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Autobiographische Schriften

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Autobiographische Schriften - Kapitel 13
Quellenangabe
typeautobio
authorFjodr Michailowitsch Dostojewski
titleAutobiographische Schriften
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1919
translatorE. K. Rahsin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2008331
projectid556330a0
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Fünftes Kapitel: Baal.

Und so war ich denn in Paris ... Doch erwarten Sie nicht, daß ich Ihnen jetzt viel von der Stadt selbst erzählen werde. Ich denke, Sie haben über Paris als Stadt bereits so viel in russischer Sprache gelesen, daß es Ihnen schließlich schon zum Überdruß geworden ist. Außerdem sind Sie ja selber dort gewesen und haben sich gewiß alles viel besser gemerkt als ich. Ich konnte es im Auslande nun einmal nicht ausstehen, alles nach dem Führer zu besichtigen, nach dem Gesetz, aus Pflicht als Reisender, und so habe ich denn an manchen Orten so berühmte Sehenswürdigkeiten nicht gesehen, daß ich mich sogar schäme, sie zu nennen. Auch in Paris habe ich vieles nicht gesehen. Ich werde deshalb auch nicht sagen, was ich dort nicht gesehen habe, aber dafür sage ich folgendes: ich habe für Paris eine Bezeichnung gefunden, ein Epitheton, und bestehe darauf, daß es richtig ist. Nämlich: es ist die sittlichste und tugendhafteste Stadt auf dem ganzen Erdenrund. Welch eine Ordnung! Welch eine Vernünftigkeit! Was für genau bestimmte und dauerhaft eingebürgerte Verhältnisse; wie ist alles sichergestellt und vorliniert; wie sind alle zufrieden und vollkommen glücklich, und wie haben sie sich alle mit Fleiß und Mühe schließlich selbst so schön zu der Überzeugung gebracht: sie seien nun wirklich zufrieden und vollkommen glücklich und ... und ... und auf diesem Punkt sind sie nun stehen geblieben. Darüber hinaus führt ja auch kein Weg. Sie, meine Freunde, werden es mir nicht glauben wollen, daß sie darauf stehen geblieben sind; Sie rufen mir zu, das sei eine häßliche Verleumdung von mir, eine Verleumdung aus Patriotismus; es sei doch unmöglich, daß dort alles wirklich habe stehen bleiben können. Aber meine Freunde: ich habe Sie doch schon im ersten Kapitel dieser Aufzeichnungen darauf vorbereitet, daß ich vielleicht schrecklich viel Unwahres sagen werde. Also bitte stören Sie mich nun nicht. Zudem wissen Sie doch sehr gut, daß ich, selbst wenn ich was zusammenlüge, es in der Überzeugung tue, nicht zu lügen. Das aber ist meiner Ansicht nach schon mehr als genug. Also lassen Sie mir nun meine Freiheit.

Ja, Paris ist eine bewundernswerte Stadt. Und was für ein Komfort, was für alle möglichen Bequemlichkeiten für jene, die das Recht auf Bequemlichkeiten haben, und wiederum: welch eine Ordnung, welch eine... man möchte sagen, Windstille in der Ordnung. Ich komme immer wieder auf diese Ordnung zurück. In der Tat, noch ein Weilchen und das eineinhalbmillionenköpfige Paris wird sich in irgend so ein in Windstille und Ordnung versteintes deutsches Professorenstädtchen verwandeln, von der Art zum Beispiel irgend eines Heidelberg. Dahin geht nun mal seine ganze Neigung. Und als ob es ein Heidelberg nicht auch in großem Maßstabe geben könnte? Und welch ein Reglement in allem! Verstehen Sie mich nicht falsch: ich meine hiermit weniger ein äußeres Reglement, das belanglos wäre (im Verhältnis, natürlich), sondern die kolossale innere, geistige, aus der Seele hervorgehende Vorschriftsmäßigkeit. Paris engt sich ein, Paris verkleinert sich gern und mit Liebe, es kauert sich gerührt zusammen. Wie anders ist in der Beziehung zum Beispiel London! Ich war im ganzen nur acht Tage in London, aber wenigstens äußerlich – mit wie breiten Bildern, wie scharfen Linien, wie eigenartigen, nicht nach einem Leisten regulierten Plänen hat es sich in meiner Erinnerung eingezeichnet. Alles ist so riesenhaft und kraß in seiner Eigenart. Sogar täuschen lassen kann man sich von dieser Eigenart. Jede Kraßheit, jeder Widerspruch steht hier Seite an Seite mit der eigenen Antithese und sie gehen eigensinnig Arm in Arm einher, sich gegenseitig widersprechend und doch anscheinend keineswegs einander ausschließend. All das steht, wie's scheint, starrsinnig für sich ein und lebt nach seiner Art und stört sich gegenseitig anscheinend nicht im geringsten. Indessen aber geht auch hier derselbe hartnäckige, dumpfe und schon veraltete Kampf vor sich, der Kampf, auf Tod oder Leben, des allgemein westlichen persönlichen Prinzips mit der Notwendigkeit, sich doch irgendwie miteinander einzuleben; irgendwie eine Gemeinschaft zu bilden und sich in einem einzigen Ameisenhaufen einzurichten; ja, meinetwegen sich in einen Ameisenhaufen zu verwandeln, aber sich einzurichten ohne einander aufzufressen, denn sonst – ist die Verwandlung in Menschenfresser da! In dieser Beziehung ist dort, wenn auch in einer anderen Richtung, dasselbe zu bemerken wie in Paris: dasselbe verzweifelte Bestreben, auf dem status quo stehen zu bleiben – aus Verzweiflung wenigstens stehen zu bleiben –, alle Wünsche und Hoffnungen mit dem Fleisch aus sich herauszureißen, die eigene Zukunft zu verfluchen, an die zu glauben es selbst den Führern des Fortschritts vielleicht schon an Glauben gebricht, und Baal anzubeten. Doch lassen Sie sich bitte nicht vom Pathos irgend welcher Worte bestechen: all das ist als Bewußtheit erst in der Seele der fortgeschrittensten Erkennenden zu bemerken, unbewußt jedoch, instinktiv – in den Lebensverrichtungen der ganzen Masse. Aber der Bourgeois zum Beispiel in Paris ist bewußt, d. h. in seiner Bewußtheit sehr zufrieden und er ist überzeugt, daß alles auch so sein müsse; und er würde Sie sogar verprügeln, wenn Sie zu bezweifeln wagten, daß es so sein muß, würde Sie verhauen, weil er im Grunde doch noch irgend etwas fürchtet, ungeachtet seines ganzen Selbstgefühls. In London ist es eigentlich dasselbe, – und doch: was für breite, erdrückende Bilder! Sogar äußerlich: was für ein Unterschied gegen Paris. Diese Tag und Nacht hastende und wie ein Meer unumfaßbare Stadt, dieses Gepfeif und Geheul der Maschinen, diese über den Häusern (und bald auch unter ihnen) hinjagenden Eisenbahnen, diese Dreistigkeit des Unternehmungsgeistes, diese scheinbare Unordnung, die im Grunde die bourgeoise Ordnung in höchster Entwicklung ist, diese vergiftete Themse, diese mit Kohlenstaub durchsetzte Luft, diese großartigen Squares und Parks, diese unheimlichen Stadtwinkel wie Whitechapel mit seiner halbnackten, wilden und hungrigen Bevölkerung, die City mit ihren Millionen und dem Welthandel, der Kristallpalast, die Weltausstellung ... Ja die Ausstellung kann einen stutzig machen. Man spürt die furchtbare Kraft, die hier alle diese unzähligen Menschen aus der ganzen Welt zu einer einzigen Herde zusammengetrieben hat; man erkennt einen Riesengedanken; man fühlt, daß hier bereits etwas erreicht ist: ein Sieg, ein Triumph. Und eine Angst vor irgend etwas beginnt sich in einem zu erheben. Wie frei und unabhängig man auch sein mag, um irgend etwas überkommt einen doch eine Angst. »Sollte am Ende dies das erreichte Ideal sein?« denkt man bei sich, »ist hier nicht das Ende? Ist das nicht doch schon die verwirklichte › eine Herde‹ der Weissagung? Wird man die nicht wirklich als die volle Wahrheit annehmen und endgültig verstummen müssen?« All das ist so herrschend, so siegbewußt und stolz, daß es Ihnen den Atem zu beengen anfängt. Sie sehen diese Hunderttausende, diese Millionen von Menschen, die gehorsam aus der ganzen Welt hierher zusammenströmen, – Menschen, die alle mit einem einzigen Gedanken gekommen sind, die still, unablässig und stumm sich in diesem riesenhaften Palast umherdrängen, und Sie fühlen, daß sich hier endgültig etwas vollendet, vollendet und vollbracht hat. Das ist irgend ein biblisches Bild, irgend was von Babylon, ist eine Prophezeiung aus der Apokalypse, die sich leibhaftig verwirklicht hat. Sie fühlen, daß es viel ewiger geistiger Gegenwehr und Verneinung bedarf, um standzuhalten und dem Eindruck nicht zu erliegen, sich nicht vor der Tatsache zu beugen und Baal nicht für Gott zu halten, das heißt, das Verwirklichte, Bestehende nicht hinzunehmen als unser Ideal ...

Nun, das ist Unsinn, werden Sie sagen, krankhafter Unsinn, Nerven, Übertreibung. Dabei wird doch niemand stehen bleiben und ebenso wird niemand das für sein verwirklichtes Ideal halten. Zudem sind doch Hunger und Sklaverei nicht jedermanns Sache und werden am besten Verneinung einflüstern und Skepsis zeugen. Satte Dilettanten aber, die zu ihrem Vergnügen umherspazieren, die können natürlich Bilder aus der Apokalypse zu sehen sich einbilden und ihre Nerven hätscheln, indem sie, um sich selbst anzuregen, aus jeder Erscheinung durch Übertreibung starke Empfindungen zu erpressen suchen ...

Schön, antworte ich, nehmen wir an, daß ich mich von der Dekoration habe hinreißen lassen, mag es so sein. Noch wenn Sie gesehen hätten, wie stolz jener mächtige Geist ist, der diese kolossale Dekoration geschaffen hat, und wie stolz dieser Geist von seinem Sieg und seinem Triumph überzeugt ist, Sie wären erschauert ob seines Stolzes, seines Starrsinns und seiner Blindheit, und Sie wären erschauert auch für jene, über denen dieser stolze Geist schwebt und die er regiert. Angesichts dieser Kolossalheit, dieses riesenhaften Stolzes des alle beherrschenden Geistes, angesichts dieser feierlichen Vollendung der Schöpfungen dieses Geistes verstummt nicht selten auch die hungrige Seele, ergibt sich, unterwirft sich, sucht Rettung im Gin und in der Ausschweifung, und beginnt zu glauben, daß alles gerade so sein müsse. Die Tatsache drückt, die Masse verholzt und eignet sich alsbald Chinesentum an, oder wenn sich auch Skepsis einstellt, so sucht sie schließlich doch finster und mit einem Fluch Rettung in irgend so etwas von der Art des Mormonentums. Und in London kann man die Masse in einem Maßstabe und in einer Umgebung sehen, wie sie sonst nirgendwo in der Welt leibhaftig zu sehen ist. Man erzählte mir z. B., daß jeden Samstagabend eine halbe Million Arbeiter und Arbeiterinnen mit ihren Kindern sich wie ein Meer in die Straßen der Stadt ergießt, sich besonders in gewisse Stadtteile drängend, um dann die ganze Nacht bis fünf Uhr morgens Feiertag zu feiern, das heißt, sich viehisch satt zu essen und voll zu trinken nach der ganzen durchhungerten Woche. Diese Millionenmasse trägt ihren gesamten Wochenlohn bei sich, alles, was sie mit schwerer Arbeit fluchend verdient hat. In den Fleisch- und Eßwarenläden brennt das Gas in dicksten Flammenbüscheln, die grell die Straßen erhellen. Es ist geradezu, als werde für diese weißen Neger ein Ball veranstaltet. In den offenen Tavernen und in den Straßen überall ein Volksgedränge. Hier wird auch gegessen und getrunken. Die Trinkstuben sind aufgeputzt wie Paläste. Alles ist betrunken, doch ohne Fröhlichkeit, ist vielmehr finster, schwer, und alles ist irgendwie eigentümlich stumm. Nur hin und wieder wird diese verdächtige und auf Sie traurig wirkende Schweigsamkeit von Schimpfwörtern und blutigen Prügeleien gestört. Alles das beeilt sich, zu trinken, sich bis zur Bewußtlosigkeit zu betrinken ... Die Frauen stehen den Männern nicht nach und betrinken sich gleich diesen; die Kinder laufen und kriechen zwischen ihnen umher. In einer solchen Nacht, es war gegen zwei Uhr, verirrte ich mich einmal und trieb mich lange in den Straßen umher inmitten der unzählbaren Menge dieses finsteren Volkes, fast nur mit Zeichen den Weg erfragend, da ich kein Wort Englisch kann. Ich fand schließlich den Weg, aber der Eindruck dessen, was ich gesehen, quälte mich nachher noch drei Tage. Volk ist überall Volk, hier aber war alles so kolossal, so grell, daß man gleichsam körperlich fühlte, was man sich bislang nur geistig vorgestellt hatte. Ja, hier sieht man nicht einmal mehr Volk, sondern Verlust des Bewußtseins, systematischen, gehorsamen, geförderten. Und man fühlt, wenn man alle diese Parias der Gesellschaft sieht, daß für sie die Prophezeiung noch lange nicht in Erfüllung gehen wird, daß sie noch lange keine Palmenzweige und weißen Gewänder erhalten werden und immer noch vergeblich zum Throne des Höchsten emporseufzen müssen: »Wie lange noch, Herr?« Und sie wissen das selbst und inzwischen nehmen sie für sich Rache an der Gesellschaft mit irgend welchen unterirdischen Mormonen, Sekten, Wanderpredigern ... Wir wundern uns über die Dummheit, sich solchen Sekten anzuschließen, und erraten nicht, daß es – eine Absonderung von unserer gesellschaftlichen Formel ist, eine hartnäckige, unbewußte Absonderung: eine instinktive Absonderung um jeden Preis, da man seine Seele retten will, eine Absonderung mit Ekel vor uns und Entsetzen. Diese Millionen von Menschen, die von dem Feste der Menschheit ausgeschlossen und verjagt worden sind, die nun in unterirdischer Finsternis einander stoßen und drücken, in dieser Finsternis, in die sie von ihren älteren Brüdern geworfen wurden und in der sie nun tastend nach einem Ausgang suchen und an jede erste beste Tür pochen, um in dem dunklen Kellergewölbe nicht zu verrecken. Es ist das der letzte verzweifelte Versuch, sich zu einem eigenen Haufen zusammenzuschließen, zu einer eigenen Masse, und sich von allem abzusondern, sei es selbst vom Menschenbilde, um nur ja von eigener Art zu sein, nur ja nichts mit uns gemein zu haben ...

Ich sah in London auch noch eine andere ähnliche Menschenmenge von einer Größe, wie man sie gleichfalls nirgendwo, außer in London, sehen kann. Gleichfalls eine Dekoration in ihrer Art. Wer in London gewesen ist, hat gewiß wenigstens einmal Hay-Market in der Nacht besucht. Das ist ein Stadtteil, in dem nachts die öffentlichen Frauen zu Tausenden sich umherdrängen, besonders in gewissen Straßen. Die Straßen sind von Gasflammen erhellt, von einem Licht, von dem man bei uns in Rußland noch gar keine Vorstellung hat. Hier reiht sich ein prunkvolles Café ans andere, Cafés mit Riesenspiegeln und goldstrotzenden Verzierungen. Hier gibt es Festsäle, hier gibt es Absteigequartiere. Es schaudert einen geradezu, wenn man sich unter diese Menge begibt. Und wie sonderbar ist sie zusammengesetzt. Da gibt es Greisinnen und junge Schönheiten, vor deren Schönheit man betroffen stehen bleibt. In der ganzen Welt gibt es keinen so schönen Frauentyp wie die Engländerinnen. Alles das drängt sich mit Mühe durch die Straßen, geengt, gedrängt. Die Fußsteige reichen natürlich nicht aus, der ganze Fahrweg ist von der Menge überflutet. Alles das giert nach Beute und wirft sich mit schamlosem Zynismus auf den ersten Besten. In dieser Menge gibt es glänzende kostbare Gewänder und neben ihnen sieht man fast Lumpen. Man sieht hier auch alle Lebensalter in schrillstem Gegensatz nebeneinander, alles in einer einzigen Masse. In diesem schrecklichen Menschenhaufen stößt sich der betrunkene Strolch umher und hierher kommt auch der reiche Herr mit hohen Titeln. Man hört Schimpfworte, Streit, laute Aufforderungen, hier oder dort einzutreten, und dazwischen das versuchende Geflüster einer noch schüchternen jungen Schönheit. Und was sind das mitunter für Schönheiten! Gesichter wie von einem Keepsake. Ich weiß noch, einmal trat ich in ein »Kasino«. Dort spielte Musik, es wurde getanzt, es wimmelte von Menschen. Die Aufmachung war voll Prunk und Pracht. Aber der finstere Charakter verläßt die Engländer auch im Vergnügen nicht: selbst beim Tanzen sind sie ernst, ja sogar verdrossen, und machen die Tanzschritte, als müßten sie einer Pflicht nachkommen. Dort erblickte ich oben auf der Galerie ein Mädchen, vor dem ich einfach stehen blieb vor Verwunderung: eine so ideale Schönheit war mir noch nie begegnet. Sie saß an einem der Tischchen mit einem jungen Mann, anscheinend einem reichen Gentleman, der, wie aus allem zu ersehen war, nicht zu den ständigen Gästen dieses Kasinos gehörte. Vielleicht hatte er sie überall vergeblich gesucht und schließlich hier gefunden. Oder vielleicht hatten sie verabredet, sich hier zu treffen. Er sprach wenig mit ihr, dabei alles seltsam stoßweise und gleichsam gar nicht davon, wovon sie eigentlich sprechen wollten. Ihr Gespräch wurde oft von langem Schweigen unterbrochen. Sie schien sehr traurig zu sein. Ihre Züge waren zart, fein, etwas Verschwiegenes und Trauriges lag in ihrem schönen, ein wenig stolzen Blick, etwas Denkendes und Schwermütiges. Ich glaube, sie war schwindsüchtig. Sie stand in ihrer Entwicklung höher, sie mußte einfach höher stehen als alle diese unglücklichen Frauen – denn was hätte sonst ein Menschenantlitz zu bedeuten? Und dabei saß sie doch hier unter den anderen und trank gleichfalls diesen Gin, den der junge Mann für sie bezahlte. Schließlich stand er auf, drückte ihr die Hand und sie trennten sich. Er verließ das Kasino, sie aber ging, vom Branntweingenuß feuerrote Flecken auf ihren blassen Wangen, und mischte sich unter die Schar der sich feilbietenden Frauen. Dort in Hay-Market habe ich Mütter gesehen, die ihre eigenen kleinen Töchter zu diesem Gewerbe anleiteten. Und diese kleinen, vielleicht zwölfjährigen Mädchen fassen einen an der Hand und bitten einen, doch mit ihnen zu gehen. Einmal erblickte ich in dem Gewimmel der Straße ein Kind, ein Mädchen von höchstens sechs Jahren, bestimmt nicht älter, in Lumpen gekleidet, schmutzig, barfuß, ausgemergelt und blaugeschlagen – ihr Körper, den man durch die zerrissenen Lumpen sah, war mit blauen Flecken bedeckt. Das Kind ging ohne zu wissen wohin, ja ohne zu wissen, daß es überhaupt ging, ohne sich zu beeilen – Gott weiß weshalb es sich in dem Gewimmel umhertrieb. Vielleicht war es hungrig. Es wurde von Niemand beachtet. Doch was mich am meisten betroffen machte: dieses Kind ging mit dem Ausdruck eines solchen Kummers, einer so hoffnungslosen Verzweiflung im Gesicht, daß der Anblick dieses kleinen Geschöpfes, das schon so viel Fluch und Jammer trug, irgendwie geradezu widernatürlich war und entsetzlich schmerzte. Die Kleine wiegte beim Gehen ihren zerzausten Kopf immer hin und her, von einer Seite auf die andere, ganz als erwäge sie etwas, dazu gestikulierte sie in einem fort, hob ihre kleinen Ärmchen oder schlug plötzlich die Händchen zusammen und preßte sie an ihre nackte, kleine Brust. Ich kehrte um, ging ihr nach und gab ihr einen halben Schilling. Sie nahm die Silbermünze, sah mir dann scheu mit ängstlicher Verwunderung in die Augen und plötzlich begann sie zu laufen, so schnell es ihr im Gedränge nur möglich war, ganz als fürchtete sie, daß ich ihr das Geld wieder wegnehmen könnte. – Ja, es gibt schon eigene Dinge ...

In einer Nacht aber geschah es, daß in diesem Gedränge verlorener Frauen und Lüstlinge ein weibliches Wesen, das sich eilig durch die Menge drängte, mich anredete. Sie war ganz in Schwarz gekleidet und trug einen Hut, der ihr Gesicht fast vollständig verbarg; ich kam eigentlich kaum dazu, sie richtig zu sehen; ich erinnere mich nur ihres forschend aufmerksamen Blickes. Sie sagte irgend etwas, das ich nicht verstand, in gebrochenem Französisch, drückte mir ein Blatt Papier in die Hand und ging schnell weiter. Vor dem hellen Fenster eines Cafés besah ich das Papier: es war ein kleines Blatt in Quadratform; auf der einen Seite des Blättchens stand gedruckt: »Crois-tu cela?« Auf der anderen Seite, gleichfalls auf französisch: »Ich bin die Auferstehung und das Leben ...« usw. Die bekannten Worte. Sie werden zugeben, daß auch das ziemlich originell ist. Später sagte man mir, das sei die katholische Propaganda, die überall herumschnüffelt, unablässig, unermüdlich. Bald sind es solche Blättchen, die auf den Straßen verteilt werden, bald sind es kleine Bücher, die Auszüge aus dem Neuen und Alten Testament enthalten. Sie werden umsonst verteilt, aufgedrängt, in die Hand gedrückt. Der Propagandisten gibt es eine Unmenge, sowohl Männer wie Frauen. Es ist das eine Propaganda von feinster und berechnendster Art. Der katholische Geistliche spürt persönlich die arme Familie irgend eines Arbeiters auf, in die er sich dann unmerklich eindrängt. Er findet z. B. einen Kranken, der in Lumpen auf dem feuchten Fußboden liegt, umgeben von Kindern, die von Hunger und Kälte verkommen sind, dazu eine hungrige, nicht selten betrunkene Frau. Er gibt ihnen allen zu essen, gibt ihnen Kleider, sorgt für Heizung, behandelt den Kranken, kauft Arznei, wird zum Freunde der ganzen Familie und schließlich bekehrt er sie alle zum Katholizismus. Manchmal freilich kommt es auch vor, daß man ihn – natürlich erst nach der Heilung und aller Hilfe –, statt sich nun bekehren zu lassen, mit Geschimpfe und Schlägen hinausjagt. Aber er ermüdet nicht; er geht zu anderen. Auch dort wird er hinausgejagt; er erträgt alles, aber den einen oder anderen fängt er schließlich doch. Der anglikanische Geistliche dagegen wird doch nicht zu einem Armen gehen. Arme werden ja nicht einmal in die Kirche gelassen, weil sie nichts haben, womit sie den Platz auf der Bank bezahlen könnten. Die Ehen unter den Arbeitern und überhaupt unter den Armen sind oft illegitim, denn sich trauen zu lassen kostet viel Geld. Übrigens pflegen viele dieser Ehemänner ihre Frauen fürchterlich zu prügeln, ja, sie zu Krüppeln oder halbtot zu schlagen, und zwar geschieht das, wie es scheint, gewöhnlich mit der Feuerzange, mit der man im Kamin die Kohlen schürt. Wenigstens wird in den Zeitungsberichten, die von solchen Familientragödien, schweren Körperverletzungen oder Totschlägen handeln, immer die Feuerzange erwähnt. Die Kinder aus diesen Ehen beginnen oft schon im frühesten Alter ein Straßenleben, mischen sich unter die Menge und kehren schließlich überhaupt nicht mehr zu ihren Eltern zurück. – Die anglikanischen Pfarrer und Bischöfe sind stolz und reich, leben in reichen Pfarreien und werden dick in vollkommenster Gewissensruhe. Sie sind große Pedanten, sind sehr gebildet und glauben selber wichtig und in allem Ernst an ihre stumpfsinnig-moralische Würde, an ihr Recht, ruhige und selbstgerechte Moral zu predigen, fett zu werden und nur für die Reichen da zu sein. Das ist die Religion der Reichen und zwar schon ohne jede Maske. Nun, wenigstens ist's so – rationell und es wird nichts vorgetäuscht. Aber diese selben bis zur Stumpfheit überzeugten Professoren der Religion haben eine Liebhaberei von eigener Art: das ist die Mission. Sie durchziehen als Missionare die ganze Welt, sie dringen ins innerste Afrika, um einen Wilden zu bekehren, und vergessen darüber eine Million Wilder in London, weil diese nichts besitzen, womit sie zahlen könnten. Doch die reichen Engländer und überhaupt alle dortigen goldenen Ochsen sind überaus religiös, sind es auf eine finstere, mißmutige und eigentümliche Art. Die englischen Dichter aber besingen von jeher mit Vorliebe die Schönheit der Pfarrhäuser in der Provinz, die im Schatten hundertjähriger Eichen und Weiden stehen, besingen ihre tugendhaften Frauen und idealschönen blonden, blauäugigen Töchter.

Doch wenn die Nacht vergeht und der Tag beginnt, erhebt sich jener stolze finstere Geist von neuem herrscherhaft über der Riesenstadt. Der regt sich nicht darüber auf, was in der Nacht war, ihn stört auch das nicht, was er am Tage ringsum sieht. Baal herrscht und verlangt nicht einmal Unterwerfung, denn er ist ihrer auch so schon sicher. Sein Glaube an sich selbst ist grenzenlos; ruhig und mit Verachtung gibt er, nur um sich's vom Halse zu schaffen, organisierte Almosen und danach ist sein Selbstgefühl nicht mehr zu erschüttern. Baal versteckt auch nicht vor sich selbst, wie man das z. B. in Paris tut, gewisse ungezähmte, verdächtige und erregende Lebenserscheinungen. Armut, Leid, Murren und die Abstumpfung der Masse regen ihn nicht im geringsten auf. Voll Verachtung erlaubt er allen diesen verdächtigen, unheilkündenden Erscheinungen Seite an Seite neben seinem Leben als Wirklichkeit sichtbar zu bestehen. Er gibt sich keine Mühe, sich ängstlich, wie der Pariser, und krampfhaft zu beruhigen, zu ermutigen und sich selbst die Meldung zu erstatten, daß alles ruhig und in Ordnung sei. Er versteckt nicht, wie man das in Paris tut, die Armen irgendwohin, wo man sie nicht sieht, damit sie nicht unnütz seinen Schlaf beunruhigen. Der Pariser liebt es, wie der Vogel Strauß, seinen Kopf in den Sand zu stecken, um die Jäger, die ihm schon auf den Fersen sind, einfach nicht zu sehen. In Paris ... Aber was ist denn das? Ich bin schon wieder nicht in Paris! ... Herrgott, wann werde ich mich denn endlich an Ordnung gewöhnen ...

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