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Auswahl aus des Teufels Papieren

Jean Paul Richter: Auswahl aus des Teufels Papieren - Kapitel 73
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung II Band 2
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleAuswahl aus des Teufels Papieren
pages111-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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X.

Der Maschinen-Mann nebst seinen Eigenschaften

Wenn ich besonders darauf zu sehen habe, daß ich bei meinem Leben keinen Aufsatz unvollendet stehen lasse, wie etwann Lessing seinen »Schlaftrunck«, weil ich das warnende Beispiel Lessings vor mir habe, daß die Manheimer Bühne zwar einen Preis für den, der eine solche Antike ergänzt, aber nicht den Ergänzer selbst, der ihn verdient, bewilligen könne: so brauch' ich doch das blos bei diesem Aufsatze nicht – ich könnt ihn gar nicht machen, ich könnt' ihn höchstens halb machen; denn eben nach dem Tod brauch' ich ihn erst auszuarbeiten.

Der ganze Aufsatz läuft nemlich auf eine Erzählung vom Maschinenmanne hinaus, die für niemand im Grunde hörenswerth ist als für Leute auf dem Monde, auf dem Saturn, auf dessen Trabanten, auf dessen Ringe. Denn bei uns auf der Erde muß dieser Mann so bekannt sein wie ein Pudelhund: aber auf dem Saturn gar nicht und es ist ein rechtes Glück für diesen Planeten, daß ich – wenn er anders nach dem Tode mein neues Jerusalem wird, wie mir wegen der nähern Aussicht in andere Planetensysteme und wegen der grössern Entfernung von meiner Schwiegermutter auf Erden von Herzen zu wünschen ist – die dasigen Saturnianer in einige Bekanntschaft mit dem Maschinenmanne bringen will.

Ich biete dem Maschinenmann – so erzähl' ichs den Saturnianern – einen guten Morgen und guten Abend, aber damit gut: denn ich kann ihn nicht aus stehen, wegen seiner verfluchten Narrheiten. Er thut alles durch Maschinen. Er hat kein Federmesser im ganzen Hause, sondern ein gewisses Instrument, von dem er sich seine Federn durch einen Druck vorschneiden lässet – er schreibt aber doch kein Jota damit. Denn in Wien, wo ihm alles gezeigt wurde, lies man ihn auch die Schreibmaschine des Kaisers besehen, durch die man, indem man mit eigner Hand etwas schreibt, das nämliche dann doppelt und vielfach hingeschrieben hat. Er machte sich eine nach und führte nun mit seiner uneingetunkten Feder, die er in der Luft herumzog, der Maschine die repetirende Hand und Feder. Er meldete einmal auf der Marterbank des Jammers sitzend, den Tod seiner Frau einem Freunde: aber der Brief war doch von der Maschine geschrieben, die er seinen Amanuensis und Sekretair nennt. Das bereuete er oft und vor iedermann: »denn ich hätte blos, sagte er, einen leeren Bogen Trauerpapier schicken sollen, das am Rande schwarz gewesen wäre aber weiter nirgends.« Seit dem schikte er, um seine zweite Ehe zu melden, einen leeren Bogen mit einem gelben Rande – um seine zweite irdische Scheidung zu melden, sendete er einen mit einem grünen, und die Beerdigung seiner leiblichen Mutter that er durch einen Rand von ventre de Biche kund. Daher vermutheten einige oder mehrere Deutsche, er wäre ein Narr: aber vernünftige Pariser wusten recht gut, daß er ein Pariser sei und ihnen diese Diffusionsräume gänzlich abgeborgt habe.

Er verstand – werd' ich gegen die Saturnianer fortfahren, aber vorher die dioptrische Metapher verdeutschen – zwar nicht das Einmaleins, aber dafür das Rechnen ungemein gut, das er nicht wie eine Maschine sondern durch eine Maschine betrieb; er drehte blos die Rechenmaschine des Herrn Pastor Hahn ein paarmal um: so hatte, er sein Fazit, und Vergnügen obendrein. Ich habe mich daher oft ein wenig gewundert, woher es kommen mag, daß man ihn oder auch die hanische Maschine noch nicht als Rechnungsrevisor angestellt: es kann aber gar wol doch nach meinem Tode auf der Erde geschehen sein.

Dies wird den Saturnianern genug gefallen: aber ich werde weiter erzählen.

Der Maschinenmann legte allemal Proben seiner Beredsamkeit ab, wenn er auf das 18. Jahrhundert deswegen loszog, weil es noch keine Maschine erfunden hätte, die einem ehrlichen haarigen Mann einen Zopf machen könnte – und er lies sogar einmal ins Intelligensblatt setzen: man sucht allhier einen saubern Friseur, der von lauter Holz ist und im Zeitungskomtoir giebt man nähere Nachricht.

Er und sein Magen war niemals an andere Tische zu bringen als an sogenannte Maschinentafeln, die stumme Knechte heissen und er sagte, er hätte Gründe dazu, die sein und gut wären. Ich und noch einige gute Freunde wollten einmal bei ihm essen und zwar mit den Zähnen: aber darüber erhob er die grösten Händel und ich werde daran denken. Er versicherte uns heftig, er könne unmöglich von uns glauben, daß wir sämtlich lebendige Nusknaker wären, sondern er wolle hoffen, daß wir niemals käueten und mit unsern Zähnen ausser den Dentalbuchstaben niemals etwas gröbers zerschnitten. Unter diesen Versicherungen lies er durch einen stummen Knecht ein Ding wie eine grosse Hanfmühle heraufheben. »Gott hat mir, sagte er, so viel Verstand gegeben, daß ich eine Käumaschine ausgesonnen habe, mit der ich für mich und meine werthen Gäste käuen kann und will. Wenn ich meinen Braten oder mein Gemüse zwei oder dreimal wie Hanfkörner durch die Maschine durchgemalen habe: so – denn eine Art kleiner Holländer oder Lumpenhacker, den Sie iezt darin gehen hören, zerstösset iede Faser – darf ichs nur verschlucken und den Löffel dazu nehmen. Die Zähne ruhen dabei gar nicht, nämlich nicht meine, sondern die der Maschine, in die ich 32 Zähne, Weisheits- Hunds- und andere Zähne eingepflökt, weil ich ia an Zahnärzten und katholischen Heiligenbildern die Zähne haben konnte wie ich sie wollte. Man zerschnizt zwar auch mit Maschinen Nudeln, Bratwürstefleisch und Stroh fürs Rindvieh: aber ich befrage Leute die ein Gewissen und Maschinen kunde haben, können sie meine Maschine für eine auch nur entfernte diebische Nachahmung von ienen ausgeben und ist es ihr Ernst?« Er mahlte immer fort. »Sie sehen, sagt' er wieder, es kann kein Bissen ganz bleiben zwischen solchen Prosektoren: in einem hypochondrischen Magen aber fängt ein einziger kompleter und zum Camnephez gehöriger Bissen allemal Teufelslerm an.« Er spie etlichemal in sein Fressen und winkte uns mit zu speien. »Warum speien Sie nicht mit? Der Speichel ist zum Verdauen unentbehrlich und eine Art vorläufiger Magensaft: für Leute von Stand, die die Quecksilberinokulirungen ohnehin so sehr ausschöpfen, sollte daher ein solcher Saft so gut wie Digestivpulver zu Kaufe oder wie Senf auf der Tafel stehen und ich denke, in Holland sezt man die Spuckkästgen auf die Tafel doch aus keiner andern Absicht.«

Wenn ich den Saturnianern das Abentheuer gar zu Ende erzählet habe: so rück' ich mit der Schilderung des Maschinenmannes so fort:

Im Winter gab er Konzerte: allein er thats blos, weil er alles so weit treiben konnte, daß weder der Komponist noch der Notenkopirer noch der Taktschläger noch die Spieler lebendig waren, manchen gieng sogar die Menschengestalt ab. Der Komponist war ein paar Würfel, womit der Maschinenmann nach den im Modejournal gegebenen Regeln des reinen Satzes und einer pariser Mode musikalische Fidibus zu sammenwürfelte – der Notenkopirer war nicht Rousseau sondern die Extemporisirmaschine oder das Setzinstrument, worauf er die erwürfelten Produkte abspielte, damit es sie aufschriebe – der Taktschläger war der von Renaudin in Paris erfundene Chronometre. – Die Spieler waren (sie thaten Wunder auf der Flöte, auf dem Klavier und auf einer Orgel mit kartenpapiernen Pfeifen) teils von Vaukanson theils von Jaquet Drotz und Sohn gezimmert worden: »aber, sagt' er am Ende des Konzertes zu uns, soviel darf ich mir doch schmeicheln, daß man nirgends weiter eine Kapelle, einen Musiksaal, ein Orchester auftreibt, worin in der Wahrheit nichts anders weiter gar nichts anders als Maschinen spielten.« – »Aber in solchen, sagt' ich, sas ich doch, wo wenigstens nichts als Maschinen zuhörten und wo ein rührender Trommelschall allgemein die menschlichen dasigen Herzen bewegte und zwar einmal einen Apollo von Stein dermassen, daß er umkugelte.«

O ihr Saturnianer! wenn ich euch einmal das wirklich auf dem Saturn erzäle – und es geschieht warlich: – was werdet ihr von den Leuten und Winterkonzerten auf der Erde denken und auch von denen, die sich von allen dreien beurlaubet haben um alles im Saturn auszuplaudern? Werdet ihr nicht zu mir sagen: der Mensch ist närrisch, dieser Spas besonders, die Tage im Saturn sind ausserordentlich kurz, die Jahre im Saturn sind ausserordentlich lang deine Erzälung auch: aber das ist eben ein erschrecklicher Fehler und in 15 Minuten muß sie aus sein. Er plagte den russischen Residenten so lange bis er ihm – eben meinem Maschinenmanne – das Beträdlein der KalmukenEs sieht wie eine Kinderklapper aus, und wird Kürüdu genannt: die Betformeln sind in einer Kapsel an einem beweglichen Stiele aufgerollt; und die Kapsel drehen heisset beten. Ich dachte oft, es würde uns auch keine Schand machen, wenn wir ob gleich von Wilden eine nützliche Maschine annähmen und das Beträdlein wenigstens zum Tischgebet, das alle unsere Gesichter und Hände in solche Verlegenheit sezt, einführten, der Bratenwender könnte in der Küche mit dem Braten zugleich das Beträdlein und die Danksagung dafür drehen. kommen lies. Leute, die sehen aber nicht errathen können, besonders der Klingelbeutelvater und der Organist wollten mich versichern, er habe niemals für seinen reisenden Landesherrn und für seine todkranke Frau ein Stoß oder –Schuß oder anderes Gebeth gethan, sondern vielmehr im Tempel lustig etwas geschwenkt: aber das war eben seine Betmaschine und sein Gebrauch davon und er that damit der Reise seiner Frau und seines Fürsten die wichtigsten Dienste, wie man nachher erfahren.

Er hatte das Gelübde der Karthäuser gethan nicht zu reden, wie die Franziskaner das, kein Geld zu betasten: deswegen war ihm ein Sprecher, der seine Zunge vertrat, so sehr als ienen ein Mann von nöthen, der wie bei Blinden das Geld einstreicht – er hatte daher bekanntlich eine kempelische Sprachmaschine auf dem Bauche hängend. Ich sah ihn oft, wie er vor dem Beichtstuhl und vor dieser Maschine stand und seine Beicht abspielte – wie er als Bruder Redner in Freimäurerlogen Reden und Gefühle orgelte, die nachher meines Wissens in den öffentlichen Druck kamen – wie er einmal verflucht anlief, da er vor etlichen hundert Kirchenpatronen nemlich Bauern eine Probepredigt ablegen wollte und die Patronen (er hatte kaum die Worte »Geliebte in Christo« und etwas vom Exordio gegriffen) ihn beinah wegen der Vermuthung erschlugen, er verwahre und führe den Gotseibeiuns im Kasten und der predigte – und überhaupt hab' ich ia das Wichtigste von seiner Biographie, die ich iezt mit wahrem Vergnügen dem Saturn mittheile, nicht aus seinem Munde sondern aus seiner Hand, die mir alles aufrichtig vorspielte.

Zuweilen hob er sich auf dem Springstab des Enthusiasmus über die halbe Welt hinweg und in eine viel idealischere hinein – und ich habe mir besonders folgenden Enthusiasmus treu aufgeschrieben: »Es ist wahr, (sagte er, nämlich seine Maschine) der Mensch thut in meinen Tagen einiges durch Maschinen – es will allerdings schon etwas sagen, daß ich keinen lebendigen Drescher oder Säemann bezahle, sondern die dafür ordinirten Maschinen, – daß ich wenn ich mich duelliren will, statt meiner blos die in Italien gewöhnliche köpfende Maschine schicken kann – es ist auch das gar nicht ganz ohne Werth, daß ich richtige Wetterbeobachtungen nach Mannheim abliefern kann, die niemand gemacht als mein neuer Barometrograph – und es ist eben so viel als hätt' ich noch eine Magd, aber noch viel bequemer, daß ich am Morgen mich wecken, Licht und Feuer machen, die Bett- und die Fenstervorhänge aufzerren lassen kann blos von einem toden Wecker von der neuen Art, wie der Franziskaner Morgues sie zu Tausenden verarbeitet – und ich muß inne werden, daß es eben so bequem und um die nämliche Tageszeit, obwol nicht eben so angenehm ist, daß die grösten Grossen, die alles durch Repräsentanten thun und die daher so viele physische Ebenbilder von sich stets zu kreiren streben, im Kreiren aufhören und im Repräsentiren fortfahren und mit einem Worte Gemahlinnen haben, die gut wissen was unser Jahrhundert ist und dessen unzählige Maschinen, und wo der Italiener oder Franzos zu haben ist bey dem seiner Seits wieder zu haben sind leblose Vikarien oder Charges d'affaires oder Agenten oder curatores absentis des lebendigen Ehemanns, welches alles (sagen die Gemahlinnen und die Italiener) lauter herrliche, den Eheherrn ohne Schaden repräsentirende Figuren wären und zwar nur rhetorische und zwar blos die Figur pars pro toto... Ich hab' es schon gesagt, man kann es nicht läugnen, daß das alles etwas ist. Aber ich will mir einmal das Vergnügen verstatten, mir einzubilden, der Mensch wäre schon auf eine viel höhere Stufe der Maschinenhaftigkeit gerückt und ich will nur, da ichs einmal darf, mir gar vorstellen, er stünde auf der höchsten und hätte statt der 5 Sinnen 5 Maschinen – er gienge vermittelst des Gehwerks einer Maschine oder eines Laufwagens – er verfertigte, da er iezt blos seine Arme, Beine, Augen, Nase, Zähne von der Drechselbank abholet, auch alle übrige Glieder und den ganzen Torso auf ihr und brächte eine Sakpfeife statt des Magens nicht auf wie bisher, sondern in dem Bauche in gesunde peristaltische Bewegung und schnitte von einer Feuerspritze sich eine lederne Schlange zum Sack- oder Blinddarm los, – ich will mir vorstellen, er trieb' es noch weiter und er verrichtete durch ein hydraulisches Werk sogar seine Nothdurft, nämlich die exzeptivische – er behielte nicht einmal sein Ich sondern liese sich eines von Materialisten schnitzen, welches aber besonders unmöglich wäre – nicht einmal die Thiere wären mehr lebendig, sondern da wir ohnehin von Archytas, Regiomontan, Vaukanson künstliche Tauben, Adler, Fliegen, Enten haben, auch der übrige Inhalt der Zoologie würde petrifizirt und verknöchert und ganze Menagerien ohne Leben und ohne Futter würden aufgesperrt und Kluge, die den Spener gelesen hätten, dächten deswegen, der iüngste Tag sei da oder schon vorüber – die Sache wäre verflucht arg und die natura naturans verflöge endlich und nichts bliebe da als die natura naturata und blos die Maschinen ohne Maschinenmeister: – – – – mit welchen Vollkommenheiten, frag' ich, würde dann die Erde aufgeschmückt sein, die iezt so in Lumpen und Löchern dasteht? ich meine nämlich, wenn ein guter Kopf die Erde übersähe und ihre Vollkommenheiten überzählte und überhaupt schon wüste, daß ein Wesen desto vollkommener ist, ie mehr es mit Maschinen wirkt und ie mehr es Arme, Beine, Kunst, Gedächtnis, Verstand ausser seinem Ich liegend sieht und alles das nicht mit sich zu schleppen braucht, und daß eben deswegen das Thier, das ohne Maschinen thätig ist, auf der untersten schmutzigsten Vollkommenheitsstufe liege, der Wilde, der einige bewegt, auf einer höhern, unser Bauer, der mehrere dreht, auf einer noch höhern, und der Große und Reiche, dem die meisten Maschinen ansitzen, auf der höchsten stehe, mit welchen Vollkommenheiten würde der überzählende Kopf die Erde dann wol übersäet finden? namentlich mit Fohismus, vollständiger Apathie, Quietismus, Rentirer und Hofdamenleben, Nichts sein und Alles können, woran aber wirklich vor Deutschlands neunzehnten Jahrhundert gar nicht zu denken ist...«

Ganz natürlich fragen mich die Saturnianer: »welches war denn das wahre Lebens-Jahrhundert deines Maschinenmannes?«

»Das 18te,« sag' ich.

»Aber wie heisset er denn eigentlich?« sagen sie.

»Eben so, nämlich das achtzehnte Jahrhundert, oder der Genius des 18 Jahrhunderts«, sag' ich.

»Und dies, wolt' ich wol wetten, ist auch die einzige Ursache (sez ich noch hinzu) warum ich in meinen so zahlreichen und guten Büchern und Auszügen aus fremden Büchern diese Erzählung vom Maschinenmann blos euch seeligen Saturnianern, und niemals (ich müste denn mit dem Leben zugleich mein Gedächtnis eingebüsset haben, wie Philosophen von Verstande längst erhärtet) meinem geneigten Leser vorerzählt habe: denn ihr Saturnianer allzumal merkt doch wol beim Henker, der Leser ist ia eben der – Maschinenmann selbst.«

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