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Autobiographische Schriften

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Autobiographische Schriften - Kapitel 15
Quellenangabe
typeautobio
authorFjodr Michailowitsch Dostojewski
titleAutobiographische Schriften
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1919
translatorE. K. Rahsin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2008331
projectid556330a0
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Siebentes Kapitel: Fortsetzung des Vorhergehenden.

Und warum gibt es unter den Bourgeois so viele Lakaien, und das noch dazu bei so edlem Äußeren? Bitte, kommen Sie mir jetzt nicht mit Vorwürfen, wie etwa, daß ich übertriebe, verleumdete, daß ich aus Haß so spräche. Wozu sollte ich das? Zu welchem Zweck? Haß auf wen? Es gibt ganz einfach viele Lakaien unter ihnen und das ist nun einmal so. Das Lakaientum frißt sich in die Natur des Bourgeois immer mehr hinein und wird immer mehr für eine Tugend gehalten. So muß es ja auch geschehen bei der gegenwärtigen Ordnung der Dinge. Es ist nur eine natürliche Folge. Doch die Hauptsache, die Hauptsache ist – daß die Natur selbst dazu hilft. Ich rede noch nicht einmal davon, daß dem Bourgeois zum Beispiel das Spionieren zu einem guten Teil schon angeboren ist. Meine Meinung ist nun einmal die, daß die außergewöhnliche Verbreitung der Spionage in Frankreich – und zwar nicht nur einer gewöhnlichen, sondern einer meisterhaften, aus Neigung betriebenen, förmlich zur Kunst entwickelten Spionage, die ihre besonderen wissenschaftlichen Methoden hat – eine Folge dieser angeborenen Lakaienhaftigkeit ist. Welch ein ideal edler Gustave wird nicht – so lange er noch nicht viel Geld besitzt – ohne zu zögern für zehntausend Franken die Briefe seiner Geliebten ausliefern und damit die Frau an ihren Mann verraten? Vielleicht übertreibe ich hier zum Teil, aber vielleicht urteile ich doch auf Grund gewisser Tatsachen. Der Franzose liebt es ungeheuer, sich vor den Augen der Obrigkeit irgendwie auszuzeichnen, vor ihr irgendwie zu dienern, ihr womöglich ganz uneigennützig einen Dienst zu erweisen, sogar ohne dafür eine sofortige Belohnung zu erwarten, also auf Pump, auf Kredit. Erinnern Sie sich all dieser Bewerber um eine Anstellung, z. B. bei jedem neuen Regierungswechsel, der in Frankreich so oft stattgefunden hat. Erinnern Sie sich, was für Stückchen sie sich dabei leisteten und was sie nachher selbst eingestanden. Erinnern Sie sich eines der Gedichte Barbiers über dieses Thema. Einmal nahm ich in einem Café eine Zeitung in die Hand, eine Nummer vom dritten Juli. Mein Blick fiel auf eine Überschrift: »Briefe aus Vichy.« In Vichy hielt sich damals gerade der Kaiser auf, nun und natürlich auch der ganze Hof: da gab es Spazierritte, Vergnügungen usw. Der Berichterstatter schildert alles getreulich und beginnt wie folgt:

»Man sieht jetzt viele vorzügliche Reiter in Vichy. Aber selbstverständlich erkennt man sofort den glänzendsten unter ihnen allen. Seine Majestät reitet jeden Tag in Begleitung seiner Suite usw. usw.«

Nun gut, mag er sich doch für die glänzenden Eigenschaften seines Kaisers begeistern. Man kann seinen Verstand, seine Berechnung und noch andere Vorzüge bewundern, und dem, der das tut, kann man nicht ins Gesicht sagen, daß er sich verstelle. »Es ist meine Überzeugung und damit basta!« würde er Ihnen auf etwaige Vorhaltungen antworten, also auf ein Haar so, wie neuerdings einige unserer zeitgenössischen Journalisten zu antworten pflegen. Sie verstehen: er ist sichergestellt, er hat eine Antwort bereit, mit der er Ihnen den Mund stopfen kann. Freiheit des Gewissens und der Überzeugungen ist die erste und wichtigste Freiheit der Welt. Doch hier in diesem Fall, was könnte dieser Journalist wohl antworten? Hier läßt er doch schon die Gesetze der Wirklichkeit außer acht, tritt sogar jede Wahrscheinlichkeit mit Füßen und tut das noch dazu mit Absicht. Warum aber, fragt man sich, warum sollte das jemand absichtlich tun? Es wird ihm ja doch niemand glauben. Der Reiter selbst wird diese »Briefe aus Vichy« ja ganz bestimmt nicht lesen, und selbst wenn er sie lesen sollte, so – ja, ist denn jenes Französchen, das diese »Briefe aus Vichy« geschrieben hat, die Zeitung, für die sie bestimmt waren, die Redaktion der Zeitung – sind sie denn wirklich so dumm, daß sie nicht begreifen, wie wenig der Kaiser dieses Ruhmes bedarf, der beste Reiter in Frankreich zu sein, er, der in seinem Alter sicherlich nicht mehr auf diesen Ruhm Anspruch macht: man sagt doch, er sei ein überaus kluger Mann. Nein, hier ist es eine ganz andere Berechnung, und zwar: mag es auch unwahrscheinlich und womöglich lächerlich sein, mag der Herrscher selbst mit Widerwillen und Verachtung das lesen, mag er's, mag er's, aber dafür wird er blinde Ergebenheit, grenzenlose Verehrung sehen, und wenn es auch sklavische, dumme, unwahrscheinliche Verehrung ist, so ist es doch ein Verehrungsbeweis, und das ist die Hauptsache. Urteilen Sie jetzt selbst, meine Freunde: wenn so etwas nicht im Geiste der Nation läge, wenn eine so fade Schmeichelei nicht für durchaus möglich, üblich, vollkommen in Ordnung und sogar für anständig gälte – wäre es dann möglich, daß in einer Pariser Zeitung solche Berichte erschienen? Wo, in welch einer Presse finden Sie einen ähnlichen Schmeichlergeist, außer in Frankreich? Ich spreche ja auch nur deshalb von dem Geist der Nation als solchem, weil nicht nur eine Zeitung so schreibt, sondern fast alle, ausgenommen zwei oder drei Blätter, die einzigen, die nicht vollkommen abhängig sind.

Einmal saß ich an einer table d'hôte – doch das war nicht mehr in Frankreich, sondern in Italien, aber an der table d'hôte saßen viele Franzosen. Man sprach von Garibaldi. Damals sprach man überall von Garibaldi. Es war ungefähr zwei Wochen vor Aspromonte. Die Unterhaltung hatte natürlich etwas Geheimnisvolles: manche schwiegen und wollten sich überhaupt nicht äußern; andere schüttelten den Kopf. Der allgemeine Sinn der Äußerungen war der, daß Garibaldi ein sehr gewagtes, ja sogar ein unkluges Unternehmen angefangen habe; doch selbstredend wurde diese Meinung nicht deutlich ausgesprochen, denn Garibaldi reicht als Mensch doch so weit über das Maß aller anderen hinaus, daß bei ihm vielleicht selbst das sich als klug erweist, was nach gewöhnlichen Erwägungen gar zu gewagt wäre. Allmählich ging das Gespräch mehr auf die Persönlichkeit Garibaldis über. Man zählte seine besonderen Eigenschaften auf – das Ergebnis war ein recht günstiges für den italienischen Helden.

»Nein, ich wundere mich nur über eines,« sagte da laut ein Franzose von angenehmem und eindrucksvollem Äußeren, ein Mann von einigen dreißig Jahren, dessen Gesicht den Stempel jenes außergewöhnlichen Edelmuts trug, der Ihnen an allen Franzosen bis zur Frechheit in die Augen springt. »Nur ein Umstand setzt mich an ihm vornehmlich in Erstaunen!«

Natürlich wandten sich alle neugierig dem Redner zu.

Eine neue Eigenschaft, die an Garibaldi entdeckt worden war, mußte selbstverständlich alle interessieren.

»Im Jahre 1860«, begann der Franzose, »hatte Garibaldi in Neapel eine Zeitlang unbeschränkte Vollmacht und stand überhaupt unter keiner Kontrolle. Und gerade damals hatte er eine Summe von zwanzig Millionen Staatsgeldern in Händen! Über dieses Geld brauchte er niemand Rechenschaft zu geben! Er hätte davon so viel er wollte nehmen und beiseite schaffen können, niemand hätte ihn danach gefragt! Er aber hat nichts beiseite geschafft und hat der Regierung die ganze Summe bis auf den letzten Sou abgeliefert. Das ist doch beinahe nicht zu glauben!!«

Seine Augen glänzten nur so, als er von den zwanzig Millionen sprach.

Von Garibaldi kann man freilich alles erzählen, was einem beliebt. Aber den Namen Garibaldis auf eine Stufe stellen mit Taschendieben, die den Staatssäckel erleichtern – das, freilich, das konnte einzig ein Franzose fertigbringen.

Und wie naiv, wie offenherzig er das vorbrachte! Für Offenherzigkeit wird natürlich alles verziehen, sogar die Einbuße der Fähigkeit, zu verstehen, was Ehre ist, oder das Wesen der Ehre zu wittern. Noch als ich in sein Gesicht sah, das bei dem Gedanken an die zwanzig Millionen nur so gezuckt hatte, dachte ich ganz unwillkürlich:

»Was, Bruder, wenn statt Garibaldi du damals jenes Amt bekleidet und die Staatsgelder in Händen gehabt hättest!«

Sie werden einwenden, alles das hätte noch nichts zu sagen, das sei ein einzelner Fall und auch bei uns sei es genau so, und schließlich dürfe ich doch nicht nach einem Franzosen über alle Franzosen urteilen. Sie haben recht, aber ich rede ja gar nicht von ausnahmslos allen Franzosen. Im übrigen gibt es überall unaussprechlichen Edelmut, und bei uns ist vielleicht noch viel Schlimmeres geschehen. Aber warum denn das zur Tugend erheben, ausgerechnet zur Tugend? Wissen Sie was? Man kann sogar ein Lump sein und doch die Witterung für das, was Ehre ist, nicht einbüßen; dort aber gibt es doch sehr viele ehrliche Menschen, nur haben sie die Fähigkeit, Ehre zu wittern, vollkommen verloren und so begehen sie ihre Gemeinheiten ohne zu ahnen, was sie »aus Tugend« tun. Ersteres ist natürlich lasterhafter, letzteres aber – da können Sie sagen, was Sie wollen – ist verächtlicher. Ein solcher Tugendkatechismus stellt im Leben einer Nation ein schlimmes Symptom dar. Nun, was aber die privaten Fälle betrifft, so will ich mit Ihnen nicht streiten. Besteht doch die ganze Nation nur aus privaten Fällen, nicht wahr!

Ja, ich denke sogar so: vielleicht habe ich mich darin geirrt, daß der Bourgeois sich duckt, daß er immer noch irgend etwas fürchtet. Das heißt, er duckt sich ja wirklich – das muß man schon sagen, da er es nun einmal tut – und ebenso fürchtet er sich auch, aber wenn man die Summe zieht, so lebt der Bourgeois doch vollkommen glücklich. Wenn er sich dabei auch selbst betrügt, wenn er sich auch alle Augenblicke selbst sagt, daß alles in Ordnung sei, aber einstweilen stört das sein äußeres Selbstvertrauen doch nicht im geringsten. Und nicht bloß dieses: auch in seinem Inneren ist er unglaublich selbstbewußt, wenn er sich in seine Rolle eingespielt hat. Wie das alles in ihm zusammenleben kann, – das ist allerdings ein Rätsel, aber es ist Tatsache, daß es so ist. Überhaupt ist der Bourgeois sehr wenig dumm, aber sein Verstand ist so eigentümlich kurz, er besteht gleichsam aus lauter Abschnitten. Er hat einen riesigen Vorrat von fertigen Begriffen aufgestapelt, ganz wie Holzscheite für den Winter, und er hat im Ernste die Absicht, mit diesen Begriffen meinetwegen tausend Jahre lang zu leben. Übrigens nein, was sage ich, tausend Jahre; auf tausend Jahre kommt der Bourgeois selten zu sprechen – höchstens wenn er sich in der schönen Redekunst ergeht. »Aprés moi le déluge« ist viel gebräuchlicher und danach wird auch viel häufiger gehandelt. Und was ist das doch für eine Gleichgültigkeit gegen alles andere, was sind das für oberflächliche, leere Interessen! Ich hatte in Paris Gelegenheit, die Gesellschaft in einem Haufe kennen zu lernen, wo sehr viele Menschen verkehrten. Es war geradezu, als hätten sie sich alle gefürchtet, einmal von etwas nicht Alltäglichem, von etwas nicht so kleinlich Oberflächlichem zu sprechen, einmal auch von irgendwelchen allgemeinen Interessen, nun, etwa von gleichviel welchen Gesellschaftsproblemen. Angst vor Spionen konnte es, denke ich, nicht sein, was sie davon abhielt; sie hatten nur alle einfach verlernt, an etwas Ernsteres zu denken und von Ernsterem zu sprechen. Übrigens fanden sich unter ihnen überraschend viele, die sich maßlos dafür interessierten, was für einen Eindruck Paris auf mich gemacht hatte, inwieweit ich Ehrfurcht und Erstaunen empfand und von dem Eindruck erschüttert, überwältigt, zerschmettert war. Der Franzose glaubt ja noch heute, daß er moralisch bedrücken und zerschmettern könne. Das ist gleichfalls ein spassiges Merkmal. Besonders gut erinnere ich mich noch eines äußerst netten, liebenswürdigen und gutmütigen alten kleinen Herrn, den ich aufrichtig in mein Herz schloß. Er sah mir so unablässig in die Augen, als er mich nach meiner Meinung über Paris ausforschte, und war so sichtlich betrübt, als ich keine besondere Begeisterung bekundete. Ja, in seinem gutmütigen Gesicht spiegelte sich sogar echter Schmerz, – buchstäblich Schmerz, ich übertreibe wirklich nicht. Oh, mein lieber Monsieur Le M–re! Aber es ist nun einmal so, daß man einen Franzosen, d. h. einen Pariser (denn im Grunde sind doch alle Franzosen Pariser) niemals davon überzeugen wird, daß er nicht der erste Mensch auf dem ganzen Erdball ist. Übrigens: von dem ganzen Erdball außer Paris weiß er nur äußerst wenig. Und will auch nicht einmal viel davon wissen. Das ist schon eine nationale Eigenschaft und sogar die charakteristischste. Aber die allercharakteristischste Eigenschaft des Franzosen ist doch – seine Liebe zur schönen Redekunst. Diese Liebe zur Redekunst brennt in ihm unerlöschlich und je älter er wird, um so größer wird ihr Brand. Ich möchte doch ungeheuer gern erfahren, wann diese Liebe zur schönen Redekunst in Frankreich eigentlich begonnen hat. Oh, versteht sich: das Wesentliche begann mit Ludwig XIV. Es ist doch merkwürdig, daß in Frankreich alles mit Ludwig XIV. angefangen hat, tatsächlich. Aber noch merkwürdiger ist, daß auch im ganzen übrigen Europa alles mit Ludwig XIV. angefangen hat. Wodurch gerade dieser König das erreicht hat – begreife ich nicht! Er stand doch gar nicht so sehr viel höher als alle die anderen früheren Könige. Es sei denn dadurch, daß er als erster gesagt hat: l'état – c'est moi. Das hat allerdings ungeheuer gefallen, das hat damals ganz Europa durchflogen. Ich glaube, nur durch eben dieses eine Wörtchen wurde er denn auch berühmt. Sogar bei uns in Rußland ist es erstaunlich schnell bekannt geworden. Ja, dieser Ludwig XIV. war wirklich ein überaus nationaler Herrscher, war so ganz im französischen Geiste, daß ich nicht begreife, wie in diesem Frankreich schließlich alle diese kleinen Unarten geschehen konnten ... nun, so, die da zu Ende des vorigen Jahrhunderts. Man war wohl nur ein Weilchen unartig und kehrte dann zum früheren Geiste zurück; darauf läuft es hinaus; aber die Redekunst, die schöne Redekunst, oh – die ist der Stein des Anstoßes für den Pariser. Er ist bereit, vom Früheren alles zu vergessen, alles, alles, ist bereit, die vernünftigsten Gespräche zu führen und der artigste und fleißigste Knabe zu sein, nur die Redekunst, einzig die schöne Redekunst, die kann er bis heute auf keine Weise vergessen. Er grämt sich und seufzt und sehnt sich nach ihr; denkt an Thiers, Guizot, Odilon Barrot. »Wie blühte doch damals die Redekunst!« sagt er sich mitunter wehmütig und beginnt nachzudenken. Napoleon III. begriff das, entschied sofort, daß Jacques Bonhomme nicht nachdenken dürfe, und führte allmählich die Schönrednerei wieder ein. Zu dem Zweck werden nun in der gesetzgebenden Körperschaft sechs liberale Abgeordnete unterhalten, sechs beständige, unabänderliche, wirklich liberale Abgeordnete, d. h. solche, die vielleicht auch nicht zu bestechen sind, wenn man es mit dem Bestechen bei ihnen versuchen wollte, aber es sind ihrer doch nur sechs, – sechs waren es, sechs sind es und sechs werden es im ganzen bleiben. Weitere werden nicht hinzukommen, da seien Sie unbesorgt, und auch weniger werden es nicht werden. Und das ist auf den ersten Blick eine überaus verzwickte Einrichtung. Aber in Wirklichkeit ist die Sache viel einfacher und wird mit Hilfe des suffrage universel bewerkstelligt. Natürlich sind entsprechende Maßnahmen vorgesehen, damit sie im Reden nicht zu weit gehen. Aber zu schwätzen ist erlaubt. Alljährlich werden also zur gebotenen Zeit die wichtigsten Staatsfragen erörtert und der Pariser lebt in süßer Erregung. Er weiß, daß es nun Redekunst geben wird, und Freude erfüllt ihn darob. Selbstverständlich weiß er nicht minder gut, daß er nur schöne Redekunst hören wird und nichts weiter, daß es Worte, Worte und Worte geben, aus diesen Worten jedoch nicht das Geringste hervorgehen wird. Aber er ist auch damit sehr, sehr zufrieden. Und er selbst ist der erste, der alles das überaus vernünftig findet. Die Reden einzelner dieser sechs liberalen Vertreter erfreuen sich einer besonderen Popularität. Und der Vertreter ist immer gern bereit, zum Vergnügen des Publikums Reden zu halten. Sonderbar ist nur eines: er weiß es doch selber ganz genau, daß durch alle seine Reden entschieden nichts erfolgt, daß dieses ganze Reden nur ein Zeitvertreib ist, ein Zeitvertreib und nichts weiter, ein harmloses Spiel, eine Maskerade, und trotzdem redet er, redet jahrelang, redet sogar wunderbar und redet mit großem Vergnügen. Und allen anderen Mitgliedern, die ihn reden hören, fließt vor Vergnügen das Wasser im Munde zusammen. »Schön spricht der Mann!« – und selbst dem Präsidenten und ganz Frankreich läuft das Wasser im Munde zusammen. Doch schließlich hat der Vertreter seine Rede beendet und nun erhebt sich der Präsident oder vielmehr der Erzieher dieser lieben, artigen Kinder. Er erklärt feierlich, daß die Rede über das gestellte Thema, sagen wir, »Der Sonnenaufgang«, von dem geehrten Herrn Volksvertreter vorzüglich entwickelt und ausgearbeitet gewesen sei. »Wir bewunderten das Talent des gelehrten Herrn Redners,« fährt er fort, »seine Gedanken und seine tadellose Erziehung, die in diesen Gedanken ihren Ausdruck fand; es war uns allen, allen ein Vergnügen, seinen Worten zu lauschen... Jedoch – zu meinem Leidwesen muß ich sagen, obgleich das verehrte Mitglied zur Belohnung durchaus eine Prämie in Gestalt eines Buches mit der Inschrift ›Für gute Aufführung und Fortschritte in den Wissenschaften‹ verdient hat, ja, wie gesagt, ungeachtet dessen, meine Herren, ist die Rede des verehrten Herrn Redners aus gewissen höheren Erwägungen zu nichts nütze. Ich hoffe, meine Herren, daß Sie mir ohne weiteres zustimmen werden?« Hier wendet er sich gewissermaßen an alle Anwesenden und sein Blick beginnt vor Strenge zu blitzen. Die Herren Vertreter, denen während der Rede das Wasser im Munde zusammenlief, klatschen dem Herrn Erzieher sogleich mit unbändiger Begeisterung ihren Beifall zu, doch das hindert sie nicht, gleich darauf dem liberalen Volksvertreter gerührt die Hände zu drücken, für das genossene Vergnügen zu danken und dabei die Bitte auszusprechen, ihnen dieses liberale Vergnügen mit Erlaubnis des Herrn Erziehers das nächste Mal wieder zu bereiten. Wohlwollend erlaubt dies der Herr Erzieher und der Verfasser der Rede über den »Sonnenaufgang« entfernt sich, stolz auf seinen Erfolg. Die übrigen Vertreter entfernen sich gleichfalls, kehren in den Schoß ihrer Familie zurück und lecken sich noch die Lippen in der Erinnerung an das genossene Vergnügen, und wenn der Abend kommt, gehen sie Arm in Arm mit ihren Epousen im Garten des Palais-Royal spazieren und lauschen dem wohltuenden Geplätscher der tugendsamen Springbrünnlein; ihr Herr Erzieher aber erklärt, nachdem er an zuständiger Stelle Bericht erstattet hat, dem ganzen Frankreich, daß alles in schönster Ordnung sei.

Manchmal übrigens, wenn man sich an wichtigere Dinge heranmacht, wird das Spiel auch ein wenig wichtiger gestaltet. In eine der Kammersitzungen führt man sogar den Prinzen Napoleon ein. Der Prinz Napoleon beginnt plötzlich zum größten Schrecken aller dieser lernenden Jünglinge Opposition zu machen. In der Kammer herrscht wie in einer Klasse von lauter Musterschülern feierliche Stille. Prinz Napoleon spielt den Liberalen, Prinz Napoleon ist mit der Regierung nicht einverstanden, seiner Meinung nach müsse dies und jenes geschehen. Der Prinz verurteilt die Regierung, – kurz, es wird dasselbe gesagt, was (vermutlich) auch alle diese artigen Kinder sagen könnten, wenn ihr Hofmeister nur auf einen Augenblick die Klasse verließe. Selbstredend würde auch dann alles nur mit Maß geschehen; und eigentlich ist auch das schon eine ganz unsinnige Vermutung, denn alle diese lieben Kinder sind ja so lieb erzogen, daß sie, selbst wenn ihr Hofmeister sie eine ganze Woche allein ließe, sich doch nicht einmal rühren würden. Und siehe, nachdem der Prinz Napoleon zu Ende gesprochen hat, erhebt sich der Herr Hofmeister und erklärt feierlichst, der Aufsatz über das Thema »Der Sonnenaufgang« sei von dem verehrten Herrn Redner vorzüglich entwickelt und ausgearbeitet worden. »Wir bewunderten das Talent, die beredten Gedanken und die Sittsamkeit des Allergnädigsten Prinzen ... Wir sind bereit, ihm für Fleiß und Fortschritte in den Wissenschaften ein Buch zu überreichen, aber... usw., usw.«, kurz alles, was schon gesagt wurde. Selbstverständlich klatscht die ganze Klasse Beifall, und zwar mit einer Begeisterung, die an Raserei grenzt, der Prinz wird nach Hause geleitet, die sittsamen Schüler verlassen den Klassenraum, ganz wie es artigen Musterkindern geziemt, und abends spazieren sie mit ihren Epousen im Garten des Palais-Royal, lauschen dem wohltuenden Geplätscher der Springbrünnlein usw., usw. usw., kurz, die Ordnung, die sie eingeführt haben, ist fabelhaft.

Bei einem Besuch des Justizpalais versahen wir uns in der Salle des pas perdus und gelangten, statt in die Abteilung für Kriminalsachen, in die der Zivilprozesse Ein Rechtsanwalt mit lockigem Haar, in langer Robe, das Barett auf dem Kopf, hielt eine Rede, in der er mit wahren Perlen der Redekunst nur so um sich streute. Der Vorsitzende, die Richter, die Zuhörer schwammen in Wonne und Entzücken. Andächtige Stille herrschte im Raum: wir schlichen auf den Fußspitzen hinein. Es handelte sich um eine Erbschaftsgeschichte, in die eine Ordensbruderschaft verwickelt war. Ordensbrüder sind jetzt oft in Rechtsstreite verwickelt, namentlich in solche, wo es sich um Erbschaften handelt. Die skandalösesten, die schmutzigsten Begebenheiten werden aufgedeckt; doch das Publikum schweigt und ist sehr wenig schockiert, da die Patres gegenwärtig eine beträchtliche Macht haben und der Bourgeois ja so ungemein folgsam ist. Die geistlichen Väter stellen sich immer mehr auf den Boden der Ansicht, daß Geld doch das Beste sei, besser als alle diese Schwärmereien und dergleichen, und daß man, wenn man erst Geld beisammen hat, dann auch Macht haben kann, Redekunst dagegen sei doch nur Redekunst! Mit der allein mache man's jetzt nicht mehr. Aber darin irren sie sich ein wenig, wie mir scheint. Freilich ist so ein Kapitälchen eine lobesame Sache, aber auch mit der Redekunst kann man beim Franzosen viel erreichen. Besonders die Epousen sind's, die sich dem Einfluß der Ordensväter ergeben, jetzt sogar noch mehr, als es früher zu bemerken war. Und es steht zu hoffen, daß auch der Bourgeois einlenken wird. In jenem Prozeß stellte sich nun heraus, wie die Väter durch langjährige, schlaue, ja sogar wissenschaftliche Quälerei (sie haben zu dem Zweck eine ganze Wissenschaft entwickelt) eine gute und sehr reiche Dame veranlaßt hatten, ins Kloster überzusiedeln, wie diese Dame dort von ihnen so lange geängstigt worden war, bis sie krank wurde, wie man sie bis zur Hysterie mit allen Schrecknissen geschreckt hatte, und alles das mit seiner Berechnung, in wissenschaftlich abgewogener Steigerung. Und schließlich, als man das Opfer richtig krank und fast idiotisch gemacht hatte, begann man ihr noch vorzuhalten, daß es vor Gott dem Herrn doch eine große Sünde sei, an irdischen Verwandten zu hängen und sich mit ihnen abzugeben, und so hatten die Väter schließlich jedes Wiedersehen mit ihren Verwandten zu hintertreiben und diese von ihr vollkommen fernzuhalten gewußt. »Selbst ihre Nichte, diese jungfräuliche, kindliche Seele, dieser fünfzehnjährige Engel der Reinheit und Keuschheit, – selbst dieser Engel durfte sich nicht mehr unterfangen, die Zelle der vergötterten Tante zu betreten, dieser Tante, die ihre Nichte über alles auf der Welt liebte und nun infolge jener ränkevollen Hinterlist der Möglichkeit beraubt ward, le front virginal dieses Mädchens zu küssen, diese Stirn, auf der noch der weiße Engel der Unschuld thront ...« Kurz, alles war in dieser Art; es war erstaunlich schön. Der redende Rechtsanwalt schmolz sichtlich selber vor Freude darüber, daß er so schön zu reden verstand, desgleichen schmolz der Vorsitzende, schmolz der Gerichtshof, schmolz das Publikum. Die Ordensväter verloren die Schlacht einzig dank der Redekunst. Natürlich werden sie deshalb den Kopf nicht hängen lassen ... Einmal haben sie verloren, fünfzehnmal werden sie gewinnen.

»Wer ist dieser Rechtsanwalt?« fragte ich einen jungen Studenten, der dort unter den andächtigen Zuhörern mir am nächsten stand. Studenten gab es da eine Menge und alle benahmen sie sich so artig. Der Student sah mich verwundert an.

»Jules Favre!« sagte er schließlich, sagte es aber mit so verachtendem Mitleid, daß ich mich natürlich ganz verwirrt fühlte. So hatte ich denn Gelegenheit gehabt, die Blüten der französischen Redekunst und ihren Geist sozusagen aus der ersten Quelle kennen zu lernen.

Doch solcher Quellen gibt es eine Menge. Der Bourgeois ist bis in die Fingerspitzen mit Redekunst durchtränkt. Einmal gingen wir ins Pantheon, um die Ruhestätte der großen Männer Frankreichs zu sehen. Es war aber nicht die vorschriftsmäßige Besuchszeit und man verlangte von uns zwei Franken. Darauf nahm der vor Alter zitterige Invalide die Schlüssel und führte uns in die Grabgewölbe. Unterwegs sprach er noch wie ein Mensch, wenn auch aus Mangel an Zähnen ein wenig undeutlich. Doch kaum waren wir unten beim ersten Sarge angelangt, da begann er auch schon zu singen.

»Ci-gît Voltaire, – Voltaire, dieses große Genie des schönen Frankreich – de la belle France! Er rottete die Vorurteile aus, vernichtete die Unwissenheit, kämpfte mit dem Engel der Finsternis und hielt die Leuchte der Aufklärung hoch. In seinen Tragödien hat er Großes erreicht, obschon Frankreich bereits Corneille besaß.«

Er sprach offenbar auswendig Gelerntes. Irgend jemand wird ihm wohl einmal diese Litanei auf ein Blatt Papier geschrieben haben und die hatte er dann für sein ganzes Leben auswendig gelernt. Sein altes, gutmütiges Gesicht verklärte sich förmlich vor Wonne, als er seinen hohen Stil vor uns ausbreiten konnte.

»Ci-gît Jean Jacques Rousseau,« fuhr er fort, an einen anderen Sarg tretend. »Jean Jacques, l'homme de la nature et de la vérité

Mich wandelte plötzlich Lachlust an. Durch hochtrabende Rede kann man tatsächlich alles lächerlich machen. Und zudem sah man doch, daß der arme Alte, als er von der nature und der vérité sprach, selber entschieden keine Ahnung hatte, um was es sich handelte.

»Sonderbar!« sagte ich. »Von diesen beiden großen Männern hat der eine den andern sein Lebelang einen Lügner und üblen Menschen genannt, und dieser den ersteren wiederum einfach einen Dummkopf. Und nun liegen sie hier fast Seite an Seite.«

»Mßjö, mßjö!« entfuhr es dem Invaliden – offenbar wollte er mir widersprechen, aber dann tat er es doch nicht, sondern führte uns schneller zu einem anderen Sarkophag.

»Ci-gît, Lannes, der Marschall Lannes,« begann er von neuem zu singen, »einer der größten Helden Frankreichs, das so überreich mit Helden gesegnet ist. Das war nicht nur ein großer Marschall, der geschickteste Heerführer, ausgenommen den großen Kaiser, sondern ihm ward auch noch das höchste Glück zuteil. Er war der Freund ...«

»Nun ja, er war der Freund Napoleons,« sagte ich, um die Rede abzukürzen.

»Mßjö! Erlauben Sie, daß ich rede,« unterbrach mich der Invalide mit gleichsam ein wenig gekränkter Stimme.

»Reden Sie, reden Sie nur, ich höre.«

»Ihm ward auch noch das höchste Glück zuteil. Er war der Freund des großen Kaisers. Kein anderer von allen seinen Marschällen hatte das Glück, dem großen Manne Freund zu werden. Einzig der Marschall Lannes ward dieser großen Ehre gewürdigt. Als er auf dem Schlachtfelde für sein Vaterland fiel ...«

»Nun ja, ein Geschoß zerschmetterte ihm beide Beine.«

»Mßjö, mßjö! Gestatten Sie doch, daß ich es selber sage,« rief der Invalide mit fast klagender Stimme. »Sie wissen das vielleicht schon ... Aber so lassen Sie es doch auch mich erzählen!« – Der wunderliche Alte wollte sich schon gar zu gern reden hören, auch wenn wir alles bereits wußten.

»Als nun der Marschall im Sterben lag,« fuhr er also von neuem fort, »für sein Vaterland, auf dem Felde der Schlacht, da kam der Kaiser, aufs Tiefste erschüttert und schmerzlich beklagend den großen Verlust...«

»Um Abschied von ihm zu nehmen,« plagte es mich wieder, ihm ins Wort zu fallen, aber ich fühlte sogleich, daß es häßlich von mir war; ich schämte mich sogar.

»Mßjö, mßjö!« sagte der Alte, sah mir mit traurigem Vorwurf in die Augen und schüttelte langsam sein greises Haupt. »Mßjö! Ich weiß, ich bin überzeugt, daß Sie alles das wissen, vielleicht besser wissen als ich. Aber Sie haben doch selber die Führung mir überlassen; also erlauben Sie, daß ich jetzt rede. Es ist auch nicht mehr viel zu sagen ... Da kam der Kaiser, aufs tiefste erschüttert und schmerzlich beklagend den großen Verlust, den er, die Armee und ganz Frankreich erlitten, an das Sterbelager des Marschalls und linderte durch diesen letzten Abschied die grausamen Qualen des vor seinen Augen hinscheidenden Heerführers. – C'est fini, monsieur,« fügte er mit einem vorwurfsvollen Blick auf mich hinzu und ging weiter.

»Und hier sind dann noch ein paar Särge: das sind so ... quelques sénateurs,« bemerkte er gleichmütig, mit einer nachlässigen Kopfbewegung auf die übrigen Sarkophage deutend, die in der Nähe standen. Seine

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