Belehrung der übrigen Bürger tadellos und mit echter Begeisterung durchführten. Es war durchaus kein Aufruhr, nicht einmal einer im kleinsten Maßstäbe. Das Interessanteste und Charakteristischste dabei war aber, daß sich schon damals sofort Leute fanden, die diese Studentengeschichte gar zu gern in einen Aufruhr verwandelt hätten; ja, daß diese Leute mit den Studenten schon in Verbindung zu treten suchten und sich mit Vorschlägen an sie heranmachten, wie z. B. ein Verbrechen zu begehen, durch das die Regierung in die Enge getrieben werden würde, u. a. m. Die revolutionären Elemente in der Gesellschaft waren schon herangereift; doch diesmal bewahrte der Liberalismus seine Reinheit, und so hatte es denn bei der lauten Demonstration sein Bewenden, also gewissermaßen bei einer öffentlichen Anklage vor der gesellschaftlichen Meinung. Um deswillen hatten viele junge Leute die Laufbahn ihres Lebens frohen Herzens für immer verdorben.

»Natürlich sprach nun die ganze Stadt von nichts anderem als von den Studenten. Die Verhafteten durften besucht werden und so kamen täglich eine Menge Menschen in die Festung, schon um den Studenten ihre Anteilnahme zu bezeugen. Auch von der Redaktion der ›Zeit‹ wurde ihnen ein Gastgeschenk gesandt.« (Strachoff war einer der Hauptmitarbeiter an dieser literarischen Monatsschrift, die die Brüder Dostojewski seit 1861 herausgaben, bis die Zeitschrift im Mai 1863 wegen eines von der Zensur mißverstandenen, in Wirklichkeit sehr national gedachten Artikels von Strachoff über die Polenfrage sistiert wurde. Vgl. Bd. XII der deutsch. Ausg. E. K. R.) »Bei Michail Michailowitsch wurde ein riesiges Roastbeef gebraten und mit einer Flasche Kognak und einer Flasche Rotwein in die Festung geschickt. Und als man diejenigen Studenten, die man als die Schuldigsten befunden hatte, schließlich zu verschicken begann, da wurden sie von Verwandten und Bekannten noch weit über das Weichbild der Stadt hinaus begleitet. Der Abschied war geräuschvoll und fand unter vielseitiger Beteiligung statt, und die Verschickten schauten zum größten Teil wie Helden drein.

»Der weitere Verlauf dieser Geschichte spielte sich in demselben Geiste ab. Die Universität wurde geschlossen: man wollte sie einer vollständigen Umgestaltung unterwerfen. Da baten die Professoren um die Erlaubnis, öffentliche Vorlesungen zu halten, und erhielten diese Erlaubnis ohne Mühe. Die Duma (der Stadtrat) überließ ihnen ihre Säle und die Universitätskurse fanden von nun an außerhalb der Universität ihre Fortsetzung, Alle Mühe für das Zustandekommen der Vorlesungen, sowie alle Sorge für die Aufrechterhaltung der Ordnung nahmen die Studenten auf sich und waren mit dieser neuen, freien Universität sehr zufrieden und sehr stolz auf ihre Leistung. »Aber ihre Gedanken waren doch nicht bei der Wissenschaft, um die sie sich allem Anscheine nach so mühten, sondern waren mit etwas anderem beschäftigt, und das verdarb schließlich alles. Den Anlaß zur Aufhebung dieser Duma-Universität gab im Frühjahr 1862 der bewußte literarisch-musikalische Abend vom 2. März, Dieser Abend war im Grunde mit der Absicht veranstaltet worden, gewissermaßen eine Schau aller führenden fortschrittlich gesinnten literarischen Kräfte zu bieten. Die Auswahl der Schriftsteller war denn auch in diesem Sinne mit größter Sorgfalt vorgenommen worden; und in demselben Sinne war auch das Publikum das sorgsam ausgewählteste. Sogar die Musikstücke, mit denen die literarischen Vorträge abwechselten, wurden von den Frauen und Töchtern der Schriftsteller der guten Richtung ausgeführt. Fjodor Michailowitsch befand sich unter den Lesenden und seine Nichte unter den Mitwirkenden. Die Hauptsache jedoch war nicht das, was vorgetragen wurde, sondern waren die Ovationen, die man den Vertretern der fortschrittlichen Ideen darbrachte. Der Lärm, der Enthusiasmus war ein ungeheurer. Es hat mir später immer geschienen, daß die liberale Bewegung in unserer Gesellschaft an diesem Abend ihren höchsten Punkt erreichte, der zugleich der Kulminationspunkt unserer in der Luft sich abspielenden Revolution war. Eine der Episoden dieses Abends bildete den Anfang des schnellen Verfalls und der Enttäuschung unserer damaligen Fortschrittsbewegung. Es begann damit, daß Professor P-ff. seinen Artikel, der wie alles an diesem Abend Vorgetragene von der Zensur genehmigt worden war, wohl ohne jede Wortänderung, jedoch mit so ausdrucksvollen Betonungen und Gesten vortrug, daß alles einen ganz zensurwidrigen Sinn erhielt. Es erhob sich ein wahres Freudengeheul, ein nicht zu beschreibender Beifallsorkan. Noch siehe da: am nächsten Tage verbreitet sich überall die Kunde, daß Professor P. verhaftet und aus Petersburg bereits entfernt worden sei. Was war nun zu tun? Gegen eine solche Maßregel mußte man protestieren, aber wie, in welcher Form? Die Studenten folgerten ganz richtig, daß die Entfernung des einen Professors eine Drohung für die übrigen Professoren in sich schloß, so daß diese ihre Vorlesungen nicht gut fortsetzen konnten, wenn sie nicht gerade zu zeigen wünschten, daß sie ihren Kollegen für schuldig hielten, selbst aber vor der Regierung schuldlos dastehen wollten. So wurde denn beschlossen, die Duma-Universität zu schließen und damit gegen solche Eingriffe zu protestieren. Es war das ein Protest von der Art, wie unter Umständen die Professoren ihren Abschied zu nehmen pflegen – ein bekanntlich sich fortwährend wiederholender Vorgang an den russischen Universitäten, etwas Ähnliches wie der japanische Selbstmord. Die Studenten setzten bei dieser Beschlußfassung natürlich voraus, daß die ganze Gesellschaft von Schmerz und Zorn erschüttert sein werde, wenn die Universität, diese Hauptquelle ihrer Aufklärung, plötzlich geschlossen wurde. Die Professoren willigten denn auch ein, ihre Vorlesungen abzusagen, wie es die Studenten wünschten; nur einer oder zwei von ihnen setzten ihre Vorlesungen fort, wofür ihnen die Hörer Skandale zu machen begannen. Da griff schließlich die Regierung ein und machte der Sache ein Ende, indem sie den Professoren überhaupt verbot, öffentliche Vorlesungen zu halten.

»Was war nun das Ergebnis der ganzen Affäre? Es wurde sofort offenbar, daß die schlaue Berechnung, die Gesellschaft zu erregen und gegen die Regierung aufzubringen, vollkommen fehlgegangen war. Die Gesellschaft rührte sich nicht, und, statt zu wachsen, erlosch die Erregung vollständig. Die Anführer in dieser Sache hatten gar zu naiv geglaubt, daß der Lärm, der in ihren Studentenkreisen herrschte, der Ausdruck der allgemeinen Stimmung sei, und daß es ein leichtes wäre, das Publikum zu täuschen. In Wirklichkeit aber konnte doch niemand ernstlich daran glauben, daß man in der Regierung den Feind und Bedrücker der Aufklärung zu sehen habe. Die Unterlage der Sache war denn auch allen nur zu sichtbar, besonders als gleich darauf Proklamationen aufzutauchen begannen, eine nach der anderen, Proklamationen, von denen die erste hunderttausend Menschen als dem, allgemeinen Wohl in Rußland im Wege stehend erklärte, während die letzte schon unverhüllt drohte, ›die Straßen mit Blut zu überschwemmen und keinen Stein auf dem anderen zu lassen‹. Jedenfalls sah sich die Regierung, die in ihren Maßnahmen stets den liberalen Charakter zu wahren suchte, in eine recht schwierige Lage versetzt; es zeigte sich, daß jede liberale Maßnahme in der Gesellschaft eine Bewegung hervorruft, die sich der Maßnahme zu ihren Zwecken zu bedienen sucht, zu Zwecken, die nicht liberal, sondern durchaus radikal sind. Diese schwierige Lage der Regierung wurde erst durch die Petersburger Brände, die augenscheinlich infolge planmäßiger Brandstiftung entstanden, und den polnischen Aufstand beseitigt, als es endlich klar wurde, daß man das Böse, das so erschreckende Dimensionen annahm, nicht dulden und nicht seinem natürlichen Lauf überlassen darf.«

So weit N. N. Strachoff.

Nach den Aufzeichnungen J. Eckardts folgte »der Krisis vom Herbst 1861 allerdings etwas wie ein Systemwechsel ... Aber das durch die bisherigen Widersprüche erzeugte und von den bereits damals außerordentlich zahlreichen Radikalen genährte Mißtrauen gegen die Umgebung des Kaisers ließ sich nicht mehr völlig beschwichtigen und – die folgenden Maßregeln waren ebenso widerspruchsvoll wie die vorhergehenden,« Diese Widersprüche in den Regierungsmaßnahmen erklärt Eckardt zum Teil dadurch, daß in den höchsten Ämtern Reaktionäre und Liberale einander »in regelmäßigem Turnus ablösten«.

Zur Geschichte der Zeit sei hier bemerkt, daß den Studentenunruhen, den Proklamationen, den Brandstiftungen, den seit der Bauernemanzipation stetig zunehmenden Agrarunruhen, dem Polnischen Aufstande usw. – am 4. Sept. 1866 bereits das erste Attentat auf das Leben Alexanders II., den »Zar-Befreier« erfolgte, der schließlich dem sechsten Attentat am 1. März 1881 zum Opfer fiel, vier Wochen nach dem Tode Dostojewskis.

E. K. R.

Die große Reform (die Aufhebung der Leibeigenschaft) war gewissermaßen am Vorabend der Jahrtausendfeier vollzogen worden, und so hätte man das Fest, sollte man meinen, mit beruhigtem Gewissen und »furchtlosem Blick nach vorwärts« begehen können. Doch als der die Festrede vortragende Professor der Universität auf das Maß von Bitternis zu sprechen kam, die das russische Volk im Laufe seines tausendjährigen Lebens zu trinken gehabt, und im Anschluß hieran sagte: »Zur Zeit der Thronbesteigung des heute glücklich regierenden Kaisers war der Becher zum Überlaufen gefüllt ...« – da ließ man ihn nicht zu Ende sprechen, daß der Kaiser nun jenen Überschuß von Bitternis, der sich durch die Leibeigenschaft angesammelt, aus dem Becher weggegossen hatte. Man faßte seine Worte in einem ganz anderen Sinne auf, als sie gemeint waren, und es brach ein wilder Beifallssturm und ein Bravogejubel aus. Ich erinnere mich noch genau, mit welch einem wollüstigen Entzücken damals gerade die Vertreter – nicht des Nihilismus (das sah man an dem Ordensschmuck, den sie trugen), ihren Beifall durch Applaus bekundeten, ungeachtet dessen, daß sie sich in ihren »heiligsten Rechten« verletzt fühlten. Als aber der Vortragende zu dem Satze kam: »Unsere Administratoren stehen am Rande eines Abgrundes ...«, da floß das Entzücken dieser Nihilisten (oder »Revolutionäre« nach Ssamarin) mit dem Entzücken jener Nihilisten zusammen – obschon selbstredend die nach dem Sprichwort sich nun berührenden »Extreme« oder entgegengesetzten Parteien bei der Bezeichnung »Administratoren« – keineswegs an ein und dieselben, sondern an ganz verschiedene Persönlichkeiten dachten.

Die Mehrzahl von uns erinnert sich natürlich noch der Folgen dieses Abends, an dem der bewußte Artikel über das Tausendjährige Rußland zum Vortrag gelangte. Der Redner hatte dafür zu büßen – allerdings nicht wegen der paar Worte, die er außer dem von der Zensur genehmigten Text sagte, sondern wegen der ungeheuren Wirkung seines Vortrags – der mißverstanden worden war. Ein Teil der studierenden Jugend verlangte nun von den Professoren, daß sie ihre Vorlesungen einstellten, da nach alledem, was vorgefallen war, eine Fortsetzung der Universitätskurse, die damals in den Sälen der Duma stattfanden, bereits undenkbar war. Einer der Professoren fand jedoch, daß man um einer Demonstration willen nicht die Wissenschaft aufgeben müsse, und verfocht seinen Standpunkt auch gegen die pfeifende und zischende Mehrheit. Der betreffende Professor mußte aber – ich glaube ganz gegen seinen Wunsch – den Abschied nehmen, obgleich seine selbständige Handlungsweise die Jugend gewiß eher eines Besseren hätte belehren können, als die vorhergegangene Festungshaft der Haupturheber jener Unruhen, die die Schließung der Universität veranlaßt hatten. Diese Festungshaft hatte in der Jugend bekanntlich nur den Eigendünkel erhöht, zumal sie sich zu ihrer Weigerung, die neuen Vorschriften anzunehmen, von einem durchaus ernsten und edlen Beweggrund hatten bestimmen lassen: es war das ihr Unvermögen, sich damit auszusöhnen, daß nach diesen Vorschriften von nun an alle für den Besuch der Vorlesungen ein Kollegiengeld zahlen mußten, »wodurch alle diejenigen jungen Leute, denen die Mittel dazu fehlten, den Zutritt zur höheren Bildung verloren«. Wer das nicht wußte, dem konnte diese Auflehnung wegen irgendwelcher »Matrikel« gerade jetzt in der großen Zeit der Bauernbefreiung tragi-komisch erscheinen! Das Volk wußte natürlich nicht, um was es sich handelte, und urteilte von seinem Gesichtspunkte aus: »Die jungen Herrlein revoltieren, weil man uns die Freiheit gegeben hat.«

Alles das zusammen bildete schon eine Reihe verwickelter, bunter Erscheinungen, die bereits entschieden jene Erscheinungen ankündigten, die von Dostojewski später in den »Dämonen« geschildert worden sind. Ich kann mich jetzt nicht mehr darauf besinnen, ob Dostojewski an jenem denkwürdigen Abend vor mehr als zwanzig Jahren auch zugegen war, – doch die wesentlichen Züge der Ereignisse jenes Abends finden wir wiedergegeben in den fast zehn Jahre später geschriebenen »Dämonen« (in der Schilderung des literarischen Vormittags, der zu einem wohltätigen Zweck veranstaltet wird, an dem es jedoch infolge einer unvorhergesehenen politischen Rede zu einem ungeheuren Skandal kommt). Aber ich erinnere mich noch lebhaft, wie ich zum erstenmal Dostojewski sah und vorlesen hörte: er las aus dem »Totenhause« die Sterbeszene des schwindsüchtigen Sträflings im Gefängnislazarett. Ich weiß nicht, ob er mit Absicht gerade dieses Kapitel gewählt hatte, das deutlich den ganzen Unterschied zwischen seinem Verhältnis zum Volk und dem Verhältnis jener, die ihn zum Lesen aufforderten, hervorhob – jene Besonderheit, auf Grund welcher er in demselben »Totenhause« sagt, daß unsere Intellektuellen dieses Volk nicht viel lehren könnten, – sondern selber vom Volk lernen müßten. Erst nach seinem Tode erfuhr ich, daß es ihm unangenehm war, gerade aus dem »Totenhause« vorzulesen, worum man ihn in der Regel ausdrücklich bat, – weil es als Anklage aufgefaßt werden konnte. Er begriff offenbar nur zu gut, daß man ja gerade um der Demonstration willen etwas aus dem »Totenhause« zu hören wünschte. Da ich ihn damals noch nicht persönlich kannte – ich lernte ihn erst in den siebziger Jahren kennen –, ahnte ich natürlich nicht, was für eine neue Folter dieser Mensch nun ertragen mußte, indem er sich unter Menschen fand, die ihn für einen der Ihrigen hielten, während er selbst sich unter ihnen als Fremden empfand. Dabei war er derselbe geblieben, der er damals war, als er im Freundeskreise Puschkins Gedicht vortrug, das man jetzt unter dem von ihm »vergötterten« Kaiser endlich frei vortragen durfte. Gerade deshalb »vergötterte« er ja diesen Kaiser: nicht, weil er ihn, Dostojewski, befreit hatte, sondern weil Puschkins Worte von dem »auf einen Wink des Zaren« befreiten Volk nun nicht mehr verboten waren. Er begriff, daß die Zeiten sich geändert hatten, – jene aber, die sich seiner um der Demonstration willen zu bedienen suchten, wollten das nicht begreifen. Ihre Eigenliebe oder ihre Machtliebe erlaubte ihnen nicht, einzugestehen, daß das Volk in seiner unerschütterlichen Hoffnung auf den Zaren recht behalten hatte. So war es denn ein in seiner Art ganz folgerichtiger Wunsch, dem Volke nun einzureden, daß es sich einer Selbsttäuschung hingebe, in Wirklichkeit jedoch nur betrogen worden sei. Die sich aber einmal aus diesen Weg gestellt hatten, mußten nach und nach dahin kommen, daß sie sich sogar zu der Not des Volkes schadenfroh verhielten – und auch hierin stimmten sie wieder mit den »revolutionären Konservativen« überein.

Es wäre der größte Kleinmut, alles das jetzt nicht einzugestehen, jetzt, nach jenem furchtbaren Tage vom 1. März 1881, der in unserer Geschichte als ein ewiger Zeuge einer noch nicht dagewesenen Undankbarkeit verbleiben wird, unserer schreienden Undankbarkeit gegenüber dem Urheber eines in der Weltgeschichte so einzig dastehenden Tages wie es der 19. Februar ist.

Doch aus dem »Tagebuch eines Schriftstellers« vom Jahre 1873 erfahren wir auch von Dostojewski selbst, wie er sich zu dem in den sechziger Jahren sich abspielenden Präludium jener in den »Dämonen« dargestellten späteren Erscheinungen verhielt. Er äußert sich hier mit seiner gewohnten Offenheit. Was ihn dazu veranlaßte, war das Gerücht, seine 1865 erschienene phantastische Satire »Das Krokodil« sei auf N. G. TschernyschewskiBedeutender literarischer Kritiker und radikaler Publizist (1828–1889, seit 1863 verbannt, starb in der Verbannung). Verehrer Lessings, Feuerbachs. Seit 1854 als Mitarbeiter, bald als Leiter der von Njekrassoff herausgegebenen Zeitschrift (»Der Zeitgenosse«, gegen den Dostojewskis »Zeit« – besonders Strachoff – später heftig polemisierte) gewissermaßen »Fortsetzer der literarischen Arbeit Bjelinskis«. Dem großen Einfluß seiner politischen Ideen auf die Jugend werden zum Teil auch die Studentenunruhen wegen der reaktionären Unterrichtspolitik zugeschrieben. Der Roman »Was tun?«, den er 1863 während seiner Untersuchungshaft in der Peter-Pauls-Festung schrieb – eine anschauliche Vorführung der Menschen und Einrichtungen, die er propagierte – hatte einen durchschlagenden Erfolg bei der jungen Generation. Die Geheimakten über seinen Prozeß sind von der »Dritten Abteilung« bis heute noch nicht veröffentlicht. Als vermeintlicher Verfasser der Proklamation »An die junge Generation« wurde Tschernyschewskis Mitarbeiter, der Dichter M. Michailoff, verschickt, während in Wirklichkeit ein anderer Mitarbeiter Tschernyschewskis, Schelgunoff, sie verfaßt hatte, Tschernyschewski nannte sich noch »Realist«; den »Realisten« zu Anfang der sechziger Jahre folgten die »Nihilisten« zu Ende des Jahrzehnts. In dem Tschernyschewski nahestehenden Kritiker und Mitarbeiter an derselben Zeitschrift Dobroljuboff, den man in vielem einen Schüler Tschernyschewskis nennen kann, glaubt man das Urbild von Turgenjeffs Basaroff – der erste Typ des Nihilisten im Roman »Väter und Söhne« – zu erkennen (vgl. Masaryk: »Zur russischen Geschichts- und Religionsphilosophie«, Verlag Diederichs, Jena). Auch Dostojewskis Pjotr Stepanowitsch Werchowenski – im Roman »Die Dämonen« – erinnert namentlich in seinem Verhalten zu dem »großen Schriftsteller« Karmasinoff, in dem Dostojewski Turgenjeff karikiert hat, an den jungen Dobroljuboff und dessen Umgang mit dem berühmten Turgenjeff. E. K. R. gemünzt gewesen. Er gibt deshalb seine ganze Unterredung mit dem Autor des Romans »Was tun?« über die damalige Verhetzung der Jugend wieder.

»Mit Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski bin ich gleich im ersten Jahre nach meiner Rückkehr aus Sibirien, 1859, zusammengetroffen,« erzählt er. »Ich erinnere mich aber nicht mehr, wo und auf welche Weise es geschah. Später sind wir einander noch manchmal begegnet, wenn auch sehr selten, und haben dann stets miteinander gesprochen, wenn auch nur sehr kurz. Übrigens haben wir uns jedesmal die Hand gereicht. Herzen sagte mir einmal, Tschernyschewski habe einen unangenehmen Eindruck auf ihn gemacht, d. h. durch sein Äußeres, seine ganze Art. Mir gefiel sein Äußeres wie seine Art.

»Eines Morgens fand ich auf der Klinke meiner Wohnungstür eine Proklamation, eine der merkwürdigsten von allen, die damals auftauchten; und es tauchten damals recht viele auf. Diese hatte die Aufschrift: ›An die junge Generation‹. Man konnte sich nichts Abgeschmackteres und Dümmeres vorstellen. Der Inhalt war eine Aufreizung von so lächerlicher Form, daß eigentlich nur der größte Feind dieser Leute ihn für sie erfunden haben konnte, um sie ein für allemal unmöglich zu machen. Diese Proklamation verdroß mich schrecklich und ich fühlte mich den ganzen Tag bedrückt. Das war damals alles noch so neu und dermaßen nahe, daß selbst diese Menschen richtig zu erkennen schon schwer war. Schwer namentlich deshalb, weil man gewissermaßen nicht glauben wollte, daß sich unter diesem verwirrenden Getümmel eine solche Nichtigkeit verberge. Ich spreche jetzt nicht von der damaligen Bewegung als solcher, sondern nur von den Menschen. Was die Bewegung betrifft, so war sie eine schwere, krankhafte, aber durch ihre historische Bedingtheit doch schicksalsvolle Erscheinung, die einmal ihr ernstes Blatt in der Petersburger Periode unserer Geschichte haben wird. Ja, und dieses Blatt ist, scheint es, noch lange nicht zu Ende geschrieben.

»Und da ärgerte ich mich nun plötzlich, obgleich ich schon lange mit meiner Seele und meinem Herzen weder mit diesen Leuten, noch mit dem Sinne ihrer Bewegung übereinstimmte –, ärgerte mich und schämte mich fast für ihre Ungeschicktheit: ›Warum kommt das bei ihnen so dumm und ungeschickt heraus‹? Und was ging denn das schließlich mich an? Aber es tat mir ja doch nicht um ihren Mißerfolg leid. Von den eigentlichen Urhebern und Verbreitern der Proklamationen kannte ich keinen einzigen und kenne sie auch jetzt nicht; aber das war ja das Traurige dabei, daß diese Erscheinung sich mir nicht als ein einzelner Fall darstellte, als ein törichter Streich bestimmter Personen, auf die es weiter nicht ankam. Hier bedrückte vielmehr eine Tatsache: das Niveau der Bildung, der Entwicklung und das Fehlen selbst des geringsten Verstehens der Wirklichkeit, – das war es, was so entsetzlich niederdrückend wirkte. Obgleich ich schon seit drei Jahren wieder in Petersburg lebte und bereits manche Erscheinungen beobachtet hatte, machte diese Proklamation an jenem Morgen doch einen furchtbaren Eindruck auf mich, sie wirkte gleichsam wie eine neue, völlig unerwartete Entdeckung: ich hatte bis dahin noch nie eine solche Nichtigkeit hinter alldem für möglich gehalten! Es erschreckte einen namentlich der Grad dieser Nichtigkeit. Kurz vor dem Abend fiel es mir plötzlich ein, Tschernyschewski aufzusuchen. Bis zu diesem Augenblick hatte ich noch nie daran gedacht, zu ihm zu gehen, ganz wie auch er noch nie bei mir gewesen war... Ich traf ihn ganz allein zu Hause an, auch von den Dienstboten war niemand da, und er machte mir selbst die Tür auf. Er empfing mich überaus bereitwillig und fühlte mich in sein Arbeitszimmer.

»›Nikolai Gawrilowitsch, was bedeutet das hier?‹ Ich zog die Proklamation hervor.

»Er nahm sie wie etwas ihm vollkommen Unbekanntes und las sie durch. Es waren im ganzen zehn Zeilen. »›Nun, und?‹ fragte er mit einem leichten Lächeln.

»›Sind diese Leute wirklich so dumm und so lächerlich? Sollte es nicht doch möglich sein, sie zurückzuhalten und dieser Schändlichkeit ein Ende zu machen?‹

»Darauf antwortete er sehr gewichtig und eindringlich: ›Glauben Sie denn, daß ich mit jenen solidarisch bin, und halten Sie es für möglich, daß ich an der Abfassung dieses Textes beteiligt gewesen sein könnte?‹

»›Das ist's ja, daß ich das nicht glaube‹, versetzte ich, ›und ich halte es sogar für überflüssig, Sie dessen noch zu versichern. Jedenfalls aber muß man ihnen Einhalt tun, um jeden Preis. Ihr Wort ist für sie von Gewicht und natürlich fürchten sie Ihre Meinung.‹

»›Ich kenne keinen von ihnen‹.

»›Auch davon bin ich überzeugt. Aber es ist ja gar nicht nötig, sie zu kennen und persönlich mit ihnen zu sprechen. Sie brauchen nur laut, gleichviel wo, zu erklären, daß Sie diese Treibereien tadeln, und es wird schon zu ihnen gelangen‹.

»›Vielleicht wird das auch keinen Einfluß haben. Ja und schließlich sind auch diese Erscheinungen als Begleiterscheinungen unvermeidlich‹.

»›Und doch schaden sie allen und allem‹.

»Es klingelte und ein anderer Gast erschien – ich erinnere mich nicht mehr, wer es war. Da verabschiedete ich mich und fuhr nach Hause. Ich halte es für meine Pflicht, zu bemerken, daß ich mit Tschernyschewski ganz offenherzig sprach und durchaus daran glaubte, wie ich auch jetzt daran glaube, daß er mit den Verfassern und Verbreitern dieser Proklamation nicht ›solidarisch‹ gewesen ist. Ich hatte den Eindruck, daß mein Besuch ihm nicht unangenehm war; ein paar Tage später bestätigte er diesen Eindruck, indem er zu mir gefahren kam und ungefähr eine Stunde bei mir blieb. Es wurde mir klar, daß er mit mir bekannt werden wollte, und ich weiß noch, mir war das angenehm. Dann war ich noch einmal bei ihm und er noch einmal bei mir. Bald darauf fuhr ich nach Moskau, wo ich ungefähr neun Monate blieb. Auf die Weise hörte unser Verkehr von selbst auf. Darauf erfolgte die Verhaftung Tschernyschewskis und seine Verbannung. Über seinen Prozeß habe ich nie etwas erfahren können; ich weiß auch heute noch nichts Näheres ...«

Doch wenn eine solche »Begleiterscheinung« in der großen Zeit der Bauernbefreiung durch ihre »Nichtigkeit« in ihrer Art lachhaft sein mag, so kann man das vom polnischen Aufstande von 1863 natürlich nicht mehr sagen. Ich schäme mich, wenn ich daran zurückdenke, wie ich damals im Auslande den deutschen Zeitungen anfangs Glauben schenkte in dem, was sie von den Grausamkeiten unserer Soldaten in Polen berichteten. Indessen erhob sich damals in demselben Deutschland eine so unparteiische, ja, noch mehr als das, eine so begeisterte Stimme über unsere Bauernreform, wie wir sie bei uns in Rußland entschieden nicht zu hören bekamen. Es war die Stimme eines Greises mit jungem Geist – Jakob Grimms. Mit seinem allumfassenden, menschlichen Herzen erkannte er vollkommen und begrüßte er freudig unsere, wie er sich ausdrückte, »riesenhafte Vorwärtsbewegung«. Eben diese Vorwärtsbewegung aber sollte nun aufgehalten, sollte hintertrieben werden, und gerade in dieser Zeitspanne brach nun–zur Freude und Zufriedenheit jener europäischen Mehrheit, die nicht den edlen Geist eines Grimm besaß – der polnische Aufstand aus mit seinem blutigen Terror. Jetzt durfte sich Dostojewski nicht mehr mit Geringschätzung über die »Nichtigkeit« der Erscheinung äußern, jetzt war für ihn nichts anderes möglich, als daß er von Entrüstung und Entsetzen erfüllt wurde. Bekanntlich wird Dostojewski von vielen für einen ausgesprochenen Feind Polens gehalten, und die Edelsten unter den Polen können ihm seine Stellungnahme nicht verzeihen. Wenn wir indes jenes Kapitel in den »Aufzeichnungen aus einem Totenhause« lesen, in dem er auf die politischen Sträflinge zu sprechen kommt, so finden wir, daß er von den verbannten Polen nicht nur ohne feindselige Voreingenommenheit, sondern mit voller Achtung spricht. Ihn kränkte nur ihr hochmütiges »je hais ces brigands« in ihrem Verhalten zu den anderen russischen Sträflingen, in denen er selbst immer dasselbe russische Volk sah, mit dem er sich eins fühlte. Der polnische Aufstand aber gerade in dieser segensreichen Zeit mußte ihm einfach als eine Verhöhnung des ganzen russischen Volkes erscheinen, desselben Volkes, das jetzt endlich seinen Zar-Befreier erharrt hatte – dieser Aufruhr, dessen armseliges, doch immerhin trauriges Präludium die Studentenunruhen mit den damaligen »dummen«, aber immerhin unheilverkündenden Proklamationen waren. Doch während unsere jungen »Herrlein« gewissermaßen nur zufällig in den Augen des Volkes zu einer dem Volke so widerlich gewordenen Rolle kamen (»Die jungen Herrlein revoltieren, weil man uns die Freiheit gegeben hat«), – war jetzt im polnischen Aufstande schon deutlich und in allem Ernst der alte, das verknechtete Bauernvolk stets nur verachtende, »höchst edelgeborene« Geist zu spüren. Nicht Polen war es, und nicht das polnische Volk, dem nun von demselben russischen Zaren gleichfalls Land zugeteilt worden war, was Dostojewski nicht liebte: er haßte jenen traditionellen Geist Polens, der das eigene Volk bedrückte und der Polen ins Verderben gebracht hatte. Diesen alten Geist Polens mußte er hassen, ganz wie Proudhon ihn haßte und wie viele von den Polen selbst es taten – von den wirklich selbstlos-ehrlichen polnischen Patrioten. Dieser alte Geist Polens war Dostojewski verhaßt als dem Sozialisten, der er war, – denn ein Sozialist im weiten menschlichen Sinne dieses Wortes hat Dostojewski nie aufgehört zu sein.

Aber die Sache war die, daß unsere – nicht nur unsere »Liberalen«, sondern auch unsere »Sozialisten« bereit gewesen wären, den polnischen Panen die brüderliche Hand zu reichen, weil sie in ihnen einen reichen Vorrat an Unzufriedenheit sahen, – bei uns aber hatte sich damals schon jener Opportunismus entwickelt, der keinerlei unzufriedene Elemente verschmähte, worauf Ssamarin in seinen Briefen an Herzen so deutlich hingewiesen hat.Anspielung u. a. auch auf Bakunin und den von diesem mitgerissenen Alexander Herzen, die Führer der russischen Emigration in London, die mit den polnischen Aufständischen gemeinsame Sache machten. E. K. R.

Dostojewski war niemals ein »getreuer Untertan der Revolution« (wie Ssamarin sich in diesen Briefen an Herzen, bezugnehmend auf andere Zeitgenossen, ausdrückt), und darum war er auch nie »Opportunist«.

Aus Sibirien mit einem unermeßlichen Vorrat von Glauben und Liebe zurückgekehrt, und mit dem heißen Verlangen nach Einigkeit bei der aufbauenden Arbeit zum Wohle des Vaterlandes, mußte er mit wachsendem Unwillen die ringsum mehr und mehr hervortretenden Anzeichen einer negativen Tätigkeit zum Zwecke der Zerstörung erkennen. So ist deshalb wohl ohne weiteres zu verstehen, daß er sich bei seiner Geradheit immer mehr Feinde machen mußte.

Unter diesen Verhältnissen und in dieser Lage nahm Dostojewski seine literarische Tätigkeit nun wieder auf. Gerade im Jahre der Bauernbefreiung begann er in Gemeinschaft mit seinem älteren Bruder die Monatsschrift »Die Zeit« herauszugeben.

Doch meine Aufgabe ist nur, seinen Lebenslauf bis zu diesem Augenblick zu verfolgen. Ich übergebe die Feder seinem nächsten Mitarbeiter an dieser Zeitschrift – als dem unmittelbaren Teilnehmer und Augenzeugen der weiteren Lebenszeit Fjodor Michailowitschs.Siehe die Einleitung zu Bd. XII der deutschen Ausgabe: N. N. Strachoff über Dostojewski. E. K. R.

Orest Miller

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