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Autobiographische Schriften

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Autobiographische Schriften - Kapitel 11
Quellenangabe
typeautobio
authorFjodr Michailowitsch Dostojewski
titleAutobiographische Schriften
publisherR. Piper & Co. Verlag
year1919
translatorE. K. Rahsin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2008331
projectid556330a0
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Das dritte und vollkommen überflüssige Kapitel.

Übrigens waren das weniger Überlegungen, als gewisse Betrachtungen, wahllose Vorstellungen, sogar Träume »von dem sowohl als wie von jenen:, zumeist jedoch von Null und Nichts«. Zunächst kehrte ich auf dieser Gedankenreise in der Vergangenheit ein und begann damit, daß ich über diesen Menschen, der obenerwähnten Aphorismus über die französische Überlegungskraft in die Welt gesetzt, ins Nachdenken geriet. Dieser Mensch war zu seiner Zeit ein großer Liberaler. Aber wenn er auch sein Lebelang aus unbekannten Gründen einen französischen Rock auf seinem Körper und Puder auf dem Kopfe trug und hinten einen Degen baumeln ließ, zum Zeichen seiner ritterlichen Herkunft (die es bei uns überhaupt nicht gegeben hat), sowie zur Verteidigung seiner persönlichen Ehre im Wartezimmer Potjomkins, begann er sich doch, kaum daß er die Nase ins Ausland gesteckt hatte, im Nu mittels aller biblischen Texte von Paris loszubeten und loszusagen und fällte auch schon sein Urteil über den Franzosen, dem er die Gabe der Überlegungskraft ohne weiteres absprach, ja, der nach diesem Urteil ihren Besitz sogar als ein Verderben für sich ansehen würde. – Doch um mich zu vergewissern: am Ende denken Sie jetzt gar, ich hätte den baumelnden Degen und den französischen Samtrock Vonwisins in tadelndem Sinne erwähnt? Keineswegs! Er hätte doch nicht einen Bauernkittel tragen sollen, und das noch damals, wenn sogar heute manche Herren, um Russen zu sein und sich mit dem Volk verbunden zu fühlen, keinen Bauernkittel angezogen, sondern eine Art Ballettkostüm für sich erfunden haben, an welchem nicht viel fehlt, um dasselbe Kostüm zu sein, in dem die Helden unserer historischen Opern auf der Bühne erscheinen, á la Ruslan, dessen Ludmilla denn auch dementsprechend als Kopfschmuck den Kokoschnick trägt. Nein, der französische Rock war dem Volk doch verständlicher. »Da sieht man gleich den Herrn,« hieß es dann, »ein Herr kann doch nicht wie unsereiner im Kittel gehen«. Vor kurzem wurde mir von einem Gutsbesitzer erzählt, einem Zeitgenossen, der, um mit dem Volke eins zu werden, gleichfalls ein sogenanntes russisches Kostüm zu tragen anfing und sich verlocken ließ, in dieser Tracht auch auf den Versammlungen der Bauernschaft zu erscheinen; aber siehe, da geschah es, daß die Bauern, als sie ihn erblickten, unter sich zu einander sagten: »Was schleppt sich denn dieser Verkleidete zu uns?« Also ist's dem Gutsbesitzer aus diesem Wege doch nicht gelungen, mit dem Volke eins zu werden.

»Nein, ich für meine Person,« sagte mir ein anderer Herr, »ich werde nichts abtreten. Ich werde mir absichtlich den Bart scheeren und, wenn es nötig ist, auch im Frack gehen. Die Sache selbst werde ich machen, aber mir niemals anmerken lassen, daß ich ihm, dem Volk, nähertreten will. Ich werde der Herr sein, werde geizig und berechnend sein, ja werde sogar bedrücken und erpressen, wenn es mir ratsam erscheint. Dann achten sie einen mehr. Und das ist doch alles, worauf es ankommt, daß man zuerst eine richtige Achtung durchsetzt.«

»Pfui, Teufel!« dachte ich. »Das ist ja, als rüsteten sie sich gegen Fremdstämmige. Ein militärischer Rat und nichts weiter.«

»Ja,« sagte ein dritter zu mir – nebenbei bemerkt: ein überaus lieber Mensch –, »nun gut, sagen wir, ich lasse mich in eine Dorfgemeinde eintragen, plötzlich aber werde ich für irgend etwas von der Gemeindeversammlung zur Rutenstrafe verurteilt. Was dann?«

»Na, und selbst wenn?« wollte ich schon sagen, aber ich sagte es nicht, denn ich wagte es nicht so recht. – Was ist das doch, woher kommt es, daß wir uns noch immer fürchten, manche Gedanken auszusprechen? – »Und selbst wenn?« dachte ich bei mir, »selbst wenn du mal Ruten bekämest, was wäre denn dabei? Solche Wendungen der Dinge heißen bei den Professoren der Ästhetik das Tragische im Leben, und damit ist's erledigt. Soll man denn wirklich nur deshalb gleich von allen abgesondert leben? Nein, wenn man schon mit dem Volke eins sein will, dann sei man es auch ganz und mit allen, wenn man aber ein Mensch für sich sein will, dann sei man aber auch wirklich und vollkommen abgesondert. Anderswo ist noch ganz anderes ertragen worden und noch dazu von schwachen Frauen und Kindern.«

»Aber ich bitte Sie, was hat das mit Frauen und Kindern zu tun!« hätte mein Gegner hierauf ausgerufen, »die Dorfgemeinde würde mich, mir nichts dir nichts, vielleicht wegen irgend einer Kuh, die in einen fremden Gemüsegarten eingebrochen ist, einfach versohlen, bei Ihnen aber wird daraus schon eine allgemeine Sache!«

Nun ja, das ist natürlich lachhaft, und überhaupt ist's eine lächerliche Geschichte, dazu so eine schmutzige, wissen Sie, die man lieber nicht anrührt, denn man will sich doch nicht die Hände besudeln. Ist doch schon das bloße Sprechen davon eigentlich unanständig. Hole sie allesamt der Henker, mögen sie da gedroschen werden so viel ihrer sind, ich bin's ja nicht. – Nun, ich bin aber meinerseits zu jeder Bürgschaft bereit: daß das Urteil der Dorfgemeinde meinem lieben Widerstreiter auch nicht ein einziges Rutenhiebchen zudiktieren würde, selbst wenn sie mit ihm wie mit einem Gleichstehenden Verfahren könnte ......

»Welch eine Rückständigkeit!« ruft jemand aus, wenn er dieses liest, »heute noch für die Rutenstrafe einzutreten!« (Bei Gott, irgend jemand wird doch bestimmt daraus folgern, daß ich für die Rutenstrafe sei.)

»Aber ums Himmels willen, wovon reden Sie denn jetzt,« bemerkt ein anderer, »Sie wollten von Paris berichten und statt dessen ......«

Ja, das ist allerdings ... Aber ich erinnere mich, daß ich gerade damals, als wir uns Eydtkuhnen näherten, ganz besonders über alles Vaterländische ins Nachdenken geriet, über unser Eigenes, das ich nun um Europas willen verließ. Ich sann unter anderem auch über die Frage nach: wie hatte in den verschiedenen Zeiten Europa sich in uns widergespiegelt, wie hatte es sich mit seiner Zivilisation beständig bei uns als Gast eingedrängt und inwieweit waren wir denn zivilisiert worden und wieviel Zivilisierte gab es jetzt wohl bei uns, einfach als Zahl? Doch ich sehe jetzt selbst, daß alles dies hier wirklich überflüssig ist. Aber ich habe Sie ja gewarnt und selbst im voraus gesagt, daß dieses ganze Kapitel ein überflüssiges sein werde. Übrigens, wo blieb ich denn stehen? Ja, richtig! bei dem französischen Rock. Mit dem begann es ja überhaupt!

Also sehen Sie mal, einer dieser französischen Röcke schrieb damals den »Brigadier«. Der »Brigadier« war für jene Zeit etwas Erstaunliches und machte denn auch einen ungeheuren Eindruck. »Stirb, Denis, Besseres kannst du nicht mehr schreiben,« sagte selbst Potjomkin zu ihm. Alles begann gleichsam aus dem Halbschlaf zu erwachen, sich zu regen. Wie, dachte ich in meinen willkürlichen Betrachtungen weiter, sollte es den Menschen wirklich schon damals langweilig geworden sein, nichts zu tun und mit fremder Hilfe zu gehen? Ich spreche nicht nur von der damaligen französischen Hilfe, ja, ich möchte sogar gleich vorausschicken, daß wir eine überaus leichtgläubige Nation sind und alles bei uns von unserer Gutmütigkeit kommt. Wir sitzen alle ohne Arbeit da und wenn es uns dann plötzlich scheint, daß irgend jemand irgend etwas gesagt oder getan hat, daß sich ein Geruch von eigenem Geiste kundtut, daß sich eine Betätigungsmöglichkeit gefunden, dann stürzen wir alle darüber her und sind unbedingt überzeugt, daß »es« nun sofort beginnen werde. Eine Fliege fliegt durch die Luft, wir aber glauben schon, ein Elefant sei vorübergeführt worden. Es liegt darin die ganze Unerfahrenheit der Jugend, nun und zudem noch der Hunger nach so etwas. Ja, fast begann das alles bei uns schon vor dem Erscheinen des »Brigadier« – natürlich zuerst nur in mikroskopischem Maßstabe – und noch heute ist es unverändert dasselbe: glauben wir eine Sache gefunden zu haben, so brüllen wir schon vor Enthusiasmus. Überhaupt ist Schreierei und Überfluten vor lauter Begeisterung bei uns immer das Erste; schaut man aber zu: schon in kaum zwei Jahren gehen wir wieder alle auseinander und lassen die Nasen hängen. Und doch werden wir's nicht müde, und wenn es auch noch hundert Mal von neuem anfängt. Was aber die fremde Hilfe betrifft, so hat doch zu Bonwisins Zeit in der Masse fast niemand daran gezweifelt, daß es die heiligste, die europäischste Hilfe und die liebste Vormundschaft war. Freilich, auch jetzt gibt es wenig Zweifelnde. Unsere ganze extrem-progressive Partei setzt sich ja bis zur Raserei für fremde Hilfe ein. »Damals aber, oh, damals war es die Zeit eines solchen Glaubens an alle Hilfen, daß man sich eigentlich wundern kann, warum wir damals nicht Berge versetzt haben und warum alle unsere Hochplateaus, Gipfel von PargolowoVillenort bei Petersburg in einer hügeligen Landschaft. E. K. R. und die Pics unseres Waldaischen Hochgebirges noch immer auf denselben Stellen stehen ... Übrigens, meine Herrschaften, ich spreche jetzt nur von der Literatur, und zwar nur von der schönen Literatur, an deren Werken ich den fortschreitenden und wohltätigen Einfluß Europas auf unser Vaterland verfolgen will. Das heißt, wenn man bedenkt, was für Bücher damals (vor dem Erscheinen des »Brigadiers« und noch zu derselben Zeit) verlegt und gelesen wurden, so können wir nicht umhin, einen gewissen frohen Hochmut unsererseits zu empfinden! Vor längerer Zeit brachte Kusma Prutkoff einmal im »Zeitgenossen« unter anderem »Vermischtem« auch »Aufzeichnungen meines Großvaters«. Man sollte meinen, was könnte interessanter sein, als die Memoiren so eines alten, wohlbeleibten Generals der Katharineischen Zeit, der sowohl bei Hofe war wie in der Schlacht bei Otschakoff, – was mußte der Mann nicht alles gesehen und erlebt haben! Statt dessen aber ... besteht das Ganze nur aus Anekdötchen ... Man glaubt schließlich, es handele sich um einen Betrug, einen solchen Großvater habe es nie gegeben. Aber ich schwöre Ihnen, daß ich selbst in meiner Kindheit ein Buch aus der Zeit Katharinas gelesen, aus dem ich noch folgende Anekdote behalten habe.

»Eine geistreiche Antwort des Kavaliers de Rohan. Wie bekannt, roch der Kavalier de Rohan sehr schlecht aus dem Munde. Als er einmal beim Lever des Prinzen Condé zugegen war, sagte selbiger zu ihm: ›Trete er zurück, Kavalier de Rohan, es riecht von ihm schlecht‹. Worauf der Kavalier ohne Verzug wie folgt replizierte: ›Der Geruch geht nicht von mir aus, allergnädigster Prinz, sondern von Euch, sintemal Ihr soeben aus dem Bette steigt.‹«

Man stelle sich nur diesen »Großvater« und Großgrundbesitzer, den alten Soldaten, vielleicht sogar einarmigen Krieger mit seinen hundert Hofleuten vor ... wie er mit der Brille auf der Nase langsam buchstabierend solche Anekdoten liest und das alles noch für wichtig, ja womöglich für den Kern des Ganzen hält, mit dem sich zu befassen fast eine mit dem Dienst verbundene Pflicht für ihn ist. Und was war das doch damals für ein naiver Glaube an die Bedeutung und Notwendigkeit ähnlicher europäischer Nachrichten. »Wie bekannt ...« Wem war es bekannt, warum, wozu, welchen Bären im Gouvernement Tamboff konnte das bekannt sein? Und wer will so etwas überhaupt wissen? Doch solche freidenkerischen Fragen beunruhigen den Großvater nicht. Mit kindlichster Gläubigkeit denkt er bei sich, daß »selbige Sammlung von Bonmots« bei Hofe bekannt ist, und das genügt ihm. Ja, natürlich, damals war es uns ein Leichtes, Europa uns anzueignen, d. h. physisch, versteht sich. Moralisch aber ging es selbstredend nicht ohne die Peitsche. Man zog sich seidene Strümpfe über die Beine bis zum Knie hinauf, man steckte den Kopf unter eine Perücke, man hängte sich hinten ein Deglein an und – war nun Europäer. All das störte nicht nur nicht, sondern gefiel sogar. Im Grunde aber blieb alles beim Alten: nachdem man den de Rohan aus der Hand gelegt und die Brille von der Nase genommen, verfuhr man ebenso wie früher mit dem Hofgesinde, beherrschte wie früher patriarchalisch die Familie, prügelte wie früher im Pferdestall den benachbarten Kleingrundbesitzer, wenn dieser frech zu werden wagte, und log und trog genau so vor den Höheren. Bei alledem war man aber dem Bauer doch verständlicher: man verachtete ihn weniger, ekelte sich weniger vor seinen Bräuchen, war ihm weniger fremd, war weniger deutsch. Daß man aber ihm gegenüber den Allmächtigen spielte, ja wie sollte denn der Herr das nicht, – dafür war er doch der Herr. Und wenn diese Herren ihre Leibeigenen oft auch zu Tode prügelten, so waren sie dem Volke dennoch gewissermaßen lieber als die jetzigen, denn sie waren ihm verwandter, waren von demselben Stamm. Mit einem Wort, alle diese Herrschaften waren einfaches, stämmiges Volk, forschten nicht nach den letzten Wurzeln, sie nahmen, prügelten, stahlen, bogen mit Liebe den Rücken, wo's not tat, und lebten friedlich und fett »in kindlicher, gewissensruhiger Verderbnis«. Ja, mich däucht sogar, daß alle diese Großväter gar nicht so naiv waren, nicht einmal in betreff der de Rohans und ähnlicher Anekdoten.

Ja, vielleicht waren sie mitunter sogar große Schelme, die unbeschadet aller damaligen europäischen Einflüsse von oben her durchaus ihren Kopf für sich behielten. Diese ganze Phantasmagorie, diese ganze Maskerade, alle diese französischen Röcke, Manschetten, Perücken, Zierdegen, alle diese dicken, plumpen Beine, die sich in seidene Strümpfe schoben, alle diese damaligen Soldaten in deutschen Perücken und Gamaschen, – mir scheint, alle waren sie furchtbare Betrüger und das Ganze ein lakaienhafter, gehorsamster Betrug von unten, so daß selbst das Volk dies manchmal merkte und begriff. Natürlich kann man Amtmann und Schelm und »Brigadier« sein und zugleich höchst naiv und rührend überzeugt, eben dieser Kavalier de Rohan sei wirklich das »subtilste Superflue«. Aber das störte ja nicht im geringsten: Die Gwosdiloffs prügelten wie ehedem, unsere de Rohans wurden von unserem Potjomkin und von jedem seinesgleichen womöglich ebenso im Pferdestall gedroschen, unsere Kavaliere nahmen, was sie nehmen konnten von Lebendigen und von Toten, und von den Fäusten mit Manschetten und den Füßen in seidenen Strümpfen wurden dieselben Genickstöße und Fußtritte verabreicht wie ehedem; bei Hofe aber bogen sich unsere Marquis', »mutig mit dem Nacken opfernd«. Kurz, dieses ganze bestellte und befohlene Europa lebte sich damals erstaunlich bequem bei uns ein, angefangen mit Petersburg – dieser phantastischsten Stadt mit der phantastischsten Geschichte aller Städte des Erdballs.

Nun, jetzt aber ist es schon was anderes und Petersburg hat gesiegt. Jetzt sind wir bereits ganze Europäer, sind herangewachsen. Jetzt versucht selbst ein Gwosdiloff sich anzupassen, wenn's zum Prügeln kommt, sucht den Anstand zu wahren, wird zum französischen Bourgeois, und warten wir noch ein Weilchen, dann wird er gar wie ein Nordamerikaner aus den Südstaaten mit Bibeltexten die Notwendigkeit des Handels mit Negern zu verteidigen anfangen. Nebenbei: diese Art der Verteidigung greift von dort ans neuerdings stark auch nach Europa hinüber. Nun, wenn ich erst dort sein werde, kann ich mich ja selbst von allem überzeugen, dachte ich bei mir. Aus Büchern ist das doch nie zu erfahren, was man mit eigenen Augen sieht. Übrigens – da ich gerade auf Gwosdiloff zu sprechen gekommen bin: warum hat Vonwisin einen der bemerkenswertesten Sätze in seinem »Brigadier« gerade nicht der Ssofja, der Vertreterin der vornehmen und humaneuropäischen Entwicklung in den Mund gelegt, sondern der dummen Brigadierin? – wo es gilt, die Wahrheit zu sagen, da wird diese also doch nicht von Ssofja ausgesprochen, sondern von dieser Frau, die er, abgesehen von ihrer Dummheit, auch noch als böses Frauenzimmer gezeichnet hat. Es ist geradezu, als habe er sich nicht getraut oder gar es für künstlerisch unmöglich gehalten, daß ein solcher Ausspruch der gleichsam in der Orangerie erwachsenen, so wohlerzogenen Ssofja entschlüpfen könnte, und er hat es doch irgendwie natürlicher gefunden, daß ein einfaches, dummes Weib ihn ausspricht! Diese Stelle, die es wert ist, behalten zu werden, ist um so bemerkenswerter, als sie ohne jede Absicht und ohne alle Hintergedanken, ganz naiv und vielleicht sogar ganz unbedacht geschrieben worden ist. Die Gattin des Brigadiers erzählt der Ssofja:

»... In unserem Regiment war ein Hauptmann, Gwosdiloff mit Namen. Derselbe hatte so eine schmucke junge Frau. Wenn es nun vorkam, daß er sich ärgerte, aber meist geschah es wohl in der Betrunkenheit, da begann er sie denn, wirst du's mir glauben, so zu prügeln, was nur die Seele hergab, und das alles für nichts und wieder nichts. Na, uns ging das ja nichts an, aber manchmal hätte man doch weinen mögen, wenn man sie so sah.

Ssofja: Ich bitte Euch, hört auf, davon zu erzählen, was die Menschheit empört.

Die Brigadierin: Ja, sieh mal, du willst davon nicht einmal hören, wie aber muß das für die Hauptmannsfrau zu erdulden gewesen sein?«

Damit wird die wohlerzogene Ssofja mit ihrer ganzen Orangerie-Empfindsamkeit von einer gewöhnlichen, ungebildeten Frau einfach matt gesetzt. Es ist das eine ganz erstaunliche Antwort bei einem Vonwisin, und man kann nur sagen, daß von ihm nichts Treffenderes geschrieben worden ist, auch nichts Menschlicheres und ... Unbeabsichtigteres!Vonwisin zeichnet die russischen Menschen alten Schlages als unglaublich unwissende, rohe, geistig und seelisch beschränkte Leute; doch auch die Söhne sind nicht besser: Hohlköpfe mit französischem Schliff oder Flegel, die nichts lernen, nichts wissen, sich von der Affenliebe der Mutter päppeln lassen. Die positiven Typen der Gebildeten, Aufgeklärten (Ssofja) bleiben bei ihm im Raisonneurhaften stecken. E. K. R.

Ja, wie viele solcher Orangerie-Progressisten gibt es bei uns noch heute und selbst unter unseren wichtigsten Führern, Orangerie-Progressisten, die mit dieser ihrer Treibhaushaftigkeit sogar außerordentlich zufrieden sind und gar nichts anderes verlangen. Noch das Merkwürdigste bei alledem ist zweifellos, daß Gwosdiloff seine Frau nach wie vor prügelt, und zwar jetzt fast mit noch größerem Genuß als früher. Es ist wirklich so. Man sagt, früher sei es mehr aus Liebe geschehen! – wie man ja auch zu sagen pflegt »wen ich liebe, den schlage ich«. Sogar die Frauen, heißt es, hätten sich beunruhigt gefühlt, wenn sie nicht geschlagen wurden: er schlägt nicht, folglich liebt er nicht. Aber das war ja alles noch Urzustand, noch elementar, rassig. Jetzt aber hat sich auch das schon der Entwicklung unterworfen. Jetzt prügelt Gwosdiloff beinahe schon aus Prinzip, aber im Grunde doch nur, weil er immer noch ein Dummkopf ist, d. h. ein Mensch der alten Zeit, der die neuen Einrichtungen nicht begreift. Nach diesen neuen Einrichtungen aber kann man ja ohne Selbsthilfe und Faustrecht noch viel mehr erreichen. Wenn ich mich hier so über Gwosdiloff verbreite, so geschieht das nur, weil man bei uns noch immer über Gwosdiloff die tiefsinnigsten und humansten Phrasen schreibt, und zwar so unaufhörlich, daß es sogar dem Publikum schon zu viel wird. Gwosdiloff ist bei uns so lebenszäh, trotz aller Artikel gegen ihn, daß er fast unsterblich zu sein scheint. Jawohl, er lebt und ist gesund, ist satt und betrunken. Jetzt sind ihm zwar ein Arm und ein Bein gelähmt, und seine Ehehälfte ist schon längst nicht mehr »so eine schmucke-schmucke junge Frau«, wie sie es früher war. Sie ist alt geworden, das Gesicht spitz und farblos, Runzeln und Leid haben es durchfurcht. Doch als ihr Hauptmann krank darnieder lag, da wich sie nicht von seinem Bett, durchwachte die Nächte bei ihm, tröstete ihn, vergoß heiße Tränen um ihn, nannte ihn ihren lieben, guten Helden, ihren lichten Falken, ihren mutigen Soldaten. Mag das einerseits die Seele empören, mag es, mag es nur! Aber andererseits: es lebe die russische Frau, und es gibt nichts Besseres in unserer ganzen russischen Welt als ihre grenzenlos verzeihende Liebe. So ist es doch, nicht wahr? Um so mehr, als selbst Gwosdiloff jetzt in nüchternem Zustande seine Frau manchmal auch nicht mehr schlägt, das heißt, seltener schlägt, den Anstand wahrt, ja mitunter sogar ein freundliches Wort zu ihr sagt. Fühlt er doch jetzt im Alter, daß er ohne sie nicht auskäme; er versteht nun schon zu berechnen, er ist nun Bourgeois, und wenn er sie auch jetzt noch ab und zu schlägt, so geschieht das doch höchstens in der Betrunkenheit und so aus alter Gewohnheit, wenn es ihm sonst schon zu langweilig wird und irgend eine Sehnsucht ihn plagt. Nun, das aber ist doch, sagen Sie, was Sie wollen, immerhin ein Fortschritt, immerhin ein Trost, eine Beruhigung. Wir aber sind ja solche Liebhaber von Beruhigungen ...

In der Tat, wir haben uns jetzt vollkommen beruhigt, ganz von selber. Mag es auch rund um uns herum selbst jetzt noch nicht sehr schön aussehen, dafür sind wir persönlich doch dermaßen schön, dermaßen zivilisiert, dermaßen Europäer, daß sogar dem Volk bei unserem Anblick übel wird. Jetzt hält uns das Volk bereits ganz und gar für Ausländer, versteht kein Wort von uns, kein Buch von uns, keinen Gedanken von uns, – das aber ist doch, sagen Sie, was Sie wollen, ein Fortschritt. Jetzt verachten wir das Volk und die volklichen Grundlagen schon so tief, daß wir uns sogar mit einem gewissen neuen, noch nie dagewesenen Ekel zu ihm verhalten, mit einem Ekel, wie er nicht einmal zur Zeit unserer de Rohans vorhanden war, das aber ist doch, sagen Sie, was Sie wollen, gleichfalls ein Fortschritt. Dafür sind wir – ja, wie sind wir dafür selbstbewußt, wie überzeugt von unserer zivilisatorischen Berufung, mit welch einer Herablassung lösen wir die Probleme, und noch dazu was für Probleme: es fehlt an Land, es fehlt an Volk; Nationalität – das ist nur ein bestimmtes Steuersystem; die Seele – tabula rasa, ein Ding aus Wachs, aus dem man sogleich einen wirklichen Menschen formen kann, einen allgemeinen Allgemeinmenschen, einen Homunculus – man braucht nur die Früchte der europäischen Zivilisation anzuwenden und zwei-drei Bücher zu lesen. Dafür: wie sind wir jetzt ruhig, wie erhaben ruhig, eben weil wir an nichts mehr zweifeln und alle Streitfragen schon entschieden und unterschrieben haben. Mit welch einer ruhigen Selbstzufriedenheit haben wir zum Beispiel Turgenjeff heruntergerissen,Turgenjeffs Roman »Väter und Söhne« hatte bei seinem Erscheinen 1862 einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Daraufhin brachte Dostojewskis Freund N. N. Strachoff in der »Zeit« einen Artikel, der als einzige Kritik dem Werk gerecht wurde und die Richtigkeit der ausgestellten Typen, die man als Verleumdungen verschrieen hatte, (den Nihilisten in Basaroff, die intellektuelle Frau in der Kutschina usw.) nachwies. E. K. R. weil er es wagte, sich nicht mit uns zu beruhigen und sich nicht mit unseren erhabenen Persönlichkeiten zu begnügen, weil er sich weigerte, sie für sein Ideal anzuerkennen, und etwas Besseres suchte, als was wir jetzt sind. Etwas Besseres als wir, Herr des Himmels! Was gibt es denn noch Schöneres und Tadelloseres als wir unter der Sonne? Nun, er hat denn auch genug zu hören bekommen für seinen Basaroff, diesen unruhigen und sich sehnenden (das Anzeichen eines großen Herzens), ja, ungeachtet seines ganzen Nihilismus, sich sehnenden Basaroff. Sogar für die Kutschina wurde er heruntergerissen, für diese progressive Laus, die Turgenjeff aus der russischen Wirklichkeit herausgekämmt hat, um sie uns vor die Augen zu halten, und man fügte sogar hinzu, er spreche gegen die Emanzipation der Frau. Die Emanzipation der Frau aber ist doch Fortschritt, da sagen Sie, was Sie wollen. Jetzt stehen wir mit einer solchen korporalhaften Selbstsicherheit, als solche Feldwebel der Zivilisation hoch über dem Volke, daß es eine wahre Freude ist, uns anzuschauen: die Hände in die Seiten gestemmt, herausfordernden Blickes – so sehen wir auf das Volk hinab und spucken bloß: »Was sollten wir von dir, grobem Bauer, wohl lernen können, wenn doch die ganze Nationalität, die ganze Volklichkeit im Grunde nur Rückständigkeit ist, nur ein Steuersystem und nichts weiter!« Man wird doch Vorurteile nicht durchgehen lassen, ich bitte Sie! Ach Gott, Vorurteile – da fällt mir soeben etwas ein ... Meine Herrschaften, nehmen wir für einen Augenblick an, daß ich meine Reise schon beendet habe und bereits nach Rußland zurückgekehrt bin, und erlauben Sie mir, eine Anekdote wiederzugeben: ich las sie in diesem Herbst in einer unserer fortschrittlichsten Zeitungen. Es war eine Korrespondenz aus Moskau unter der Überschrift: »Noch Reste der Barbarei« (oder etwas Ähnliches, jedenfalls ein sehr starker Ausdruck. Schade nur, daß ich die Zeitung nicht zur Hand habe). Und es wird erzählt, wie man eines Morgens – es war in diesem Herbst – in Moskau ein Gefährt erblickt hat, auf dem eine betrunkene Brautwerberin saß, noch in der Hochzeitstracht, mit Bändern aufgeputzt und ein Lied singend. Auch der Kutscher war mit Bändern geschmückt und gleichfalls betrunken, ja, auch er brummte sogar ein Lied. Selbst das Pferd war bunt bebändert, nur weiß ich nicht, ob es auch betrunken war. Sicherlich wird es betrunken gewesen sein. Nie Brautwerberin hielt auf dem Schoß ein Bündelchen mit Sachen von dem neuvermählten Paar, das augenscheinlich eine glückliche Nacht verbracht hatte. Dieses Bündelchen enthielt natürlich ein gewisses leichtes Kleidungsstück, das den Eltern der Neuvermählten am nächsten Morgen zu zeigen unter dem einfachen Volke ein alter Brauch ist. Das Volk lachte beim Anblick dieser Ehestifterin; ein spassiges Objekt. Die Zeitung berichtete den Vorfall mit Empörung, nannte ihn, spuckend, schimpfend und mit Entrüstung, eine unerhörte Barbarei, die sich »trotz aller Fortschritte der Zivilisation sogar bis heute erhalten hat!« Meine Herrschaften, ich muß Ihnen gestehen, daß ich darob in lautes Lachen ausbrach. Oh, bitte, denken Sie nicht, daß ich urweltlichen Kannibalismus, diese leichten Kleidungsstücke, Decken usw. verteidige. Das ist abscheulich, das ist unkeusch, das ist wild, ist slawisch, ich weiß, ich gebe es zu, obschon das natürlich ohne schlechte Absicht geschah, sondern im Gegenteil, zur Ehre der jungen Frau, aus reiner Herzenseinfalt, aus Unkenntnis von Besserem, Höherem, Europäischem. Nein, ich lachte über etwas anderes. Und zwar: mir fielen plötzlich unsere Damen und unsere Modegeschäfte ein. Selbstverständlich schicken unsere zivilisierten Damen jetzt keine leichten Sachen mehr zu ihren Eltern, aber wenn es zum Beispiel gilt, bei der Modistin ein Kleid zu bestellen, mit welch einem Scharfsinn, mit wie feiner Berechnung und Sachkenntnis verstehen sie dann, an gewissen Stellen Watte unter ihre bezaubernden europäischen Toiletten zu legen! Warum, wozu diese Watte? Natürlich zur Erhöhung der Eleganz, um der Ästhetik willen, pour paraître ... Und nicht nur sie, auch ihre Töchter, diese unschuldigen siebzehnjährigen Geschöpfe, die kaum das Pensionat verlassen haben, auch die wissen um die Watte schon Bescheid, wissen alles: wozu diese Watte dient, und wo man sie anbringen muß, und warum und weshalb, d. h. speziell zu welchem Zweck das alles angebracht wird ... Nun wohl, dachte ich lachend, diese Mühen, diese Sorgen, diese bewußten Sorgen um wattierte Vergrößerungen, – sind sie nun wirklich reiner, sittlicher, keuscher als jenes unselige leichte Kleidungsstück, das in einfältigem Glauben den Eltern geschickt wird, in der Überzeugung, daß man es tun muß, daß eben dies sittlich sei! ...

Um Gottes willen, meine Freunde, denken Sie nicht, daß ich jetzt eine erbauliche Predigt darüber halten will, daß Zivilisation nicht Entwicklung ist, sondern im Gegenteil, in der letzten Zeit in Europa immer mit der Knute und dem Kerker über jeder Entwicklung stand. Denken Sie nicht, ich wolle nun nachweisen, daß man bei uns die Zivilisation und die Gesetze der normalen, wirklichen Entwicklung barbarisch verwechsele, nachweisen, daß die Zivilisation im Westen selbst schon verurteilt ist und für sie dort nur noch einzig der Besitzer einsteht (obschon dort alle Besitzer sind oder Besitzer werden wollen), um sein Geld zu retten. Denken Sie nicht, es sei nun meine Absicht, zu beweisen, daß die Menschenseele nicht eine tabula rasa ist, nicht ein Wachsding, aus dem man den Allgemeinmenschen formen kann; daß ganz zuerst eine Natur gegeben sein muß, dann die Wissenschaft, dann ein selbständiges Leben, ein bodenständiges, kein beschränktes, und der Glaube an seine eigenen nationalen Kräfte. Denken Sie nicht, ich wolle tun, als wüßte ich nicht, daß unsere Fortschrittler (wenn auch längst nicht alle von ihnen) durchaus nicht für die Watte einstehen, sie vielmehr ebenso brandmarken wie jenes leichte Kleidungsstück. Nein, ich will jetzt nur Eines sagen: in jenem Artikel wurde dieser Volksbrauch nicht einfach getadelt und verurteilt, man nannte ihn nicht einfach eine Barbarei, sondern man wollte damit ganz augenscheinlich die allgemeine nationale, elementare Barbarei unseres einfachen Volkes an den Pranger stellen, als Gegensatz zu der europäischen Zivilisation unserer höheren, vornehmen Gesellschaft. Der Artikel tat so wichtig, der Artikel schien überhaupt nicht wissen zu wollen, daß es bei diesen Sittenrichtern selber vielleicht tausendmal schlimmer und gemeiner zugeht, daß wir nur die einen Vorurteile und Schändlichkeiten gegen andere, vielleicht noch größere Vorurteile und Schändlichkeiten eingetauscht haben. Der Artikel schien aber unsere eigenen Vorurteile und Schändlichkeiten überhaupt nicht zu bemerken. Weshalb also, weshalb so wichtig tun und sich hoch über dem Volke stehend dünken, die Hände in die Seiten gestemmt, breitspurig und spuckend ... Wie lächerlich, wie unsagbar lächerlich ist doch dieser Glaube an die eigene Unfehlbarkeit und an das Recht zu solcher Entrüstung! Gleichviel was es ist: Glaube oder einfach Überhebung dem Volk gegenüber, oder schließlich gedankenloser, sklavischer Kniefall speziell vor den europäischen Formen der Zivilisation; letzteres wäre ja noch lächerlicher.

Doch was! Solcher Tatsachen lassen sich tagtäglich wohl ein Tausend finden. Verzeihen Sie die Wiedergabe des Vorfalls.

Übrigens, ich versündige mich. Ich tue ja unrecht! Das kommt daher, daß ich gar zu schnell von den Großvätern auf die Enkel hinübergesprungen bin. Es gab doch auch Zwischenstücke. Erinnern Sie sich Tschatzkis.Der Held in der epochemachenden Komödie »Kummer durch Verstand«, in der Gribojedoff (1794-1829) die moskauer Gesellschaft geißelte, Tschatzki kehrt nach dreijähriger Reise durch Europa nach Moskau zurück, erkennt die ganze Parodie, zu der die Europäisierung in den russischen Menschen geworden ist und reiht – zum Teil auch mit dem gerechten Fremdenhaß des Patrioten – den Vertretern der Gesellschaft die Masken ab. Tschatzki ist noch kein Mann der Tat: enttäuscht begibt er sich wieder ins Ausland. Als Tat aber ist die Komödie selbst zu betrachten, da sie in einer Zeit erschien, als nach der Hinrichtung der Dekabristen (1826), denen Gribojedoff nahe stand, niemand eine Kritik wagte. Tschatzkis (Gribojedoffs) Anklagen und Aphorismen wurden zu Bestandteilen der Umgangssprache und machten eine Propaganda, wie sie in anderer Form damals nicht denkbar gewesen wäre. Die Komödie war bis 1833 nur handschriftlich verbreitet, jedoch in Zehntausenden von Abschriften. Gribojedoff hat nur dieses eine Meisterwerk geschrieben: er wurde als bevollmächtigter Minister in Teheran vom Pöbel ermordet. E. K. R. Der war schon kein naiv-durchtriebener Großvater, auch kein selbstzufriedener Nachfahre, der stolz dasteht und alles schon abgeurteilt hat. Tschatzki ist ein ganz besonderer Typ unseres russischen Europa, er ist der Typ eines lieben, begeisterten Menschen, der wirklich leidet, der bereits Rußland und den Heimatboden anruft und – und dann doch wieder nach Europa reist, um dort »einen Winkel für ein gekränktes Empfinden« zu suchen ... Kurz, ein Typ, der jetzt vollkommen unnütz ist und der einmal ungeheuer nützlich war. Er ist ein Phraseur, ein Schwätzer, aber ein herzlicher Phraseur, und einer, der sich wegen seiner Nutzlosigkeit grämt und schämt. Sein Typ hat jetzt in der neuen Generation schon eine Wandlung erfahren. Wir glauben an die jungen Kräfte; wir glauben, daß er bald wieder erscheinen wird, dann aber nicht in hysterischer Erregung wie ehemals auf dem Ball bei Famussoff, sondern als Sieger, stolz, mächtig, demütig und liebend. Er wird bis dahin schon erkannt haben, daß der Winkel für ein gekränktes Empfinden nicht in Europa, sondern vielleicht dicht vor seiner Nase liegt, und wird hier etwas zu tun finden und das auch tun. Aber wissen Sie: ich bin ja doch überzeugt, daß es schon jetzt bei uns nicht nur Feldwebel der Zivilisation und europäische Narren gibt; ich bin überzeugt, ja ich verbürge mich dafür, daß der junge Mensch schon geboren ist ... Doch davon später. Zunächst will ich noch ein paar Worte über Tschatzki sagen.

Ich verstehe eines nicht: Tschatzki war doch ein sehr kluger Mensch. Wie konnte es nun geschehen, daß ein kluger Mensch hier nichts zu tun fand? Sie fanden ja alle nichts zu tun, fanden in der ganzen Zeitspanne von zwei-drei Generationen nichts. Das ist Tatsache und gegen eine Tatsache zu reden, lohnt sich nicht, denke ich; doch aus Interesse nach den Gründen fragen, das kann man. Also wie gesagt, ich verstehe nicht, wie ein kluger Mensch gleichviel wann und wo, gleichviel unter welchen Umständen, keine Arbeit für sich finden kann. Man sagt, das sei ein strittiger Punkt, doch in der Tiefe meines Herzens glaube ich das durchaus nicht. Dazu hat man doch den Verstand, um das zu erreichen, was man will. Kannst du nicht gleich eine ganze Werst gehen, so gehe hundert Schritte, immerhin ist das mehr als nichts, bringt dich immerhin näher zum Ziel, wenn du überhaupt zu einem Ziele gehst. Unbedingt mit einem einzigen Schritt zum Ziel gelangen zu wollen, ist meiner Meinung nach durchaus kein Anzeichen von Verstand. Ja, so etwas heißt sogar Arbeitsscheu. Mühe lieben wir nicht, Schritt für Schritt zu gehen sind wir nicht gewohnt, am liebsten würden wir mit einem einzigen Schritt die ganze Strecke bis zum Ziel überspringen. Nun, und eben dies ist ja Arbeitsscheu. Ja, Tschatzki hat doch sehr gut getan, daß er damals wieder ins Ausland entschlüpfte: es lag ihm wohl nicht, hier ein wenig länger zu verweilen und sich dann nach dem Osten, statt nach dem Westen zu begeben. Man liebt bei uns nun einmal den Westen, liebt ihn eben, und im äußersten Fall, d. h. wenn es zur Entscheidung kommt, fahren alle dorthin. Nun ja, auch ich fahre jetzt hin. »Mais moi c'est autre chose«. Ich habe sie dort alle gesehen, d. h. sehr viele, denn alle sind ja gar nicht abzusehen, doch alle, die ich sah, suchen dort, glaube ich, einen Winkel für ein gekränktes Empfinden. Wenigstens suchen sie etwas. Die Generation der Tschatzkis beiderlei Geschlechts hat sich ja seit dem Ball bei Famussoff,Gribojedoffs Komödie spielt im Hause des höheren Staatsbeamten Famussoff: sie beginnt mit dem Morgen, an dem Tschatzki aus dem Auslande eintrifft, und endet mit dem späten Abend desselben Tages, nach dem Ball, im Vestibül. In Famussoff hat Gribojedoff seinen eigenen Onkel gezeichnet, dessen Festlichkeiten berühmt waren. E. K. R. und überhaupt nachdem der Ball zu Ende war, dort so vermehrt wie Sand am Meer; und sogar nicht nur die Tschatzkis: sind sie doch alle aus Moskau dorthin gefahren. Wie viele RepetiloffsDie Namen sind noch nach alter französischer Art Kennzeichnungen ihrer Träger. Repetiloff heißt etwa »Schwätzer«. gibt es jetzt dort, wie viele Skalosubs,Oberst Skalosub (»Grinser«) ist ein beschränkter Gamaschenknopf. Natalja Dmitrijewnas ewig besorgte Liebe will aus ihrem früher frischfröhlichen Mann einen zugempfindlichen Stubenhocker machen. Die alte bissige Hlestowa (hlestatj – mit der Gerte schlagen) ist als Typ auch von Tolstoj in »Krieg und Frieden« gebracht. Moltschakin (»Schweiger«) ist Famussoffs Sekretär, der sich durch zwei »Tugenden« auszeichnet: durch »Mäßigkeit und Akkuratesse,« – ein gehorsamster Diener und Streber, der aus Berechnung sogar dem Hofhunde schmeichelt. E. K. R. die schon ausgedient haben und wegen Untauglichkeit in die Bäder geschickt worden sind. Natalja Dmitrijewna mit ihrem Mann gehört dort unbedingt zu ihnen. Selbst die Gräfin Hlestowa reist in jedem Jahre hin. Sogar Moskau ist allen diesen Herrschaften langweilig geworden. Einzig Molschalin fehlt dort unter ihnen: er hat es sich anders überlegt und ist zu Hause geblieben, nur er allein ist zu Hause geblieben. Er hat sich dem Vaterlande gewidmet, der Heimat, sozusagen. Jetzt kommt man an ihn überhaupt nicht mehr heran; selbst seinen Wohltäter Famussoff würde er jetzt nicht einmal zu sich ins Vorzimmer lassen: »Ein Nachbar vom Lande,« heißt es jetzt, »in der Stadt grüßen wir uns nicht.« Er ist beschäftigt, ja, er allein hat etwas zu tun gefunden. Er ist in Petersburg und ... und hat's weit gebracht. »Er kennt Rußland und Rußland kennt ihn«. Jawohl, gerade ihn kennt es zur Genüge und es wird ihn lange nicht vergessen. Jetzt pflegt er auch nicht einmal mehr zu schweigen, im Gegenteil, nur er allein redet jetzt ... Doch was rede ich von ihm! Ich kam doch auf sie alle zu sprechen, die in Europa einen erquickenden Winkel suchen, und ich muß sagen, ich dachte wirklich, daß sie es dort besser hätten. Statt dessen ist in ihren Gesichtern ein solcher Harm ... Die Ärmsten! Und was ist das für eine ewige Unruhe in ihnen, was für eine krankhafte, sehnsüchtige Geschäftigkeit! Alle haben sie den »Führer« bei sich und in jeder Stadt stürzen sie sich gierig auf die Sehenswürdigkeiten, die sie mit einem Eifer besichtigen, als wären sie dazu verpflichtet, als setzten sie einen vaterländischen Dienst fort: nicht ein einziges dreifensteriges Palais wird von ihnen übergangen, wenn es nur im »Führer« angegeben ist, ebenso kein einziges Rathaus, das sich oft von einem ganz gewöhnlichen Moskauer oder Petersburger Hause kaum unterscheidet; sie gaffen das Rindfleisch eines Rubens an und glauben artig, das seien die drei Grazien, weil der »Führer« so zu glauben befiehlt; sie stürzen zur Sixtinischen Madonna und stehen vor ihr in stumpfer Erwartung: jetzt gleich wird etwas geschehen, irgend jemand wird unter dem Fußboden hervorkriechen und ihren gegenstandslosen Harm und ihre Müdigkeit verscheuchen. Und sie gehen weg, verwundert, daß nichts geschehen ist. Das ist nicht das selbstzufriedene und vollkommen mechanische Interesse englischer Touristen und Touristinnen, die mehr in ihren »Führer« sehen als auf die Sehenswürdigkeiten, die nichts erwarten, weder Neues, noch Erstaunliches, und die nur nachprüfen: ist es auch so im »Führer« angegeben und wieviel Fuß hoch oder Pfund schwer ist der Gegenstand ganz genau gemessen und gewogen? Nein, unsere russische Wißbegier ist irgend so eine wilde, nervöse, mächtig lechzende, doch im tiefsten Grunde im Voraus überzeugte, daß nichts geschehen wird, natürlich bis zur ersten Fliege: kaum fliegt eine vorüber – so fängt es sofort wieder an ... Ich spreche jetzt nur von den klugen Leuten. Um die anderen braucht man sich ja nicht zu sorgen: die werden doch immer von Gott beschützt. Und ich spreche auch nicht von jenen, die sich endgültig im Auslande angesiedelt haben, ihre Muttersprache vergessen und katholische Patres anhören. Übrigens, von der ganzen Masse kann man nur folgendes sagen: kaum haben wir uns über Eydtkuhnen hinweggewälzt, da gleichen wir schon auffallend jenen kleinen unglücklichen Hündchen, die ihren Herrn verloren haben und nun suchend umherlaufen. Aber was glauben Sie, – daß ich dies hier spottend schreibe, jemanden anklage, weil sozusagen »gerade jetzt, wo usw., – und Sie sind im Auslande! Hier ist die Bauernfrage im Gange und Sie sind im Auslande!« usw., usw.... Oh, keineswegs und nicht im geringsten. Und wer bin ich denn, daß ich anklagen könnte? Wen anklagen? und wessen? »Wir würden ja gern etwas tun, aber es gibt für uns nichts zu tun, das aber, was es da gibt, das wird auch ohne uns gemacht. Die Stellen sind besetzt, Vakanzen sind nicht vorauszusehen. Wer hat denn Lust, seine Nase in Dinge zu stecken, in die sie zu stecken man nicht gebeten wird.« Das ist dann die Ausrede und sie ist nicht einmal lang. Wir kennen sie schon auswendig. Aber was ist das? Wo bin ich hingeraten? Wann habe ich denn schon Zeit gehabt, Russen im Auslande zu sehen? Wir nähern uns doch erst der Grenzstation Eydtkuhnen ... Oder sind wir schon weiter gefahren? In der Tat, auch Berlin, auch Dresden, auch Köln liegt schon hinter uns. Ich sitze zwar immer noch im Eisenbahnwagen, doch vor uns liegt nicht mehr Eydtkuhnen, sondern Erquelines, und wir fahren nach Frankreich hinein. Paris, Paris war's doch, wovon ich erzählen wollte und wovon ich ganz abgekommen bin! Ich habe mich schon zu sehr vom Nachdenken über unser europäisches Rußland umstricken lassen; aber das ist wohl verzeihlich, wenn man gerade ins übrige Europa zu Besuch fährt. Übrigens, wozu gar so sehr um Entschuldigung bitten. Mein Kapitel ist ja ein überflüssiges.

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