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Autobiographische Schriften

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Autobiographische Schriften - Kapitel 16
Quellenangabe
typeautobio
authorFjodr Michailowitsch Dostojewski
titleAutobiographische Schriften
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1919
translatorE. K. Rahsin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2008331
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Achtes Kapitel: Bribri und Mabisch

Und nun die Epousen. Die Epousen führen ein glückseliges Leben, wie gesagt. Übrigens: Sie werden mich gewiß fragen wollen, weshalb ich anstatt »Frauen« hier immer »Epousen« sage? Aus Gründen des Stils, meine Herrschaften, nur aus Gründen des Stils. Der Bourgeois pflegt nämlich, wenn er sich vornehm ausdrücken will, stets »mon épouse« zu sagen. Und wenn auch die anderen Klassen, ganz wie überall in der Welt, einfach »ma femme« – meine Frau – sagen, so erscheint es mir doch richtiger, dem nationalen Geist der Mehrheit und der höheren Ausdrucksform zu folgen. Es ist charakteristischer. Im übrigen aber gibt es auch noch andere Benennungen. Zum Beispiel, wenn der Bourgeois gefühlvoll wird oder seine Frau betrügen will, so nennt er sie stets »ma biche«. Und die liebende Frau wiederum nennt in Augenblicken graziöser Tändelei ihren lieben Bourgeois: »bribri« – womit der Bourgeois seinerseits sehr zufrieden ist. Bribri und Mabisch stehen zwar immer in Blüte, gerade jetzt aber blühen sie üppiger denn je. Ganz abgesehen davon, was nun einmal nach allseitiger (und nahezu stillschweigender) Übereinkunft festgestellt ist, nämlich: daß Mabisch und Bribri in unserer vielgestaltigen Zeit das Musterbeispiel der Tugend, Eintracht und des paradiesischen Zustandes der gegenwärtigen Gesellschaft sind, letzteres besonders zur Widerlegung aller schändlichen Faseleien der unsinnigen Kommunistenvagabunden, – also ganz abgesehen davon, und überdies wird Bribri jetzt noch mit jedem Jahre nachgiebiger in Fragen des Ehestandes. Er begreift bereits, daß, mag man auch noch so viel reden oder noch so viele Vorkehrungen treffen, Mabisch doch nicht zu halten ist, daß die Pariserin nun einmal für den Liebhaber geschaffen ward, daß es für einen Ehemann eben ganz unmöglich ist, der Kopfzier zu entgehen, und so schweigt er denn wohlweislich, allerdings nur so lange wie er erst wenig Geld erspart hat und noch nicht viele Sachen und SächelchenMit »Sachen und Sächelchen« sind Stühle, Teppiche, Bilder, Bibelois, Nippes usw. gemeint. besitzt. Sobald aber sein Besitzstand sich in der einen wie in der anderen Richtung abzurunden beginnt, wird Bribri sogleich bedeutend anspruchsvoller, sintemal er sich dann selber ungemein zu achten anfängt. Nun und dann beginnt er auch den Gustave anders zu beurteilen, namentlich wenn dieser zum Überfluß noch irgendso ein armer Schlucker ist, der nichts weniger als viele Sachen und Sächelchen besitzt, überhaupt wird ein Pariser, der heiraten will und selber Geld hat, sei es auch noch so wenig, unbedingt eine Braut mit Geld heiraten. Ja, die Mitgift ist für ihn sogar unbedingt die erste Frage und nur wenn es sich herausstellt, daß die Franken und Sachen auf beiden Seiten in gleicher Zahl vorhanden sind, dann erst, aber auch nur dann wird geheiratet. Das pflegt zwar überall vorzukommen, hier aber ist es schon zu einem Gesetz von der Gleichheit der Geldbeutel, ist es zu allgemein anerkannter Sitte geworden. Hat z. B. die Braut nur ein wenig mehr Geld, so wird sie dem Bewerber, der weniger hat, nicht mehr gegeben, sondern es wird für sie ein besserer Bribri gesucht. Liebesheiraten werden immer unmöglicher und gelten fast schon für unanständig. Diese vernünftige Sitte der unbedingten Gleichheit der Geldbeutel oder der Verheiratung des einen Kapitals mit dem anderen Kapital wird nur äußerst selten nicht befolgt, ja, ich glaube, in Frankreich viel, viel seltener als gleichviel wo in der übrigen Welt. Und das Verfügungsrecht über das Vermögen der Frau hat der Bourgeois ganz vortrefflich zu seinen Gunsten festzusetzen verstanden. Das ist denn auch der Grund, weshalb er in vielen Fällen sich dazu versteht, bei Abenteuern seiner Bisch ein Auge zuzudrücken, durch die Finger zu sehen und manche ärgerlichen Dinge nicht zu bemerken, da bei einem Zerwürfnis die Frage der Auszahlung ihrer Mitgift doch recht unangenehm wäre. So kommt es denn, daß, wenn Mabisch sich manchmal eleganter kleidet, als ihre Mittel es gestatteten, Bribri sich innerlich damit zufrieden gibt, selbst wenn er alles bemerkt hat: verlangt sie doch in dem Falle von ihm weniger Toilettengeld. Auch ist Mabisch dann bedeutend verträglicher. Und schließlich, da die Ehe doch größtenteils nur eine Verbindung seines und ihres Geldes ist und man sich um die gegenseitige Zuneigung recht wenig kümmert, so ist auch Bribri nicht abgeneigt, trotz seiner Bisch sich nach anderen Seiten hin umzusehen. Und somit tut man am besten, wenn man sich gegenseitig nicht stört. So gibt es auch mehr Eintracht im Hause und das zärtliche Geflüster der lieblichen Namen Bribri und Mabisch kommt dann zwischen den Gatten viel häufiger vor. Und schließlich, wenn man schon alles sagen soll: auch in dieser Richtung hat Bribri wunderbar für sich vorgesorgt. Der Polizeikommissar steht jeden Augenblick zu seiner Verfügung. So bestimmen es die Gesetze, die er selbst für sich zurecht gemacht hat. Im äußersten Fall, d. h. wenn er die Liebenden en flagrant délit ertappt, kann er sie beide sogar totschlagen, ohne sich dadurch auch nur der geringsten Strafe auszusetzen. Mabisch weiß das und ist damit durchaus einverstanden. Durch lange Vormundschaft hat man Mabisch soweit gebracht, daß sie nicht einmal murrt oder unzufrieden ist, geschweige denn davon träumt, wie es in manchen barbarischen und komischen Ländern geschieht, z. B. irgend etwas zu lernen, an Hochschulen zu studieren, an Sitzungen teilzunehmen, einem Klub anzugehören und in Ausschüssen zu sitzen, oder gar Abgeordnete zu werden. Nein, Mabisch zieht es vor, in ihrem gegenwärtigen lustigen und sozusagen kanarienvogelmäßigen Stande zu verbleiben. Sie wird geputzt, sie wird behandschuht, sie wird auf die Promenade geführt und spazieren gefahren, sie tanzt, sie nascht Zuckerwerk, äußerlich wird sie wie eine Königin empfangen und äußerlich liegen die Männer vor ihr einfach im Staube. Die Form dieses Verhältnisses ist bewundernswert geschickt und anstandsgemäß durchgebildet. Mit einem Wort, die ritterlichen Formen werden gewahrt, also was will man mehr? Gustave wird ihr ja nicht genommen! Irgendwelche sittlichen, höheren Lebensziele usw. usw. braucht sie nicht: im Grunde ist sie genau so eine Kapitalistenseele und genau so geldgierig wie ihr Mann. Wenn die Kanarienvogeljahre vorüber sind, d. h wenn sie sich schon auf gar keine Weise noch irgend etwas vortäuschen, wenn sie sich also wirklich nicht mehr für einen Kanarienvogel halten kann und wenn der Gedanke an einen neuen Gustave selbst bei üppigster Einbildungskraft und höchster Eigenliebe schon völlig aussichtslos wird, – dann pflegt Mabisch sich plötzlich, in kürzester Zeit und ganz greulich zu verwandeln. Koketterie, Putzsucht, Munterkeit verschwinden spurlos. Sie wird meistenteils so böse! wird zu einer solchen Wirtschafterin! Sie geht in die Kirchen, spart mit dem Manne Geld und ein eigentümlicher Zynismus schaut auf einmal von allen Seiten hervor: plötzlich stellen sich eine gewisse Müdigkeit, Verdrossenheit, rohe Instinkte ein, hinzu kommt eine Zwecklosigkeit des Daseins, kommen zynische Reden. Sogar in ihrer Kleidung werden manche von ihnen nachlässig und schlampig. Selbstverständlich ist das nicht immer und bei allen der Fall, es gibt natürlich auch andere, leichtere Erscheinungen, o, und selbstredend gibt es auch anderswo, gibt es überall ebensolche gesellschaftlichen Verhältnisse, aber ... aber bei den Franzosen ist das alles bodenständiger, ist es gewissermaßen das Original selber, ist ursprünglicher, ausgeprägter, kurz, alles das ist in Frankreich nationaler. Hier ist die Quelle, ist der Keim jener bourgeoisen gesellschaftlichen Form, die jetzt in der ganzen Welt herrscht – in Gestalt ewiger Nachahmung der großen Nation.

Ja, äußerlich ist Mabisch – eine Königin. Es ist schwer, sich auch nur vorzustellen, von was für einer verfeinerten Höflichkeit, was für einer zudringlichen Aufmerksamkeit sie überall, in der Gesellschaft und auf der Straße, umgeben ist. Doch die wirklich erstaunliche Zweideutigkeit dieser Aufmerksamkeit wird mitunter zu einer so fühlbaren Gemeinheit, daß manch eine ehrliche Seele so etwas einfach nicht ertragen könnte. Die so offensichtliche Falschheit der vorgetäuschten Ehrerbietung würde sie aufs tiefste verletzen. Aber Mabisch ist ja selber eine große Spitzbübin und ... mehr als den Schein verlangt sie doch gar nicht ... Auf ihre Rechnung aber kommt sie dabei doch, und immer wird sie es vorziehen, mit so einem kleinen Betrug auf ihre Rechnung zu kommen, als ehrlich den geraden Weg zu gehen: denn so ist es ihrer Meinung nach für sie sicherer, und es ist auch mehr Spiel dabei. Spiel aber, Intrige – das ist doch das wichtigste für Mabisch; das ist ja die Hauptsache. Dafür – wie kleiden sie sich, wie verstehen sie auf der Straße zu gehen! Mabisch ist manieriert, geziert, in allem unnatürlich, aber gerade das ist es ja, was bestrickt, besonders gewisse blasierte und mehr oder weniger verdorbene Männer, die den Geschmack an frischer, unmittelbarer Schönheit verloren haben. Geistig ist Mabisch äußerst wenig entwickelt; Verstand und Herz sind bei ihr nicht größer als bei einem Vogel, aber dafür ist sie graziös, dafür kennt sie die Geheimnisse so unzähliger Kniffe und Mittelchen, daß man sich besiegen läßt und ihr wie einer pikanten Neuheit folgt. Sie ist sogar nur selten schön an sich. Sie hat sogar etwas Böses im Gesicht. Aber das hat nichts zu sagen; dafür ist dieses Gesicht beweglich, lebhaft und beherrscht in vollendeter Weise die geheimnisvolle Kunst, Gefühl und Natürlichkeit vorzutäuschen. Vielleicht gefällt einem an ihr gar nicht einmal der Umstand, daß ihre Nachahmung der Natur gleichkommt, sondern eben dieser Vorgang, wie sie die Natur durch Nachahmung erreicht, bezaubert einen: die Kunst selbst übt den Zauber aus. Für den Pariser ist es meistenteils vollkommen gleich, ob es echte Liebe ist oder eine gute Nachahmung der Liebe. Ja, vielleicht gefällt ihm die Nachahmung sogar von vornherein mehr. Eine gewissermaßen orientalische Auffassung von der Frau tritt in Paris immer deutlicher hervor. Die Kamelie wird immer mehr Mode. »Nimm Geld und betrüge gründlich, d. h. täusche Liebe vor« – das ist es, was von der Kamelie verlangt wird. Und von der Epouse wird kaum mehr verlangt, wenigstens ist man auch damit zufrieden, und deshalb wird ihr denn auch schweigend und nachsichtig Gustave zugestanden. Außerdem weiß der Bourgeois, daß Mabisch im Alter ganz in seinen Interessen aufgehen und im Geldzusammenscharren seine eifrigste Gehilfin sein wird. Sogar in der Jugend hilft sie ihm bereits außerordentlich. Manchmal führt sie das ganze Geschäft, lockt die Käufer herein, kurz, sie ist seine rechte Hand, sein erster Kommis. Wie sollte man ihr da nicht so eine kleine Schwäche für irgendeinen Gustave verzeihen! Auf der Straße ist die Frau unantastbar. Niemand beleidigt sie, alle machen ihr Platz, und es ist dort nicht so, wie bei uns, wo eine Frau, wenn sie nicht gerade ganz alt ist, keine zwei Schritt auf der Straße gehen kann, ohne daß ihr irgendeine kriegerische oder müßig-kecke Physiognomie unter das Hütchen blickte und vorschlüge, Bekanntschaft zu machen.

Übrigens ist, ungeachtet der Möglichkeit eines Gustave, die alltägliche zeremonielle Umgangsform zwischen Bribri und Mabisch recht nett und oft sogar naiv, überhaupt sind die Menschen im Auslande – das ist mir sofort in die Augen gesprungen – fast alle unvergleichlich naiver als wir Russen. Es ist schwer, das näher zu erklären: man muß das selbst erleben. »Le Russe est sceptique et moqueur,« sagen die Franzosen von uns und das stimmt. Wir sind mehr Zyniker, schätzen das Eigene weniger, ja, wir lieben es nicht einmal, wenigstens achten wir es nicht im geringsten, ohne dabei zu begreifen, um was es sich handelt; wir drängen uns in europäische, allmenschliche Interessen, ohne überhaupt zu einer Nation zu gehören, und so verhalten wir uns natürlich zu allem viel kühler, gleichsam nur so pflichtschuldigst und jedenfalls abstrakter. Übrigens bin ich von meinem Thema abgekommen.

Ja, Bribri ist mitunter wirklich ungeheuer naiv. Wenn er z. B. um die Springbrünnlein herumspaziert, beginnt er gar, seiner Bisch zu erklären, warum das Wasser der Springbrünnlein nach oben steigt; er erklärt ihr die Gesetze der Natur, brüstet sich vor ihr chauvinistisch mit der Schönheit des Boulogner Wäldchens, mit der Illumination, dem Spiel der Versailler grandes eaux, mit den Erfolgen des Kaisers Napoleon und mit der gloire militaire, genießt ihre Neugier und ihr vergnügtes Staunen und ist mit allem überaus zufrieden. Und was Mabisch betrifft, so verhält sich selbst die durchtriebenste Französin gleichfalls recht zärtlich zu ihrem Gemahl, d. h, nicht etwa indem sie sich verstellt, sondern wirklich aufrichtig zärtlich, ohne eigennützige Hintergedanken und das ungeachtet der Kopfzier dieses ihres Gemahls. Selbstredend stehe ich nicht für das Ergebnis einer sehr genauen Untersuchung ein, ich will da nicht weiter die Dächer von den Häusern abheben. Ich erzähle bloß, was mir aufgefallen ist, was ich so als allgemeinen Eindruck davongetragen habe. »Mon mari n'a pas encore vu la mer sagt Ihnen da so manch eine Mabisch und ihre Stimme drückt den aufrichtigsten, naivsten Mitschmerz aus. Das bedeutet, daß ihr Mann noch niemals irgendwohin nach Brest oder Boulogne gefahren ist, um dort das Meer zu sehen. Nun muß man wissen, daß der Bourgeois einige überaus naive und doch äußerst ernste Bedürfnisse hat, die fast zu einer allgemeinen bourgeoisen Angewohnheit geworden sind. Der Bourgeois hat nämlich außer dem Bedürfnis, Geld zu sparen und dem Bedürfnis nach schönem Redefluß, noch zwei andere Bedürfnisse, zwei durchaus gesetzmäßige Bedürfnisse, die durch die allgemeine Gewohnheit geheiligt sind und zu denen er sich selber ungeheuer ernst, ja nahezu pathetisch verhält. Das erste dieser Bedürfnisse ist: voir la mer – das Meer zu sehen. Der Pariser lebt und handelt manchmal sein ganzes Leben lang nur in Paris und sieht niemals das Meer. Wozu er es nötig hat, das Meer zu sehen? – Das weiß er wohl selber nicht, nichtsdestoweniger wünscht er krampfhaft und gefühlvoll, das Meer zu sehen, wenn er auch vorläufig die Reise von Jahr zu Jahr aufschiebt, da ihn gewöhnlich Geschäfte festhalten; aber er trauert darob und seine Frau teilt aufrichtig seinen Schmerz. Überhaupt spricht da viel Gefühl mit und ich achte das. Einmal aber kommt es dann doch dazu, daß er sich freimachen kann und seine Mittel ihm die Reise erlauben, so macht er sich denn auf und reist auf ein paar Tage hinaus, »um das Meer zu sehen«. Nach seiner Rückkehr schildert er seiner Frau, seiner ganzen Sippe, allen Freunden und Bekannten hochtrabend und mit Begeisterung seine Eindrücke und hernach schwelgt er noch sein Leben lang süß in dem Gedanken, daß er das Meer gesehen hat.

Das zweite, ebenso gesetzmäßige und nicht minder starke Bedürfnis des Bourgeois ist – se rouler dans l'herbe. Der Pariser, der aus Paris hinaus in die Umgebung fährt, liebt es nämlich über alles und hält es sogar für seine Pflicht, sich im Grase zu wälzen, was er denn auch unfehlbar und sogar mit Würde tut, durchdrungen von dem Bewußtsein, daß er sich nun avec la nature vereinigt; und besonders angenehm ist es ihm dann, wenn ihm jemand dabei zusieht. Überhaupt halt es der Pariser außerhalb der Stadt sogleich für seine Pflicht, liebenswürdiger, heiterer, ja sogar kühner zu werden, kurz, sich als ein natürlicherer, der nature näherstehender Mensch zu geben. L`homme de la nature et de la, vérité! – Sollte es nicht gar bis in die Tage ihres Jean Jacques zurückreichen, daß im Bourgeois diese übertriebene Verehrung der nature zutage tritt? Übrigens erlaubt sich der Pariser, diese beiden Bedürfnisse – voir la mer und se rouler dans l'herbe – meistenteils erst dann zu haben, wenn er bereits ein Vermögen zusammengespart hat, oder mit anderen Worten: wenn er sich selbst zu achten, stolz zu sein und sich für einen Menschen zu halten anfangt. Se rouler dans l`herbe ist aber für ihn noch dreimal, oder womöglich zehnmal süßer, wenn es auf eigenem Grund und Boden, den er mit mühsam erarbeitetem Gelde erkauft hat, geschehen kann. Deshalb kauft der Bourgeois, wenn er sich vom Geschäftsleben zurückzieht, mit Vorliebe irgendwo ein Stückchen Land, baut sich ein eigenes Haus, legt sich einen eigenen Garten an, mit einem Zaun herum, dazu eigene Hühner, eine eigene Kuh. Und wenn auch alles nur im winzigsten Maßstabe vorhanden ist, gleichviel – der Bourgeois schwelgt in kindlichstem, in rührendstem Entzücken: »mon arbre, mon mur,« sagt er jeden Augenblick zu sich selber wie zu allen, die er zu sich einlädt, und so geht das fort bis zu seinem seligen Ende. Ja, auf eigenem Grund und Boden ist se rouler dans l'herbe am süßesten für ihn. Um diese Lebenspflicht erfüllen zu können, legt er sich vor seinem Hause unbedingt einen kleinen Rasenplatz an. Irgend jemand hat einmal von einem Bourgeois erzählt, der das Unglück hatte, daß aus der Stelle seines Gartens, die für den Rasenplatz bestimmt war, das Gras nicht wachsen wollte. Er tat sein möglichstes, begoß regelmäßig, belegte den Platz mit anderswo gewachsenem Rasen, – es half alles nichts. Die Stelle vor dem Hause war nun einmal so sandig, daß nichts darauf wachsen wollte. Da soll er sich denn einen künstlichen Rasen gekauft haben, ist einzig zu diesem Zweck nach Paris gefahren, hat sich dort einen runden Grasteppich von zwei Meter Größe im Durchmesser bestellt und diesen imitierten Gazon dann jeden Nachmittag vor seinem Hause ausgebreitet, um sein recht- und gesetzmäßiges Bedürfnis befriedigen und im Grase liegen zu können. Einem Bourgeois, der sich im Zustande des ersten Entzückens überfeinen wohlerworbenen Besitz befindet, ist das allerdings zuzutrauen, so daß dieser Fall in moralischer Hinsicht nichts Unwahrscheinliches an sich hat.

»Doch nun noch zwei Worte über Gustave. Gustave ist natürlich nichts anderes, als was auch der Bourgeois ist, nämlich Kommis, Kaufmann, Beamter, homme de lettres, Offizier. Gustave ist der bloß noch unverheiratete, sonst aber genau derselbe Bribri. Doch das ist nicht die Hauptsache; die ist vielmehr: als was Gustave sich jetzt verkleidet, womit er sich jetzt drapiert, was er vorstellt, was für Federn ihn schmücken. Das Ideal des Liebhabers verändert sich entsprechend dem Zeitgeist und spiegelt sich auf der Bühne immer in der Gestalt, in der er in der Gesellschaft gerade umgeht. Der Bourgeois liebt nun zwar besonders das Vaudeville, aber noch mehr liebt er das Melodrama. Das anspruchslose, heitere Vaudeville (nebenbei bemerkt: das einzige Kunsterzeugnis, das sich nahezu in überhaupt keinen fremden Boden verpflanzen läßt, sondern nur auf dem Boden gedeiht, auf dem es entstanden ist, nämlich in Paris) – das Vaudeville vermag den Bourgeois zwar zu fesseln, aber es befriedigt ihn doch nicht vollständig. Der nimmt es immerhin nicht ernst. Was er braucht, ist Erhabenes, er braucht unaussprechlichen Edelmut, er braucht Gefühlvolles, und alles das bietet ihm das Melodrama. Ohne Melodrama kann der Pariser einfach nicht leben. Das Melodrama wird deshalb auch nicht aussterben, solange es den Bourgeois gibt. Um so beachtenswerter ist es, daß jetzt selbst das Vaudeville sich zu verändern anfängt. Es ist freilich wie immer heiter und von überwältigender Komik, aber jetzt beginnt sich ihm doch schon stark ein anderes Element beizumischen, und zwar – Moral. Der Bourgeois liebt nämlich außerordentlich, und hält's jetzt für die heiligste und notwendigste Verrichtung, bei jeder passenden Gelegenheit sich selbst und seiner Bisch gute Lehren und Moral zu predigen. Nicht zu vergessen: der Bourgeois herrscht jetzt unumschränkt; er ist eine Macht; jene Leutchen aber, die die Vaudevilles und Melodramen liefern, sind immer Lakaien und schmeicheln immer der Macht. Also aus diesem Grunde geschieht es nun, daß der Bourgeois auf der Bühne jetzt immer als Sieger hervorgeht, selbst dann, wenn er als komische Figur auftritt, und deshalb wird ihm zu guter Letzt auch immer vermeldet, daß alles in Ordnung sei. Es ist anzunehmen, daß solche Berichte den Bourgeois tatsächlich beruhigen. Stellt sich doch bei jedem ängstlichen Menschen, der von dem Erfolge seiner Sache nicht ganz überzeugt ist, das quälende Bedürfnis ein, sich überzeugen, ermutigen, beruhigen zu lassen. Ja, ein solcher Mensch beginnt sogar, abergläubisch an günstige Vorbedeutungen zu glauben. Genau so verhält es sich auch mit dem Bourgeois. Zu einem Melodrama aber gehören erhabene Züge und erhabene Lehren. Da handelt es sich schon nicht mehr um irgendwelchen Humor; da ist es bereits der pathetische Triumph alles dessen, was Bribri so liebt und was ihm so sehr gefällt. Am meisten gefällt ihm politische Zufriedenheit und das Recht, Geld zusammenzuscharren zwecks besserer Ausstattung des eigenen Heims. In diesem Sinne werden also jetzt auch die Melodramen verfaßt. Und dementsprechend wird jetzt auch Gustave gezeichnet. Und je nach dem wie Gustave gezeichnet ist, kann man immer mit Sicherheit feststellen, was Bribri im Augenblick für das Ideal unaussprechlichen Edelmuts hält. Früher – das ist schon lange her – erschien Gustave als Dichter, Künstler, verkanntes Genie, verfolgt, gequält durch Ungerechtigkeiten. Er kämpfte lobenswert und es endete immer damit, daß die Frau Vicomtesse, die sich im geheimen um ihn verzehrt, doch zu der er sich verachtend-gleichgültig verhält, ihn schließlich mit ihrer Pflegetochter Cécile vermählt, mit Cécile, die zunächst keinen Sou hat, doch plötzlich, wie sich herausstellt, ein riesiges Vermögen besitzt. Gustave rebelliert gewöhnlich und will von Geld nichts wissen. Doch siehe, plötzlich hat sein Bild auf der Kunstausstellung den glänzendsten Erfolg und alsbald stürzen drei lächerliche Mylords in seine Wohnung und bieten ihm je hunderttausend Franken für sein nächstes Bild. Gustave macht sich mit Verachtung lustig über alle drei und erklärt in bitterer Verzweiflung, daß alle Menschen Schurken seien, seines Pinsels nicht wert, erklärt, daß er nie und nimmer die Kunst, die heilige Kunst zur Profanation den Pygmäen ausliefern werde, diesen Zwergen, die bis heut noch nicht begriffen haben, wie groß Er ist. Aber da stürzt die Vicomtesse herein und erklärt, Cécile sterbe vor Liebe zu ihm, und daß er deshalb das Bild malen müsse. Da erst errät Gustave, daß die Vicomtesse, seine Feindin, dank welcher bisher kein einziges seiner Bilder in die Ausstellung gelangt war, ihn im geheimen liebt; daß sie sich nur aus Eifersucht an ihm gerächt hat. Natürlich nimmt Gustave nun gleich von allen drei Mylords das Geld, schimpft sie noch einmal aus, womit sie sehr zufrieden sind, eilt darauf zu Gustave, willigt ein, ihre Million mitzuheiraten, verzeiht der Vicomtessedie nun auf ihr Gut zurückkehrt, und nachdem er sich vorschriftsmäßig hat trauen lassen, beginnt er sich Kinder zuzulegen, einen Hausrock aus Flanell, einen bonnet de coton und abends mit Mabisch um die tugendsamen Springbrünnlein zu spazieren, deren sanftes Wasserplätschern ihm, versteht sich, nur die Beständigkeit, Dauerhaftigkeit und Ruhe seines Erdenglückes zu Bewußtsein bringt.

Mitunter kommt es auch vor, daß Gustave nicht ein Kommis ist, sondern irgendein verfolgter, verprügelter Waisenknabe, jedoch einer, der innerlich von unaussprechlichstem Edelmut erfüllt ist. Plötzlich aber stellt sich heraus, daß er keineswegs ein Waisenknabe, sondern der rechtmäßige Sohn und Erbe eines Rothschild ist. Millionen fallen ihm zu. Doch Gustave lehnt stolz und mit Verachtung sämtliche Millionen ab. Warum? – Ja, das ist nun mal so wegen der Redekunst vonnöten. Doch siehe, plötzlich stürzt Madame Beaupré herein, die Gattin des Bankiers, bei dem er eine Anstellung hat und die in ihn verliebt ist. Sie erklärt ihm, daß Cécile sogleich vor Liebe zu ihm sterben werde und daß er sie retten müsse. Gustave errät, daß Madame Beaupré in ihn verliebt ist, nimmt die abgelehnten Millionen an und nachdem er alle mit den gemeinsten Worten beschimpft hat, weil es im ganzen Menschengeschlecht nicht noch einmal soviel unaussprechlichen Edelmut gibt, wie in ihm, begibt er sich zu Cécile und verbindet sich mit ihr. Die Bankiersfrau reist auf ihr Gut, Herr Beaupré triumphiert, da seine Frau, die sich am Rande des Verderbens befand, rein und makellos geblieben ist, Gustave aber setzt Kinder in die Welt und spaziert abends um die tugendsamen Springbrünnlein, deren sanftes Wasserplätschern ihm nur usw., usw. zu Bewußtsein bringt.

Gegenwärtig wird der unaussprechliche Edelmut am häufigsten durch einen aktiven Offizier verkörpert, oder durch einen Militäringenieur oder etwas Ähnliches, jedenfalls am häufigsten durch eine Militärperson, die im Knopfloch unbedingt das Band der Ehrenlegion trägt, das mit »eigenem Blut erkauft« ist. Nebenbei: dieses Bündchen ist etwas Entsetzliches. Jeder Träger desselben brüstet sich mit diesem Bündchen dermaßen, daß ein Zusammensein mit ihm fast unerträglich wird, man kann mit ihm weder in demselben Eisenbahnwagen fahren, noch im Theater neben ihm sitzen, geschweige denn im Restaurant. Es fehlte nur noch, daß er Sie anspuckt, bis zu solcher Schamlosigkeit tut er sich vor Ihnen mit seinem Ordensbande wichtig. Er schnauft, er bläht die Nüstern, so erfüllt ist er von sich selbst, daß Ihnen schließlich übel wird oder die Galle überläuft und Sie nach dem Arzt schicken müssen. Noch den Franzosen gefällt das sehr. Merkwürdig ist ferner, daß im Theater jetzt auch dem Monsieur Beaupré eine schon gar zu auffallende Beachtung, oder mindestens weit mehr Beachtung geschenkt wird als früher. Selbstredend hat Monsieur Beaupré bereits viel Geld in Sicherheit und auch schon sehr viele Sachen und Sächelchen in seinem Besitz. Als Mensch ist er bieder, offenherzig, ein wenig lächerlich mit seinen bourgeoisen Angewohnheiten und infolge des Umstandes, daß er Gatte ist; aber er ist gutmütig, ehrlich, großmütig und von unsagbarem Edelmut in dem Auftritt, in dem er an dem Argwohn, seine Bisch sei ihm untreu, zu leiden hat. Doch ungeachtet dessen entschließt er sich großmütig, ihr alles zu verzeihen. Natürlich stellt es sich dann heraus, daß sie so unschuldig wie eine Taube ist, daß sie mit ihrem Interesse für Gustave nur gescherzt hat und daß Bribri, dessen Großmut sie aufs tiefste erschüttert, ihr teurer als alles andere ist. Cécile ist natürlich ganz wie immer zu Anfang bettelarm, ist es aber jetzt nur noch im ersten Akt; schon im zweiten stellt es sich heraus, daß sie eine Million besitzt. Gustave ist stolz und gleichfalls wie immer von alles verachtendem Edelmut, nur tut er jetzt viel wichtiger, da er ja nun ein Krieger ist. Das teuerste auf der Welt ist für ihn sein Orden, den er mit seinem »Blut erkauft« hat; und »l'épée de mon père«. Von diesem Degen seines Vaters spricht er in jedem Augenblick, immer und überall, bei jeder unpassenden Gelegenheit; man begreift oft gar nicht, um was es sich dabei handelt; er schimpft, entrüstet sich, doch alle machen Bücklinge vor ihm und die Zuschauer weinen und klatschen Beifall (sie weinen buchstäblich). Selbstverständlich hat er keinen Sou, das ist sine qua non. Madame Beaupré ist natürlich in ihn verliebt, Cécile gleichfalls, er aber ahnt nicht einmal, daß Cécile ihn liebt. Fünf Akte hindurch hört man Cécile vor Liebe ächzen. Schließlich schneit es oder es geschieht etwas Ähnliches. Cécile will sich aus dem Fenster stürzen. Da fallen plötzlich draußen unter dem Fenster zwei Schüsse, alles eilt herbei: Gustave tritt bleich, mit verbundenem Arm langsam auf die Bühne. Das Ehrenband, das er mit seinem »Blut erkauft« hat, leuchtet auf seiner Brust, Céciles Verleumder, der sie zu verführen trachtete, ist bestraft. Gustave begreift schließlich, daß Cécile ihn liebt und daß alle diese Widerwärtigkeiten von Madame Beaupré angestiftet worden find. Doch Madame Beaupré steht jetzt bleich und erschrocken da und Gustave errät, daß auch sie ihn liebt. Plötzlich fällt wieder ein Schuß. Das kann nur ein Schuß von Beaupré sein, der sich das Leben nimmt. Madame Beaupré schreit auf, stürzt zur Tür, doch schon erscheint Beaupré in eigener Person, mit einem erlegten Fuchs in der Hand oder mit einem anderen Tier. Die Lehre ist gut: Mabisch wird sie nie vergessen. Sie schmiegt sich an Bribri, der ihr alles verzeiht. Gustave erfährt aber nun, daß Cécile eine Million besitzt, und er rebelliert von neuem. Er will nicht heiraten. Gustave ziert sich gewaltig, Gustave ergeht sich in Schimpfworten und flucht. Das Fluchen und das Spucken auf die Million ist unbedingt erforderlich; der Bourgeois würde es ihm nicht verzeihen, wenn er das unterließe: sein Bedürfnis nach unaussprechlichem Edelmut käme doch sonst zu kurz, – nur bitte deshalb nicht zu glauben, daß der Bourgeois sich selbst untreu werde! Beruhigen Sie sich: die Million geht dem glücklichen Paar nicht verloren, die Million ist unvermeidlich und erscheint zum Schluß immer in Gestalt einer Belohnung der Tugend. Nein, der Bourgeois wird sich selbst nicht untreu. Natürlich nimmt Gustave zu guter Letzt die Million samt Cécile, und dann kommt wieder das Geplätscher der Springbrünnlein, die baumwollene Nachtmütze usw., usw. Auf die Weise gibt es dann sowohl viel Gefühlvolles, wie unaussprechlichen Edelmut, mehr als man fassen kann, und dazu den Bourgeois Beaupré als Sieger, der mit seinen Familientugenden alle bis zur Ergriffenheit rührt, und die Hauptsache, die Hauptsache – die Million, die Million als Fatum, als Naturgesetz, dem alle Ehre, aller Ruhm, alle Anbetung gebührt, usw., usw. Bribri und Mabisch verlassen das Theater vollkommen befriedigt, beruhigt und getröstet. Gustave begleitet sie, und während er Mabisch in den Wagen hebt, küßt er ihr heimlich das Händchen ... Kurz, alles geht, wie es muß.

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