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Autobiographische Schriften

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Autobiographische Schriften - Kapitel 12
Quellenangabe
typeautobio
authorFjodr Michailowitsch Dostojewski
titleAutobiographische Schriften
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1919
translatorE. K. Rahsin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2008331
projectid556330a0
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Das vierte und für Reisende nicht überflüssige Kapitel.

(Die endgültige Entscheidung der Frage, ob der Franzose wirklich »keine Überlegung hat«.)

Doch nein, wieso, warum soll denn der Franzose keine Überlegung haben? fragte ich mich, während ich die neuen Mitreisenden betrachtete, vier Franzosen, die soeben in unser Abteil eingestiegen waren. Es waren das die ersten Franzosen, die ich auf ihrem Heimatboden sah, wenn ich die Zollbeamten in Erquelines, das wir gerade verlassen hatten, nicht mitrechnete. Diese Zollbeamten waren überaus höfliche Leute, machten ihre Sache schnell ab, und als ich einstieg, war ich mit meinem ersten Schritt in Frankreich sehr zufrieden. Bis Erquelines waren in unserem Abteil von den acht Plätzen nur zwei besetzt gewesen: von mir und einem Schweizer, einem schlichten und bescheidenen Menschen in mittleren Jahren, einem sehr angenehmen Gesellschafter, und wir hatten uns an die zwei Stunden aufs beste unterhalten. Jetzt waren wir zu sechs im Abteil und mein Schweizer ward zu meiner Verwunderung in Gegenwart der vier anderen plötzlich ungemein wortkarg. Ich wollte natürlich unser unterbrochenes Gespräch fortsetzen, doch er beeilte sich geradezu auffallend, es abzubrechen, antwortete ausweichend, trocken, fast geärgert, wandte sich zum Fenster und begann hinauszuschauen, und schließlich zog er seinen deutschen Reiseführer hervor und versenkte sich voll und ganz in dessen Inhalt. Ich ließ ihn selbstredend sofort in Ruhe und begann mich stumm mit unseren neuen Mitreisenden zu beschäftigen. Das waren eigentlich seltsame Leute. Sie reisten so wie sie gingen und standen, hatten weder ein Bündel, noch einen Koffer bei sich, ja sie trugen nicht einmal Kleider, die an Reisende erinnert hätten. Alle vier hatten nur leichte Röcke an, die bereits schrecklich abgetragen waren, kaum bessere als die, die bei uns Offiziersburschen zu tragen pflegen oder die Hofleute auf den Gütern mittlerer Gutsbesitzer. Ihre Wäsche sah schmutzig aus, die Halstücher waren sämtlich äußerst grellfarben und gleichfalls sehr schmutzig; der eine hatte sich um den Hals eines jener Seidentücher gewickelt, die ewig getragen werden und schließlich, – nach fünfzehnjähriger Berührung mit dem Halse des Trägers, mit einem ganzen Pfund Fett durchtränkt sind. Derselbe Mitreisende hatte zudem Hemdknöpfe mit falschen Brillanten von der Größe einer Nuß. Übrigens hielten sie sich alle mit einem gewissen Chic, ja sogar verwegen. Alle vier schienen im gleichen Alter zu stehen – fünfunddreißig oder so – und ohne in den Gesichtszügen einander ähnlich zu sein, sah doch der eine wie der andere aus. Es waren zerknitterte Gesichter mit französischen Beamtenbärtchen, die gleichfalls eins wie das andere aussahen. Jedenfalls merkte man es den Leuten an, daß sie bereits mit allen Wassern gewaschen waren und sich schon für immer den – etwas sauren – Gesichtsausdruck gedanklich überaus beschäftigter Leute angewöhnt hatten. Es schien mir auch, daß sie einander kannten, doch ich erinnere mich nicht, ob sie während der ganzen Fahrt auch nur ein Wort miteinander wechselten. Uns, d. h. mich und den Schweizer, schienen sie irgendwie seltsam-merklich überhaupt nicht sehen zu wollen. Ungeniert pfeifend, saßen sie nachlässig auf ihren Plätzen und sahen die ganze Zeit zum Fenster hinaus. Ich zündete mir eine Zigarette an und da ich nichts zu tun hatte, betrachtete ich sie. Mir kam, ich muß gestehen, flüchtig der Gedanke: was sind das nun eigentlich für Leute? Arbeiter – und doch keine Arbeiter; Bourgeois – und doch keine Bourgeois. Sollten es am Ende verabschiedete Militärs sein – irgend so etwas à la demi-soldee oder ähnliches? Übrigens zerbrach ich mir ihretwegen nicht allzu sehr den Kopf. Nach etwa zehn Minuten, als wir die nächste Haltestelle erreichten, sprangen sie alle vier einer nach dem anderen aus dem Wagen, schlugen die Tür zu und wir sausten weiter. Auf dieser Strecke hält der Zug kaum zwei Minuten an den Stationen, höchstens drei, und schon fährt man wieder. Man fährt vorzüglich, das heißt außergewöhnlich schnell.

Kaum waren wir allein geblieben, da klappte der Schweizer seinen Führer zu, legte ihn beiseite und sah mich sehr zufrieden an, sichtlich mit dem Wunsch, unser Gespräch fortzusetzen.

»Die sind nicht lange bei uns geblieben,« bemerkte ich, indem ich ihn einigermaßen verwundert betrachtete.

»Ja, die stiegen doch nur für die Fahrt bis zur ersten Haltestelle ein.«

»Sie kennen sie?«

»Diese? ... Das waren doch Polizeileute ...«

»Wieso? Was für Polizeileute?« fragte ich verwundert.

»Ja-ja ... ich merkte vorhin schon gleich, daß Sie es nicht errieten.«

»Wie ... waren das wirklich Spione?« (ich wollte es noch immer nicht glauben.)

»Nu, versteht sich, unseretwegen stiegen sie doch überhaupt ein.«

»Sind Sie dessen gewiß?«

»O natürlich, daran ist nicht zu zweifeln! Ich bin schon mehrmals auf dieser Strecke gefahren. Wir wurden ihnen im Zollamt heimlich zugewiesen, als man unsere Pässe las; sie erhielten alle Angaben, unsere Namen usw. Nu, und da setzten sie sich denn zu uns, um uns zu begleiten.«

»Aber wozu denn das noch, wenn sie uns bereits gesehen hatten? Sie sagten soeben, man hätte uns schon auf der Grenzstation ihnen gezeigt?«

»Nu ja, und man konnte ihnen dort unsere Namen mitteilen. Doch das ist nicht viel. Jetzt aber haben sie uns bis in alle Einzelheiten studiert: das Gesicht, den Anzug, die Reisetasche, überhaupt alles, was an einem zu sehen ist. Auch Ihre Manschettenknöpfe haben sie sich gemerkt. Sie steckten sich, zum Beispiel, eine Zigarette an, da haben sie sich auch Ihr Zigarettenetui eingeprägt; – wissen Sie, so alle möglichen Kleinigkeiten, Besonderheiten ... wie gesagt, möglichst viele Besonderheiten. Sie könnten in Paris verloren gehen, Ihren Namen ändern (das heißt, wenn Sie verdächtig sind). Nun und dann würden alle diese Kleinigkeiten das Auffinden erleichtern. Die Angaben werden von jener Station aus sofort nach Paris telegraphiert und dort werden sie zuständigen Ortes für alle Fälle aufgehoben. Außerdem müssen die Hotelbesitzer gleichfalls alle Angaben über ihre Ausländer einsenden, und diese Angaben müssen wiederum bis in alle Einzelheiten ausführlich sein.«

»Aber wozu waren ihrer denn so viele, es waren ja ganze vier,« fuhr ich, immer noch ein wenig befremdet, fort zu fragen.

»Oh, deren gibt es hier sehr viele. Wahrscheinlich sind diesmal nur wenige Ausländer im Zuge; wären es mehr, so hätten sie sich in den Waggons verteilt.«

»Aber ich bitte Sie, die haben uns ja überhaupt nicht angesehen; sie sahen doch die ganze Zeit zum Fenster hinaus.«

»Oh, seien Sie unbesorgt, die haben alles gesehn ... Ich versichere Sie: nur unseretwegen stiegen sie hier ein.«

»Schau-schau,« dachte ich bei mir, »da haben wir's nun: ›Überlegung hat der Franzose nicht‹!« – und ich sah ein bißchen schräg, so mit einem gewissen Mißtrauen (ich schäme mich, das gestehen zu müssen), zu meinem Schweizer hinüber. »Und du, Bruder, gehörst nicht auch du zu derselben Sorte und stellst dich nur so?« blitzte es in meinem Kopf auf, aber nur einen Augenblick, ich versichere Sie. Es war unsinnig, aber was kann man dagegen tun; man denkt es eben unwillkürlich ...

Der Schweizer hatte mich nicht beschwindelt. In dem Hotel, in dem ich abstieg, schrieb man sogleich mein ganzes Signalement auf und schickte es an die entsprechende Stelle. Nach der Genauigkeit und Kleinlichkeit zu urteilen, mit der die Leute einen besichtigten und beschrieben, kann man annehmen, daß auch Ihr ganzes weiteres Tun und Treiben skrupulös beobachtet wird und sozusagen alle Ihre Schritte gezählt werden. Übrigens im ersten Hotel geschah das alles heimlich; doch im zweiten, im Hôtel des Empereurs, wo ich nach meiner Rückkehr aus London abstieg, da im ersten, im Hotel Coquillière, alle Zimmer besetzt waren, ging man weit offener mit mir um. Man war dort überhaupt und in allem viel patriarchalischer. Die Besitzer, ein schon älteres Ehepaar, waren nette Leute und verhielten sich sehr rücksichtsvoll und aufmerksam gegen ihre Hotelgäste. An demselben Tage, an dem ich bei ihnen einzog, bat mich die Besitzerin, als sie mich am Abend im Flur erblickte, auf einen Augenblick in das Zimmer, das ihr Geschäftsraum war. Ihr Mann war zugegen, doch augenscheinlich war sie diejenige, die alles leitete.

»Entschuldigen Sie, daß wir Sie aufhalten,« begann sie sehr höflich, »aber ich brauche Ihre Angaben ...«

»Aber ich habe Ihnen doch schon alles angegeben ... meinen Paß haben Sie auch.«

»Das ja, aber votre état

Dieses: votre état? – ist eine überaus verfängliche Sache und hat mir nirgendwo gefallen. In der Tat, was soll man da sagen? Reisender – das ist gar zu abstrakt. Homme de lettres»– da achtet einen keiner.

»Schreiben wir propriétaire, was meinen Sie?« schlug mir die Besitzerin vor. »Das wird am besten sein.«

»O ja, das wird am besten sein,« pflichtete ihr der Mann bei.

Es wurde also geschrieben.

»Nun und jetzt: der Grund Ihres Aufenthaltes in Paris?«

»Als Reisender ... auf der Durchreise.«

»Hm ... ja, pour voir Paris. Erlauben Sie, mßjö: Ihre Größe?«

»Meine Größe? – wieso?«

»Ich meine, wie groß sind Sie?«

»Wie Sie sehen – von mittlerem Wuchs«.

»Das schon, mßjö ... Aber man muß es genauer angeben ... Ich denke, ich denke ...« fuhr sie ein bißchen unschlüssig fort und fragte mit den Augen ihren Mann um Rat.

»Ich denke, soundsoviel,« meinte der Mann, nach dem Augenmaß meine Größe in Zentimetern abschätzend.

»Ja, wozu brauchen Sie das alles?« fragte ich.

»Oh, das ist so not–wen–dig,« versetzte die Dame, liebenswürdig das Wort in die Länge ziehend, und sie trug tatsächlich auch das Zentimetermaß ein. »Jetzt, mßjö, Ihre Haarfarbe? Blond, hm! ... ziemlich hell ... glattes Haar ...«

Sie schrieb auch das alles auf.

»Erlauben Sie, mßjö,« – sie legte die Feder hin, stand vom Stuhl auf und trat mit dem liebenswürdigsten Ausdruck nah an mich heran – »bitte hierher, ein paar Schritte zum Fenster. Um die Farbe Ihrer Augen festzustellen. Hm! ... hell ...«

Und sie fragte wieder mit den Augen ihren Mann um Rat. Sie liebten sich augenscheinlich sehr.

»Mehr von grauer Farbe,« bemerkte der Mann mit einem besonders geschäftlichen, sogar besorgten Ausdruck im Gesicht.

»Voilà«, fügte er mit einem Wink hinzu und wies auf eine Stelle der Stirn über der Augenbraue, und ich begriff sehr gut, auf was er aufmerksam machen wollte. Ich habe eine kleine Narbe auf der Stirn und er wollte, daß die Frau auch dieses besondere Merkmal angebe.

»Gestatten Sie mir jetzt die Frage«, wandte ich mich an Madame, als dieses ganze Examen zu Ende war, »wird von Ihnen wirklich eine solche Ausführlichkeit in den Angaben verlangt?«

»Oh, mßjö, das ist unbedingt not–wen–dig! ...«

»Mßjö bekräftigte auch der Mann mit einem gewissen besonders eindringlichen Ausdruck.

»Aber im Hotel Coquillière hat man mich nicht danach gefragt ...«

»Das ist nicht möglich,« fiel mir die Besitzerin lebhaft ins Wort, »das könnte den Eigentümern sehr teuer zu stehen kommen. Wahrscheinlich hat man stillschweigend Ihr Signalement aufgenommen, doch getan hat man es jedenfalls, oh, unbedingt, unbedingt. Wir aber gehen mit unseren Gästen viel harmloser und offenherziger um, wir leben mit ihnen wie mit Verwandten. Sie werden zufrieden mit uns sein. Sie werden sehen ...«

»Oh, mßjö!« ... bekräftigte der Mann mit Feierlichkeit und aus seinem Gesicht sprach sogar eine Art Gerührtsein.

Und es waren wirklich höchst ehrliche, höchst liebenswürdige Eheleute, wenigstens so weit ich sie hernach kennen lernte. Aber das Wort »not–wen–dig« ward durchaus nicht in einem Tone gesagt, der wegen der Vorschrift um Entschuldigung bat oder sie als ein notwendiges Übel betrachtete, das man nun einmal über sich ergehen lassen mußte, sondern gerade im ernstesten Sinne der unbedingten Notwendigkeit, die womöglich restlos mit ihren eigenen persönlichen Überzeugungen übereinstimmte.

Und so war ich denn in Paris.

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