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Austriaca in Prosa und Versen

Anton Wildgans: Austriaca in Prosa und Versen - Kapitel 7
Quellenangabe
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authorAnton Wildgans
booktitleGesammelte Werke. Fünfter Band: Musik der Kindheit / Austriaca
titleAustriaca in Prosa und Versen
publisherL. Staackmann Verlag, Leipzig
year1930
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Allerseelen

Ein Requiem für die gefallenen Helden.

 

Das waren grausam-schöne Sommertage
Und Abende von sanftem Perlenglanz;
Die Wälder rauschten leis, besonnte Schlage
Summten verwirrt von wilder Bienen Tanz;
Hell stand die Flur in goldenem Ertrage,
Und Märkte, Dörfer des geliebten Lands,
Wie hingestreute silberne Geschmeide,
Ruhten an Hügeln, glühten in der Heide.

Und manchmal war ein Garten so versonnen
In seiner Beete blühendem Arom,
Im weiten Tal, von blassem Dunst besponnen,
Umglommen Dächer einen greisen Dom,
Und dann, zu abendlichem Gold geronnen,
Verklärte sich so sehr der heilige Strom,
Daß alle Sinne, die den Frieden schauten,
Beklommen seiner Wirklichkeit mißtrauten.

Und jetzt ist Herbst. Ein Bacchanal von Farben
Feiern die Wälder vor dem großen Frost;
Die Speicher sind gefüllt mit üppigen Garben,
Und in den Keltern gärt schon junger Most;
Über der Stoppelfelder Sensennarben
Geht schon der Winterpflug. O süßer Trost,
Daß unterm Schnee, der bald die Welt bebreitet,
Die Erde neues Fruchten vorbereitet.

Und doch ist rings Unsägliches geworden.
Die große Babel auf dem Scharlachtier
Zerstampft die Acker, stachelt ihre Horden
Zu Blutrunst wider uns und Räubergier.
Ein allgemeines, fürchterliches Morden
Macht Meer und Land zum Menschenjagdrevier,
Und stündlich zur leibhaftigen Erfahrung
Werden die Schrecknisse der Offenbarung.

Ein Traum, ein wirrer Traum! Und wir? Wir leben,
Schlendern durch Straßen, wandern über Moos
Und sehen müde Blätter niederschweben.
Wir nehmen unsre Kinder auf den Schoß,
Dürfen einander liebe Worte geben,
Und kein Tag ist so arm und freudelos,
Daß wir ihn nicht mit kleinem Dank beschließen;
Wir leben ja und dürfen fast genießen.

Nur weil in jeder Stunde, die uns eignet
Und uns mit dieses Herbstes Glut umwirbt,
Für uns ein Tapferer sich selbst verleugnet
Und fremdes Menschenglück für uns verdirbt;
Nur weil sich tausendfacher Tod ereignet
Und jeden Augenblick ein Leben stirbt,
Ein blühendes, damit die Heimaterde
Vor aller Angst und Not behütet werde.

Gedenkt der Toten! Dieser Tag der Schmerzen
War ihnen niemals noch so tief geweiht.
Ein funkelnd Meer von Millionen Kerzen
Entzünde sich an unsrer Dankbarkeit
Und grüße all die ewigstummen Herzen
Von unsrer Liebe und von unserm Leid!
Wir können ihnen keine Blumen bringen,
So laßt uns sie beweinen und besingen!

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