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Autobiographische Schriften

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Autobiographische Schriften - Kapitel 14
Quellenangabe
typeautobio
authorFjodr Michailowitsch Dostojewski
titleAutobiographische Schriften
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1919
translatorE. K. Rahsin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2008331
projectid556330a0
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Sechstes Kapitel: Ein Versuch über den Bourgeois

Warum kauert sich hier alles das so zusammen, warum will sich hier alles in Scheidemünze einwechseln, sich einengen, sich drücken: »Ich bin gar nicht da, ich bin überhaupt nicht auf der Welt, ich habe mich versteckt, gehen Sie, bitte, vorüber und bemerken Sie mich nicht, tun Sie, als sähen Sie mich nicht, gehen Sie, ach gehen Sie doch vorüber!«

»Ja von wem reden Sie eigentlich? Wer kauert sich zusammen?«

»Na, der Bourgeois doch.« »Ums Himmels willen, der ist doch König, ist überhaupt alles, le tiers état c'est tout, und Sie reden von – sich verstecken!«

»Ja, aber warum versteckt er sich denn so hinter dem Kaiser Napoleon? Warum hat er denn in seiner Abgeordnetenkammer die hohen Phrasen vergessen, die er früher so liebte? Warum will er sich an nichts erinnern und warum winkt er mit beiden Händen ab, wenn man ihn an irgend etwas, das in alten Zeiten war, erinnert? Warum ist bei ihm im Sinn und Blick und auf der Zunge sogleich Alarm, wenn andere in seiner Gegenwart noch irgend einen Zukunftswunsch zu äußern wagen? Und wenn er selber einmal aus reiner Einfalt übermütig wird und plötzlich auch in sich noch einen Wunsch verspürt, warum erschrickt er dann gleich und bekreuzigt sich, um den Einfluß des Bösen zu bannen: »Herrgott, was hab ich da ... was fällt mir überhaupt ein!« und warum bemüht er sich darnach noch lange, sein törichtes Benehmen durch Fleiß und Artigkeit gewissenhaft wieder gut zu machen? Warum sieht er immer so aus, als sage er fast wortwörtlich: »Heute mache ich wieder ein paar Geschäftchen in meinem Laden und, so Gott will, morgen auch und vielleicht auch noch übermorgen, wenn Gott mir gnädig ist ... Nun und dann, dann aber ... wenn man nur schneller ein Sümmchen in Sicherheit hätte, und« ... und weiter denkt er nicht;– après moi le déluge. Warum hat er alle Armen irgendwohin weggeschafft und warum beteuert er, es gäbe sie in Frankreich überhaupt nicht? Warum begnügt er sich so stillschweigend mit einer Regierungspresse und mit vorschriftsmäßiger Literatur? Warum will er sich so furchtbar gern einreden, seine Zeitungen seien nicht käuflich? Warum willigt er ein, so viel Geld für Spione auszugeben? Warum wagt er gegen die Mexikanische Expedition auch nicht mit einer Silbe zu mucksen? Warum werden auf den Bühnen seiner Theater die Ehemänner immer als so edle und mit Geld und Gütern wohlversehene Herren dargestellt, die Liebhaber dagegen immer als irgend solche armselige, verlumpte Habenichtse ohne Stellung und ohne Protektion, als irgend solche Kommis oder Künstler, jedenfalls als im höchsten Grade lumpige Leutchen? Warum gaukelt er sich vor, daß die Epousen alle ohne Ausnahme bis zum Äußersten ihren Gatten treu seien, daß sein Heim in Wohlbehagen still gedeihe, der pot-au-feu in tugendvollster Hitze brodele und die Kopfzier seines eigenen Hauptes in einer so tadellosen Verfassung sei, wie man sie sich besser gar nicht denken könnte? Gerade bezüglich der Kopfzier ist seine Überzeugung von ganz besonderer Festigkeit: so ist es nun einmal vereinbart, ohne alles Gerede, so hat es sich von selbst eingeführt und festgesetzt; und wenn auch auf den Boulevards jeden Augenblick geschlossene Mietskutschen mit herabgezogenen Rollvorhängen vorüberfahren, wenn es auch überall Zufluchtsstätten für alle möglichen interessanten Erfordernisse gibt und wenn auch die Toiletten der Epousen nur allzuoft teurer sind, als nach dem Beutel des Gemahls anzunehmen wäre, so bleibt es doch dabei, denn so ist es nun einmal vereinbart und unterschrieben – also was wollen Sie nun noch? Und warum ist es so vereinbart und unterschrieben? Ja aber: wenn es das nicht wäre, dann könnte man ja womöglich denken, das Ideal sei noch nicht erreicht, Paris sei noch nicht das vollendete irdische Paradies, könnte denken, daß man schließlich doch noch was wünschen dürfe, daß folglich der Bourgeois auch selber noch nicht ganz zufrieden sei mit dieser Ordnung, für die er einsteht und die er allen aufbinden will. Man könnte glauben, daß es in dieser Gesellschaft doch irgend welche Sprünge und Risse gibt, die man ausbessern müßte. Sehen Sie, deshalb schwärzt der Bourgeois die Risse in seinen Stiefeln mit Tinte, damit man nur ja nicht, Gott behüte, etwas bemerke! Die Epousen aber naschen derweil Süßigkeiten, sind behandschuht, daß die russischen Damen im fernen Petersburg sie bis zur Hysterie beneiden, zeigen ihre Füßchen und raffen auf den Boulevards überaus graziös die Röcke. Was will man denn noch zum vollkommenen Glück? Eben deshalb sind auch Romantitel wie z. B. »Die Frau, der Mann und der Liebhaber« unter den gegenwärtigen Verhältnissen bereits unmöglich, da es Liebhaber doch nicht mehr gibt, gar nicht geben kann. Und selbst wenn es ihrer in Paris so viele geben sollte wie Sand am Meer (und es gibt ihrer dort vielleicht sogar noch mehr), so sind sie dennoch nicht vorhanden und können gar nicht vorhanden sein, sintemal es ein für allemal so festgestellt und unterschrieben ist und nun alles in Tugenden glänzt. Das aber ist unbedingt erforderlich daß alles in Tugenden glänzt.

Betrachtet man abends im Palais-Royal das Bild, das sich dort im großen Hof bis elf Uhr nachts dem Auge bietet, so ist man unfehlbar versucht, eine Träne der Rührung zu vergießen. Um die Zeit ergehen sich nämlich dortselbst unzählige Ehemänner mit ihren unzähligen Epousen am Arm in der milden Abendluft, indes ihre reizenden, wohlerzogenen Kinderchen ringsum spielen. Dazu plätschert das Springbrünnlein und das eintönige Rauschen seines Wassers erinnert einen an etwas Ruhiges, Stilles, Tagtägliches, Beständiges, Heidelbergisches. Und so plätschert ja nicht nur ein einzelnes Springbrünnlein in Paris: der Springbrünnlein gibt es dort viele und überall ist es dasselbe, so daß wahrlich das Herz sich freuen kann.

Das Bedürfnis nach Tugend ist in Paris nicht zu löschen. Der Franzose von heute ist ernst, solide und im Herzen oft sogar gerührt, so daß ich eigentlich nicht verstehe, warum ihm noch immer so furchtbar bange ist vor irgend etwas, bange sogar trotz der ganzen gloire militaire, die in Frankreich ja so floriert und für die Jacques Bonhomme so teuer zahlt. Der Pariser liebt es unendlich, Geschäfte zu machen, doch ich glaube, selbst wenn er seine Geschäftchen abwickelt oder Sie in seinem Laden nach allen Regeln der Kunst übers Ohr haut, tut er das nicht einfach um des Gewinnes willen, wie es früher geschah, sondern aus reiner Tugend, aus einem gewissen heiligsten Pflichtgefühl. Ein Vermögen aufzuspeichern und möglichst viel Sachen zu besitzen, das ist zum Hauptgesetz der Sittlichkeit, ja zum Katechismus des Parisers geworden. Das war allerdings auch früher schon so, jetzt aber, jetzt hat das ein gewisses, sozusagen heiliges Ansehen bekommen. Früher hatte außer dem Gelde immerhin auch noch manches andere Geltung, so daß auch ein Mensch ohne Geld, wenn er statt des Geldes andere Eigenschaften besaß, noch auf eine gewisse Achtung rechnen konnte; jetzt aber ist das einfach ausgeschlossen. Jetzt muß man sich zunächst Geld verschaffen und sich obendrein möglichst viel Sachen anlegen, dann erst kann man auf eine gewisse Achtung rechnen. Und nicht bloß Achtung von seiten anderer, nein, auch Selbstachtung ist nur noch auf diesem Wege zu erlangen. Der Pariser hält sich selbst nicht für einen Sou wert, wenn er fühlt, daß seine Taschen leer sind, und das tut er nicht etwa unbewußt, nein, bewußt tut er es, tut es auf Ehre und Gewissen, tut es aus größter Überzeugung. Es werden Ihnen ganz erstaunliche Dinge erlaubt, wenn Sie nur Geld haben. Ein armer Sokrates ist nur ein dummer und schädlicher Phraseur und wird höchstens im Theater geachtet, dieweil nämlich der Bourgeois im Theater die Tugend immer noch zu achten liebt.

Fürwahr, ein sonderbarer Mensch ist dieser Bourgeois: da erklärt er unumwunden, daß Geldbesitz die höchste Tugend und Menschenpflicht sei, und dabei liebt er es ungeheuer, sich zugleich als den edelsten der Menschen aufzuspielen. Die Franzosen haben alle ein bewundernswert edles Gehaben. Selbst das erbärmlichste Französchen, das für einen Viertelrubel seinen leiblichen Vater an Sie zu verkaufen bereit ist und Ihnen dann obendrein und sogar ungebeten noch irgend etwas auf den Kauf gibt, hat gleichzeitig, ja buchstäblich in derselben Minute, in der er seinen leiblichen Vater verkauft, eine so sichere, selbstverständliche Haltung, daß Sie in Zweifeln befangen dastehen und sich bloß wundern können. Sie treten in einen Laden, um irgend etwas zu kaufen, und selbst der letzte Kommis erdrückt, jawohl, erdrückt Sie einfach mit seinem unsagbaren Edelmut. Das sind dieselben Kommis, die unserem Michailoff-Theater als Musterbeispiel des allerfeinsten Süperflü dienen. Sie fühlen sich , kaum daß Sie in den Laden eingetreten sind, sofort bedrückt, fühlen sich geradezu schuldig vor diesem Kommis. Sie haben den Laden betreten, um, sagen wir, zehn Franken auszugeben, und man empfängt Sie, als wären Sie Lord Devonshire in eigener Person. Sie empfinden aus einem unbestimmten Grunde sogleich die schrecklichsten Gewissensbisse, Sie möchten so schnell wie möglich den Irrtum aufheben, möchten versichern, daß Sie keineswegs Lord Devonshire, sondern nur so ... eben nur ein bescheidener Reisender sind, und daß Sie hier bloß für zehn Franken zu kaufen beabsichtigen. Doch der junge Mann von glücklichstem Äußeren und unaussprechlichstem Edelmut in der Seele, bei dessen Anblick Sie sich selbst womöglich für einen Schurken zu halten geneigt sind (dermaßen edel sieht er aus!), beginnt bereits Ware für Zehntausende von Franken vor Ihnen auszubreiten. In einem Augenblick hat er für Sie schon den ganzen Ladentisch mit Bergen von Sachen bedeckt, und da bedenke man bloß, wieviel er, der Arme, nachher wieder einwickeln, einpacken, wegräumen muß, er, dieser Grandison, Alcibiades, Montmorency, und das noch um wessentwillen? Um Ihretwillen, der Sie die Frechheit gehabt haben – Sie mit Ihrem keineswegs beneidenswerten Äußeren, Sie mit allen Ihren Untugenden und Mängeln und Ihren ekelhaften zehn Franken –, einen solchen Marquis zu belästigen! Wenn man alles das bedenkt, beginnt man ganz unwillkürlich und auf der Stelle sich selbst zu verachten. Sie bereuen und verwünschen das Schicksal, welches es so fügt, daß in Ihrer Tasche sich gerade nur hundert Franken befinden, und Sie werfen eiligst die hundert hin, indes Ihr Blick um Verzeihung bittet. Doch großmütig wird Ihnen das für Ihre lumpigen hundert Franken Gekaufte eingewickelt, man verzeiht Ihnen auch die ganze Mühe und Ruhestörung, die Sie verursacht haben, und Sie beeilen sich, so schnell wie möglich sich aus dem Laden hinaus zu drücken. In Ihrem Hotelzimmer wundern Sie sich dann nicht wenig über die Tatsache, daß Sie, der Sie doch nur zehn Franken hatten ausgeben wollen, dabei hundert Franken losgeworden sind. Wie oft habe ich auf den Boulevards oder in der Rue Vivienne, wo sich so viele Läden mit Modegegenständen befinden, bei mir gedacht: wenn man unsere russischen Damen hierher führte und ... Doch von den Folgen werden Ihnen am besten die Bevollmächtigten und Dorfältesten der Güter in den Gouvernements von Orloff, Tamboff usw. berichten können. Russen haben überhaupt die Sucht, bei Einkäufen in Läden so zu tun, als hätten sie unermeßlich viel Geld. Dafür aber gibt es auch eine Unverschämtheit in der Welt, wie z. B. bei den Engländerinnen, die sich dadurch, daß ein solcher Adonis oder Wilhelm Tell den ganzen Ladentisch für sie allein mit Haufen von Sachen bedeckt und in allen Fächern das Unterste zu oberst gekehrt hat, nicht nur nicht verwirren lassen, sondern noch – es ist nicht zu glauben! – noch wegen irgend welcher zehn Franken zu handeln anfangen. Aber der Wilhelm Tell ist kein Stümper in seinem Fach: er versteht es schon, sich zu rächen und für einen Schal im Werte von tausendfünfhundert Franken der Mylady zwölftausend abzuknöpfen, und dies noch auf eine Weise, daß sie mit ihrem Einkauf vollkommen zufrieden bleibt. Doch davon abgesehen, liebt der Bourgeois bis zur Leidenschaft unaussprechlichen Edelmut. Auf der Bühne zeige ihm unbedingt nur Uneigennützigkeit. Gustave, der Held, muß nur so strahlen vor lauter edlen Eigenschaften und der Bourgeois weint vor Rührung. Ohne unaussprechlichen Edelmut kann er nun einmal nicht ruhig schlafen. Daß er aber zwölftausend statt tausendfünfhundert Franken genommen hat, das war ja einfach seine Pflicht: er hat sie doch nur aus Tugend genommen. Stehlen ist schändlich, ist gemein, – dafür kommt man auf die Galeeren; der Bourgeois ist bereit, vieles zu verzeihen, doch nie und nimmer Diebstahl, und sollten Sie auch mitsamt Ihren Kindern Hungers sterben. Doch wenn Sie aus besagtem Pflichtgefühl, also aus Tugendhaftigkeit stehlen, oh, dann wird Ihnen alles und ohne weiteres verziehen. Dann wollen Sie eben faire fortune und sich viele Sachen anschaffen, also die Natur- und Menschheitspflicht erfüllen. Deshalb sind denn auch in seinem Kodex ganz genau die Punkte angegeben, die Diebstahl aus niedrigen Gründen, also etwa um ein Stück Brot, von Diebstahl aus hoher Tugendhaftigkeit unterscheiden. Letzterer wird sogar sehr gefördert, ist im höchsten Maße sicher gestellt und ungemein zweckmäßig organisiert.

Warum also, frage ich – ich komme immer wieder darauf zurück – warum ist denn dem Bourgeois bei alledem auch heute noch so bänglich zumute, ganz als säße er nicht auf seinem eigenen Stuhl? Weswegen fühlt er sich denn noch beunruhigt? Wegen der Parleure und Phraseure etwa? Aber die kann er doch jetzt mit einem einzigen Fußtritt zum Teufel jagen. Oder ist er es wegen der Beweise der reinen Vernunft? Aber die Vernunft hat sich doch vor der Wirklichkeit als bankrott erwiesen und überdies fangen ja die Vernünftler, die Gelehrten, jetzt selber an zu erklären, es gäbe überhaupt keine Beweise der reinen Vernunft, die reine Vernunft sei in der Welt überhaupt nicht vorhanden, die abstrakte Logik sei auf die Menschheit nicht anwendbar, es gebe eine Vernunft von Iwan, von Peter, von Gustave, doch eine reine Vernunft habe es noch nie gegeben; das sei nur eine unbegründete Erdichtung des achtzehnten Jahrhunderts. – Wen also hat er zu fürchten? Die Arbeiter? Aber die Arbeiter sind doch alle in der Seele gleichfalls Besitzer: ihr ganzes Ideal besteht doch nur darin, Besitzer zu sein und sich möglichst viel Sachen anzuschaffen! so ist nun einmal ihre Natur. Die Natur wird keinem umsonst gegeben. Alles das ist von Jahrhunderten groß gezogen, von Jahrhunderten gezüchtet. Nationalität läßt sich nicht mit Leichtigkeit umwandeln, es ist nicht leicht, von Gewohnheiten abzulassen, die schon Jahrhunderte alt und in Fleisch und Blut übergegangen sind. Oder fürchtet er die Landbevölkerung? Aber die französischen Landleute sind ja der Erztypus der Besitzer, sind die stumpfesten Besitzer, also das beste, das vollkommenste Ideal des Besitzers, das man sich nur vorstellen kann. Oder fürchtet er die Kommunisten? Oder schließlich die Sozialisten? Aber diese Leutchen haben ja ihre Sache seinerzeit gewaltig verspielt und im Grunde seiner Seele verachtet der Bourgeois sie tief,– verachtet sie und dabei fürchtet er sie doch. Ja, eben diese Leute fürchtet er. Und doch sollte man meinen: warum denn, weshalb? Hat denn der Abbé Sieyès in seinem berühmten Pamphlet nicht prophezeit, daß der Bourgeois alles sein werde? »Was ist der tiers état? Nichts. Was müßte er sein? Alles.« Nun, es ist so gekommen, wie er gesagt hat. Von allen Worten, die damals gesagt worden sind, sind nur diese in Erfüllung gegangen; nur sie allein sind geblieben. Der Bourgeois aber scheint es immer noch nicht so recht glauben zu wollen, ungeachtet dessen, daß alles andere, was nach diesen Worten des Abbé gesagt worden ist, vergangen und verschwunden ist wie eine geplatzte Seifenblase. In der Tat: bald nach ihm verkündete man ja: liberté, égalité, fraternité. Wunderbar. Aber was bedeutet nun eigentlich liberté? – Freiheit. Was für eine Freiheit? – Die gleiche Freiheit aller, alles zu tun, was man will, sofern das Wollen innerhalb der Grenzen der Gesetze bleibt. Wann aber kann man alles tun, was man will? – Wenn man eine Million hat. Gibt die Freiheit jedem Menschen diese Million? – – Nein. Was ist ein Mensch ohne eine Million? – Ein Mensch ohne eine Million ist nicht jemand, der alles macht, was er will, sondern jemand, mit dem man macht, was man will. Was folgt daraus? – Daraus folgt, daß es außer der Freiheit noch Gleichheit gibt und zwar Gleichheit vor dem Gesetz. Von dieser Gleichheit vor dem Gesetz läßt sich freilich nur das eine sagen, nämlich: daß in der Form, wie sie jetzt angewandt wird, jeder Franzose sie nur für eine persönliche Beleidigung halten kann und muß. Was verbleibt nun noch von der Formel? – Brüderlichkeit. Nun, dieses Kapitel ist das Allerkurioseste; und man muß schon zugeben, daß es im Westen noch bis zum heutigen Tage der größte Stein des Anstoßes ist. Der Westeuropäer redet von Brüderlichkeit wie von einer großen, die Menschheit bewegenden Kraft und verfällt überhaupt nicht darauf, daß Brüderlichkeit sich von nirgendwoher nehmen läßt, wenn sie nicht als Wirklichkeit einfach vorhanden ist. Also was tun? – Ja, da muß man Brüderlichkeit eben irgendwie machen, herstellen, denn zur Stelle schaffen muß man sie unbedingt. Aber da zeigt es sich, daß Brüderlichkeit überhaupt nicht zu machen ist, weil sie sich nämlich von selbst macht, weil sie gegeben sein, in der Natur liegen muß. In der französischen Natur aber, ja, in der westeuropäischen überhaupt, hat sich das Vorhandensein der Brüderlichkeit nicht gezeigt, sondern statt ihrer das Vorhandensein des Prinzips der Einzelperson, der Persönlichkeit, der verstärkten Selbsterhaltung, Selbstbehauptung, des Selbstbetriebs, der Selbstbestimmung innerhalb des eigenen Ich, das Prinzip, dieses Ich der ganzen Natur und allen übrigen Menschen entgegenzustellen als ein befugtes Element für sich, das der Gesamtheit alles anderen, das außer ihm in der Welt vorhanden ist, als vollkommen gleichberechtigt und gleichwertig gegenübersteht. Nun, und aus einer solchen Selbsteinschätzung hat Brüderlichkeit eben nicht hervorgehen können. Warum nicht? – Weil in der Brüderlichkeit, in der wirklichen Brüderlichkeit nicht der einzelne Mensch, nicht das Ich für das Recht seiner Gleichwertigkeit und Gleichwichtigkeit gegenüber allem Übrigen sorgen soll, sondern dieses Übrige von selbst zu der ihr Recht fordernden Persönlichkeit, zu diesem einzelnen Ich kommen und von selbst, ohne von ihm darum gebeten zu sein, dieses einzelne Ich als sich, d.h. allem übrigen auf der Welt Vorhandenen, gleichwertig und gleichberechtigt anerkennen müßte. Und das ist noch nicht alles: dieser selbe rebellische und fordernde Einzelmensch müßte als Erstes sein ganzes Ich, sich selbst restlos der Gesamtheit opfern und nicht nur sein Recht als einzelner Mensch nicht fordern, sondern, im Gegenteil, dasselbe der Gesamtheit ohne Vorbehalt und ohne alle Bedingungen hingeben. Aber die westeuropäische Persönlichkeit ist einen solchen Lauf der Dinge nicht gewohnt: kämpfend stellt sie ihre Forderungen, verlangt sie ihr Recht, will sie, daß geteilt werde – nun, und so ist es denn nichts mit der Brüderlichkeit. Allerdings: man kann sich ja umwandeln! Aber eine solche Umwandlung vollzieht sich erst in Jahrtausenden, denn Ideen von dieser Art müssen erst in Fleisch und Blut übergehen, um Wirklichkeit werden zu können.

»Ja, wie,« fragen Sie mich, »muß man denn unpersönlich sein, um glücklich zu sein? Liegt denn in der Unpersönlichkeit das Heil?«

Im Gegenteil, ganz im Gegenteil, antworte ich, man muß nicht nur nicht unpersönlich sein, sondern muß gerade erst zu einer Persönlichkeit werden, und das sogar in einem weit höheren Grade als es jener Grad ist, der sich in Westeuropa jetzt festgesetzt hat. Verstehen Sie mich richtig: ein freiwilliges, vollkommen bewußtes, durch niemand und nichts erzwungenes Opfer seiner selbst zugunsten aller ist meiner Ansicht nach das Anzeichen der höchsten Entwicklung der Persönlichkeit, ihrer höchsten Macht, ihrer größten Selbstbeherrschung, ist das Anzeichen der größten Freiheit des persönlichen Willens. Freiwillig sein Leben für alle hingeben, für alle den Kreuzestod sterben oder den Scheiterhaufen besteigen, das kann man nur bei der stärksten Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.

Eine stark entwickelte Persönlichkeit, die von ihrem Recht, Persönlichkeit zu sein, vollkommen überzeugt ist, die für sich selbst nichts mehr zu fürchten braucht, kann ja aus dieser ihrer Persönlichkeit auch nichts anderes mehr machen, d.h. kann sie ja zu nichts anderem verwerten, als sie restlos allen hingeben, auf daß auch alle anderen ebensolche selbstberechtigte und glückliche Persönlichkeiten werden. Das ist ein Naturgesetz; und naturgemäß zieht es den Menschen zu dem hin. Aber hierbei gibt es ein Härchen, ein allerfeinstes Härchen, das, so fein es auch ist, doch alles zerstört und über den Haufen wirft, sobald es in die Maschine gerät. Nämlich: wehe, wenn der Mensch bei der Gelegenheit auch nur die geringste Berechnung zugunsten des eigenen Vorteils anstellt! Zum Beispiel: ich bringe mich selbst dar und opfere mich restlos für alle; nun und eben da ist es nötig, daß ich mich ganz und gar und unwiderruflich opfere, ohne einen Gedanken an meinen Vorteil, ohne auch nur im entferntesten daran zudenken, daß ich mich nun zwar restlos der Gesellschaft opfere, dafür aber die Gesellschaft selbst mich restlos mir wiedergeben werde. Man muß sich so opfern, daß man alles hingibt und sogar wünscht, daß einem dafür nichts wiedergegeben werde, – damit niemand durch dich auch nur irgendwelche Unkosten habe.

Wie ist das nun zu machen? Das ist doch dasselbe, wie sich vornehmen, nicht an einen weißen Bären zu denken. Versuchen Sie das einmal: stellen Sie sich die Aufgabe, nicht an einen weißen Bären zu denken, und Sie werden sehen, der Verwünschte wird Ihnen in einemfort einfallen. Also wie soll man es machen? Ja, zu machen ist es überhaupt nicht, sondern es ist nötig, daß es sich von selbst so mache, daß es in der Natur sei, daß es unbewußt in der Natur der ganzen Rasse liege, mit einem Wort: damit es Brüderlichkeit gäbe, das Liebesprinzip, muß man – lieben. Es muß einen instinktiv zur Brüderlichkeit hinziehen, zu Gemeinsamkeit und Eintracht, und es muß einen hinziehen, trotz aller vielhundertjährigen Leiden des Volkes, trotz barbarischer Rohheit und Unwissenheit, die sich in der Nation verwurzelt haben, trotz jahrhundertelanger Knechtschaft, trotz aller Einbrüche fremder Völkerschaften ins Land und der Fremdherrschaft, kurz, das Bedürfnis nach brüderlicher Gemeinschaft muß in der Natur des Menschen liegen, er muß damit geboren werden oder ein solches Bedürfnis schon seit uralten Zeiten sich angeeignet haben.

Worin bestünde nun diese Brüderlichkeit, wenn man sie vernunftgemäß, bewußt ausdrücken wollte? – Sie bestünde darin, daß jede einzelne Persönlichkeit von selbst, ohne jeden Zwang, ohne einen Vorteil für sich im Auge zu haben, zu der Gesellschaft der Menschen sagte: »Wir sind nur dann stark, wenn wir alle zusammenhalten, so nehmt mich denn ganz, wenn ihr meiner bedürft, denkt nicht an mich, wenn ihr eure Gesetze verfaßt, sorgt euch nicht um mich, ich gebe alle meine Rechte Euch und bitte Euch, verfügt über mich. Das ist mein höchstes Glück, Euch alles zu opfern, und so zu opfern, daß Euch dadurch keine Unkosten erwachsen. Ich vernichte mein Ich und will nicht mehr zu unterscheiden sein, damit nur Eure Brüderlichkeit gedeihe und verbleibe« ... Die Brüderlichkeit aber müßte hierauf sagen: »Du gibst uns zu viel. Wir haben kein Recht, von dir das nicht anzunehmen, was du uns gibst, denn du sagst doch, daß dieses Gebenkönnen dein ganzes Glück sei; aber was sollen wir tun, wenn unser Herz unaufhörlich auch um dein Glück schmerzt. So nimm denn auch von uns alles. Wir werden uns unaufhörlich und aus allen Kräften bemühen, es so zu machen, daß du soviel wie nur möglich persönliche Freiheit habest, soviel wie nur möglich Selbstbestimmungsrecht. Fürchte dich jetzt nicht mehr vor Feinden, weder vor Menschen noch vor der Natur. Wir stehen alle für dich, wir alle sichern dich vor Gefahr, wir werden uns unermüdlich für dich mühen, weil wir Brüder sind; wir sind doch alle deine Brüder, und unserer sind viele und wir sind stark, also sei ganz unbesorgt und guten Muts, fürchte nichts mehr und verlaß dich auf uns.«

Nach solchen Worten wäre freilich nichts mehr zu teilen, es würde sich alles von selbst verteilen. Liebet einander und alles dieses wird Euch zuteil.

Aber was ist das doch für eine Utopie, meine Herrschaften! Alles beruht auf dem Gefühl, auf der Natur und nicht auf der Vernunft. Das ist doch sogar fast wie eine Erniedrigung für die Vernunft. Also was meinen Sie? Ist das nun eine Utopie oder nicht?

Aber wiederum: was soll denn der Sozialist anfangen, wenn im westeuropäischen Menschen die Grundlage, das Prinzip der Brüderlichkeit, nun einmal nicht liegt, sondern statt dessen, im Gegenteil, das Prinzip der Einzelheit, der Persönlichkeit, die sich unausgesetzt absondert, die mit dem Schwert in der Hand ihre Rechte fordert? Der Sozialist, der nur sieht, daß Brüderlichkeit nicht vorhanden ist, beginnt also zur Brüderlichkeit zuzureden. Da die Brüderlichkeit ihnen nicht von Natur gegeben ist, will er sie künstlich herstellen. Doch um ein Hasenragout machen zu können, muß man zuvor einen Hasen haben. Den Hasen aber gibt es dort nicht, d.h. man hat nun einmal nicht die Natur, die der Brüderlichkeit fähig ist, eine Natur, die an Brüderlichkeit glaubt, die es von selbst nach Brüderlichkeit verlangt! In der Verzweiflung beginnt der Sozialist die zukünftige Brüderlichkeit zu konstruieren, zu definieren, nach Gewicht und Maß zu berechnen, mit Vorteilen zu locken; er erklärt, er lehrt, er erzählt, wieviel Vorteile den Menschen durch diese Brüderlichkeit erwüchsen und was ein jeder durch sie alles gewönne; er setzt auch fest, was jeder einzelne vorzustellen, was er zu tragen habe, und bestimmt auch im voraus die Zuteilung der irdischen Güter: wieviel einem jeden davon zukomme, d.h. wieviel jeder davon verdiene und wieviel ein jeder dafür freiwillig auf Kosten seiner Persönlichkeit der Genossenschaft abzutreten habe. Was aber ist denn das noch für eine Brüderlichkeit, wenn schon im voraus geteilt und festgesetzt wird, wieviel ein jeder zu bekommen verdient und was ein jeder tun muß? Übrigens – es ward ja die Formel verkündet: »Einer für Alle und Alle für Einen.« Etwas Besseres als dieses hätte man sich allerdings nicht ausdenken können, um so weniger, als diese ganze Formel unverändert einem Buch entnommen ist, das alle kennen. Doch siehe, man begann diese Formel praktisch anzuwenden und da geschah es, daß schon nach sechs Monaten der Begründer dieser Brüderlichkeit, Cabet, vors Gericht gezogen wurde. Die Fourieristen haben, wie man hört, schon die letzten neunhunderttausend Franken ihres Kapitals abgehoben und versuchen immer noch, die Brüderlichkeit irgendwie zu verwirklichen. Es kommt aber nichts dabei heraus. Natürlich hat es etwas sehr Verlockendes, wenn auch nicht auf brüderlicher, so doch auf rein vernunftgemäßer Grundlage zu leben, d.h. es ist schön und gut, wenn alle dich sicherstellen und von dir nur Arbeit und Übereinstimmung verlangen. Aber hier stellt sich nun wieder ein Rätsel ein: man sollte meinen, der Mensch werde doch vollkommen sichergestellt, man verspricht ihm Essen und Trinken, verspricht ihm Arbeit, und dafür verlangt man von ihm nur ein winziges Körnchen seiner persönlichen Freiheit zum Wohle der Allgemeinheit, nur ein ganz, ganz kleines Körnchen. Doch nein, das paßt dem Menschen nicht, selbst dieses winzige Körnchen abzutreten fällt ihm schon zu schwer. Infolge seiner Dummheit scheint es ihm immer, daß ein solches Leben ja so gut wie ein Gefängnisleben sei und allein für sich sei es besser, denn – da bliebe ihm der ganze freie Wille. Und wenn er in dieser seiner Freiheit auch geschunden wird, keine Arbeit erhält, dabei Hungers stirbt und seinen freien Willen überhaupt nicht hervorholen kann, – es scheint dem wunderlichen Kauz dennoch, daß es mit eigenem Willen besser sei. Natürlich bleibt dem Sozialisten somit nichts anderes übrig, als auszuspeien und ihm zu sagen, daß er ein Dummkopf, geistig zurückgeblieben und minderwertig sei, und nicht einmal seinen eigenen Vorteil zu begreifen verstehe; daß selbst irgend so eine armselige Ameise, die nicht einmal der Gabe des Wortes teilhaftig geworden ist, klüger sei als er, denn in ihrem Ameisenhaufen sei alles so gut eingerichtet, alles so genau vorliniert, alle Ameisen seien satt und glücklich, jeder Ameiserich kenne seine Aufgabe, kurz: der Mensch habe es noch lange nicht so weit gebracht, wie die Ameisen.

Mit anderen Worten: der Sozialismus mag ja irgendwo verwirklicht werden können, aber nur nicht in Frankreich.

Und da, in der letzten Verzweiflung, erklärt denn der Sozialist schließlich: liberté, égalité, fraternité ou la mort. Nun, hierzu ist schon nichts mehr zu sagen und der Bourgeois triumphiert endgültig.

Aber wenn der Bourgeois triumphiert, so muß doch folgerichtigerweise die Formel des Abbé Sieyès buchstäblich und bis zum letzten Tüpfelchen wahr geworden sein. Der Bourgeois ist nun tatsächlich alles, also warum ist er dabei so unsicher, warum duckt er sich, was fürchtet er denn noch? Alle haben sich vor ihm aus dem Staube gemacht, sind zurückgewichen, alle haben sie vor ihm nicht zu bestehen vermocht. Früher, unter Louis Philippe zum Beispiel, war der Bourgeois durchaus nicht so unsicher und ängstlich, und doch herrschte er auch damals schon. Ja, damals kämpfte er noch, damals witterte er, daß man ihm feind war, und auf den Junibarrikaden rechnete er mit seinen Feinden zum letztenmal mit Gewehr und Bajonett ab. Aber der Kampf nahm ein Ende und da sah der Bourgeois plötzlich, daß er allein auf der Erde war, daß es etwas Besseres als ihn überhaupt nicht gab, daß er das Ideal war, und daß ihm jetzt nicht mehr wie früher oblag, der ganzen Welt zu versichern, er sei das Ideal, sondern einfach und ruhig und in großartiger Haltung vor der ganzen Welt als Fleischwerdung der letzten Schönheit und aller menschlichen Vollkommenheiten zu posieren. Immerhin: eine etwas verwirrende Lage. Aus der befreite ihn Napoleon der Dritte. Der fiel ihnen wie ein Geschenk des Himmels in den Schoß, als der einzige Ausweg aus der Schwierigkeit, als einzige Möglichkeit. Seit eben der Zeit führt der Bourgeois ein glücklich-wohlgeruhsames Leben, zahlt für seine Wohlfahrt ungeheuerliches Geld und fürchtet dabei alles, ebendeshalb, weil er alles erreicht hat. Wenn man alles erreicht hat, wird es schwer, alles zu verlieren. Daraus folgt schnurstracks, meine Freunde, daß, wer sich am meisten fürchtet, derjenige ist, dem es am besten geht. Lachen Sie bitte nicht. Ja, was ist denn der Bourgeois jetzt?

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